John Sinclair Sonder-Edition 62 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 62 E-Book

Jason Dark

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zahlreiche Legenden, Sagen und Mythen ranken sich um die Templer, die einst als große Helden der Kreuzzüge gefeiert wurden.

Ich hatte bisher nie direkt mit ihrer Geschichte zu tun gehabt. Doch ich wusste, dass es zwischen den Templern, dem Dunklen Gral, dem Land Aibon und meinem Kreuz eine Verbindung gab.
Im Dunkel der Vergangenheit lag dieses Rätsel verborgen, bis zu dem Tag, als mich die Spur ins südliche Frankreich führte und ich zum ersten Mal die fürchterliche Magie der Templer kennenlernte ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Das Erbe der Templer

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Fotokostic

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5341-9

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Das Erbe der Templer

von Jason Dark

Als Nelson Nye seinen rechten Fuß vorschob, dachte er nicht daran, auf historischem Boden zu stehen, er hatte Angst.

Verdammte, hündische Angst!

Und Angst ist noch nie ein guter Berater gewesen.

Das musste auch Nelson Nye einen Moment später feststellen, als er plötzlich ausrutschte. Das dichte Moos war feucht und glatt, der Mauervorsprung zu schmal und uneben.

Mit der Hacke glitt Nelson zuerst weg. Er geriet über die Kante, auf einmal konnte er sich mit dem anderen Bein nicht mehr halten und fiel in die Tiefe.

Er schrie nicht, aber er verfluchte den Umstand, dass er nicht an der äußeren Seite gelandet war. Schwer prallte er auf den harten, ausgetrockneten und staubigen Boden. Seine Schulter schmerzte, doch die Zerrung war nicht existenzbedrohend.

Nye blieb liegen. Er atmete durch den Mund, schmeckte den Staub auf der Zunge und zog langsam die Beine an, weil er sich erheben wollte. Nye hatte sich den Job leichter vorgestellt. Ein Kinderspiel, aber das hatte sich nun geändert. Man sagte diesem alten jüdischen Friedhof am Berghang vieles nach. Die einen hielten ihn für verflucht, die anderen glaubten, dass sich dort die Geister der alten Propheten ein Stelldichein gaben.

Nelson Nye, ein Mann der britischen Botschaft in Israel, war da anderer Meinung. Für ihn gab es keinen Spuk und keine Geister. Er glaubte nur an das, was er mit eigenen Augen sah.

An der Mauer schob er sich hoch. Sie hatte ebenfalls ihre Jahre auf dem Buckel, sie rahmte einen Teil des uralten jüdischen Friedhofs ein, der am Hang des Ölbergs liegt. Davor glänzt die Silberkuppel der berühmten Aksa-Moschee.

Das nur am Tag. In der Nacht wirkt die Kuppel düster und war kaum zu erkennen.

Nelson Nye stand auf. Man hatte ihn gewarnt, als er das Dokument holte, und er rechnete damit, dass die Aufgabe nicht vorbei war. Schließlich musste er zu seinem Wagen kommen.

Der Engländer hatte sich den Friedhof bei Tageslicht angesehen und wusste, dass es bei diesem Gelände Stellen gab, über die er leichter klettern konnte. Er musste nur tiefer laufen, wo die Gitter begannen und das alte Eisentor mit seinen verrosteten Spitzen auf den armdicken Stäben. Bis dorthin war es eine ziemliche Strecke. Nye wusste, dass man ihn beobachtete. Er hatte zwar niemanden gesehen, doch er verließ sich auf sein Gefühl, und das hatte ihn bisher niemals getrogen.

Rechts von ihm befand sich die hohe Mauer. An der linken Seite, den Hang hinabgezogen, lag das gewaltige Gräberfeld des alten Judenfriedhofs. Es war der berühmteste der Welt und am Tag Anlaufpunkt für zahlreiche Touristen, doch jetzt, wo die Tageswende bereits überschritten war, befand sich Nye allein auf dem Areal.

Manche Grabsteine wurden von alten, knorrigen Zweigen der Olivenbäume beschützt. Strenge Gläubige waren fest davon überzeugt, dass es unter ihnen acht Olivenbäume gab, die schon zu Christie Geburt dort gestanden hatten.

Diese Bäume wurden in der Gegenwart intensiv gepflegt. Alte Äste hatte man durch Betonsäulen und Sockel gestützt, damit sie nicht abbrachen.

