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Urplötzlich öffnete das Pandämonium seine Pforten.
Zum allerersten Mal durften Menschen einen Blick in diese Welt des Schreckens werfen.
Ich gehörte zu den Auserwählten, sah die Reiche der Finsternis entstehen und vergehen. Entdeckte den Ursprung des Feuers, die stummen Götter und die Großen Alten.
Und ich sah im Inferno dieser Welten einen Mann sitzen und stumm beobachten, wobei ich glaubte, ihn, den man den Seher nannte, zu erkennen ...
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Geisterdämmerung
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Ballestar/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5339-6
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.
Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.
Lesen Sie in diesem Band:
Geisterdämmerung
von Jason Dark
»Oh neiiiiinnnn!«
Der lang gezogene furchtbare Schrei des Mannes hallte über die eisige Gletscherlandschaft, traf als Echo die kahlen Felsen der uralten Berge, wehte über Schneefelder hinweg und fegte als unheimlich klingender Laut gegen den stahlblauen, wolkenlosen Himmel, in dessen Weite er schließlich verhallte.
Der Mann aber stand am Abgrund!
Vor ihm das Nichts, die Tiefe einer Schlucht, grau, düster und gefährlich. Hinter ihm das Grauen in Gestalt zweier schrecklicher Wesen, die halb Mensch und halb Tier waren.
Furchtbare Gestalten, aus einer Welt, die es nicht geben durfte, die trotzdem vorhanden war. Er hatte einmal einen Blick hineingeworfen, aber er hätte nie gedacht, dass diese unheimliche Welt einmal das entlassen würde, was sie beherbergte.
Auf den Schultern saßen die Köpfe von schwarzen Panthern mit gefährlich funkelnden Raubtieraugen. Die Ohren waren aufgerichtet, die Mäuler standen offen. Geifer, er schimmerte wie dünner Eiter, rann aus dem Maul und über das Fell.
Pranken besaßen diese Wesen nicht. Die Arme und Beine waren die eines Menschen, die graue Kleidung passte dazu. Sie waren gekommen, hatten sich angeschlichen, ihn gejagt bis zu diesem Abgrund, vor dem der Mann stand und nicht mehr weiter wusste. Wollte er nicht sofort zerschmettert werden, musste er sich den Mutanten stellen und gegen sie kämpfen. Ein Raubtier war schon viel stärker als er, zwei von dieser Sorte würden ihm keine Chance lassen.
Trotzdem gab der Mann nicht auf. Eigentlich hätte er in seiner dünnen Jacke frieren müssen, doch er spürte die beißende Kälte nicht.
Die Angst war größer.
In der klaren Luft hoben sich die mutierten Wesen besonders gut ab. Sie erinnerten an Denkmäler ohne Leben, aber der Mann wusste, dass es anders war. Von einer Sekunde zur anderen konnten sie sich in reißende Killer verwandeln.
Der Mann drehte sich so weit um, dass er sie anschauen konnte. Er dachte nicht mehr an die sich hinter ihm befindliche Tiefe. Für ihn war es wichtig, den beiden Monstern zu entkommen und zu versuchen, das Tal zu erreichen, wo sein Wagen stand.
Er hatte sein Ziel gefunden, er hatte gesehen, was kaum jemandem vor ihm gelungen war, und jetzt sollte er den Preis dafür bezahlen. Seine Hand kroch schlangengleich unter die Jacke. Dort befand sich die Waffe, die er hatte mitnehmen können.
Eine langläufige Armee-Pistole, aus der er seit Jahren nicht mehr geschossen hatte. Er hoffte nur, dass sie noch funktionierte. Das Metall war kalt, er hätte Handschuhe anziehen sollen. Die Reue kam zu spät. Als er den Arm ausstreckte, fegte der Wind Staub und Schneekristalle in seine Richtung. Ein Schleier entstand, hinter dem die Körper der Bestien verschwammen und in den er kurzerhand hineinschoss.
