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Tief im ewigen Eis der Antarktis lauert das Grauen. Das Expeditionsteam Icebreaker stößt auf eine verborgene Welt von unbeschreiblicher Schönheit, aber auch tödlicher Gefahr. Ein intelligenter Parasit verwandelt Menschen in blutrünstige Kreaturen und stürzt die Expedition in einen Albtraum. Wenig später wird der beurlaubte Agent John Walker reaktiviert, um das Grauen zu stoppen. Seine Ermittlungen führen ihn in die Fänge einer skrupellosen Organisation, die im Verborgenen grausame Experimente durchführt. Walker muss sich nicht nur den tödlichen Kreaturen stellen, sondern auch den dunklen Seiten seiner eigenen Persönlichkeit. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, in dem er alles in Frage stellen muss, was er zu wissen glaubte. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und Walker muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Doch die Wahrheit ist komplexer, als er ahnt, und die Antarktis birgt Geheimnisse, die besser im Eis begraben geblieben wären. Tauchen Sie mit Agent John Walker ein in diesen packenden Mystery-Thriller und erleben Sie einen Kampf ums Überleben gegen ein Biologisches Grauen. Ideal für Fans von Horror-Thrillern, Wissenschafts-Thrillern und spannenden Antarktis-Romanen! Folgen Sie dem Autor auf Instagram, um über weitere Projekte auf dem laufenden zu bleiben! https://www.instagram.com/helmuth.hoffmann_autor/
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2025
Helmuth Hoffmann
JOHN WALKER: Der Dämonen-Parasit
Mystery-Thriller
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Impressum neobooks
Die Antarktis war schon immer einer der mysteriösesten Orte unserer Welt. Ein riesiger, ganz eigener Kontinent voller unbekannter Schönheit, die seit Anbeginn der Seefahrt die Fantasie und Abenteuerlust der Menschheit immer wieder aufs Neue entfacht. Seit dem 18. Jahrhundert setzte Weltweit ein starkes Interesse an der Erforschung der Antarktis ein. So kam es zur Eröffnung immer neuer Forschungsstationen, die nach ihrer Lage auf ihrem eigentlichen Kontinent, Antarktika, und auf vorgelagerten Inseln unterschieden werden. Oft genug bissen sich zahlreiche Wissenschaftler die Zähne daran aus, die großen Geheimnisse aufzudecken, die sich noch immer unter dem ewigen Eis verbargen. Über das Jahr hinweg wurden Expeditionsteams ausgesandt, die den Auftrag hatten Proben sicherzustellen und Videomaterial zurückzubringen, wo sich das United States Laboratory, am Rande Washingtons, um die Auswertung kümmern sollte. Doch einfach war es nie. Besonders im Zeitraum von November bis März in dem die Orkane über das Eis peitschten und die Temperaturen 40 Grad minus erreichten, mussten die Teams ihre Arbeit einstellen. Das Forschungsteam Icebreaker unter der Leitung von Benjamin Monroe bestand aus erfahrenen Männern, die so einiges aushalten konnten. Doch dieses Mal stießen sie auf eine Entdeckung ungeahnten Ausmaßes, die die Grenzen des menschlichen Verstandes zu überschreiten drohte.
13:30 Uhr auf dem antarktischen KontinentEin eisig kalter Wind wehte Benjamin Monroe um die Ohren, als er mit seinen schwarzen Stiefeln durch den tiefen Schnee stampfte und sich immer wieder seine dunkelblaue Eskimo Jacke zurechtrückte.
Ohrenschützer trug er nicht, dafür eine Kapuze mit grauem Pelzrand, die er am Kopf festhalten musste.
»Na vielen Dank auch, liebe Mutter Natur. Erst schlägt mir der Wind auf die Glatze und bald kommt auch noch der Schnee«, brummte der Icebreaker, als er ein paar Flocken vom Himmel kommen sah und sich weiter in Richtung des Zeltes mühte, wo er Arbeitsmaterial für die bevorstehende Erkundung zusammenpacken musste. Der Mann war ein erfahrener Polarforscher und hatte in den vergangenen Jahren bereits drei andere Truppen geleitet. Daher waren die Temperaturen kein Neuland für ihn. Dennoch war die gnadenlose Kälte der Antarktis ein Gegner, gegen den er nur sehr schwer ankam. Seinem Empfinden nach waren der Respekt und die Anerkennung, die er sich im Laufe der Jahre in seinem Job hart erarbeitet hatte, das Einzige, was ihn an diesem Ort wärmen konnte. Auch die Vorstellung von seiner Frau Lea und seiner Tochter Amanda, wie sie ihn nach seiner Ankunft in die Arme schlossen, gab ihm jedes Mal Kraft, um seine Arbeit zügig voranzutreiben.
Die letzten Tage hatten seine Mitarbeiter damit verbracht, in der Gegend des Bohrbereiches orangefarbene Zelte aufzubauen und den Aufzug anzuschließen, der nach unten zum Lake Whillans führte. Ein See, der mehrere hundert Meter unterhalb des Whillans-Eisstromes, an der Südöstliche Ecke des Ross-Schelfeises ruhte. Das Wissard-Team meldete im Jahr 2013, dass die Bohrungen durch das Eis erfolgreich waren und die Forschungen beginnen konnten. Zu dem Zeitpunkt ahnte noch keiner, was sich dort unten verbarg.
In der Ferne konnte Monroe seine Männer sehen, wie sie das Equipment aufstellten und sich bereit für die Arbeit machten. Für ihn war es offensichtlich, weshalb sein Team ohne Absprache in dieser Kälte mit der Arbeit begann. Die Gründe waren bei jedem unterschiedlich. Der eine wollte für sein Engagement gelobt werden, ein anderer strebte eine Beförderung an und ein weiterer wiederum wollte einfach nur schnell fertig werden, um wieder nach Hause zu kommen. Welche Gründe es auch immer gab, er lobte den Fleiß seines Teams jedes Mal, um die Moral in der Gruppe zu stärken. Und das mit Erfolg, denn sie erledigten ihre Arbeit nicht nur zügig, sondern auch mit jeder Menge Spaß an der Sache.
»Na sieh mal einer an. Die ganzen Geräte stehen schon bereit. Dann können wir jetzt mit der Arbeit beginnen, würde ich sagen«, wunderte sich der Teamleiter. Er hatte sich darauf eingestellt, alle Arbeitsgeräte zusammenzupacken und zum Aufzug zu tragen.
»Hey Chef, wir haben vorhin besprochen, wer zuerst nach unten gehen sollte. Sie haben uns gestern die Wahl gelassen. Oder haben Sie es sich anders überlegt und selbst jemanden ausgesucht? In dem Fall würden wir das natürlich akzeptieren.«
»Nein, ich habe es mir nicht anders überlegt. Ich habe euch die Freiheit gelassen, damit ihr es untereinander ausmachen könnt und dabei bleibe ich. Ich vertraue jedem von euch. Ihr seid alle qualifiziert, um die Arbeit dort unten zu bewältigen.« Benjamin Monroe sagte es nicht nur, er meinte es auch so. Er hatte großes Vertrauen in die Qualitäten seiner Truppe. Schließlich war er es, der das Team zusammengestellt hatte. Das war ihm von Beginn an wichtig. Er konnte keine Egomanen brauchen, die es auf Alleingänge abgesehen haben.
»Okay Leute, also wen habt ihr ausgesucht?«
»Chef, wir haben uns für Metin entschieden. Er hat die letzten Tage fleißig mitgearbeitet und es verdient, die ersten Schritte in eine unbekannte und neue Umgebung zu machen.« Der Leiter bestätigte die Auswahl mit einem Nicken und wies seine Männer an, die letzten Vorbereitungen zu treffen, um mit dem Aufzug nach unten zu fahren. Ein wenig beneidete Monroe seine Leute, aber dieses Gefühl schob er zur Seite. Schließlich musste jemand an der Oberfläche bleiben, der die Aufsicht über die anderen hatte. Und das war in dem Fall der Chef persönlich. Bedenken hatte er bei der Auswahl keine. Metin Akyol war ein zuverlässiger Mitarbeiter, der mit seinen 25 Jahren der Jüngste war, aber auch sehr viel arbeitete, um in der Gruppe akzeptiert und anerkannt zu werden. Der Türke war erst seit zwei Wochen im Team und hatte sich im Vorstellungsgespräch als fähig erwiesen. Der junge Mann griff sich die kleine Schalttafel, mit der er den Aufzug nach unten steuern konnte und betrat die Kabine.
»Also dann, ab mit dir nach unten, mein Junge«, sagte Monroe und beobachtete das stolze Lächeln im Gesicht seines Icebreakers, als sich die Glastüre des kleinen Aufzugs schloss und dieser langsam nach unten fuhr.
