John Sinclair Sonder-Edition 69 - Jason Dark - E-Book

John Sinclair Sonder-Edition 69 E-Book

Jason Dark

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Beschreibung

Eine Zeitung wählte Carina Colby zur schönsten Witwe der Welt. Ein Gourmet-Journal berichtete über ihre außergewöhnlichen Partys, auf denen man nicht nur schlemmen, sondern auch mit dem Jenseits Kontakt aufnehmen konnte.
Eines Tages wurde ich ebenfalls eingeladen.

Es wurde die schaurigste Party meines Lebens ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Carinas Todespartys

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Ballestar/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5853-7

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

John Sinclair ist der Sohn des Lichts. Der Kampf gegen die Mächte der Finsternis ist seine Bestimmung. Als Oberinspektor bei Scotland Yard tritt er Woche für Woche gegen Zombies, Werwölfe, Vampire und andere Höllenwesen an und begeistert weltweit eine treue Fangemeinde.

Mit der John Sinclair Sonder-Edition werden die Taschenbücher, die der Bastei Verlag in Ergänzung zu der Heftromanserie ab 1981 veröffentlichte, endlich wieder zugänglich. Die Romane, in denen es John vor allem mit so bekannten Gegnern wie Asmodina, Dr. Tod oder der Mordliga zu tun bekommt, erscheinen in chronologischer Reihenfolge alle zwei Wochen.

Lesen Sie in diesem Band:

Carinas Todespartys

von Jason Dark

Wie kleine Messer schrammten die roten Fingernägel durch Colbys Gesicht und rissen die Haut auf.

Der Schlag danach erwischte ihn hart. Dicht unterhalb der Gürtellinie explodierte die Faust in seinem Leib.

Die Faust einer Frau – seiner Frau!

James Colby konnte es nach wie vor nicht fassen. Er hockte in dem stockdunklen Verlies, dachte über sein Schicksal nach und spürte das Brennen im Gesicht.

Carina hatte ihn geschlagen. Carina hatte ihn mit ihren Fingernägeln bearbeitet.

Carina, Carina … Immer wieder sie. Die Frau, die er liebte, die er vergötterte.

Sie hatte ihn so enttäuscht, aber hatte man ihn nicht gewarnt? Diese Frau ist nichts für dich, die ist dir über, die macht dich irgendwann fertig. So hatte James Colby es gehört, aber nicht auf die Ratschläge und Warnungen der Freunde geachtet. Carinas Faszination hatte ihn überschwemmt wie eine gewaltige Woge.

Und jetzt hockte er, der mächtige Industrieboss James Colby, wie ein Häufchen Elend in einem Verlies, abgeschirmt von der übrigen Welt, völlig allein, ohne Chance, aber mit der Angst im Nacken.

Die Angst war furchtbar. Sie kam von überall her. Sie presste sein Herz zusammen, sie wühlte hinter seiner Stirn, beeinflusste die Gedanken und lähmte ihn.

Die Angst und das Brennen. Beides Beweise für die Schrecklichkeit des Augenblicks, der nicht verging und sich ständig dehnte.

Er hatte noch den Knall der Tür im Ohr und das hässliche Lachen seiner Carina, als der Schlag ihn in das Verlies katapultierte, wo er mit dem Rücken aufgeschlagen war und sich nur mühsam erhoben hatte. Wie ein Tier war er auf die Tür zugekrochen, hatte sich gekniet, den Arm ausgestreckt und die Klinke erreicht.

Eine völlig normale Metallklinke, doch keine Chance, die Tür zu öffnen, da Carina sie von der anderen Seite abgeschlossen hatte.

Was wollte sie eigentlich von ihm? Töten, verhungern lassen?

Oder würde sie selbst noch einmal erscheinen, um von ihm auf mörderische Art und Weise Abschied zu nehmen?