Ein Franziskaner-Mönch kümmerte sich täglich um die Bewässerung dieser wertvollen Bäume.

Daran dachte Nye nicht. Er war ein Mann, der sich zu den knallharten Typen zählte. Offiziell arbeitete er für die Botschaft, aber der englische Geheimdienst bezahlte ihn, und Nye hatte schon wertvolle Informationen aus dem Pulverfass Israel geliefert.

Obwohl es ihn drängte, schnell den Friedhof zu verlassen, riss er sich zusammen, da er fest daran glaubte, unter Beobachtung zu stehen. Er ging also ganz normal.

Fast wäre er über eine Treppe gestolpert. Die Stufen hoben sich bei der herrschenden Dunkelheit kaum vom Untergrund ab. Sie waren schwarzbraun und mit Moos bewachsen.

Er lief die Treppe hinab. Sie mündete in einem Quadrat, wo drei Grabsteine standen. Sie ragten schief aus dem Boden und sahen so aus, als wollten sie jeden Moment umkippen. Dabei hatten sie schon Jahrhunderte überdauert.

Nelson Nye atmete tief durch. Zum ersten Mal seit dem Fund, der sehr wertvoll sein sollte und sich in der Innentasche seiner Jacke verbarg. Dieses Gräberfeld war für ihn ein Etappenziel, er hatte es auf dem Hinweg passiert. Jetzt brauchte er nur die in den Hang gehauene Treppe zu finden, die ihn weg vom Ölberg und wieder nach Jerusalem brachte.

Die Stadt lag zu seinen Füßen. Eine schwache Lichtglocke hob sie von der Finsternis ab.

Nye kam langsam zu Atem. Er war ein Mann in den besten Jahren. Als jugendlicher Held wäre er nicht mehr durchgegangen, das brauchte auch nicht zu sein. Bei ihm zählten Erfahrung und Cleverness.

Er strich eine Strähne seines grauen Haars zurück und überlegte, wie es weitergehen sollte. Er würde die Treppe nehmen, das Ende des Friedhofs erreichen und auf den Parkplatz laufen, wo er seinen Wagen abgestellt hatte. Tagsüber standen dort die Busse der Touristen, denn der Ölberg und seine Umgebung waren die Treffpunkte dreier Religionen. Dort hatte sich das Schicksal der Welt entwickelt.

Und im Tal lag Jerusalem.

Die Stadt der Städte. Heilig, hektisch, manchmal gefährlich.

Nelson Nye wischte sich den Staub aus dem Gesicht. Das Funkeln der Sterne am Himmel schien ihn zu verhöhnen. Er glaubte selbst nicht daran, schon in Sicherheit zu sein. Trotzdem lief er weiter. Über die Treppe Richtung Parkplatz. Es gab heute noch Menschen, die diese Treppe der Tränen und Qualen auf Händen und Füßen hochliefen, um Buße zu tun. Nelson dachte anders darüber.

Jerusalem ist eine brütende Stadt. Auf und an den Hängen des Ölbergs weht stets ein leichter Wind. Zu dieser Nachtzeit fuhr er ebenflls über die Gräber, liebkoste die Grabsteine, brachte manchmal Blütenduft mit, und einige Leute behaupteten, Olivenöl herausriechen zu können.

Nelson Nye roch nur den Staub, dafür hörte er etwas.

Ein scharfes Knurren, beinahe ein Bellen, das im letzten Augenblick unterdrückt wurde.

Nye wirbelte herum.

Er schaute den Weg zurück, den er gekommen war. Und er spürte wieder das Ziehen in seiner Schulter, als er den Arm bewegte und seine Smith & Wesson zog.

Wieder kehrte die Angst zurück.

Es war still hier oben. Von der Stadt her drang kein Geräusch den Hang hoch. Aus diesem Grund glaubte der Mann, sich nicht getäuscht zu haben. Es war noch jemand auf dem Friedhof!

Und Nye spürte auf seinem Rücken Gänsehaut. Er stieg die Treppe hinab. Sie war nicht gut begehbar, denn die Stufen waren aus der trockenen Erde des Hangs herausgeformt und mit Steinen bedeckt worden.

Nye ging – und hörte das Tappen.

Ein schnelles, stakkatoartiges Geräusch, als würde etwas dicht hintereinander auf den Boden schlagen. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, stoppte abermals und drehte sich nach rechts.

Von dort flog der Schatten heran.