»Also ehrlich, Chef. Der Mann ist echt zu beneiden. Was wir hier entdeckt haben ist Wahnsinn. Wir wussten ja, dass der Lake Whillans etwas Besonderes ist, aber eine ganze unterirdische Höhle, in der man sich normal bewegen kann, ist faszinierend. Ich dachte nicht, dass so etwas möglich sein kann. Ich hoffe nur, dort unten ist nichts Gefährliches zu finden«, sagte Paul Denvers besorgt. Er war Monroes rechte Hand und hatte die Aufgabe, ihn zu vertreten, wann immer der Chef etwas anderes erledigen musste.
»Gut, dass du dich um deinen Kameraden sorgst, aber ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. Wir sind seit knapp einer Woche hier und haben jede Menge Nachforschungen betrieben, indem wir unseren kleinen Kamerawagen hinuntergeschickt haben. Er hat nichts Gefährliches entdecken können. Also warten wir erst einmal ab.« Benjamin Monroe konnte die Sorge seines Mitarbeiters nachvollziehen. Sie stießen auf eine unbekannte Höhle, von der man erst seit einigen Monaten etwas wusste, aber die noch nicht besichtigt wurde. Da war es normal, nervös zu sein. Dennoch konnten sie jetzt nicht viel machen. Sie mussten abwarten, bis sich der junge Mann über das Funkgerät meldete.
Obwohl der kleine Aufzug nur Platz für eine Person bot, war das für Metin Akyol angenehmer als an der Oberfläche, wo die Kälte kaum auszuhalten war. Dass ihm die Situation allmählich zu schaffen machte, sagte er niemandem. Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen, um dauerhaft in diesem Team bleiben zu können. Es war anstrengend und er musste oft sein Zuhause in Arlington verlassen, aber die Bezahlung lockte und er konnte seine Familie dadurch gut versorgen. Die Reise 800 Meter in die Tiefe war schneller vorbei, als ihm lieb war.
Innerhalb des Aufzuges stand die Luft still. Eine fast schon angenehme Temperatur bekam er zu spüren. Das änderte sich, als die Glastüre sich zur Seite schob und den Weg in die unglaubliche Höhle frei gab. Wie diese Höhle zustande kam und wer sie erschaffen hatte, konnte er sich nicht vorstellen. Aber die Natur hatte bekanntlich Wunder zu bieten, die für den Mensch nur schwer zu begreifen war.
»Das ist einfach Wahnsinn hier unten. Ich bin tatsächlich der erste Mensch, der diese unterirdische Höhle betreten darf«, flüsterte er stolz und hatte das Gefühl, etwas Besonderes geschafft zu haben. Diesen ersten Eindruck wollte er unbedingt mit den anderen teilen. Er löste das Funkgerät von seinem Gürtel und betätigte den braunen Knopf. Nachdem ein klackerndes Geräusch zu hören war, begann er zu sprechen: »Metin an die Icebreaker an der Oberfläche. Könnt ihr mich verstehen? Ich habe die Höhle betreten.« Der Türke wartete ein paar Augenblicke. Er konnte es kaum noch aushalten zu erzählen, wie es im Inneren aussah. Und gerade als er sich noch einmal bei seinem Vorgesetzten melden wollte, meldete sich Benjamin Monroe durch das Funkgerät.
»Wir hören dich alle, mein Junge. Wir kennen zwar die Videoaufnahmen der Kamera, aber hast du schon etwas Neues entdeckt?«
»Noch nicht, Mr. Monroe, aber ich kann gern ins Detail gehen. Die Höhle hat zwei Richtungen, in denen man sich bewegen kann. Ich habe mich für die östliche Richtung entschieden. Das ist der etwas dunklere Bereich der Höhle. Es ist aber nicht komplett finster. Man kann sich auch ohne Taschenlampe sehr gut zurechtfinden und sehen, wohin man tritt. Dennoch benutze ich sie, um genaueres sehen zu können. Die andere Richtung ist etwas heller, aber ein Detail haben wir ganz falsch verstanden. Diese Höhle ist nicht aus Stein, wie wir zuerst angenommen haben. Sie ist aus sehr stabilem und dickem Eis. Deshalb gelangt auch kein Licht von der Oberfläche hier herunter. Zumindest auf der Östlichen Seite ist das der Fall. Der Gang ist ungefähr 15-20 Meter breit.«
Die Männer an der Oberfläche lauschten dem Bericht des 25-jährigen ganz genau und staunten nicht schlecht.
»Hast du noch ein paar Informationen?«
»Ja, habe ich. Die Höhle weist einen leicht bläulichen Schimmer auf, aber ich habe keine Ahnung, woher dieser kommen könnte. Hier sind nirgendwo Lichter oder Ähnliches. Aber es sieht wunderschön aus und richtig glattpoliert, als ob jemand anderes schon vor uns hier unten war und an dieser Höhle gearbeitet hat. Aber bitte fragen Sie mich nicht, wie das möglich sein kann. In der Mitte des Ganges habe ich einen schmalen Fluss mit glasklarem Wasser entdeckt.« Metin Akyol hielt seine Taschenlampe fest umklammert. Die Neugierde war für ihn kaum noch auszuhalten, als er den dunkleren Bereich der Höhle betrat und vorsichtig weiterging.
»Du solltest dir nicht zu viel zumuten, mein Junge. Ich verstehe, du bist begeistert, dort unten zu forschen, aber das ist noch unbekanntes Terrain. Wir müssen vorsichtig sein und dürfen nichts übertreiben. Also komm wieder nach oben. Dann besprechen wir die nächsten Schritte«, wies Benjamin Monroe seinen Mitarbeiter an. Doch der bekam die Worte seines Vorgesetzten nur am Rande mit, denn mehrere Meter weiter entdeckte er auf der anderen Seite des Flusses einen schmalen Gang, der nicht wie eine Abbiegung in den nächsten aussah, sondern mehr einem kleinen Versteck glich.
Das Kribbeln im Bauch wurde bei dem jungen Mann immer stärker, als er den Gang erreichte und mit einem Auge hineinspähte.
So ein Pech. Eine Sackgasse, dachte er und wollte sich schon wegdrehen, als er am Ende des schmalen Ganges eine kleine schwarze Pfütze entdeckte.
»Mr. Monroe, ich weiß, ich sollte nach oben kommen, aber ich habe hier etwas entdeckt, was wir nicht erwartet haben. Es sieht aus wie dunkler Schleim. Eine Art ölige schwarze Masse. Ich denke, es wäre gut, wenn ich eine Probe in meinen Behälter füllen würde. Unser Labor wird begeistert sein von unserem Fund. Danach komme ich nach oben.«
Als Metin Akyol den Behälter aus seiner Tasche nahm, zuckte er zusammen, denn diese unbekannte Masse bewegte sich plötzlich. Sie näherte sich langsam seinem Körper, verharrte dann aber reglos, als der junge Mann einen Schritt zurücktrat.
»Wow Chef, Sie glauben nicht, was ich gesehen habe. Dieses Zeug auf dem Boden hat sich auf mich zubewegt. Vielleicht haben wir hier eine Lebensform entdeckt, die schon lange in der Antarktis lebt, aber von keinem Menschen bisher entdeckt wurde.«
»Metin, du kommst jetzt sofort wieder nach oben. Das ist eine Anweisung von deinem Vorgesetzten. Wir wissen nicht, ob diese Lebensform gefährlich ist.«
»Einen Moment, Mr. Monroe. Ich packe diese Lebensform in einen Behälter. Ich sage Ihnen, wir werden zu Hause für diesen Fund gefeiert und in wenigen Wochen sind wir …«
Dem Icebreaker stockte der Atem, denn die schwarze Masse bewegte sich wieder auf ihn zu. Doch dieses Mal etwas schneller, so dass er gar nicht mehr reagieren konnte. Diese Pfütze, die er als Lebensform bezeichnete, löste sich vom Boden und sprang ihm entgegen. Er wollte sie noch mit der Hand abwehren, aber da war es schon zu spät. Die Masse flog auf ihn zu und landete auf seinem Gesicht. Erschrocken ließ er die Taschenlampe auf den Boden fallen und versuchte, sich mit aller Kraft dieses Ding vom Gesicht zu reißen, aber er schaffte es nicht. Es krallte sich an seine Haut, bis er ein Brennen verspürte, dass immer stärker wurde.
Panik kam in ihm auf. Er schrie vor Schmerzen, versuchte sich dieses Ding vom Gesicht zu kratzen, doch der Erfolg blieb aus. Das Brennen wandelte sich in einen unbändig stechenden Schmerz, als sich die schwarze Masse auf seinem Gesicht bewegte und Öffnungen suchte, in die es eindringen konnte. Die Lebensform teilte sich und wanderte wie schwarze Blutegeln über seine Haut, bis sie sich in die Nasenlöcher und in die Ohren drückte. Das Ziel der Lebensform war erreicht. Sie hatte einen Weg in den Körper des jungen Mannes gesucht und auch gefunden.
