Beschreibung

Die gesammelten Erzählungen von Albert Camus. «Welch ein Stil! Welche Präzision und Eleganz, Sparsamkeit und visionäre Plastizität! Dass es auch in unserem Jahrhundert noch möglich ist, Wahrheit und Schönheit, Maß und Vision, Eleganz und Unbestechlichkeit zu vereinigen, schenkt uns Vertrauen zum Gewesenen, tröstet uns in der Dunkelheit des Tages und lässt uns hoffen für morgen.» (Walter Jens)

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Seitenzahl: 381


Albert Camus

Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit

Aus dem Französischen von Guido G. Meister

Der Fall

Darf ich es wagen, Monsieur, Ihnen meine Dienste anzubieten, ohne Ihnen lästig zu fallen? Ich befürchte sehr, dass Sie sich dem ehrenwerten, über den Geschicken des Etablissements waltenden Gorilla nicht werden verständlich machen können. Er spricht nämlich nur Holländisch. Sofern Sie mich nicht ermächtigen, Ihre Sache zu vertreten, wird er denn auch nie erraten, dass Sie einen Wacholder wünschen. So, nun darf ich wohl hoffen, dass er mich verstanden hat; sein Kopfnicken scheint mir darauf hinzudeuten, dass meine Argumente ihn überzeugt haben. In der Tat, er setzt sich in Bewegung, er beeilt sich mit weiser Bedächtigkeit. Sie haben Glück, Monsieur, er hat nicht gebrummt. Weigert er sich nämlich, einen Gast zu bedienen, so genügt ein Brummen, und keiner bringt seine Bitte ein zweites Mal vor. Es ist das königliche Privileg der Großtiere, jeder Laune nachgeben zu dürfen. Aber ich will Sie nicht weiter stören, Monsieur. Es war mir ein Vergnügen, Ihnen behilflich zu sein. Tausend Dank; wenn ich sicher wäre, Sie nicht zu behelligen, würde ich gerne annehmen. Zu gütig von Ihnen. Ich werde mich also mit meinem Glas zu Ihnen setzen.

Sie haben recht, seine Einsilbigkeit ist geradezu ohrenbetäubend. Sie gemahnt an das pralle Schweigen des Urwalds. Ich wundere mich bisweilen darüber, wie hartnäckig unser wortkarger Freund es verschmäht, sich der Sprachen der zivilisierten Menschheit zu bedienen. Besteht doch sein Beruf darin, in dieser, übrigens aus unerfindlichen Gründen Mexico City getauften, Amsterdamer Kneipe Seeleute aus aller Herren Länder zu bewirten. Bei einer solchen Aufgabe läge doch wohl die Befürchtung nahe, dass diese negative Einstellung ihm hinderlich sein könnte, finden Sie nicht auch? Stellen Sie sich einmal den Menschen von Cro-Magnon als Kostgänger im Turm von Babel vor! Er würde sich, gelinde gesagt, verloren vorkommen. Wohingegen dieser hier nichts von seiner Fremdheit spürt, sondern unbeirrt seines Weges geht und sich von nichts anfechten lässt. Einer der wenigen Sätze, die ich aus seinem Mund vernommen habe, lautete: «Wer nicht will, der hat gehabt.» Worauf war diese Alternative gemünzt? Zweifellos auf unseren Freund selber. Ich muss offen zugeben, dass ich mich von solchen Geschöpfen aus einem Guss angezogen fühle. Hat man von Berufs wegen oder aus innerer Neigung viel über den Menschen nachgedacht, so verspürt man zuweilen eine gewisse Sehnsucht nach anderen Primaten. Sie wenigstens haben keine Hintergedanken.

Was unseren Gastgeber betrifft, so hegt er freilich deren mehrere, wenn er sich ihrer auch nicht klar bewusst ist. Da er das in seiner Gegenwart Gesagte selten versteht, hat sein Charakter etwas Misstrauisches bekommen. Daher auch die argwöhnische Steifheit seines Gebarens, als habe er zumindest den Verdacht, dass bei den Menschen irgendetwas nicht ganz stimmt. Durch diese Eigenart wird jede Unterhaltung über nicht seinen Beruf betreffende Dinge einigermaßen erschwert. Sie sehen zum Beispiel über seinem Kopf auf der hinteren Wand ein leeres Rechteck, das die Stelle anzeigt, wo früher ein Bild hing. In der Tat befand sich dort ein Gemälde, ein ganz besonders interessantes sogar, ein wahres Meisterwerk. Nun, ich war dabei, als der Herr des Hauses es in Empfang nahm, und auch, als er es weggab. Beides erfolgte mit dem gleichen Misstrauen und erst nach wochenlangem innerem Hin und Her. In diesem Punkt hat der Umgang mit den Menschen, das lässt sich nicht abstreiten, die unverbildete Einfalt seines Wesens etwas beeinträchtigt.

