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Der Vollmond erhellte die nasskalte Herbstnacht. Nebel kroch über das stoppelige Marschland. Immer wieder strauchelte William Thomson. Mit den Armen hinter dem Rücken verbunden fiel es ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er konnte die Hitze der Fackel in seinem Nacken spüren, doch mit dem Sack über seinem Kopf konnte er nicht sehen, wo er hintrat.
Seine Peiniger sprachen kein Wort. Wohin sie ihn brachten, wusste er nicht.
Nach einem schier endlosen Marsch schienen sie das Ziel erreicht zu haben. Einer der Entführer trat ihm in die Kniekehlen. William sackte zu Boden. Vorsichtig wurde der Sack über seinem Kopf ein Stück weit angehoben, sodass sein Mund frei war. Kühle Nachtluft füllte seine Lunge. Eine Zange drängte sich in seinen Mund. Sie griff seine Zunge und zerrte sie schmerzhaft heraus. Er wollte sich wehren, er wollte schreien, doch alles erschien ihm wie ein Albtraum. Dann spürte er die Klinge ...
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Der Bluträcher aus der Vergangenheit
Briefe aus der Gruft
Vorschau
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Gary Fever
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7517-0485-4
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.bastei.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Der Bluträcher aus der Vergangenheit
von Stefan Carl-McGrath
Der Vollmond erhellte die nasskalte Herbstnacht. Nebel kroch über das stoppelige Marschland. Immer wieder strauchelte William Thomson. Mit den Armen hinter dem Rücken verbunden fiel es ihm schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er konnte die Hitze der Fackel in seinem Nacken spüren, doch mit dem Sack über seinem Kopf konnte er nicht sehen, wo er hintrat.
Seine Peiniger sprachen kein Wort. Wohin sie ihn brachten, wusste er nicht.
Nach einem schier endlosen Marsch schienen sie das Ziel erreicht zu haben. Einer der Entführer trat ihm in die Kniekehlen. William sackte zu Boden. Vorsichtig wurde der Sack über seinem Kopf ein Stück weit angehoben, sodass sein Mund frei war. Kühle Nachtluft füllte seine Lunge. Eine Zange drängte sich in seinen Mund. Sie griff seine Zunge und zerrte sie schmerzhaft heraus. Er wollte sich wehren, er wollte schreien, doch alles erschien ihm wie ein Albtraum. Dann spürte er die Klinge …
Freitag, 9. Oktober – 16:24 Uhr
Romney Marsh, Südengland
»Halt!«, brüllte der Vorarbeiter.
Rob Brigham stoppte den schweren Bulldozer und steckte den Kopf aus dem Fenster.
»Was ist los?«, rief er genervt. Es war gleich fünf Uhr, und er wollte einfach nur noch in den Pub, um sich mit ein paar kühlen Ales zu betäuben. Eine weitere Verzögerung war wirklich das Letzte, was ihm jetzt in den Kram passte.
»Du hast irgendetwas freigelegt«, erwiderte Steve Jones, der fettleibige Vorarbeiter, und stiefelte unbeholfen in die flache Furche, die der Bulldozer gegraben hatte. Jones kniete sich nieder und betrachtete etwas in der Erde.
Ungeduldig sprang Brigham aus dem Führerhaus und ging zu ihm. »Was ist denn? Lass uns endlich fertig werden! Ich hab heute Abend was vor!«, maulte er.
Der Vorabeiter hockte neben ein paar Stofffetzen, die aus der Erde ragten, und ignorierte das Genöle des Baggerfahrers.
»Jeff, wirf mir mal den Besen zu!«, rief Jones zu einem der abseits stehenden Bauarbeiter. Unerwartet geschickt fing er den Besen und begann vorsichtig, die Erde um die Stofffetzen zu entfernen.
Der Rest des Trupps unterbrach seine Arbeit und versammelte sich neugierig um ihren Vorarbeiter.
»Was ist das?«, fragte einer der Männer.
»Sieht aus wie eine … wie eine alte Vogelscheuche«, bemerkte ein anderer.
»Mir reicht’s! Lass uns weitermachen!« Mit diesen Worten drehte Brigham sich um und ging zurück zu seinem Bulldozer.
