John Sinclair Sonder-Edition 61 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 61 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Sie hieß Eve, war zwanzig Jahre jung, lieb und ein wenig naiv, aber bei allen Menschen beliebt. Er war ein Ghoul, über sein Alter und seine Herkunft wusste man nichts.
Die junge Frau interessierte sich für ihn, und er wurde ihr bester Freund. Sie, die Naive, und er, der Ghoul.

Eine Partnerschaft, die für London zum Verhängnis werden sollte ...

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EPUB

Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Ihr Freund, der Ghoul

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Ballestar/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5340-2

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Ihr Freund, der Ghoul

von Jason Dark

Der Mann deutete mit dem Finger auf seine sich bewegenden Wangen. Als ich seine Bude betrat, hatte er sich gerade den letzten Sandwichbissen in den Mund geschoben. Aus der Thermoskanne schenkte er sich jetzt einen Schluck Kaffee ein und spülte den Rest herunter.

Ich hatte auf einem Klappstuhl Platz genommen und schaute ihm zu. Er hieß Ziegler, trug feste graue Drillichkleidung, und am Haken hinter ihm hing eine gefütterte Gummijacke. Er war ungefähr in meinem Alter. Den größten Teil seiner dunklen Haare hatte er unter einer Mütze verborgen.

»So«, sagte er, beugte sich vor und griff nach den Zigaretten. Das Licht der Deckenlampe streifte jetzt sein Gesicht. Auf den Wangen sah ich einen dunklen Bartschatten. »Wissen Sie, ich muss etwas essen, bevor ich Ihnen das zeige. Hinterher schmeckt es mir nicht mehr.«

»Ist es so schlimm?«

Er schüttelte sich und winkte gleichzeitig ab. »Schlimmer, Mister. Aber Sie als Polizist sind ja einiges gewöhnt. Oder sind Sie nicht Oberinspektor John Sinclair?«

»Doch, der bin ich.« Ich holte meinen Ausweis hervor, um ihm das Dokument zu zeigen.

»Nein, nein, lassen Sie mal stecken! Bei diesem Wetter wagen sich nur Polizisten und Verrückte auf die Straße.«

Ich lächelte. »Danke, dass Sie mich nicht in die zweite Kategorie eingestuft haben.«

Er wischte seine Hände an einem grauen Handtuch ab. »Ich sage mir immer, Ziegler, sage ich, die Welt ist voll mit Verrückten. Sorg du dafür, dass sie noch voller wird!« Er lachte breit, stand auf und griff nach seiner Gummijacke.

Ich hatte meinen Burberry erst gar nicht ausgezogen. Er war feucht, aber gut imprägniert, sodass das Wasser daran abperlte. Es herrschte scheußliches Wetter. Da jagte man keinen Hund raus.

Ziegler knöpfte seine Jacke zu. Bevor er die Tür öffnete, drehte er sich noch einmal um. »Werkzeuge brauchen wir nicht mitzunehmen. Die liegen draußen.«

»Sie sind der Chef.«

Er lachte kratzig. »Das wäre was. Dann würde ich nicht in dieser kalten Bude sitzen, sondern meinen Hintern auf einem gepolsterten Bürostuhl wärmen und mich freuen, als städtischer Angestellter unkündbar zu sein. So aber bin ich nur ein Schleusenwärter und passe auf, dass unser gutes Londoner Trinkwasser nicht verschmutzt wird und die Leute am Leben bleiben.«

»Ist doch auch eine Aufgabe, oder?«, sagte ich.

»Klar, sie hat sogar Ähnlichkeit mit Ihrem Job. Ich jage vierbeinige Ratten, Sie zweibeinige.«

»Wobei die zweibeinigen gefährlicher sind.«

»Das glaube ich Ihnen.« Ziegler hantierte an der Tür. »Die klemmt nach wie vor«, beschwerte er sich.

