John Sinclair Sonder-Edition 277 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 277 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Vier Frauen werden in Manhattan tot aufgefunden - jede mit einer blutigen, in den Rücken geritzten Teufelsfratze. Ein Fall, vor dem selbst die erfahrenen FBI-Agenten zurückschrecken. Nur einer gibt nicht auf: Abe Douglas. Doch als seine Ermittlungen ins Stocken geraten, ruft er mich - John Sinclair - aus London in die Staaten. Gemeinsam stoßen wir auf eine mörderische Verschwörung, inszeniert von keiner geringeren Macht als dem Teufel persönlich!

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Blutnacht in Manhattan

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

John Sinclair ist der Sohn des Lichts.Der Kampf gegen die Mächte derFinsternis ist seine Bestimmung.

Blutnacht in Manhattan

von Jason Dark

Vier Frauen werden in Manhattan tot aufgefunden – jede mit einer blutigen, in den Rücken geritzten Teufelsfratze. Ein Fall, vor dem selbst die erfahrenen FBI-Agenten zurückschrecken. Nur einer gibt nicht auf: Abe Douglas. Doch als seine Ermittlungen ins Stocken geraten, ruft er mich – John Sinclair – aus London in die Staaten.

Gemeinsam stoßen wir schon bald auf eine mörderische Verschwörung, inszeniert von keiner geringeren Macht als dem Teufel persönlich!

»Ist Pretty oben?«

Der Mann ohne Beine, der im zugigen Flur des Hinterhauses auf dem schmutzigen Boden hockte, nickte nur.

»Das ist gut.«

»He, noch was!«

Der Zuhälter fühlte sich angesprochen, was ihm nicht passte. Mit einer ärgerlichen Bewegung drehte er sich um.

»Was ist denn noch?«

»Du solltest aufpassen, Chuck.«

»Was heißt das?«

»Kein gutes Klima.«

Chuck, der Zuhälter, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Das Gesicht nahm dadurch den Ausdruck einer lauernden Hyäne an, und tatsächlich hatte er auch diesen Spitznamen, den er allerdings nicht gerne hörte. Er schlich wieder zu dem Beinlosen zurück, der hier unten im Flur seine Schlafstelle hatte.

»Was hast du damit sagen wollen?«

Der Beinlose bohrte erst mal in der Nase. »Pretty hat Besuch bekommen.«

»Na und?«

Der Typ ohne Gehwerkzeuge betrachtete seinen Popel.

»Ich meine ja nur, mein Freund. Du solltest dich vorsehen. Vor dem Besucher.«

»Sehr schön. Wer ist es?«

Der Popel wurde weggeschnippt. An der Wand blieb er kleben, wo er in all dem Dreck nicht auffiel. Überhaupt war in dieser Gegend in der East Side so gut wie nichts sauber, besonders nicht hinter den Fassaden, an denen sonst der Verkehr immer vorbeifuhr.

»Bis jetzt war es umsonst, Chuck. Aber ich muss auch leben. Selbst ohne Beine.«

Chuck überlegte einen Moment. Dann nickte er. Und dabei griff er in die rechte Tasche seines langen Mantels aus gefleckter Leopardenhaut. Dafür hatte er ein halbes Vermögen bezahlt. Nur zog er keinen Geldschein hervor, sondern ein Messer, und plötzlich schaute der Beinlose auf die blitzende Klinge.

»Wenn ich dir die Klinge in deinen Hals ramme, gibt es ein Stück Dreck weniger hier in der Gegend. Das solltest du nicht vergessen.«

»Ich meine es nur gut.«

Chuck tippte den Stahl gegen die Schulter des Mannes.

»Ich kann sie jetzt nach links ziehen und dir damit die Kehle durchschneiden. Ich kann es aber auch bleiben lassen. Du hast von mir genug kassiert. Was ich jetzt höre, ist der Bonus.«

»Pretty hat Besuch.«

»Das sagtest du schon.« Die Messerspitze näherte sich der Kehle. »Sonst noch was?«

»Ja. Aber der Besucher ist nicht normal.«

»Wie toll. Viele Typen, die zu Nutten gehen, sind nicht normal. Oder gerade normal, weil die Nutten es zumeist besser machen als die Weiber zu Hause.«

»Stimmt.« Der Beinlose schaute nach unten. Die blanke Klinge funkelte unter seinem Kinn.