Schießen konnte sie. Sie hatte des Öfteren geübt, auch unter seinen kritischen Augen, und sie war auf dem Schießstand ein Ass gewesen.

Carina Colby – sexy, charmant, beliebt, der Glanzpunkt jeder Party, das war die eine Seite.

James kannte die andere.

Kalt, berechnend, manchmal grausam, egoistisch und tödlich. Hinter der Maske des Engels verbarg sich ein weiblicher Teufel, der dem Satan Konkurrenz machen konnte.

Sie hatte immer viel vom Bösen gehalten. Es hatte Carina fasziniert. Satansglauben, Teufelskult, äußerliche Schönheit, aber innerer Moder.

Viel zu spät hatte James dies bemerkt. Carina war seine zweite Frau gewesen. Die erste, Lucy, hatte ihn, als er ihr die Scheidung anbot, nur traurig angesehen und die Schultern gehoben.

»Du musst es wissen, James.« So hatte sie gesprochen. »Aber die macht dich fertig.«

Wie recht Lucy gehabt hatte. Jetzt war er fix und fertig. Angst peitschte ihn. Carina hatte ihm bewiesen, wie stark sie war. Sie war ihn losgeworden und würde alles an sich ziehen.

Macht, Geld, Einfluss!

Der Boden war kalt, auf dem er kauerte. Rauer Stein, an einigen Stellen feucht und glitschig. In den Ritzen zwischen den einzelnen Steinen klebte weicher Dreck. Die Luft stank. Jedes Mal, wenn er einen tiefen und keuchenden Atemzug tat, spürte er den widerlichen Geschmack im Hals.

Er hatte Durst. Nicht allein seine Kehle brannte, das Gesicht ebenso. Die Wunden schmerzten, er hätte sie gern gekühlt, doch es gab keinen Tropfen Flüssigkeit in diesem verdammten Verlies. Hier konnte er jammern, flehen und schreien.

Niemand würde ihn hören. Höchstens seine Frau, aber die würde sich hüten, einzugreifen. Er traute ihr zu, dass sie sich hinter der Tür aufhielt und sich an seinen Qualen ergötzte.

Er war bis zu einer Wand gekrochen, hatte sich aufgesetzt und die Steine als Rückenstütze benutzt. Blut rann nicht mehr aus den Wunden. Es war in den Kragen gelaufen.

Zitternd hob er einen Arm und tastete nach den feuchten Streifen in seinem Gesicht. Wenn er sie berührte, zuckte sofort der Schmerz auf, und er spürte die Feuchtigkeit und die Nässe des Bluts.

Was konnte sie vorhaben? Wollte sie ihn tatsächlich elendig umkommen lassen?

Sicher, es gab einen Grund. Wenn sie das geschafft hatte, gehörte ihr alles. Sein gesamtes Vermögen würde auf sie überfließen, und man hatte schon für weniger Geld Menschen umgebracht.

Carina Colby! Er dachte über den Namen nach. Sie war beliebt gewesen, aber gefürchtet. Ihre Partys hatten Maßstäbe für die Gesellschaft gesetzt. Sie waren nie langweilig gewesen, denn für jede Feier hatte sie einen anderen Ort ausgesucht.

Ein Kino oder eine leer stehende Fabrik. Sogar in einem Zug hatten sie gefeiert und auf einem Schiff. Die alte Gespensterburg war auch einmal ein Treffpunkt gewesen, und bald würde wieder eine ihrer berühmten Partys steigen.

Diesmal ohne James, aber mit Fiona, ihrer Vertrauten. Einem gefährlichen Weib, das offiziell als Hausdame geführt wurde. Fiona war mehr, viel mehr, nur konnte das nicht bewiesen werden.

Sie und Carina hatten ein besonderes Verhältnis zueinander. Wer wem hörig war, wusste er nicht, aber Carina tat alles, was Fiona wünschte. Und Fiona kannte sich aus. Sie besaß ein phänomenales metaphysisches Wissen, über das James erst gelächelt hatte, das ihm aber jetzt allmählich Angst machte.