Benjamin Monroe war besorgt und wütend zugleich. Er hätte wissen müssen, dass junge Männer ihre Neugierde nur sehr schwer zügeln konnten. Der 25-jährige wollte dieses schwarze Etwas einpacken und mit nach Washington nehmen, damit er und die anderen als Helden in die Geschichte eingehen konnten.
»Kannst du mich hören, Metin?« Nachdem sein Schützling sagte, dass er eine Probe nehmen wollte, kam nichts mehr. Die Verbindung blieb aufrecht, denn ein leises Atmen war zu hören.
Plötzlich schraken alle zusammen, als ein lautes Geräusch durch das Funkgerät dröhnte. Die Icebreaker waren sich sicher. Es waren die verzweifelten Schreie von Metin Akyol, der von dieser unbekannten Lebensform angegriffen wurde.
»Ahhh! Hilfe! Es dringt in mich ein!«, dröhnten die verzweifelten Schreie durch das Funkgerät. Die Männer an der Oberfläche waren wie erstarrt und schlugen sich die Hand vor den Mund.
»Verdammt nochmal. Hätte er nur auf mich gehört. Dann wäre es nicht so weit gekommen«, fluchte Monroe frustriert und machte sich bereit, nach unten zu gehen. Keiner war davon begeistert, dass ihr Chef nach unten fahren wollte. Allen voran sein Freund Paul Denvers.
»Hey Ben, mach das nicht. Dort unten ist es zu gefährlich. Vielleicht ist die unterirdische Höhle des Lake Whillans voll mit diesen Biestern. Dann wirst du auch noch angegriffen«, sprach Denvers auf seinen Freund und Vorgesetzten ein, aber es half nichts. Der Teamleiter war entschlossen, seinem jungen Schützling zu helfen.
»Wartet mal kurz und seid still«, mischte sich ein Mitarbeiter ein und machte die zwei darauf aufmerksam, dass die Schreie verstummten. Hatte sich dieses schwarze Etwas von Metin Akyol gelöst und war verschwunden?
Eine unheimliche Stille machte sich breit. Nur der pfeifende Wind war zu hören, mehr nicht. Doch das Wetter machte jetzt keinem mehr zu schaffen. Die Gedanken aller Teammitglieder waren bei dem jungen Mann in der Höhle. Ratlos blickten sich die Männer an, als sie ein Geräusch vernahmen, dass leise begann, aber mit fortlaufender Zeit immer deutlicher zu identifizieren war.
»Dieses Geräusch ist doch der Aufzug. Er fährt zu uns nach oben. Vielleicht ist es Metin, der sich von diesem Wesen befreit hat und nach oben flüchtet. Ebenso kann es auch diese Lebensform sein, die sich Zugang zum Aufzug verschafft hat«, sagte Paul Denvers mit gemischten Gefühlen in die Runde.
»Aber klar doch, diese schwarze Pfütze öffnet die Türe und fährt nach oben. Das glaubst du doch selbst nicht, Paul.« Unter anderen Umständen sprach Monroe nicht so schroff zu seinem Freund, aber diese Situation war anders. Der Leiter war selbst mit der Situation überfordert. Er hoffte, Bodenproben zu finden, die man zurückbringen und untersuchen konnte, aber eine Lebensform, die seinen Mitarbeiter angriff, damit hatte er nicht gerechnet.
Der Aufzug wurde langsamer und rastete jeden Augenblick an der Oberfläche ein, als sich die Türe zur Seite schob und den Männern einen Blick ins Innere ermöglichte. Die Spannung stieg und alle hielten die Luft an. Es war tatsächlich Metin Akyol, der oben ankam und aus dem Fahrstuhl stolperte. Seine Kollegen fingen ihn noch rechtzeitig auf, ehe er zu Boden stürzte.
»Hey Metin, was ist da unten passiert? Wir haben uns schon Sorgen gemacht«, fragte Paul Denvers, der den jungen Mann in den Arm nahm und wie ein guter Freund behandelte.
»Ich… ich wurde von diesem Ding angegriffen. Es… es sprang mir ins Gesicht und dann verschwand es irgendwie. Ich kann es mir nicht erklären. Ich bin ganz durcheinander«, berichtete der junge Türke ganz aufgelöst und erschöpft.
»Keine Sorge, Metin. Wir bringen dich auf das Schiff. Dort kannst du etwas essen und dich dann ausruhen. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Für heute machen wir mit der Arbeit Schluss.« Benjamin Monroe fühlte sich verantwortlich und stützte den jungen Mann an seinem linken Arm, während Paul Denvers die rechte Seite übernahm. Die anderen Angestellten sammelten die Arbeitsmaterialien vom Boden und kamen anschließend hinterher.
***
Metin Akyol schlief vor Erschöpfung ein. Er lag in seinem Bett in der Schiffskabine, doch sein Schlaf war alles andere als erholsam. Er träumte einen sehr realen Traum, wie er mit seiner Ausrüstung nach unten zum Lake Whillans fuhr und von einer unbekannten Lebensform angegriffen wurde, die sich in seinen Körper bohrte. Dabei empfand er unbeschreibliche Schmerzen, die noch Stunden danach anhielten. Er wälzte sich im Bett von einer Seite auf die andere. Immer wieder sah er sich in der Höhle, wie er eine Probe dieses Schleims nehmen wollte. Dabei bewegte sich diese Flüssigkeit auf ihn zu und sprang ihm entgegen.
Schreiend wachte der junge Mann auf. Er befand sich in der Schiffskabine auf dem Bett. Sein Gesicht war schweißgebadet.
»Was war das bloß für ein verfluchter Traum? Er war so real, als ob es wirklich passiert ist. Aber immer mit der Ruhe. Erst einmal frische Sachen anziehen und dann etwas essen«, sprach er zu sich selbst, in der Hoffnung sich dadurch beruhigen zu können. Appetit hatte er keinen. Nicht einmal sein Lieblingsessen, das seine Kollegen ihm zubereiteten, wollte er haben. Er war noch zu erschöpft und durcheinander, um in der Schiffskantine fröhliche Gespräche mit den anderen führen zu können. Er stand auf und ging zu seinem Kleiderschrank, um sich frische Sachen zu holen. Da zuckte er plötzlich zusammen, als er beim Umziehen in den Spiegel blickte und die Rötungen in seinem Gesicht entdeckte.
»Oh mein Gott, es war gar kein Traum. Das ist tatsächlich passiert. Ich habe diese Würmer in mir drin.« Er spürte eine Angst in sich aufsteigen, die er zuvor in seinem Leben noch nie erfahren hatte. Es war die erdrückende Angst, sich selbst zu verlieren und nie mehr wiederzufinden. Dabei wollte Metin doch einfach bloß einen gut bezahlten Job haben, mit dem er seine Eltern und seine Geschwister versorgen konnte. Und nun kämpfte er mit einem Parasiten um die Herrschaft seines Körpers. Jedoch mit wenig Aussicht auf Erfolg, denn der Eindringling machte auf sich aufmerksam.
Ein Ziehen in der Magengegend machte es dem jungen Türken immer schwerer, aufrecht stehenzubleiben. Er presste seine Hand auf die Stelle und stützte sich an der Wand ab, aber der stechende Schmerz ließ nicht nach, sondern wurde immer stärker.
»Verdammt, was ist bloß los mit mir?« Der 25-jährige konnte nicht mehr und ließ sich auf die Knie fallen, als er spürte, wie das Ziehen zu wandern begann. Erst den Körper hinauf, dann durch den Hals und am Ende setzte es sich an seinem Gehirn fest.
Da klopfte es an der Türe.
»Hey Metin, wir sind es. Deine Kollegen. Geht es dir gut? Wir haben in der Kantine zusammengesessen und da haben wir dich mehrfach schreien gehört. Dürfen wir reinkommen?«, fragte eine bekannte Stimme den am Boden liegenden jungen Mann. Diese Stimme gehörte Benjamin Monroe, der mit den anderen besorgt vorbeischauen wollte. Eine Antwort bekamen sie nicht. Sie versuchten noch einmal ihr Glück.
»Wir wollen nicht stören. Wir machen uns nur Sorgen um dich, mein Junge. Dürfen wir reinkommen?«
Wieder bekamen die Männer vor der Türe keine Antwort.
»Tut mir leid, Metin, wir wollen nicht deine Privatsphäre stören, aber wir müssen jetzt einfach in die Kabine kommen, um nachzusehen, was bei dir los ist und danach…« Monroe riss die Augen weit auf, als er die Kabinentüre öffnete und seinen Mitarbeiter auf dem Boden liegen sah, der sich vor Schmerzen krümmte und nicht mehr wusste, wie er sich helfen sollte. Den Icebreakern bot sich ein unheimlicher Anblick ihres kranken Kollegen, denn er war nicht mehr er selbst. Der junge Mann begann sich zu verändern. Die Haut wurde blass, die Lippen nahmen einen dunklen Farbton an und selbst die Zähne veränderten sich zu einem fauligen Gelb.
