John Sinclair Sonder-Edition 4 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 4 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Die Festung lag im Nirgendwo, zwischen den Dimensionen. Asmodis selbst legte seine schützende Hand über sie, und Maddox, der unheimliche Richter, regierte hier mit eiserner Strenge. Auch der Spuk ging in dem düsteren Ort ein und aus.

Ich wurde durch den Tod eines Bekannten auf die Spur gebracht, hörte von Luzifers Festung und nahm mir vor, sie zu stürmen.

Es wurde die härteste Prüfung meiner Laufbahn, und die Chancen standen eins zu tausend ...

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Seitenzahl: 177

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Inhalt

Cover

Impressum

Luzifers Festung

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/RazoomGame

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1607-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Luzifers Festung

von Jason Dark

Scraal wimmerte!

Sein unförmiger Körper zog sich noch stärker zusammen, sodass er immer mehr einer Kugel glich. Doch auch so konnte er den Blicken des unheimlichen Richters nicht entgehen.

Sie wirkten wie Peitschenhiebe.

»Du hast versagt, Scraal. Du solltest einen Auftrag erledigen, und hast es nicht geschafft. Wir hatten dich ausersehen, um die Abtrünnigen zurückzuholen, aber du warst entweder zu feige oder einfach nicht in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Deshalb gibt es für mich nur eine Alternative.«

»Gnade«, wimmerte Scraal. »Habt doch Gnade!«

Er gehörte zu den Dämonen der mittleren Stufe. Man übertrug solchen Wesen gern Aufgaben, die einiges verlangten. Scraal hatte drei Köpfe. Es waren nur mit Augen bestückte Kugeln. Dafür jedoch hatte er ein gewaltiges Maul.

Aus ihm drang, wenn er angriff, eine gewaltige, schwarze Pestwolke hervor. Wie ein tödlicher Atem schwebte sie dann Scraals Feinden entgegen und vernichtete sie.

So hatte es auch bei seinem Auftrag sein sollen, doch Scraal war nicht an die Dämonen herangekommen. Als man ihn dann ließ, da hatte er zu spät bemerkt, dass er in eine Falle gelaufen war. Noch rechtzeitig konnte er fliehen, bevor die Echsenmenschen ihn mit glühenden Lanzen durchbohrten.

Und jetzt wartete er auf seine Bestrafung. Ein Fall für James Maddox, den unheimlichen Richter.

Wie immer hockte er auf seinem Stammplatz, umrahmt von zwei auf Stangen steckenden Totenschädeln. Neben Maddox lagen einige alte Bücher, und er selbst blickte in eins hinein, das er aufgeklappt hatte. Sein Gesicht war verwüstet, das Haar hing schlohweiß rechts und links seines Schädels herab, und in den rötlich schillernden Augen lebte kein Funken Gefühl.

Maddox war ein Mann, vor dem sich zahlreiche Dämonen fürchteten. Er verbreitete Angst und Schrecken, denn Dämonen, die versagt hatten, wurden von ihm erst abgeurteilt, bevor sie ihre Strafe antraten.

Das dauerte auch noch etwas. Zumeist warteten sie auf den Strafantritt in Luzifers Festung, einer wahren Hölle, die zwischen den Dimensionen im Nirgendwo lag.

Viele von ihnen verbrachten einige Jahre in der Festung, die an ein Zuchthaus auf der Erde erinnerte. Hier saßen viele Versager ihre Strafen ab.

Und auch Scraal sollte in die Festung.

Das machte ihm Maddox, der unheimliche Richter, deutlich. »Da du versagt hast, wirst du in Luzifers Festung über deine Fehler nachdenken können«, versprach er. »Ich werde dich für eine unbestimmte Zeit dorthin verbannen. Das kann tausend Jahre dauern, aber auch nur hundert oder fünf Tage. Je nach dem. Hast du noch etwas zu sagen?« Lauernd blickte Maddox den dreiköpfigen Dämon an.

»Nein.«

Der unheimliche Richter hieb drei Mal mit seinem Holzhammer auf den Tisch. Dieses Zeichen war den beiden Gestalten, die im nebelverschwommenen Hintergrund lauerten, bekannt. Sie kamen näher und packten den Dreiköpfigen.

Es waren Maddox’ Helfer, die so handelten. Sie standen auch Asmodina zur Seite, wenn es hart auf hart kam, aber zumeist halfen sie Maddox. Dafür hatte der Spuk, Herrscher im Reich der Schatten, sie ausersehen.

