Johnny Sinclair - Beruf: Geisterjäger - Sabine Städing - E-Book

Johnny Sinclair - Beruf: Geisterjäger E-Book

Sabine Städing

4,8
9,99 €

Beschreibung

Als Johnny Sinclair eines Tages einen sprechenden Schädel findet, ändert sich sein Leben schlagartig. Erasmus von Rothenburg, so der Name des ehrwürdigen Schädels, ist weit gereist und wahnsinnig gebildet. Vor allem mit Geistern kennt er sich aus wie kein Zweiter. Für Johnny ist endlich klar: Die Geister, die er zu sehen glaubt, gibt es offenbar wirklich! Und so steht sein Geschäftsmodell bald fest: Wer sonst als ein junger Schotte aus dem legendären Sinclair-Clan könnte als Geisterjäger bestehen und dem Bösen den Kampf ansagen? Doch so einfach ist es leider nicht. Denn niemand nimmt einen 11-jährigen Geisterjäger wirklich ernst. Das soll sich allerdings schon sehr bald ändern ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 240




Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1. Kapitel Ein Flur voller Gespenster

2. Kapitel Die Tür zum Jenseits

3. Kapitel Eine Rutschpartie für Geister

4. Kapitel Ouija-Brett und Kürbisrassel

5. Kapitel Das Churchmoor

6. Kapitel Ein sensationeller Fund

7. Kapitel Die Ruinen von Mordor

8. Kapitel Eine Hand wäscht die andere

9. Kapitel Der Schädeljoker

10. Kapitel Ein gefährlicher Ausflug

11. Kapitel Die Kammer des Alchemisten

12. Kapitel Ein mittelalterliches Starterpaket

13. Kapitel Übung macht den Meister

14. Kapitel Versprochen ist versprochen

15. Kapitel Nichts als die Wahrheit

16. Kapitel Auf der Mauer, auf der Lauer

17. Kapitel Die Chronik von Greyman Castle

18. Kapitel Neidköpfe

19. Kapitel Seelensteine

20. Kapitel Die geborenen Helden

21. Kapitel Ein kniffliges Rätsel

22. Kapitel Malcolms Grund

23. Kapitel Eine Rose für Isobel

24. Kapitel Beruf: Geisterjäger

Über dieses Buch

Als Johnny Sinclair eines Tages einen sprechenden Schädel findet, ändert sich sein Leben schlagartig. Erasmus von Rothenburg, so der Name des ehrwürdigen Schädels, ist weit gereist und wahnsinnig gebildet. Vor allem mit Geistern kennt er sich aus wie kein Zweiter. Für Johnny ist endlich klar: Die Geister, die er zu sehen glaubt, gibt es offenbar wirklich! Und so steht sein Geschäftsmodell bald fest: Wer sonst als ein junger Schotte aus dem legendären Sinclair-Clan könnte als Geisterjäger bestehen und dem Bösen den Kampf ansagen? Doch so einfach ist es leider nicht. Denn niemand nimmt einen 11-jährigen Geisterjäger wirklich ernst. Das soll sich allerdings schon sehr bald ändern …

Über die Autorin

Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.

SABINE STÄDING

Johnny Sinclair

Mit Illustrationen von Mareikje Vogler

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright© 2017 by Baumhaus in der Bastei Lübbe AG, Köln

»Johnny Sinclair« und das dazugehörige Logo sind eine Schöpfung der Bastei Lübbe AG und geschützt. »Geisterjäger«, »John Sinclair« und »Geisterjäger John Sinclair« sind eingetragene Marken. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

Umschlaggestaltung: Mareikje Vogler/Götz Rohloff

Umschlagmotiv: Mareikje Vogler, Hamburg

eBook-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-7325-4015-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Anja Girmscheid

mit einem dicken Dankeschön für die tolle Zusammenarbeit und Unterstützung.

Es hat einfach Spaß gemacht!

1. Kapitel

Ein Flur voller Gespenster

Trutzig wie ein steinerner Riese hockte die alte Burg auf ihrem Hügel in den schottischen Highlands und ließ den Blick über dunkle Moore und grüne Täler schweifen. Wer Zeit hatte und ganz genau hinhorchte, konnte es hinter den alten Mauern wispern hören.

Johnny Sinclair, ein junger Schotte aus dem Sinclair-Clan und Bewohner von Greyman Castle, hatte keine Zeit.