Wohlgemerkt, ich richte ihn nicht. Ich betrachte sein Misstrauen als begründet und würde es gerne teilen, stünde dem nicht, wie Sie sehen, meine mitteilsame Natur im Wege. Ich bin leider ein redseliger Mensch und schließe leicht Freundschaft, wobei mir, obwohl ich den gehörigen Abstand zu wahren weiß, jede Gelegenheit recht ist. Als ich noch in Frankreich lebte, konnte ich nie einem Mann von Geist begegnen, ohne dass ich sogleich vertrauten Umgang mit ihm gepflogen hätte. Ach, ich sehe, dass diese etwas umständliche Formulierung Ihnen auffällt! Nun, ich bekenne meine Schwäche für eine gewählte Ausdrucksweise und eine gehobene Sprache überhaupt. Sie dürfen mir glauben, dass ich mir diese Schwäche selbst zum Vorwurf mache. Ich weiß natürlich, dass das Tragen feiner Wäsche nicht unbedingt schmutzige Füße voraussetzt. Immerhin, gepflegter Stil und Seidenhemden haben miteinander gemein, dass sie nur allzu oft einen hässlichen Ausschlag verbergen. Aber ich sage mir zum Trost, dass die Leute mit Zungenschlag letzten Endes ebenfalls nicht rein sind. Ja gerne, lassen wir uns noch einen Wacholder kommen.

Gedenken Sie längere Zeit hierzubleiben? Eine schöne Stadt, dieses Amsterdam, nicht wahr? Faszinierend, sagen Sie? Ein Wort, das ich lange nicht mehr gehört habe. Genau gesagt, seitdem ich aus Paris fort bin, also seit Jahren. Aber das Herz besitzt bekanntlich sein eigenes Gedächtnis, und ich erinnere mich unserer schönen Hauptstadt und ihrer Quais noch in allen Einzelheiten. Paris ist eine wahre Fata Morgana, eine großartige Kulisse, die vier Millionen Schatten beherbergt. So? Nach der letzten Volkszählung sind es nahezu fünf Millionen? Na, dann haben sie eben Junge gekriegt. Das wundert mich übrigens nicht. Es wollte mir schon immer scheinen, unsere Mitbürger frönten zwei Leidenschaften: den Ideen und der Hurerei. Kunterbunt durcheinander, möchte man sagen. Hüten wir uns übrigens, sie zu verurteilen; sie stehen keineswegs einzig da, in ganz Europa ist man heute so weit. Manchmal suche ich mir vorzustellen, was wohl die künftigen Geschichtsschreiber von uns sagen werden. Ein einziger Satz wird ihnen zur Beschreibung des modernen Menschen genügen: Er hurte und las Zeitungen. Mit welcher bündigen Definition der Gegenstand, wenn ich so sagen darf, erschöpft wäre.