Er spürte den Rückschlag, hörte das Peitschen des Schusses und musste feststellen, dass selbst auf diese Entfernung kein Treffer möglich war.
Die beiden standen nach wie vor.
Aber sie gaben Laute von sich.
Keine menschlichen, die von Raubtieren. Gefährlich hörten sie sich an. Ein drohend und dumpf klingendes Knurren, vermischt mit dem Platzen der Geiferblasen.
Dann sprang der Erste.
Der Mann hatte zwar damit gerechnet, trotzdem wurde er überrascht, als er plötzlich den Schatten auf sich zuhuschen sah, sich das Knurren verstärkte und zwei gefährliche Hände, zu Krallen geöffnet, gegen ihn schlugen.
Der Mann riss abwehrend die Arme hoch. Es war ein verzweifelter Versuch, aber es gelang ihm nicht, den Angriff der ersten Bestie zu stoppen. Sie wuchtete gegen ihn. Ihre Hände umkrallten seinen Hals, drückten die Kehle zusammen und rissen ihn gleichzeitig vom felsigen Boden hoch.
Seine Chancen schwanden.
Er bekam keine Luft mehr, schoss noch einmal, aber die Kugel fegte in den wolkenlosen Himmel.
Dann kam der Zweite.
Einen Sprung brauchte er, um den Mann zu erreichen. Sein Kopf glänzte in einem tiefen Schwarz, dazwischen funkelten kalte Augen, er sah Zähne und spürte den Biss.
Grausam war es. Die Zähne drangen durch seine Kleidung. Sie hackten in das Fleisch, rissen Wunden, er spürte die Schmerzen, die ihn fast wahnsinnig machten, und wurde gegen den Abgrund gedrängt.
Auch der Erste biss zu.
Der Mann schrie.
Er schrie so lange, bis der Laut in einem Gurgeln erstickte und er Blut schmeckte. Dass man ihn bereits in die Nähe des Abgrunds gedrückt hatte, nahm er nicht mehr wahr. Er ging nach hinten, folgte dem Druck – und trat ins Leere!
Dann fiel er.
Die Bestien hatten ihn losgelassen, waren stehen geblieben und schauten dem Körper nach, der in der gewaltigen Schlucht verschwand.
Er wirkte wie eine Puppe. Er fiel, wurde kleiner, und die Endlosigkeit der Tiefe schien ihn aufzusaugen. Ein Schrei hallte durch die Schlucht und verwehte in der klaren Bergluft.
Der Körper überschlug sich, taumelte, fiel dann senkrecht hinab. Die Arme breiteten sich aus, der Mann lebte trotz der schweren Verletzungen. Plötzlich empfand er den freien Fall als etwas Herrliches. Nie zuvor im Leben hatte er sich so wohl gefühlt. Er genoss die absolute Freiheit.
Ja, er fühlte sich so frei wie ein Vogel …
Aber die Schlucht kannte keine Gnade. Es gab keine helfenden Hände, die ihn aufgefangen hätten. Der Boden näherte sich ihm mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Er wirkte auf den Fallenden wie ein Magnet, und nichts konnte ihn abstoßen.
In der Tiefe bildeten die Felsen einen Trichter. Und darauf raste er zu, verschwand darin und schlug auf.
Es war der mit Geröll bedeckte Boden, auf den er krachte. Riesige Steine, manche größer als Menschen, konnten zu gefährlichen Gerölllawinen werden, wenn der Schnee taute. Den Aufprall des Menschen aber nahmen sie einfach hin.
Der Mann tickte noch einmal auf, nachdem er hochgeschleudert worden war, dann geriet er ins Rutschen. Ein Körper, der zerschmettert worden war und wie ein Bündel wirkte, in das man Knochen gefüllt hatte. Ein paar Blutspritzer blieben auf dem grauen Gestein und dem Boden der Schlucht zurück, durch die, eine Felsetage tiefer, ein wilder Bach über glattes Gestein schäumte.
