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Nostradamus! Ein Name, der auch mir Schauer über den Rücken jagte. Eine mächtige Gestalt des auslaufenden Mittelalters, deren furchtbare Weissagungen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Menschheit schwebten.
Tanith, eine tote Wahrsagerin und Freundin von mir, versuchte, mir aus dem Zwischenreich zu helfen. Sie und Nostradamus taten sich zusammen und weissagten mir mein Schicksal.
Es wurde zu meinem ganz persönlichen Horror-Horoskop ...
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Horror-Horoskop
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock/Vera Petruk
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5338-9
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.
Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.
Lesen Sie in diesem Band:
Horror-Horoskop
von Jason Dark
Das Gesicht des Mannes verzerrte sich, als das Schreien an seine Ohren drang. Er waren Urlaute, geboren aus einer wahnsinnigen Todesangst, und der Lauscher blieb in seinem Lehnsessel sitzen, ohne sich zu rühren. Er starrte mit leerem Blick in die Flammen des Kaminfeuers, das auf seiner grauen Haut einen roten Schein hinterließ.
Von der Halle aus führte eine Treppe nach oben. Sie kam aus dem Hellen und verschwand im Dunkel der ersten Etage, wo kein Licht brannte und der Tod Einzug gehalten hatte.
Das wusste der Mann am Feuer, aber er tat nichts, um dem Schreienden zu helfen.
Es war sinnlos, völlig sinnlos …
Das Schreien blieb. Nur veränderte es seine Lautstärke. Nicht mehr so schrill. Jetzt mehr schluchzend, als würde der von Todesangst gepeinigte zwischen den einzelnen Lauten noch einmal tief Luft holen, um dann erkennen zu müssen, wie machtlos er war, denn seine letzten Laute glitten über in ein schweres, unheilvolles Stöhnen, das wie ein schauriger Grabgesang die Treppe hinunterfloss und im Kaminzimmer verwehte.
Es wurde still.
Der Mann am Feuer rührte sich nicht. Seine Hände umklammerten die beiden Sessellehnen so hart, als wollten sie diese zerdrücken.
Er passte zu der Einrichtung dieser Kaminhalle und wirkte, so wie er in seinem Sessel saß, ebenfalls wie ein antikes Stück. Grau war der Bart, der wie ein vergessener schmutziger Schneeklumpen unter seinem Kinn hing. Grau war auch das Haar geworden, aber es besaß nach wie vor seine Fülle und Dichte. So erinnerte es an eine Perücke, deren lange Strähnen nach hinten gekämmt worden waren.
Wie eisgraue Balken schimmerten die Brauen, die die tief in den Höhlen liegenden Augen irgendwie beschützen wollten. Es war ein wacher Blick, keine Leere, alterslos. Der Blick eines Mannes, der viel in seinem Leben gesehen und geleistet hatte.
Jetzt aber füllte ihn der Schmerz aus. Nicht einmal Angst oder Furcht, obwohl dieser schreckliche Schrei durchs Haus geklungen war. Nein, nur der Schmerz hielt ihn umfangen und gleichzeitig ein Wissen um Dinge, die anderen verborgen geblieben waren.
Welche Menschen forschten schon nach Geheimnissen, die unter der Oberfläche verborgen lagen? Wer beschäftigte sich mit Historie, Magie und Mystik?
Da gab es nur wenige. Der Mann mit dem grauen Haar war einer von ihnen. Er hatte sein Leben diesen Aufgaben geweiht und begann jetzt, als er in das letzte Drittel eingestiegen war, allmählich, daran zu zerbrechen. Er wusste immer, dass derjenige, der den Wind säte, irgendwann den Sturm ernten würde.
Und so kam es über ihn.
Der Mann hob den Kopf. Er blickte dorthin, wo die Treppe begann und sich die Stufen in der Finsternis verloren.
