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Ich wusste, dass es Aibon gab. Und ich wusste ferner, dass es für einen Menschen, der dieses geheimnisvolle Land betrat, keine Rückkehr gab.
Dennoch musste ich hin. Um meinen Freund Mandra Korab aus den magischen Fesseln zu lösen, brauchte ich die beiden Dolche, die in Aibon verschollen waren.
Zum Glück war ich nicht allein: Myxin und der Eiserne Engel wollten mich begleiten.
Und so drangen wir ein in das Land ohne Rückkehr ...
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Aibon – Land der Druiden
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Ballestar/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-4909-2
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.
Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.
Lesen Sie in diesem Band:
Aibon – Land der Druiden
von Jason Dark
Die Schwäche traf ihn von einem Augenblick auf den anderen! Der große, kräftige Mann konnte nichts dagegen tun. Er hatte plötzlich das Gefühl, als wären ihm die Beine unter dem Körper weggezogen worden. Gleichzeitig sah er die Wände auf sich zukommen. Sie schwankten, fielen nach vorn, hielten an, verzerrten sich, sodass aus ihnen Schlangenlinien wurden, um einen Moment später zu verschobenen geometrischen Figuren zusammenzuwachsen, die sich himmelan dehnten, ein Dach bildeten und auf den Mann stürzten.
Er spürte den Schlag, schmeckte Blut auf den Lippen, ertastete unter sich den harten Widerstand und hatte dennoch das Gefühl, in eine bodenlose Tiefe zu fallen.
Bäuchlings lag er auf dem Marmorboden, umgeben von einer märchenhaften Pracht, die aber dem Gestürzten die Besinnung nicht zurückgab.
So blieb er liegen.
Sein Atem ging nur stoßweise. Speichel rann aus dem Mundwinkel, floss am Kinn entlang und benetzte als kleine Pfütze den Boden. Der Mann lag da, konnte nicht den kleinen Finger bewegen und wartete auf die Stimmen. Er wusste, dass sie kommen würden. Schon bei den ersten beiden Anfällen war es so gewesen, diesmal waren sie noch früher da und drängender.
»Deine Zeit ist um, Mandra Korab. Die Rache holt dich ein. Du sollst nie mehr der Besitzer deiner sieben Dolche werden. Zwei vermisst du, aber sie werden zu deinem Schicksal. Aus der Planke hat man dich herausholen können, aber das Grauen ist dir auf den Fersen geblieben. Du wirst uns nicht mehr entkommen. Wir vernichten dich …«
Vernichten dich … vernichten dich …
Mehrere Male wiederholte sich das Echo der Worte in seinem Kopf, aber der Inder konnte nichts dagegen tun. Er lag auf dem kalten Boden und fand nicht einmal die Kraft, aufzustehen.
Er war ein Mensch, der sich allen Problemen gestellt hatte. Nie hatte er aufgegeben, doch dieses bewegungslose Liegen bedrückte ihn, weil er nicht in der Lage war, sich zu wehren. Er war auf die Hilfe anderer angewiesen, und so hart wie diesmal hatte es ihn bisher nie erwischt.
Mandra Korab atmete nach wie vor flach und kurz. Vermischt mit einem Röcheln, einem ab und zu erklingenden Stöhnen und dem Wissen, in den nächsten Minuten völlig apathisch zu bleiben.
Er hatte von seinem Haus aus in den prächtigen Garten gehen wollen und war schon in der Halle, als der Anfall ihn überfiel. Jetzt lag Mandra Korab wie ein Toter und wurde eingerahmt von zwei Säulen, deren Mosaik-Motive Szenen aus der indischen Geschichte und Mythologie zeigten.
Allmählich nur verließ ihn die Kraftlosigkeit. Er stellte fest, dass seine Muskeln wieder reagierten. Die vom Gehirn ausgesandten Befehle nahmen sie wieder auf, und Mandra Korab gelang es zuerst, seine Finger zu bewegen.
Einen nach dem anderen krümmte er. Mit den Spitzen glitt er über den glatten Boden, er spürte die Kühle, sie war für ihn ein Zeichen der Hoffnung und ein Beweis, dass seine Nerven reagierten.
Dennoch musste er sich in Geduld fassen. So blieb Mandra liegen und wartete auf das Kribbeln, das automatisch folgen würde, in seinen Fingern begann, hoch in die Arme stieg und dann den gesamten Körper erfasste, um den Blutkreis anzuregen.