»Du meine Güte. Was ist mit ihm los? Kommt Leute, helft ihm auf die Beine, damit sein Kreislauf wieder in Schwung kommt«, gab Monroe seinen beiden Angestellten die Anweisung. Das Zittern in seiner Stimme war nicht zu überhören. Am liebsten würde er rausgehen und seine Gefühle durch die ganze Antarktis brüllen. So sehr überforderte ihn diese Situation.
»Nein, nicht. Lasst mich in Ruhe. Ihr braucht mir nicht zu helfen. Lasst mich los!«, schrie Metin Akyol seine Kollegen an, die ihm aufhalfen und versuchten, ihn zu beruhigen. Doch die Situation geriet mehr und mehr außer Kontrolle. Das merkte auch Monroe, der das Gefühl hatte, vor jemandem zu stehen, den er nicht kannte. Nicht nur das Äußere veränderte sich bei dem 25-jährigen, sondern auch die Stimme wurde tiefer und klang bedrohlicher. Sein ganzes Wesen schien sich zu verändern. Metin versuchte, sich loszureißen. Er fühlte sich bedroht, von beiden Seiten am Arm festgehalten zu werden.
»Jetzt beruhige dich doch, mein Junge. Wir setzen dich erst einmal auf das Bett und dann hole ich dir etwas zu trinken. Das wird dir guttun.« Doch dazu kam es nicht mehr. Den linken Arm bekam der Türke frei und packte Paul Denvers am Kragen seiner Jacke. Er holte aus und wuchtete seinen Kollegen durch den Raum, wo er mit dem Rücken gegen die Wand prallte und benommen liegen blieb.
»Ich will nur in Ruhe gelassen werden, also bitte geht jetzt endlich«, sagte Akyol mit einer Stimmlage, die unmöglich seine eigene gewesen sein konnte. Monroe und die anderen aus dem Team mochten den jungen Türken. Er war ein intelligenter und lebhafter Charakter, mit dem alle gern zusammenarbeiteten. Doch seit seinem Erkundungsgang wirkte er aggressiv und unberechenbar. So konnte es nicht weiter gehen.
»Hey Metin, sieh mich mal an«, sagte Benjamin Monroe mit ernsthafter Miene und war erschrocken, wie sehr sich sein Schützling verändert hatte. Umso schwerer fiel es ihm, den nächsten Schritt zu machen.
Der Leiter ballte seine Hand zur Faust und versetzte dem 25-jährigen einen gezielten Schlag ins Gesicht.
»Wow, Benjamin. Ich wusste gar nicht, dass du so etwas draufhast. Den hast du tatsächlich ausgeknockt«, sagte Paul Denvers, der beeindruckt war von der Reaktion seines Vorgesetzten.
»Ja, aber das habe ich nicht gern gemacht. Das kannst du mir glauben, Paul. Dennoch musste es sein. Er hat sich verändert und die Kontrolle über sich verloren. Er ist zu einem aggressiven Menschen geworden, der einen von uns verletzt hat.«
»Das stimmt, aber es ist nicht seine Schuld. Er hat sich dort unten wahrscheinlich mit irgendeiner Krankheit infiziert und die hat ihn verändert. Und jetzt stellt sich die Frage: Wie sehen die nächsten Schritte aus? Es ist unwahrscheinlich, dass er nach diesem Nickerchen wieder der Alte sein wird.«
Die Ratlosigkeit stand Paul Denvers ins Gesicht geschrieben. Am liebsten würde er die Expedition abbrechen und zurückfahren, aber diese Entscheidung lag nicht bei ihm.
»Du hast recht. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Metin wieder normal sein wird, sobald er aufwacht. In ihm steckt keine Krankheit, sondern eine Art Parasit. Frage mich bitte nicht, wie das sein kann, aber es ist so. Deshalb können wir auch nicht zurückfahren. Wir müssen jemanden zu uns holen, der die Sache aufklären kann. Ich habe mir die letzten Stunden Gedanken darüber gemacht, was wir machen können. Unser Schiff hat unten ein kleines Motorboot, dass wir im Notfall benutzen können. Damit müsste ich bis Tierra Del Fuego kommen und von dort aus fliege ich nach Washington. Ich mache mich sofort auf den Weg und du hältst die Stellung, bis ich wieder da bin. Ach, und fixiert Metin so gut es geht. Damit er weder euch noch sich selbst verletzt.«
Paul Denvers nickte nur und hoffte, dass sein Freund und Vorgesetzter sobald wie möglich mit Unterstützung zurückkehren würde.
3 Tage später Auf dem antarktischen KontinentDie Windböen ließen einfach nicht nach und sorgten für ein leichtes Schaukeln des Schiffes. Davon merkten die Männer des Icebreaker Teams nichts. Dafür war das Pfeifen des Windes umso deutlicher zu hören, als Paul Devers zum Bullauge lief und nach draußen blickte.
»Ich sage dir Metin, mein Freund, diese kubanischen Zigarren sind die besten. Die habe ich in einem Laden in Florida gekauft. Das sind echte Montecristo Puritos. Ich hoffe, wir können diese Zigarren schon bald wieder zusammen rauchen«, erzählte Paul Denvers seinem Kollegen, der in der Ecke seiner Schiffskabine an eine dicke Eisenstange gekettet war und mit leerem Blick auf den Boden starrte. Ob er verstand, was man ihm sagte, konnte keiner sagen. Zumindest sah es nicht so aus. Ab und zu hob er seinen Blick in Pauls Richtung, aber antworten konnte oder wollte Metin Akyol nicht. Auf dem Tisch hatte Denvers seine Bierflasche stehen, die er innerhalb kurzer Zeit geleert hatte. Die Aufregung der letzten Tage konnte er nur schwer verdauen, so dass er seine Medizin, wie er es nannte, jetzt besonders brauchte.
»Weißt du noch, vor über einer Woche? Da haben wir gemeinsam eine Flasche Samuel Adams Boston Lager getrunken. Wir waren so glücklich, für diese Reise in die Antarktis ausgesucht worden zu sein, dass wir darauf angestoßen haben. An dem Abend haben wir uns vorgenommen, nach unserer Rückkehr nochmal anzustoßen. Aber du musstest ja in der Höhle unbedingt den Helden spielen. Leider bist du dann wenige Stunden später ausgetickt, so dass wir dich an die Stange fesseln mussten. Ich hoffe, du nimmst uns das nicht übel, mein Freund. Sobald du wieder gesund bist, machen wir dich wieder los und dann trinken wir einen.« Man merkte, die Situation machte Paul Denvers zu schaffen. Die Icebreaker waren mehr als nur Kollegen. Sie waren Freunde geworden. Gerade deshalb tat es ihm leid, einen der ihren wie einen Gefangenen zu behandeln. Leider hatten sie keine andere Wahl, denn der Teamkollege hatte sich verändert. Seitdem er drei Tage zuvor mit dem Fahrstuhl in die eisige Tiefe fuhr, um den Lake Whillans zu erforschen, war er nicht mehr er selbst. Als wäre er dort unten mit einer Art Virus in Verbindung gekommen, der ihn zu einem verwirrten und aggressiven Etwas veränderte. Seine Hautfarbe war blass geworden und er zog die ganze Zeit Grimassen, als wüsste er nicht, wer oder was er war.
Denvers verschluckte sich fast an seinem Bier, als er ein deutliches Klopfen an der Kabinentüre vernahm und ein Kollege den Raum betrat.
»Paul, willst du dich nicht mal eine Weile aufs Ohr legen? Du bist schon seit Stunden hier. Monroe hat gesagt, wir sollen Schichtarbeit machen und nicht einem Mann alles überlassen.« Mark Harris war ein weiteres Teammitglied derIcebreaker und ein lebensfroher Mensch. Diese Lebensfreude war wie weggeblasen, denn auch an ihm ging der Zustand seines Teamkollegen nicht spurlos vorbei.
»Mal ehrlich Mark, was soll das bringen? Ich bin fit und will aufpassen, dass unser Freund keinen Blödsinn treibt. Er kann jeden Augenblick wieder austicken und ich glaube, ich bin der einzige, der ihn wieder beruhigen kann. Wir verstehen uns am besten. Außerdem bin ich der Stellvertreter von Monroe und habe die Verantwortung für unseren Freund hier. Du kannst dich also beruhigt aufs Ohr legen. Es ist schon spät.«
»Wie bitte, es ist spät? Man, es ist bald 14 Uhr. Der Chef kann jeden Augenblick mit der Unterstützung zurückkommen und du qualmst hier auf unserem Expeditionsschiff den Raum voll und trinkst bereits dein drittes Bier. Du wirst von Monroe nicht nur Ärger bekommen, sondern du blamierst das ganze Team mit deiner Fahne, die man durch den ganzen Raum riechen kann.« Nach diesen deutlichen Worten kam Denvers zu der Einsicht, dass es besser wäre, sich nicht nur auszuruhen, sondern jede Menge Mundwasser zu benutzen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.
