John Sinclair Sonder-Edition 148 - Horror-Serie - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 148 - Horror-Serie E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Ein Friedhof. Nebel. Gräber. Geheimnisvolle Lichter. Und unzählige Menschen, die allesamt nur erschienen waren, um Tabitha zu sehen, die Geisterheilerin. Tabitha war tot. Sie lag in der kalten Erde ihres Grabes. Doch sie hatte auch versprochen: "Ich komme wieder". Und Tabitha Leroi kam zurück. Dann lockte sie die, die an sie glaubten, in die Totenfalle ...

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Inhalt

Cover

Die Totenfalle

Vorschau

Impressum

John Sinclair ist der Sohn des Lichts.Der Kampf gegen die Mächte derFinsternis ist seine Bestimmung.

Die Totenfalle

von Jason Dark

Ein Friedhof. Nebel. Gräber. Geheimnisvolle Lichter. Und unzählige Menschen, die allesamt nur erschienen waren, um Tabitha zu sehen, die Geisterheilerin. Tabitha war tot. Sie lag in der kalten Erde ihres Grabes. Doch sie hatte auch versprochen: »Ich komme wieder«. Und Tabitha Leroi kam zurück. Dann lockte sie die, die an sie glaubten, in die Totenfalle ...

Tabitha Leroi wusste, dass sie sterben musste, und sie hatte sich dafür einen besonderen Ort ausgesucht. Es war der Friedhof, auf dem sie auch bestattet werden würde.

Sie hatte alles sehr gut vorbereitet und ihre geräumige Wohnung im Erdgeschoss des Hauses nicht einmal abgeschlossen. Würden Klienten und Ratsuchende erscheinen, würden die schon wissen, was mit Tabitha geschehen war, und sie würden gewiss eine andere Möglichkeit finden, ihr auch in Zukunft immer wieder die Ehre eines Besuchs zu erweisen.

Bei diesem Gedanken umspielte ein Lächeln Tabithas Gesicht. Sie hatte keinen Koffer mitgenommen auf ihre Reise, trug aber einen gefütterten Staubmantel, der die winterliche Kälte abhalten sollte. Ihr Haar hatte sie mit einem wollenen Tuch bedeckt, das die dunkle Flut mit den nur ganz wenigen grauen Strähnen verdeckte.

Das Taxi wartete vor dem Grundstück. Der Fahrer blickte erst von seiner Illustrierten hoch, als die beinahe alterslos wirkende Frau bereits die hintere Tür erreicht hatte. Sie öffnete den Wagenschlag und nahm Platz in dem alten, klassischen Londoner Gefährt, in dem der Fahrer stets der Herrscher ist.

Sie war froh, einen älteren Chauffeur erwischt zu haben, die jüngeren waren ihr oft zu frech. Auf deren Bemerkungen konnte sie verzichten. Sie gab ihr Ziel an, und der Mann hinter dem Lenkrad nickte nur. Für ihn war es wohl nicht ungewöhnlich, dass sich jemand zu einem Friedhof chauffieren ließ.

Als der Wagen anfuhr, schaute Tabitha noch einmal zurück. Durch die Lücken im winterlichen Gesträuch konnte sie noch einmal einen Blick auf das große Haus werfen. Sie empfand nicht einmal Bedauern, denn sie wusste, dass es kein Abschied für immer sein würde. Menschen starben, ihr Körper verging, aber es gab andere Kräfte, die all das wieder ausglichen.

Bei diesem Gedanken lächelte sie versonnen. Sie hatte noch die vollen Lippen eines jungen Mädchens, und auch ihr Gesicht war beinahe noch faltenlos.

London zeigte sich nicht eben von der besten Seite. Die Stadt hatte ihr Dunstkleid übergestreift, das sich in Nähe der Themse zu einem zähen Nebel verdichtet hatte.

Tabitha hatte einen schweren Entschluss gefasst. Fast schien es so, als freute sie sich auf den Tod, denn auf ihren Mund hatte sich ein Lächeln gelegt. Sie genoss die Fahrt wie ein Tourist, der sich durch London fahren lässt, diese Stadt zum ersten Mal erlebt und möglichst viel von ihr sehen will.

Jetzt meldete sich der Fahrer. »Soll ich auf Sie warten, wenn ich Sie am Friedhof abgesetzt habe?«

»Nein, das ist nicht nötig. Warum?«

»Das Gelände liegt ziemlich einsam, da werden Sie so leicht keinen zweiten Wagen bekommen, wenn Sie zurückkehren wollen.

