John Sinclair Sonder-Edition 68 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 68 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Ein Grusical brachte New York die Sensation. Jede Vorstellung war ausverkauft.
Tausende wollten den übergroßen Totenschädel auf der Bühne bewundern. In ihm verschwanden Tänzer, Sänger, Schauspieler.

Einige von ihnen kehrten als Veränderte zurück. Aus Menschen wurden Monster. Und aus einem Grusical grausame Wirklichkeit ...

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EPUB

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Broadway-Grusical

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Ballestar/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5852-0

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Broadway-Grusical

von Jason Dark

Die Finsternis war dicht wie schwarze Watte. Sie klebte in den Gesichtern, an den Körpern und drang bei jedem Atemzug in die Münder der im Dunkeln wartenden Menschen.

Sie alle atmeten den typischen Geruch der Bühne ein. Eine Mischung aus Schminke, Staub, Parfüm und Schweiß. Sie warteten, aber sie wussten, dass die Zeit bald vorbei war, dann würde der Regisseur erscheinen, um mitzuteilen, wen er engagieren wollte.

Ein Supererfolg sollte das Grusical werden, und nur die Besten wurden genommen.

Grusical!

Bewusst hatte man es so genannt. Schrecken, Horror, Tanz, Gesang und Liebe vereinigten sich zu dieser Mischung, für die man den Begriff kreiert hatte.

Der Broadway war wild nach etwas Neuem. New York kochte. Die Menschen wollten sich wieder amüsieren und etwas erleben. Je mieser die Zeiten, umso größer die Sucht nach Abwechslung.

Und Abwechslung hatte der Regisseur versprochen, wenn auch auf etwas ungewöhnliche Art und Weise.

Die Sänger und Schauspieler standen fest. An dieser Besetzungsliste wurde nichts mehr geändert. Aber die Tänzer mussten noch ausgesucht werden. Akteure, die hinter einer bestimmten Linie, der Chorus Line, standen und diese nicht übertreten durften.

Das war das Gesetz der Bühne. Die vordere Hälfte gehörte den Sängern und Schauspielern. Die Tänzer blieben im Hintergrund, und doch bildeten sie die große Staffage im Spiel um Tanz, Gesang und Action.

Jeder Tänzer hoffte auf eine Chance. Wer am Broadway debütiert hatte, der war etwas.

Sie warteten. Sie hatten immer nur gewartet, bis der Halbgott, der Regisseur, seine Auswahl traf. Das war gnadenlos, da nahm er keine Rücksicht, und meistens genossen diese Leute ihre Macht. Sie blieben im Hintergrund, saßen im Dunkeln, wenn andere vortanzten, und wurden von den Akteuren oftmals nur bei der ersten großen Probe gesehen.

Allmählich breitete sich Unruhe unter den Wartenden aus. Sie beschwerten sich nicht, das traute sich keiner von ihnen. Die geringste Disziplinlosigkeit wurde mit einem Rausschmiss bestraft. Trotzdem breiteten sich Unruhe und Nervosität unter ihnen aus. Das Scharren der Füße auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, das manchmal leise Stöhnen oder das schwere Atmen und das Flüstern der Tänzer untereinander waren eine nicht zu überhörende Geräuschkulisse. Wenn jemand sprach, dann so leise wie möglich. Schließlich wollten sie nicht gehört werden. In diesem Theater hatte alles Ohren.

Der Vorhang war nicht geschlossen. Für die auf der Bühne stehenden Männer und Frauen war der Zuschauerraum trotzdem nur zu ahnen, und hätte tief in seinem Inneren, fast an der letzten Reihe, nicht das bläulich schimmernde Licht gebrannt, hätten sie überhaupt nichts gesehen.

Es war ihnen unmöglich, ruhig stehen zu bleiben. Sie bewegten sich, stießen sich gegenseitig an.

»Man hält uns hier fest, verdammt!« Jemand hatte ziemlich laut gesprochen.

»Na und?«

»Ich will endlich wissen, was passiert.«

»Sei ruhig. Freu dich, dass man dir eine Chance gibt.«

»Ja, aber wie?«

»Die Arbeit ist hart.«

»Und das Leben beschissen!«

»Wer beschwert sich denn da?« Hart und kratzig klang die durch das Megafon verzerrte Stimme des Fragers auf. Es war niemand da, der bei dieser Stimme nicht zusammengezuckt wäre, denn sie gehörte Hammond D. Myers, dem Regisseur, dem Halbgott, der beinahe ebenso viel zu sagen hatte wie der Produzent, der das Geld vorstreckte.