Manchmal hatte er das Gefühl, dass Fiona stärker war als ihre Herrin Carina.

Mit der Angst kam die Kälte. Sie kroch in seinen Körper, unterkühlte ihn, und ihn überkam das große Zittern. Seine Zähne schlugen aufeinander, die Kälte und die Angst ließen ihn beben. In den Augen spürte er das Brennen, über seinen Rücken rann eine Gänsehaut, und er konnte nichts dagegen tun, dass sich seine Augen mit Tränen füllten.

Er hatte überhaupt nicht gewusst, dass es dieses alte Verlies gab. Ohne sein Wissen musste es Carina gelungen sein, das Haus für ihre Zwecke und Pläne umzubauen.

Ja, sie hatte ausschachten lassen, das war ihm bekannt gewesen. Aber er hatte damals auf eine Dienstreise in die Staaten gemusst, und Carina hatte nicht mitfahren wollen, was ihn wiederum gewundert hatte.

Heute war ihm der Grund klar.

»Verdammtes Weib!«, keuchte er flüsternd. »Verdammte Bestie! Was hast du nur vor mit mir?« Für wenige Sekunden wurde die Angst von der Wut auf seine Frau abgelöst, aber das ging schnell vorbei, außerdem hatte er ein ungewöhnliches Geräusch vernommen.

In der Stille klang es doppelt laut. Es war ein Schaben oder Kratzen, und es hörte sich an, als würde jemand etwas Hartes über den Steinboden ziehen. War es außerhalb oder innerhalb des Verlieses? James Colby wusste es nicht, er hielt den Atem an, konzentrierte sich und spürte die Gänsehaut.

Das war innen!

Er lauschte. Sekunden verstrichen. Jede Zeiteinheit war für ihn eine Folter. Irgendetwas stimmte nicht, es war anders geworden. Kein Geruch durchdrang das Verlies, aber dennoch ein gefährliches Fluidum, über das er sich wunderte und das ihm gleichzeitig Angst machte.

Das Geräusch wiederholte und verstärkte sich!

Diesmal so laut, dass es das gesamte Verlies ausfüllte, und es endete mit einem dumpfen Schlag.

Danach war es still.

Gefährlich still, sodass sich die Angst des Mannes weiter verstärkte. Er wusste plötzlich, dass er nicht mehr allein im Raum war. Etwas war zwischen die vier Wände eingedrungen, das für ihn grausam und tödlich werden konnte. Einen Beweis dafür hatte er nicht, aber er fühlte es.

Etwas anderes, für das es keine Erklärung gab, das möglicherweise nicht von dieser Welt stammte.

Es war furchtbar, schlimm, obwohl er nichts mehr hörte. Aber es kam, und es steigerte sich.

Er hatte seine Augen weit aufgerissen, starrte in die Finsternis und konnte trotzdem nichts erkennen. Nicht einmal die Richtung des Geräuschs fand er heraus. Es war einfach überall und füllte das Verlies aus.

Ein unheimlich klingendes Keuchen, Schmatzen und Schlürfen, als würde ein gewaltiges Tier irgendetwas fressen oder in sich hineinsaugen. Die Laute an sich waren schon schlimm, hinzu kam die drückende Dunkelheit, die das Grauen weiter verstärkte.

James Colby rührte sich nicht. Sein Körper war nass. Kalt klebte der Schweiß auf seiner Haut. Auch über sein Gesicht rannen die dünnen Bahnen. Er wusste nicht, ob es sich dabei um Schweiß oder um Blut aus den Wunden handelte.

Das Keuchen verstummte. Die unnatürliche Stille zerrte an den Nerven des Mannes. Hatte er Glück gehabt? War das andere vielleicht verschwunden? Hatte er sich die Dinge nur eingebildet?