Nichts tat sich dort. Kein Schimmern, keine Bewegung. Über den mit einem Teppich belegten Stufen blieb es ruhig. Eine trügerische Ruhe, wie der Mann wusste, und sein Blick glitt weiter zu dem großen Ölgemälde hin, das ein Porträt zeigte.
Er war es!
In der Blüte seiner Jahre hatte es ein Freund gemalt, der inzwischen verstorben war, und der Mann im Sessel konnte seinen eigenen Namen lesen, so gut waren seine Augen. Zudem leuchtete eine kleine venezianische Lampe aus buntem Glas das Bild an.
Fernando Crion!
Ein Name, der Gewicht hatte, der provozierte und gleichzeitig Anlass zum Nachdenken gab. An der Sorbonne von Paris hatte er gelehrt, die Studenten durch seine Theorien über die Macht der alten Magier fasziniert und mitgerissen, war ebenfalls auf Ablehnung gestoßen, denn seine Forschungen und Ergebnisse reizten zur Provokation, und Fernando Crion, auch nur ein Mensch, hatte seinen Titel an der Uni schließlich abgegeben, um sich ausschließlich seinen privaten Forschungen zu widmen.
Und da hatte er Erfolg gehabt. Einen furchtbaren Erfolg, wie er im Nachhinein zugeben musste, wobei er noch allein auf der Welt gestanden hatte, denn seine Frau hatte ihn verlassen, weil sie nicht mehr bereit war, das Wissen mit ihm zu teilen.
So war er ein Einsamer geworden, der trotzdem Kontakt zu Gleichgesinnten gesucht und gefunden hatte.
Seine große Zeit war gekommen. Er hatte nicht aufgegeben, sondern das Geheimnis weiterverfolgt und gelüftet. Aber der Fluch verfolgte ihn, und er würde ihn erreichen, so wie er alle Menschen erreicht hatte, die in seiner Nähe gewesen waren und mit ihm zusammengearbeitet hatten.
Der Todesschrei dort oben hatte seinen Grund gehabt.
Es fiel ihm schwer, sich aus dem Sessel zu stemmen. Er wäre am liebsten sitzen geblieben, aber er konnte nicht anders, denn der Anruf würde nicht auf sich warten lassen.
Und so stand Fernando Crion auf.
Ein hochgewachsener Mann schob sich müde und mit deutlich verlangsamten Bewegungen in die Höhe, während sein Blick auf die alte Standuhr fiel, die zwei Stunden vor Mitternacht anzeigte.
Der Anrufer war pünktlich.
Fernando Crion zuckte nicht einmal zusammen, als der alte Telefonapparat anschlug. Fernando hob ab und meldete sich mit einem: »Ja, bitte?«
»Ich bin es.«
»Danke, dass du angerufen hast, Chandler.«
»Das war ich dir schuldig.«
Crion lachte. »Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich hatte dir die Informationen gegeben. Als Einzigem, denn ich wusste, dass nur du damit etwas würdest anfangen können.«
»Ja, das stimmt …«
Crions Augen verengten sich. »Dann hast du aufgrund meiner Indizien deine Forschungen weitergeführt?«
»In der Tat, Fernando. Und ich muss dir sagen, dass es so schlimm aussieht, wie du befürchtet hast.«
Nach dieser Antwort brauchte Crion erst mal eine Pause. Er bekam einen innerlichen Stoß. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und sammelte sich in den Falten.
»Kannst du darüber sprechen, Chandler?«, fragte er nach einer Weile.
»Schlecht.«
»Wieso?«
»Weil es zu kompliziert ist, mein Lieber. Wir müssten uns zusammensetzen.«
»Ja, das glaube ich auch. Nur, wann?«
»Es liegt an dir, Fernando.«
Crion dachte nach. Er versuchte, sich seine Termine durch den Kopf gehen zu lassen, das schaffte er nicht, weil ihn zu viele andere Gedanken ausfüllten.
»Du bist jetzt nicht in der Lage, nicht wahr?«, erkundigte sich Professor Chandler.