Was wird da schon sein?, dachte er. Seine Geduld war langsam überstrapaziert. Nach Hause, duschen und Pub. Das war das Einzige, was ihn gerade interessierte. Es war eine harte Woche gewesen, hier auf dieser gottverlassenen Baustelle mitten in der Romney Marsh.
»Was zur Hölle …«, stieß ein Arbeiter erschrocken aus.
Brigham hielt inne und sah über seine Schulter. Widerwillig und leise fluchend ging er zurück und drängte sich zwischen zwei seiner Kollegen, um herauszufinden, was sie so entsetzte.
Was er sah, ließ auch ihm das Blut in den Adern gefrieren.
☆
Freitag, 9. Oktober – 23:44 Uhr
Oak and Ivy Pub, St. Mary’s Bay,
Südengland
»Ein Skelett?«
»Ja! Und es war an ein Holzkreuz gebunden. Wie eine Vogelscheuche«, beteuerte Rob Brigham.
»Und was habt ihr damit gemacht?«, wollte die Blondine wissen, die der Bauarbeiter den halben Abend lang mit mäßigem Erfolg anzugraben versucht hatte.
»Ich hab’s untergepflügt. Mit dem Bulldozer.« Er kam sich verwegen und männlich vor bei diesen Worten.
»Aber hättet ihr denn nicht die Polizei rufen müssen?«, fragte Alice Bunton. Die junge Frau hatte bisher vergeblich versucht, sich gegen die plumpen Anmachversuche dieses grobschlächtigen Mannes zur Wehr zu setzen.
Einen Drink nach dem anderen hatte er ihr ausgegeben. Jedes Mal hatte sie protestiert und am Ende doch seiner Beharrlichkeit nachgegeben. Ihre Freundinnen hatten sie ermutigt, sich auf den gut gebauten Mittdreißiger einzulassen, aber ihr stand wirklich nicht der Sinn nach Smalltalk mit einem Fremden, der offensichtlich nur auf ein kurzweiliges amouröses Abenteuer aus war.
Seit sich ihre Freundinnen aber mit anderen Männern verabschiedet hatten, war es ihr zunehmend schwergefallen, sich dem Gespräch mit dem »Baggerfahrer« zu entziehen. Geduldig hatte sie seine Komplimente und Machosprüche ertragen, während er immer besoffener wurde.
Zwischenzeitig ertappte sie sich selbst bei der Frage, was daran so schlimm wäre, eine leidenschaftliche Nacht mit einer Pub-Bekanntschaft zu verbringen. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihre letzte gescheiterte Beziehung genauso begonnen hatte. Sie war einfach noch nicht so weit, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Die Geschichte von diesem Skelett machte sie nun aber doch neugierig.
»Das wollte Steve auch – unser Vorarbeiter. Aber dann hat er doch erst den Boss angerufen, und der meinte, wir könnten uns einen Baustopp nicht leisten, und wir sollen einfach weitermachen.«
»Aber es könnte sich doch um ein Verbrechen handeln. Oder eine lange vermisste Person. Oder einen Fund von archäologischer Bedeutung«, wandte Alice ein.
»Ach was!«, entgegnete Brigham. »Der Typ muss seit Jahrzehnten tot gewesen sein. Der interessiert keinen mehr. Und das Letzte, was wir da gebrauchen können, sind irgendwelche Tweed-tragenden Professoren, die anfangen, auf Händen und Knien nach altem Kram zu buddeln. Wir haben nur zwölf Wochen Zeit, diese verdammte Hotel-Anlage aus dem Boden zu stampfen, und das ist schon schwierig genug. Der Boden in der Marsh ist wirklich kein idealer Baugrund«, erklärte er wichtigtuerisch.
»Aber es wäre schon spannend, zu wissen, was es mit diesem Skelett auf sich hat«, merkte Alice nachdenklich an.
»Was interessierst du dich für alte Knochen? Kümmere dich doch lieber um die Lebenden. Um mich zum Beispiel. Ich hatte eine echt harte Woche, und ich könnte heute Nacht ein paar Streicheleinheiten vertragen.« Mit diesen Worten legte Brigham seine Hand auf Alices unteren Rücken und ließ sie langsam zu ihrem Gesäß hinuntergleiten. Dabei lehnte er sich nach vorne, in der Absicht, sie zu küssen.
