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Das Buch kam aus den dunkelsten Abgründen jenseits der Hölle. In uralten Legenden wurde darüber berichtet, und es war in einer Sprache geschrieben, die nur von zwei Menschen verstanden wurde: Arkonada und Eli.
Arkonada aber, der mächtige Dämon, existierte nicht mehr. Eli war eine uralte Frau und nannte sich Blutgöttin.
Sie kam aus der Schwärze der Unendlichkeit, und man sagte ihr nach, dass sie und das Totenbuch in der Lage waren, einem Menschen das ewige Leben zu schenken ...
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Arkonadas Totenbuch
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Ballestar/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5101-9
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.
Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.
Lesen Sie in diesem Band:
Arkonadas Totenbuch
von Jason Dark
Den kalten Wind spürte Travis Milton wie eine letzte Warnung. Er wehte aus dem Norden heran und brachte jetzt, im Hochsommer, sogar den Geruch von Schnee mit.
Milton blieb stehen und schüttelte sich. Er lachte wild gegen die kalten Böen an. Sein Bart sah grau aus und staubig. Das lange dichte Haar erreichte fast die Schultern. Die letzten Wochen hatten den Dreißigjährigen um Jahre altern lassen. Jede Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber er hatte auch an Zähigkeit gewonnen und wollte sich so kurz vor dem großen Ziel nicht abbringen lassen.
Und dieses Ziel bedeutete alles für ihn.
Es war unwahrscheinlich, schien erst unerreichbar gewesen zu sein, bis er die Stellen tatsächlich gefunden und gelesen hatte. Nicht umsonst war das Totenbuch so gehütet worden, es barg immerhin das größte Geheimnis, das die Menschen seit ewigen Zeiten aufzuklären suchten: den Schlüssel zum ewigen Leben.
Und genau das wollte sich Travis Milton holen. Das ewige Leben, niemals sterben, es aus der Hand einer Person zu empfangen, für die es die Zeit überhaupt nicht gab.
Die endlos war.
Eli, die Blutgöttin!
Noch an diesem Abend würde er ihr gegenüberstehen. Ein paar wankende Schritte brachten ihn in die Nähe einer schützenden Mulde, wo ein Felsstein lag, als hätte ihn jemand verloren oder vergessen, ihn wieder aufzuheben. Auf diesem Stein ließ er sich nieder.
Er musste zu Atem kommen. In der dünnen Luft der Bergwelt fiel ihm dies schwer. Vom langen Steigen schmerzte sein Kreuz. Er bog es durch, sein bärtiges Gesicht wirkte steif und ausgezehrt. Die Haut erinnerte an altes Leder. Aber das waren Äußerlichkeiten. Der Wille, der Antrieb, der seelische Motor, sie allein zählten und würden ihn an sein Ziel bringen.
Wenn er zurückschaute, sah er die Wolken. Vom Wind herangetragene Nebelinseln, die den Blick in die Tiefe und damit zum Kloster nahmen. Den schmalen Pfad konnte er ebenfalls nicht erkennen, die Wolkendecke hielt alles verborgen, als wollte sie ihm mitteilen, dass sein zurückliegendes Leben nicht mehr existierte.
Travis Milton stand vor einem Neubeginn. Vor dem absoluten Anfang, der nie ein Ende nehmen sollte und einmündete in das ewige Leben.
Seine Augen begannen zu glänzen, während er daran dachte. Das ewige Leben. Er sollte es erhalten. Er, der kleine Angestellte aus einem Londoner Vorort. Millionäre und Milliardäre hätten fast ihr ganzes Vermögen gegeben, um eine solche Chance zu bekommen. Aber man gab sie ihnen nicht. Dafür ihm, Travis Milton, denn er hatte die Voraussetzungen erfüllt. Er war den Spuren gefolgt, vor allen Dingen hatte er geglaubt und nicht gezweifelt.
Es war das Totenbuch, es gab Eli, und es musste auch Arkonada gegeben haben, der es geschrieben hatte.