Nervös kaute er auf seiner Unterlippe und spähte immer wieder hinaus auf den dunklen Flur. Er würde es niemals zugeben, aber er hasste es, nach Einbruch der Dunkelheit den langen, düsteren Korridor vor seinem Zimmer entlangzugehen. Es war immer das Gleiche. Wenn man es nicht schaffte, zwischen dem tanzenden Kilt und dem Schwert schwingenden Highlander in den Treppenturm zu gelangen, war es zu spät. Denn dann waren sie da. Alle! Und das konnte verdammt unangenehm werden.

Noch einmal öffnete der junge Schotte die Tür seines Zimmers und spähte hinaus auf den Flur. Das letzte Tageslicht fiel durch die bleiverglasten Fenster und warf ein graues Muster auf den zerschlissenen Läufer. Alles war ruhig. Johnny holte tief Luft und sprintete los. Sechs Atemzüge hatte er Zeit, den Treppenturm zu erreichen. Dann würde der Schwert schwingende Highlander da sein.

Eins … zwei … drei … Johnny zählte genau mit. Schon tauchte vor ihm die steinerne Wendeltreppe auf, die nach oben ins nächste Stockwerk führte. Vier … fünf … Er bremste so heftig, dass der Läufer unter seinen Füßen Funken sprühte.

»Menno!«

Drei Stufen über ihm stand sie. Besser gesagt, sie schwebte, und wie immer drehte sie ihm den Rücken zu. Barfuß, in einem weißen Kleid, die mageren Arme hinter dem Rücken verschränkt, sah sie aus dem winzigen Fenster. Ein welker Blumenkranz schmückte ihr langes schwarzes Haar.

»Aus dem Weg!«, verlangte Johnny und versuchte seiner Stimme einen drohenden Klang zu geben.

Das Mädchen rührte sich nicht, aber das Flimmern, das ihren Körper umgab, wurde heller.

»Ich befehle es dir!«, setzte Johnny nach, so wie er es aus den vielen Geisterjägerromanen kannte, die er so gern las. Und als das noch immer nicht wirkte, sagte er: »Okay, dann nenn mir deinen Namen und zeig mir dein Gesicht!«

Doch das Geistermädchen blieb stumm und schwebte rückwärts auf ihn zu.

Erschrocken hielt Johnny die Luft an. War er total verrückt geworden? Was redete er da? Er wollte ihr Gesicht doch gar nicht sehen. Niemals! Und er wollte auch nicht wissen, wer sie war und weshalb sie ihm erschien. Er wollte bloß, dass sie verschwand und ihn in Ruhe ließ!

Da setzte plötzlich der Klang afrikanischer Trommeln ein. Rhythmisch und beschwörend hallten die Töne in dem alten Turm wider. Die Aura des Geistermädchens fing an zu flackern und löste sich im nächsten Moment auf. Ein eisiger Wind strich Johnny übers Gesicht, dann war der Spuk vorbei.

Erleichtert atmete er auf und lief die steinerne Wendeltreppe nach oben. Die Trommeln wurden mit jeder Stufe lauter, und ein monotoner Singsang mischte sich unter die Töne. Schnell schlüpfte Johnny durch die breite Tür zu seiner Rechten.

Der Raum, in dem er sich nun befand, war erfüllt von dumpfen Klängen. Sie kamen aus zwei großen Lautsprecherboxen rechts und links neben der Tür.

In einer Ecke des Raums stand eine dunkelhäutige Frau vor einem blumengeschmückten Schrein. Sie wickelte etwas um eine Puppe aus grobem Leinen und setzte ihren Singsang dabei unablässig fort.

So leise wie möglich schlich Johnny an ihr vorbei. Nicht leise genug, denn obwohl sie ihm den Rücken zuwandte, hatte sie ihn bemerkt und fuhr blitzschnell herum.

»Herrje, Johnny! Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst mich nicht stören, wenn ich mitten in einer Zeremonie stecke!«

Johnny Sinclair warf einen schnellen Blick auf die Puppe, die zwischen zwei blauen Kerzen auf einer Art Altar lag. Er erkannte sofort, dass es sich dabei um ein Abbild von Mrs Adams, der Hausköchin, handelte, denn ihr Gesicht klebte auf dem Kopf der Puppe.

»Ich muss unbedingt an meinem Schleichschritt arbeiten«, sagte er zerknirscht. »Aber die Glasgow Rangers spielen gegen Manchester City, und ich …«

Die Frau am Altar starrte ihn finster an. »Du wolltest dich an mir vorbeischleichen? An mir … einer Mambo? Ich habe das dritte Auge, schon vergessen? Und das sitzt genau hier!« Sie deutete auf ihren Hinterkopf.

»Tut mir leid«, murmelte Johnny und verkniff sich den Hinweis, dass ihr drittes Auge meistens ziemlich blind war.