Gleichzeitig drückte der Wind dagegen, der uns den kalten Novemberregen ins Gesicht peitschte. Ich stellte den Kragen hoch. Da ich keine Hüte trage, bekam ich natürlich den Segen aufs Haar.

Wir wandten uns nach links.

Es war nicht völlig dunkel, aber die Wolken hingen tief. Hinter dieser grauen Wand entdeckte ich den letzten Rest der allmählich verschwindenden Helligkeit.

Über einen Steg aus Metallplatten liefen wir hinweg. Rechts von uns lagen die großen Bassins, wo das Schmutzwasser gereinigt wurde.

Es waren gewaltige Becken, und sie standen miteinander durch Schotts in Verbindung. Die Wasserflächen sahen dunkel aus. Schräg fuhr der Regen über sie hinweg.

Mir gefiel es nicht, draußen herumzuturnen, aber was sollte ich machen? Der Anruf war gekommen, und Sir James, mein Chef, hatte beschlossen, dass mein Kollege Suko und ich die Sache in die Hand nahmen.

Ziegler ging vor. Einmal drehte er sich kurz um. »Geben sie acht, die Platten sind oft rutschig!«

»Meine Schuhe haben Gummisohlen.«

»Das ist gut.« Auch er trug Gummistiefel.

Im feinen Sprüh war nicht viel zu erkennen, doch am Ende des Metallstegs wuchs etwas in die Höhe. Ein viereckiger Schatten, der sich beim Näherkommen als Haus hervorkristallisierte, das heißt, es war mehr eine Plattform mit einem Schutzdach.

Dort wartete Ziegler auf mich. An einer Seite lehnten die Geräte. Stangen, Haken und dünne Metallnetze.

»Damit holen wir all das Zeug aus dem Wasser, das irgendwelche Typen hineinwerfen«, meinte er. »Die schaffen das immer, obwohl unser Gelände eingezäunt ist.«

»Wer es darauf anlegt, etwas zu zerstören, schafft es meistens«, fügte ich hinzu.

»Da haben Sie recht.«

Die Plattform besaß eine hüfthohe Brüstung. Zu den Becken war ein kleines Metalltor eingelassen. Ziegler hob eine Kette an, löste einen Verschluss und öffnete die Tür.

Direkt dahinter führte eine Treppe aus gitterartigen Metallstufen so weit in die Tiefe, bis sie am Rand eines der Becken auslief. Sie endete auf einem begehbaren Sims.

»Ist es da unten?«, fragte ich.

»Richtig.« Ziegler nickte. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich vorgehe?«

»Nein, ganz und gar nicht. Sie kennen sich hier aus.«

»Das kann man wohl sagen. Bin lange genug in diesem Job.« Er war ein Mensch, der gern erzählte. Wahrscheinlich hatte er während seiner Arbeit nur wenig Abwechslung.

An einem Geländer hielt ich mich fest. Dabei setzte ich meine Schritte vorsichtig, denn die Stufen waren feucht und verflixt rutschig.

Ziegler erwartete mich auf dem Sims stehend. Noch sah ich nichts von dem großen Fund, nur die Wasserfläche lag vor mir. »Wo ist denn das Zeug?«

Er deutete in eine Ecke. »Da müssen wir hin. Ich habe es bereits eingefangen, wissen Sie. Es gibt da extra für diese Sachen konstruierte Metallnetze. Das ist wie bei den Fischen. Die Dinger hängen jetzt drin.«

Lange brauchte ich nicht mehr zu warten. Schon nach wenigen Schritten erkannte ich dicht über der Wasserfläche etwas Helles, Weißes. Und dann hatte ich das Ziel erreicht.

Ziegler deutete in die Tiefe. »Da, schauen Sie sich das Zeug genau an! Anschließend können Sie mir sagen, was das alles bedeuten soll. Ich komme da nicht mehr mit.«

Sicherheitshalber ging ich in die Knie. Das Metallnetz mit seinem Inhalt schwebte zwischen Wasseroberfläche und Beckenrand. Es war an zwei Haken befestigt.