»Ich glaube, dafür ist es zu spät, Mr. Denvers«, ertönte eine Stimme, die nur eine Befürchtung zuließ: Benjamin Monroe war zurück und hatte die angekündigte Unterstützung mitgebracht. Es war ein FBI-Agent, der den Auftrag hatte, sich ein Bild vor Ort zu machen, ehe weitere Schritte in die Wege geleitet werden konnten. Der Chef derIcebreaker betrat die Schiffskabine und blieb vor Paul Denvers stehen.
»Ich glaube, Mark hatte vorhin recht. Du solltest wirklich in deine Kabine gehen und dich ausschlafen. Über dein Verhalten in Gegenwart unseres Gastes reden wir zu einem späteren Zeitpunkt.« Mit gesenktem Blick verließ Denvers die Schiffskabine und hörte hinter seinem Rücken, wie der Chef den Agenten in den Raum bat.
***
»Kommen Sie ruhig rein, Agent Riker. Der Mitarbeiter, von dem ich gesprochen habe, ist hier in diesem Raum. Wir mussten ihn leider fesseln, da er aggressiv wurde und einen meiner Männer angegriffen hat. Sie können ihn sich ansehen. Anschließend bin ich gespannt auf Ihre Meinung.«
Agent William Riker betrat den Raum und sah den Gefesselten sofort. Er saß wie ein gebrochener Mann in der Ecke. In seiner verschwitzten Kleidung zeigten sich erkennbare Risse, sein leichenblasses Gesicht verzog sich immer öfter zu einer Grimasse, als er seinen Blick nach oben warf und den Besucher fixierte. Seine dunkel angelaufenen Lippen trugen noch dazu bei, dass William Riker eine Gänsehaut über den Rücken lief. Dennoch gehörte es zu seinem Job, diese Art von Ermittlungen zu bestreiten. Sein Vorgesetzter beim FBI, Direktor Jeremy Wayne, hatte ihn beauftragt, sich ein Bild von der Situation zu machen. Dazu gehörte auch zu ermitteln, was sich in den Tiefen des Lake Whillans verbarg. Agent Riker näherte sich dem in der Ecke sitzenden Mann auf nicht mal 2 Meter und ging in die Hocke.
»Mein Name ist William Riker. Ich bin vom FBI und gekommen, um herauszufinden, was passiert ist. Können Sie mich verstehen?« Die Mühe war vergebens. Metin Akyol machte den Eindruck, als würde er kaum realisieren, was um ihn herum geschah.
»Mr. Monroe, unterwegs hierher sagten Sie, dass eine Infektion verantwortlich für den Zustand Ihres Mitarbeiters sein könnte. Bleiben Sie bei dieser Meinung oder fallen Ihnen noch andere Möglichkeiten ein, die in der Höhle passiert sein könnten?«
»Um ehrlich zu sein, bin mir nicht sicher, was ich glauben soll. Ich kann eine Infektion nicht ausschließen. Schließlich ist der Großteil der Antarktis unerforschtes Gebiet. Bisher dachten wir, es wäre unmöglich eine Höhle zu finden, die sich unterhalb des Eises befindet. Dort kann man sich ganz normal bewegen. Ich bin selber mit dieser Situation überfordert, Agent Riker.«
»Unerforschtes Gebiet, Mr. Monroe? Forschungsexpeditionen gibt es doch seit mindestens achtzig Jahren. Hat man in den Jahrzehnten zuvor keine Ergebnisse sammeln können?«, fragte Agent Riker mit einem Schmunzeln.
»Doch, natürlich gab es in der Vergangenheit auch Ergebnisse, aber die technischen Möglichkeiten schreiten rapide voran. Früher hatten wir noch keine modernen Bohrgeräte, die es uns ermöglicht haben, so tief runter zu gehen wie in dieser Zeit. Ich denke, wenn man nur tief genug bohrt, dann findet man dort unten eine ganz andere Welt vor. Und möglicherweise sind wir hier auf etwas ganz Neues und Gefährliches gestoßen, das wir nicht verstehen.«
»Ganz genau Mr. Monroe. Und deshalb werden wir zusammen herausfinden, was sich dort unten aufhält. Ich schlage vor, Sie und Ihre Männer bereiten alles vor und sobald es morgen hell wird, nehmen wir uns den Lake Whillans vor.« William Riker war schon immer ein neugieriger Mensch und für komplizierte Aufträge gern bereit. Allerdings war dieser Auftrag in der Antarktis etwas Neues für ihn. Dennoch war er gespannt darauf zu erfahren, was für Erkenntnisse die nächsten Tage bringen würden.18 Stunden späterBeim FBI wunderte es niemanden, dass sich William Riker für diese Mission bereit erklärt hatte. Er war offen für so ziemlich jedes Abenteuer, denn er brauchte einfach den Nervenkitzel. In Washington kannte man ihn als einen ehrgeizigen Typ, der sein Ziel verfolgte, bis er es erreichte. Auch sein Vater, Julian Riker, war vor langer Zeit beim FBI tätig, jedoch war er bei den Kollegen nie beliebt. Sein Sohn war da ein ganz anderer Charakter. Nach dem Tod seines Vaters entschied er sich, in seine Fußstapfen zu treten und begann die Ausbildung beim FBI, zusammen in einer Klasse mit seinem alten Freund John Walker. Auch wenn William die meiste Zeit seines Lebens Einzelgänger war, bei dieser Mission hatte er keine große Wahl, denn er hatte ein 10-köpfiges Expeditionsteam an seiner Seite, mit dem er zusammenarbeiten musste. Die Icebreaker brachten Ausrüstung, die auf Bohrungen und Sicherstellung von Forschungsproben spezialisiert waren.
Das Ziel: Der Lake Whillans.
Dieser See, der sich an der südöstlichen Ecke des Ross-Schelfeises befand, und 800 Meter unterhalb der Eisschicht lag, war das eigentliche Ziel der Icebreaker. Auch andere Expeditionsteams hatte es in der Vergangenheit in diese Gegend verschlagen und hatten so manche atemberaubende Entdeckung gemacht. Agent Riker hatte jedoch kein Interesse an normalen Bodenproben oder ähnlichem. Er hatte die Aufgabe herauszufinden, was mit Metin Akyol in der Höhle passiert war. Und so spannend dieser Auftrag in der Antarktis auch war, er zerrte nicht nur an den Nerven des Agenten, sondern auch an seiner Gesundheit, weil er diese Kälte nicht gewohnt war. Der eisige Wind füllte bereits seit über einem Tag Rikers Lungen und gab ihm das Gefühl, jeden Augenblick eine Krankheit auszubrüten. Dennoch gingen die Vorbereitungen zügig voran. Dem vorherigen Expeditionsteam, das schon vor zwei Jahren an derselben Stelle die Bohrung vorgenommen hatte, gelang ein Durchbruch. Sie hatten es geschafft einen kleinen Aufzug zu montieren, der 800 Meter in die Tiefe führte. Den galt es nun wieder anzuschließen. Agent Riker ließ das Team in Ruhe arbeiten und zog sich in eines der orangefarbenen Zelte zurück, wo er in Ruhe seine Gedanken sortieren konnte.
Nur am Rande vernahm er die Schritte, die durch den Schnee stampften und sich seinem Zelt näherten.
Es war Benjamin Monroe, der seinen Kopf in das Zelt steckte.
»Agent Riker, wenn ich Sie stören darf. Sir, es hat eine Weile gedauert, aber der Aufzug ist nun angeschlossen und funktionsbereit. Wir können ihn benutzen, sobald Sie grünes Licht geben. Sie müssen nur entscheiden, wer runterfahren darf. Und wenn Sie erlauben, würde ich mich gern freiwillig melden. Ich habe in den letzten Jahren einige Expeditionen geleitet, daher bin ich von allen der Erfahrenste. Ich denke, das geht auch aus meinen Akten hervor.«
William Riker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Ich verstehe. Und Sie wären auch gern der Erste, der möglicherweise den bedeutendsten Fund der Wissenschaft in den Händen hält. Es ist nachvollziehbar, dass Sie das wollen. Das liegt den Forschern im Blut.«
»Das wird leider nicht mehr möglich sein, Agent. Den bedeutendsten Fund hat mein Mitarbeiter leider im Körper. Ich hoffe, wir finden dort unten ein paar Antworten, wie wir ihn heilen können. Er ist erst 25 Jahre alt. So zu leben hat er nicht verdient und ich möchte dazu beitragen, ein Heilmittel zu finden«, sagte der Teamleiter der Icebreaker und bemühte sich, nicht allzu emotional zu wirken.