Mandra Korab wusste, dass er zahlreiche Gegner besaß. Unter anderem die Göttin Kali und deren Diener. Aber die Feinde, die hier aus dem Unsichtbaren zuschlugen, waren fast schlimmer.
Sie entstammten einer anderen, fernen Mythologie, die so gar nichts mit der Herkunft des Inders zu tun hatte.
Es waren Druiden!
Abtrünnige und gefährliche Priester, die sich in dem geheimnisvollen Land Aibon zusammengefunden hatten, in dem sich auch die letzten der beiden Dolche befanden, die Mandra zurückhaben wollte.
Sieben waren es gewesen.
Fünf befanden sich in seinem Besitz, doch die letzten beiden waren in Aibon verschollen.
Die Hölle hatte dafür gesorgt, dass Mandras Dolche verstreut wurden. Daraufhin hatte eine gewaltige Hetzjagd begonnen, und nicht allein der Inder hatte sich daran beteiligt, seine englischen Freunde ebenfalls, zu denen er John Sinclair, Suko und Bill Conolly zählte.
Daran musste er denken. Dass ihm so etwas gelang, gab ihm wieder Mut. Liegen bleiben wollte Mandra nicht. Er war ein Mensch, der es sich nicht einfach machte, der viel forderte, aber selbst noch mehr gab. Und so hätte er jede Hilfe abgelehnt. Er zog die Arme an den Körper und legte die Hände flach auf den Boden, um sich aufzustützen.
In diesem großen Haus, das einmal einem Maharadscha gehört hatte, lebte Mandra nicht allein. Personal umgab ihn, die meisten Diener hatte er von seinem Vater übernommen, doch im Augenblick befand sich niemand außer ihm in der großen Halle. Zudem hätte Mandra nicht gewollt, dass man ihn in diesem Zustand sah.
Da war er eigen.
Etappenweise drückte er sich hoch. Zunächst blieb er knien, spürte gleichzeitig den Schwindel, schüttelte den Kopf, erlebte die stechenden Schmerzen hinter seiner Stirn und bewegte sich in den folgenden Sekunden noch vorsichtiger.
Nach und nach kam er vollends auf die Beine, der Schwindel überfiel ihn heftiger und schleuderte ihn nach vorn. Er hätte ihn wieder umgerissen, wenn es Mandra nicht im letzten Augenblick gelungen wäre, sich an einer Säule abzufangen.
An sie gestützt, blieb er stehen, atmete tief, spürte auf seiner Stirn die Kälte des Schweißes. Man hatte ihn aus dem Unsichtbaren heraus fertiggemacht und ihm seine Grenzen aufgezeigt, die er nicht überschreiten konnte.
Aber er wollte nicht kampflos aufgeben. Mandra Korab gehörte zu den Typen, die sich nichts gefallen ließen und zurückschlugen. So wollte er es jetzt ebenfalls halten.
Nur drängte die Zeit gewaltig.
Das war der dritte Anfall, der dritte Schlag gewissermaßen, den er überstanden hatte. Und mit jedem Anfall hatte sich die Intensität gesteigert. Den ersten hatte er leicht überwinden können, den zweiten schon schwerer, und beim letzten und dritten hatte er das Gefühl gehabt, ins Nirwana zu gleiten, so schlimm war es plötzlich gewesen.
Wo der Inder hinkam, fiel er auf.
Ob in seinem eigenen Land oder in der Fremde. Dieser hochgewachsene Mann war nicht zu übersehen. Zumeist trug er einen hellen Turban, sodass die Kopfbedeckung ihn noch größer machte, als er schon war.
Er kleidete sich europäisch, den Turban aber behielt er. Siebenmal musste er geschlungen werden, so wie es bei seiner Kaste Brauch war.
So kannte man Mandra Korab, so achtete oder verfluchte man ihn, je nachdem, auf welcher Seite die entsprechende Person stand.
Das Lächeln war bitter, das plötzlich über sein kräftiges Männergesicht flog. Wer ihn so hätte sehen können, wäre erschrocken gewesen. Er brauchte nicht in den Spiegel zu schauen, um zu wissen, dass sich seine Hautfarbe verändert hatte.
Grau musste sie geworden sein. Wie Asche, und beinahe fühlte er sich so, als er die ersten Schritte tat, denn seine Beine hatten Mühe, den schweren Körper zu tragen.
So ging ein kleines Kind, wenn es laufen lernte. So zittrig und tastend.