»Danke für den Tipp, doch was ich zu erledigen habe, dauert länger.«

»Dann ist es gut.«

Es dauerte sogar sehr lange, dachte Tabitha. Sie räusperte sich und strich über ihr Kopftuch. Der Stoff fühlte sich so herrlich weich an. Es war feinstes Kaschmir, sie liebte das Tuch, zahlreiche ihrer Klientinnen kannten es.

Tabitha hatte es oft als Seelentuch bezeichnet, als Verbindung zwischen zwei Welten oder zwei Extremen, und es war keinem eingefallen, jemals darüber zu lächeln.

Sie mussten in den Südwesten von London, wo die Themse nach ihrer großen Schleife wieder einen Bogen nach Norden macht und wo die großen Wasserwerke lagen. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Ortsteil Hammersmith, zu dessen Friedhof sie sich nun fahren ließ.

Vergangenheit und Gegenwart waren dort eine Symbiose eingegangen.

Über die breite Talgarth Road erreichten sie ihr Ziel. An der U-Bahn-Haltestelle Barons Court Station mussten sie nach links ab in die Palliser Road und waren damit bereits in direkter Nähe zum Friedhof, der vor ihr lag wie ein großer, winterlich grauer Park.

»Wo soll ich halten, Madam?«

»Fahren Sie bitte an die Schmalseite.«

Der Fahrer kannte sich aus. »Ah, Sie wollen den alten Teil des Friedhofs besuchen.«

»Sehr richtig.«

»Er ist auch der bessere.«

»Sie kennen ihn?«

»Mein Großvater liegt dort begraben. Als Kind bin ich mit meinen Eltern oft an seinem Grab gewesen, doch da habe ich immer Angst bekommen. Mir lief es jedes Mal kalt den Rücken runter!«

»Warum?«

»Das kann ich Ihnen sagen. Friedhöfe machen mir einfach Angst. Ich habe immer das Gefühl, dass sich jeden Augenblick die Gräber öffnen und die Toten herausklettern. Das mag aber daher kommen, dass ich zu viele dieser Grusel-Streifen gesehen«. Er lachte jetzt über sich selbst. »Und nach dem neuen Dracula-Film von Coppola habe ich mir auf dem Trödelmarkt sogar ein altes Kreuz aus Silber gekauft, das jetzt über meinem Bett hängt.«

»Nutzt es dort etwas?«

»Klar.«

»Ich denke, dass Sie es lieber bei sich tragen sollten, wenn Sie schon Schutz wollen.«

»Nein, Madam, nein.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn mich irgendwelche Blutsauger besuchen, dann in der Nacht. Und dort werden sie dann vor dem Kreuz zurückschrecken.«

»Das kann auch sein.«

Kies knirschte unter den Reifen des Fahrzeugs, als der Fahrer vom Weg abbog und auf das offenstehende, schmiedeeiserne Tor zufuhr, in dessen Schatten Kiosk stand, in dem Blumen verkauft wurden.

Um diese Zeit war der Kiosk geschlossen. Rollläden verdeckten die Fenster. Auf dem Gelände rechts daneben wuchsen struppige Sträucher, und ein Ford Transit stand in der Nähe und rostete vor sich hin.

Das Taxi hielt.

Tabitha zahlte den Preis, legte noch ein Trinkgeld dazu und wünschte dem Fahrer ein langes Leben.

Der schaute sie erstaunt an. »Wie ... wie meinen Sie das?«

»Wie es gesagt wurde.«

»Ja, dann ... ähm ... dann bedanke ich mich.«

»Bitte schön«, sagte sie lächelnd. »Keine Ursache.« Tabitha drehte sich um und ging davon.

Der Fahrer schaute ihr nach und schüttelte den Kopf. »Eine seltsame Person«, murmelte er. »Nun ja, mir soll es egal sein. Soll jeder sein Glück finden, wo er will, und wenn es auf dem Friedhof ist. Aber heute ist ja nichts unmöglich ...«

Seit einigen Tagen ging es der siebenundzwanzigjährigen Yvonne Terry nicht sehr gut. Das hing, wie sie genau wusste, nicht mit ihrer Entlassung zusammen, denn bereits in zwei Wochen würde sie ihren neuen Job bei einer Versicherung antreten, dann sogar in die Direktionsetage. Nein, das Unwohlsein hatte einen anderen Grund, und der hing mit ihrer Psyche zusammen.

Sie schlief schlecht.