»Sag den Namen!«, forderte Chuck.

»Gut!«, flüsterte der Mann ohne Beine. »Aber ich rate dir noch mal, bleib lieber hier.«

Ein leichter Druck erwischte die dünne Halshaut und ließ auf ihr eine rote Blutperle zurück.

Der Mann verstand das Zeichen.

»Es ist der Teufel!«, flüsterte er. »Ja, der Teufel!«

Chuck sagte zunächst nichts. Nur sein Gesicht zeigte einen gequälten Ausdruck. Das Messer bewegte sich nicht. Es vergingen einige Sekunden, dann übernahm der Zuhälter wieder das Wort.

»Habe ich richtig verstanden? Es ist der Teufel?«

»Hast du!«

»Und du kennst ihn, wie?«

»Man kann ihn riechen. Er riecht nach Schwefel.«

»Arschloch. Schwefel ist geruchlos. Nur sein Gas stinkt.«

»Dann eben das.«

»Und wie sieht der Teufel aus? Hat er auch Hörner auf der Stirn? Schaut eine Zunge aus dem breiten Maul? Hat er einen langen Schwanz hinten? Hinkt er, weil er ein zu kurzes Bein hat?«

»Nein.«

»Er hat also nichts von dem?«

»So ist es!«

Chuck stieß einen Fluch aus und schlug zu. Die flache Hand erwischte den Mann an der Wange und schleuderte ihn zur Seite. Sein Körper fiel um wie ein Kegel. Die Bewegung wurde dabei durch die Flüche des Beinlosen begleitet, der sich abmühte, wieder in die normale Sitzhaltung zu gelangen.

Chuck trat zu. »Der Teufel, wie?« Er trat noch einmal zu. »Ich bin der Teufel. Und du kannst dich freuen, dass ich gute Laune habe, sonst hätte ich dich aufgeschnitten.«

Ein letzter Tritt noch, und Chuck wandte sich ab. Er war auf dem Weg zur Treppe. Hinter ihm lag der Beinlose auf dem Boden und fluchte zum Gotterbarmen.

»Sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt habe, Chuck. Aber dazu wirst du nicht mehr kommen. Der Teufel ist nämlich noch nicht zurück, du Ratte.«

Der Zuhälter ging weiter. Um die Schimpfkanonade kümmerte er sich nicht mehr. Er wollte zu Pretty und abkassieren. Zwar hatte er das schon vor drei Tagen getan, aber er brauchte Geld. Am Spieltisch hatte er eine verfluchte Pechsträhne erwischt.

Dass der hintere Bau hier noch nicht abgerissen worden war, konnte man nur als Versehen bezeichnen. Der sah nicht nur außen schlimm aus, auch innen. Sogar einen Teil der Feuerleitern hatte man abgerissen und das Material für irgendwelche anderen Dinge verwendet. Zum Glück gab es noch das Treppengeländer, das allerdings auch von einem Schmierfilm bedeckt war.

Wer Pretty besuchen wollte, der musste in den fünften Stock hoch. Auch für Chuck, den Zuhälter, gab es keine Ausnahme. Schließlich besaß er keine Flügel.

Er stieg hoch, ärgerte sich über den Beinlosen und dachte gleichzeitig über dessen Warnungen nach.

War er wirklich ein Spinner?

Chuck wusste nicht, ob er verkehrt tickte. Etwas komisch war er schon, aber er hatte noch gute Augen. Die waren ihm im vorletzten Golfkrieg nicht ausgeschossen worden. Man konnte ihm trauen. Nur wenn er vom Teufel laberte, war das einfach zum Lachen.

Aber warum lache ich nicht?, dachte Chuck.