Scraal wurde hinausgeschleift. Er wehrte sich nicht, er sah nur Maddox an, doch in dessen Gesicht regte sich kein Muskel. Er wandte sich bereits dem nächsten Fall zu.

Als Dämonenrichter hatte er einiges zu tun. Zumeist urteilte er härter als bei Scraal. Hatte jemand versagt, so kannte Maddox kein Pardon. Es gab dann nur eine Strafe: den Tod!

Die Dämonen wurden getötet, und ihre Seelen gingen ein in das Reich des Spuks, wo sie ein jammervolles Dasein fristeten. Eine Vorstufe zum Reich des Spuks war Luzifers Festung, eine Art Dämonenzuchthaus, in dem alles versammelt war, was versagt hatte, und auf eine Begnadigung oder den Tod wartete.

Das alles war Scraal bekannt. Er hatte genug von der Festung gehört. Er wusste, dass seine Artgenossen dort dahinvegetierten. Vampire, Werwölfe, Ghouls, Zombies, widerliche Abarten irgendwelcher Tierdämonen. Sie alle besetzten die Festung und warteten darauf, dass sie irgendwann einmal entlassen wurden.

Aber diese Hoffnung hatte sich für viele als trügerisch erwiesen. Die meisten blieben in der Festung hocken, bis irgendjemand ein Einsehen mit ihnen hatte oder ihnen einen Auftrag gab.

Die Festung selbst lag im Nirgendwo.

Zwischen den Dimensionen, wo die Kälte des Alls sie wie ein Reif umfing. Sie war aus den blanken Knochen verendeter Dämonen und Menschen errichtet worden, eine gewaltige Trutzburg des Bösen.

Scraal begann zu zittern, als die beiden Wächter ihn auf die Festung zuführten. Er sah die stabilen Knochenwände und die zahlreichen kleinen Fenster, aus denen die Gefangenen blickten. Ihre Köpfe verschwanden fast hinter den vergitterten Fenstern. Auch die Gitter bestanden aus dünnen Knochen, die sich nahtlos in das Gefüge der unheimlichen Trutzburg einreihten.

Es schien sich herumgesprochen zu haben, dass ein Neuer angeschleppt wurde, denn zahlreiche Gefangene erschienen an den kleinen Fenstern.

Hohnlachen schallte Scraal entgegen. Hämisches Gekicher, denn hier war jeder des anderen Feind. Hier freute man sich, wenn wieder einer kam, den das harte Los des Schicksals getroffen hatte. Freundschaft oder Kameradschaft gab es in diesem dämonischen Zuchthaus nicht, jeder kämpfte gegen den anderen, denn unter Dämonen gab es kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenigstens nicht in diesen Jenseitsreichen, wohl aber auf der Erde, wenn es gegen die Feinde, die Menschen, ging.

Ein Vampir mit rot gefärbten Lippen riss sein Maul auf und lachte schallend. Deutlich waren seine beiden Eckzähne zu sehen.

Aus dem Fenster darüber blickte ein Werwolf mit gefletschten Zähnen. In seinen tückischen Augen war die Gier zu lesen. Er wollte Opfer, hatte lange schmachten müssen, aber er kam nicht heraus. Sollte es ihm trotzdem einmal gelingen, die Zelle zu verlassen und durch die Festung zu irren, dann würde er auch andere Dämonen angreifen und, sie zerreißen. Und es waren genügend Ghouls da, die sich der Toten annehmen würden.

Weiter oben sah ein grünhäutiger Untoter aus einem Zellenfenster. Sein Blick war starr. Der Mund stand halb offen, die Augen saßen verdreht in den Höhlen, er schien den Neuankömmling gar nicht wahrzunehmen.

Aus einem weiteren Fenster wand sich der schleimige, tentakelartige Arm eines Ghouls. Er wollte nach Scraal greifen und ihn zu sich heranziehen, doch einer der Wärter stieß mit der Lanze zu und drückte sie tief in die schillernde Masse. Der Ghoul heulte auf, die Hand verschwand, und die anderen Dämonen lachten.

Hier herrschte das Grauen, das Chaos!

Nebel umwallte die Festung im unteren Teil. Von der Seite her führte eine aus Knochen bestehende Brücke auf die Festung und damit auf den Eingang zu.

Die Wärter waren bewusst von einer anderen Seite gekommen, damit Scraal sich die Festung erst ansehen konnte. Jetzt aber umrundeten sie den Komplex aus Gebeinen und gingen über die Brücke.