Für einen kurzen Moment war sie geneigt, sich der Situation einfach hinzugeben, doch dann entschied sie sich anders.
»Ich muss mal aufs Klo!«, protestierte sie und sprang auf, um Brighams tollpatschigem Annäherungsversuch zu entgehen.
»Beeil dich!«, rief Brigham mit einer rauen Lache. Lüstern sah er ihr hinterher, wie sie in der Tür zu den Toiletten verschwand. Noch zwei Drinks, dachte er sich, und sie geht mit!
»Darf’s für dich noch was sein, Rob?«, brummte die Stimme des Wirts und riss Brigham aus seinen Gedanken.
»Ja, Tom. Mach uns noch mal zwei Harveys und zwei Whisky.«
Tom, der Wirt, quittierte die Bestellung mit einem mürrischen Brummen und wandte sich dem Zapfhahn zu.
»Ich habe gehört, was du eben erzählt hast«, erklang da eine fistelige alte Stimme hinter Brigham. Er drehte sich um und erblickte den alten Pete.
»Was?«, fragte Brigham überrascht.
»Die Vogelscheuche, die ihr heute ausgegraben habt. Das kann nur er sein.«
»Wovon redest du, Pete? Das waren nur ein paar alte Knochen.«
Der Alte lachte, und Brigham fühlte sich unwohl. Pete kam zwar jeden Abend in den Pub, sprach aber selten mit anderen Gästen. Meistens saß er still in einer Ecke, trank seine drei Pints und eierte dann angetrunken auf seinem alten Drahtesel nach Hause. Brigham sprach nicht gerne mit ihm. Die paar Worte, die er mit dem über Achtzigjährigen in den letzten Jahren gewechselt hatte, hatten stets damit geendet, dass er das zusammenhangslose Geschwafel des alten Spinners hatte ertragen müssen.
»Was gibt es da so blöde zu lachen, Pete?«, raunzte Brigham verärgert.
»Alte Knochen? Du hast gesagt, es war eine Vogelscheuche«, erwiderte der Alte kichernd.
»Na und? Da hat halt jemand irgendwann zu Halloween ein Skelett als Vogelscheuche aufgestellt.«
»Das kann natürlich sein«, bestätigte Pete. »Oder es war Scarecrow.«
»Wer zur Hölle ist Scarecrow?«
»Hast du nie die Legende vom alten William Thomson gehört?« Pete starrte den Bauarbeiter erstaunt an.
Brigham verlor langsam die Geduld mit dem Alten. »Nein, hab ich nicht. Ich bin nicht so ein wandelndes Märchenbuch wie du. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich habe Gesellschaft.«
»Hier, zwei Harveys und zwei Whisky«, unterbrach der Wirt, »aber die wirst du wohl alleine trinken müssen. »Deine ‚Gesellschaft’ ist eben gegangen«, ergänzte er, und mit einem heiseren Lachen wandte er sich einem anderen Gast zu.
»Was? Verdammt!«, fluchte Brigham. Er sah zur Tür, fingerte hektisch einen Geldschein aus der Tasche und knallte ihn auf den Tresen. »Stimmt so!«, rief er und hastete aus dem Pub.
☆
Brigham war außer sich. Was fiel diesem Miststück ein? Den ganzen Abend hatte er ihr Drinks spendiert, und dann verpisste sie sich einfach so? Dieser Schlampe würde er eine Lektion erteilen.
Wutentbrannt rammt er den Helm auf seinen Kopf, stieg auf sein Motorrad und startete. Zunächst folgte er der Hauptstraße in die falsche Richtung, ehe ihm klar wurde, dass sie so weit nicht gekommen sein konnte. Er dreht um und fuhr in die andere Richtung. Dieser Oktobertag war warm und sonnig gewesen, und wie üblich in dieser Gegend kroch in der nun deutlich kälteren Nacht Nebel über den Boden. Kurz nach dem Ortsausgang, hinter dem sich die weite Marschlandschaft öffnete, sah er sie im Scheinwerferlicht seines Motorrads auf ihrem Fahrrad.