»Ich kann Ihre Gründe nachvollziehen, Mr. Monroe. Sie haben grünes Licht, aber nehmen Sie eine Taschenlampe mit. Und etwas, womit Sie sich im Notfall verteidigen können. Wir wissen nicht, was dort unten auf uns wartet.«
Man sah dem Polarforscher die Verantwortung, aber auch seine Schuldgefühle an. Doch da war auch noch etwas anderes, was Riker auffiel. Seine Stimme klang nach sehr wenig Hoffnung für seinen Mitarbeiter. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass dort unten ein Heilmittel zu finden war. Dennoch wollte er nichts unversucht lassen.
»Am besten machen wir uns auf den Weg zum Aufzug, bevor der Schneesturm noch stärker wird. Es wartet viel Arbeit«, sagte der Teamleiter und zog den Reißverschluss seiner braunen Eskimo Jacke bis zum Kinn hoch. Die Anspannung beider Männer stieg rapide, als sie das Zelt verließen und in Richtung der Bohrung gingen, wo die Icebreaker ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatten.
Auf so einen Augenblick wartete Benjamin Monroe schon sehr lange. Der gebürtige Engländer, dessen Wurzeln aus Nottingham stammten, hatte erst eine Woche zuvor die Leitung desIcebreaker Teams bekommen. Die Jahre davor hatte er zwei andere Teams anführen dürfen. Seine Arbeit machte er immer mit Stolz, auch wenn ihm manchmal das Klima auf die Gesundheit schlug. Doch dieses Mal waren seine Gedanken bei einem anderen Thema. Er musste sich auf das konzentrieren, was vor ihm lag und bemühte sich, das Pfeifen der Windböe zu ignorieren, damit er besser hören konnte, was der Agent zu sagen hatte. Seine Mitarbeiter standen um die Bohrung herum versammelt, während der FBI Agent mit seiner Ansage begann.
»Okay Mr. Monroe. Nehmen Sie das Funkgerät und halten Sie uns in regelmäßigen Abständen auf dem Laufenden. Die Taschenlampe und eine Eisenstange haben Sie bereits eingepackt. Also viel Glück und seien Sie vorsichtig. Das ist noch unerforschtes Gebiet, also keine Heldentaten. Sie haben ja gesehen, wohin so ein Verhalten führen kann«, sagte William Riker dem Expeditionsleiter und klopfte ihm mutmachend auf die Schulter.
Vorsichtig stieg der Mann in den kleinen Aufzug, der direkt über der Bohrung befestigt war, und nahm die Schalttafel in die Hand.
Okay das ist jetzt der große Augenblick, sagte sich Monroe in Gedanken und betätigte den roten Schaltknopf, um die gläserne Türe zu schließen. Ein angenehmes Gefühl stellte sich ein. Er merkte, dass innerhalb des Aufzugs die Luft still stand. Er vernahm keine Kälte und keine Böe. Der rote Schaltknopf mit dem schwarzen Pfeil nach unten kam als Nächstes an die Reihe. »Also los geht’s«, flüsterte er und betätigte den Schalter nach unten. Fast lautlos startete der Aufzug und fuhr mit einer überschaubaren Geschwindigkeit nach unten. Benjamin Monroe hielt sich das Funkgerät an den Mund und musste den kleinen schwarzen Knopf betätigen, damit ihn die Männer an der Oberfläche hören konnten.
»Du lieber Himmel, was waren das für Arbeiter, die diesen Aufzug gebaut haben? Bei der Geschwindigkeit bin ich morgen noch auf dem Weg nach unten. Oder kann man über diese Steuerung auch einstellen wie viel Km/h man möchte?«
»Mr. Monroe, hier spricht Agent Riker. Haben Sie noch ein wenig Geduld. Ihre Mitarbeiter sagten mir, der Aufzug startet langsam, aber mit fortlaufender Zeit nimmt er automatisch an Geschwindigkeit zu.«
Und tatsächlich, der Fahrstuhl nahm an Geschwindigkeit zu und die Anzahl der Meter stieg auf dem Display. Sein Herz raste vor Aufregung. Nicht mal im Traum konnte er sich vorstellen, was ihn in Kürze erwarten würde. Der Mann nahm schon mal seine große Taschenlampe aus dem Rucksack und bereitete sich darauf vor, dass sich die Türe des Fahrstuhls innerhalb der nächsten Augenblicke öffnen würde.
»Jetzt wird es ernst. Der Boden kommt immer näher«, flüsterte Monroe wieder vor sich hin, als er spürte, dass der Fahrstuhl immer langsamer wurde und ein paar Augenblicke später zum Stillstand gekommen war. Der Mann hielt den Atem an, als sich die gläserne Türe zur Seite schob. Ein Bild des Staunens bot sich ihm, als er aus dem Fahrstuhl trat und mit ungläubigem Blick seine Umgebung erkundete. Es war nicht übertrieben, als das Wissard-Team den Bereich des Lake Whillans als eine andere Welt bezeichnete. Es war wie eine himmelblau schimmernde Höhle aus Eis, die keine Kanten besaß. Alles war sauber abgerundet worden.
Monroe musste lachen, als er beim Anblick der Höhle an einen riesigen Donut aus Eis dachte. Der Boden faszinierte ihn besonders. Er bestand nicht aus Eis, sondern aus unzähligen kleinen Steinen und Sand, die man auch von Stränden her kennt. Der Unterschied war nur, diese kleinen Steine hatten eine fast schon dunkelblaue Farbe, fühlten sich aber wie normale Steine an. Vorsichtig ging der Engländer weiter und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als er sah, dass diese einem Donut ähnliche Höhle einen weiteren Gang hatte, der nach links führte.
Monroe zuckte zusammen, als er ein klackerndes Geräusch vernahm, gefolgt von einer Stimme, die auf Antwort drängte.
»Mr. Monroe, können Sie mich hören? Hier spricht Agent Riker. Melden Sie sich, wenn sie mich hören!«
Erleichtert atmete der Icebreaker in der Höhle durch. Man konnte sich schon verloren fühlen, wenn man längere Zeit in diesen Gängen verbringen würde, ohne mit jemandem zu reden. Wieder hielt er sich das Funkgerät vor den Mund und antwortete.
»Ja Sir, ich kann sie hören. Ich habe mich nur eine Weile in der Höhle umgesehen, damit ich etwas zu berichten habe, sobald Sie sich melden.«
»Wir hören alle zu, was Sie zu berichten haben, Mr. Monroe. Haben Sie etwas oder jemanden entdeckt?«
Der Engländer lief vorsichtig weiter durch die Höhle, während er ins Funkgerät sprach.
»Hier unten ist es unglaublich, Agent Riker. Ich würde das hier gar nicht als Höhle mit einem unterirdischen See bezeichnen. Die Wände sind glatt und abgerundet. Der See gleicht eher einem Fluss. So wie es Metin Akyol ebenfalls berichtete.«
Auch die Männer an der Oberfläche konnten die Begeisterung ihres Vorgesetzten in seiner Stimme hören.
»Was sagen Sie da, ein Fluss? Auf dem Weg hierher habe ich mich mit den Aufzeichnungen der anderen Gruppen auseinandergesetzt. Das vorherige Expeditionsteam hat einen ganz anderen Bericht abgegeben. Dort unten müsste ein See sein und kein Fluss. Werden Sie bitte genauer in Ihrem Bericht«, wies der Agent an.
»Sir, mir ist bekannt was unsere Vorgänger in dem Bericht geschrieben haben, aber ich kann nur das sagen, was ich sehe. Diese Höhle, wenn man sie so nennen kann, ist ungefähr 15-20 Meter breit. Die Länge ist noch unbekannt, aber das werde ich auch noch herausfinden. Jedenfalls befindet sich auf der linken und der rechten Seite der Höhle ein begehbarer Weg, der aus Steinen und Sand besteht. In der Mitte verläuft ein Fluss. Es ist keine Strömung zu erkennen, aber hier unten hätte mich das auch gewundert.« Kein Mensch würde Monroes Bericht Glauben schenken. Da war er sich sicher. Selbst er hatte große Probleme zu verarbeiten, was er hier unten sah.
»Sir, ich kann es nur wiederholen, es ist unglaublich hier. Das Eis ist so sauber und fast durchsichtig. Wenn ich durch die Eisdecke nach oben blicke, dann kann ich sogar Ihren Schatten sehen, Agent Riker. Ist das nicht unglaublich?«
»Mr. Monroe, es kann gar nicht sein, dass Sie meinen Schatten sehen. Zum einen sind Sie 800 Meter unter uns und zweitens stehen wir auf dickem Eis, das mit mindestens zehn Zentimeter Schnee bedeckt ist.«
Diese Antwort gab dem Engländer zu denken. Wenn die Schatten nicht zum Expeditionsteam gehörten, wer war dann dieser dunkle Fleck oberhalb der Eisdecke und im Wasser schwamm? Die Begeisterung für diese Mission schwang langsam in Angst um. Gab es hier tatsächlich Meeresungeheuer? Ob er an so etwas glauben sollte, wusste er selbst nicht. Was er aber mit Gewissheit wusste: Der kleine Schatten oberhalb der Eisdecke wurde schnell immer größer. Als ob eine unheimliche Gestalt von der Oberfläche in die Tiefe abgetaucht war, um ihr Zuhause zu schützen. Empfand das Wesen den Mann als Bedrohung für sein Revier? Ein Szenario, dass er sonst nur aus Filmen kannte, wurde hier Realität.