»Das stimmt.«
»Dann werden wir später noch einmal reden, aber wir dürfen nicht zu lange warten. Durch deinen Fund hast du an den fundamentalen Stützen des Seins gerüttelt …«
»Das weiß ich.«
»Und man wird es nicht hinnehmen. Was nicht sein darf, das darf nicht sein. Ich möchte es einmal so ausdrücken: Es kann für die Menschheit gefährlich werden. Allein der Name …«
»Sprich ihn bitte nicht mehr aus!«
Chandler war überrascht. »Weshalb nicht? Du hast dich mit ihm beschäftigt. Du hast deine Forschungen vorangetrieben. Du hast Nostradamus …«
»Bitte, Chandler!«
»Schon gut, Crion, entschuldige! Dabei weißt du selbst, dass er den Mittelpunkt bildet. Durch seine Lehren hat die Welt damals viel erfahren.«
»Es stimmt alles, was du gesagt hast, Chandler. Trotzdem fürchte ich mich. Ich hätte die Warnungen ernster nehmen sollen. Man darf sich als gewöhnlicher Mensch eben nicht mit Dingen beschäftigen, die im Verborgenen bleiben sollen.«
Professor Chandler reagierte gelassener. »Bitte keine Vorwürfe oder Selbstmitleid! Es ist dafür zu spät. Du hast mich neugierig gemacht.« Er lachte dünn. »Mich, den Mathematiker, den Philosophen und Spinner, wie viele behauptet haben.«
Crion ging nicht darauf ein. »Sie haben es nicht mehr hingenommen«, erklärte er.
Chandler brauchte Sekunden, um zu begreifen. »Was soll das heißen, Fernando?«
»Sie haben bereits zugeschlagen. Der Fluch hat sich erfüllt. Die zwölf Grausamen sind gekommen. Sie haben damals den großen Nostradamus unter Druck gesetzt und ihn in Schach gehalten, und jetzt versuchen sie es wieder. Ich muss es aussprechen, denn ich habe ihn schreien gehört. Und so schreit ein Mensch nur im Angesicht des Todes!«
»Von wem redest du?«
»Ich meine Alain Roi, meinen Helfer.«
»Ist er tot?«
»Ich hörte ihn schreien. Ich saß unten und wartete auf deinen Anruf. Er war oben. Und ich muss dir sagen, dass er nicht der Einzige bleiben wird.«
»Wer noch?«
»Alle, die dabei waren.«
Chandler stöhnte. »Das wäre ja furchtbar. Es kämen schlimme Zeiten oder mehrere Morde auf uns zu.«
»So sehe ich es auch.«
»Und du willst nichts dagegen unternehmen, Fernando?«
Crions Lachen klang bitter. »Was soll ich dagegen tun, mein Freund? Was, bitte? Hast du einen Ratschlag für mich? Willst du es mir sagen? Kannst du gegen diese Macht aus dem Mittelalter ankommen? Schaffst du das?«
»Nein. Oder ja«, verbesserte er sich. »Aber nicht allein, wenn du verstehst. Nicht allein.«
»Ja, wir brauchen Helfer. Aber wer wird uns glauben?«
»Das wäre nicht einmal das größte Problem«, erwiderte Professor Chandler. »Ein anderes sehe ich als viel schlimmer an.«
»Was?«
Professor Chandler wollte nicht so recht mit der Sprache herausrücken. »Ich wundere mich, dass du nicht selbst darauf gekommen bist, mein alter Freund.«
»Bitte, rede doch!«
Chandler sagte nur ein Wort. »Caroline!«
Fernando Crion schwieg. Noch mehr Farbe wich aus seinem Gesicht. Es sah plötzlich hart und kantig aus, um Jahre gealtert, von Sorge gezeichnet. Der Hörer wurde so fest umklammert, als sollte er zerbrochen werden.