Die Holländer? O nein, die sind bei weitem nicht so modern! Sie lassen sich Zeit, wie ein Blick Sie belehren wird. Was sie tun? Nun, diese Herren hier leben von der Arbeit jener Damen dort. Sie sind übrigens allesamt, Männlein und Weiblein, recht bürgerliche Kreaturen, die, wie so oft in solchen Fällen, aus Mythomanie oder aus Dummheit hier gelandet sind. Mit einem Wort, aus einem Zuviel oder Zuwenig an Phantasie. Ab und zu lassen die Herren ihr Messer oder ihren Revolver spielen, aber glauben Sie ja nicht, dass sie besonders darauf erpicht wären. Das gehört einfach zu ihrer Rolle; doch fällt ihnen das Herz in die Hosen, wenn sie ihre letzten Patronen verschießen. Was nicht hindert, dass ich sie moralischer finde als jene anderen, die im Familienkreis durch allmähliche Abnutzung töten. Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass unsere ganze Gesellschaftsordnung sich auf diese Art des Liquidierens eingestellt hat? Sie haben bestimmt schon von jenen winzig kleinen Fischen in den Flüssen Brasiliens gehört, die zu Tausenden über den unvorsichtigen Schwimmer herfallen und ihn mir nichts, dir nichts sauber beißen, sodass nichts übrig bleibt als sein blankes Gerippe. Sehen Sie, genauso verhält es sich mit ihrer Organisation. «Du willst ein sauberes Leben? Wie jeder andere auch?» Selbstverständlich sagt man ja. Wie denn auch nicht! «Schön, du sollst gesäubert werden. Da hast du deinen Beruf, deine Familie, deine organisierte Freizeit.» Und die scharfen Zähnchen machen sich über das Fleisch her und beißen sich bis zu den Knochen durch. Aber ich bin ungerecht. Nicht ihre Organisation, hätte ich sagen sollen. Letzten Endes ist es ja die unsere. Die Frage ist nur, wer wen säubert.

So, da kommt auch endlich unser Wacholder. Auf Ihr Wohlergehen! Ja, Sie haben richtig gehört, der Gorilla hat den Mund aufgetan und mich Herr Doktor genannt. In diesen Breiten ist jedermann ein Herr Doktor oder ein Herr Professor. Man ist hier gern respektvoll, aus Gutherzigkeit, auch aus Bescheidenheit. Hier wenigstens hat man die Bosheit noch nicht zur Landesinstitution erhoben. Im Übrigen bin ich nicht etwa Arzt. Wenn Sie es durchaus zu erfahren wünschen: Ehe ich hierherkam, war ich Rechtsanwalt. Jetzt bin ich Buß-Richter.

Aber gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Johannes Clamans, ergebenster Diener. Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen. Sie stehen wohl im Geschäftsleben? So ungefähr? Ausgezeichnete Antwort! Und wie richtig! Sind wir doch alles nur so ungefähr. Sie erlauben, dass ich ein wenig Detektiv spiele? Sie sind so ungefähr in meinem Alter, Ihr Auge verrät die Erfahrung des Vierzigjährigen, der so ungefähr in allem Bescheid weiß, Sie sind so ungefähr gut angezogen, das heißt so, wie man bei uns eben angezogen ist, und Sie haben gepflegte Hände. Also ein Bürger, so ungefähr! Aber ein verfeinerter Bürger! Dass Sie bei etwas umständlichen Formulierungen die Brauen zusammenziehen, ist in der Tat ein doppelter Beweis Ihrer Bildung: einmal, weil sie Ihnen auffallen, und zum andern, weil sie Ihnen auf die Nerven gehen. Und schließlich finden Sie mich unterhaltsam, was, ganz ohne Eitelkeit gesagt, eine gewisse Aufgeschlossenheit des Geistes voraussetzt. Sie sind also so ungefähr… Aber was liegt schon daran? Mich interessieren die Sekten weit mehr als die Berufe. Erlauben Sie mir doch bitte zwei Fragen, aber beantworten Sie sie nur, wenn Sie sie nicht indiskret finden. Nennen Sie Schätze Ihr Eigen? Einige? Gut. Haben Sie sie mit den Armen geteilt? Nein. Sie sind also, was ich einen Sadduzäer nenne. Wenn Sie nicht bibelkundig sind, wird Ihnen das kaum etwas sagen. Doch? Die Bibel ist Ihnen also nicht unbekannt? Sie sind ganz entschieden ein Mensch, der mich interessiert.

Ich für mein Teil… Nun, urteilen Sie selber. Mein Wuchs, die breiten Schultern und das Gesicht, von dem mir oft gesagt wurde, es habe etwas Grimmiges, erinnern am ehesten an einen Rugbyspieler, nicht wahr? Aber nach meiner Konversation zu schließen, muss man mir schon einen gewissen Schliff zubilligen. Das Kamel, das die Wolle zu meinem Mantel geliefert hat, war zweifellos räudig; dafür sind meine Fingernägel manikürt. Ich habe gleich Ihnen meine Erfahrungen gesammelt; nichtsdestoweniger eröffne ich mich Ihnen unbedenklich, einfach weil Ihr Gesicht mir gefällt. Und schließlich bin ich trotz meiner guten Manieren und meiner gewählten Sprache ein Stammgast der Matrosenkneipen von Zeedijk. Nein, nein, raten Sie nicht länger. Mein Beruf ist doppelter Natur, wie der Mensch, weiter nichts. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich Buß-Richter bin. Einfach ist an meinem Fall nur dies eine: Ich habe keinerlei Besitz. Ja, früher war ich reich. Nein, ich habe nicht mit den Armen geteilt. Was beweist das schon? Dass auch ich ein Sadduzäer war… Hören Sie die Sirenen im Hafen? Heute Nacht gibt es Nebel auf der Zuidersee.

