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Sir James, mein Chef, fragte: "Was halten Sie von blutleeren Leichen, John?"
"Ich würde sie als Vampiropfer ansehen", antwortete ich.
"Genau. Und wie hoch stehen die New Yorker Kollegen bei Ihnen im Kurs?"
"Ich bewundere sie."
"Dann fliegen Sie rüber!"
"Mit Verlaub, Sir, was soll ich dort?"
"Ihre amerikanischen Kollegen unter die Lupe nehmen, John. Einige von ihnen haben sich als Vampire entpuppt ..."
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die Vampir-Polizei
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Ballestar/Norma
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-5548-2
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.
Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.
Lesen Sie in diesem Band:
Die Vampir-Polizei
von Jason Dark
Der Wagen kroch wie ein düsterer Schatten in die schmale Straße hinein, die als Sackgasse endete. Langsam nur drehten sich die Räder. Die Scheinwerferstrahlen strichen über die verfallenen Hauswände, zielten über den Unrat hinweg, den die Mieter der Slums kurzerhand aus dem Fenster gekippt hatten, bevor sie auszogen und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.
Der Wagen war lang. Im Rhythmus der Fahrbewegungen wippte die Antenne. Das Rotlicht auf der Dachleiste war ausgeschaltet, auch die Sirene schwieg.
Das Auto kam wie ein Dieb in der Nacht.
Es fuhr bis ans Ende der Sackgasse, bevor der Fahrer auf die Bremse trat und das Gefährt nach einem leichten Nachwippen endlich stillstand. Die beiden Cops stiegen nicht aus. Sie blieben sitzen, starrten durch die Scheibe, beugten sich zueinander hin, flüsterten miteinander und öffneten erst dann die Türen. Es wirkte so, als hätten sich geheimnisvolle Tore geöffnet, um das Grauen zu entlassen. In diese schmale Straße passte nichts anderes hinein. Dort regierte die Depression.
Die Polizisten verließen den Wagen. Behutsam drückten sie die Wagenschläge wieder zu. Nach wie vor sicherten sie nach allen Seiten. Sie schauten sich um. Wachsame Blicke glitten an den Fassaden der Häuser entlang, tasteten über den Schmutz, die blinden Fensterscheiben, falls überhaupt welche vorhanden waren. Manchmal erkannten sie einen flackernden Lichtschimmer.
Strom gab es nicht mehr. Wer da hauste, der musste nachts Kerzen anzünden.
Die Cops wussten, wohin sie zu gehen hatten. Sie hatten den Wagen vor der abbruchreifen Bude gestoppt. Früher hatten sich die Menschen hier wohlgefühlt. Dann waren die Fabriken gebaut worden, und die Gegend verslumte.
Heute verkroch sich hinter diese Fassaden nur noch Abschaum. Die letzten Fixer, Gestrandete, Menschen, die keine Werte mehr besaßen, und hin und wieder tummelte sich zwischen diesen lahmen Fischen ein gefährlicher Hai.
Die Polizei hatte schon so manchen Killer aus diesen Verstecken geholt. Und die beiden Polizisten, die auf den türlosen Hauseingang zutraten, sahen ebenfalls so aus, als wollten sie eine zweibeinige Ratte aus ihrem Loch holen.
Sie sprachen kein Wort miteinander, das war auch nicht nötig, denn sie arbeiteten schon seit Jahren zusammen, waren ein eingespieltes Team und mit allen Wassern gewaschen.
Das Haus nahm sie auf. Es war wie ein Tunnel ohne Ende. Man hatte den Eindruck, als wollte es die beiden Menschen nie mehr loslassen. Ein einziges, muffig riechendes Grab mit verschiedenen Höhlen, Löchern und Gängen. In seinem Inneren lastete die Stille. Die allerdings war trügerisch, das wussten die beiden Polizisten.
So ein Haus hatte tausend Augen und Ohren. Jedes Loch war ein Auge, hinter jeder verfaulten Tür lauerte etwas. Hier verkroch man sich, hier fühlte man sich als Gestrandeter in Sicherheit. Und wenn die Cops einmal kamen, gab es zahlreiche Rattenlöcher, durch die man verschwinden konnte, denn jeden konnten die Bullen nicht holen.
Immer nur einen oder zwei …
Längst hatte es sich herumgesprochen, dass sie gekommen waren. Vor der Treppe blieben die beiden Uniformierten stehen. Die Treppe bestand aus Stein, sie war nicht zerstört worden. Allerdings fehlte an einigen Stellen das Geländer völlig.