»Sie hat mich verlassen, das weißt du genau«, kam es stockend über Crions Lippen. »Bitte, ich will nicht daran erinnert werden!«
Chandler stöhnte auf. »Ich meine nicht deine Frau, Fernando. Sie ist vergessen, okay, aber denk daran, dass es einen weiteren Menschen gibt, der ihren Namen trägt.«
»Nein!« Das Wort drang wie ein Schrei über die Lippen des Mannes. »Du kannst nicht …«
»Doch, Fernando, ich muss es dir sagen. Ich spreche von Caroline, deiner Tochter!«
Jetzt war es heraus, und der Hörer in Crions Hand begann zu zittern. Chandler hatte recht, so verdammt recht. Es gab da tatsächlich eine, die den Vornamen seiner Frau trug. Ihre gemeinsame Tochter Caroline. Sie war mit ihrer Mutter gegangen, aber das lag lange zurück. Caroline war noch ein Kind gewesen, man hatte sie nicht gefragt. Für ihre Mutter war damals klar gewesen, dass sie das Kind nicht bei »so einem Vater« lassen wollte, der nur für seine Forschungen und »Verrücktheiten« lebte.
Caroline musste heute an die dreißig sein, eine junge selbstbewusste Frau, die ihren Weg gemacht hatte. Sie hatte Sprachen studiert, war auf ihrem Gebiet zu einem Ass geworden und wurde von den offiziellen Stellen als Dolmetscherin eingesetzt, wenn es galt, schwierige Verhandlungen zu führen. Da griffen die Mitglieder der Regierung ebenso auf sie zurück wie die Leute von der Industrie. Ihren Namen hatte Crion des Öfteren in den Zeitungen gelesen und sich gefreut, dass Caroline es ebenfalls geschafft hatte, doch nie hatte er sich überwunden und Kontakt mit ihr aufgenommen.
Dieser kurze Rückblick in die Vergangenheit hatte wenige Sekunden gedauert. Mit der freien Hand strich Fernando Crion über sein Gesicht und knetete die alt gewordene Haut.
»Du sagst nichts, Fernando?«
»Was hat unser Gespräch mit Caroline zu tun?«
»Viel, mein Lieber, sehr viel sogar. Sie wusste von unserer Verbindung, leider, muss ich sagen. Sie war neulich in Wien. Dort wurden internationale Verhandlungen geführt, und während einer längeren Gesprächspause hat sie diese zu einem Abstecher in die Wachau genutzt.«
»Und dich besucht.«
»So ist es. Sie war fast fünf Stunden bei mir, Fernando. Wir haben über vieles geredet, und sie hat das Verhältnis zu dir überdacht. Sie ist zu dem Entschluss gekommen, dass sie dich nicht mehr allein lassen will. Sie braucht den Kontakt. Jetzt hat sie Urlaub, mein Freund …«
»Das heißt …« Fernando schluckte. »Das heißt, sie wird bei mir erscheinen?«
»So ist es!«
Crion atmete stöhnend. »Hast du ihr nicht gesagt, dass ich beschäftigt bin und mich nicht um sie kümmern kann?«
Chandler lachte. »Ich bitte dich. Kann ich einer erwachsenen Frau verbieten, die ihr eigenes Leben lebt und es glänzend meistert, sich mit ihrem Vater in Verbindung zu setzen?«
»Nein, das geht wohl nicht.«
»Deshalb habe ich ihr von deinem Haus erzählt. Sie weiß, wo du in Frankreich lebst …«
»Wann kommt sie?«
»Es wundert mich, dass sie noch nicht bei dir ist. Sie hätte längst da sein müssen.«
»Es kann das Wetter sein. Die Herbststürme halten viele auf.«
»Natürlich. Ich wollte dich nur vorgewarnt haben.«
Crion lachte wieder auf. »Das hast du getan. Ich denke, so kann ich darangehen, die Leiche aus meinem Haus zu schaffen. Aber das eigentliche Problem bleibt. Wenn sich die Weissagungen erfüllen, werden viele Menschen sterben, auch ich stehe auf der Liste, und es gibt kaum jemanden, der mich schützen kann.«