Komisch, er konnte es nicht. Was der Alte gesagt hatte, war ihm schon unter die Haut gegangen, und er benahm sich plötzlich sehr vorsichtig. Auf der Etage schaute er sich um. Es gab jedoch keine Gefahren. Niemand störte ich. Hinter den Türen waren alle möglichen Geräusche zu hören. In der vierten Etage musste er nur Acht geben, nicht in Erbrochenes zu treten und auszurutschen.

Er ging weiter und war da!

In der letzten Etage gab es nur zwei Wohnungen, die belegt waren. Die anderen beiden standen leer. Damit dies auch deutlich wurde, hatte man die Türen herausgerissen.

Chuck kannte das. Es hatte ihm bisher nichts ausgemacht. Heute dachte er anders darüber. Er durchsuchte die beiden Buden. Das Einzige, was ihm auffiel, war der Uringestank. Dort verrichteten die Freier oft ihre Notdurft.

Die Tür zu Prettys Bude war geschlossen. Wenn jemand bei ihr war, hing das Schild mit der Aufschrift closed an der Klinke. Heute war das nicht der Fall.

Entweder hatte Pretty es vergessen, oder sie hatte keinen Typen empfangen. Zumeist hatte sie die Tür noch von innen abgeschlossen.

Chuck wollte herausfinden, ob das an diesem Abend auch der Fall war. Er drückte die Klinke und war überrascht, dass sich die Tür öffnen ließ. Locker ließ sie sich nach innen stoßen.

Sofort erwischte ihn der Schwall einer Luft, die parfümgeschwängert war. Sie sollte gegen die anderen Gerüche anstinken. Chuck fragte sich, welcher wohl natürlicher war.

Er betrat die Bude.

Sogar das Licht brannte und verteilte sich in dem einen Raum. Mehr brauchte Pretty nicht. Der Platz reichte ihr aus. An der Wand befand sich ein Waschbecken. Eine Dusche oder Badewanne gab es nicht. Das hier war wirklich die letzte Absteige. Darunter kam nur noch der miese Straßenstrich.

Pretty lag auf dem Bett.

Ja, es war ein Bett. Sogar ein besonderes. Kreisrund und mit einer blassroten Decke bedeckt. Pretty lag darauf wie hingegossen. In jüngeren Jahren war sie mal eine schöne Frau gewesen. Jetzt ging sie auf die 40 zu, und da war ein Teil ihrer Schönheit verschwunden. Außerdem hatte das harte Leben seine Spuren hinterlassen.

Die Beine hatte Pretty angezogen und den Unterkörper dabei auf die linke Seite gedreht. Ihre Arme waren zu beiden Seiten hin ausgestreckt. Der Hinterkopf berührte die Decke. Mit ihren Augen schaute sie nach oben, und das fast schon goldblonde Haar breitete sich ebenfalls vliesartig auf der Decke aus.

Es war still. Aber nicht ganz. In der Luft schwebte ein Summen. Woher die verdammten Fliegen so schnell herkamen, wusste der Zuhälter auch nicht. Sie waren da, und da er nicht auf den Kopf gefallen war, konnte er sich einen bestimmten Grund schon vorstellen.

Das Licht war rot. Es gab also nicht viel Helligkeit. Es sollte nur für Atmosphäre sorgen und auch mithelfen, das miese Aussehen der Bude zu verdecken.

»Scheiße«, flüsterte der Zuhälter. »Scheiße ist das ...«

Er spürte den bitteren Geschmack von Galle auf der Zunge und ging mit kleinen Schritten auf das kreisrunde Bett zu.

Pretty bewegte sich noch immer nicht. Entweder schlief sie – oder ...

Nackt war sie nicht, obwohl sie auch auf den Hauch von Tüll hätte verzichten können. Wie zwei breite Hosenträger bedeckte das Oberteil ihre nicht eben kleinen Brüste, und um die Hüften herum trug sie so etwas wie einen hauchdünnen Minirock.

Sie lag wirklich auf dem Bett wie für eine Fotoaufnahme bereitgelegt, die in irgendeinem Sexmagazin erscheinen sollte. An ihrem Körper war nichts zu sehen, denn das wäre dem Zuhälter beim Näherkommen aufgefallen. Für ihn war sie eingeschlafen oder vergiftet worden.