Von irgendwoher vernahmen sie ein scharfes Flüstern, das sich zu einem Wort verdichtete.
»Bullen …«
Die Polizisten kümmerten sich nicht darum. Sie wussten, wohin sie zu gehen hatten. Und wenn sie den Sprecher hätten holen wollen, sie hätten ihn immer gefunden.
Einer von ihnen hakte seine Lampe vom Gürtel, schaltete sie ein und drehte sich blitzschnell.
Der Schein stach in den schmutzigen Flur und traf das eingefallene und zerfurchte Gesicht einer jungen Frau. Das Licht blendete sie, deshalb drehte sie sich und ging wie in Trance zurück. Sie war auf einem Trip. Nachdem sie in die Wohnung getaucht war, ertönte ein dumpfer Laut. Die Frau war gestürzt.
Die Cops gingen weiter.
Sie liefen wie Maschinen. Keine Bewegung war überflüssig, der eine passte sich dem anderen an. Die oberen Gesichtshälften lagen im Schatten der Mützenschirme. Die unteren wirkten hart, kantig und unbeweglich.
Bis zum dritten Stock mussten sie. Das Haus selbst besaß fünf Stockwerke. Was nicht niet- und nagelfest war, hatte man gestohlen. Wer dort hauste, schlief auf dem Fußboden.
Die Cops blieben im Dunkeln. Längst hatten sie ihre Lampe ausgeschaltet. Sie kamen und wollten nicht gehört werden.
Wie Geister …
Die dritte Etage unterschied sich insofern von den anderen, als dass es einen Raum gab, der durch eine Tür versperrt war. Auf leisen Sohlen schlichen die Cops hin, nickten sich zu, und einer von ihnen hob sein Bein an.
Er rammte den Fuß vor.
Der schwere Stiefel krachte gegen das Holz. Die Tür hielt der Wucht des Trittes nicht stand. Sie wurde aus ihrer Verankerung gerissen, splitterte, fiel in den Raum hinein, sodass der Aufschlag durch das Haus dröhnte wie ein Kanonenschuss.
Die Cops kümmerten sich nicht darum. Hatten sie sich bisher nur sehr langsam bewegt, wurden sie auf einmal schnell. Nach rechts und links glitten sie weg und schalteten die Lampen wieder ein. Die hellen Lanzen stachen von zwei Seiten her in den Raum und trafen das Ziel, auf das es den beiden ankam.
Es war ein Mann, der auf dem Boden lag und sich in eine alte Decke eingewickelt hatte.
Vielleicht hatte er geschlafen, möglicherweise tat er nur so. Jedenfalls bewegte er sich ziemlich langsam, als er sich auf die Seite rollte und den Kopf anhob.
Er schaute ins Lampenlicht, schützte dann die Augen vor der Helligkeit mit einer Hand und wirkte verschlafen.
Die beiden Cops standen da wie Säulen. Für den Erwachten musste es nicht gerade angenehm sein, aus seiner Position an den Männern hochzuschauen.
Sie waren die Angstbringer, die Angstmacher, und der Penner kroch aus seiner Decke.
Die Cops ließen ihn.
Als er die schmutzige Wand erreichte, setzte er sich und versuchte, zu reden, brachte aber kein Wort hervor. Nur ein pfeifender Atemzug drang über seine Lippen.
»Du bist Losch, das Schwein!«, sagte einer der Cops.
»Nein, nein …«
»Heißt du nicht Bernie Losch?«
»Ja, schon, aber …«
»Also doch.« Diesmal hatte der andere gesprochen. »Und du weißt, weshalb wir gekommen sind?«
Der Mann am Boden wischte zitternd mit der Handfläche über sein Gesicht. Er schwitzte plötzlich. Seine Blicke suchten nach einem Ausweg, aber es gab nur die Chance, durch die Tür zu verschwinden, und die hatten die beiden Cops verbaut.
»Zu dir wollen wir«, hörte Losch das Flüstern.
»Na und?« Er fand endlich die Kraft, sich zu erheben. An der rauen Wand schob er sich in die Höhe. Er blieb so stehen, dass die Cops sein Profil sahen.
»Du hast uns verraten!«, sagte der erste Cop.