Auch darüber hätte sie noch hinweggesehen, wären da nicht die schlimmen Träume gewesen, die sie immer wieder quälten.

Zuerst hatte sie über die Träume gelacht. Später aber waren sie intensiver geworden, hatten sich zu einem wahren Horror verdichtet, und Yvonne war das Lachen vergangen.

Es ging um Dinge, die sie nicht mochte. Um alte Gräber, um einen Friedhof, um unheimliche Lichter, um Geister und auch um lebende Tote, die Zombies genannt wurden.

Das alles bedrückte sie und machte sie zusehends nervös. Mit ihrer Chefin hatte sie nie darüber gesprochen, zudem arbeitete sie ja nicht mehr für Tabitha Leroi. Dennoch sah Yvonne sie trotzdem noch als Chefin an. Tabitha war mit ihr immer sehr zufrieden gewesen, und doch war sie von einem auf den anderen Tag entlassen worden. Natürlich mit einer entsprechenden Abfindung, und die zehntausend Pfund waren mehr als großzügig bemessen gewesen.

Der Grund für die Kündigung lag auch nicht bei der jungen Frau. Vielmehr hatte Tabitha ihre Praxis aufgelöst, sodass Yvonnes Dienste nicht mehr benötigt wurden.

Eine Praxis-Auflösung in einer Zeit, in der Tabitha als bekannte Geistheilerin immer mehr Zulauf erhielt. Viele Menschen vertrauten der Schulmedizin nicht mehr. Hinzu kamen die Berichte in den Medien, die sich mit der Wunderheilerin beschäftigten, sodass Tabithas Terminplan praktisch überquoll. Doch von einem Tag zum anderen war dann plötzlich alles vorbei.

Nun, Yvonne war gegangen, aber sie hatte im Nachhinein auch feststellen müssen, dass die Träume sie exakt seit dieser Kündigung quälten und nun an Schwere immer noch zunahmen. Und mittlerweile fürchtete sie sich vor jeder neuen Nacht!

Allzu gern hätte sie den neuen Job schon jetzt angetreten. Aber der Vertrag war auf ein bestimmtes Datum fixiert, und daran ließ sich nichts ändern.

Also musste sie warten.

Die Tage und vor allen Dingen die Nächte würden sich quälend langsam hinziehen. Bei jedem Zubettgehen überkamen Yvonne die gleichen Angstvorstellungen. Klappte es mit dem Einschlafen, klappte es nicht?

Doch das Einschlafen war meist kein Problem. Dann aber wurde es schlimm ...

Irgendetwas musste sie dagegen tun. Sie hatte schon überlegt, sich einem Therapeuten anzuvertrauen, den Gedanken aber wieder verworfen an, weil sie Angst hatte, ausgelacht zu werden.

An diesem Montag war sie sehr spät aufgestanden, weil sie unter Kopfschmerzen gelitten hatte und ihr schwindlig gewesen war. Sie hatte dann Kaffee getrunken und darauf gewartet, dass es ihr besser gehen würde.

Schließlich entschied sie, mit der U-Bahn in die City zu fahren, und dort einen Bummel zu machen. Es tat ihr dann auch gut, durch die Geschäfte zu schlendern; das lenkte sie etwas von den Erinnerungen an ihre bösen Träume ab.

Am späten Nachmittag entschloss sie sich, ins Kino zu gehen, erschrak aber, als sie das Plakat des neuen Dracula-Streifens sah. Nein, dieser Film sollte es auf keinen Fall sein. Stattdessen wählte sie einen Streifen, in dem Whoopi Goldberg eine Krankenschwester spielte, die frischen Wind ein Kloster brachte.

Als sie das Kino schließlich verließ, war es bereits dunkel. Fröstelnd hüllte sie sich in ihren warmen Mantel, während über ihr Gesicht die bleichen Farben einer Leuchtstoffreklame huschten. Die Besucher verschwanden in alle Himmelsrichtungen, und ehe Yvonne sich versah, stand sie allein und ziemlich verloren auf dem Gehsteig.

Zwei Männer gafften sie an. »He, Süße, willst du es mal mit uns beiden versuchen?«, blökte der eine der beiden.

Yvonne erschrak, wurde blass, drehte sich um und rannte davon, verfolgt vom hämischen Lachen der beiden Kerle. Sie lief so lange, bis sie ein Taxi fand, das sie auf direktem Wege nach Hause brachte.

Sie lebte in einem großen Haus, das mehr als fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte. Nach einer Renovierung sah man ihm das Alter nun aber nicht mehr an.