Im ersten Augenblick wirkte es auf ihn so, als hätte sich ein Grabstein aus der Erde gelöst. So dunkel und wuchtig sah dieser Schatten aus. Aber Grabsteine konnten nicht knurren, und Grabsteine besaßen keine Mäuler, in denen das Weiß mordgieriger Reißzähne schimmerte. Zwischen den Zahnreihen schlug eine Zunge schwer wie ein Pendel. Wie mit Blut untermalte Glasmurmeln wirkten die bösen Augen, Mordgier ausstrahlend, und das wusste Nye.

Er hatte Glück, dass er diesen schwarzen Bluthund so früh bemerkt hatte. Mit einem gewaltigen Satz sprang Nye zwei Stufen vor, trat aber auf eine Kante, knickte um und musste wieder zu Boden.

Der Bluthund war ebenfalls gelandet. Nye hatte das harte Klatschen vernommen, er wusste, wie schnell diese Tiere waren und kreiselte, noch in der Hocke sitzend, herum.

Der Hund wollte springen.

Nelson Nye schoss.

Er sah das kurze Aufflackern des Mündungslichts, hörte den peitschenden Knall, danach das über den einsamen Friedhof hinwegrollende Echo. Er kam sich vor wie ein Störenfried, der die alttestamentarische Stille dieses Geländes unterbrochen hatte.

Doch der Zweck musste die Mittel heiligen. Er wollte sich auf keinen Fall umbringen lassen.

Seine Kugel hatte getroffen. Sie war wie ein schwerer Faustschlag in den dunklen Körper des Hundes gedrungen. Eine Wunde war entstanden. Blut sprudelte hervor, der Hund heulte auf, warf den Kopf zurück, versuchte trotzdem, auf Nelson zuzukriechen, doch der Tod war schneller.

Nye stand auf.

Sicherheitshalber richtete er die Mündung auf den schwarzen Körper. Es war nicht mehr nötig. Der Bluthund gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Nelson hatte den Killer aus dem Dunkel geschafft.

Und seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen. Auf diesem Friedhof lauerte etwas. Es gab da eine Kraft, die nicht wollte, dass er eine bestimmte Sache entdeckte. Man würde mit allen Mitteln versuchen, ihn zurückzuhalten. Aus diesem Grund glaubte er auch nicht, dass es nur der Hund gewesen war. Man hatte ihn vielleicht nur als Vorboten geschickt.

Nelson Nye lief weiter. Zwar lag nur die Treppe vor ihm, doch sie zog sich weit hin, bis der Parkplatz in greifbarer Nähe war.

Hin und wieder warf er einen Blick zurück. Der Schatten des toten Hundes war längst verschwunden, andere Verfolger oder Angreifer entdeckte Nye nicht. Doch dies gab ihm keine Hoffnung. Die andere Seite war da, und sie würde kommen.

Er starrte nach vorn. Die lange Treppe wurde flankiert von alten Grabsteinen, den Zeugen der letzten Jahrhunderte. Stumme Beobachter seiner Flucht, staubumwallt, sich an die Hangerde duckend, verrottet, manchmal angenagt.

Sie kamen von unten.

Zuerst dachte Nye an Staubwolken, wenig später wurde er eines Besseren belehrt. Staubwolken gingen nicht, sie hinterließen auch keine Geräusche. Es waren Gestalten. Schwarze Gestalten in langen Umhängen, und sie waren nicht allein, denn sie führten an Leinen Bestien, die auf Menschen abgerichtet waren. Die Bluthunde hatten den einsamen Mann jetzt entdeckt. Aus ihren Mäulern drang ein scharfes Bellen, untermalt vom gierigen Hecheln. Sie zerrten an den Leinen.

Drei Hunde waren es.

Nye hielt inne.

Sein Herz klopfte plötzlich so verdammt hart. Jeden Schlag spürte er als Echo in Höhe der Rippen. Auf der Stirn lag Schweiß. Heiß und kalt wurde es ihm zur gleichen Zeit. Zwischen der Handfläche und dem Kolben seines Revolvers hatte sich ein Film aus Schweiß gebildet, sodass er die Waffe nicht mehr so fest halten konnte, wie es eigentlich hätte sein müssen.

Nelson war ein gutes Stück gelaufen. Mehr als zwei Drittel der langen Treppe lag hinter ihm. Sollte es ihm nicht möglich sein, das letzte Drittel zu schaffen?

Über die Treppe nicht mehr, das stand fest. Wenn es überhaupt eine Chance gab, dann quer über das schräge Gräberfeld.