Durch die Nase holte er Luft. Er hockte weiterhin am Boden, aber er wollte sich hinstellen, doch das fiel ihm schwer.

Vornübergebeugt stand er total entkräftet da, lauschte, roch, konzentrierte sich und nahm den widerlichen Gestank wahr, der ihm plötzlich entgegenwehte. Eine Mischung aus Moder und Leichengeruch.

Das Schaben erschien ihm wie eine tödliche Lockung, der er nicht entgehen konnte, die immer näherkam und ihn in den nächsten Sekunden erreicht haben würde.

Da konnte er sehen.

Es war kein Licht, das durch das Verlies geisterte. Ein eigentümliches, unwirkliches und unheimliches Glühen von einer grünlichen Farbe.

Nur allmählich wurde es heller, und so bekam er mit, was sich da aus dem Dunkel hervorschälte. Es war ein Untier. Die widerliche Ausgeburt einer höllischen Kreatur. Ein Mittelding zwischen Echse, Schlange und Mensch. Es stank fürchterlich. Diesen Geruch strahlte sicherlich der Schleim ab. Er lag als Schicht auf dem Körper des unheimlichen Wesens. Der Schleim tropfte aus dem froschartigen Maul und klatschte zu Boden.

James Colby kannte dieses Phänomen nicht. Es war ja nicht allein der Körper, der ihn so erschreckte, auch das innere Licht, das in diesem Untier steckte, brachte ihn aus der Fassung. Sämtliche Blutbahnen strahlten das grüne Licht ab.

Das Untier kroch über den Boden. Seine Schuppenhaut unter dem Schleim glänzte. Immer wenn das Maul weit aufklaffte, wurde der Verwesungsgeruch unerträglich. Er mischte sich mit dem Gestank des widerlichen Schleims.

Kurze Arme und Beine hatte das Wesen. Die Bauchdecke schimmerte weißlich. Es stemmte sich hoch, um aufrecht zu gehen, und da hatte es Ähnlichkeit mit einem Menschen.

Aber Menschen sollten seine Opfer werden. James Colby war Realist genug, um dies einzusehen. Er würde dem Untier nicht entkommen. Colby schaute auf die Augen.

Sie standen weit auseinander in diesem schuppigen, froschähnlichen Gesicht. Zwischen ihnen zog sich die Schleimspur hin, die wie ein dünner Film über den Pupillen lag. Der nach Moder stinkende Schleim war in dem offenen Maul deutlich zu erkennen.

Zähne sah der Mann nicht. Im Normalfall hätte ihm das Hoffnung gegeben, aber nicht in diesem verdammten Verlies, in dem es keinen Ausweg für ihn gab.

Weiß kamen ihm die Augen vor.

Und es war aus einer Luke gekrochen. Eine Falltür musste das Untier mit seiner Körperkraft von der unteren Seite in die Höhe gedrückt haben. Aus dem Boden hatte sich ein Viereck gelöst, das zur Seite gekippt war.

Echse, Mensch und Schlange. Drei Lebewesen vereinigten sich in diesem Monster. Es schob sich über den Boden, und auch James Colby bewegte sich.

Er hatte seine Schmerzen vergessen, die Erinnerung an seine Frau gelöscht. In diesem Augenblick wollte er nur leben. Nicht in die Klauen des Untiers geraten.

Leben, lachen, laufen …

Das Letzte war nicht mehr zu schaffen. Nach wenigen Schritten schon stoppten ihn die Wände. Und das Monster bemerkte, was der Mann vorhatte. Geschickt verkürzte es den Winkel, duckte sich und presste sich dann mit dem Unterkörper gegen den Steinboden.

So schob es sich auf seinen Gegner zu, dessen Fluchtchancen rapide sanken, und dennoch versuchte er es.

James Colby hatte in seinem Leben immer gekämpft. Nicht mit Fäusten oder Waffen, sondern mit der Kraft seines Geistes. Es hatte nur wenige Situationen gegeben, in denen er überfahren worden war.