»Ach du lieber Himmel. Zum Glück kann das Wesen hier nicht reinkommen. Was ist das bloß für eine Gestalt?«, flüsterte er ängstlich vor sich hin. Monroe traute seinen Augen nicht mehr. Die Gestalt war jetzt ganz dicht an der Decke, aber was war es? Ein Tier konnte es nicht sein. Es hatte keinen Körper. Einfach ein schwarzer Fleck, der sich zu einer länglichen schwarzen Gestalt formte, die man mit einer 10 Meter langen Schlange vergleichen konnte. Nur war es kein Tier, sondern ein langer Fleck, der sich bewegte wie eine Schlange.
Mit zittriger Hand hielt Benjamin Monroe das Funkgerät an seinen Mund und erstattete seinem Team Bericht. So sehr er sich bemühte, die Fassung zu behalten, man konnte seine Angst deutlich hören.
»Agent Riker, bitte… bitte melden Sie sich. Ich… ich glaube, ich bekomme gleich Schwierigkeiten.
Oberhalb der Eisdecke ist eine schwarze Gestalt aufgetaucht, die sich zu einem 10 Meter langen Wesen geformt hat. Allerdings ist kein Körper und kein Kopf zu sehen. Einfach ein schwarzes Etwas. Jetzt schwimmt es oberhalb der Eisdecke einfach hin und her. Das Ding macht den Eindruck, als wolle es einen Weg zu mir suchen. Jetzt schwimmt es mit einer hohen Geschwindigkeit in westlicher Richtung und… Oh mein Gott, ich befürchte, es hat einen Weg zu mir gefunden.«
***
An der Oberfläche wurden die Windböen nicht weniger. Immer mehr wurde es zu einer Belastung, draußen zu arbeiten. Das war auch dem FBI Mann klar, dessen Gesichtszüge immer angespannter wurden. Schließlich hatte er als Leiter der Mission auch die Verantwortung für das 10-köpfige Expeditionsteam. Die Männer hatten mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem schlangenähnlichen Wesen, das sich von den Menschen bedroht fühlte.
»Mr. Monroe, können Sie aus Ihrer Position nun besser erkennen, was es sein könnte? Wie hat es einen Weg zu Ihnen gefunden?« Ein paar Augenblicke der Stille vergingen. Nur das Pfeifen des Windes drang in die Ohren der Männer, jedoch keine Antwort von dem Mann, der sich mutig einem unerforschten Reich stellte. Seine Kollegen standen neben William Riker und warfen sich gegenseitig ratlose Blicke entgegen.
Der Agent funkte den Wissenschaftler erneut an, in der Hoffnung, ein Lebenszeichen zu bekommen. Das letzte, was er hörte, war, dass dieses Wesen einen Weg zu ihm gefunden hatte. Wenn dem so war, dann musste es sich dort unten perfekt auskennen.
»Können Sie mich empfangen, Mr. Monroe? Was ist bei Ihnen los?« Der Agent versuchte es vergeblich. Eine Antwort blieb aus. Entschlossen nahm er die zweite Schalttafel des Aufzugs in die Hand und holte ihn sich nach oben. Seine Absicht war klar. Er wollte den Engländer wieder an die Oberfläche holen und so schnell es möglich war von diesem Ort verschwinden.
»Haben Sie den Verstand verloren, Mr. Riker? Sie wollen da runter? Wer weiß, was mit Monroe passiert ist. Vielleicht ist er gar nicht mehr am Leben, weil diese Schlange ihn aufgefressen hat«, sagte ein Mitarbeiter der Icebreaker und hielt den Agenten an der Schulter fest. Überreden konnte man den Agent ohnehin nicht. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte kein Mensch daran rütteln. Das merkte auch das Team, als sie sahen, wie William Riker die Pistole aus seiner Halterung nahm und die Waffe mit Munition bestückte.
»Wir können nicht einfach verschwinden, nur weil wir keine Verbindung haben. Es kann gut sein, dass er nicht mehr am Leben ist, aber ebenso kann es sein, dass er verletzt ist oder auch nur das Funkgerät defekt ist.«
Der Aufzug erreichte jeden Augenblick die Oberfläche, so dass es losgehen konnte.
»Okay, wir halten innerhalb von kurzen Abständen den Kontakt aufrecht. Wenn Sie in spätestens einer Stunde nichts von mir gehört haben, dann packen Sie schnell zusammen und verschwinden hier. Sie gehen zum FBI Direktor Jeremy Wayne und berichten, was hier passiert ist.«
Die Männer nickten einfach nur mit starrem Blick, als ob sie unter Schock stünden, was auch verständlich wäre. Die Icebreaker waren keine Agenten, die fast jeden Tag mit kriminellen Menschen zu tun hatten, sondern normale Forscher. Dennoch war der Agent in einer ähnlichen Situation. Er hatte so etwas auch noch nie erlebt. Da waren ihm Drogenkartelle und anderer Abschaum der Gesellschaft viel lieber als so etwas.
***
Vorsichtig stieg er in den Aufzug und betätigte den roten Knopf, der in Richtung des Lake Whillans führte. Auf dem Weg nach unten hörte er noch ein paar Stimmen der Männer vom Expeditionsteam, die ihm nachriefen, er solle zurückkommen. Sturheit gehörte wohl zur Familie Riker. Diese Einstellung hatte der Agent von seinem Vater. Aber vielleicht brauchte man ja als FBI Agent eine gewisse Portion Sturheit, um seine Fälle erfolgreich abzuschließen. Dennoch hatten beide einen sehr guten Charakter, dessen beste Eigenschaft die Hilfsbereitschaft war.
Die Anspannung bei William Riker wurde stärker, je näher er seinem Ziel kam. Für eine Sekunde hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, den Fahrstuhl wieder nach oben zu steuern, aber in Gedanken sagte er sich: Ich muss jetzt mutig sein, verdammt noch mal. Ich habe hier eine Verantwortung zu tragen.
Die Fahrt nach unten verging wie im Fluge, da erreichte der Fahrstuhl auch schon den Boden und die Türe schob sich zur Seite. Der Weg in die Höhle war frei.
Der Agent bekam den Mund gar nicht mehr zu, als er das bläulich schimmernde Reich unterhalb der Eisschicht betrat und die ersten Schritte machte. Oberhalb der Eisdecke musste Benjamin Monroe die dunkle Gestalt gesehen haben. Wie eine Schlange bewegte sich der schwarze Fleck durch das Wasser, berichtete der Expeditionsleiter noch vor kurzer Zeit.
William Riker zog seine Waffe aus der Halterung und hielt sich schussbereit. Seine Taschenlampe brauchte er gar nicht. Kaum ein dunkler Bereich war zu sehen, jedoch sollte er keine Ecke ignorieren. Niemand konnte wissen, ob sich die Gestalt in einer der wenigen dunklen Bereichen versteckte oder aus der Tiefe des Flusses angreifen wollte. Noch immer hielt der Agent seine Waffe mit beiden Händen umklammert und merkte gar nicht, dass er sich immer weiter von dem rettenden Fahrstuhl entfernte. Er bemühte sich, leise zu sein, was ihm nur selten gelang, da er auf kleine Steine und Sand treten musste. Mit der rechten Hand griff Riker zu seinem Funkgerät und erstattete dem Expeditionsteam einen Bericht.
»Hier ist Agent Riker. Ich hoffe, Sie alle sind noch da.«
»Wir alle hören Sie hier oben. Sie können reden«, antwortete der Icebreaker, Mark Harris und wartete auf den Bericht.
»Ich bin jetzt bestimmt um die 50 Meter von dem Fahrstuhl entfernt und laufe durch die Höhle. Es ist unglaublich. Mr. Monroe hat nicht übertrieben, als er sagte, dass die Höhle durchsichtig ist und einen leicht bläulichen Schimmer zeigt. Ich kann auch durch die Decke sehen, aber nicht sehr viel. Ein Bereich ist von der Eisplatte, auf der Sie stehen, bedeckt, aber der westliche Bereich bietet mir ein Blick an die Oberfläche. Von Monroe habe ich noch keine Spur gefunden. Nur sein Brecheisen, dass er zu seiner Verteidigung mitgenommen hat, liegt ein paar Meter vor mir auf dem Boden.« Diese düstere Atmosphäre jagte William Riker eine Gänsehaut über den Rücken, aber es half nichts, er musste weiter, um Monroe zu finden.