Keiner meldete sich. Die Stille war greifbar. Sie lastete schwer auf den Brettern der Bühne, und jeder Tänzer war zusammengezuckt, als hätte er einen Peitschenschlag bekommen.

»Erhalte ich keine Antwort?«

»Melde dich!«, flüsterten mehrere Stimmen. »Jetzt sei nicht feige, verflucht. Du machst uns alles kaputt.«

Ein Mann trat vor. Es war ein Farbiger, der ein Trikot über seinen geschmeidigen Körper gestreift hatte und eine enge Strumpfhose trug. »Ich habe es gesagt.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als im Zuschauerraum ein Scheinwerfer aufflammte und die Gestalt des Mannes hervorhob. Der Farbige stand am Rand der Bühne. Mit der Hand schützte er seine Augen vor dem grellen Licht.

»Wie heißt du?«

»Zion Weber.«

»Ein schöner Name. Broadwayreif, aber wir mögen es nicht, wenn Tänzer keine Geduld zeigen. Das ist nicht gut für das Stück, verstehst du?«

»Ja, Sir.«

»Und was nicht gut für das Stück ist«, klang wieder die Stimme des Regisseurs auf, »wird ausgetauscht. Es tut mir nicht einmal leid für dich, Zion Weber, aber du kannst gehen. Verschwinde aus meinen Augen.«

Der Tänzer ließ den Arm sinken. Plötzlich glänzte auf seiner braunen Haut der Schweiß.

»Sir …« Er holte noch einmal Luft, bevor er es wieder versuchte. »Sir, ich weiß, dass ich mich nicht richtig benommen habe. Aber könnten Sie nicht einmal …?«

»Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich hasse es, wenn jemand keine Disziplin zeigt. Das ist schlecht für das Stück. Und was schlecht für das Stück ist, das ist schlecht für uns alle. Hast du verstanden? Du reißt nicht nur dich hinein, Zion Weber, auch alle anderen, und so etwas hasse ich. Geh!«

Der Farbige nickte. Es wirkte abgehackt, deprimiert, und Weber fühlte die Blicke seiner Kollegen auf sich gerichtet. Sie brannten in seinem Rücken, wo sich unter dem Stoff deutlich die Muskeln abzeichneten.

»Wie lange willst du noch warten?«, klang es höhnisch aus dem Zuschauerraum.

»Ja, Sir, ich gehe.« Weber drehte sich um. Er wollte eine der Gassen an der Seite benutzen, aber dagegen hatte Hammond D. Myers etwas. »Nein, nimm den Schädel!«

Weber erschrak. Er wandte dem Zuschauerraum sein Profil zu, und er wusste, wo sich der Schädel befand. Er war die wichtigste Dekoration auf der Bühne. Um ihn drehte sich das Grusical, und er war bei den Proben dabei.

Bis jetzt lag er im Dunkeln, aber da flammten schon zwei Scheinwerfer auf. Die Lichtkegel wanderten über die Bühne und erreichten schnell den Schädel.

Es war nicht die optimale Beleuchtung, die sich der Regisseur vorstellte, aber so sah der Schädel schaurig genug aus. Ein riesiges bleiches Gebilde mit großen Augenhöhlen, einer zerstörten Nase und einem offenen Mund.

Sämtliche Öffnungen waren so groß, dass mehrere Menschen gleichzeitig durch ein Loch klettern konnten.

»Nimm den Mund!«

Weber nickte. Er schaute nach vorn, sah nicht nur den Schädel, auch seine Kollegen und Kolleginnen, die den Schädel einrahmten.

Weber wurde angestarrt. Keiner wollte jetzt in seiner Haut stecken. Bevor er sich in Bewegung setzte, schaute er seine Freunde an, die, wenn sie den Blick auf sich gerichtet sahen, ihre Köpfe senkten und zu Boden starrten.

Da hatte jeder von ihnen ein schlechtes Gewissen, weil er dem Kollegen nicht beistand.

»Soll ich dich von der Bühne holen lassen?«, erklang es hart und giftig aus dem Zuschauerraum.