Und so sprang er über das Monster hinweg. Vielleicht konnte er durch die Luke entkommen. Sie kam ihm plötzlich vor wie die große Hoffnung, die Lebensrettung.

Er schaffte den Sprung, aber er konnte nicht jubeln, denn mit dem rechten Fuß zuerst landete er zwar auf dem Boden, gleichzeitig in einer Schleimpfütze, die so glatt und glitschig war, dass er sich nicht auf den Beinen halten konnte, mit beiden Armen ruderte und das Gleichgewicht verlor.

Er fiel hin.

Auf den Rücken knallte er. Der Hinterkopf wurde in Mitleidenschaft gezogen, während sich das Monster träge herumdrehte und plötzlich über ihm war. Mit diesem Riesenmaul hätte es einen Menschen verschlucken können.

Damit rechnete James Colby, nur hatte er sich verrechnet. Das Untier wollte ihn nicht fressen.

Der Schleim war seine Waffe.

Überall spürte ihn James. An den Armen, zwischen den Fingern, auf dem Gesicht. Der Gestank raubte ihm den Atem, und der Schleim rollte ihn regelrecht ein.

Colby bekam keine Luft mehr. Er hatte die Augen aufgerissen, schaute durch die dünne Schleimschicht und sah über ihr etwas Grünes, das sein gesamtes Blickfeld einnahm.

Die Atemluft wurde ihm abgeschnitten. Der grüne Schatten verschwand allmählich und wurde von einer anderen Farbe abgelöst.

Von einer schwarzen.

Der Farbe des Todes …

James Colby starb, ohne zu wissen, weshalb.

***

Ich bekam gelbe Gummistiefel, die innen feucht waren. Das nahm ich gern in Kauf, denn auf dem Weg in die Unterwelt konnte man keinen geputzten Marmorboden erwarten.

»Passen sie?«, fragte der Mann, der mir die Stiefel übergeben hatte.

Die Zehen hatten noch Spiel. »Ja, so einigermaßen.«

Der Mann war zufrieden und reichte mir zur Sicherheit eine Gummijacke, die ich ebenfalls überstreifte. Einen Helm musste ich auch aufsetzen, und so sah ich aus wie ein Londoner Kanalarbeiter.

In die Kanäle ging es. Ein Säuberungstrupp hatte dort eine ungewöhnliche Leiche gefunden. Mehr wusste ich nicht. Man hatte Scotland Yard zuerst nicht alarmiert, aber die normalen Kollegen hatten richtig geschaltet, denn Chefinspektor Tanner, der sich um den Mordfall hätte kümmern müssen, wusste sofort Bescheid, wer für diese Sache zuständig war.

Suko war im Büro geblieben. Es reichte, wenn sich einer von uns in diese unterirdische Welt begab, in der es bestialisch stank. Besonders im Sommer und bei schwülem Wetter.

Meinen Kollegen Tanner würde ich am Fundort nicht finden. Dafür begleitete mich ein Ingenieur der Stadtverwaltung. Er hieß Walter King und hatte mir die Kleidung mitgebracht.

King kannte sich aus. Er hatte selbst in der Tiefe angefangen und war eine Kanalratte gewesen. Dann hatte er sich hochgearbeitet und besaß nun einen Schreibtisch in der Verwaltung.

»Waren Sie schon mal dort unten?«, fragte er mich.

Ich schaute in sein Gesicht. Es war beneidenswert braun. Ein Urlaub lag hinter dem Mann. »Ja, schon einige Male.«

»Dann wissen Sie ja, wie es dort zugeht.«

»Und ob.«

»Ich kann trotzdem vorgehen?«, fragte King.

»Bitte.«

Der Mann stieg in das Gullyloch. Es lag in einer schmalen Seitenstraße, nicht weit vom Ufer der Themse entfernt. Arbeiter hatten eine Straßenhälfte gesperrt.