Sie wollen schon aufbrechen? Verzeihen Sie, wenn ich Sie aufgehalten haben sollte. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis lassen Sie die Zeche meine Sache sein. Im Mexico City sind Sie mein Gast, es war mir eine ganz besondere Freude, Sie hier empfangen zu dürfen. Morgen bin ich bestimmt wieder hier anzutreffen, wie übrigens jeden Abend, und dann werde ich Ihrer Einladung gerne Folge leisten. Welchen Weg Sie einschlagen müssen?… Nun… Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie der Einfachheit halber bis zum Hafen begleitete? Von dort gehen Sie dann am besten um das Judenviertel herum und gelangen so zu den schönen Avenuen, auf denen die von Blumen und dröhnender Musik erfüllten Trambahnen fahren. Ihr Hotel liegt in einer dieser Straßen, dem Damrak. Bitte nach Ihnen. Ich selber wohne im Judenviertel; wenigstens hieß es so, ehe unsere hitlertreuen Brüder für Platz sorgten. Was für eine Säuberung? Fünfundsiebzigtausend deportierte oder ermordete Juden – das nennt man großes Reinemachen! Ich bewundere diese Gründlichkeit, dieses planmäßige, geduldige Vorgehen! Wer keinen Charakter hat, muss sich wohl oder übel eine Methode zulegen. Hier hat sie Wunder gewirkt, das steht ganz außer Zweifel, und ich wohne an dem Ort, wo eines der größten Verbrechen der Geschichte begangen wurde. Mag sein, dass gerade dieser Umstand es mir erleichtert, den Gorilla und sein Misstrauen zu verstehen, und mir ermöglicht, gegen jenen natürlichen Hang anzukämpfen, der mich unwiderstehlich zur Sympathie neigen lässt. Sooft ich ein neues Gesicht sehe, ertönt in meinem Inneren ein Warnsignal: «Achtung! Gefahr!» Selbst wenn die Sympathie sich als stärker erweist, bleibe ich auf der Hut.

Wenn Sie bedenken, dass in meinem Heimatdorf ein deutscher Offizier im Zuge einer Vergeltungsaktion eine alte Frau sehr höflich ersuchte, unter ihren beiden Söhnen denjenigen auszuwählen, der als Geisel erschossen werden sollte! Wählen sollte sie, können Sie sich das vorstellen? Diesen hier? Nein, den anderen. Und zusehen, wie er abgeführt wird. Lassen wir das; aber glauben Sie mir, Monsieur, man kann die unwahrscheinlichsten Dinge erleben. Ich habe einen Mann mit reinem Herzen gekannt, der sich weigerte, den Menschen zu misstrauen. Er war ein Pazifist und Anarchist, seine unteilbare Liebe galt der gesamten Menschheit und der Tierwelt natürlich auch. Ganz fraglos eine erlesene Seele. Nun, während der letzten europäischen Glaubenskriege zog er sich aufs Land zurück. Über der Tür seines Hauses stand zu lesen: «Woher du auch kommen magst, tritt ein und sei willkommen.» Was glauben Sie, wer dieser hochherzigen Einladung Folge leistete? Ein paar Angehörige der französischen Miliz. Sie traten ein, ohne anzuklopfen, und rissen ihm die Gedärme aus dem Leib.