Cécile, so hieß die Frau, stammte aus Haiti. Sie war sein Kindermädchen und eine Mambo, eine Voodoo-Priesterin. Zumindest behauptete sie das von sich.

Jetzt starrte sie Johnny zornig an. Doch schon im nächsten Moment wurde ihr Blick weich. »Was ist los? Deine Nase ist ja so weiß wie ein Mairübchen. Haben sie dir wieder aufgelauert?«

Johnny nickte. »Es sei denn, hier wohnt jemand zur Untermiete, den wir noch nicht kennen. Ein Mädchen. Dunkle Haare, weißes Kleid. Und sie schwebt.«

Johnny hatte in letzter Zeit oft mit Cécile über die Geister auf Greyman Castle gesprochen. Das Dumme war nur, dass niemand außer ihm sie je gesehen hatte. Nicht einmal Cécile mit ihrem zweiten Gesicht und dem dritten Auge.

»Ooooh, mon petit chou!«, sagte das Kindermädchen nun und breitete voller Mitleid die Arme aus. Johnny konnte sich gerade noch wegducken, bevor sie ihn an ihren üppigen Busen drückte.

»Halb so wild«, meinte er cool. Das Fußballspiel war jetzt eindeutig wichtiger. Denn wenn er sich erst auf eine Diskussion über Geister einließ, war die erste Halbzeit vorbei, bevor er überhaupt den Fernseher eingeschaltet hatte.

»Ich würde jetzt echt gerne das Spiel sehen. Ähm, wenn du einverstanden bist«, schob er schnell hinterher.

Cécile sah ihn noch einmal forschend an und nickte gnädig. »Also gut. Ich brauche hier noch ein bisschen, aber ich komme gleich nach.«

Erleichtert atmete Johnny auf und verschwand durch die Verbindungstür in ihr Zimmer. Er wusste nicht, ob es etwas mit ihrem Voodoo-Zauber zu tun hatte, aber Cécile war die Einzige auf der Burg, bei der der Fernseher störungsfrei lief.

Johnny warf sich in den bequemen Sessel und griff nach der Fernbedienung. Das Spiel hatte bereits begonnen.

Cécile war seine Familie, solange seine Eltern nicht da waren. Was ziemlich oft der Fall war, denn Simon und Alice Sinclair waren weltweit geachtete Ethnologen. Und wenn sie nicht gerade ein paar Ureinwohner im brasilianischen Regenwald besuchten, spürten sie garantiert einen vergessenen Schweizer Dialekt auf oder hielten Vorträge vor chinesischen Studenten. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr hatte Johnny sie auf ihren Reisen begleitet. Dann fing für ihn die Schule an, und es war Schluss mit dem lustigen Nomadenleben, wie Cécile es nannte. Während seine Eltern weiter durch die Weltgeschichte reisten, verbrachte er sein Leben im nebligen Schottland, auf der halbverfallenen Burg seiner Urgroßväter. Bloß um in Blacktooth zur Schule zu gehen.

Leider lief das Fußballspiel nicht so, wie Johnny es sich gewünscht hätte. Manchester war in Topform, und die Glasgow Rangers lagen bereits 2:0 zurück.

Da öffnete sich die Tür, und Cécile kam herein. Sie hatte Tee gekocht und stellte das Tablett mit Bechern und selbst gebackenen Scones auf dem kleinen Tischchen neben Johnnys Sessel ab.

»Wie steht’s?«, fragte sie und ließ sich in ihr Bett plumpsen.

»2:0«, antwortete Johnny, während er weiter auf den Fernseher starrte.

Cécile stopfte sich einen ganzen Berg Kissen hinter den Rücken und thronte jetzt wie die Prinzessin auf der Erbse in ihrem großen Himmelbett. Johnny musste lächeln. Früher hatten sie immer zusammen in ihrem Bett gesessen und ferngesehen. Doch mit zwölf verbot sich das natürlich von selbst. Kein Sinclair saß in diesem Alter noch neben seinem Kindermädchen im Bett!

Nach dem Abpfiff blieben sie noch eine Weile schweigend beieinander sitzen. Sie schlürften ihren Tee und aßen die Scones, die Mrs Adams am Morgen für sie gebacken hatte.

»Die Rangers sind wie aufgescheuchte Moorhühner über den Platz geflattert«, stellte Cécile fest und gähnte lautstark.

Johnny sah sie missmutig an. Cécile hatte leider recht. Den lahmen Gurken fehlte einfach der nötige Biss.