Zum Greifen nahe lag das Ziel. Hatte er es einmal erreicht, bekam er das ewige Leben geschenkt.
Eli würde dafür sorgen.
Sie, die Blutgöttin, die schon im alten Atlantis verehrt worden war. Er stand auf. Der Wind brachte Staub mit und den Geruch von kalten Steinen. Vegetation gab es in dieser Höhe nicht mehr. Bei klarem Wetter hätte er bis zum Meer schauen können, das die Insel Kreta umgab. Doch die Wolken verdeckten die Sicht, als wollten sie den Mantel des Schweigens über die alte minoische Kultur ausbreiten.
Aber er hatte ihn aufgerissen. Er wusste mehr, er kannte Eli und würde ihr bald gegenüberstehen und von ihr ein kostbares Geschenk erhalten.
Travis stand auf. Ruckartig, als wäre ein neuer Strom der Kraft durch seinen Körper geschossen. Die Mönche hatten ihm den Weg erklärt, er kannte jetzt die markanten Punkte in dieser urwüchsigen Bergwelt und konnte sie selbst innerhalb des Dunstes und der träge dahinfließenden Wolken ausmachen.
Links von ihm fiel ein weiterer Geröllhang in die Tiefe. Ihn hatte er hochgehen müssen. Jetzt lief er durch eine mit kleinen Steinen gefüllte Rinne im Boden. Sein festes Schuhwerk und der Untergrund gaben ihm Halt. Wie lange er bis zu seinem Ziel laufen musste, war ungewiss. Die Mönche hatten ihm nur gesagt, dass er es vor der Dunkelheit erreichen könne, und darauf verließ er sich.
Als Großstadtmensch hatte er für die freie Natur früher nie viel übrig gehabt. Erst recht nicht für eine karge Bergwelt. Seit er von Eli gehört hatte, war dieses Gefühl verschwunden. Travis Milton hatte sein Leben neu eingerichtet, Markierungspunkte gesetzt und ihnen Namen gegeben. Atlantis, Arkonada und in dessen unmittelbarer Nachfolge Eli und die minoische Zeit auf Kreta.
Das alles war geheimnisvoll, lag im Dunkel einer mythischen Historie, und er hatte es nicht geschafft, sie zu erhellen, sondern nur einen winzigen Teil davon, eine kleine Insel, die sich für ihn jedoch zu einem zentralen Punkt ausbreiten sollte.
Travis Milton ging gebeugt. Seine Schritte waren schwer. Das Gewicht hatte er nach rechts verlagert, denn auf der linken Seite wurde die Rinne an manchen Stellen fußschmal, sodass er achtgeben musste, nicht abzurutschen und auf einer Gerölllawine den Hang hinabzustürzen.
Manchmal, wenn sich seine Gedanken mit dem vor ihm liegenden beschäftigten, zuckte ein Lächeln über seine Lippen. An die Warnungen der Mönche dachte er nicht mehr. Sie hatten davon gesprochen, dass nicht jeder, der Eli sah, es überstand.
Es sollte Menschen gegeben haben, die dem Wahnsinn verfallen waren, nicht umsonst hatte diese Person im alten Atlantis den Beinamen Blutgöttin erhalten.
Furcht aber zeigte nur der Feigling, nicht der Tapfere. Wer das ewige Leben erlangen wollte, musste alles riskieren.
Nicht einmal Tiere entdeckte er in dieser Höhe. Nur Wolkenschleier, karge Felsen, Geröll und lange Dunstbänke, die aus den höher liegenden Tälern über die Hänge glitten.
Er schmeckte den Staub und die kalte Luft. Hin und wieder hustete er, und unter seinen festen Schuhen knirschten kleine Steine. Jeder Schritt brachte ihn seinem Ziel näher und entfernte ihn gleichzeitig weiter von seinem normalen Leben, und seine Augen nahmen Glanz an, als vor ihm das Felsmassiv erschien.