Aus dem Loch strömte ein widerlicher Geruch, und der Gestank verstärkte sich, als ich die Leiter hinabkletterte.

Mich nahm die Welt der Kanäle auf. Eine widerliche Welt, aber sie musste sein, und es musste auch die Männer geben, die dort unten arbeiteten. Vor den Kameraden konnte ich nur den Hut ziehen.

King war es gewohnt, über schmale Leitern zu klettern. Er erwartete mich am Grund und hatte seine Lampe eingeschaltet, die ihren Schein in die stinkende Dunkelheit schickte.

Er nickte mir zu. »Wir müssen ein paar Schritte laufen. Die Leiche klemmte an einem Sperrgitter fest.«

»Wie sieht es mit dem Licht aus?«

Er winkte ab. »Es reicht aus. Wir haben Scheinwerfer aufgestellt.«

Ich war auf die Leiche gespannt. Viel hatte ich nicht zu hören bekommen. Tanner war schweigsam gewesen, das ließ bei ihm tief blicken. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Toten um keine normale Leiche. Wir erreichten einen Gang, der ziemlich breit war, eine niedrige Decke besaß und ein Kanalbett, durch das eine dicke, dunkle Flüssigkeit rann, die extrem roch.

King sah meinem Gesichtsausdruck an, dass mir der Geruch überhaupt nicht passte. Er hob die Schultern. »Bei diesem Wetter ist es furchtbar. Da verdunstet hier unten relativ viel Wasser. Nach einem langen Regen sind die Kanäle voll. Was Sie jetzt im Kanal sehen, ist fast nur Fäkalienschlamm.«

»So riecht er auch.«

King lachte. »Vielleicht treffen Sie alte Bekannte wieder«, holte er einen Witz aus der Mottenkiste.

»Darauf kann ich verzichten.«

Es wurde ein Weg, der nicht zu meinen Lieblingsstrecken gehörte. Unter der Decke glänzte die Nässe, an den Wänden hatte sie sich ebenfalls abgesetzt. In langen Streifen rann die Brühe an den Steinen entlang. Ratten sah ich nicht. Dafür anderes Kriechgetier, das schnell verschwand, wenn es vom Lichtstrahl erwischt wurde.

King kannte sich gut aus. An einer Kanalkreuzung blieb er stehen und deutete auf die vergitterte Lampe unter der gewölbten Decke.

Ich wischte mir einen Spinnwebenfaden aus dem Gesicht und nickte. »Es scheint nicht mehr weit zu sein.«

»Richtig.«

Im Kanal zur linken Hand entdeckten wir eine helle Lichtinsel. Ungefähr fünfzig Yards mussten wir gehen, und jetzt hatten wir mehr Spielraum, denn die Stege rechts und links der Rinne waren breit wie Gehsteige. Das war eine der Hauptstrecken.

Neben mir floss und gurgelte das Wasser. Dieser Hauptkanal war besser gefüllt, es stank nicht mehr so penetrant.

Wir waren mittlerweile bemerkt worden. Aus der Lichtinsel lösten sich zwei Schatten. Kings Kollegen kamen uns entgegen. Sie begrüßten den Mann und schauten mich an.

»Das ist Oberinspektor Sinclair«, sagte King. »Er wird sich die Leiche einmal ansehen.«

Der dunkelhäutige Arbeiter mit den großen Augen lachte auf. »Leiche ist gut.«

»Wieso? Ist es keine?«, fragte ich.

»Doch, Sir, doch, aber Sie werden sich wundern.«

Da waren schon wieder die komischen Andeutungen. Allmählich baute sich bei mir eine gewisse Spannung auf.

Das helle Licht in dem Gang blendete mich. Ich musste aufpassen, wollte ich nicht ausrutschen. Es gab besseres Wasser, um ein Bad zu nehmen.

