John Sinclair Sonder-Edition 55 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 55 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Irgendwo auf der Welt sollte es ein Tor geben, durch das man in die Vergangenheit und auf den längst versunkenen Kontinent Atlantis gelangte.
"Es ist der Friedhof", hatte der Mann in den letzten Sekunden geflüstert. "Der Friedhof mit den drei Gräbern."
Ich fand den Zugang und erlebte, wie aus Freunden Todfeinde wurden ...

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EPUB

Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Drei Gräber bis Atlantis

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Ballestar/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5100-2

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Drei Gräber bis Atlantis

von Jason Dark

Der Pfarrer nahm mich an die Hand wie ein kleines Kind und führte mich auf den stockdunklen Weg neben der Kirchenmauer aus Bruchsteinen und überwachsendem Efeu.

»Sie müssen mir nur folgen und Vertrauen zu mir haben«, hörte ich seine leise Stimme.

»Sonst wäre ich nicht hier.«

Er ging weiter und zog an meinem Handgelenk. »Wissen Sie, es ist nicht so einfach, und ich wusste mir keinen anderen Rat, als die Bitte des Mannes zu erfüllen.«

»Hat er ausdrücklich nach mir verlangt?«, fragte ich.

»Inspektor Sinclair.«

»Oberinspektor«, korrigierte ich ihn. »Aber das ist nicht so wichtig.«

»In diesem Fall nicht.«

Ich wusste immer noch nicht, um was es ging. Da rief mich der Pfarrer McBride am späten Abend zu Hause an und erkundigte sich, ob ich Zeit hätte, ihm einen Besuch abzustatten, weil es einen Mann gäbe, der mich unbedingt sprechen wollte, sich aber nicht traute, einen Polizisten im Präsidium aufzusuchen.

Ich willigte ein, hatte zuvor mit Suko, meinem Freund, Partner und Kollegen, darüber gesprochen, und der hatte das Ganze für einen ausgemachten Bluff gehalten.

Ich war trotzdem gefahren und rechnete damit, in irgendeine Falle zu tappen, denn Dämonen ließen sich, um mich in die Finger zu bekommen, immer wieder etwas Neues einfallen. Wenn sie stark genug waren, konnte sie selbst ein Pfarrer nicht stören.

Es war eine wunderschöne laue Mainacht, durch die wir liefen. In der Luft hing ein betäubender Blütengeruch. Der Wind wehte ihn aus dem Garten des Pfarrhauses zu uns herüber.

Es brannte keine Laterne in der Nähe. Zwar war der Himmel sternenübersät, aber durch die dicht belaubten Bäume in der Nähe konnte ich ihn kaum sehen.

»Hat er sonst noch etwas zu Ihnen gesagt?«, fragte ich den Kirchenmann.

»Kaum.«

»Also doch etwas.«

»Sicher.« McBride brummte die Antwort. »Ich habe das Wort nicht genau verstanden, musste es mir erst zusammenreimen und kam zu dem Ergebnis, dass dieser Mann den Namen Atlantis erwähnt hat.«

Ich horchte auf. Das war eine Spur, denn ich hatte schon einiges mit dem vor über zehntausend Jahren versunkenen Kontinent zu tun gehabt. Hätte mir der Geistliche das schon am Telefon mitgeteilt, wäre ich wesentlich schneller bei ihm gewesen.

So hörte ich erst jetzt von dieser Überraschung, und bei dem Begriff Atlantis waren meine Antennen sowieso auf Empfang gestellt. Was konnte dahinterstecken?

Allmählich hatten sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Rechts von mir befand sich die Mauer. Sie war ein langer Schatten, dessen Ende ich bereits erkennen konnte.

Nur mehr wenige Schritte, und wir hatten es erreicht. Dabei sah ich, dass wir an der Rückseite der Kirche gelandet waren, wo es eine kleine Tür gab, auf die der Pfarrer zuging. Er holte einen Schlüssel aus der Tasche.