Sein Ziel!
Heimat und Grab der Blutgöttin Eli.
Durch seine Glieder lief ein Zucken. Er wischte sich übers Gesicht. Plötzlich pfiff sein Atem. Seine Knie zitterten, und seine spröden Lippen bebten. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt, war stehen geblieben und schaute in den Himmel, der sich ebenso grau und sonnenlos präsentierte wie die Landschaft.
Obwohl er keinen Pfad sah, wusste er, wo er entlanggehen hatte. Die aus dem Hang schauenden Felsblöcke glichen einer Treppe. Sie allein führte an die Felswand heran, die ihm so undurchdringlich erschien, es aber nicht war, denn es gab dort den Eingang zu Elis Grab.
Frische Kraft durchströmte ihn. Bisher war alles Theorie gewesen, jetzt setzte er das Gehörte und Gelesene in die Praxis um und ging mit langen Schritten vor.
Sein Ziel lag zum Greifen nah, auch wenn sich immer wieder Wolkenschleier zwischen ihm und die Felswand schoben. Nichts konnte ihn mehr aufhalten.
Arkonadas Totenbuch hatte nicht gelogen, es konnte einfach nicht lügen. Der Weg wurde steiler. Manchmal rutschig, deshalb hielt er sich fest, stützte sich ab und lauschte den herabrollenden Steinen nach, die seine Füße gelöst hatten.
Die Echos verklangen in einer Tiefe, aus der er gekommen war und nach wenigen Schritten vor dem Ziel stand.
Er konnte die Felsen greifen. Seine Hand strich über das rissige, durch Spalten, Einkerbungen und Einschlüsse gezeichnete Gestein, als wollte er das Leben der Blutgöttin fühlen, das in diesem uralten Material steckte.
Das hier war die wahre Welt. Das Leben, die Geheimnisse, die hinter dem Normalen lagen und vor denen viele warnten. Auch seine Mutter war immer der Meinung gewesen, dass man die Kräfte in Ruhe lassen sollte, die man nicht messen konnte. Aus ihrer Sicht war sie eine weise Frau gewesen, sie hatte damit gut leben können. Wer sich aber als Suchender oder Forschender bezeichnete, wollte mehr wissen von den Dingen, über die kein Buch berichtete. Wenigstens keines, das in einer gewöhnlichen Buchhandlung zu kaufen war.
Da musste man forschen, tiefer gehen, viel tiefer …
Miltons Atem war nicht mehr so ruhig, obwohl er sich langsamer bewegte, um den Eingang in eine fremdartige Welt zu finden. Er stand unter einer ungemein starken Spannung. Die Mönche hatten von einem vorspringenden Erker gesprochen, der fast einer knorrigen Nase glich. Wenn er ihn gefunden hatte, stand er vor dem Eingang.
Und so bewegte er sich vorsichtig weiter. Angespannt das Gesicht, umwallt von dünnen Wolkenfäden, die plötzlich zerrissen, weil der Wind hinjagte, die Sicht freigab und Travis Milton merkte, dass er fast vor dieser Erkernase stand.
Sie wuchs gekrümmt aus der Felswand hervor. An ihrer niedrigsten Stelle erreichte sie seine Körpergröße. Er brauchte sich nicht einmal zu bücken, um unter ihr hinwegzutauchen und den schmalen Spalt zu finden, der ihn an sein Ziel brachte.
Es war der Eingang.
So breit wie ein Mensch, wie geschaffen für einen Suchenden. Noch hätte er die Chance gehabt, umzukehren. Nicht einmal seine innere Stimme warnte ihn. Travis Milton war zu einem Besessenen geworden, den das Jagdfieber schüttelte.
Und so schlich er vor.
Der erste Schritt tauchte ihn ein in das geheimnisvolle Dämmern des Felseninneren. Der zweite brachte ihn in die stockdunkle Finsternis der unheimlichen Höhle, in der das Grauen und der Schrecken einer längst vergangenen Epoche zu Hause waren.