Er reckte sich und stand auf. Es war schon spät, und er musste noch Hausaufgaben machen.

»Ich geh dann mal«, brummte er und blieb unschlüssig an der Tür stehen. Ihm war irgendwie mulmig zumute.

Es war noch nicht allzu lange her, seit die Sache mit den Geistern angefangen hatte. Um genau zu sein, passierte es das erste Mal an seinem zwölften Geburtstag. Johnny hatte jede Menge Urwaldsuppe und Monsterpunsch in sich hineingeschlürft und musste nachts noch einmal aufs Klo. Das war jedes Mal ein langer Marsch durch noch längere Korridore, und Johnny nahm den Weg bloß auf sich, wenn es gar nicht anders ging. In dieser Nacht ging es nicht anders. Doch er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Kaum hatte er sein Zimmer verlassen, bemerkte er am Ende des Korridors eine helle Gestalt. Und was noch viel schlimmer war: Die Gestalt bemerkte ihn. Augenblicklich setzte sie sich in Bewegung und kam auf ihn zu. Nicht besonders schnell, aber auch nicht besonders langsam. Johnny wollte umdrehen und zurück in sein Zimmer flüchten, doch seine Beine rührten sich nicht vom Fleck. Stattdessen hatte er das Gefühl, immer tiefer in den zerschlissenen Läufer zu sinken. Voller Panik schaute er an sich herab und musste feststellen, dass seine Füße schon nicht mehr zu sehen waren.

Dafür sah er die Gestalt, die dort auf ihn zukam, umso deutlicher. Es war ein Junge in seinem Alter. Alles an ihm war farblos: das junge, ernste Gesicht, die Handschuhe, die Uniform und die Trommel, die er lautlos schlug.

Durch seinen Körper hindurch konnte Johnny den Korridor sehen. Ihm war sofort klar, dass es sich nur um einen Geist handeln konnte. Trotz aller Angst konzentrierte er sich darauf, seine Füße aus dem Teppich zu ziehen. Und plötzlich konnte er sich wieder bewegen. Er stolperte zurück in sein Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Seine Eltern, denen er sofort davon erzählte, schoben die Erscheinung auf die vielen Hotdogs und die Urwaldsuppe.

Johnny hätte ihnen beinahe geglaubt. Wäre nicht sieben Tage später etwas ganz Ähnliches passiert …

»Willst du darüber reden?«, holte Cécile ihn aus seinen dunklen Gedanken.

»Was?«

»Du stehst seit zwei Minuten an der Tür, ohne sie zu öffnen. Soll ich das Gästebett fertig machen? Möchtest du heute lieber hier schlafen?«

Johnny schüttelte den Kopf. »Nicht nötig«, sagte er und öffnete die Tür.

Doch so schnell ließ sich Cécile nicht abschütteln. »Hör auf, den starken Mann zu spielen«, blaffte sie. »Du bist ein kleiner Junge. Moment, ich gebe dir etwas, das dich beschützt!«

Sie schob sich aus dem Bett und fing an, in ihrem Nachtschrank zu kramen. »Hier, häng dir das um!«

Noch ehe Johnny protestieren konnte, baumelte eine getrocknete Hasenpfote um seinen Hals. Er wusste nicht, was schlimmer war: draußen von wabernden Geistern erwartet zu werden oder die mumifizierte Pfote eines Hasen auf seiner Brust zu spüren.

»Ich will das Ding nicht!«, brummte er und zog angeekelt den Kopf aus der Schlinge.

»Du willst nicht?«, fragte Cécile empört.

»Es nützt sowieso nichts!«

Johnny drehte sich allein beim Gedanken an die Pfote der Magen um.

»Unsinn!«, erklärte Cécile. »Natürlich nützt es was! Bloß weil ein Artefakt klein ist, heißt es nicht, dass es keine magischen Kräfte besitzt. Ein Floh kann einem Löwen mehr zu schaffen machen als ein Löwe einem Floh!«

Johnny verdrehte die Augen. »Ich muss jetzt runter, Hausaufgaben machen!«

Cécile sah ihn einen Moment lang an. Dann holte sie aus derselben Schublade, aus der sie zuvor die Hasenpfote gezogen hatte, ein Ledersäckchen heraus.

»Warte, nimm wenigstens das!«, rief sie und drückte Johnny den Lederbeutel in die Hand. »Darin sind Späne der afrikanischen Traumwurzel«, erklärte sie. »Sie halten herumstreunende Seelen fern. Du musst sie bloß von innen auf deine Türschwelle streuen.«

»Mach ich«, versprach Johnny und lächelte erleichtert.