Yvonne schloss die Haustür auf und betrat den breiten Flur. An der rechten Seite befanden sich die beiden Fahrstühle. Links von ihr reihten sich die Briefkästen der Mieter aneinander.

Automatisch warf sie einen Blick auf ihren Kasten. Der weiße Brief schimmerte durch das schmale Sichtfenster. Sie schloss den Kasten auf, holte den Brief hervor, und gleichzeitig fiel ihr auch das Reklameschreiben einer Boutique in die Hände. Die Klamotten waren reduziert worden, dafür aber interessierte sie sich im Moment nicht.

Sie enterte den Lift und fuhr in die sechste Etage, wo ihre kleine Wohnung lag.

Es waren drei Zimmer, das Bad und die Küche nicht mitgezählt. Die Räume waren sehr klein. Für eine Person reichte der Platz jedoch allemal.

Yvonne zog den Mantel aus, nachdem die Wohnungstür hinter ihr zugefallen war. Sie stellte fest, dass die Luft ziemlich verbraucht war und öffnete zwei Fenster.

Erst dann kümmerte sie sich um die Post. Mochte das Wohnzimmer auch noch so klein sein, Platz für einen Schreibtisch gab es. Sie nahm Platz, schlitzte den Briefumschlag auf und faltete das weiße Büttenpapier auseinander. Das Knistern kam ihr überlaut vor. Sie wunderte sich darüber, dass ihr Herz so heftig schlug. Lag es daran, dass sie schon beim ersten Blick erkannt hatte, wie wenig auf diesem Papier geschrieben stand? Sie entfaltete den Bogen und las den kurzen Text.

Und der warf sie fast um.

Ihre ehemalige Chefin hatte ihr geschrieben. Sie las den Brief ein zweites Mal, aber der Text blieb gleich:

Liebe Yvonne,

ich habe mich entschlossen, heute zu sterben.

Du aber solltest daran denken, was ich dir immer gesagt habe. Mit dem Tod ist nicht alles vorbei. Wir bleiben in Verbindung. Es grüßt dich

Tabitha Leroi

Das Schreiben rutschte ihr aus der Hand. Es fiel zu Boden, Yvonne kümmerte sich nicht darum. Ihr fielen ihre Träume ein, und plötzlich wurde ihr eiskalt ...

Der Friedhof war eine Welt für sich. Ein abgeschirmter Platz, an dem sich die Ruhe der Toten auch auf die Besucher übertrug. Besonders auf dem alten Teil des Friedhofs, wo die Hand des Gärtners nur zögernd eingriff und viele Pflanzen und Sträucher so wuchsen, dass sie eine natürliche Landschaft bildeten, die von den Gräbern und Grüften bisweilen unterbrochen wurde.

Tabitha erlebte das November-Syndrom. Feuchtes Wetter, kalt und klamm, dazu der weiche Dunst, als wäre der Nebel noch einmal fein gemahlen worden. Und dann die nahezu bedrückende Stille, die höchstens von einem leisen Rascheln unterbrochen wurde, wenn ein Tier durch das feuchte Laub zwischen den Gräbern huschte.

Dieser Teil des Friedhofs war eine Welt für sich, und Menschen mit besonders großer Empathie hätten vielleicht von der alten Seele des Friedhofs gesprochen. Manche Gräber wurden noch gepflegt, andere wiederum waren längst unter Bodendeckern verschwunden. Die Grabsteine sahen aus wie graue Wächter, die zum Schweigen verurteilt waren. Hätten sie gekonnt, so hätten sie wohl viele Geschichten erzählen können über Tote und deren Besucher.

Die Frau hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben. Sie ging sehr langsam. Manchmal blieb sie stehen und schaute sich um. Gespenstisch kamen ihr die kahlen Bäume vor, die wie erstarrte Riesen wirkten.

Es war kein anderer Mensch zu sehen, Tabitha Leroi war allein. Sie hatte sich wahrlich einen guten Ort zum Sterben ausgesucht.

Es war ein Platz, der etwas versteckt lag. Noch gab es kein Grab, aber es würde bald eines geben, denn sie hatte die kleine Parzelle erworben. Ihr Anwalt wusste Bescheid, bei ihm lagen die entsprechenden Unterlagen, und er würde auch dafür sorgen, dass sie genau an dieser Stelle bestattet wurde.