Er streckte den Arm aus und fasste Prettys nackte Schulter an. Die Haut war auch nicht unbedingt kalt zu nennen. Er rüttelte leicht an der Frau, wobei sich auch ihr Kopf bewegte und ein wenig zur Seite glitt, sodass Chuck mehr erkennen konnte.

Er sah die dunklen Flecken auf der Unterlage ...

Chuck schluckte. Der schnelle Blick zur Tür. Niemand war ihm gefolgt. Jetzt fiel ihm auf, dass Pretty nicht mehr atmete. Er schob ihren Kopf noch weiter zur Seite.

Die Flecken auf der Decke vermehrten sich.

Zwei Finger drückte Chuck gegen die feuchten Stellen. Er zog die Hand zurück und hielt sie dicht vor seine Augen.

Ja, sein Verdacht bestätigte sich.

Es war Blut.

In den folgenden Sekunden wusste er nicht, was er tun sollte. Es gab auch keine eigenen Gedanken in seinem Kopf. Nur noch Erinnerungen, und die drehten sich um den Beinlosen, der ihn vor dem Teufel gewarnt hatte. Obwohl das Quatsch war und er es nicht glauben konnte, spürte er einen kalten Schauer seinen Rücken hinabgleiten und wäre am liebsten fluchtartig verschwunden.

Er blieb trotzdem. Weil er einfach die Wahrheit herausfinden wollte. Zuvor drückte er die Tür zu. Dann kehrte er wieder zurück in die unmittelbare Nähe des Bettes.

Der Zuhälter hatte seinen Widerwillen überwunden. Die leblose Frau fasste er mit beiden Händen und drehte sie behutsam herum. Er spürte dabei erneut das eisige Gefühl auf seiner Haut, das nicht von ungefähr stammte. Es hing auch nicht unmittelbar mit der Toten zusammen, denn Leichen hatte er genug gesehen. Auch dachte er nicht daran, dass ihm durch Prettys Tod Geld verloren ging, nein, bei ihm streiften ganz andere Gedanken durch den Kopf.

Er bezeichnete sie auch als böse Vorahnungen für die Zukunft, aber selbst die Vergangenheit spielte eine Rolle, denn Pretty war nicht die erste Tote aus dem Milieu.

Sie lag jetzt auf dem Bauch. Chuck hatte darauf geachtet, mit seinen Fingern nicht wieder die feuchten Flecken zu berühren. Für ihn war es sehr wichtig, die Wahrheit zu erkennen.

Er sah ihren Rücken – und er sah das Blut!

Der Zuhälter mit dem wirren Kraushaar schloss für einen Moment die Augen. Er hielt sich für abgebrüht, doch diese Wahrheit zu erkennen, hatte ihm schon einen Stich versetzt, der mitten ins Herz getroffen hatte.

Die Fliegen waren weggeflogen und kreisten an der Decke. Nichts störte mehr Chucks Blick.

Pretty war getötet worden. Und Chuck wusste, womit man sie umgebracht hatte. Es war ein Messer als Waffe benutzt worden. Nur hatte der Mörder nicht einfach zugestoßen, er hatte sich bei dieser Tat etwas gedacht und war dabei methodisch vorgegangen.

Drei tiefe Stiche im Rücken. So angelegt, dass sie ein Dreieck bildeten, und nichts anderes hatte der Täter auch gewollt. Die Stiche konnte man als die Eckpunkte eines Dreiecks ansehen, und die wiederum waren durch rote zittrige Blutstreifen miteinander verbunden worden. Da war die Mörderklinge nur über die Haut hinweggekratzt, um das Bild zu malen.

Chuck war davon überzeugt, dass es sich bei den tödlichen Stichen auch um ein Bild handelte. Ein Sinnbild, ein Stigma, ein Zeichen. Es war ein Dreieck.

Chuck dachte nach, obwohl ihm das schwer fiel. Warum wurde hier ein Dreieck gezeichnet? Warum wies die Spitze nach unten? Was hatte der Killer damit andeuten wollen?