Das tat er.

Es war nicht leicht, auf dem steinigen Boden zu laufen. Bei jedem Schritt lauerten neue Fallen, er musste springen, zur Seite tauchen, um Grabsteine herumwirbeln und durfte nicht die Richtung aus dem Auge verlieren. Wenn er wieder in den Friedhof hineingehetzt wurde, sanken seine Chancen.

Er achtete nicht auf die Gestalten, aber er hörte die verdammten Bluthunde. Sie waren dabei, ihn einzukreisen. Das scharfe Bellen und das bösartig klingende Knurren drangen aus verschiedenen Richtungen zu ihm, und wieder rasten Hitzewellen durch seinen Körper.

Sie bildeten gleichzeitig einen Motor, der ihn antrieb. Er musste die Angst überwinden, hatte Glück, dass er nicht stolperte. Und schließlich erreichte er eine der alten Begrenzungen des Friedhofs.

Es war dieser hohe Zaun mit den oben spitz zulaufenden Stäben. Wie das Gitter einer Gefängnistür kam es ihm vor. Er steckte den Revolver weg, umklammerte mit beiden Händen die rostigen Stäbe und zog sich keuchend daran hoch, wobei er seine Hacken gegen das Gitter drückte. War es zu schaffen?

Er strengte sich unwahrscheinlich an. Nach jedem Zug kam ein Ächzen über seine Lippen. Der Schweiß drang in seine Augen, hinterließ dort ein Brennen, aber der Mann achtete darauf nicht.

Die Haut an seinen Handflächen war diese Belastung nicht mehr gewohnt. Sie scheuerte auf, blutige Striemen blieben zurück, und Rost drang in die Wunden.

Nelson machte weiter.

Die Angst sorgte für gewaltige Kräfte, sodass er über sich selbst hinauswuchs.

Mit dem nächsten Griff hatte er die Spitzen erreicht. Und als der erste Bluthund hochsprang, riss er das rechte Bein hoch.

Der Biss verfehlte ihn. Die Zähne schlugen gegen das Metallgitter. Es wurde durchgeschüttelt. Der Engländer konnte jetzt nicht mehr zurück. In dieser einsamen, unheimlich wirkenden Nacht erlebte er die Angst seines Lebens. Selbst die gefährlichen Spitzen des Zauns ignorierte er. Er musste einfach hinüber.

Wie er es schaffte, wusste er selbst nicht zu sagen. Jedenfalls klappte es, und dann erwischte es ihn doch.

Mit der Hose blieb er an einer Spitze hängen. Als er endlich an der Außenseite des Zauns auf halber Höhe hing, hatte er eine zerrissene Hose und eine Fleischwunde am Oberschenkel. Sie blutete stark. Nelson Nye ließ sich fallen. Der Aufschlag war hart, nahm ihm die Luft, aber Nye hatte sich nichts gebrochen.

Wie ein kranker Mann quälte er sich auf die Füße. Laufen konnte er nicht normal. Die Wunde an seinem Oberschenkel brannte furchtbar. Immer noch strömte Blut nach, aber Nye war auf die Füße gekommen und bewegte sich stolpernd vor.

Der Parkplatz! Nur dieser verdammte Parkplatz. An etwas anderes dachte er nicht. Er musste ihn erreichen. Dort stand sein Wagen, er musste einsteigen und wegfahren.

Auf dem Weg dorthin schaute er zurück. Die Gestalten sah er nicht mehr, dafür hörte er das böse Knurren der Hunde. Schon wenige Schritte weiter gelangte er zu den hohen Zypressen. Im Schutz ihrer langen Schatten wühlte er sich voran, knickte aber immer wieder ein. Und als er den Fiat erreichte, konnte er sich nicht mehr halten. Die Luft war raus. Er fiel gegen den Wagen, stützte sich ab und kam sich vor wie jemand, den fremde Kräfte halb vernichtet hatten.

Sogar das Fingern nach dem Wagenschlüssel fiel ihm schwer. Als er ihn schließlich in der Hand hielt, wäre er ihm fast wieder entfallen. Durch rasches Nachgreifen hielt er ihn fest.

Seine Finger zitterten, als er die Tür öffnete. Obwohl der Wagen lange gestanden hatte, wehte dem Mann aus seinem Inneren warme stickige Luft entgegen.