Den erreichte der Mann nicht mehr. Er blieb liegen.
Ein paar Steine rollten nach, mehr passierte nicht.
Die Stille des Todes überdeckte alles.
Hoch oben aber standen die beiden Wesen und starrten in die Tiefe. Sie waren zufrieden und drehten ab, um dorthin zu gehen, wo sie und der Mann hergekommen waren.
Schnell kam die Nacht. Es wurde finsterer und kälter. Irgendwann fiel Schnee. Er rieselte in gewaltigen Massen aus den tief hängenden Wolken. Innerhalb kurzer Zeit breitete er sein bleiches Leichentuch über die grandiose Bergwelt aus und bedeckte die Leiche des Zerschmetterten.
Mit dem Schnee kam die Kälte.
Das Thermometer fiel tiefer. Es begann eine monatelange Eiszeit, und die Leiche blieb weiterhin in der Schlucht liegen. Niemand kümmerte sich um sie. Selbst umherstreunende Wölfe ließen sie in Ruhe. Sie trauten sich erst gar nicht in die Nähe, obwohl sie hungrig waren. Irgendetwas hielt sie davon ab, sich an dem Menschen zu laben.
Die große Decke des Vergessens breitete sich über der Schlucht aus. Es war niemand da, der diese einsame Gegend durchforschte. Die Menschen hatten andere Dinge zu tun.
Und so vergingen fünfzig Jahre …
***
Kalkutta, Indien.
Eine Riesenstadt. Ein Moloch, eine Ansammlung aus Hütten und Hochhäusern. Armut und Reichtum lagen nah beieinander. Glaube und Aberglaube reichten sich die Hand, und durch dieses gewaltige Konglomerat wälzten sich träge die Fluten des berühmtesten indischen Flusses, des Ganges.
Kalkutta brodelte, Kalkutta lebte. Und Kalkutta wollte nicht abseits stehen. So gab es eine Universität ebenso wie wissenschaftliche Forschungsanlagen, die sich mit dem Umweltschutz auseinandersetzten. Ein großes Stahlwerk produzierte Dreck und Rauch, der sich mit dem Qualm vermischte, der von den am Ufer des Flusses verbrennenden Leichen stieg.
In Kalkutta wohnten mehrere Millionen Menschen auf engstem Raum. Und einer von ihnen war eine besondere Erscheinung.
Er hieß Mandra Korab!
Ein Bild von einem Mann. Hochgewachsen, intelligent, kräftig. So hatten sich in den Fünfzigerjahren die Hollywoodleute einen Bilderbuch-Inder vorgestellt.
Es gab ihn also.
Und Mandra Korab war tatsächlich ein besonderer Mensch.
Reich war er durch ein Erbe geworden, aber er hatte gleichzeitig ein schweres Schicksal zu tragen, denn er gehörte zu den wenigen Menschen, die wussten, dass es Schwarze Magie gab. Und er wusste außerdem, wie gefährlich sie sein konnte.
Er hatte hinter die Kulissen schauen können. Er kämpfte gegen die furchtbaren und fleischgewordenen Gestalten einer anderen Welt und Dimension. Er war schon in den Armen der Totengöttin Kali gefangen gewesen, er hatte in einer Schiffsplanke gesteckt, und ihm war Schlimmes auf der Suche nach seinen sieben Dolchen widerfahren, die für ihn lebenswichtig waren.
Mandra war ein Mensch, der kämpfen konnte. Er gab nie auf, stellte sich den Problemen der Welt und der magischen Zone, die hinter der normalen Welt lag.
Der Inder lebte in einem Palast, umgeben von einem herrlichen tropischen Garten. Man konnte ihn, wenn man ihn nicht näher kannte, für einen Märchenfürsten halten, doch wer in die Augen dieses Menschen schaute und die Güte sowie den Ernst darin erkannte, änderte seine Meinung schnell. Mandra Korab war kein Märchenprinz. Er stand mit beiden Beinen im Leben und wusste, wie ungerecht die Güter auf der Welt verteilt waren. Aus diesem Grund hatte er einen Teil seines Vermögens abgegeben, um zu helfen. Und er half weiterhin.