»Nein, nein, schon gut.«

»Dann geh endlich!«

Zion Weber ging. Seine Schritte, sonst geschmeidig und voller Kraft, wirkten müde, als er den Schädel ansteuerte, der plötzlich eine andere Farbe bekam, weil vor die beiden Scheinwerfer Farbfilter geschoben worden waren.

An der rechten Seite leuchtete der Kopf rot, als wäre er in Blut getaucht worden. An der linken Seite zeigte er sich von einem fahlen Violett.

Zion Weber sollte durch den Mund gehen.

Den Kopf hielt er gesenkt. Er kannte den Trick mit dem Schädel und wusste von dem Labyrinth.

Obwohl der Eingang hoch genug war, zog Zion Weber den Kopf ein, als er den Schädel betrat.

Hinter dem Maul befand sich eine Plattform. Vom Zuschauerraum her nicht einsehbar. Dort konnte man sich orientieren, wenn das Licht im Schädel brannte.

Dann waren auch die Leitern zu sehen, die in die Tiefe führten. Der Tänzer tastete nach dem Lichtschalter. Er war nervös und hatte Angst, in die Tiefe zu stolpern.

Panik stieg in ihm hoch. Plötzlich kam ihm der Schädel wie eine gewaltige Falle vor. Er wollte fliehen. Die Bühne bedeutete Rettung und Leben. Der Schädel aber …

»Runter mit dir! Spring!«

Weber erschrak, als er das scharfe Flüstern vernahm. Er konnte den Sprecher nicht sehen, der musste sich irgendwo innerhalb des Schädels versteckt halten, denn groß genug war dieses Gebilde schließlich.

»Was soll ich?«

Weber stand nach wie vor am Rand der Plattform. Er rechnete mit keinem Angriff, deshalb kam der Tritt in den Rücken völlig überraschend.

Zion Weber wurde nach vorn katapultiert.

Er kam nicht einmal dazu, einen Schrei auszustoßen, die Kehle war wie zugeschnürt, und er fiel in die Dunkelheit.

Bis zur zweiten Plattform war es kein weiter Weg. Er würde hart aufschlagen, okay, aber er konnte sich auch, dank seiner Geschmeidigkeit, zur Seite rollen.

Die Landung erfolgte auf einem weicheren Untergrund, als er es sich vorgestellt hatte. Als wäre er in Schlamm gelandet, kam es ihm vor. Seine ausgestreckten Hände versanken in der Masse, die sich plötzlich als sehr zäh herausstellte und ihn festhielt wie zahlreiche Arme.

Er konnte sich nicht mehr befreien.

Die Angst schoss in ihm hoch. Sie ließ sein Blut schneller durch die Adern rasen, die Augen des Mannes verdrehten sich in wilder Panik, er selbst versuchte wieder, sich loszureißen, aber der Schlamm hielt ihn fest.

An den Händen und Armen spürte er das Kribbeln, das sich ausbreitete und hochlief, bis es die Schultern erreicht hatte. Seine Knie waren eingesunken, die Füße ebenfalls, so war es ihm unmöglich, sich zu befreien.

Für einen Moment schloss er die Augen, um sie sofort wieder aufzureißen, als er das Lachen hörte.

Ein Lachen, das Grauen brachte.

Schaurig, weit entfernt und doch zum Greifen nah. Es hüllte ihn ein wie ein akustischer Vorhang. Aus ihm sprachen Triumph und Schrecken gleichzeitig.

Das Lachen war wie ein Gruß aus der Hölle. Der Teufel selbst schien irgendwo zu hocken und es ausgestoßen zu haben. Er kannte das Lachen, er wusste, wem er es zu verdanken hatte, das gehörte zur Nummer, aber nie zuvor hatte er so große Angst verspürt wie in diesem Augenblick.

Dies hier war kein Spiel, kein Tanz, das war furchtbar und tödlich.

Denn er sank ein.

Der Boden unter ihm befand sich in Bewegung, als wäre er ein Moor, das ihn in seine tödliche Tiefe ziehen wollte.

Das war nicht alles. Plötzlich stach aus dem Moor etwas hervor. In der Dunkelheit hatte der Tänzer es nicht sehen können, er merkte es nur, als es gegen ihn klatschte und voll sein Gesicht traf, an dem es sich festsaugte.

Der Mund wurde ihm verschlossen, und die nächste Welle kam ebenfalls hoch.