Der Berg schluckte ihn, als hätte es ihn nie gegeben.
Er blieb stehen. Rechts und links eingepresst von Felsen, sodass er befürchtete, die Felsen könnten ihn erdrücken.
Mit den Schultern schabte er am Gestein entlang. Obwohl er dieses Ereignis herbeigesehnt hatte, spürte er so etwas wie hochkeimende Furcht, als er weiterging und seine Hand in die Tasche der gefütterten Windjacke schob, um die Lampe hervorzuholen, deren heller Strahl ihm den Weg leuchten sollte.
Er spürte das Pochen seines Herzschlags. Auch dort machte sich seine innere Spannung bemerkbar. Auf seiner Stirn lag der Schweiß. Für ihn hatte die schweigende Welt etwas Faszinierendes und Bedrohliches gleichzeitig an sich. Sie warnte ihn und lockte ihn an. Mit diesem Paradoxon musste er fertig werden.
Erst nach weiteren vorsichtigen Schritten wagte er es, die Lampe einzuschalten.
Der armdicke, blasse Balken stach in eine Finsternis hinein, die vielleicht seit Jahrtausenden keinen Lichtstrahl mehr gesehen hatte und jetzt erhellt wurde.
Ein schaurig-schönes Bild bot sich seinen Blicken. Er sah das Ende des schmalen Tunnels und blickte hinein in die Höhle, die für Eli, die Blutgöttin, zum Grab geworden war.
Hier musste sie sein.
Noch sah er sie nicht. So leise wie möglich schob er sich weiter, benötigte nur vier Schritte, um den Gang hinter sich zu lassen und stand inmitten der weiten Felshöhle, in die plötzlich ein unheimliches, flatterndes Leben geriet.
Über seinem Kopf begann es. Er vernahm das heftige Rattern der Flügel, sah plötzlich Schatten, die sich bewegten, sehr schnell wurden und durch die Höhle tobten, als hätte er sie aus einem jahrhundertelangen Schlaf aufgeweckt.
Vor Schreck bewegte er sich nicht und bekam die Schläge der Flügel mit, als die Schatten dicht an ihm vorbeihuschten und durch sein Gesicht strichen.
Gewaltsam kämpfte er die Furcht nieder, duckte sich, wehrte sich aber nicht und sah zu, eine Höhlenwand zu erreichen, gegen die er sich mit dem Rücken presste.
Vor ihm wirbelten die Schatten!
Sie waren aus ihrem Schlaf aufgeschreckt worden, fühlten sich gestört und wurden zu kleinen Bestien, die gegen den Eindringling hieben, der sich geduckt und beide Arme zum Schutz hochgerissen hatte. Er schlug mit den Händen zu und traf Flügel, wurde ebenfalls erwischt, drehte sich, schlug wieder zu, griff sogar mit den Fingern seiner freien Hand in die lederartige Haut der Bestien hinein, bekam gleichzeitig kleine Bisse ab, die einen zuckenden, scharfen Schmerz verbreiteten und wusste, dass er von Vampiren angegriffen worden war.
Von Fledermäusen!
Sie waren durch das plötzliche Licht aufgeschreckt und in Unruhe versetzt worden. So dauerte es eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatten.
Die Lampe brannte noch. Ihr Träger hockte am Boden. So fiel der Lichtbalken schräg in die Höhle hinein und traf auf eine Gestalt, die Travis Milton beim Eintreten nicht entdeckt hatte, die trotzdem alles beherrschend war.
Der Mann sah sie nicht sofort, da er in einer geduckten Haltung kniete. Erst als sich seine Nerven wieder einigermaßen beruhigt hatten und er den Kopf anhob, entdeckte er das Ziel, das der blasse Lichtbalken getroffen hatte.
Es war Eli, die Blutgöttin!