Provozierend dicht fuhr er an ihr vorbei, schnitt sie und zwang sie, anzuhalten.
»Wo wollen wir denn hin? Haben wir nicht etwas vergessen?«, fragte Brigham zynisch, als er seinen Helm abnahm und sein Motorrad aufbockte.
»Was willst du von mir?«, entgegnete sie.
Er genoss es, die Angst in ihrer Stimme zu hören.
»Den ganzen Abend lässt du dich von mir aushalten, und dann verpisst du dich einfach so?« Bedrohlich langsam schritt er auf sie zu.
»Mir ging es auf einmal nicht so gut«, log sie und versuchte, wieder auf ihr Fahrrad zu steigen, um weiterzufahren.
»Nicht so schnell!« Er entriss ihr das Rad und schubste es zur Seite in den Straßengraben.
»Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja …«, und mit diesen Worten zog Brigham sie an sich heran und küsste sie.
»Lass mich!« Sie wehrte sich und drückte ihn mit aller Kraft von sich.
»Stell dich nicht so an!«, fauchte er und wollte sie erneut küssen, während sie verzweifelt versuchte, seiner Umarmung zu entkommen.
Plötzlich hielt die junge Frau still.
»Na also, geht doch.« Brigham grinste zufrieden.
»Halt! Da war das!«, flüsterte sie.
Wäre Brigham nicht so betrunken und notgeil gewesen, wäre ihm nicht entgangen, dass nun eine andere Art von Angst in ihrer Stimme zu hören war.
»Netter Versuch, aber es macht mehr Spaß, wenn du mitmachst.«
»Nein, da war ein seltsames Geräusch!«
Er ignorierte ihre Aussage und begann, ihren Hals zu küssen.
»Lass mich! Da war was!« Erneut wehrte sie sich, aber dieses Mal war nicht der handgreifliche Bauarbeiter Grund für ihren Fluchtinstinkt.
Erst als sie laut aufschrie, lockerte Brigham seinen Griff und sah sie erstaunt an. Ihr Blick ging an ihm vorbei, und ihre Augen waren angsterfüllt. Wenn sie das nur spielt, dachte er, dann ist sie verdammt gut.
Was wollte sie mit so einer plumpen Ablenkung erreichen? Selbst wenn sie sich losreißen und wegrennen würde: Er war schneller, er war stärker.
Zögernd blickte er über seine Schulter und erwartete nichts zu sehen außer einer nebligen Landstraße, die in die Einsamkeit der Marsh führte. Doch seine Erwartungen wurden zum zweiten Mal an diesem Tag auf erschreckende Weise übertroffen.
Keine zehn Yards von ihm entfernt stand etwas, was er heute schon einmal gesehen hatte. Und wie am Nachmittag stockte ihm das Blut in den Adern.
☆
»Was zur Hölle!«, rief Brigham laut und ließ letztendlich von der jungen Frau ab.
»UNRECHT MUSS GESÜHNT WERDEN!«, sagte die Gestalt mit einer seltsam körperlosen Stimme.
Brigham konnte nicht glauben, was er da sah. Es war die Vogelscheuche. Das Skelett, das er wenige Stunden zuvor mit dem Bulldozer freigelegt hatte, nur um es wenigen Minuten später wieder unterzupflügen.
Das Ding war zwei Meter groß und mit dreckigen Stofffetzen bekleidet. Der Kopf war verhüllt von den Resten eines Jutesacks, auf dem stümperhaft ein grinsendes Gesicht eingestickt war. An einigen Stellen war der grobe Stoff von der Zeit in der Erde verrottet. Durch diese Löcher sah er die blanken, weißen Knochen eines Totenschädels.
Das konnte nicht echt sein. Nach dem ersten Schock kam er langsam wieder zu sich. Seine Kollegen mussten ihm einen Streich spielen. Jeff! Er musste dahinter stecken. Er war der Spaßvogel der Truppe.
»Ha, ha, sehr lustig. Hört auf mit dem Scheiß, Jungs!« Brighams Stimme klang mutiger, als er sich fühlte.