Sie überschüttete ihn mit dem grauenhaften Schlamm genau in dem Augenblick, als er abermals das Lachen vernahm.

Es war diesmal noch lauter, schrecklicher und grauenhafter. Und es war das letzte Geräusch, das Zion Weber vor seiner gnädigen Ohnmacht hörte …

***

Schon seit ihrer Kindheit hatte Liz Vacarro den Hinterhof und die verdammten Feuerleitern an der Rückseite schmutziger Hausfassaden gehasst. Als sie zehn Jahre alt war und ihren Vater tot auf dem Hof liegen gesehen hatte, war ihr zum ersten Mal klar geworden, dass sie aus dieser Gegend rausmusste.

Aber wie, wenn die Mutter in Depressionen verfiel, Liz vier Geschwister hatte, die sich einer Straßenbande angeschlossen hatten, und sie selbst Verantwortung übernehmen musste?

Den Mörder ihres Vaters hatte man nie gefunden. Angeblich ging es um Spielschulden, die er beim Boss des Viertels nicht bezahlen konnte. Der hatte seine Schläger geschickt, die dem betrunkenen Mann keine Chance ließen.

Aber Liz gab nicht auf.

Außerdem hatte sie Glück, als sie eine Frau traf, die auf sie wie ein Engel wirkte. Die Frau gehörte einer kirchlichen Organisation an, die sich um Slumkinder kümmerte, und Liz war bei dieser Organisation in die Schule gegangen.

Sie hatte lesen und schreiben gelernt und eine gewisse Allgemeinbildung erhalten. Die beste Schülerin war sie nicht gewesen, guter Durchschnitt, wie sie selbst immer sagte, aber schon nach kurzer Zeit hatte sich eine andere Begabung deutlich gezeigt.

Liz Vacarro war die beste Turnerin der Klasse. Die Natur hatte ihr dieses Talent mitgegeben, das von den Lehrern erkannt wurde. Einer von ihnen besaß die nötigen Beziehungen, um Liz in einer Tanzschule unterzubringen, die einen sehr guten Ruf hatte.

Liz Vacarro hatte immer nur an die schmutzigen Häuser und die Hinterhöfe gedacht. Das war für sie Triebfeder genug, und sie machte weiter. Sie kämpfte sich hoch, sie ließ keine Trainingsstunde aus und wurde zu einer Besessenen.

Ab und zu erschienen in der Schule Talentsucher der großen Broadway-Bühnen. Einem dieser kritischen Männer fiel Liz auf. Ohne dass sie es selbst wusste, wurde sie von ihm weiter beobachtet und kam, als der Kurs beendet war, in die engere Wahl.

Drei Tage später wurde sie engagiert für ein Grusical, das den Titel Dwarfs – Zwerge – tragen sollte. Bald gehörte Liz zur Stammbesetzung der Truppe.

Sie wollte sich eine andere Wohnung nehmen. Die erste Gage sollte in wenigen Tagen überwiesen werden, denn dann war Premiere. Noch eine Haupt-, danach die Generalprobe. Später die Premiere, die Gage, der Beifall, all dies trieb Liz in die Höhen einer Euphorie, die aber stark abgebremst wurde, als sie das Viertel betrat, in dem sie nach wie vor wohnte.

Eigentlich hätte sie schon ausziehen können, aber sie wollte ihre Mutter nicht allein lassen. Die übrigen Geschwister waren längst verschwunden, und deshalb wollte sie die hilflose Frau nicht im Stich lassen.

Ein Auto besaß Liz nicht. Sie war mit der U-Bahn gefahren, und man hatte sie zum Glück nicht angemacht.

Juni in New York.

Das bedeutete Hitze, stickige Luft, Schweiß und Abgase. Eine Stadt, die an manchen Tagen nicht nur kochte, sondern fast überlief. Auch Liz war ziemlich fertig. Sie hatte nach der Arbeit geduscht, aber die Erfrischung hielt nicht lange an. Als sie den Schacht der U-Bahn verließ, schwitzte sie schon wieder.

Liz wohnte an der Grenze zu Harlem, in einem Getto der Farbigen, wo die Armut zu Hause war. Hier regierte die Angst. Die Menschen dachten darüber nach, wie sie sich am nächsten Tag ernähren sollten, denn die Arbeits­losenquote war in schwindelerregende Höhen gestiegen, und es gab kein soziales Netz, das die Menschen auffing.