Niemand sah ihn, als er sich von Säule zu Säule bewegte, auf die Treppe zuging, die zu seinen Privaträumen führte und seine Füße über den dichten, wertvollen Teppich schlurften, wo sie lange Fußspuren hinterließen.
Mandra Korab wollte nicht gesehen werden. Und er hatte tatsächlich das Glück, unentdeckt sein Zimmer zu erreichen. Er bewohnte fast hallenartig große Räume. Dazu gehörten mehrere Bäder, Wohnräume und ein riesiges Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Büchern war. Viele davon glichen wertvollen Folianten. In ihnen waren die Geheimnisse der indischen Kultur und Entwicklung niedergeschrieben worden.
In das Arbeitszimmer wollte er sich zurückziehen, aber zuvor einem der Bäder einen Besuch abstatten.
Mandra hätte dieses große Märchenschloss für sich persönlich nicht benötigt, da es jedoch zu seinem Erbteil zählte, wollte er es nicht veräußern oder aufgeben.
Er war ein Mensch, der sein Geld nicht für sich behielt, sondern teilte. Er überwies große Summen an Wohltätigkeitsorganisationen, und seinen Namen trug ein Lepra-Krankenhaus tief im Innern des indischen Subkontinents.
Mandra drückte die Tür zu seinem Privatbad auf. Er schlich wie ein kranker Mann über die Schwelle.
Das Bad war sehr groß. Die ovale Wanne trug dazu bei. In ihr hätten bequem mehrere Leute Platz gefunden. Gespeist wurde sie durch vier Wasserkräne.
Das alles interessierte Mandra Korab nicht. Er wollte sich selbst sehen und feststellen, wie sehr er unter dem dritten Anfall gelitten hatte.
Vor der großen Spiegelfront hielt er inne. Beim ersten Blick erschrak er zutiefst. Mandra Korab hatte das Gefühl, als würde ihm ein Gespenst aus der blanken Spiegelfläche entgegenstarren.
War er das tatsächlich?
Dieser Mann mit den eingefallenen Wangen, der grauen Haut, die im Schein des kalten Lichtes noch ascheartiger wirkte?
Er wollte es nicht glauben. Was war aus ihm nur geworden? Nach jedem Anfall war er mehr zusammengesackt, hatte an Energie verloren, und hinzu kam der seelische Verfall.
Er besaß nicht mehr die Energie, um gegen den körperlichen Verfall anzukämpfen. Mandra Korab näherte sich auch seelisch dem Ende.
Die beiden letzten Dolche konnten ihm zum Verhängnis werden. Das heißt, sie würden es schaffen, ihn in den Tod zu schicken, der sich durch ein vorheriges Siechtum ankündigte.
Mandra drehte einen der Kräne auf, bückte sich und ließ Wasser in seine Handflächen rinnen. Er spritzte sich die Flüssigkeit ins Gesicht, fühlte deren Kühle und merkte, dass sich das Wasser auf seiner schweißfeuchten Haut absetzte.
Mit einem Handtuch trocknete er das Gesicht ab. Er schloss die Augen und musste feststellen, dass der Schwindel nicht verschwunden war und er glaubte, jeden Augenblick fallen zu müssen.
Das magische Siechtum hielt ihn bereits in seinen unsichtbaren Klauen und verstärkte das Gefühl der Angst.
Es war sonst nicht seine Art, nun aber schleuderte er das Handtuch in die Ecke und ging auf die zweite Tür des großen Baderaums zu.
Die Kacheln an den Wänden und auf dem Boden zeigten ein Mosaik. Sie waren klein, schimmerten in einem matten Graublau und stammten aus Europa.
Mandra bereitete jeder Schritt Mühe. Einige Male musste er sich festhalten. Gegen die Schweißausbrüche konnte er ebenfalls nichts unternehmen, und er gestand sich selbst ein, dass ihn der dritte Angriff aus dem Unsichtbaren verdammt mitgenommen hatte. Mandra war nervlich zwar nicht am Ende, aber das berühmte Zittern in beiden Knien kannte er nur zu gut, und es gelang ihm kaum, dieses Gefühl abzuschütteln, auch wenn er sich hin und wieder an den Wänden abstützte.
Wenn er sich wieder im Spiegel sah, kam er sich vor wie ein Schatten seiner früheren Jahre. Wie konnte sich ein Mensch nur so schnell verändern, und das ausgerechnet zum Negativen hin.