Cécile erwiderte sein Lächeln. »So, und jetzt bringe ich dich zurück in dein Zimmer. Wir haben Vollmond. Da sind die Toten besonders unruhig.«

Obwohl Johnny beteuerte, dass er sehr gut allein gehen könne, war er doch froh, dass sich Cécile nicht davon abbringen ließ, ihn zu begleiten. Sie schnappte sich zwei haitianische Kürbisrasseln und klapperte ihnen damit den Weg frei.

»Geister können dieses Geräusch nicht ausstehen!«, erklärte sie, während sie rasselnd den Treppenturm hinunterstiegen.

Offensichtlich hatte sie recht. Ohne auch nur von einer einzigen herumstreunenden Seele belästigt zu werden, erreichten sie Johnnys Zimmer.

Cécile rasselte zum Schluss noch einmal in allen vier Ecken des Raumes herum und ließ ihn dann allein.

»Wenn etwas ist, melde dich durch das Sprechrohr«, sagte sie. »Und wenn du dich fürchtest, kannst du jederzeit hochkommen und auf der Couch schlafen.«

»Nicht nötig!«, versicherte Johnny. Er war schließlich kein Baby mehr!

Johnnys Zimmer war ein großer Raum mit kleinen Fenstern. Er war mit allerhand dunklen, schweren Möbeln bestückt, die sich über die Jahrhunderte auf der Burg angesammelt hatten. Außerdem gab es eine Verbindungstür zum Schlafzimmer seiner Eltern. Was ein beruhigendes Gefühl war, wenigstens solange sie da waren.

Jetzt schloss Johnny seine Zimmertür hinter Cécile sorgfältig ab und verteilte die Späne der afrikanischen Traumwurzel direkt auf der Schwelle. Er achtete penibel darauf, dass keine Lücke entstand, durch die sich die Geister Zutritt verschaffen konnten. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und löste die Matheaufgaben, die ihre Lehrerin Mrs Brodie ihnen zum nächsten Tag aufgegeben hatte.

Immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem stummen Geistermädchen und den anderen Spukgestalten, die sich auf der Burg herumtrieben. Und immer wieder fragte er sich, was sein Namensvetter und großes Idol John Sinclair wohl an seiner Stelle getan hätte. Sicher hätte er sich nicht ängstlich in seinem Zimmer verkrochen und gehofft, dass der Spuk eines Tages von allein vorbeiging. Sicher hätte er die Geister gejagt. Denn genau das war sein Job.

John Sinclair war nämlich ein berühmter Geisterjäger und außerdem Oberinspektor der bekannten Londoner Kriminalpolizei Scotland Yard. Und nicht nur das. Er hatte sogar seine eigene Romanheftserie!

Seine Fälle waren legendär. Genauso wie seine Waffen. Der Stab des Buddha, die Dämonenpeitsche und die gnostische Gemme waren nur drei der magischen Gegenstände, deren er sich bediente. Johnny seufzte. Davon konnte er bloß träumen. Ihm blieb nur der Stapel zerfledderter Romanhefte, die er auf dem Dachboden in einer alten Truhe entdeckt hatte und die er so gern las.

Behutsam zog er eins der alten Hefte aus seinem Schreibtisch und strich die verblichenen Seiten glatt. Geisterjäger John Sinclair – Die Bestien aus dem Geistersumpf stand in gelben Buchstaben auf dem Titel. Johnny zögerte einen Moment und legte das Heft dann ungelesen in die Schublade zurück. Irgendwie war ihm im Moment nicht nach Lesen zumute. Zu viele andere Dinge geisterten ihm durch den Kopf. Hinter den Mauern von Greyman Castle spukte es. Und zwar gewaltig!

Mit Schaudern musste Johnny an Mr Hopkins denken, den alten Uhrmacher aus dem Dorf. Er hatte sich jahrelang ehrenamtlich um die sieben historischen Uhren auf Greyman Castle gekümmert. Und vor ein paar Wochen fand man ihn eines Morgens leblos mit verrenkten Gliedern im Burghof liegen. Das Entsetzen stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben.

Für die Polizei, die extra aus Inverness angereist war, war die Sache schnell klar gewesen. Mr Hopkins war beim Versuch, die Turmuhr aufzuziehen, aus dem Fenster gefallen.

Johnny konnte über so viel Dummheit nur lachen. Er wusste, dass der Fall bei Geisterjäger John Sinclair viel besser aufgehoben gewesen wäre als bei den Pappnasen von der örtlichen Polizei.