Er dachte darüber nach, als er auf den blutigen Rücken starrte. Sein Herz klopfte schneller. Hinter der dünnen Stirnhaut tuckerte es.

Ein Symbol.

Da schossen schon einige Vermutungen durch seinen Kopf. Mit einem bestimmten Symbolismus hatte er eigentlich nie großen Kontakt gehabt, doch er wusste sehr wohl, dass auch er wichtig war und ein ganzes Leben beeinflussen konnte.

Chuck gehörte selbst zu den farbigen Menschen, weil seine Mutter aus Kuba stammte. Sie war mit Symbolen aufgewachsen und hatte immer an die Macht des Voodoo geglaubt. Zwar glaubte Chuck nicht daran, aber etwas war doch bei ihm hängen geblieben.

Das Dreieck war ein Symbol!

Für was?

Er konnte keine Antwort geben, aber es war sehr wichtig, wie es gezeichnet worden war. Es stand auf dem Kopf, und genau diese Tatsache machte die Gedanken des Zuhälters schwer. Aber nicht so schwer, als dass er nicht zu einer Lösung gekommen wäre, denn plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieses Zeichen nur eine Bedeutung haben konnte.

Ein Symbol des Teufels!

Er stöhnte leise auf. Für wenige Sekunden schloss er die Augen. Er fühlte sich unwohl. Sein Körper schien sich selbstständig machen zu wollen und wegzufliegen. Der Mann im Leopardenmantel musste sich schon stark zusammenreißen, um wieder normal zu werden.

War der Teufel der Mörder? Hatte er hier sein Zeichen hinterlassen? War er mal wieder zurück in diese verfluchte Welt gekehrt und hatte sich den Moloch New York als Basis ausgesucht?

Diese Gedanken und Vermutungen stürmten auf ihn ein. Während er sich von der Toten weggedreht hatte und ins Leere schaute, erschien wieder das Gesicht seiner Mutter vor seinem geistigen Auge. Er hatte zwar keinen Kontakt mehr mit ihr, aber ihre Warnungen waren ihm im Gedächtnis haften geblieben.

»Der Teufel ist da. Nur sind die Menschen zu dumm, um ihn zu erkennen, denn er ist ein Meister der Täuschung und der Verkleidung. Das muss man sich immer vor Augen halten. Er wird nie von den Menschen lassen, niemals. Und er wird immer wieder willfährige Diener finden, die auf ihn hereinfallen.«

War das hier der Fall?

Chuck wollte es nicht glauben. Er hörte sich selbst stöhnen und dachte wieder realistischer über gewisse Dinge nach. Man würde die Tote finden, auch wenn er jetzt wieder verschwand. Man würde nachforschen und herausfinden, dass sie bei ihm einen Großteil ihrer Kohle abgeliefert hatte. Die Bullen würden ihn jagen. Außerdem gab es einen Zeugen, den Mann ohne Beine.

Chuck sah sich gezwungen, anders vorzugehen. Er musste der Polizei den Mord melden. Er würde sich den Bullen als Zeuge zur Verfügung stellen und ihnen klar machen, dass man die Kuh nicht schlachtete, die dem Bauern die Milch brachte.

Ja, das war gut. Obwohl Chuck die Bullen nicht mochte, ging er diesmal davon aus, dass sie Verständnis für ihn aufbringen und so reagieren würden, wie er es sich vorgestellt hatte.

Er griff in die Manteltasche. Diesmal holte er kein Messer hervor, sondern das Handy. Er hielt es bereits in der Hand, als er etwas hörte, was ihm überhaupt nicht passte.

Bisher war es in dieser Bude still gewesen. Abgesehen vom Summen der wenigen Fliegen.

Das änderte sich jetzt.

Er hörte das Summen erneut. Über seinem Kopf, direkt unter der Decke klang es auf.

Sekunden später war es bereits zu einem Sturm angeschwollen. Das Geräusch sorgte dafür, dass Chuck den Kopf einzog, etwas nach hinten ging und auch an Flucht dachte.

Er blieb. Er riss sich zusammen. Er schaute in die Höhe, um die Decke zu beobachten.

Dort kreisten sie!