Für Mandra war es unfassbar, und dennoch wusste er Bescheid. Aus einem fernen, nicht sichtbaren Land, einem Gebiet der Legenden, in dem seine Dolche verschollen waren, hatte er diese furchtbare Nachricht erhalten. Die Dolche, auf die er einst so stolz gewesen war, hatten sich nun gegen ihn gestellt.
Gab es Möglichkeiten, dies zu stoppen? Trotz seines Zustandes dachte Mandra Korab darüber nach, und er kam zu dem Entschluss, dass es für ihn nur eine Chance gab.
Er musste die Waffen zurückhaben!
Inzwischen hatte er die Tür erreicht, lehnte sich gegen sie und begann zu lachen. Er schüttelte den Kopf und grinste breit, denn er kannte sich und seine Schwäche. Normalerweise war es überhaupt nicht möglich, die Dolche zurückzuholen. Nicht in seinem Zustand, der sich ständig verschlimmerte, sodass er mittlerweile einer Entkräftung glich.
Wenn jemand die Dolche holen konnte, dann nicht er, sondern andere. Seine Freunde.
John Sinclair, zum Beispiel …
Tausende von Meilen entfernt lebte der Geisterjäger. Zudem hatte er einen Job und ganz andere Probleme als Mandra. John konnte nicht alles stehen- und liegenlassen, aber wenn ein Freund in Not war, würde er nicht Nein sagen.
Deshalb entschloss sich der Inder, John Sinclair anzurufen. Es dauerte immer etwas, bis die Leitung stand, aber mit einer Person musste Mandra über den Fall reden!
Er betrat sein Arbeitszimmer.
Tatsächlich glich es einer kleinen Halle. An den Wänden reichten die mit Büchern gefüllten Regale bis an die Decke. Leselicht, große Fenster, dicke Teppiche, wuchtige Möbel, ein großer Schreibtisch, eine hohe Glasvitrine mit wertvollen Folianten und Sammlerobjekten einer indischen Bildhauerkunst.
Dafür jedoch hatte der Inder keinen Blick. Er steuerte auf unsicheren Schritten den Schreibtisch an, um sich aufatmend in den beigefarbenen Ledersessel fallen zu lassen.
An diesem Platz blieb er zunächst einmal sitzen. Er wischte den Schweiß mit dem Handrücken ab und kam sich erschöpft vor.
Durch den offenen Mund holte er Luft. Sein Blick war auf eine Wand gerichtet, die eine hellere Insel inmitten der Regale bildete.
Und dort hingen die Gegenstände, um die sich alles drehte.
Es waren die Dolche!
Nur fünf, zwei fehlten. Die beiden Scheiden, in denen sie ihren Platz gefunden hätten, waren leer. Dafür schauten aus den fünf anderen die dunkelroten Griffe der Waffen hervor. Sie standen im farblichen Gegensatz zu den dunklen Klingen, die aus bestem Stahl bestanden und einen matten, dunkelgrauen Glanz hatten, jetzt allerdings durch das Leder der Scheiden verdeckt wurden.
Fünf Dolche!
Mandra dachte daran, welch eine Hetzjagd es gegeben hatte, diese Waffen zurückzubekommen. Mehrere Male hatten sich er und seine Freunde in Lebensgefahr befunden. Durch übermenschliche Anstrengung war es ihnen dann vergönnt gewesen, die Waffen zu finden.
Mandra beugte sich vor. Er fixierte die Dolche, schaute starr auf die Griffe, hatte die Hände zu Fäusten geballt und spürte den salzigen Schweiß.
Mandra klappte die Hand auf, schüttelte den Kopf und ließ sich aufatmend in seinen Sessel zurücksinken, wobei er die Augen schloss, weil er hoffte, dass er sich auf diese Art und Weise erholen und entspannen konnte.
Es war still im Arbeitszimmer. Außer Mandras Atem war nichts zu hören. Nicht einmal das Ticken einer Uhr. Der Inder besaß die richtige Umgebung, damit er sich seiner Entspannung hingeben konnte. Zeit verstrich. Mandra dachte zwar an den Anruf, aber er fand nicht einmal die Kraft, sich vorzubeugen, den Hörer zu nehmen und zu versuchen, eine Verbindung herzustellen.
Er wollte seine Ruhe haben. Vielleicht schlafen, sich erholen und im Unterbewusstsein auf den nächsten gefährlichen Angriff warten.
Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht zu sagen, jedenfalls vernahm er deutlich ein schleifendes Geräusch. Mandra wunderte sich. Normalerweise hätte er viel schneller reagiert, so aber blieb er zunächst regungslos sitzen, öffnete zögernd die Augen und schaute auf.