»Es ist sonst nicht meine Art, die Kirche abzuschließen«, erklärte er, »doch in Anbetracht der Lage habe ich es für besser gehalten. Sie verstehen, Oberinspektor.«

Ich lachte leise. »Deswegen brauchen Sie sich bei mir nicht zu entschuldigen.«

Er schloss die Tür auf.

Ich betrachtete die nähere Umgebung. Nicht weit entfernt wurde das Grundstück durch einen Zaun abgegrenzt. Dahinter lagen die Gärten der Einfamilienhäuser. Durch das dichte Buschwerk schimmerte an einigen Stellen Licht. Es schien, als würden mitten in der Luft oder über dem Boden Goldfiguren in der Luft stehen.

Die Türe knarrte, der Pfarrer winkte mir zu. »Kommen Sie, Oberinspektor! Es sind nur noch wenige Schritte.«

Vor ihm blieb ich stehen. Sein schmales Gesicht zeigte einen angespannten Ausdruck. Er konnte mir nicht in die Augen schauen, und mein Verdacht, dass etwas nicht stimmte, verdichtete sich.

»Was ist los?«, fragte ich ihn.

»Nichts, was soll …?«

»Herr Pfarrer, Sie rufen mich am späten Abend an, führen mich auf einem geheimnisvollen Weg in die Kirche, machen selbst einen nervösen Eindruck, reden von Atlantis, da muss man ja als normal denkender Mensch das Gefühl bekommen, dass einiges nicht in Ordnung ist. Oder sehe ich das falsch?«

»Ja … Nein, vielleicht nicht.« Er legte mir eine Hand auf die Schulter. »Bitte, kommen Sie mit, es dauert nicht mehr lange!«

»Gut.«

Der Pfarrer hatte ein Problem, das war mir klar geworden. Allerdings wusste ich nicht, wie er es lösen wollte. Mir jedenfalls blieb nichts anderes übrig, als seinem Wunsch nachzukommen.

Es war eine verhältnismäßig kleine Kirche. Ich sah den Mittelgang, die beiden Bankreihen und den Altar, zu dem zwei breite Stufen hochführten.

Ebenso zwei schmalere Seitenschiffe waren vorhanden. In eines dieser beiden Schiffe führte mich der Pfarrer hinein. Unsere Schritte warfen Echos. Sie klangen gegen die kahlen Wände, in denen ich einige Fensterlöcher entdeckte, die jetzt wie dunkle Augen wirkten.

Zwei einsame Kerzen schufen zerfasernde Lichtinseln in der Nähe der Treppe. Ihr Schein reichte kaum bis auf die Stufen. Auch das ewige Licht glühte, doch es gab einen Ort in der Kirche, wo es heller war. Dorthin brachte mich der Pfarrer.

»Hoffentlich ist es noch nicht zu spät«, flüsterte er und schaute mich ängstlich an.

»Wieso?«

»Er … er wird bestimmt sterben.«

Der Fall wurde immer rätselhafter, und der Pfarrer bekam irgendwie den Hauch des Unheimlichen für mich. Seit wir die Kirche betreten hatten, war er nervöser geworden. Er ging gebeugt vor mir her und hatte seine Hände zusammengelegt, als wollte er beten.

Da er kleiner war als ich, konnte ich über ihn hinweg schauen und bekam mit, dass wir dort hingingen, wo mehrere Kerzen in einem Halbkreis aufgestellt worden waren.

In diesem Halbkreis lag die Person, von der bisher nur gesprochen worden war.

Nun sah ich sie zum ersten Mal.

Es war ein Mann. Er befand sich in einer halb sitzenden und halb liegenden Haltung. Seinen Rücken und den Hinterkopf hatte er gegen die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt, die dicht nebeneinander lagen. Ich hatte das Gefühl, einen Toten zu sehen und keinen Lebenden, denn wie er da lag, sah er aus, als würden ihm Arme und Beine nicht mehr gehorchen.