»UNRECHT MUSS GESÜHNT WERDEN!«, ertönte die tiefe Stimme erneut. Sie kam nicht von dem Schädel, sondern schien vielmehr die Luft zu erfüllen. Die skelettierte Vogelscheuche stakste einige Schritte näher.
Wer auch immer hinter diesem Streich steckte, er hatte ganze Arbeit geleistet. Das sah wirklich gut aus, dachte Brigham, doch als das Vogelscheuchengerippe näher kam, fühlte er sich trotzdem bedroht. Er griff den Motorradhelm, der auf dem Sitz seiner Maschine lag und warf ihn nach der Gestalt. Mit einer Geste, als würde sie eine Fliege verscheuchen, wehrte die Vogelscheuche den Helm ab, und in einer weiten Flugbahn verschwand er in der Dunkelheit.
Besoffen, wie er war, hatte Brigham es bisher geschafft, sich einzureden, das laufende, sprechende Skelett sei nur ein übler Streich. Doch die Tatsache, dass es seinen Helm mit einer leichten Handbewegung an die hundert Yards weit wegkatapultiert hatte, machte ihn nun doch stutzig.
»Was zur Hölle!? Jeff, das ist nicht mehr lustig!«
Die Vogelscheuche schritt unbeirrt näher.
»Jungs, lasst den Scheiß!«
Das Ding war nur noch drei Yards von ihm entfernt. Brigham spürte Alices angsterfülltes, hektisches Atmen in seinem Nacken, und die junge Frau, die sich wenige Augenblicke zuvor noch vor seinem sexuellen Übergriff zu wehren versucht hatte, presste sich nun dicht an ihn.
»Bleib weg von mir!«, schrie er panisch.
»UNRECHT! UNRECHT!«, erklang die sonore Stimme, und mit diesen Worten hatte ihn die Vogelscheuche erreicht. Sie streckte ihren skelettierten Arm nach seinem Hals aus und drückte zu. Brigham gluckste, als sein Kehlkopf zusammengequetscht wurde.
»UNRECHT!«
Es folgte eine rasche, kraftvolle Bewegung, ein stechender Schmerz in seinem Hals, und Brigham nahm den gleichen Weg wie zuvor sein Helm. Er spürte den Wind in seinem Gesicht. Taumelnd flog er durch die Luft, und nach wenigen Sekunden schlug er mit dem Gesicht auf das dröge Heidekraut, das hier in der Marsh wuchs. Nach dem Aufprall rollte er noch ein paar Yards weiter und kam zum Liegen.
Und in diesem Moment wurde ihm mit Schrecken klar: Die Vogelscheuche hatte nicht ihn weggeschleudert, sondern nur seinen Kopf. Reduziert auf diesen lag Brigham nun in der Romney Marsh, während sein enthaupteter Körper vermutlich gerade vor der Vogelscheuche zu Boden sackte.
Fuck!, dachte er noch, dann war der in seinem Gehirn verbliebene Sauerstoff aufgebraucht, und durch den dünnen Vorhang der Bewusstlosigkeit trat er seine letzte Reise an: seine Reise in den Tod.
☆
Samstag, 10. Oktober – 10:36 Uhr
Waitrose Supermarkt, Stepney,
East London
Es sollte ein entspannter Samstag werden. Am Nachmittag war ich bei den Conollys eingeladen. Bevor der Herbst sich bald von seiner weniger goldenen Seite zeigen würde, wollten wir noch mal grillen.
Ich freute mich sehr darauf. Suko und Shao würden dort sein, und Johnny hatte ich auch schon viel zu lange nicht gesehen.
Ich schlenderte an den Weinregalen vorbei in Richtung Fleischtheke. Dort angekommen ließ ich meinen Blick auf der Suche nach ein paar saftigen Steaks über die Auslage schweifen. Das hatte ich mir nach einer Woche voller Papierkrieg im Büro redlich verdient. Doch dann wurde ich auf ein Sonderangebot aufmerksam: Original German Bratwurst.
Ach ja, es war in München gerade Oktoberfest-Zeit. In Deutschland gehörte zu einem BBQ auf jeden Fall auch Bratwurst – ein kulinarischer Brauch, der in Großbritannien nicht ganz so üblich war. Hier gab es Würstchen eher aus der Pfanne als vom Grill und gerne auch zum Frühstück. Obwohl englische Würstchen vorzüglich schmeckten, so eine »German Bratwurst« war auf ihre Art doch einmalig gut.