O Pardon, gnädige Frau! Sie hat übrigens kein Wort verstanden. – Wie viele Menschen zu so später Stunde trotz des seit Tagen anhaltenden Regens noch unterwegs sind! Ein Glück, dass es Wacholder gibt, er ist der einzige Lichtblick in all dieser Düsternis. Spüren Sie, was für ein goldenes, kupfriges Licht er in Ihnen anzündet? Ich liebe es, so wacholderdurchwärmt durch die abendliche Stadt zu schlendern. Ganze Nächte durchwandere ich so, träume vor mich hin oder führe endlose Selbstgespräche. So wie heute Abend. Doch ich fürchte, ich schwatze Ihnen die Ohren voll. Danke, Sie sind zu liebenswürdig. Es ist dies eine Art Sicherheitsventil; kaum dass ich den Mund auftue, fließt die Rede über. Dieses Land inspiriert mich übrigens. Ich liebe das Volk, das sich da auf den Gehsteigen drängt, eingezwängt in einen kleinen Raum zwischen Häusern und Wasser, eingekreist von Dunstschleiern, kaltem Land und einem wie ein Waschkessel dampfenden Meer. Ich liebe es, denn es ist doppelt. Es ist hier, und es ist anderswo.

Gewiss doch! Wenn Sie die schleppenden Schritte auf dem glitschigen Pflaster hören, wenn Sie die Leute zwischen ihren von goldbraunen Heringen und herbstlaubfarbenen Schmuckstücken überquellenden Läden hin und her schlurfen sehen, sind Sie unwillkürlich überzeugt, all diese Menschen seien heute Abend hier. Es geht Ihnen genau wie allen anderen, Sie halten diese guten Leute für ein Volk von Bürgermeistern und Krämern, die ihre Aussichten auf das ewige Leben nach der Zahl ihrer Taler errechnen und deren einzige lyrische Anwandlung darin besteht, breitkrempige Hüte tragend Anatomielektionen beizuwohnen. Weit gefehlt. Sie gehen neben uns her, das stimmt, und doch – schauen Sie bloß, wo ihre Köpfe sich befinden! In diesem Dunst aus Neonlicht, Wacholder und Minze, der sich von den roten und grünen Reklamen herabsenkt. Holland ist ein Traum, Monsieur, ein Traum aus Gold und Rauch, bei Tag eher rauchig, bei Nacht eher golden, und Tag und Nacht ist dieser Traum von Lohengrins bevölkert, gleich jenen Gestalten dort drüben, die versonnen auf ihren schwarzen Fahrrädern mit den hohen Lenkstangen vorüberhuschen – Trauerschwäne, die ohne Rast noch Ruh im ganzen Land den Kanälen entlang die Meere umkreisen. Sie träumen, den Kopf in ihren kupfrigen Nebelschwaden verborgen, sie ziehen ihre Kreise: Wie Schlafwandler beten sie im goldenen Weihrauch des Dunsts und sind nicht mehr hier. Über Tausende von Kilometern streben sie Java entgegen, der fernen Insel. Sie beten zu jenen fratzenhaften Göttern Indonesiens, die in allen ihren Schaufenstern prunken und die im gegenwärtigen Augenblick über uns dahinschweben, ehe sie sich, prachtliebenden Affen gleich, an die Schilder und Treppengiebel hängen, um diesen von Fernweh geplagten Kolonisten in Erinnerung zu rufen, dass Holland nicht nur das Europa der Krämer ist, sondern zugleich auch die See, die See, die einen nach Zipangu trägt und zu jenen Inseln, wo die Menschen im Wahnsinn und im Glück sterben.

Aber die Gewohnheit geht mit mir durch, ich plädiere! Verzeihen Sie. Ja, die Gewohnheit, Monsieur, die Berufung, und nicht zuletzt auch mein Wunsch, Ihnen diese Stadt – und das Herz der Dinge nahezubringen. Denn wir befinden uns hier im Herzen der Dinge. Finden Sie nicht, dass die konzentrischen Kanäle von Amsterdam den Kreisen der Hölle gleichen? Der bürgerlichen, von Albträumen bevölkerten Hölle natürlich. Je mehr Kreise man von außen kommend durchschreitet, desto undurchdringlicher, desto finsterer wird das Leben und mit ihm seine Verbrechen. Hier stehen wir im letzten Kreis. Dem Kreis der… Ach! Das wissen Sie? Teufel auch, es wird immer schwieriger, Sie einzuordnen. Aber dann verstehen Sie, warum ich sagen kann, der Mittelpunkt der Dinge sei hier, obgleich wir uns am Rande des Kontinents befinden. Aufgeschlossene Menschen begreifen solche Wunderlichkeiten. Auf jeden Fall können die Hurer und Zeitungsleser hier nicht weiter. Aus allen Ecken und Enden Europas strömen sie herbei und bleiben am farblosen Strand des Binnenmeeres stehen. Sie lauschen den Sirenen, sie suchen vergeblich im Nebel die Silhouetten der Schiffe zu erspähen, dann kehren sie über die Kanäle zurück und schlagen im Regen den Heimweg ein. Durchfroren kommen sie ins Mexico City und bestellen in allen Sprachen der Welt ihren Wacholder. Dort erwarte ich sie.