So kraftlos …

»Jetzt können Sie zu ihm gehen.« Der Pfarrer blieb stehen und deutete auf ihn. »Aber erschrecken Sie nicht!«

»Weshalb nicht?«

»Sie werden es schon sehen, Oberinspektor«, raunte er.

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, las aber keine Antwort aus seinem Gesicht und ging die restlichen Schritte bis zu meinem Ziel. Zwei Yards davor erkannte ich, was tatsächlich passiert war. In der Brust des Mannes steckte ein Dreizack. Der Schaft ragte aus der lumpenartigen Kleidung hervor wie ein Mahnmal an die Lebenden.

Ich erblickte die dunkle Flüssigkeit, die aus der Wunde geronnen war und sich, wenn sie nicht in der Kleidung versickert war, auf dem Boden verteilt hatte. Das musste das Blut des Menschen sein.

Zorn schoss in mir hoch. Und zwar auf den Pfarrer. Der hätte nicht mich rufen sollen, sondern einen Arzt. Möglicherweise hätte er diesem Mann helfen können.

Ich überwand die letzte Distanz, ging in die Knie und gab acht, nicht in die Blutlache zu treten. Zwangsläufig betrachtete ich das Blut näher.

Es war keines!

Von der Farbe her nicht, von der Dicke nicht und nicht vom Geruch. Dennoch wollte ich auf Nummer sicher gehen und tauchte die Spitze meines rechten Zeigefingers in die Flüssigkeit. Mit der anderen Hand knipste ich das Feuerzeug an und leuchtete.

Der Pfarrer kam näher. Er räusperte sich, blieb stehen, beugte sich vor, sodass mich sein Schatten erreichte. »Das ist kein Blut«, wisperte er.

»Ich sehe es.«

Er drehte den Kopf nach links, ohne seine Haltung zu verändern. »Können Sie mir sagen, um was es sich handelt?«

Ich schaute mir das Zeug genauer an und tauchte den rechten Zeigefinger in die Flüssigkeit. Jetzt schimmerte die Fingerkuppe grün!

»Grünes Blut«, murmelte ich.

»Das … das gibt es doch nicht!«

»In der Regel nicht. Aber ich kenne Personen, die aussehen wie Menschen und grünes Blut haben. Wie dieser Mann hier.«

»Der bald sterben wird«, fügte der Pfarrer hinzu. »Er hat mir gesagt, er würde diese Nacht nicht überleben. Nur an einen sicheren Ort wollte er gebracht werden.«

Ich machte mir meine Gedanken. Da der Mann nichts dagegen gehabt hatte, in einer Kirche zu liegen oder zu sterben, konnte ich davon ausgehen, es nicht mit einem Dämon zu tun zu haben. Der Name Atlantis war gefallen. Ob er von diesem Kontinent stammte? Nur waren mir grünblütige Atlanter bisher noch nicht über den Weg gelaufen.

Ich beugte mich so weit vor, dass ich nicht mehr laut zu sprechen brauchte, wenn ich mich mit ihm unterhielt. Von zwei verschiedenen Seiten fiel der Kerzenschein auf sein Gesicht.

Obwohl er die Augen geöffnet hielt, hatte ich das Gefühl, als würde er ins Leere schauen und mich überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen. Das waren Augen ohne Glanz, schon fast gebrochen. Seine Haut sah weich aus und war eingefallen. Durch die nach unten hängenden Hautlappen wurden die Falten in seinem Gesicht verdeckt. Die Lippen fielen kaum auf. Sie wirkten wie zwei trockene Gummiringe.

»Ich bin es, John Sinclair. Hören Sie mich, Mister? Sie haben nach mir verlangt.«

»Ja …«

Ich war froh, eine Antwort bekommen zu haben und stellte eine weitere Frage. »Wie heißen Sie?«

»Oriol. Walter Oriol.«

Den Namen hatte ich nie zuvor gehört. Ein wenig ungewöhnlich hörte er sich an, doch darauf ging ich nicht ein und erkundigte mich bei ihm nach den Gründen für mein Kommen.