Wer es war, wusste er nicht. Aber er sah diesen dunklen Kreisel an der Decke, der sich in einem rasenden schwarzen Wirbel bewegte. Was es war, wusste er nicht. Zuerst dachte er, dass es sich um Fliegen handelte, aber die sahen anders aus.

Immer stärkte raste der Wirbel um sich selbst und zog sich auch zur Mitte hin zusammen. Gleichzeitig verlor er an Breite, und es bildete sich aus dem Zentrum hervor ein lang gezogener Schwanz, der sich immer mehr dem Boden entgegendrehte.

Es war für ihn nicht zu erklären. Eine schwarze Windhose raste auf ihn zu. Was sich da drehte, war für ihn unbegreiflich. Es ließ sich nicht aufhalten. Es kam näher und näher, und Chuck versuchte den Sprung zur Tür. Das schaffte er auch, nur brachte er es nicht mehr fertig, die Tür zu öffnen, denn das sich drehende Gebilde hinter ihm war schneller und erreichte seinen Rücken.

Dort schlug es zu!

Chuck schrie, als er diesen glühenden Schmerz in der Mitte seines Körpers spürte. Er wurde zerrissen. In zwei Hälften geteilt. Er war kein Mensch mehr und ...

Die Kraft riss ihn zu Boden. Er lauschte dem Aufprall und wälzte sich herum, damit er auf dem Rücken zu liegen kam und nach vorn schauen konnte.

Der Wirbel war noch vorhanden. Er tanzte über seinem Kopf. Da drehte sich die Windhose noch immer schnell um die eigene Achse und jagte ihm entgegen.

Sie war wie ein Speer, aber das konnte noch nicht alles gewesen sein. Denn wieder veränderte sie sich.

Der Mann am Boden konnte es nicht fassen. Was er zu Gesicht bekam, war unmöglich, denn aus dem Wirbel hervor schälte sich eine Gestalt. Der schwarze Wirbel verdichtete sich, und ein Kuttenträger erschien.

Ein Mönch?

Es war so etwas wie der letzte Gedanke, der durch den Kopf des Zuhälters huschte. Chuck stützte sich auf den Ellbogen ab. Er glotzte nach vorn und zugleich hoch, denn so sah er, wie sich der Kuttenträger bewegte. Ob er ein Gesicht besaß, war nicht zu erkennen. Wohl aber der Dolch mit der leicht gekrümmten Klinge in seiner Hand, dessen Griff von zwei Händen festgehalten wurde.

»Nein!«, röhrte Chuck.

Der andere sagte nichts.

Er handelte!

Die Waffe raste nach unten, und der Zuhälter schaffte es nicht mehr, ihr zu entgehen. Der wahnsinnige Schmerz schien ihn von innen auffressen zu wollen.

Genau das war das Letzte, was Chuck in seinem Leben spürte. Dann schlug die Kälte des Todes über ihm zusammen ...

Der Mann stieg langsam die Treppe hoch. Er trug eine dunkle Jacke über seiner normalen Kombination aus Jackett und Hose. Die Jacke war etwas Besonderes, denn sie identifizierte ihn als einen Menschen, der zu einer bestimmten Berufsgruppe gehörte. Drei große gelbe Buchstaben waren auch für Menschen mit schlechten Augen zu lesen.

FBI!

Der Mann war G-Man. FBI-Agent. Er hieß Abe Douglas und war alarmiert worden, weil es hier etwas gab, das ihn anging, und weil sich eine Tat wiederholt hatte.

Zwar ging Abe Douglas seinem normalen FBI-Job nach und kümmerte sich um Fälle, die in die Zuständigkeit dieser Organisation fielen, aber nicht alles nahm dabei seinen normalen und auch logischen Verlauf. Manchmal wurde er mit Tatsachen konfrontiert, hinter denen mehr steckte als die erklärbare Normalität.

Bei dieser Tat schien es so zu sein. Eine Hure war ermordet worden, und das nach einem bestimmten Muster, das schon bei anderen Frauen aufgefallen war.

Ein tödliches Dreieck auf dem Rücken!