Mich interessierte nicht das Netz, sondern der makabre Inhalt.

Bleich, weiß und nass lagen in dem Netz menschliche Knochen …

Ich war schon vorher über den Fund informiert worden, dennoch musste ich schlucken, denn die Knochen waren zum Teil zersplittert oder zerhauen worden. Halbe Schädel lagen zwischen Arm- und Beinknochen. Manche Köpfe sahen aus wie durchgebissen, aber eines hatten alle gemeinsam.

Sie waren glatt und völlig blank, als hätte sie jemand abgenagt oder abgewaschen.

»Was sagen Sie?«, fragte mich Ziegler.

»Das sind Gebeine.«

Er lachte glucksend. »So viel weiß ich auch, aber wie kommen die in dieses Bassin?«

»Keine Ahnung. Eigentlich müssten Sie das wissen, Mister Ziegler.«

»Wieso das denn?«

»Weil Sie sich hier auskennen. Sie wissen, welchen Weg das Wasser nimmt, wie es fließt und …«

»Die Schotts sind selten offen.«

Ich richtete mich auf. »Das reicht ja schon.« Dann wechselte ich das Thema. »Können Sie das Netz hochhieven?«

»Klar. Was haben Sie vor? Wollen Sie die Knochen herausholen?«

»Liegenlassen kann ich sie wohl schlecht. Aber die Arbeit könnten andere übernehmen. Oder sind Sie dafür zuständig, Mister Ziegler?«

Er ging einen Schritt zurück und hob beide Hände. »Nein. Das kann niemand von mir verlangen. Ich treibe mich einmal in der Woche in der Kanalisation herum, das ist schlimm genug, und darüber beschwere ich mich nicht. Aber so etwas wie das …«

»Schon gut, Mister Ziegler. Ich werde jemanden finden, der die Arbeit übernimmt.«

»Danke.«

In meinem Job hatte es ich fast nur mit makabren Dingen zu tun. Natürlich auch mit Knochen. Ich hatte mit einem Blick festgestellt, dass es sich um Menschenknochen handelte. Dass die aber so blank und abgenagt aussahen, war seltsam.

Wenn Ratten hungrig sind, machen sie sich über alles her. Sie durchwühlen im Laufe der Zeit sogar Beton, aber so hungrige Ratten gab es meines Erachtens nicht in London. Zudem war dieser Knochenfund nicht der erste. Fünfmal waren innerhalb der letzten drei Wochen in London menschliche Gebeine gefunden worden. Und zwar an verschiedenen Orten, die eines gemeinsam hatten: das Wasser. In der Kanalisation, in einem Themsekanal, im Fluss selbst, jetzt hier, aber die Fundstellen lagen weit auseinander, und das gab mir Rätsel auf.

Wir waren spät in den Fall eingestiegen. Erst langsam hatte sich Sir James von den Meldungen überzeugen lassen, dass es ein Fall für uns war.

Nun ja, ich hatte die Knochen gesehen und würde die nötigen Ermittlungen in die Wege leiten.

Ziegler schaute mich an, als erwartete er von mir das große Seelenheil oder die Lösung des Falls.

»Mister Ziegler«, sprach ich ihn an, »wenn ich einmal davon ausgehe, dass jemand die Gebeine in dieses Becken geworfen hat, muss dieser Unbekannte das Gelände betreten haben …«

»Aber ich habe niemanden gesehen.«

»Tatsächlich nicht?«

»Nein.«

»Drehen Sie denn regelmäßig Ihre Runden?«

Er schüttelte den Kopf. »Wie kommen Sie darauf? Ich bin nicht als Wächter angestellt, sondern als Überwacher.« Er hob den rechten Zeigefinger. »Das ist ein großer Unterschied.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Gibt es überhaupt Nachtwächter?«