»Ich musste dich sehen.«

»Jetzt bin ich da. Weshalb gerade mich?«

»Weil es wichtig ist, sehr wichtig«, drang es flüsternd über seine Lippen. »Wichtiger als alles andere im Leben, das kannst du mir glauben. Deinen Namen kennen sie …«

»Wer ist sie?«

Der Mann ging nicht darauf ein. In seinem Gesicht zuckte es. Er bat mich, ihn aufrecht hinzusetzen. Ich tat ihm den Gefallen und schob ihn höher. Dabei wippte der Schaft des Dreizacks und stieß mir gegen die Stirn. Ich wollte die Waffe aus seiner Brust ziehen, doch der Mann bewegte den Arm mit erstaunlicher Kraft und umklammerte mein Handgelenk.

»Lass es so!«, sagte er mühsam. »Es hat keinen Sinn. Ich laufe langsam aus, denn es geht zu Ende. Er hat mich erwischt, aber vorher muss ich dir noch etwas sagen. Es ist wichtig. Eine Gefahr droht.«

»Welche?«

Eine direkte Antwort bekam ich nicht. Stattdessen wollte er wissen, ob ich seinen Bruder kennen würde.

»Nein, nie gehört. Wie heißt er?«

»Mason, Oberinspektor. Mason Oriol.«

»Ist er wichtig?«

»Ja, sehr wichtig. Er ist die Person, die du aufsuchen musst, denn um ihn dreht es sich. Um ihn und um das Spiel. Du musst das Spiel suchen und finden.«

»Und welches Spiel?«

»Oriol hat es. Er hat es in seinem Gewahrsam. Es ist ein gefährliches Spiel. Man gerät in seinen Bann. Ich bin ebenfalls hineingeraten, denn dadurch kann man das Tor und den Friedhof finden.«

»Und welchen Friedhof?«

»Den mit den drei Gräbern.« Der Sterbende hatte mich nicht losgelassen. Ich spürte, wie seine Hand zitterte und sich dieses Zittern auf meinen Arm übertrug. »Der Friedhof mit den drei Gräbern ist ungemein wichtig, denn nur er ist das Tor, durch das du in das längst versunkene Land gelangen kannst.«

Ich verstand. Ein Schauer kroch über meinen Rücken. »Meinst du Atlantis?«

»So ist es.« Er lachte leise. »Ich habe gewusst, dass du der Richtige bist. Ja, man kennt deinen Namen. Nur du kannst den Friedhof finden und damit das Tor nach Atlantis nicht nur aufstoßen, sondern es wieder schließen, denn das ist noch wichtiger. Verstehst du mich?«

»Bis jetzt ja. Aber zuvor muss ich zu deinem Bruder.«

»Richtig, Oberinspektor. Aber er ist nicht allein mein Bruder, er ist auch mein Mörder!«

Diese Offenbarung überraschte mich. Wenn ich die Aussage richtig verstanden hatte, musste es Mason Oriol gewesen sein, der Walter den Dreizack in die Brust gestoßen hatte.

Ich fragte nach dem Motiv. »Was kann einen Menschen zu einem Brudermord verleiten?«

»Ach, junger Mann«, krächzte der Sterbende. »Hat es das nicht schon in der Bibel gegeben? Haben sich Kain und Abel verstanden? Nein. Kain hat seinen Bruder erschlagen. Auch Mason war so. Keiner darf seinem Geheimnis auf die Spur kommen, denn nur er besitzt das gefährliche Spiel. Dadurch findest du den Zugang zum Friedhof mit den drei Gräbern, um nach Atlantis zu gelangen. Er muss verschlossen werden, damit das Böse aus Atlantis nicht in diese Welt dringen kann. Versprichst du mir, den Zugang zu versperren, Sinclair? Versprichst du es mir?«

»Ich versuche es.«

»Nein!«, stöhnte er. »Nein!« Sein Griff wurde härter. »Das ist zu wenig, viel zu wenig.« Aus seinem Mund rann Speichel und fand den Weg zum flachen Kinn. »Du musst es versprechen. Ich habe dich nicht umsonst herholen lassen. Bitte …«

Ich wich dem Blick des Mannes nicht aus. Seine Augen besaßen etwas Zwingendes, als wären noch einmal die Kraft und die Energie eines langen Lebens zurückgekehrt.