»Ich?« Losch kiekste. »Wie … wie käme ich dazu, euch zu verraten, verdammt? Ich habe nichts mit euch zu tun!«
»Das dachten wir auch.« Sie kamen näher.
»Und … und was wollt ihr?« Bernies Stimme bekam einen Unterton von Panik.
»Dich holen!«
Bernie lachte gequält. »Holen? Mich? Ich will aber nicht weg. Ich hasse Gitter!«
»Du kommst nicht hinter Gitter.«
»Sondern?«
»Es ist ein anderes Reich, in das wir dich schaffen. Du warst zu neugierig. Die Nacht ist unsere Zeit. Du weißt selbst, dass wir in der Nacht unterwegs sind. Hast du nicht einmal von einer Vampir-Polizei gesprochen? Von Cops, die Blut trinken?«
»Ja, ja …« Bernie schabte mit beiden Handflächen über die Wand. Die rauen Geräusche schienen ihn noch nervöser zu machen, als er schon war.
Die Cops hatten ihre Lampen gesenkt und leuchteten den Fußboden ab.
Das Zimmer war bis auf einen alten Rucksack, der Bernie gehörte, leer. Er lag neben einer zweiten Tür, die zu einer anderen Wohnung oder einer Abstellkammer führte. Da konnte er auch nicht fliehen, denn einer der beiden Polizisten stellte sich vor die Tür.
Bernie befand sich in der Klemme.
Und er wurde in den nächsten Sekunden mit der grausamen Wahrheit konfrontiert.
Die Eindringlinge schoben ihre Mützen in den Nacken.
Ihre Gesichter zeichneten sich deutlich vom blassen Licht der Scheinwerfer ab.
Sie wirkten kalt, kantig und scharf geschnitten. Gefühle spiegelten sich dort nicht wider.
Schmallippig waren die Münder, die sich plötzlich öffneten. Sie zogen die Lippen zurück und grinsten wie Wölfe.
Aus den Oberkiefern wuchsen ihnen dolchartige Zähne.
Die Cops waren – Vampire!
***
In ihren Augen lag eine glitzernde Kälte. Sie schauten das Opfer an, sezierten es mit gefühllosen Blicken. Bernie wurde den Eindruck nicht los, als hätte es ihnen besonders seine Schlagader angetan, die sich unter der dünnen Haut des Halses abzeichnete.
Dahin würden sie beißen – und saugen!
»Wir haben dich, Bernie! Und wir hassen Verräter, hast du verstanden? Verräter hassen wir. Deshalb wirst du einer von uns. Das Schattenreich wartet auf dich, Bernie. Du wirst leer gesaugt, dein Blut bekommt uns ausgezeichnet. Wir haben lange auf diesen Moment warten müssen. Jetzt werden wir ihn genießen.«
Sie kamen vor.
Von zwei Seiten traten sie auf Bernie Losch zu, der sich nicht mehr wehren konnte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Die Fluchtwege waren versperrt.
Aber er ballte die Hände.
»Nein, so nicht!«
Der erste griff zu – und da geschah es!
Es gab einen krachenden Laut, der das Zimmer erfüllte. Hinter den Cops hatte jemand von der anderen Seite die zweite Tür aufgestoßen. Auch sie knallte zu Boden, Staub wirbelte auf, Wolken bildeten sich, und innerhalb dieser Wolken stand, groß, kantig und unerschütterlich, eine bewaffnete Gestalt.
»So nicht, Blutsauger!«, rief sie mit Stentorstimme und hob ein hölzernes Kreuz …
***
Die beiden Cops bewegten sich wie in Zeitlupe. Sie hatten die Arme hochgerissen, schwangen jetzt beide nach links herum, griffen aber nicht zu ihren Waffen, denn als Blutsauger verließen sie sich auf andere Dinge. Dann sahen sie ihn.
Der Staub umschwebte den Mann nach wie vor, ließ ihn geisterhaft erscheinen, aber das Kreuz in seiner Linken war deutlich zu erkennen. Mit der rechten Faust umklammerte er den Griff eines schweren Revolvers.
»Captain Hamilton!«
Es war ein Schrei, den Bernie Losch ausstieß. Er klang erlösend, schluchzend, denn Losch hatte nicht mehr damit gerechnet, dass der Mann in Polizeiuniform noch eingreifen würde.
»Geh, Bernie, geh!« Hamilton redete mit einer Stimme, die ihm selbst fremd vorkam. Er ließ keinen Blick von den beiden Blutsaugern, die einmal zu seinen Mitarbeitern gehört hatten.