Wiederum fiel sein Blick auf die Dolche!
Feuerrot, dunkel und gleichzeitig geheimnisvoll glühten deren Griffe. Vier von ihnen befanden sich in den Gürtelscheiden in einer Höhe. Ein Dolch jedoch steckte nicht mehr in der Scheide. Er hatte sich selbstständig gemacht und war lautlos aus der Scheide geglitten.
Mandra saß starr hinter dem Schreibtisch, die Hände lagen flach auf der Platte. Er schaute auf den einen Dolch und schüttelte leicht den Kopf, weil er die Tatsache nicht fassen konnte, dass die Waffe die Scheide aus eigener Kraft verlassen hatte.
Magie auch hier …
Ohne Grund war dies nicht geschehen, und Mandra, der nach wie vor reglos dasaß, vernahm plötzlich die geheimnisvolle Stimme, die er schon kannte.
»Sie gehorchen dir nicht mehr. Sie gehören uns. Zwei haben wir schon, die anderen beiden werden wir bekommen.«
Mandra holte tief Luft. »Nein!«, ächzte er. »Nein, verdammt, das geht nicht …«
»Doch, wir sind stärker. Wir haben uns entschlossen, die Dolche zu holen.«
»Und wer seid ihr, verdammt?«
»Wir sind Wesen, die dazwischen stehen …«
»Wieso?« Mandra dachte in diesem Augenblick wieder klar und nüchtern. Die Antwort hatte ihn ein wenig aus seiner Lethargie gerissen.
»Vielleicht wirst du es noch erfahren. Vielleicht nicht. Wesen, die dazwischen stehen und die seit Beginn der Zeiten existieren. Denk darüber nach, solange du es kannst! Wir übernehmen das Kommando und beginnen mit den Dolchen, von denen wir schon zwei besitzen.«
Mandra dachte über die Worte nach. Er drehte den Kopf und suchte das Innere seiner Bibliothek ab, doch von dem Sprecher war nichts zu sehen. Mandra stand unter Beobachtung, und abermals vernahm er die Stimme, von der er nicht wusste, ob sie weiblich oder männlich war.
»Such nur. Sieh dich um. Du wirst uns nicht erkennen können, obwohl wir da sind. Aber wir haben dich. Aibon hat uns geschickt. Aibon ist mächtig, ist unsere Heimat. Ein Land, in dem die Legenden zur Wahrheit werden.«
»Was habt ihr?«, rief Mandra stöhnend.
»Wir werden es dir beweisen, Inder. Schau genau zu! Der Dolch, der aus der Scheide gerutscht ist, kann es dir zeigen. Er könnte zu deinem Mörder werden, Inder.«
Mandra hütete sich, über die Worte der unsichtbaren Person zu lächeln. Er glaubte ihr jedes Wort, denn der Dolch, von dem sie gesprochen hatte, verselbstständigte sich.
In der Luft drehte er sich herum. Blitzschnell, mit den Augen kaum zu verfolgen, aber Mandra sah, als die Waffe wieder zur Ruhe gekommen war, die Spitze direkt auf sich gerichtet.
Für einen Moment stand die Waffe zitternd in der Luft, bevor sie plötzlich Fahrt bekam und wie ein Torpedo, mit der Spitze voran, auf den Inder zuschoss …
***
Als normal reagierender Mensch wäre Mandra Korab nicht sitzen geblieben, sondern hätte zumindest auszuweichen versucht. Doch er wirkte plötzlich wie angeleimt auf seinem Platz. Jede Waffe hätte die Chance gehabt, in seine Brust zu fahren, und für eine ihm schrecklich lang vorkommende Sekunde sah es so aus, als würde ihn die Klinge aufspießen.
Sie wurde vor seinen Augen größer, verlor nicht an Geschwindigkeit, kippte aber plötzlich ab und raste nach unten.
Mit einem dumpfen Laut hieb sie in die Schreibtischplatte, und zwar zwischen die Hände des Inders. Leicht vibrierend blieb sie dort stecken, und der rote Griff bewegte sich ebenfalls zitternd, als würde er unter Strom stehen.
Mandra schaute auf die Waffe. Sie war ihm plötzlich so fremd, als würde sie nicht ihm gehören, sondern einem anderen. Mandra fürchtete sich zwar nicht davor, aber er konnte sich mit dem Schicksal des Dolchs nicht abfinden.