An diesem Tag jedoch bedrückten ihn andere Probleme. Ein guter Bekannter hatte ihn angerufen, um mit ihm über eine gewisse Sache zu sprechen. Der Bekannte war Professor an der Uni Kalkutta und gleichzeitig ein hochdekorierter Forscher, der sich auf den Gebieten der Archäologie und der Medizin einen Namen gemacht hatte.
Er hieß Dehbril.
In Mandras Alter war er, und die beiden Männer kannten sich schon seit Jahren. Zudem wusste Professor Dehbril, mit welchen Dingen sich Mandra beschäftigte. Aus diesem Grund hatte er den Freund zu sich gebeten.
Mandra Korab kannte sich auf dem Gelände der Uni aus. Er verlief sich nicht in den zahlreichen Gebäuden oder auf den Straßen, die das Unigelände durchzogen.
Die Luft war warm und feucht. Der Inder trug einen leichten beigefarbenen Alpaka-Anzug und einen kunstvoll geschlungenen Turban auf dem Kopf. Auf eine Krawatte hatte er verzichtet. Das Seidenhemd stand drei Knöpfe weit offen.
Professor Dehbril hatte seine Labors in den Kellerräumen des Gebäudes. Dort forschte er oft tagelang und wollte von niemandem gestört werden.
Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, als Archäologe und Mediziner mehr über die Entstehung der Menschheit herauszufinden. Dabei hatte er einige Erfolge errungen. Vor zwei Jahren hatte man ihn für den Nobelpreis vorgeschlagen, es aber wieder verschoben, weil Dehbril Theorien vertrat, an die seine einflussreichen Kollegen nicht glauben wollten.
Der Wissenschaftler war nämlich der Ansicht, dass der geheimnisvolle Schneemensch Yeti noch existierte. Und Dehbrils Forschen war auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Aus diesem Grund hatte er einige Expeditionen in das unwegsame Gelände des Himalajas angeführt, Spuren gefunden, aber einen Yeti nie entdeckt. Dennoch wollte er nicht aufgeben.
Mandra Korab wusste, dass sein Freund erst vor wenigen Tagen von einer dieser Expeditionen zurückgekommen war, dann hatte er ihn angerufen, um ihn mit einer Sache zu konfrontieren, die ihm während der Expedition aufgefallen war.
Um was es genau ging, das wusste der hochgewachsene Mann mit den rabenschwarzen Haaren unter dem Turban nicht, als er die Glastür des Instituts aufstieß und eine klimatisierte Halle betrat. Er wandte sich nach rechts.
Dort stand, gebaut als fünfeckiger Glaskasten, die Loge des Portiers, bei dem sich jeder Besucher anmelden musste.
Mandra ging auf die Loge zu und bückte sich, um gegen die im Glas eingelassene Sprechmembrane reden zu können. »Ich habe eine Verabredung mit Professor Dehbril.«
»Wen darf ich melden?«
»Mandra Korab.«
»Bitte, warten Sie einen Moment!«
Mandra nahm in einem der weichen Sessel Platz. In der Nähe saßen zwei Studenten. Sie trugen weiße Kittel und unterhielten sich angeregt.
Der Portier kam zu Mandra. »Sie werden erwartet, Sir. Wissen Sie …?«
»Ja, ich weiß Bescheid. Danke.« Mandra erhob sich. Er stattete seinem Freund nicht zum ersten Mal einen Besuch ab.
Und so ging er auf einen der Fahrstühle zu.
Mandra fuhr in den Keller und verließ den Lift.