Hohl klapperten ihre Schritte auf den dicht aneinanderliegenden Knochen. Unter ihnen rauschte es. Das war der Blutfluss, gebildet aus Dämonenblut, dem Lebenssaft getöteter Schwarzblütler. Der Fluss versickerte irgendwo in der Unendlichkeit der Dimensionen.

Oft umzuckten Blitze die Festung. Sie leuchteten farbig und warfen gespenstische Schatten über das Knochengebilde.

Die Wächter gehörten zum Spuk. Sie waren seine Diener. Gestaltlose Wesen, die sich hier wohlfühlten und ihre Freude hatten, wenn sie andere quälen konnten.

Es war schon schlimm, als Dämon eine so grausame Strafe erdulden zu müssen, und viele hätten alles getan, um die Freiheit zu erlangen.

Aber Maddox ließ sich Zeit. Man musste schon sehr viel Glück haben, wenn man aus der Festung geholt werden sollte.

Auch zählte hier die Zeit nicht. Mit irdischen Maßstäben war sie nicht zu messen. Hier entsprach ein Jahr einer Sekunde, ein Monat zählte so viel wie tausend Jahre – die Ewigkeit regierte hier.

Vor dem Tor blieben sie stehen.

Nur die Wärter besaßen den Schlüssel, einen magischen Stab von Luzifer, den sie nie aus der Hand geben durften. Geschah dies doch einmal, so löste er sich auf.

Einer der Wärter hielt den Stab gegen die Tür. Sie schwang auf.

Heulen und Zähneknirschen herrschten in diesem Teil der Festung. Scraal zuckte zurück, als er die Laute vernahm. Sie drangen auf ihn ein, die Willkommensschreie der Geknechteten, der Gefolterten, der Bestraften.

Sie schritten durch einen düsteren Gang, der von einem rötlichen Licht erhellt wurde.

Rechts und links befanden sich die Türen der Zellen. Auch sie bestanden aus Knochen, zwischen denen es jedoch so viel Spielraum gab, dass die Gefangenen gerade noch ihre Arme hindurchstrecken konnten. Immer, wenn Klauen nach Scraal greifen wollten, stachen die Wärter mit ihren Lanzen zu, und die Hände zuckten zurück.

Sie mussten den gesamten Gang durchqueren, denn die Zelle, in der Scraal hocken sollte, lag am Ende.

Dort blieben die Wärter stehen. Sie drückten eine schmale Tür auf und schoben Scraal hinein. Dann hämmerten sie die Tür wieder zu.

Die Zelle war ein enges Loch. Scraal wand sich vor Wut und Hass auf dem Boden, sein Körper zuckte, er schlug mit den drei Köpfen gegen die Wände, aber es gelang ihm nicht, sie einzureißen.

Über sich sah er das Fenster. Er kroch hoch und konnte hinausschauen. Er blickte genau auf die Brücke und sah die beiden Wächter, die sich entfernten, weil ihre Aufgabe erledigt war.

Scraal blieb allein zurück. Jetzt erst kam ihm zu Bewusstsein, wie grausam diese Strafe war. Die enge Zelle mit dem kleinen Loch als Fenster, die bleichen Knochen und auch der Geruch, der von ihnen ausging. Moder, Verwesung …

Scraal hockte sich auf den Boden. Er hörte das hämische Lachen aus der Nachbarzelle, jemand hämmerte gegen die Wand aus Gebeinen, doch Scraal kümmerte sich nicht darum.

Er gab keine Antwort. Er dachte nur darüber nach, wie er diesem Gefängnis wieder entfliehen konnte. Schließlich hatte er es auch geschafft, sich hochzudienen. Damals war er ein Nichts gewesen, da hatten ihn die Oberen gar nicht zur Kenntnis genommen, aber heute hatte er so etwas wie Macht, wenn er sich auch nie mit Asmodina oder dem Spuk vergleichen konnte.

Aber er wusste seine Chancen genau einzuschätzen, und er gehörte zu denjenigen Dämonen, denen es gelungen war, die Dimensionen des Schreckens hin und wieder zu verlassen, um sich unter den Menschen umzusehen.

Es gab sehr viele Menschen. Unter anderem auch welche, die nicht abgeneigt waren, einen Pakt mit dem Dämonenreich zu schließen. Man musste ihnen nur viel, sehr viel, versprechen, sodass sie über die Schrecken der Finsternis gar nicht mehr nachdachten.