Denn John Sinclair hätte genau gewusst, dass es bei dem Fenstersturz nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Warum sollte Mr Hopkins auch den dämlichen Wunsch verspürt haben, mitten in der Nacht die Turmuhr aufzuziehen?

Es war nur ein paar Tage her, da hatte Johnny den Geist des Uhrmachers gesehen. Er war etwas blasser als die anderen, und er hielt noch immer den großen Uhrenschlüssel in der Hand. Dabei blickte er Johnny so anklagend an, als hätte der ihn höchstpersönlich vom Turm geschubst.

Johnny schüttelte sich, als wollte er dadurch all die dunklen Gedanken vertreiben. Dann beugte er sich wieder über seine Matheaufgaben.

Bevor er ins Bett ging, sah Johnny sich noch einmal gründlich in seinem Zimmer um. Er war mutig, aber er war nicht blöd. Es war später Abend, und jeder Säugling wusste, dass Geister immer stärker wurden, je weiter es auf Mitternacht zuging.

Kritisch ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. Sein riesiges Bett mit den vier Pfosten, dem Baldachin und den Vorhängen aus bestickter Seide lud geradezu ein, sich darunter zu verstecken.

Vorsichtshalber und obwohl er die ganze Zeit im Zimmer gewesen war, warf sich Johnny vor seinem Bett auf den Bauch und leuchtete mit seiner Taschenlampe darunter. Doch außer ein paar Staubflocken konnte er nichts entdecken. Dann kontrollierte er noch einmal, ob auch alle Fenster geschlossen waren, und überprüfte den großen Schrank und die Truhe, die direkt neben seinem Bett stand. Aber alles war gut.

Schnell schlüpfte er in seinen warmen Flanellpyjama.

Greyman Castle hatte dicke, wehrhafte Mauern, in denen die Kälte hing wie die Kletten im Fell eines schottischen Schäferhundes. Auf den zugigen Burgen war es von jeher Sitte, die Betten mit einem Baldachin und Vorhängen zu versehen, um es nachts wenigstens ein bisschen warm zu haben.

Johnny wollte die Vorhänge an seinem Bett gerade zuziehen, als sein Blick auf die Verbindungstür zum Zimmer seiner Eltern fiel.

Die Tür war noch nicht gesichert. Hastig stieg er aus dem Bett und verteilte die letzten Wurzelspäne auf der Schwelle. Jetzt konnte er hoffentlich ruhig schlafen.

2. Kapitel

Die Tür zum Jenseits

Johnny wusste nicht, was ihn geweckt hatte, aber es mussten wohl seine Füße gewesen sein. Seine Zehen fühlten sich an wie Tiefkühlwürstchen. Er zog sie unter die Bettdecke, doch die Kälte folgte seinen Füßen. Johnny wickelte sich fester in die weiche Daunendecke und lauschte ins Dunkel. Bildete er sich das ein, oder wurde es tatsächlich mit jedem Atemzug kälter in seinem Zimmer?

Vorsichtig schob er die Vorhänge zur Seite – und wirklich. Es war so eisig wie in einem Gefrierschrank. Johnny knipste die Taschenlampe an und traute seinen Augen nicht. Feiner Raureif hatte sich über den Schreibtisch, den Sessel und die Deckenlampe gelegt. Sein Atem stand ihm in kleinen Wolken vor dem Gesicht, und er fühlte, wie seine Nackenhaare sich ganz langsam sträubten. Der schwere Türdrücker zum Schlafzimmer seiner Eltern hatte sich eben bewegt. Zentimeter für Zentimeter wurde er heruntergedrückt.

Jemand wollte zu ihm ins Zimmer!

Johnny schlug das Herz bis zum Hals. Wie der Blitz rollte er auf der anderen Seite aus dem Bett und ließ sich lautlos zu Boden gleiten. Hektisch tastete er im Dunkeln nach dem Sprechrohr, das sein Zimmer mit dem von Cécile verband.

»Cécile!«, zischelte er aufgeregt in den Trichter am Ende des Rohres. »Cécile!«

Keine Antwort.

Ängstlich lugte Johnny über den Rand seines Bettes. Die Zimmertür wurde langsam geöffnet.