Durch einen breiten Gang ging er und erreichte die Büros der Mitarbeiter. Professor Dehbril gehörte zu den beiden Leitern dieser Abteilung. Bei Dehbril, er hatte eine englische Mutter und einen indischen Vater, vereinten sich zwei Rassen. Sein dunkles, gescheiteltes Haar stand im Gegensatz zu der fast weißen Haut, die jetzt allerdings einen rötlichen Schimmer bekommen hatte. In der letzten Zeit hatte er sich viel im Freien aufgehalten und den Sonnenstrahlen des Hochgebirges ausgesetzt.
Mit ausgebreiteten Armen kam er Mandra entgegen. Der Professor war kleiner als der indische Geisterjäger. In seinen hellen Augen leuchtete die Freude, den Freund endlich wiederzusehen.
Sie umarmten sich. »Mandra, ich bin froh, dass du gekommen bist.«
»Wenn du mich rufst, komme ich sofort.«
»Komm, setz dich!« Dehbril geleitete den Freund zu einer Sitzgruppe aus weichem Leder. Sie nahmen Platz. Zwischen ihnen befand sich ein Glastisch, auf dem ein Telefon stand. Dehbril hob den Hörer ab. »Du trinkst doch Tee?«
»Ja.«
Das Getränk wurde bestellt.
Der Professor lehnte sich zurück. »Erzähl schon!«
»Eigentlich bist du an der Reihe.«
»Ich trete gern zurück«, sagte Dehbril.
Mandra hob die Schultern. Er konnte seinem Gegenüber vertrauen, und er berichtete von dem Pech, das er bei der Suche nach den sieben Dolchen gehabt hatte.
Dehbril hörte aufmerksam zu. »Hast du sie denn jetzt wieder komplett?«
Als Antwort öffnete Mandra sein Jackett. In Höhe der Hüfte trug er einen schwarzen Stoffgürtel, aus dem die Griffe zweier außergewöhnlicher Dolche ragten.
Sie sahen aus wie blutrote, in die Länge gezogene Leimtropfen. Die Klingen waren tiefschwarz und trotzdem glänzend. Der Professor konnte es nicht sehen, weil der schärpenartige Gürtel sie verdeckte.
»Das sind sie.«
»Dann hast du sie doch wiedergefunden. Kompliment, Mandra.«
»Es war schwer genug. Leider sind es nur zwei. Die anderen wurden zerstört.«
»Das glaube ich dir.«
Der Tee wurde von einer jungen Frau im weißen Laborkittel serviert. Das Tablett mit der Teekanne ließ sie auf dem Warmhalteporzellan stehen. Lächelnd ging sie davon.
Die beiden Männer tranken. Der Professor hatte viele Fragen, aber er wusste, dass sein Problem drängte.
»Ich habe dich gerufen, Mandra, weil ich deinen Rat brauche«, erklärte er.
»Bitte!«
Dehbril nickte. »Du weißt selbst, dass meine medizinischen Forschungsergebnisse nur von einem Teil der Kollegen anerkannt werden. Andere belächeln mich, weil ich nicht aufgegeben habe, nach dem legendären Yeti zu suchen.«
»Du hast ihn aber nicht gefunden?«, fragte Mandra nach. Es klang kein Spott aus seiner Stimme, denn er war beinahe davon überzeugt, dass es diesen Yeti gab.
»Nein, ich fand ihn auf meiner letzten Expedition nicht. Dafür etwas anderes, das dich und vielleicht deine Freunde im fernen London interessieren dürfte.« Dehbril legte die Stirn in Falten und dachte einen Moment nach. »Wir sind wieder in die Berge gestiegen, weil ich durch mündliche Aussagen zweier Nepalesen einige Anhaltspunkte bekommen hatte, wo sich der Yeti unter Umständen aufhalten könnte. Wir machten uns also auf den Weg in die Berge, erreichten das Ziel und begannen dort, wo unser Basislager stand, mit der Suche. Sie gestaltete sich sehr schwierig, weil wir in ein Gebiet geraten waren, das unterhalb der Hochebenen lag. Es war zerklüftet und durchzogen von gewaltigen Canyons, die wie finstere Massengräber wirkten. Aber ich will dich nicht mit Einzelheiten langweilen. »
Mandra Korab nickte.