Zumeist Geld.

Scraal war schlau, und er hatte die Menschen genügend studiert. Zudem hatte er noch eine Eigenschaft, die es ihm ermöglichte, mit den Menschen in Kontakt zu treten. Sollte er versuchen, auch hier …?

Er dachte nach. Dabei legte er sich auf den Boden und starrte mit seinen sechs Augen gegen die gelblich schimmernde Decke, wo die Gebeine dicht an dicht nebeneinanderlagen.

Scraal dachte auch darüber nach, wem die Gebeine wohl gehörten. Menschen, die in die dämonischen Fallen gelaufen waren, auch Zombies oder Vampire, deren Körper dazu hergehalten hatten, die Festung im Nirgendwo zu errichten.

Sollte es da einen Ausweg geben?

Scraal überlegte. Seine Augen in den drei Kugelköpfen sprangen noch weiter vor. Gedankenströme durchfluteten seinen Körper und suchten sich ihren Weg durch die Unendlichkeit.

Für sie gab es keine Mauern, keine Hindernisse, und auch der magische Schutzschirm hielt sie nicht auf.

Scraal schickte seine Gedanken auf die weite Reise.

Ihr Ziel: die Erde!

***

Drei Tage lag ich im Bett. Grippe! Mich hatte es richtig erwischt. Da war es natürlich aus mit der Herrlichkeit. Keine Dämonenjagd, nicht einmal Schreibtischarbeit. Bettruhe war angesagt. Hin und wieder tauchte ein blondhaariger Engel namens Jane Collins auf, der mich pflegte.

Sie brachte mir Tee, presste mir Orangen aus, und auch Suko und Shao kümmerten sich um mich. Ich beneidete die drei, die so herrlich gesund waren, während mich das verdammte Fieber ans Bett fesselte. Sogar Sir James Powell, mein Chef, rief zweimal an und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden.

Als ich jedes Mal ins Telefon hustete, legte er sehr rasch wieder auf. Der Arzt hatte mich erst einmal für eine Woche krankgeschrieben, aber darauf ließ ich mich nicht ein. Als die letzten Fieberträume vorbei waren, nahm ich mir fest vor, am nächsten Morgen das Bett zu verlassen.

Gegen neun war es so weit. Ich hatte das von Shao gebrachte Frühstück bis auf den letzten Toastkrümel verputzt und gab mir einen innerlichen Ruck, um auf die Beine zu kommen.

Ich kletterte aus dem Bett. Es war wirklich ein Klettern, ein vorsichtiges Hinausschwingen der Beine, das Angeln nach dem Pantoffel, hineingleiten, dann stellte ich mich auf und kämpfte sofort gegen den Schwindel, der mich überfiel. Drei Tage Bettruhe waren doch nicht das Wahre.

Der Schweiß brach mir aus allen Poren, ich biss die Zähne zusammen und wagte die ersten Schritte. Wie ein kleines Kind ging ich und war überrascht, wie gut es klappte. Ich zog mir meinen Morgenrock über und ging in die Küche, da ich einen pelzigen Geschmack im Rachen spürte, den ich gern mit einem Schluck Saft weggespült hätte.

Jane und Shao hatten sich nicht nur sehr um mich bemüht, sondern auch die Küche aufgeräumt. Sogar die Tageszeitungen hatten sie auf ihren Stammplatz gelegt.

Ich setzte mich an den weißen Tisch und trank langsam das Glas leer, wobei ich aus dem Fenster sah. Es wurde Frühling. Der Winter schaffte es nicht mehr, gegen die Märzsonne anzukommen. Die Natur forderte ihr Recht. Die ersten Knospen erschienen an den Zweigen der Bäume und standen kurz vor dem Aufbruch.

Dieses Frühlingserwachen gab auch mir wieder Kraft. Ich fühlte mich auf einmal besser. Das Fieber war sowieso verschwunden, und die Mattheit der Glieder würde bald auch der Vergangenheit angehören. Ich ging davon aus, dass ich am nächsten Tag wieder ins Büro zurückkehren konnte.

Die Zeitungen stachen mir ins Auge. Seit drei Tagen hatte ich in keiner Gazette mehr geblättert, weil ich einfach nicht die Lust dazu verspürt hatte. Jetzt aber wollte ich sie wenigstens überfliegen.

In der Politik ging es mal wieder rund. Auch in London war es nicht friedlich gewesen. Ich las viel über Verbrechen, und direkt daneben stand einiges über den englischen Thronfolger.