Schwer ließ er sich auf den Sitz fallen. Vor seinen Augen drehte sich die Windschutzscheibe, und sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass er in diesem Zustand nicht fahren konnte. Eine andere Chance gab es aber für ihn nicht. Er musste nach Tel Aviv, wo sich die britische Botschaft befand, denn dort sollte er seinen Fund abliefern. Er wusste, dass er nur die Spitze eines Eisbergs entdeckt hatte, alles andere lag noch in tiefer Ruhe und im wahrsten Sinne des Wortes in der Erde begraben.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, startete er. Bis Tel Aviv war es eine gehörige Strecke. Sie führte durch das fruchtbare Tal an der Küste entlang, er brauchte zum Glück nicht durch die Berge.

Normalerweise hätte er über die Entfernung gelacht.

In dieser verhängnisvollen Nacht aber wurde die Fahrt für ihn zu einer furchtbaren Strapaze. Zweimal entging er nur mit viel Glück einem Unfall. Zu stark waren die Schmerzen, die immer wieder heiße Wellen in ihm hochtrieben, sodass er innerhalb dieses Zeitraums nicht einmal mehr die Fahrbahn erkannte.

Nelson Nye gab nicht auf. Durch eine unwahrscheinliche Leistung erreichte er sein Ziel, und als er sich innerhalb der Botschaftsmauern in Sicherheit befand, brach er zusammen.

Dass man ihn verarztete, merkte er nicht. Irgendwann erwachte er und sah in das Gesicht des stellvertretenden Botschafters.

»Geht es Ihnen gut, Nelson?«

»Fast«, ächzte er und fügte, obwohl es ihm schwerfiel, eine Frage hinzu. »Habt ihr die Rolle?«

»Ja, Nelson. Sie befindet sich bereits auf dem Weg nach London.«

»Dann ist ja alles gut«, flüsterte Nye aufatmend und schlief wieder ein …

***

Ich stieg an einem Sonntagmorgen in diesen Fall ein. Wie hätte es auch anders sein können? Das Schrillen des Telefons riss mich aus dem erholsamen Wochenendschlummer.

Meine Freunde wussten, dass man mich am frühen Sonntagmorgen nicht unbedingt stören sollte, und meine Feinde meldeten sich kaum per Telefon. Wer rief mich also zu dieser Uhrzeit an?

Eigentlich hätte ich selbst auf den Namen kommen müssen, denn ich war nicht einmal überrascht, als ich nach dem Abheben und einem knurrigen Gruß die Stimme meines Chefs, Sir James Powell, vernahm.

»Guten Morgen, John.«

Ich verdrehte die Augen und ließ mich auf das Kopfkissen zurückfallen. »Wenn Sie anrufen, Sir, kann es kein guter Morgen sein.«

»Sie liegen noch im Bett, nicht?«

»Wir haben Sonntag, Sir«, erwiderte ich spöttisch.

»Das weiß ich. Nur schlägt dem Glücklichen ja bekanntlich keine Stunde.«

»Da ich Beamter bin, kann ich nicht glücklich sein. Selbst Beamte möchten am Sonntag in Ruhe gelassen werden.«

»Fühlen Sie sich denn als Beamter?«, stichelte Sir James. »Wollen Sie sich wirklich mit diesen Hyänen im Finanzamt oder irgendwelchen anderen Amtsstubenhockern vergleichen?«

Er wusste genau, wie er mich packen konnte, selbst an einem Sonntagmorgen, wo man am besten im Bett blieb, denn das Wetter draußen verdiente den Namen Wetter überhaupt nicht. Es war eine Schweinerei.

»Was soll ich denn tun, Sir?«, fragte ich. »Brauchen Sie Begleitung für einen sonntäglichen Frühschoppen? Soll ich Sie zu einem Klub bringen oder …«

»Viel einfacher, John. Sie brauchen nur in mein Büro zu kommen. Das ist alles.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Und dann?«

»Werden wir weiterreden.«

Er ließ die Katze nach wie vor nicht aus dem Sack, und das ärgerte mich. »Können oder wollen Sie mir keinen Tipp geben, Sir?«

»Gut, einen kleinen. Es ist eine Sache, die nur Sie persönlich etwas angeht. Die Heilige Stadt, Ihr Kreuz, vielleicht die Templer. Da ist so einiges möglich.«

»Sie legen mich nicht rein, Sir?«

»Nein.«

»Ich komme so rasch wie möglich.« Die letzten Worte meines Chefs hatten mich alarmiert. Ob Sonntag oder nicht, Dinge, die mit meinem Kreuz in unmittelbarem Zusammenhang standen, durften nicht aufgeschoben werden. Das Duschen war schnell erledigt. Das Frühstück dauerte nicht länger. Sir James hatte mich angesprochen, nicht aber meinen Freund und Kollegen Suko, der neben meiner Wohnung zusammen mit Shao lebte. Beide schliefen sicherlich noch tief und fest.