So schlug man sich mehr schlecht als recht über die Runden. Aber Liz ging es besser.

Sie hatte manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie von der harten Probe und aus der Glitzerwelt des Broadway nach Hause kam, um in dem stickigen Apartment die Nacht zu verbringen.

Das würde bald ein Ende haben. Im nächsten Monat war alles vorbei, nach der Premiere.

Liz trug eine hautenge dunkle Hose und einen weißen Kittel. Den Schal hatte sie lässig um die Schulter geworfen.

In der Straße stand noch die Hitze des vergangenen Tages. Kaum einer der Bewohner befand sich in den Wohnungen. Viele hockten vor den Häusern oder in den Türnischen. Manche saßen auf den Fensterbänken. Die Jüngeren vertrieben sich die Zeit mit allerlei bösen Scherzen. Sie schlugen sich, sie suchten parkende, fremde Wagen, um ihre angestauten Aggressionen loszuwerden.

Man kannte Liz, und es hatte sich herumgesprochen, dass sie Arbeit hatte.

Einigen passte dies nicht. Sie beobachteten die junge Frau immer misstrauischer, taten ihr aber nichts, dafür wurden die Blicke schärfer und härter.

So auch an diesem Abend, als Liz den kurzen Weg von der U-Bahn zu ihrer Wohnung ging.

»Da kommt unsere Prinzessin!«, hörte sie plötzlich eine Stimme aus einer Türnische.

Liz kannte das Gesetz des Viertels. Wenn sie stehen blieb, sah der Sprecher dies als Provokation an, also ging sie weiter, und sie beschleunigte nicht einmal ihre Schritte, um sich nichts von ihrer Angst anmerken zu lassen.

Aber der Typ in der Einfahrt gab sich damit nicht zufrieden. Er schnellte geschmeidig hervor. Sein kaffeebrauner Oberkörper war nackt. Wie zum Hohn trug er eine Pudelmütze auf dem Kopf, und die fransigen Hosenbeine der Jeans endeten auf den schmutzigen Turnschuhen.

Blitzschnell trat er der jungen Frau in den Weg und breitete seine Arme aus. Die neunzehnjährige Liz Vacarro blieb stehen und schaute ihn kalt an. Dabei sah sie die Griffe der beiden Messer, die in Höhe der Hüften aus dem Hosen­bund hervorstachen.

»Hallo, Prinzessin, man hört ja einige tolle Sachen von dir.«

»Lass mich durch, Sugar!«

Sie nannten ihn so, weil er schon als kleiner Junge Candystangen gestohlen hatte.

Sugars Babygesicht zog sich in die Breite. In den dunklen Pupillen glitzerte es kalt. »Ein Star am Broadway sollst du werden, habe ich gehört. Toll, wirklich, einfach irre, Baby. Ich hoffe, du denkst auch mal an deine alten Freunde.«

»Lass mich durch, ich bin müde.«

»Klar, du hast es geschafft, wie?« Er lachte dreckig. »Hat dich der Regisseur auf die Matratze gekriegt, Süße? Hat er das? Wie ist er denn? Scharf? Schärfer als ich?«

Ein klatschendes Geräusch unterbrach die Fragerei des jungen Mannes. Zahlreiche Zeugen, die das Pärchen umstanden, hatten den Schlag ins Gesicht mitbekommen.

Sugar hielt sich die Wange und war erstaunt. Und diesen Augenblick wollte Liz zur Flucht nutzen.

Aber Sugar war schneller. Schlangengleich drückte er seinen Arm vor, bekam Liz zu packen und hielt sie eisern fest. Mit der anderen Hand zog er eines seiner Messer.

»So, Prinzessin, das ist das Ende deiner Karriere. Ich verspreche es dir. Ich zeichne dich. Ich werde deine Wange aufschlitzen, damit du ein Andenken an den süßen Sugar behältst. Man macht mich nicht fertig, man schlägt mich vor allen Dingen nicht. Und dies noch vor Zeugen. So geht das nicht, Süße.«

Längst bereute Liz Vacarro ihre unüberlegte Reaktion. Eine Gesichtsnarbe konnte das Ende ihrer Karriere bedeuten.

Die Klinge erschien vor ihrem Gesicht. Dahinter sah sie verschwommen die hassentstellte Fratze des Farbigen, der Liz tatsächlich auf offener Straße zeichnen wollte.