Und Losch ging geduckt, um nicht in die Schusslinie des Polizisten zu geraten.
Hamilton stand wie ein Fels. Er war ein Führer der alten Schule. Aus solchem Holz hatte man früher die unbestechlichen Polizeibeamten geschnitzt. Ein Mensch, der mit dem Kopf durch die Wand ging und Gesetzesbrechern gegenüber kein Pardon kannte.
Dass unter seiner Ägide so etwas passieren musste, war für ihn der Schock des Lebens.
Er hatte es bisher nicht glauben wollen, nun sah er sich den Tatsachen gegenüber.
Bernie war verschwunden. Seine Schritte klatschten auf den Stufen der Treppe.
Captain Hamilton atmete stöhnend. Am Kreuz schaute er vorbei und sah, wie schlecht den beiden Vampiren der Anblick tat.
Ihre Sicherheit war dahin. Sie standen zwar auf dem gleichen Fleck, hatten sich aber geduckt, und ihre Gesichter waren grau vor Furcht geworden.
»Ich habe es nicht glauben wollen.« Hamilton sprach wie ein Automat. »Nein, ich habe es nicht glauben wollen, aber es ist zu einer grausamen Wahrheit geworden. Ihr gehört zu den Wesen der Finsternis. Ihr seid Vampire, Bestien aus der Welt der Dunkelheit. Verfluchte, die nicht leben und nicht sterben können und andere ins Verderben ziehen. Ihr, die Polizisten, die Elite dieser Stadt. Ihr habt geschworen, anderen Menschen zu helfen, einen Eid geleistet, und jetzt muss ich diesen Schrecken hier erleben.« Hamilton schüttelte sich. Ihm fehlten die Worte. Er holte ein paarmal Luft, bevor er weitersprach. »Ich werde euch töten!«
Wer ihn kannte, wusste, dass er nicht bluffte. Er sah auch keine andere Möglichkeit. Vampire brauchen Blut, sie holen es sich von normalen Menschen, die sie bei ihrem Biss ebenfalls mit dem Keim des Todes infizieren, denn die Gebissenen werden ebenfalls zu Blutsaugern.
Sie führten die Kette des Schreckens fort, die oftmals kein Ende fand. Das wollte Hamilton im Keim ersticken.
Einer versuchte es.
Mit zwei blitzschnellen Schritten bewegte er sich auf die Wohnungstür zu. Er hatte die Lampe hochgerissen, um Hamilton zu blenden. Das schaffte er nicht ganz.
Kein Muskel rührte sich in Hamiltons Gesicht, als er schoss. Er feuerte zweimal.
Die erste Kugel traf die Lampe. Sie zersplitterte. Das zweite Geschoss, fast auf die gleiche Stelle gezielt, drang in die Brust des Vampirs. Der Aufschlag war hart, er schleuderte den Blutsager zu Boden.
Sofort wirbelte Hamilton herum.
Er sah den Schatten des zweiten Cops. Die Gestalt befand sich mitten im Sprung. Die Arme hatte sie ausgestreckt. Sie wollte die gekrümmten Finger in den Schulterstoff der Uniformjacke des Captains schlagen.
Hamilton stieß das Kreuz vor.
Beide krachten zusammen.
Plötzlich war alles anders. Aus der blutgierigen Bestie wurde ein Bündel nackter Angst. Hamilton hatte den Vampir im Gesicht erwischt. Ein dunkler Streifen zeichnete seine bleiche Haut. Das Stigma war zu sehen.
Ein Zeichen der Vernichtung!
Der Vampir verging. Er fiel mit dem Rücken gegen die Wand. Die Beine gaben nach, und er krachte zu Boden.
Hamilton kümmerte sich nicht um ihn. Er kreiselte herum, denn der zweite war ebenfalls noch da.
Nein, er verschwand.
Eine normale Bleikugel tat ihm nichts. Vampire musste man mit geweihten Silbergeschossen erledigen, aber die standen Hamilton nicht zur Verfügung.
Er durfte alles, nur diesen Blutsauger nicht entwischen lassen, der bereits die Wohnung hinter sich gelassen hatte und die Treppe hinabpolterte.
Hamilton jagte ihm nach.
Der Cop befand sich auf der Flucht. Er heulte und schrie, doch Hamilton blieb ihm auf den Fersen, so schnell die Bestie auch war. Der Captain legte all seine Kraft und Wut in diese Verfolgung hinein, er musste den anderen einfach haben.