Manchmal ist es eine Freude, in London fahren zu dürfen. Besonders an einem Sonntagmorgen. Ich erlebte eine zügige Fahrt. Selbst im Yard spürte ich die sonntägliche Ruhe. Obwohl viele Posten besetzt waren, war von der sonst üblichen Hektik nichts zu merken.

Überrascht schaute der Kollege vom Empfang auf, als er mich sah. »Sind Sie freiwillig hier, Sir?«

»Sie etwa?«

»Nein …« Die Antwort klang entrüstet.

»Ich auch nicht.«

Sir James wartete auf mich. Er saß hinter seinem Schreibtisch, und ich sah so gut wie nichts von ihm, da sein Oberkörper von der aufgeschlagenen Doppelseite einer Zeitung verdeckt wurde. Allerdings hatte er mich gehört. »Nehmen Sie schon Platz, John!«

Das tat ich.

Dann knisterte es, als mein Chef die Zeitung zusammenfaltete, sie auf den Schreibtisch legte und mich anschaute. Er nickte, rückte seine Krawatte zurecht und deutete mit der linken Hand zum Fenster. »Ein scheußliches Wetter, finden Sie nicht?«

»In der Tat, Sir.«

»Man sollte verreisen …«

Jetzt kommt wieder die Tour von hinten durch die Brust ins Auge, dachte ich. Wenn Sir James mir auf diese Art und Weise etwas klarmachen wollte, war einiges im Busch. Wahrscheinlich eine längere Dienstreise, die mich in irgendwelche Teile der Welt führte, wo ich mich gegen fremde und finstere Dämonen zur Wehr setzen konnte.

»Wenn Sie verreisen wollen, Sir.« Ich grinste ihn an. »Sie hätten ebenfalls mal einen Urlaub nötig.«

»Da gebe ich Ihnen im Prinzip recht. Allerdings meine ich, den jüngeren Leuten das Reisen zu überlassen. Da Sie um einiges jünger sind als ich, treten Sie die Reise an meiner Stelle an. Und Sie bekommen den Trip sogar bezahlt.«

»Also keinen Urlaub.«

»Halb und halb.« Sir James grinste. Er hatte die Katze noch nicht aus dem Sack gelassen. Obwohl ich gespannt war, fragte ich nicht nach und wartete, bis er das Stichwort gab. Sir James machte es ein wenig umständlich.

»Sie wissen, John, dass wir in den letzten Monaten, während Sie an anderen Fronten kämpften, unsere Verbindungen haben spielen lassen«, sagte er.

»Sie meinen die Templer.«

»Sehr richtig.«

»Fanden Sie etwas heraus?«

»Ja, aber lassen Sie mich von Beginn an berichten. Wie gesagt, ich habe alle informiert. Das heißt, nicht nur die Polizeien befreundeter Länder, auch unsere Botschaften und natürlich die Agenten unseres Außendienstes. Die Leute sollen die Augen offen halten und uns sofort Meldung erstatten, wenn sie irgendwelche Spuren finden, die auf die Templer hindeuten. Eine solche Spur haben wir jetzt gefunden.«

»Hector de Valois?«, fragte ich.

»Das steht noch nicht fest, aber er wird, wenn Sie mich fragen, ebenfalls mitspielen.«

Blitzschnell dachte ich nach. Hector de Valois war eine Schlüsselfigur in diesem Spiel. Er war eine Persönlichkeit, um die sich vieles gedreht hatte, was mit den Templern in unmittelbarem Zusammenhang stand. Hector de Valois hatte im Mittelalter gelebt. Er war einer der großen Kreuzritter gewesen, und er gehörte zu den geheimnisvollen Templern, war sogar einer der Gründer dieses sagenumwitterten Ordens gewesen.

»Jedenfalls«, so fuhr Sir James fort, »ist etwas gefunden worden, und zwar in Asien.«

»Waren dort die Templer?«

»Aber John.« Sir James sprach wie ein Lehrer zu seinen Schülern. »Gehört Israel nicht zu Asien?«

Ich winkte ab. »Natürlich, da haben Sie recht.«