»Fernando, wir kennen uns lange. Wir wissen, was wir voneinander haben, und ich habe mir über dieses Thema meine Gedanken gemacht und bin zu einem Resultat gelangt.«
»Und zu welchem?«
»Es gibt jemanden, der sich für deine Forschungen mächtig interessieren wird.«
»Wer? Ein Kollege?«
»Nicht direkt. Der Mann ist Engländer. Er hatte schon des Öfteren mit diesem Problem zu tun. Dieser Mann weiß, dass es Nostradamus gegeben hat, denn eine Freundin von ihm hat mit dieser schillernden Person in Verbindung gestanden. Es war ein rein geistiger Kontakt, da sich diese weibliche Person in Trance versetzen konnte und von Nostradamus Hilfe bekam.«
»Wie heißt der Mann?«
»John Sinclair.«
Fernando Crion überlegte. Der Name war ihm nicht unbekannt. Er hatte ihn schon einmal gehört, darüber gelesen, und wenn ihn nicht alles täuschte, war es wohl Professor Chandler gewesen, der den Namen Sinclair einmal erwähnt hatte. Das allerdings lag schon einige Zeit zurück.
»Kannst du dich erinnern?«, fragte Chandler.
»Nicht direkt.«
»Gut, ich will es dir sagen.« Der Professor berichtete in Stichworten über John Sinclair, und er vergaß nicht, einen Teil der Erfolge aufzuzählen, die der Geisterjäger errungen hatte.
»Ja, schon gut«, unterbrach Crion ihn. »Ich habe verstanden. Aber was soll dieser Sinclair hier?«
»Dir helfen, Fernando.«
»Nein, mir kann niemand helfen. Ich werde dies allein durchstehen, hast du verstanden? Völlig allein.«
»Mit deiner Tochter zusammen.«
»Auch sie muss mich wieder verlassen, dafür werde ich sorgen. Noch einmal: Ich muss und werde diesen Fall allein durchstehen. Klar?«
»Zu spät, Fernando, zu spät …«
Crion holte tief Luft. Sein Herz schlug plötzlich schneller. »Was soll das heißen?«
»Ich habe bereits reagiert. Ich habe die Verbindung zwischen Magie und Mathematik gefunden. Ich sah das grauenhafte Horoskop, das damals geschrieben wurde, und ich sah die zwölf Grausamen, die Nostradamus in Fesseln hielten. Es gibt sie, das weißt du, und sie werden mit allen Kräften dafür sorgen, dass es dir nicht gelingt, das hervorzuholen, was verschüttet ist.«
Crion schwieg.
»Sie töten, sie müssen töten«, fuhr Professor Chandler fort. »Alle, die mit dir in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, werden daran glauben müssen. Und das will ich verhindern. Das Grauen soll in seiner Zeit bleiben und nicht über unsere Welt kommen. Es hat dich bereits besucht, Fernando. Du hast mir von dem Schrei berichtet, aber es waren noch andere bei deiner Expedition. Erinner dich daran! Mehr Personen, die überall verstreut leben. Mein Gott, ich kenne nicht alle Namen, aber ich habe in meinem Gedächtnis gekramt und …«
»Hör auf, Chandler!« Der Professor schwieg und vernahm Crions kratzende Stimme. »Ich hätte dich nicht einweihen sollen, nein, niemals. Das muss ich allein durchstehen, und zwar bis zum bitteren Ende. Danke für deinen Anruf.«
Fernando legte auf. Das harte Geräusch, mit dem der Hörer auf die Gabel knallte, hatte etwas Endgültiges an sich, und so dachte Fernando Crion ebenfalls. Er wollte mit Chandler nichts mehr zu tun haben. Diese furchtbare Sache hatte er allein begonnen, und er war fest entschlossen, sie auch allein durchzustehen.