»Vorweg gesagt, den Yeti fanden wir nicht, dafür erreichten wir eine Schlucht, wie ich sie düsterer nicht gesehen hatte. Es war am Ende unserer Reise, als wir diese Schlucht erforschten. Bei bitterer Kälte. Obwohl die Sonne hineinschien, tauten das Eis und der Schnee nicht weg. Diese Schlucht untersuchten wir sorgfältig. Und was soll ich dir sagen? Wir wurden fündig. Wir fanden etwas, das ebenso interessant sein kann wie der Yeti.«
»Was war es?«
»Ein Mensch. Begraben in einem gewaltigen Eisblock. Der Tote musste schon lange Jahre dort liegen. Er war bisher nur nicht entdeckt worden. Wir überlegten, was wir mit ihm anstellen sollten. Zurücklassen wollten wir ihn nicht. Wir bohrten den Eisblock an, schoben eine Sonde in den Spalt und fotografierten den Toten. Es war ein Europäer, das erkannten wir. Er musste sich alle Knochen bei einem tiefen Sturz gebrochen haben, und eigentlich wäre daran nichts Besonderes gewesen, bis auf eine Kleinigkeit.«
»Welche?«
»Einen Moment, ich werde dir die Bilder zeigen.« Professor Dehbril griff in seine Innentasche und holte einen Umschlag hervor. Er öffnete und schüttelte ihn, sodass vier Fotos herausrutschten. Die Aufnahmen glitten auf den Glastisch.
»Schau sie dir an!«
Mandra griff danach. Er hielt das erste Bild gegen das Licht. Die Sonde hatte durch den dünnen Eiskanal fotografiert und zeigte den Eingefrorenen aus verschiedenen Perspektiven. Auf den Schultern saß kein normaler Kopf, sondern etwas Schwarzes.
Dehbril machte Mandra darauf aufmerksam. »Nun?«
Mandra legte die Aufnahmen wieder weg. »Ein Mensch, das habe ich erkannt. Aber dir geht es sicherlich um den Kopf, wenn ich mich nicht irre.«
»So ist es.«
»Und?«
Dehbril hob die Schultern. »Wir wissen es nicht genau, aber wir sind dabei, es herauszufinden.«
»Das heißt, ihr taut ihn auf.«
»So ist es. Und ich wollte dich gern dabeihaben.«
Mandra lächelte wissend. »Du hast sicherlich eine Vermutung.«
»Das habe ich in der Tat. Ich halte diesen Menschen für keinen Menschen mehr.«
»Sondern?«
»Woraus dieser Kopf besteht, ist mir nicht bekannt, aber ich kann davon ausgehen, dass es sich bei dem Eingefrorenen um eine, sagen wir, Mutation handelt.«
»Dir fehlt aber der Beweis.«
»Ja. Aber ich möchte ihn heute bekommen. Und deshalb habe ich dich eingeladen, Mandra.«
Der indische Geisterjäger griff nach seiner Teetasse und nahm einen Schluck. Als er sie abstellte, lächelte er wieder. »Wenn du mich schon hinzurufst, kann ich davon ausgehen, dass du bei diesem Fund Magie vermutest. Habe ich recht?«
»Ja.«
»Und welche?«
»Ich kann es dir nicht sagen. Du bist der Fachmann. Für mich ist dieses Wesen, das wir gefunden haben, eine Mutation. Eine Mischung aus Mensch und Tier.«Dehbril warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich schätze, dass wir es uns in ein paar Minuten näher ansehen sollten. Ich habe den Fund in mein Labor schaffen lassen. Dort kümmern sich meine Assistenten um ihn.«
Mandra schenkte Tee nach. Sein Freund lehnte ab. »Aber zu deinem von dir so gesuchten Yeti möchtest du keine Verbindung ziehen, oder?«
»Nein, das habe ich nicht vor. Ich glaube nicht, dass der Yeti etwas mit dem Wesen zu tun hat, das wir gefunden haben. Der Yeti ist, ich will mal sagen, normal. Dieses Wesen aber kann durch einen magischen Einfluss entstanden sein, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Natürlich.« Mandra wollte gerade einen Schluck nehmen, als die Männer hastige Schritte hörten und die Tür zum Arbeitszimmer des Professors mit einem Ruck aufgerissen wurde.