Sie lächelte, als sie daran dachte. Es war für sie ein wunderschöner Ort, denn das Grab lag etwas erhöht. Bei ihr würden die Dinge nicht so ablaufen wie bei anderen Menschen, sie war eben etwas Besonderes. Das hatte sie im Leben bewiesen, und im Tod würde sie das beibehalten.

Niemand störte sie.

Die Frau war völlig allein, als sie den schmalen Pfad ging, der dort endete, wo ihre letzte Ruhestätte lag. Der kleine Hügel war mit Gras und Unkraut bewachsen, und der Wind hatte Zweige und Blätter dorthin getrieben, die so etwas wie einen Teppich bildeten.

Tabitha blieb dort stehen, wo sehr bald das Grab geschaufelt werden würde. Sie selbst hatte den kantigen Grabstein hierher geschafft und somit zunächst einen Sitzplatz.

Mit einer langsamen Bewegung ließ sie sich darauf nieder. Sie blieb hocken, schaute auf ihre Schuhe und dachte daran, dass sie sich jetzt konzentrieren musste. Sie war als Geistheilerin bekannt. Bisher hatte sie die Geister gebraucht, um andere zu heilen, nun mussten diese Geister etwas für sie tun.

Eine ungewöhnliche Stille hüllte die Frau ein. Sie lauschte nach innen und konzentrierte sich auf sich selbst, um die Botschaften der anderen empfangen zu können.

Sie waren hier, das wusste Tabitha, sie waren eigentlich überall, und sie würden sie bestimmt nicht im Stich lassen, jetzt, wo die Zeit reif zum Sterben war.

Sie hatten ihr oft geholfen, und würden das auch jetzt tun. Es war alles vorbereitet, und es gab überhaupt keinen Grund für sie, anders zu handeln.

Der Dunst trieb heran. Es war nur mehr eine weiche, sanfte Flut, die Tabitha umhüllte wie ein Gespinst. Sie hatte noch immer das Kopftuch über ihre Haare gestreift, hockte zusammengesunken auf dem Stein und überließ sich selbst der Einsamkeit, der Natur und ihren inneren Kräften.

Geister gab es überall.

Die ganze Welt war ein Konglomerat von Geistern und geheimnisvollen Wesen. Diese allerdings hielten sich nur in gewissen Zwischenwelten auf und waren für die normalen Menschen nicht sichtbar. Sie waren eingetaucht in Reiche, wo sie sich wohl fühlten, und fanden nur hin und wieder den Weg nach draußen.

Tabitha bekam kalte Füße und schauderte. Nicht wegen der Kälte, dieses Gefühl war für sie vielmehr eine Botschaft.

Sie kamen ...

Eigentlich war sie ein wenig enttäuscht, dass sie sich so lange Zeit gelassen hatten, nun aber war das egal. Sie waren da. Tabitha spürte sie, auch wenn sie sie nicht sehen konnte.

Ihre Lippen zeigten ein Lächeln, denn erste Stimmen hatten sie erreicht. Sie bewegten sich in ihrem Kopf, sie waren die Botschafter, die ihr klarmachten, dass das Ende ihres Weges dicht vor ihr lag.

Tabitha hob den Kopf. Ihr Gesicht war blass. Sie hielt die Augen weit geöffnet und schaute in den dünnen Dunst, der aussah, als hätte er sich aus zahlreichen Gestalten zusammengesetzt. Er blieb in ihrer Nähe nie ruhig, er tanzte, er rollte, er wehte, er schickte ihr Botschaften, und es formten sich in seinem Innern die ersten Gesichter.

Unterschiedlichste Formen, mal in die Länge gezogen, dann wieder in die Breite gezerrt. Fratzen und blasse Umrisse, knochig wirkende Totengestalten, als wären einige der hier liegenden Leichen als geisterhafte Projektionen wieder an die Oberfläche gelangt. Ein unheimliches Bild, das nur sie sah, denn allein Tabitha war es vergönnt, einen Blick in die Geisterwelt zu werfen.

Sie wartete.

Die Geister umdrängten sie weiter. Sie krochen herum, sie hatten sich mit dem Nebel vermischt, sie zeigten ihr verzerrten Gesichter, sie umtanzten sie als nebulöse Gestalten, und sie schickten ihr als Botschaft große Kälte.

Es war die Kälte des Todes ...

Tabitha schauderte erneut. Ihr Körper war noch warm, aber er konnte sich nicht mehr der Kälte erwehren. Die Geister drangen ein, sie fanden Lücken, und Tabitha hörte in ihrem Kopf die unheimlichsten Stimmen.