In der zweiten Etage griff der Captain zu einem Trick.
Er schleuderte das Holzkreuz über den noch vorhandenen Teil des Geländers, es prallte gegen den Rücken des fliehenden Polizisten.
Der Schrei war furchtbar, er hallte durch das tot wirkende Haus.
In das Echo hinein erklangen ein Poltern und das Geräusch eines Falls.
Hamilton besaß ebenfalls eine Lampe. Er schaltete sie ein und leuchtete in die Tiefe.
Der Polizist lag auf den Stufen. Mit dem Kopf nach hinten, die Beine hochgestreckt. Beim Fallen musste er sich gedreht haben, doch er war dem Kreuz nicht entgangen.
Es lag schräg auf ihm.
Hamilton ließ die Lampe leuchten und näherte sich dem Mann mit langsamen Schritten.
Er hatte vor Jahren gegen eine Vampirsekte in Manhattan gekämpft. Deshalb wusste er, was mit Blutsaugern geschah, die mit einem Kreuz in Berührung gekommen waren. Sie lösten sich auf, zurück blieben Asche und kleine Knochen.
Hier nicht.
Der Mann war noch nicht lange ein Vampir gewesen. Seine Zähne hatten sich zurückgebildet, das Gesicht besaß nicht mehr den harten Ausdruck, es war deutlich weicher geworden.
Als Hamilton das Kreuz an sich nahm, fühlte er sicherheitshalber nach, ob noch Leben in dem Polizisten steckte. Nein, es war aus.
Der Captain richtete sich auf. Er wirkte wie ein gewaltiger Bär, den man in eine Uniform gezwängt hatte. Langsam ging er die Treppe hoch, da er wieder in die Wohnung wollte.
Es waren Schüsse gefallen und Schreie zu hören gewesen, doch im Haus zeigte sich niemand.
Hamilton kam sich verlassen vor. Er hielt das Kreuz vor, als er die Wohnung betrat, doch er wurde von keiner Seite angegriffen. Der Blutsauger war erledigt. Er lag am Boden und bot einen schrecklichen Anblick. Dieser Mann musste schon länger zur Kaste der Blutsauger gehört haben, denn die Haut in seinem Gesicht war so dünn geworden, dass sie an einigen Stellen riss.
Knochenteile stachen hervor. Er hatte eine völlig ausgetrocknete, blutleere Haut, die wie grauer Schaum aus den Löchern wuchs.
Captain Hamilton starrte auf den Toten und spürte in sich eine innere Leere.
Er hatte getötet, töten müssen, aber er empfand keinen Triumph, nur Abscheu.
Seit drei Jahren hatte er die beiden Männer gekannt. Es waren gute Leute gewesen. Mutig und voller Einsatzbereitschaft. Sie hatten Stunden draufgelegt, wenn es mal nicht so hinhaute. Ein jeder wusste schließlich, wie mies die Bezahlung der New Yorker Cops war.
Außerdem waren sie in diesem Brutkessel des Verbrechens unterbesetzt.
Aus welchem Grund waren die Männer zu Vampiren geworden? Das wusste Hamilton nicht. Er zeigte sich nicht einmal von dieser Tatsache überrascht, denn er wusste, dass es diese Blutsauger gab. Vor Jahren hatte er einen Fall erlebt, als es um den Vampir von Manhattan ging. Selbst gegen Ghouls und Zombies hatte er schon gestanden, und dabei war ihm ein Mann zu Hilfe gekommen, der fernab in London wohnte.
John Sinclair!
An ihn dachte der Captain, als er auf den Toten niederschaute. Hamilton wollte nicht daran glauben, dass nur die beiden Cops zu Vampiren geworden waren. Sicherlich liefen nicht alle Polizisten als Blutsauger herum, aber Hamilton ging davon aus, dass er erst den Anfang eines roten Fadens in den Händen hielt.
Seine Augen brannten. Der Captain gehörte zu den poltrigen Männern. Raue Schale, guter Kern. Er kannte kein Pardon, wenn es darum ging, Verfehlungen aufzudecken, er stellte sich aber hundertprozentig hinter seine Leute, wenn er davon überzeugt war, dass die Männer unschuldig waren.
Die Toten waren es nicht gewesen. Sie hatten herumgemengt im New Yorker Hexenkessel, in dem es überkochte und das organisierte Gangstertum überall präsent war.