»Cécile! Bitte wach auf, hier geht etwas echt Seltsames vor sich!«, flüsterte er immer drängender. Als er auch darauf keine Antwort bekam, nahm er all seinen Mut zusammen und brüllte in den Trichter: »Cécile!!!! HILFE!!!! Komm schnell, und bring die Hasenpfote mit!«

»Johnny!« Die Verbindungstür flog auf, und sein Kindermädchen stürzte herein. »Alles okay?«

»Cécile?« Verwirrt sah Johnny sie an. »Was machst du hinter dieser …«

… Tür, wollte er fragen. Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

»Du warst die ganze Zeit nebenan?« Ungläubig krabbelte er zurück in sein Bett. »Du hast mich zu Tode erschreckt. Ich hätte mir vor Angst fast in die Hosen gepinkelt.«

Cécile knipste das Licht an. »Jetzt reg dich bloß nicht auf. Ich hatte ein Auge auf dich. Deine Eltern würden mich zum Teufel jagen, wenn dir etwas passieren würde.« Ungläubig sah sie sich im Zimmer um.

»Trotzdem hättest du dich nicht so hinterhältig anzuschleichen brauchen«, fand Johnny. »Ich dachte, du wärst irgendein blöder Geist, der zu mir ins Zimmer will!«

»Okay, tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe«, sagte Cécile. »Aber es wurde plötzlich so kalt, und da wollte ich nachsehen, ob bei dir alles in Ordnung ist.«

Johnny atmete erleichtert auf. »Wie lange bist du schon nebenan?«

»Die ganze Zeit. Ich wollte dich nicht beunruhigen, deshalb habe ich nichts gesagt.«

Der junge Schotte grinste. »Das hat ja prima geklappt.«

Cécile nickte. »Kinder, auf die ich aufpasse, kommen niemals zu Schaden!«

Johnny zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. Von welchen Kindern redete sie? Ihn konnte sie damit jedenfalls nicht meinen. Denn er konnte die Male kaum zählen, an denen er von der Schaukel gefallen war, sich die Finger an Räucherstäbchen verbrannt hatte oder in eine der spitzen Voodoo-Nadeln getreten war.

Cécile schien seinen Gesichtsausdruck nicht zu bemerken.

»Bei dir sieht es aus wie im Winterwunderland«, stellte sie fest und sah sich unbehaglich um. »Jemand muss … die Tür zum Jenseits geöffnet haben«, murmelte sie.

»D…Die Tür zum Jenseits?«

Cécile lauschte. »Sie ist wieder geschlossen.«

»Sicher?«

»Ganz sicher!«

Trotzdem holte sie ihre Rasseln und klapperte noch einmal alle Ecken des Zimmers ab. »So, und jetzt öffne die Fenster und lass die Kälte raus.«

Johnny gehorchte. Und auf der Stelle wurde es wärmer in seinem Zimmer. Der Raureif verzog sich, und außer feuchter Luft blieb nichts zurück.

»Für heute ist die Sache erledigt«, erklärte Cécile. »Aber wir müssen ihr unbedingt auf den Grund gehen. Tote, die keine Ruhe finden, haben immer etwas zu sagen. Ich werde morgen das Orakel befragen. Falls doch noch etwas ist, ich bin nebenan.« Mit diesen Worten verschwand sie im Nebenzimmer und ließ die Tür einen Spalt weit auf.

Johnny blieb verwirrt zurück. Jemand hatte die Tür zum Jenseits geöffnet? Wovon redete Cécile? Er hatte nicht einmal gewusst, dass es im Jenseits überhaupt Türen gab. Blitzschnell ging er in Gedanken alle John Sinclair-Hefte durch, die er jemals gelesen hatte. Aber ihm fiel keines ein, in dem davon die Rede war.

Einen Moment starrte er die offene Verbindungstür an, dann stieg er wieder in sein Bett. Es war ein gutes Gefühl, Cécile in seiner Nähe zu wissen. Die Vorhänge ließ er diesmal offen. Er wollte es unbedingt mitkriegen, falls sich die Tür zum Jenseits ein zweites Mal öffnen sollte. Immer wieder blinzelte er durch halb geschlossene Augenlider in die Dunkelheit. Aber alles blieb ruhig.

Am nächsten Morgen musste Cécile ihn dreimal wecken.

Beim ersten Mal glaubte Johnny, er hätte geträumt. Beim zweiten Mal drehte er sich murrend zur Seite. Und beim dritten Mal hielt Cécile ihm kurzerhand die Nase zu.

»Guten Morgen!«, gurrte sie, wie nur sie gurren konnte, und war auch schon aus dem Zimmer.

Johnny musste erst einmal seine Gedanken ordnen. Bei Tageslicht kam ihm die Sache so unwirklich vor, dass er nicht sicher war, ob er vielleicht bloß geträumt hatte. Trotzdem streckte er prüfend einen Fuß aus dem Bett. Alles in Ordnung. Die Kälte war nicht zurückgekehrt.