Die junge Mitarbeiterin, die vorhin den Tee gebracht hatte, stand auf der Schwelle. Sie zitterte vor Angst. Der weiße Kittel zeigte rote Blutflecken. Ihr Gesicht war kalkbleich.
Mandra und der Professor sprangen auf.
»Was ist passiert?«, rief Dehbril.
»Kommen Sie, kommen Sie! Der … der Mann im Eis. Das ist … ist ein Monster.«
»Und die anderen?«
»Sie sind verletzt. Vielleicht …«
»Warten Sie hier!«, sagte Dehbril.
Der Professor und Mandra Korab zögerten keine Sekunde. Sie drängten sich an der jungen Frau vorbei, und Mandra ließ seinem Freund den Vortritt, weil der sich da unten auskannte.
Sie hetzten durch einen steril wirkenden Gang mit weißen Kunststoffwänden, passierten Glasfenster und erreichten schließlich eine Metalltür, die zu den Laborräumen führte.
Der Professor riss sie auf. Wieder unterteilte sich der Komplex in mehrere Laborräume. Überall standen lange Tische mit den Apparaturen und Chemikalien. Die Wissenschaftler, die dort arbeiteten, waren durch die Bank weg bleich geworden, denn sie hörten ebenfalls die Schreie aus einem der anderen Räume hallen.
Dehbril rannte darauf zu. Er kümmerte sich nicht um die Kommentare der Mitarbeiter, zog die Tür auf, und Mandra spürte bereits die Kälte, die ihm entgegenströmte.
Hinter der Tür musste eine Sezierkammer liegen, wie man sie von der Pathologie her kannte.
Auf der Schwelle blieben die beiden Männer stehen. Und Mandra Korab sah, weshalb die Mitarbeiter des Professors diesen furchtbaren Schrecken erlebt hatten …
***
Der Fund hatte in einem Metallbehälter gelegen, der seinen Platz auf einem Stahltisch gefunden hatte. Das Eis musste bereits aufgetaut worden sein. Isolierte Drähte führten von dem Behälter zu einer Stromquelle, die Energie lieferte.
Der »Inhalt« befand sich nicht mehr in dem Stahlkasten. Er hatte ihn bereits verlassen und hockte in einer Ecke des Raums.
Mandra sah ihn, wirkte aber ruhig. Dann schaute er sich die beiden Männer an, die am Boden lagen und schwere Verletzungen aufwiesen. Entweder Bisse oder gefährliche Hiebe. Sie waren nicht in der Lage, sich zu erheben.
Dehbril sagte etwas, das wohl niemand verstand. Nicht einmal er selbst.
Mandra schob den Professor zur Seite, als er in den Raum hineintrat. »Bleib du zurück!«
»Aber gib acht, der ist …!«
»Schon gut.« Korab wollte keine Diskussion mehr. Ihn interessierte dieses aufgetaute Wesen, das eine Mischung aus Mensch und Raubtier war.
Eine Mutation …
Es kauerte in der Ecke. Seine Kleidung war zerfetzt, eingerissen, und auf den Schultern wuchs tatsächlich der Schädel eines Raubtiers. Er gehörte zu einem Panther. Mandra knöpfte sein Jackett auf. Wenn es sein musste, wollte er blitzschnell an seine Dolche herankommen. Aber noch unternahm er nichts, sondern ging auf den anderen zu.