Vampire unter den Cops!
Der Captain schüttelte den Kopf. Er konnte es einfach nicht fassen, das überstieg sein Fassungsvermögen, und er schwor bei seinen toten Kollegen, dass er alles in seinen Kräften Stehende tun würde, um die Stadt von dieser Brut zu befreien.
Aber nicht allein. Er wusste jemanden, der sich mit Vampiren auskannte.
Es würde Ärger mit seinen Kollegen geben, auch mit den Vorgesetzten. Wer glaubte schon an Vampire? Und wenn er es geschafft hatte, die Leute zu überzeugen, war es wahrscheinlich längst zu spät.
Hamilton war so erschüttert, dass er die Schritte erst hörte, als sie schon im Zimmer erklangen. Dann fuhr er herum, leuchtete gegen die Tür und traf Bernie Losch.
Der Spitzel lehnte am Rahmen. Um seine Lippen zuckte es. Mit einer hilflos wirkenden Bewegung hob er die Schultern. »Das war verdammt knapp gewesen, Captain.«
»Stimmt.«
»Ich dachte schon, Sie hätten mich sitzen lassen.«
»Was ich verspreche, halte ich.«
»Schon gut, Captain.« Bernie kam nickend näher. Er hatte den alten Mantel eng um seinen Körper geschlungen. Mit spitzen Fingern deutete er auf den Toten. »Hatte ich zu viel versprochen?«
»Nein.«
»Mehr weiß ich auch nicht.«
»Wieso?«
Losch hob die Schultern. »Ich habe sie nur gesehen, weiß nicht, wo sie herkommen.«
»Tatsächlich nicht?«
Bernie verdrehte die Augen. »Captain, ich weiß, was Sie fragen wollen. Sie würden gerne nachhaken, aber da ist nichts nachzuhaken, glauben Sie mir. Ich weiß nicht mehr.«
»Wo sind sie dir aufgefallen?«
Bernie hob erneut die Schultern. »Ich wunderte mich, wenn ein Streifenwagen ohne Beleuchtung durch die Straßen fuhr. Man hört ja viel von bestochenen Polizisten. Ich bin ihnen nachgegangen und nachgefahren. Entdeckt habe ich sie in einem alten Verschlag am Bronx River. Da sprachen sie vom Blut der Menschen, zogen Fratzen, ich sah ihre Zähne und dachte sofort an Vampire. Ich habe Sie informiert.«
»Und wir bauten ihnen die Falle.«
Bernie nickte. »Richtig.«
»Nur wissen wir nicht, ob es die einzigen Vampir-Cops gewesen sind.«
»Das stimmt, Captain.«
»Und Sie haben nichts gehört?«
»Weder gehört noch gesehen.«
Hamilton wandte sich ab. Er schlug Bernie auf die Schultern. »Okay, Losch, halte deine Augen offen. Sobald du einen Verdacht hast, sag mir Bescheid.«
Der Spitzel nickte. Dann fragte er: »Ich will ja nicht in Sie dringen, Captain, aber haben Sie schon einen Plan, wie Sie an die verdammten Blutsauger herankommen wollen, wenn es …?«
»Den habe ich, Bernie«, erwiderte Hamilton hart. »Sogar einen sehr konkreten.«
»Und?«
»Warte es ab, Losch, warte es nur ab …«
***
Ich hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen umklammert und trank die herrlich schmeckende Brühe in langsamen Schlucken. Dabei wurde ich von Glenda Perkins, meiner Sekretärin, beobachtet.
»Du siehst nicht gut aus, John«, sagte sie.
»Ich fühle mich auch nicht gut.«
»Bist du versackt?«
»Nein, erkältet.«
Glenda hob die Augenbrauen. »Ach, du ebenfalls?«
»Weshalb sollte ich nicht? Wer bei diesem Wetter nicht erkältet ist, der ist nicht gesund.«
»Stimmt auch wieder.«
Ich stellte die Tasse weg. »Der Kaffee ist so gut, dass er gegen Schnupfen hilft, hoffe ich.«
»Wenigstens ist er heiß.«
Ich schaute Glenda an, nieste zweimal, und sie verließ fluchtartig mein Büro. Im Nebenraum beschwerte sie sich und riet mir, wieder nach Hause zu fahren, damit ich die wenigen Gesunden nicht ansteckte.
Ich schwieg.