Schnell stand er auf und zog sich an. Die Späne der afrikanischen Traumwurzel, die er am Abend zuvor so sorgfältig ausgestreut hatte, waren unversehrt. Das ließ nur einen Schluss zu: Entweder taugte Céciles Traumwurzel nicht als Gespensterschreck, oder etwas völlig anderes hatte die Kälte in seinem Zimmer verursacht. Im schlimmsten Fall etwas, das im Jenseits lauerte und nur darauf wartete, hereinzukommen.

Johnny fasste einen Entschluss. Er musste Oberinspektor John Sinclair um Hilfe bitten. Sicher wusste der berühmte Geisterjäger, was zu tun war. Gleich heute Nachmittag wollte er ihm eine E-Mail schicken.

Dann packte er seinen Rucksack für die Schule und ging nach einem kurzen Besuch im Bad zu Mrs Adams in die Küche.

Die Küche war der gemütlichste Raum in der ganzen Burg. Ein alter eiserner Herd sorgte für wohlige Wärme, und es duftete nach Rührei, Würstchen und Porridge.

»Guten Morgen, Mrs Adams!« Johnny setzte sich an den langen blank gescheuerten Tisch, und Mrs Adams füllte ihm gleich eine große Portion Heidelbeer-Porridge in seine Frühstücksschale.

Die meisten seiner Freunde hassten den süßen Haferbrei, aber Johnny liebte ihn. Es hatte etwas ungeheuer Beruhigendes, bei Mrs Adams in der Küche zu sitzen und warmen, süßen Porridge zu löffeln.

»Echtes Wolfswetter da draußen«, brummte die Köchin und deutete mit dem Kopf zum Fenster. »Ist die reinste Waschküche. Ein Wunder, dass ich überhaupt heil hier angekommen bin.«

Rose Adams war ein schottisches Urgestein und hatte schon immer in Blacktooth gelebt. Sie war mächtig stolz darauf, dass ihre Vorfahren zu den Gründervätern von Blacktooth zählten. Niemand wusste so viele Geschichten über dieses Fleckchen Erde zu erzählen wie Mrs Adams. Und niemand war so abergläubisch wie sie.

Johnny warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Mrs Adams hatte recht. Viel zu sehen gab es da wirklich nicht. Nebel, wohin man schaute.

»Warum Wolfswetter?«, wollte er wissen.

Einer der Vorteile, zwölf Jahre alt zu sein, war, dass die Leute anfingen, mit einem wie mit einem normalen Menschen zu reden.

Und so hielt es auch Mrs Adams. »Ach, das sagt man bloß so«, winkte sie ab. »Ist eine alte Geschichte.«

Johnny überlegte kurz, ob sein Bedarf an alten Geschichten vielleicht gedeckt wäre, doch dann siegte seine Neugierde. »Was ist das für eine Geschichte?«

Mrs Adams zierte sich ein bisschen. Aber schon nach dem ersten »Bitte, Mrs Adams!« holte sie tief Luft und war nicht mehr zu bremsen.

»Gott sei Dank hat man ihn hier lange nicht mehr gesehen«, erzählte sie und senkte die Stimme. »Aber die alte Mrs Crane ist ihm schon einmal begegnet. Es war ein Wetter wie heute. Nebel, so weit das Auge reicht.« Mrs Adams schüttelte sich, als würde ihr ein Schauer über den Rücken laufen. »Die arme Mrs Crane kann von Glück sagen, dass sie noch am Leben ist. Wäre nicht ein Bauer auf seinem Traktor vorbeigekommen, wäre die Geschichte sicher anders ausgegangen.«

Johnny sah Mrs Adams zwischen zwei Löffeln Porridge an. »Wer ist ihr begegnet? Ein Wolf?«

Die alte Frau schüttelte ihren grauen Lockenkopf. »Nein, mein Junge. Einen Wolf hätte sie mit ihrem Geschrei leicht vertreiben können. Aber das, was dort im Nebel lauerte, ließ sich nicht vertreiben. Manche meinten, es wäre nur noch sein Geist, andere glaubten, er könne überhaupt nicht sterben, weil er seine Seele an den Teufel verkauft hat.«

Johnny starrte Mrs Adams mit offenem Mund an und hatte glatt vergessen zu schlucken. Wortlos wischte er sich etwas Porridge vom Kinn.

»Früher, als meine Großmutter noch ein junges Mädchen war, trieb sich hier in der Gegend ein Verbrecher herum. Er war in eine Wolfshaut gewickelt und überfiel aus dem Nebel heraus Wanderer, die allein unterwegs waren. Man hat ihn nie erwischt.«