Das Gespräch hatte ihn mitgenommen, und er war innerlich aufgewühlt. Mit unsicheren Bewegungen ergriff er eine bauchige Kognakflasche. Auf einen Schwenker verzichtete er, entfernte den Korken und trank aus der Flasche. Als er sie absetzte, schüttelte er sich, stellte die Flasche wieder weg und spürte eine unnatürliche Wärme in seinem Körper.
Leider konnte sie die trüben Gedanken nicht vertreiben. Und nicht seinen Vorsatz, denn in den nächsten Minuten lag Schreckliches vor ihm, das war ihm klar.
Er ging mit steif wirkenden Bewegungen durch den Raum und näherte sich der Treppe. An der Wand befand sich ein Lichtschalter. Als er den Hebel herumdrehte, wurde es eine Etage höher hell, und der Schein fiel auf die Treppe.
Er stieg sie hoch.
Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest, und auf jeder Stufe, die ihn höher brachte, spürte er das unheimliche Gefühl, das sich immer mehr verstärkte.
Er hatte Alain Roi als seinen Assistenten bezeichnet. Tatsächlich war er höchstens ein guter Helfer gewesen, ein Handwerker, der wusste, wie man etwas anzupacken hatte, der graben konnte und das Geschick besaß, aus wenigen Dingen gute Werkzeuge herzustellen.
Jetzt war er tot.
An eine andere Möglichkeit dachte Crion nicht, als er die Treppe hinter sich gelassen und den schmalen Gang betreten hatte, in dem nach wie vor unausgepackte Kisten standen. Darum hatte sich Roi in den nächsten Tagen kümmern wollen.
Die Tür zu seinem Zimmer stand spaltbreit offen. Ein kühler Hauch fuhr Fernando Crion entgegen, als er seinen Schritt verhielt, in das Zimmer peilte und das offene Fenster sah. Die dicht neben ihm hängende Lampe schaukelte im Durchzug.
Von Alain Roi war nichts zu sehen.
Crion drückte die Tür auf. Er wollte es hinter sich bringen, ging in den Raum – und hielt den Atem an.
Alain Roi lag auf dem Rücken. Er hatte es bis zur Tür schaffen wollen, war aber zusammengebrochen. Mit leblosen Augen starrte er auf die graue Decke.
Grau war sein Gesicht ebenfalls, und wie eingemeißelt lag die Angst auf diesen erstarrten Zügen. Es musste etwas Schreckliches gesehen haben, und dies war es, vor dem sich Fernando Crion fürchtete.
Es war jetzt noch zu sehen, wenn auch nicht so deutlich, aber als schmaler, dennoch zu erkennender Schatten, der quer über der Gestalt des Toten lag.
Es war der Schatten eines Schwertes, dessen oberes Griffende zu einem Totenkopf geformt war …
***
Der Wissenschaftler stand auf dem Fleck, ohne sich zu rühren. Er schaute allein den Schatten des Schwertes an und wusste Bescheid.
Sie waren es, die zugeschlagen hatten. Den Schatten des Totenschädelschwerts sah er als letzten Beweis für seine Vermutung an. Also doch.
Er schaute auf den Toten und wusste nicht, wie man seinen Helfer umgebracht hatte. Äußerlich entdeckte er keine Wunde, nichts wies auf eine Verletzung hin, aber das Schwert, vielmehr dessen Schatten, sagte ihm genug.
Es konnte töten, ohne Wunden zu hinterlassen. Es stammte aus einem anderen Reich, wurde als Schattenschwert bezeichnet, und sein Symbol war der Totenschädel.
Fernando Crion war klar, dass etwas passieren musste. Vor allen Dingen konnte er die Leiche nicht in seinem Haus liegen lassen. Die musste weg. Raus aus den Räumen. Er brauchte sich nur vorzustellen, dass seine Tochter den Toten fand, um in Aufregung zu geraten. Dann würde sie von ihm Erklärungen verlangen, und die konnte er ihr nicht geben.