»Ja, manchmal dreht einer von uns bei der Nachtschicht seine Runden. Wie gesagt, wir überwachen nur. Haben Sie nicht in meiner Bude das kleine Steuerpult gesehen?«

»Schon.«

»Da sitze ich vor.«

Ich nickte. »All right, Mister Ziegler. Ich gehe jetzt zu meinem Wagen zurück und werde mich um die Sache kümmern. Dann schicke ich Ihnen jemanden, der die Knochen einsammelt und zum Yard zur Untersuchung bringt. Ist das in Ihrem Sinn?«

»Da fragen Sie noch?«

Ich griente, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie happy Ziegler war, dass er mit der Sache nichts mehr zu tun hatte. Diesmal ging ich vor. Als wir an seiner Bude angelangt waren, verabschiedete ich mich von ihm.

»Finden Sie den Weg zurück?«, wollte er wissen.

»Klar, ich habe ihn auch hergefunden.«

»Dann bis später.«

Ich ging los. Der Regen sprühte jetzt von der Seite heran, aber das Wasser hatte sich am Kragen gesammelt und rann unangenehm kalt in meinen Nacken. Der Steg war nach ungefähr zweihundert Yards erst zu Ende. Über eine Leiter erreichte ich wieder das normale Erdniveau.

Ich befand mich nach wie vor auf dem Gelände der Kläranlage. Die Themse lag nicht weit entfernt. Über dem Wasser schwebte ein dünner Dunstfilm. Hin und wieder hörte ich das Tuten einer Schiffssirene.

Über Kies und Gras ging ich dem Gittertor entgegen, das man für mich extra geöffnet hatte. Mein Bentley parkte auf dem Gelände der Kläranlage. Um die Becken von außen her vor neugierigen Blicken zu schützen, hatte man dicht hinter dem Zaun hohe Bäume angepflanzt. Ein umweltaufbauender Mischwald, dessen Blattwerk auf dem Boden eine weiche Schicht bildete, durch die ich laufen musste.

Einsam und verlassen stand mein Bentley vor dem Tor. Sein Lack hatte nur noch einen matten Glanz. Auch dieser alte Knabe kam allmählich in die Jahre. Ich aber wollte ihn fahren, solange es möglich war.

Bevor ich einstieg, wischte ich mir das Wasser aus den Haaren. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und schaute sinnend dem blauen Dunst nach. Schon mancher Fall hatte relativ harmlos angefangen und sich dann zu einer Bombe entwickelt.

Ich hatte in diesem Augenblick ebenfalls das Gefühl, als würde ich auf einem Pulverfass sitzen, dessen Lunte bereits brannte …

***

Als die Frau das Geschäft betrat, wusste Eve Bennett sofort, dass sie nichts kaufen würde und sich nur aufwärmen und trocknen wollte, weil es draußen regnete und kalt war.

Trotzdem lächelte sie freundlich. »Guten Tag, Madam, was kann ich für Sie tun?«

Die Frau blieb stehen. Sie trug einen Topfhut und einen unmodernen braunen Mantel. Wassertropfen verzierten ihre Brillengläser, und die Hände steckten in dünnen Handschuhen. Mit der Rechten hielt sie den gekrümmten Griff des Stockschirms fest. Das Wasser floss an der Außenhaut entlang und tropfte zu Boden.

»Danke, mein Kind, ich will mich nur einmal umsehen. Sicherlich finde ich mich allein zurecht.«

»Sehr wohl, Madam«, erwiderte Eve weiterhin freundlich, verdrehte aber die Augen, als sich die Frau von ihr abwandte.

So war es oft in letzter Zeit. Da kamen Kunden, schauten sich um und wirkten manchmal so arrogant, als wollten sie die ganzen Bestände aufkaufen.

Wenn die Kunden dann doch nichts gekauft und den Laden verlassen hatten, wurde Eve von Mr. Carruthers zur Rechenschaft gezogen, als hätte sie den Kunden vom Kauf abgeraten.