Es gelang ihr nicht mehr, ruhig sitzen zu bleiben. Sie bewegte sich zuckend, stieß ihre Arme vor, nahm sie wieder zurück und drehte den Kopf zur Seite. Dann öffnete sie den Mund, als wollte sie anfangen zu schreien, dabei drang der Atem stoßweise aus ihrem Mund. Vor den Lippen kondensierte er, vermischte sich mit dem Dunst, sodass es aussah, als würde sie, die bald Sterbende, weitere Geister produzieren, die sich mit dem Nebel zu vereinen schienen.

Es war schlimm für sie, dies alles zu erleben, aber sie hatte es sich gewünscht. Sie wollte es nicht anders haben, das war der Preis, den sie zahlen musste. Bisher hatten ihr die Kräfte des Jenseits geholfen, und nun war es an der Zeit, die Rechnung zu begleichen: Die berühmteste Geistheilerin Londons bereitete in einer nahezu klassischen Form ihren Abgang vor.

In ihrem Innern war alles anders geworden. Sämtliche Funktionen wichtiger Organe schienen ihren Rhythmus verloren zu haben. Ihr Herz schlug zwar noch, jedoch unregelmäßig. Zwischendurch kam es ihr vor, als würde es aussetzen, dann bekam sie auch keine Luft mehr.

Das Lächeln war längst von ihren Lippen verschwunden. Tabitha hatte mit sich selbst zu tun, die Kräfte waren dabei, sie vollständig zu unterwandern, und genau das hatte sie gewollt, obwohl sie jetzt doch negativ überrascht war. So schlimm hatte sie sich ihr Sterben nicht vorgestellt.

Längst war die Kälte des Steins vergessen. Sie hockte noch auf ihm, aber sie hatte ihren Körper nach vorn gebeugt, den Mund geöffnet, und ihr Atem pfiff gegen den wabernden Dunst, der wie eine Decke war. Der Dunst hing zwischen dem Geäst der Bäume, er umgab sie wie eine Mauer, und wenn sie den Kopf hob, dann sah sie in ihm die tanzenden Gestalten.

Ihr Leben wurde nun aufgezehrt.

Sie fressen meine Seele, sie wollen mich ganz, sie wollen mich ganz ... ganz ...

Diese Gedanken zuckten jetzt durch ihren Kopf. Nie hätte sie sich das Sterben so schwer vorgestellt. Ihr Gesicht war verzerrt, um Jahre gealtert, als gehöre es einer Greisin.

Dann brach es aus ihrem Mund hervor. In einem hohen Bogen schoss eine milchige, mit Blut vermischte Flüssigkeit durch die Luft. Es war ihre Seele, die nicht mehr wollte, und mit einer letzten Kraftanstrengung stemmte sich die Frau in die Höhe. Dabei hatte sie den Eindruck, in eine fremde Welt zu treten. Plötzlich sah sie nichts mehr Vertrautes.

Die Welt hatte sich verändert, sie bestand nur mehr aus zuckenden, tanzenden Formen, aus Dingen, die Tabitha nie zuvor gesehen hatte.

War das bereits das Jenseits?

Sie konnte es sich gut vorstellen, aber es war nicht das Jenseits, das sich die Menschen wünschten. Es war der Teil, wo die Geister lebten, mit denen sie so intensiv zusammengearbeitet hatte.

Noch einmal raffte sich Tabitha auf. Sie schleuderte ihre Arme in die Höhe. Die Hände bewegten sich zuckend, wollten noch einmal Halt finden, griffen aber nur ins Leere.

Sie rutschte aus. Dabei bewegte sie sich grotesk. Sie schleuderte ihren Körper noch nach vorn, den Geistern entgegen, die sie jedoch nicht auffingen.

Sie fiel.

Der schwere Aufprall schüttelte sie durch. Ihre Hände zuckten, die Finger krallten sich in den feuchten Boden. Über ihr lagen die Dunstschleier mit den fratzenhaften Gesichtern der Besucher aus einer anderen Welt.

Die Geister stürmten auf sie ein. Tabitha Leroi hörte Musik, sie vernahm Stimmen. In ihrem Kopf drehte sich ein gewaltiges Karussell, während sie selbst auf dem Boden liegenblieb und miterleben musste, dass man ihr keine Chance mehr gab.

Nahe dem Hügel, wo einmal ihr Grab sein würde, endete ihr Leben.

Tabitha Leroi war tot.

Viele hatten sie gekannt, und viele würden sich an sie erinnern. Das stand fest ...