Drei Scheinwerfer leuchteten den Gegenstand an. Ich war zu weit entfernt und konnte nur erkennen, dass es sich dabei um einen dunklen Körper handelte, der klein war.

Die Arbeiter machten mir Platz. Auch King drückte sich mit dem Rücken an die Wand.

Mit einem Kopfnicken bedankte ich mich, ging vorbei, dann die nächsten Schritte und stand vor dem Toten.

Der Magen kam mir zwar nicht hoch, aber ich hielt für einen Moment die Luft an.

Es war scheußlich.

In der Tat konnten wir uns bei dem Auffanggitter bedanken, das die Leiche gestoppt hatte. Jetzt allerdings lag der oder die Tote halb auf dem Steg an der linken Seite.

Ich erblickte die beiden Stangen, mit denen sie herausgefischt worden war.

Sofort schaute ich mir die Leiche näher an. Das Gesicht war völlig entstellt.

Zu vergleichen war die Leiche mit einer Mumie. Der Körper war stark geschrumpft.

Zuerst hatte ich an eine Täuschung geglaubt, bis mir auffiel, dass der Fäkaliengeruch in diesem Kanal von einem anderen überlagert wurde. Und den Gestank kannte ich.

Es war Leichengeruch.

Moder, Friedhof, Vergänglichkeit …

Dafür gab es nur einen Grund: Der Tote strömte ihn aus, aber so penetrant, dass ich skeptisch wurde und nicht an eine normale Verwesung glauben wollte.

Wenn ich genauer hinschaute, konnte ich die dünne durchsichtige Schicht erkennen, die den Toten wie ein Kokon umspannte. Das war ein widerlicher Schleim, und er gab den entsprechenden Geruch ab.

Ich schluckte. Schweiß hatte sich auf meine Haut am Nacken gesammelt. Obwohl es mir schwerfiel, dies zu glauben, aber ich war der Überzeugung, dass beim Tod dieses Mannes dämonische Kräfte im Spiel gewesen waren.

Den Modergeruch konnte ich als einen Hinweis ansehen. Und so etwas traf auf einen der widerlichsten und schlimmsten Dämonen zu, den ich kannte.

Auf einen Ghoul!

Bevor ich mich wieder hinstellte, ließ ich noch einmal den Blick über die Leiche wandern. Sie war geschrumpft, an Armen und Beinen ebenfalls.

Das Gesicht war zerknittert wie die Haut eines alten Apfels.

Als ich mich aufrichtete, schaute Mr. King mich an. »Nun, Sir, was sagen Sie?«

»Es ist schwer.«

Er lachte kratzig. »Das haben wir uns auch gesagt. Ihre Kollegen meinten das ebenfalls. Deshalb haben wir Sie geholt. Eine Frage mal nebenbei: Kennen Sie den Mann?«

Ich verzog die Mundwinkel. »Und wenn es ein Verwandter von mir gewesen wäre, ich glaube kaum, dass ich ihn erkannt hätte.«

»Meinen Sie?«

»Schauen Sie sich den Toten doch mal an. Das ist kein normaler Mensch mehr. Er sieht so aus, als wäre er mumifiziert worden.«

»Aber wie?«

»Da fragen Sie mich zu viel, Mister King.«

»Ist Ihnen der Geruch aufgefallen?«

»Ja. Er passt nicht hierher. Der ist anders als der Gestank in den Kanälen.«

»Ich habe da an Leichengeruch gedacht.«

»Sie liegen richtig, Mister King.«

»Dann müsste er schon sehr lange dort liegen. Aber das kann nicht sein. Die Strecke wird oft kontrolliert. Irgendetwas ist da faul und nicht nur der Gestank.« Er lachte über seine letzte Bemerkung.

Ich schaute zurück. Nach einer Weile des Nachdenkens fragte ich: »Wo kann der Tote hergekommen sein?«