Das hatte etwas mit einem Ritual zu tun, davon war Abe Douglas überzeugt.

Er hatte jetzt den vierten Mord am Hals, wobei er nicht mal die ersten drei Morde aufgeklärt hatte. Eines allerdings stand für ihn fest. Es gab hier jemanden in Manhattan, der mit einem Messer durch die Straßen schlich und sich seine Opfer im Milieu aussuchte.

Das vierte jetzt!

Der blonde G-Man, dessen Frisur nie so ganz gebändigt werden konnte, spürte schon die Schwere in seinen Beinen, als er die Treppe hochstieg. Es lag nicht am Alter, sondern an den Umständen. Der Fall lastete wie ein Gewicht auf ihm. Allerdings nicht auf seinem Körper, sondern auf seiner Seele.

Bis zur letzten Etage kam er nicht mehr hoch. Die Kollegen von der Spurensicherung hatten den Weg durch ein Flatterband abgesperrt. Zudem stand ein Cop auf der Treppe, der finster nach unten blickte und jeden davon abhalten würde, der hochkommen wollte.

»Gehen Sie wieder, Mister. Sie haben ...«

Abe schaute nur hoch.

»Sorry, Sir. Ich habe Sie nicht erkannt. Das Licht ist nicht eben hell hier.«

»Schon gut, macht nichts.«

Douglas hob das Band an und schob sich darunter durch.

Der Cop wollte ihm Platz machen, aber Douglas blieb auf gleicher Höhe mit ihm stehen.

»Hat es etwas Neues gegeben?«

»Nein, Sir. Die Leute arbeiten noch oben. Aber etwas steht schon fest.«

»Was denn?«

»Es gibt zwei Leichen.«

Abe sagte zunächst nichts. Er räusperte sich nur leicht und legte die Stirn in Falten.

»Steht das fest?«

»Ja, Sir.«

»Wer ist die zweite Leiche?«

»Ich weiß es nicht, Sir. Mir ist nur bekannt, dass es sich um einen Mann handeln soll.«

»Soll ...?«

Der Uniformierte schaute zu Boden. »Ja, soll. Da muss etwas mit dem Toten geschehen sein.«

»Danke.«

Abe stieg die restlichen Stufen hoch und überlegte. Es war der vierte Mord, mit dem er es zu tun hatte. Aber hier war etwas anders. Es gab nicht nur die tote Frau, sondern auch einen toten Mann. Das machte die Sache nicht eben einfacher.

Die Tür stand offen. Im Flur warteten auch die primitiven Särge darauf, gefüllt zu werden. Es waren Dinge, die ihn nicht weiter interessierten. Er betrat das Mordzimmer und blieb so stehen, dass er keinen bei der Arbeit störte, was in diesem kleinen Zimmer nicht eben einfach war.

Beinahe hätte er gelacht, als er das kreisrunde Bett sah. Es passte nicht hierher. Das war wie die berühmte Faust aufs Auge. Einfach lächerlich, so etwas in eine solche Bruchbude zu stellen. Aber den Kunden schien es gefallen zu haben.

Die Tote lag noch auf dem Bett. Ein Mann im weißen Kittel hatte sich über sie gebeugt. Er trug Handschuhe und berührte dabei ihren Rücken. Auch den zweiten Toten sah Abe. Allerdings lag er nicht auf dem Bett, sondern davor, und er war auch nur in seinen Umrissen zu sehen, weil jemand eine Decke über seinen Körper ausgebreitet hatte.

Abe würde sich für beide Leichen interessieren. Er war zwar gesehen worden, doch niemand aus der Mannschaft sprach ihn an. Douglas wusste auch, dass FBI-Leute bei den Kollegen nicht eben beliebt waren, aber das war er gewohnt.

Chef der Mannschaft war Lieutenant Dave Broderson. Ein Mensch mit nordischen Vorfahren, was man ihm auch ansah, denn sein Haar war von sehr blonder Farbe. Er war groß. Sein Gesicht wurde auch im Sommer nie braun, und die Sommersprossen auf der Haut waren schon gar nicht mehr zu zählen.

»Hallo, Dave.«