Im ersten Moment wollte er es kaum glauben. Milton hatte den Mund aufgerissen. Über seine Lippen drang ein Laut, wie er ihn bei sich selbst bisher nie gehört hatte.
So überrascht war er und so geschockt, denn er wurde in dieser Sekunde mit der Tatsache konfrontiert, dass es die Blutgöttin aus dem alten Atlantis tatsächlich gab.
Bisher war alles Theorie gewesen, reine Spekulation, nun aber wusste er Bescheid.
Furcht kroch in ihm hoch. Es war das Gefühl, sich vielleicht etwas zu viel zugemutet zu haben. Er wusste nicht, welche Distanz ihn von seinem Ziel trennte, er kniete, atmete scharf und bekam kaum mit, dass sich die aufgeschreckten Fledermäuse wieder beruhigten.
Abermals verstrich Zeit. Tief atmete er durch, bis er sich überwinden konnte und langsam aufstand. Er schwenkte den Lampenstrahl. Jetzt erfasste er die gesamte Gestalt. Es war ein menschliches Wesen, das auf dem felsigen Untergrund kniete und sich kaum vom grauen Fels abhob, der außen die Höhle umgab.
War Eli versteinert?
Er schlich auf sie zu. Je näher er kam, umso stärker wurde das Gefühl, sich einer lebenden Person zu nähern. Es war die Ausstrahlung, die ihn wie ein Hauch traf und eine Gänsehaut auf seinen Körper zauberte. Seine Augen wurden feucht, er wischte darüber, schmeckte die schlechte Luft in der Höhle und hatte das Gefühl, den süßlichen Geruch von Blut wahrzunehmen.
Er sah das Gesicht!
Im Stein malte es sich im oberen Drittel ab. Eisgraue, alte, verzerrte Züge. Mit Augen, einem verkniffen wirkenden Mund, Rissen und Spalten in den Wangen, zu Stein erstarrt und für die Unendlichkeit konserviert. So war Miltons erster Eindruck.
Bis er den Lichtfinger zur Seite wandern ließ und plötzlich die Hand entdeckte.
Sie gehörte zu Eli, hatte sich aus dem Stein gelöst, besaß zwar eine graue Farbe, aber sie kam Milton vor, als würde sie trotzdem leben.
Nach dem nächsten Schritt wurde dies bestätigt. Die Finger, die jetzt einen bläulichen Schein angenommen hatten, bewegten und krümmten sich. Sie winkten ihm zu.
Und in seinem Kopf hörte er eine Stimme, die klar und trotzdem alt klang, als hätte sie schon einen Blick in die Unendlichkeit geworfen, um die Botschaft weiterzutragen.
»Komm her, komm näher! Ich habe auf dich gewartet. Du willst das ewige Leben. Ich bin bereit, es dir zu geben.«
Sie wusste von ihm. Milton war durcheinander.
Er ging auf sie zu.
Vorsichtig, zögernd, wie ein Mensch, der Angst vor der eigenen Courage hat.
Zwei Finger lockten ihn heran. Die Lampe in Miltons Hand zitterte, der Strahl begann zu tanzen, er machte einen weiteren Schritt, geriet in die Nähe der Blutgöttin, kam an sie heran, und sie packte zu.
Die Finger gruben sich in seinen linken Oberschenkel, und die flüsternde Stimme hieß ihn höhnisch willkommen.
»Ich werde dir das Leben geben. Du wirst dich wundern, mein Freund, sehr wundern …«
***
Auch Magier können träumen!
Vielleicht intensiver als normale Menschen, da sie ein anderes Seelenleben besitzen und auf Strömungen reagieren wie Seismografen auf die Wellen unterirdischer Beben.
Myxin, der Magier aus Atlantis, machte da keine Ausnahme. Er träumte ebenfalls, als er auf seiner Lagerstatt in der schlichten Blockhütte bei den Flammenden Steinen lag.