Bis er plötzlich nach hinten gerissen wurde. Liz konnte sich im letzten Augenblick von ihm lösen. Sugar fiel rücklings aufs Pflaster und blieb dort liegen.

Um seinen Hals lag eine Schlinge. Ein dünnes Lasso, dessen Ende von einem Mann gehalten wurde, der trotz der Hitze einen weißen Anzug trug. Jeder kannte ihn. Es war Lou, der Peitscher. Ein Zuhälter, der junge Mädchen auf den Strich schickte.

Die Schlinge nahm Sugar die Luft. Er lag auf dem Rücken und röchelte. Sein Gesicht quoll auf, aber Lou ließ ihn nicht los.

»Geh weiter«, sagte er zu Liz, »und tu mir einen Gefallen. Wenn du Premiere hast, besorg mir eine Eintrittskarte. Okay?«

Liz Vacarro nickte. Sprechen konnte sie nicht. Die würgende Angst drückte ihre Kehle zu. Sie hastete wortlos weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Weit hatte sie es nicht mehr. Die Blicke der Zuschauer brannten in ihrem Rücken, und sie fragte sich, ob sie es hier tatsächlich bis zur Premiere aushalten konnte.

Das dreckige alte Haus kam ihr plötzlich wie ein Palast vor, dessen Wände ihr den nötigen Schutz boten. Sie stieß die alte Tür auf und stolperte in einen düsteren Hausflur.

Sie lief nicht bis zur Treppe durch, sondern drehte sich nach rechts und fand an der Wand Halt.

Dort blieb sie stehen, atmete keuchend und spürte den Schweiß, der an ihrem Körper herabrann.

Nur allmählich beruhigte sie sich. Das Zittern der Hände hörte ebenso auf wie das der Beine. Sie und ihre Mutter wohnten im zweiten Stock. Da musste sie hoch, aber sie wusste, dass das Apartment kein sicheres Versteck vor Übergriffen bot.

Die Treppenhäuser waren in diesen stinkenden, alten, grauen Buden nicht mehr als Schächte. Sauberkeit war hier ein Fremdwort. Man warf den Dreck und den Abfall kurzerhand auf die Stufen, wo sich zumeist niemand fand, der ihn wegräumte.

Auf der Treppe saßen zwei Kinder und teilten sich eine Banane. Wohnungstüren standen offen. Man konnte in die Apartments hineinschauen.

Sie stieg weiter hoch.

Ruhig war es nicht. Liz hatte das Gefühl, in eine brodelnde Höhle zu gelangen. Manchmal stank es nach Zigarettenrauch, dann wieder nach Öl oder Gewürzen. Von den Toiletten, die sich auf jeder Etage befanden, drang ebenfalls ein Gestank, der menschenunwürdig war.

Müde und ausgelaugt erreichte Liz ihr Ziel. Die Wohnungstür war geschlossen. Sie wies einige Macken auf. Zwei davon stammten von Messerwürfen, die ein betrunkener Amokläufer vor einigen Monaten als Andenken hinterlassen hatte.

Abgeschlossen war nicht. Die Mutter ließ die Wohnung immer offen, obwohl ein Schloss vorhanden war, aber sie hatte den Schlüssel verlegt. Die Tür schwang quietschend nach innen. Sie schabte über den Boden. Aber wer hobelte in so einem Haus schon das Holz ab?

»Mutter?«, rief Liz, doch sie bekam keine Antwort. Ihr Blick fiel in die Küche, deren Einrichtungsgegenstände vom Sperrmüll stammten. Der gestohlene TV-Apparat wirkte darin wie ein modernes Kunstwerk. Die Mutter hatte ihn irgendwann mitgebracht. Wen kümmerte es schon, was gestohlen war?

»Deine Alte ist weg!«

Liz drehte sich um, als sie die Stimme hinter sich hörte. In der Tür zur Nachbarwohnung lehnte ein siebenjähriger Junge. Zwischen seinen Lippen qualmte eine Zigarette.

»Ich habe sie gesehen.«

»Wann war das?«, wollte Liz wissen.

»Eine Uhr habe ich nicht.«

»Schon lange her?«

»Kann sein.«

»Hat sie was gesagt?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Die spricht doch nicht mit mir. Ich glaube, sie war voll.«