»Ja, Walter«, erwiderte ich leise und nickte bedächtig. »Ja, ich verspreche es dir. Ich werde deinen Bruder aufsuchen und das Spiel an mich nehmen, falls ich es schaffe.«

Seine Lippen zuckten. Es war so etwas wie ein Lächeln. Der harte Blick verschwand, er bekam einen zufriedenen Ausdruck.

»Aber«, so flüsterte der Sterbende, »sei vorsichtig! Mason ist gefährlich, das hat er bewiesen. Lass dich nicht von ihm einlullen! Er kennt viele grausame Tricks. Er lebt in einer völlig anderen Welt. Sie ist gefährlich, du wirst sie kennenlernen.«

»Wo kann ich ihn finden?«

»Das ist einfach. Nahe der Portobello Road. Dort sind die alten Läden, wo Trödel verkauft wird. Du musst durch eine Gasse gehen. Sie trägt nur eine Nummer. Merke dir die Zahl drei. Das ist auch die Nummer der Gasse. Dort hat er seinen Laden. In einem Keller. Die Treppe führt nach unten, die Treppe …«

Seine Stimme war bei den letzten Worten immer schwächer geworden, und der Griff um mein Handgelenk hatte sich gelockert. Ich merkte, dass seine Finger abrutschten und über meinen Handrücken glitten. Noch zuckten sie, doch als sie in die Nähe meiner Knöcheln gerieten, wurden sie plötzlich steif.

Die Hand rutschte ab und fiel auf seinen Schoß. Still blieb sie dort liegen.

Ich wechselte die Blickrichtung, schaute in sein Gesicht und sah, dass der Kopf zur Seite gedreht war. Seine Mimik wirkte wie eingefroren, in den Augen nistete kein Leben mehr.

Walter Oriol war tot!

***

Ich blieb für wenige Sekunden so hocken, atmete tief durch und erhob mich mit einer müden Bewegung. Die Anwesenheit des Pfarrers wurde mir erst bewusst, als ich ihn das letzte Gebet murmeln hörte.

Ich ließ ihn aussprechen und schaute auf den Toten, der mich so dringend hatte sprechen wollen. Von ihm wusste ich so gut wie gar nichts, deshalb wollte ich unbedingt den Pfarrer fragen, ob er mir weiterhelfen konnte.

Ich zog ihn zur Seite. Wir gingen leise, aus Furcht, die Ruhe des Toten zu stören. Als McBride nach vorn deutete, wusste ich Bescheid. Er wollte sich mit mir auf eine der Bänke setzen. In der zweiten Reihe nahmen wir Platz.

Der Pfarrer schaute auf seine Knie. »Jetzt haben Sie bestimmt einige Fragen an mich.«

»Natürlich.«

»Bitte, ich stehe Ihnen zur Verfügung. Es ist ja alles gelaufen. Ich habe den Wunsch des Mannes erfüllt.«

»Wieso kam er gerade zu Ihnen?«

Der Pfarrer lachte leise, bevor er die Hände faltete. »Ich wusste, dass Sie mich das fragen würden, und ich habe eine Antwort, die nicht gelogen ist. Den Mann kannte ich.«

»Gehört er zu Ihrer Gemeinde?«

»Nein, das nicht. Aber er kam des Öfteren, wenn keine Messe war. Dann setzte er sich allein in die Kirche und schaute nur auf den Altar. Er saß da, genoss die Stille, betete aber nicht, wenigstens sah ich keine äußeren Anzeichen dafür, er schaute nur auf den Altar.«

»Ich verstehe.«

»Nun, ich ließ ihn in Ruhe, denn ich freue mich über jeden, der unserer hektischen Zeit für einige Augenblicke entflieht und sich in die Ruhe eines Gotteshauses zurückzieht. Als er das fünfte oder sechste Mal kam, entschloss ich mich, ihn anzusprechen. Er war nicht einmal überrascht, ich hatte das Gefühl, als hätte er darauf gewartet.«

»Er brachte Ihnen also Vertrauen entgegen«, formulierte ich.