Carruthers & Carruthers, so hieß der Laden. Es war ein Wäschegeschäft. Keines von den modernen, die sich überall etabliert hatten und Sexwäsche verkauften, nein, bei Carruthers & Carruthers wurde so bedient und verkauft, wie es schon vor fünfundzwanzig Jahren der Fall gewesen war, als der ältere Bruder noch gelebt hatte. Jetzt führte der jüngere Mr. Carruthers das Geschäft allein.

Er war Junggeselle, fast schon an die Fünfzig. Ein Typ, den die meisten Menschen nicht mochten. Höchstens einige Kunden, denen er schmeichelte. Hart dagegen war er zu seinen Angestellten, wie Eve Bennett oft erfahren hatte. Aber was sollte sie machen? Es gab so gut wie keine Stellen. Sie war froh, als Verkäuferin einen Job zu haben.

Da ließ man sich manches gefallen, selbst die manchmal unangenehmen Blicke des Junggesellen.

Als einzige Neuerung hatte die Firma Carruthers im Laufe der Zeit die alte Verkaufstheke abgeschafft und drei neue an verschiedenen Stellen im Laden aufgestellt. So wirkte der große Raum aufgelockerter und nicht mehr ganz so fade.

Die Kundin strich an den Regalen entlang. Ihr Weg war genau zu verfolgen, da Wasser vom Schirm tropfte und eine nasse Spur hinterließ. Sie hatte den Kopf vorgestreckt, die Brillengläser gesäubert und lief vorbei an den Tischdecken, Bettbezügen, Nachthemden und Blusen.

Die Farben der einzelnen Stücke waren längst überholt. Es fehlte der Pep. Nichts Buntes war im Angebot, nichts Modernes, bei der Unterwäsche ebenfalls nicht. Nach Tangas suchte man vergeblich, dafür waren die alten Liebestöter en masse zu haben.

Vorsichtig näherte sich Eve der Kundin, sie hatte gelernt, Leute einzuschätzen. Und diese Kundin gehörte nicht gerade zu den nettesten. So blieb Eve einen Schritt entfernt stehen und wartete in einer demutsvollen Haltung ab.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Madam?«, fragte sie nach einer Weile. »Wir haben, wie Sie sicherlich selbst sehen, eine große Auswahl und …«

Die Kundin drehte sich um. Unwille zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. »Ich habe Ihnen doch gesagt, Miss, dass ich nicht gestört werden will. Haben Sie das verstanden?«

»Natürlich, Madam.« Eve ärgerte sich so, dass sie rot anlief. »Aber es war nur gut gemeint.«

Die Frau wollte etwas erwidern, als sie plötzlich stutzte. Die Augenbrauen schoben sich zusammen, ihr Gesichtsausdruck wurde lauernd, und sie bewegte die Flügel ihrer spitzen Nase.

»Ist etwas?«, fragte Eve. Sie war irritiert.

»Ja, hier riecht es.«

»Wieso? Nach Wäsche. Sie ist frisch. Deshalb hat sie nun mal einen anderen Geruch.«

»Das meine ich nicht. Es ist ein anderer Gestank.«

»Madam, ich bitte Sie. Gestank, nein, das …« Eve zitterte innerlich. Die Frau hatte laut gesprochen. Wenn Carruthers das hörte, er saß hinten in seinem Büro und rechnete, würde er hervorkommen und sich einmischen. Das Büro hatte nämlich keine Tür, nur einen Vorhang.