Es war kein bestimmter Traum, mehr eine innere Unruhe, die seinen Schlaf beeinträchtigte. Von innen her drang sie in ihm hoch, und der Schlaf wurde noch flacher. Das Flattern der Augenlider war ein Zeichen des Erwachens. Er öffnete sie und starrte in die Dunkelheit der Hütte. Nur allmählich schälten sich schwach die Umrisse des zweiten Bettes hervor, in dem eine Person schlief, die, wie Myxin, aus dem alten Atlantis stammte.
Beide sahen aus wie Menschen, waren aber keine im eigentlichen Sinne.
Kara, Myxins Begleiterin, die Schöne aus dem Totenreich genannt, hatte das Erbe ihres Vaters Delios durch die langen Zeiten getragen, sich mit Myxin verbündet, und beide hatten durch die Flammenden Steine ein Refugium weißer, atlantischer Magie geschaffen.
Die Steine waren sensibel. Sie reagierten auf empfindliche Strömungen und waren so manches Mal die großen Warner für kommende, oftmals schlimme Ereignisse.
Auch jetzt?
Myxin war fast davon überzeugt. Aus einem tiefen Schlaf durch quälende Träume zu erwachen, empfand er nicht als alltäglich. Das musste, seiner Ansicht nach, eine Ursache haben.
Der wollte er auf den Grand gehen.
Kara hatte, falls eine gewisse Gefahr bestand, nichts bemerkt. Sie schlief ruhig weiter. Myxin wollte sie nicht stören, deshalb stand er behutsam auf.
Der Boden der Hütte war mit Fellen bedeckt. Über sie schlich der kleine Magier hinweg und erreichte die Tür, die beim Öffnen kaum ein Geräusch abgab, als er sie nach innen zog.
Er verließ die Hütte.
Es war Juli, Nacht und dunkel. Selbst der Finsternis konnte der Wind in einem solchen Monat nie so kalt sein wie in den Herbst- oder Frühlingsmonaten.
Er fiel von den bewaldeten Hügeln in das herrliche Tal mit den vier hochgereckten Steinen hin, die ein Quadrat bildeten. Still war es nie, ein kristallklarer Bach durchfloss plätschernd das Tal und teilte es in zwei Hälften.
Ein herrlicher Flecken Erde, den sich die beiden Partner ausgesucht hatten.
Die Strömung war vorhanden gewesen. Davon ließ sich der kleine Magier nicht abhalten. Er musste nur noch deren Ursache herausfinden. Möglicherweise war sie aus seinem Inneren gekommen und hatte mit diesen äußeren Gegebenheiten nichts zu tun. Doch Myxin wollte auf Nummer sicher gehen, deshalb musste er die geheimnisvollen Steine kontrollieren, die ihm schon manche Botschaft übermittelt hatten.
Er sah sie in die Dunkelheit hineinstechen. Sie kamen ihm vor wie große Finger, die Warnung und Schutz gleichzeitig abstrahlten und in ihrem quadratischen Inneren eine magische Zone bildeten, die Myxin und Kara schon oft geholfen hatte.
Es war das Tor in andere Dimensionen, ein Weg in die Vergangenheit längst vergessener Zeiten.
Myxins Füße raschelten im Gras. Es wuchs saftig und hoch. Sommerlicher Geruch durchwanderte die Luft. Der kleine Magier nahm den Duft der Tannen- und Laubbäume auf, der ihm von den Hügelketten entgegenwehte. Am dunklen Himmel hatten sich einige Wolken verteilt.
Eine Sommernacht, die man genießen sollte.
Myxin dachte anders. Je mehr er sich den Steinen näherte, umso mehr verdichtete sich sein Verdacht, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung war. Sie standen zwar unbeweglich wie immer, aber es musste sich in ihrem Inneren etwas tun, denn der kleine Magier spürte die Strahlung, die ihn erfasste.
War es eine Warnung oder nur das Zeichen der Veränderung, die immer einmal eintreten konnte?