»Nein, nicht direkt. Misstrauisch blieb er. Nie ging er aus sich heraus. Als wir an der Mauer entlanggingen, habe ich Ihnen nicht alles gesagt, das wollte er nicht, aber er hat sich oft genug mit mir über sein Gewissen unterhalten. Irgendwie fühlte er sich schuldig.«

»Wessen?«

Der Geistliche hob die Schultern. »Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Möglicherweise fühlte er sich schuldig für seinen Bruder, weil dieser etwas getan haben muss, das mit Walters Moralvorstellungen nicht mehr zu vereinbaren war. Ich erfuhr nicht viel. Er sagte nur, irgendwann gehe ich zu Ihnen, um Sie um etwas zu bitten. Das war an diesem Abend der Fall. Da hat er geklingelt und ist gekommen.«

»Haben Sie sich nicht gewundert, als er vor Ihnen stand und ein Dreizack in seiner Brust steckte?«

»Und wie ich mich gewundert habe, Oberinspektor Sinclair. Ich wollte die Polizei und einen Arzt holen, er war strikt dagegen. Nur Sie sollte ich anrufen und Sie bitten, sich seine Geschichte anzuhören.«

»Dafür bin ich Ihnen im Nachhinein dankbar.«

»Jetzt sehe ich ein, dass es ein Fehler gewesen war. Der Arzt hätte ihm sicher …«

»Nicht helfen können«, sagte ich. »Haben Sie sich sein Blut nicht angesehen?«

»Ja, das habe ich gesehen. Es war anders …«

»Ein Sekret«, erklärte ich. »Wahrscheinlich war Oriol kein Mensch im eigentlichen Sinne.«

Der Geistliche blickte mich erstaunt an. »Wenn er kein Mensch gewesen ist, was war er dann?«

Ich stand auf und reckte die Arme. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, noch nicht. Es gibt Dämonen, Geister, Schwarzmagier, Zauberer, was weiß ich nicht alles. Und es gibt Menschen, die zehntausend Jahre und mehr alt sind. Möglicherweise gehörte Walter Oriol zu dieser Gruppe.«

»Das … das kann ich nicht glauben!«

Ich schaute den Pfarrer neben der Kirchenbank stehend an. »Es ist auch schwer zu glauben. Vertrauen Sie mir, ich kenne einige Personen, die so alt sind!«

Diese Antwort musste der Geistliche zunächst einmal verdauen. Ich gab ihm die nötige Zeit und dachte an den Toten, der nicht in der Kirche bleiben konnte. Ich würde ihn abholen lassen, damit er untersucht wurde und man eine Analyse dieses Sekrets vornahm.

»Was wollen Sie jetzt tun?«, erkundigte sich der Geistliche.

Er machte auf mich einen ratlosen Eindruck.

Ich berichtete ihm von meinen Plänen.

Er nickte und erhob sich langsam. »Wenn das erledigt ist, werden Sie ihm dann seinen Wunsch erfüllen, Oberinspektor Sinclair?«

»Das hatte ich vor.«

»Es wird für Sie schwierig werden, Mason Oriol des Mordes zu überführen.«

»Das weiß ich.«

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Lange dürfen Sie nicht warten.«

»Nein, noch in dieser Nacht statte ich ihm einen Besuch ab. Heute ist Freitag, wir haben fast Sommer, wenigstens ist das Wetter dementsprechend, und das Geschäft des Mannes liegt in der Portobello Road. Da geht es die ganze Nacht durch. Lärm, Trubel, Läden haben geöffnet. Ich glaube, ich kann es riskieren.«

»Ich werde Ihnen die Daumen drücken.«

»Danke, das kann ich gebrauchen.« In der Kirche hielt mich nichts mehr.