Nach einer Stunde legte ich die Zeitung zur Seite, womit noch längst nicht alles geschafft war, denn nun kamen die Zeitschriften an die Reihe. Die hatte mir Bill Conolly gebracht, denn er abonnierte die halbe Welt.

Ganz oben lag eine Zeitschrift, die sich mit rätselhaften, okkulten Dingen befasste. Viele Berichte waren aufgesetzt, aber in einigen steckte auch ein Körnchen Wahrheit.

Bill hatte die Zeitschriften schon gelesen. Ich sah es daran, dass er einen Bericht angestrichen hatte. Es war nur eine kurze Notiz, die sich mit einem Mann befasste, der Gebeine sammelte.

Der Bericht war sehr makaber. Ein geheimnisvoller Mensch namens Naga suchte in seiner Freizeit die Gebeine der Toten zusammen. Es wurde berichtet, dass er armen Familien die Knochen sogar abkaufte und auch gut dafür bezahlte.

Ich schüttelte den Kopf. Dass jemand Gebeine sammelte, war doch ein starkes Stück. Zudem machte er sich dabei strafbar, denn es war einem Privatmann verboten, Gräber aufzubrechen.

Im Augenblick lag nicht viel an. Von Dr. Tod und der Mordliga hörte ich nichts, und Asmodina hatte sich schon vor längerer Zeit in ihren Schmollwinkel zurückgezogen, weil ich einen ihrer großen Diener, den Dämonenhenker Destero, getötet hatte. Als kleines Andenken gehörte mir jetzt sein Schwert.

Ich hatte also Zeit, mich um diesen Naga zu kümmern. Der Name allein hörte sich fremd an. Vielleicht war es auch ein Pseudonym, wer konnte das wissen. Auf jeden Fall wollte ich die Spur verfolgen.

Es lag allerdings auch nahe, dass dieser ganze Artikel nur eine Farce war, doch darauf wollte ich mich nicht verlassen.

Bill Conolly hatte mir die Zeitung gebracht, vielleicht wusste er mehr.

Ich wollte zum Telefon im anderen Zimmer, doch ich kam nicht weit. Ein Schlüssel bewegte sich im Schloss der Wohnungstür. Jane Collins erschien.

Auch das noch. Wenn sie mich wieder auf den Beinen sah, machte sie Terror. So schnell konnte ich gar nicht mehr ins Bett wischen, wie sie im Raum stand.

Dann war sie da. Sie sah mich mit einem Blick an, der mich direkt schamviolett werden ließ. »Du willst dir wohl unbedingt den Tod holen, wie?«, moserte sie mich an. »Was die Dämonen nicht geschafft haben, das bringt bei dir eine Grippe fertig.«

»Ich fühle mich schon wieder fit«, verteidigte ich mich. »Wirklich, ich …«

Sie stellte die Tüte ab, kam auf mich zu und drückte mir die flache Hand ins Kreuz. Sanft schob sie mich aus dem Zimmer. »Mach jetzt keinen Ärger, Johnny Boy, leg dich erst einmal hin. Das ist am besten.«

»Aber ich habe keine Lust …«

»Und ob du Lust hast. Schließlich hat dich der Arzt eine Woche krankgeschrieben, und die Zeit hältst du durch.«

Was sollte ich machen? Jane war sowieso die Stärkere. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihrer Aufforderung zu folgen. Ich plumpste wieder hin. Auf der Bettkante blieb ich sitzen. Die Zeitschrift hielt ich noch immer fest.

»Was willst du eigentlich damit?«, fragte Jane.

»Lesen.«

Sie funkelte mich an. »Dass du sie nicht auffressen willst, ist mir schon klar.«

»Aber du verbietest es mir doch nicht?«

»Nein.«

»Ich danke dir für deine Großzügigkeit.«

Jane ließ die Tür offen, als sie sich in die Küche begab und dort auspackte.

»Haben wir heute Gäste?«, rief ich.

»Wieso?«

»Weil du so viel Zeug eingekauft hast.«

»Dann wirf mal einen Blick in deinen Kühlschrank. Der ist völlig leer. Da hätten nicht einmal Mäuse Lust, sich darin umzusehen. Du brauchst Nachschub.«

»Wenn ich dich nicht hätte«, stöhnte ich.

»Würde dich bestimmt Glenda Perkins versorgen«, erwiderte die Detektivin spitz.