»Darauf würde ich nicht wetten, Agent. Seien Sie vorsichtig dort unten. Wenn Sie einen Rat von mir wollen: Achten Sie besonders auf den Fluss. Falls es eine Schlange ist, vergleichbar mit einer Anakonda, dann wird es sicher aus dem Wasser angreifen. Da kann Ihnen sein Brecheisen vielleicht gute Dienste erweisen.«
»Sie und Ihre Mitarbeiter sollten nicht so viel Fernsehen. Es hat niemand behauptet, dass es eine Schlange ist. Mr. Monroe hat von einem schwarzen Fleck gesprochen, der sich in die Länge ausgedehnt und sich ähnlich wie eine Schlange im Wasser bewegt hat. Mehr hat er nicht gesagt, sondern einfach nur ein dunkler Fleck ohne Körpermasse.« Agent Riker steckte das Funkgerät wieder in die Halterung seines Gürtels und bewegte sich weiter vorwärts. Das Unheimliche an der Situation war, dass die Höhle gar kein Ende mehr zu nehmen schien.
Doch etwas stimmte nicht. Einige Meter vor ihm wurden die Wände und die Decke schnell dunkler. Es war, als würde sich aus der Ferne etwas Großes nähern und die Höhle verdunkeln. Aber was konnte so gewaltig sein? Noch war es ein dunkler Schatten, der sich näherte, aber dabei blieb es nicht. Schnell verdunkelte sich auch das Wasser und hatte nichts mehr von dem, was man vorher als Fluss angesehen hatte. William Riker blieb einen Moment lang ruhig stehen, ehe er in die Hocke ging und Monroes Brecheisen in die Tiefe des Flusses tunkte.
»Mein Gott, was ist das für ein zeug?«, flüsterte er. Das Wasser in dem Fluss ist nicht nur schwarz geworden, es war gar kein Wasser mehr. Als er das Brecheisen wieder herauszog, tropfte eine schwarze ölähnliche Masse zu Boden. Mit ungläubigem Blick ließ er das schwarze Öl nicht aus den Augen. Es hatte den Anschein, als hätte diese Masse ein Eigenleben entwickelt, denn sie schlängelte sich auf dem Boden langsam in Richtung des schwarzen Flusses. Es wollte wieder zurück in die Quelle.
Es war ein Schauspiel des Schreckens, als Riker mehrere Meter vor sich ein Blubbern erkennen konnte, dass immer stärker wurde. Ein paar Augenblicke später wurde seine Annahme bestätigt. Bei dieser dunklen Masse handelte es sich tatsächlich um ein Lebewesen, denn aus der blubbernden Stelle erhob sich ein Körper. Allerdings war es kein menschlicher Körper. Arme und Beine fehlten und ebenso der Kopf. Es war nur ein schwarzes Etwas, bestehend aus einer schleimigen Masse, das aus der Flüssigkeit zu wachsen schien und innerhalb weniger Augenblicke eine Höhe von zwei Metern erreichte. Konnte man mit diesem Wesen reden? Hatte es eine Intelligenz? Diese Frage konnte William Riker nicht beantworten.
Noch bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, geschah etwas Beängstigendes. Aus dem schwarzen Fluss entstand ein zweites Wesen, gefolgt von einem dritten. Genau wie das erste wuchsen auch die beiden anderen zu 2 Meter große Geschöpfe.
Und dann passierte es doch. Eines der Wesen begann zu sprechen. Mit einer tiefen Stimme, die nicht von dieser Welt zu kommen schien, sagte das Wesen nur einen Satz:
»Es hat begonnen!«
Spätestens nach dieser Reaktion des Wesens hatte Agent Riker die Hoffnung aufgegeben, noch rechtzeitig die Oberfläche erreichen zu können.
Vorsichtig nahm er sein Funkgerät aus der Halterung seines Gürtels und versuchte, das Expeditionsteam zu erreichen.
»Icebreaker, können sie mich hören? Melden sie sich, schnell«, flüsterte der Mann in der Hoffnung, einer der Männer würde ihn hören.
»Wir sind noch da, Agent und können Sie hören. Haben Sie etwas entdecken können?«
»Oh ja, das habe ich wirklich. Vor mir hat sich der Fluss schwarz gefärbt und hat drei schleimige Wesen hervorgebracht, die zwei Meter groß sind. Ohne Arme, Beine oder Kopf. Es sind einfach drei schwarze, ölig wirkende Gestalten, die mir zu verstehen gegeben haben, dass es bereits begonnen hat. Was auch immer es bedeutet. Packen Sie schnell Ihre Sachen und hauen Sie ab, sofort!«, gab Agent Riker die Anweisung und steckte das Funkgerät wieder ein. Er wollte für die Icebreaker Zeit gewinnen und versuchte, mit den Wesen zu kommunizieren.
»Kannst du mich verstehen, was ich sage? Was hat bereits begonnen?« Auf seine Frage bekam der Mann keine Antwort, aber etwas anderes geschah. Ein dunkler schleimiger Arm reckte sich aus der Brühe und wurde immer länger. Darauf folgten ein zweiter und ein dritter. Diese Arme hatten allerdings keine Finger, sondern glichen eher Fangarmen eines Oktopusses, nur ohne Saugnäpfe. Mehr wollte William Riker von der Begrüßung nicht sehen. Er entschloss sich umzudrehen und so schnell zu laufen, wie er konnte. Er hatte schon den Aufzug im Blick, aber die Situation war aussichtslos. Einer der Fangarme wurde immer länger und schlängelte sich in die Richtung des Agenten.
Scheiße, das Ding holt mich ein, dachte sich der Mann und lief weiter verzweifelt um sein Leben, in der Hoffnung, dass er wenigstens dem Expeditionsteam Zeit verschaffen konnte.
Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit holte der schwarze Fangarm auf und griff sich das Bein des Agenten, woraufhin er auf den steinigen Boden knallte. Es wickelte sich immer fester um seinen Knöchel, so dass er nicht mehr aufstehen konnte und mitgezogen wurde. Allerdings wollte er sich nicht kampflos dieser Bestie hingeben. Er zielte mit seiner Waffe auf den Fangarm des Wesens und drückte ab.
Der Mann jagte seine ganze Munition in dieses schwarze Etwas, aber die erhoffte Wirkung blieb aus. Der FBI Agent musste sich hilflos der Kreatur hingeben und wurde über viele Meter zurückgeschleift. Als er sah, wohin er gezogen wurde, krallte sich William Riker an den Boden, der nur aus Steinen und Sand bestand, aber Halt finden konnte er nicht.
Ohne Hoffnung auf Rettung musste er zusehen, wie der ölig schwarze Fluss immer näherkam und ihn letzten Endes in sich aufnahm. Den langen Weg nach unten hatte der Mann gar nicht mehr mitbekommen. William Riker wurde verschlungen. Scheinbar waren diese mörderischen Kreaturen damit zufrieden, ein weiteres Opfer in sich aufgenommen zu haben, denn innerhalb weniger Augenblicke ließen sie sich nieder und wurden wieder eins mit der Quelle.
***
Mit angsterstarten Blicken standen die Icebreaker neben dem Fahrstuhl und versuchten weiterhin, Agent Riker anzufunken.
»Können Sie mich hören, Agent? So antworten Sie doch!«
»Vergiss es Paul, du hast lange genug versucht, ihn zu erreichen. Der antwortet nicht mehr. Außerdem hat er uns doch gesagt, dass wir abhauen sollen. Also sollten wir das auch machen, solange wir noch können. Und dann sorgen wir dafür, dass wenigstens Metin ärztliche Behandlung bekommen kann. Ich kenne eine passende Klinik, die sich mit Infektionen und vielen anderen Dingen auskennen. Dort wird er gut aufgehoben sein, aber jetzt müssen wir an das Team denken«, legte ein Mitarbeiter des Expeditionsteams Paul Denvers ans Herz.
Paul war ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter der Icebreaker. Ängstlich war er nur selten, daher versuchte er weiter, Agent Riker zu erreichen, während seine Kollegen ihre Ausrüstung wieder einpackten.
So leid es ihm auch tat, nach einer ganzen Weile musste er einsehen, dass es nichts brachte. Dort unten würde niemand mehr antworten. Zwei Menschen hatten das Geheimnis des unterirdischen Lake Whillans gelüftet und beide waren ihm zum Opfer gefallen. Er wandte sich ab und stampfte mit schnellen Schritten durch den zehn Zentimeter hohen Schnee auf dem Weg zu seinem Zelt, um seine Sachen einzupacken.
Plötzlich entdeckte er am Rande der Eisplatte etwas im Wasser treiben.
»Hey Leute, dort im Wasser habe ich etwas gesehen. Es sieht aus wie ein menschlicher Körper. Kommt schnell und helft mir!«, rief Paul Denvers seinen Kollegen zu und rannte mit seinem Brecheisen in der Hand zum Ufer, wo das kalte Wasser gegen das Eis klatschte. Der Mann kniete sich nieder und beugte sich ein Stück nach vorne, um den treibenden Körper mit dem Brecheisen zu sich zu ziehen.