Vergeblich lauschte er auf die Stimme des Unsichtbaren. Er meldete sich nicht mehr, war aber nach wie vor im Raum, denn Mandra vernahm abermals das leichte Schleifen.
Er bekam mit, wie der zweite Dolch aus der Scheide stieg. Vorsichtig, als würde er von spitzen Fingern gezogen. Er jedoch bewegte sich weiter, schlug einen Kreis und befand sich plötzlich in der Luft, wobei er schräg auf Mandra zuraste, ebenfalls die Schreibtischplatte traf und dort zitternd stecken blieb.
Gleichzeitig hatte der dritte Dolch seinen Weg aus der Scheide gefunden. Auch er fand seinen Weg zu Mandras Schreibtisch. Wie der vierte und fünfte Dolch.
Mandra Korab war jedes Mal zusammengezuckt, wenn er die Einschläge der Waffe vernahm, und er hatte stets damit gerechnet, von einer getroffen zu werden, wobei er selbst nichts hätte dagegen unternehmen können.
Er irrte sich.
Die Dolche hatten ihm nur beweisen wollen, dass sie nicht mehr unter seiner Kontrolle standen und es Kräften aus dem unsichtbaren Reich Aibon gelungen war, in die normale Welt und in die des Inders Einzug zu halten.
Alle fünf Dolche hatten die Scheiden verlassen und steckten im Schreibtisch. Das Vibrieren und Nachzittern hatte aufgehört, so still wie Pfosten standen die Waffen im wertvollen Holz des Schreibtischs und wirkten auf Mandra wie ein System der Überwachung.
Nur allmählich konnte er wieder einen klaren Gedanken fassen. Er schaute sich die fünf Waffen der Reihe nach an und stellte fest, dass sie sich nicht verändert hatten.
Nach wie vor schimmerten die Klingen schwarz, nach wie vor zeigten die Griffe ihre dunkelrote Farbe, und doch fand der Inder etwas heraus, das ihn misstrauisch machte.
Trotz seines Zustandes fiel es ihm auf, denn er sah, dass die Waffen eine bestimmte Formation eingenommen hatten.
Sie bildeten ein Fünfeck.
Zunächst glaubte Mandra an einen Zufall, dann maß er mit seinen Blicken die Entfernungen zwischen den einzelnen Klingen.
Die schienen identisch zu sein.
Der Inder wunderte sich. Er spürte, dass ihn die Lethargie verlassen hatte und wieder neue Kraft in seinen Körper strömte. Dass er erkannt hatte, in welchem Verhältnis die Dolche zueinander standen, war ein Erfolgserlebnis.
Genau wollte er es wissen, öffnete eine Lade und holte ein Lineal hervor. Es war ziemlich lang, seine Hände zitterten, als er es nur an einem Ende fasste und damit begann, die Abstände nachzumessen.
Das erste Augenmaß hatte ihn nicht getäuscht. Die Distanz zwischen den einzelnen Dolchen war tatsächlich identisch. Sie wich um keinen Zoll ab.
Tief atmete der Inder durch. Ihm war klar, dass dies etwas zu bedeuten haben musste. Vielleicht wollte man ihm einen Hinweis geben, aber damit hatte er die beiden restlichen Dolche noch nicht gefunden. Sie waren zu gut versteckt, lagen in einem Land, das für menschliche Augen nicht sichtbar war und als Paradies der Druiden bezeichnet wurde.
Aibon, das grüne Land. Dort flossen angeblich Milch und Honig. Ein Gebiet, von dem auch die Menschen immer wieder im Laufe ihrer Geschichte geträumt hatten.
Doch Aibon besaß zwei Seiten.
Gut und Böse.
Wie überall.
Bisher hatte Mandra nicht viel mit diesem Gebiet zu tun gehabt. Was er darüber wusste, kannte er nicht aus eigener Anschauung, es war ihm von seinen englischen Freunden bei den äußerst knappen Besuchen berichtet worden, und plötzlich sah er sich selbst innerhalb eines Strudels, der ihn nach Aibon hineinzuziehen schien.
Mandra befand sich in einem fremden Land, in einer anderen Mythologie. Was hatte er mit Aibon zu tun? Nichts, er kannte keine Verbindung von Indien zu diesem grünen Paradies.
Fragen und Rätsel …
Der Inder kannte seine Kräfte. Er wusste aber auch über seine Grenzen Bescheid, und obwohl er sich wieder besser fühlte, war ihm längst klar geworden, dass er ohne fremde Hilfe nicht auskommen konnte.