Dem Pfarrer war kein Vorwurf zu machen. Im Nachhinein gab ich zu, dass er richtig gehandelt hatte. Er wollte sich erneut den Toten anschauen, während ich mich bereits in Richtung Ausgang orientierte.

Plötzlich hörte ich einen Schrei. Es war ein Ruf des Entsetzens, dem der Pfarrer meinen Namen folgen ließ.

»Mister Sinclair, kommen Sie! Beeilen Sie sich! Machen Sie schnell!«

Der Pfarrer war völlig aus dem Häuschen geraten. Etwas Furchtbares musste ihm widerfahren sein. Er stand da, hatte den Arm halb ausgestreckt und deutete dorthin, wo der Tote lag.

Die Kerzen brannten weiterhin. Ihr Schein allerdings wurde von einem anderen überstrahlt. Es war nicht der Mann, der ihn abgab, sondern der Dreizack in seiner Brust.

Er war im Begriff, sich vor unseren Augen aufzulösen. Und dabei gab er das dunkelrote Leuchten ab.

Während er strahlte, wurde er allmählich zu Staub, der auf den Körper des Mannes rieselte, an seinen Seiten herabrann und liegen blieb. Der Pfarrer sprach nicht mehr, ich enthielt mich ebenfalls eines Kommentars, denn eine Erklärung wusste ich nicht. Dieses Phänomen ließ sich nur mehr mit Schwarzer Magie umschreiben.

»Es ist unglaublich!«, stöhnte der Geistliche. Er presste eine Hand gegen seine Brust. Im Zeitlupentempo drehte er sich um. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. »Und das in meiner Kirche.«

Der letzte Satz war treffend gewesen. In seiner Kirche war es passiert. Und so etwas ließ tief blicken. Dass dies überhaupt möglich gewesen war, bewies mir eines: Der Teufel oder die Hölle steckten nicht hinter diesem Phänomen. Diese Kräfte hätten sich nicht getraut, mit der Kirche auf Konfrontation zu gehen.

Ich ging auf den Toten zu. Als letzte Erinnerung an die Mordwaffe entdeckte ich die Wunde in seiner Brust, aus der das grüne Sekret gesickert war. Zum Teil war es bereits verkrustet.

Meine nächste Frage galt dem Pfarrer. »Sie haben sicherlich ein Telefon?«

»Jaja, kommen Sie mit!«

Wir verließen die Kirche. Der Geistliche schaute des Öfteren zurück, als könnte er es immer noch nicht fassen, was innerhalb dieser Mauern passiert war.

Wir nahmen einen anderen Weg und erreichten, als wir um die hintere Seite der Kirche herumgegangen waren, das Pfarrhaus mit dem schrägen Dach. Das Gebäude schien an der Kirchenwand zu kleben.

Im Arbeitszimmer des Pfarrers fand ich das Telefon und alarmierte unsere Mordkommission. Sie brauchte nur mit einer kleinen Mannschaft anzurücken, es war wichtig, den Toten aus der Kirche zu schaffen. Ich spielte mit dem Gedanken, Suko anzurufen, doch ich wusste nicht, ob er schon zu Hause war, weil Shao und er vorgehabt hatten, sich einen Film anzusehen.

»Wollen Sie solange warten?«, fragte mich der Pfarrer.

»Ja.«

»Passen Sie auf, ich habe da noch etwas! Das wird Ihnen sicherlich gut tun.« Er öffnete einen Schrank und entnahm ihm eine Flasche mit einer gelblich schimmernden Flüssigkeit. »Sie ist gut«, erklärte er. »Ich trinke das Zeug immer, wenn mir etwas auf den Magen geschlagen ist. Ein ehemaliger Bruder aus dem Kloster schickt mir jeden Monat ein Fläschchen. Wollen Sie ebenfalls?«