Beim Anblick der Deutschen Feinkost erinnerte ich mich an die Flaschen dieses vorzüglichen Bieres, die in meiner Abstellkammer lagerten und auf einen geeigneten Anlass warteten. Mein Deutscher Kollege Harry Stahl hatte sie mir nach unserem gemeinsamen Fall am Bodensee vor ein paar Wochen mitgegeben.
Mit dem Gedanken an das Deutsche Bier kam mein Verlangen nach Steak gerade ins Wanken, als mein Handy klingelte.
»German Bratwurst oder Steak?«, fragte ich gedankenverloren und in der festen Überzeugung, bei dem Anrufer könne es sich nur um Bill oder Suko handeln.
»Wie bitte?«, hörte ich die Stimme meines Chefs, Superintendent Sir James Powell.
»Oh, Sir James! Entschuldigung. Sie haben mich an der Fleischtheke erwischt. Ich stehe vor einer tiefen kulinarischen Sinnkrise.«
»Wer ist denn die Glückliche, die heute beinahe in das Vergnügen ihrer Kochkünste gekommen wäre?«
»Nein, keine Dame, wir treffen uns heute Nachmittag bei – Moment – ‚gekommen wäre’? Oh nein! Sagen Sie mir bitte nicht …«
»Doch John, es tut mir leid, die Bratwurst muss leider warten. Aber wie wäre es als Entschädigung mit Fish and Chips?«
»Soll das heißen, es geht an die Küste?«, wollte ich wissen.
»Es sieht leider danach aus«, bestätigte mein Vorgesetzter.
»Und es kann sicher nicht bis morgen warten? Sie sind auch herzlich eingeladen. German Bratwurst, Sir!«, versuchte ich es ein letztes Mal, doch ich kannte die Antwort bereits.
»Ich fürchte nein, John«, lautete sie.
»Na, dann erzählen sie mal«, seufzte ich, während ich mich von der Fleischtheke abwandte und lediglich mit Klopapier und Zahnpasta den Weg zur Kasse antrat.
☆
Samstag, 10. Oktober – 15:49 Uhr
Romney Marsh bei St. Mary’s Bay,
Südengland
Nach einer mehr als zähen Autofahrt kam ich endlich an meinem Einsatzort an. An diesem bilderbuchhaften Herbstwochenende schien halb London auf dem Weg an die nächstgelegene Küste gewesen zu sein.
Der kleine Ort St. Mary’s Bay zählte dabei aber offensichtlich nicht zu den größten Magneten für Kurzurlauber aus dem Inland. Das kleine verschlafene Fischernest lag keine zwanzig Meilen von Dover entfernt und war an diesem spätsommerlichen Samstagnachmittag vergleichsweise ruhig. Die meisten Menschen zog es in die etwas größeren Seebäder wie Brighton, Eastbourne oder Hastings, wo es ein entsprechendes Freizeitangebot für alle Altersgruppen gab.
Als ich mich St. Mary’s Bay näherte, konnte ich den Tatort schon aus einiger Entfernung sehen. Er befand sich knapp zweihundert Yards vor dem Ortseingang, und die aus dem Ort führende Fahrbahnhälfte war gesperrt.
Neben zwei Polizeiwagen und einem Zivilfahrzeug zählte ich fünf Offizielle in Warnwesten. Die Spurensicherung war also noch nicht ganz abgeschlossen.
Ich parkte den Audi am Straßenrand. Noch bevor ich ganz ausgestiegen war, kam ein Polizeibeamter herbeigeeilt.
»Oberinspektor Sinclair?«, fragte der stämmige Kollege, den ich auf höchstens Mitte dreißig schätzte.
Obwohl er auf den ersten Blick wie ein sehr freundlicher und positiver Mensch wirkte, konnte sein Gesicht nicht verbergen, dass dies offensichtlich kein Routinefall für ihn war.
»Ja, das ist richtig. Und Sie sind …?«
»Sergeant Corden«, keuchte er leicht außer Atem, »James Corden.«