Wohin mit dem Toten?
Diese Frage stellte sich Crion. Er blickte sich um, lief zum Fenster, schaute den schmalen Weg entlang, der zu seinem Haus hochführte, und er sah die schwarze Fläche, die hinter den windgepeitschten Sträuchern und Bäumen zu sehen war. Dort lag das Meer. Das Meer war groß und schweigsam.
Es würde den Toten schlucken, ohne zu protestieren. Crion wusste über die Strömungen Bescheid. So leicht würde man den Toten nicht finden können. Das Meer riss ihn hinaus in die offene See, dort würde der Tote in einen Kreisel geraten und irgendwann wieder ausgespien werden.
Fernando Crion hatte sich mit einer solchen Aufgabe noch nie befasst. Er hatte früher Krimis gesehen, heute interessierten sie ihn nicht mehr, aber aus diesen alten Filmen wusste er, dass die Mörder ihre Opfer oft genug in Teppiche gerollt hatten, um sie wegzuschaffen. Ein Teppich stand ihm ebenfalls zur Verfügung. Ohne lange zu überlegen, machte sich der Mann an die Arbeit.
Er musste einen kleinen Tisch zur Seite schieben, zwei Stühle folgten, zum Schluss eine verstaubte Blume. Dann beugte er sich über die Leiche und rollte sie ein Stück zur Seite, um den Teppich anheben zu können.
Allein das Wegrollen des Toten hatte ihn angestrengt. Der Schweiß lag auf seinem Gesicht, die Arme zitterten, und der Herzschlag hatte sich beschleunigt.
So unwohl wie in diesen langen Augenblicken hatte sich der Mann selten zuvor gefühlt.
Der Schatten des Schwertes blieb auf der Leiche!
Selbst als der Mann die Lage des Toten verändert hatte, blieb er bestehen, und jedes Mal, wenn Crion direkt auf den Toten schaute, sah er den Totenschädel am Griff der Waffe.
Sie waren hinter ihm her. Er hatte sie gestört, und wahrscheinlich stand er bereits unter Beobachtung. Die Grausamen Zwölf würden kein Erbarmen kennen. Sie hatten sich vorgenommen, jeden zu töten, auch ihn. Wahrscheinlich aber wollten sie sich erst die anderen vornehmen und sich ihn, den Initiator des Ganzen, bis zum Schluss aufheben.
Es würde Zeit vergehen, wenn dies tatsächlich so eintraf. Vielleicht Tage oder mehr als eine Woche. Crion bekam so eine Chance, nach Auswegen zu sinnen. Vielleicht konnte er sich absetzen, um in Ruhe zu überlegen, obwohl es keinen Platz auf der Welt gab, wo er vor den Grausamen Zwölf sicher war.
Irgendwann würde er sich ihnen stellen müssen, nur wollte er das nicht allein, sondern zusammen mit einem anderen. Und dabei dachte er an den in der Wachau lebenden Professor Chandler.
Dieser Mann wohnte in einem Schloss, um dort in Ruhe seine Forschungen vorantreiben zu können. Und er gehörte außerdem zu den Menschen, die vor den Mächten der Finsternis keine Angst zeigten.
Er nahm sich vor, erneut mit dem Professor zu reden. Während dieser Gedanken hatte er den Teppich zurechtgerückt und die Leiche bereits zu einem Teil eingerollt.
Wieder wunderte er sich über die Schwere des Toten. Um die Masse in Bewegung zu setzen, benötigte er Kraft. Crion hatte sich hingekniet. Jede Berührung mit dem Teppich erzeugte bei ihm einen Schauder, und er erkannte erst jetzt, dass die Füße der Leiche an einem Ende des Teppichs hervorschauten.
Ändern wollte Crion das nicht mehr. Dann hätte er den Teppich wieder aufrollen müssen.
So schlug er ihn noch einmal um und blieb schwer atmend vor der Rolle knien.
Geschafft!