»Doch, Gestank!« Die Kundin hob den Schirm und stieß mit der Spitze zweimal hart gegen den Boden. »Und ich weiß auch schon, wo ich ihn gerochen habe.«

»Bitte …«

Sie ließ sich nicht unterbrechen. »Ich bin Witwe. Mein Mann liegt seit einiger Zeit unter der Erde, deshalb gehe ich oft auf den Friedhof, um ihn zu besuchen. Dort habe ich ebenfalls einen solchen Geruch wahrgenommen, mein Kind. Jawohl, auf dem Friedhof. Und Sie riechen ebenfalls nach Friedhof!«

Eve schluckte. »Das ist eine Unterstellung«, flüsterte sie.

Scharf schaute die Frau sie an. »Wollen Sie mich einer Lüge bezichtigen?«

Eve hob beide Hände. »Nein, so war das nicht gemeint.«

Die Kundin nickte. »Dann ist es gut. Aber ich bleibe bei meiner Meinung. Sie riechen nach Friedhof und Grab, daran gibt es nichts zu rütteln, wenn Sie verstehen …«

»Ja, natürlich.«

Über die Lippen der Frau zuckte ein Lächeln, bevor sie sich abrupt abwandte.

Eve atmete auf. Zum Glück hatte ihr Chef nichts bemerkt. Der war immer so leicht aus der Fassung zu bringen, aber die junge Frau sollte noch nicht erlöst werden, denn die Kundin lenkte ihre Schritte nach rechts.

Dort hatte sich Eve endlich einmal durchsetzen können und eine kleine Abteilung eingerichtet, die ihren Vorstellungen entsprach. Sie verkaufte dort Krimskram, wie Carruthers immer sagte. Man konnte es Kunstgewerbe nennen. Eve hatte daran ihre Freude und einen kleinen Triumph, denn an gewissen Tagen wurde von dem Krimskram mehr verkauft als von der übrigen Bettwäsche oder dem unmodernen Zeug, das sich Unterwäsche nannte.

Die Frau blieb dort stehen. Sie sah sich die kleinen Geschenkartikel an. Kinder und Erwachsene hatten ihren Spaß an Stoffpuppen oder witzigen Kalendern. Winzige Holzeisenbahnen oder einen aus Holz geschnitzten Zoo mit kleinen Tieren gab es ebenso. Vom Igel bis zum Löwen war alles vorhanden. Die Decken und Sets waren bunt, sie besaßen Pfiff, die Muster waren originell.

»Können Sie mal kommen?«

»Gern, Madam!« Eve lief schnell hin und blieb an der schmalen Verkaufstheke mit dem gläsernen Deckel stehen. Die Beleuchtung strahlte von innen gegen die ausgestellten Dinge, und die Kundin ließ sich eine kleine Holzkatze zeigen.

»Echte Handarbeit, Madam.« Eve nahm die Katze vorsichtig aus der Verkaufstruhe und hielt sie zwischen zwei Fingern. »Sie gefällt mir auch sehr gut.«

»Das ist mir egal«, erklärte die Frau. »Ich will nur, dass sie mir gefällt.« Sie nahm die schwarz-weiße Holzkatze in die Hand.

»Wie viel soll sie kosten?«

Eve nannte den Preis.

»Zu teuer.« Die Kundin stellte die kleine Katze wieder weg. »Viel zu teuer.«

Eve Bennett hob bedauernd die Schultern. »Ich kann Ihnen leider nichts erlassen, Madam. Wir verdienen kaum etwas daran.«

Die Kundin grinste böse. »Das sagen sie alle und machen das große Geschäft. Tut mir leid, nicht mit mir.« Sie nickte Eve zu und lief an ihr vorbei.

Trotzdem war die Verkäuferin schneller. Am Ausgang hatte sie die Kundin eingeholt und öffnete ihr die Tür.

Die Frau blieb auf der Schwelle stehen. »Ich habe es Ihnen gesagt, Miss, und bleibe dabei. Sie riechen nach Moder!«

Eve schluckte. »Wie Sie meinen, Madam.«

Die Kundin ging. Hastig spannte sie ihren Regenschirm auf und überquerte die Straße. Gegenüber befand sich ein Laden, in dem Körbe verkauft wurden. Den beehrte sie jetzt mit einem Besuch.