Ich sagte nichts. Es hatte keinen Zweck, das Thema Glenda zu vertiefen. Da reagierte Jane allergisch.

»Soll ich dir was zu essen machen, John?«

»Ja.«

»Vielfraß.«

Ich grinste. Ein gutes Essen brachte bei mir die Energien zurück, und Energie brauchte ich, wenn ich daran dachte, welche Aufgaben noch auf mich warteten.

Eine Viertelstunde später brachte mir Jane eine kräftige Fleischbrühe. Danach aß ich noch zwei dick belegte Sandwiches, und dann wurde es für die Detektivin Zeit, zu gehen.

»Um dein weiteres Wohl kümmert sich Shao«, sagte die Detektivin. »Und bleib nur liegen. Ich sage auch drüben Bescheid, dass sie auf dich achten.«

»Klar, Mama.«

Jane strich mir noch einmal über den Kopf und verschwand. Ich wartete noch eine Minute, stand auf – diesmal ging es wesentlich besser –, und machte mich zum zweiten Mal auf den Weg zum Telefon.

Keiner störte mich, als ich die Nummer der Conollys wählte. An den Apparat kam Sheila.

»John!«, rief sie überrascht. »Bist du wieder gesund?«

»So leidlich.«

»Das glaube ich dir nicht. Deine Stimme klingt noch ziemlich krank. Oder hältst du dich wieder nicht an die Anordnungen des Arztes?«

»Streng.«

»Wer’s glaubt, wird selig. Was gibt es denn?«

»Ist dein Bettkumpel in der Nähe?«

Sheila lachte. »Bill strolcht im Garten herum und denkt darüber nach, ob er was tun soll.«

»Dann gib ihn mir doch mal.«

»Einen Augenblick, warte. Und gute Besserung.«

»Danke.«

Eine Minute später meldete sich Bill. »Na, du Blaumacher?«, rief er.

»Was heißt hier Blaumacher? Ich bin krank.«

Bill lachte. »Ja, das glaube ich dir sogar. Freiwillig legst du dich ja nicht ins Bett. Hast du wieder was auf der Rolle, oder wolltest du nur mal meine Stimme hören?«

»Ich bin krank, mein Lieber.«

»Hau nicht so auf den Pudding, ich sehe doch, wie du dir einen grinst.«

»Okay, du hast gewonnen. Ich wollte mich nur für die Zeitschriften bedanken, und dann hätte ich eine Frage: Du hast mir dort einen Artikel angestrichen. Erinnerst du dich?«

»Lass mich nachdenken …«

»Es geht um den Knochensammler«, sagte ich schnell.

»Ja, um diesen Naga.«

»Genau.«

»Gut, das Ding, nicht?«

»Wenn da was Wahres dran ist.«

»Ist es, John, ist es. Du weißt ja selbst, dass ein Kater wie ich das Mausen nicht sein lassen kann. Ich habe mal ein wenig nachgehakt und meine internationalen Beziehungen spielen lassen. Es gibt diesen Naga tatsächlich. Er ist ein Aussteiger, ein ehemaliger Millionär aus Japan. Er war alles leid und suchte sich einen anderen Lebensbereich auf einer Südseeinsel. Dort schlug er sein neues Domizil auf.«

»Und was macht er da?«

»Knochen sammeln.«

»Woher bist du eigentlich so gut informiert?«

»Ich kenne den Verleger der Zeitschrift, der hat mir das gesagt.«

»Hat er den Bericht auch geschrieben?«, wollte ich wissen.

»Nein, das war ein Reporter.«

»Mit dem du natürlich auch gesprochen hast.«

»Mitnichten, mein lieber John. Denn dieser Knabe sitzt in einer psychiatrischen Klinik. Ich hatte noch keine Zeit, mit ihm zu reden. Ich wollte dich ja darauf aufmerksam machen.«

»Und wo kann ich den finden?«

»In Manchester. Der Reporter heißt Fred Morgan und sitzt da erst einmal zur Beobachtung.«

»Ein schlimmer Fall?«

»Ziemlich.«

»Dann fahren wir hin«, entschied ich.

Bill war Feuer und Flamme. »Wann?«

»Morgen.«

»Gut, wir nehmen meinen Porsche, ich hole dich ab. Vielleicht kriegen wir aus ihm etwas raus, obwohl ich da ziemlich pessimistisch bin.«

»Du hast nicht zufällig erfahren, wie es kam, dass er plötzlich eingeliefert wurde?«