Die Flammenden Steine reagierten auch auf Magien, die sie nicht direkt berührten. Sie waren manchmal wie Antennen, die Frequenzen und Ströme auffingen, um sie weiterzuleiten.
Und sie reagierten dann besonders empfindlich, wenn es sich um eine Magie handelte, die sie unmittelbar berührte.
So wie jetzt …
Myxin, der die Steine kannte, merkte, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, aber er spürte doch, dass sie von einer anderen Kraft manipuliert worden waren.
Es war wie ein Fluidum, das gegen ihn strahlte, ihn berührte und ihm empfänglich machte.
Er schaute sich die Steine näher an. Dabei hatte er sich so hingestellt, dass er drei von ihnen genau im Blickfeld hatte, und bei allen dreien sah er das Gleiche.
In der Mitte veränderten sie sich.
In den Tiefen des Gesteins war etwas geboren worden und kristallisierte sich nun hervor. Es war für den kleinen Magier noch nicht zu erkennen, aber es war vorhanden. Zudem besaß es eine gewisse Ausstrahlung, die Myxin spürte.
Die Flaming Stones hatten ihren Namen unter anderem deshalb bekommen, weil sie, wenn sie mit Magie gefüllt waren, rot leuchteten. Dann gaben sie ihre Kräfte zum Nutzen von Myxin und Kara ab, die durch deren Hilfe schon manches Mal Unglaubliches geleistet sowie Raum und Zeit überwunden hatten.
Das war diesmal nicht der Fall. Myxin spürte keine Magie, die ihm helfen konnte. Nichts strahlte ihm entgegen, nichts lockte, und es gab nur einen Schluss.
Jemand anderer hatte die Flammenden Steine für seine Zwecke ausgenutzt und eingesetzt. Als der kleine Magier daran dachte, verspürte er deutlich Unruhe in sich aufsteigen. So etwas gefiel ihm nicht. Er dachte mit Schrecken daran, dass ein mächtiger Diener der Großen Alten, ein Dämon namens Arkonada, es geschafft hatte, die Steine zu manipulieren.
Damals hatten Myxin und Kara Schreckliches durchgemacht, als sie ihr Refugium in den Klauen eines Schwarzblütlers wussten. Sie hatten die Attacken abwehren können, Arkonada existierte nicht mehr, er war in Schattenreste zerfallen, demnach musste es einer anderen Macht gelungen sein, Zutritt gefunden zu haben.
Myxin besaß viele Gegner. Nicht allein unter den jüngeren Schwarzblütlern, auch unter denen, die sich vom längst versunkenen Kontinent hatten retten können. Manchmal hatte Myxin das Gefühl, dass es alle geschafft hatten, so zahlreich waren die alten Feinde geworden, die früher auf seiner Seite gestanden hatten.
Er beobachtete weiterhin die Flammenden Steine. Jemand spielte und manipulierte sie. Ihr Inneres wurde unruhig, es schien aufzuweichen, als würde darin etwas erhitzt oder gekocht. Eine für Myxin ungewohnte und gefährliche Tatsache, und er war froh, dass die Steine von der anderen Kraft nur im oberen Drittel erfasst worden waren.
Bisher hielt er sich außerhalb des Quadrats auf. Das wollte er ändern. Von der fremden Magie sah er bisher nur etwas, er konnte sie aber nicht direkt spüren. Wenn er die magische Zone allerdings betrat, würde sich das ändern.
Myxin war äußerst sensibel. Er fühlte mit jeder Faser seines Körpers. Das passierte, als er einen Schritt in das magische Quadrat der Steine hineintat.
Der kleine Magier stand zwar nicht unter einer elektrischen Spannung, so ähnlich aber erging es ihm, weil sich auf seinen Armen ein Kribbeln ausbreitete, das weiterlief und die übrigen Glieder erfasste.
Die Steine waren durch Linien miteinander verbunden. Sie bildeten Diagonalen, und Myxin verhielt seinen Schritt genau im Schnittpunkt der Geraden.
Es war still geworden.