Eve atmete auf. Die war sie los, aber wieder einmal hatte ein Kunde nicht gekauft. Das Geschäft lief immer schlechter. Eve fragte sich, wann Carruthers den Laden schließen musste. So konnte es nicht weitergehen. Oder sie mussten von vorn anfangen. Mit einem Umbau, anderer Ware.

Eve drehte sich um – und erschrak.

Mr. Carruthers stand vor ihr. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Er konnte schleichen wie ein Indianer. Wahrscheinlich hatte er alles mitbekommen. Auf seinem breiten Gesicht mit der gelblichen Haut lag ein lauerndes Grinsen. Das schüttere, rötlich-blonde Haar konnte die Glatze kaum verdecken. Er war klein, gedrungen und hatte viele Sommersprossen im Gesicht. Dazwischen wirkten die Augen wie zwei farblose Seen. Er trug eine grüne Strickjacke und seine alte Hose mit den unmodernen schmalen Hosenträgern. Sein Hemd hatte ebenfalls schon bessere Zeiten erlebt.

»Tut mir leid«, sagte Eve.

Carruthers spielte mit einem Ohrläppchen. »Sie ist also wieder gegangen.«

»Ja.«

»Sie haben die Frau nicht halten können?«

»Leider nein.«

Er spielte nach wie vor mit dem Ohrläppchen, und sein Mund wurde noch breiter. »Das ist natürlich nicht gut.« Dann hob er die Schultern. »Es gibt nun mal Kundinnen, die sind mehr als schwierig. Ist auch mir schon passiert.«

Die junge Frau bekam große Augen und schüttelte den Kopf. Diese Worte zu hören, war für sie kaum zu fassen. Sonst hatte ihr Chef immer getobt, aber diesmal zeigte er Verständnis, drehte sich um und ging zurück in sein Büro, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Eve Bennett war baff, denn sie hatte geglaubt, ihren Chef zu kennen.

Achselzuckend ging sie dorthin, wo sich »ihre« Abteilung befand. Kunstgewerbe liebte sie, und sie hätte selbst gern einen kleinen Laden gehabt, doch sie fand den Mut nicht dazu.

Eve gehörte zu den Personen, die bei vielen Menschen beliebt waren. Man schätzte sie zwar als ein wenig naiv ein und nicht gerade intelligent, aber das störte sie nicht. Vielleicht war es in dieser Welt sogar besser, wenn man nicht zu intelligent war und zu viel wusste. Dann kam man oft so durchs Leben, wie andere es sich gern gewünscht hätten. Es kam eine weitere Kundin.

Ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt. Sie wollte ein kleines Geschenk für ihre Mutter kaufen, hatte aber nicht viel Geld dabei und entschied sich schließlich für einen bunten Fingerhut.

»Das ist toll, Miss!«, rief es an der Tür, und Eve freute sich darüber.

Dann hörte sie Mr. Carruthers’ Stimme. »Können Sie mal zu mir kommen, Eve?«

»Gern.« Sie betrat das Büro und ließ den Vorhang offen.

Dagegen hatte ihr Chef etwas. »Ziehen Sie ihn zu!«

»Und wenn Kunden kommen?«

Der Mann lachte fett. »Zu uns Kunden? Kaum, aber wenn jemand kommt, hören wir ihn auch so.«

»Natürlich.«

»Setzen Sie sich!« Carruthers deutete auf einen Stuhl.

Eve ließ sich vorsichtig nieder. Sie überlegte verzweifelt, was der Mann von ihr wollte. Bei solchen Gesprächen, die im Büro geführt wurden, ging es meist um entscheidende Dinge. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo sie entlassen werden sollte. Das wäre natürlich mehr als fatal, aber noch tat sich nichts.

Carruthers schaute sie nur an, und sie war tatsächlich eine junge Frau, nach der man zweimal schauen konnte.