Also bis morgen, Monsieur. Nein, jetzt können Sie den Weg nicht mehr verfehlen. Ich verabschiede mich bei dieser Brücke. Ich gehe nachts nie über eine Brücke. Ein Gelübde. Stellen Sie sich doch einmal vor, es stürze sich einer ins Wasser. Dann stehen Ihnen zwei Möglichkeiten offen: Entweder Sie springen nach, um ihn herauszufischen, was in der kalten Jahreszeit die denkbar schlimmsten Folgen für Sie haben kann! Oder aber Sie überlassen ihn seinem Schicksal, doch nach unterbliebenen Kopfsprüngen fühlt man sich manchmal seltsam zerschlagen. Gute Nacht! Wie bitte? Die Damen hinter jenen großen Scheiben? Der Traum, Monsieur, der wohlfeile Traum, die Reise nach Indien! Diese Wesen parfümieren sich mit Spezereien. Man tritt ein, die Vorhänge werden zugezogen, die Fahrt beginnt. Die Götter steigen auf die nackten Leiber herab, und die Inseln treiben dahin, wahnergriffen, vom zerzausten Haar windgeschüttelter Palmen gekrönt. Versuchen Sie es.

Was ein Buß-Richter sei? Aha, dieser Ausdruck hat offenbar Ihre Neugier gereizt. Es war eine ganz arglose Bemerkung, glauben Sie mir, und ich bin gerne bereit, mich deutlicher zu erklären. In gewissem Sinn gehört das sogar zu meinem Amt. Zunächst muss ich Ihnen jedoch eine Reihe von Umständen darlegen, die Ihnen zum besseren Verständnis meines Berichts dienlich sein werden.

Bis vor ein paar Jahren war ich Rechtsanwalt in Paris, man kann wohl sagen, ein ziemlich bekannter Rechtsanwalt. Ich habe Ihnen selbstverständlich nicht meinen richtigen Namen genannt. Ich hatte mich darauf spezialisiert, die noblen Sachen zu vertreten, Witwen und Waisen zu verteidigen, wie man zu sagen pflegt, obwohl mir diese Redensart nicht recht einleuchtet, denn schließlich gibt es ja auch Witwen, die Missbrauch treiben, und Waisen, die wahre Raubtiere sind. Indessen genügte es, dass ein Angeklagter im Geringsten von Opferhauch umwittert war, um die Ärmel meiner Robe in Bewegung zu setzen. Und was für eine Bewegung! Der reinste Sturm! Ich trug das Herz auf den Ärmeln. Man hätte wirklich glauben können, Justitia lege sich jeden Abend zu mir ins Bett. Ich bin gewiss, dass auch Sie die Richtigkeit meines Tons, die genaue Dosierung meiner Gemütsbewegungen, die Überzeugungskraft und die Wärme, die beherrschte Empörung meiner Plädoyers bewundert hätten. Was mein Äußeres betrifft, so hat die Natur mich gut ausgestattet: Die edle Haltung kostet mich keine Mühe. Zudem leisteten zwei aufrichtige Gefühle mir große Dienste: die Genugtuung, mich auf der richtigen Seite der Schranke zu befinden, und eine instinktive Verachtung der Richter im Allgemeinen. Na, am Ende war diese Verachtung vielleicht nicht ganz so instinktiv. Ich weiß jetzt, dass sie ihre Gründe hatte. Aber nach außen hin hatte sie etwas von echter Leidenschaft. Es ist unbestreitbar, dass wenigstens vorläufig Richter vonnöten sind, nicht wahr? Und doch konnte ich nicht begreifen, dass ein Mensch sich freiwillig zu diesem merkwürdigen Amt hergab. Ich nahm die Tatsache hin, da ich sie ja schließlich vor Augen hatte, aber etwa so, wie ich die Existenz der Heuschrecken hinnahm. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Einfälle dieser Schädlinge mir nie einen Pfennig eingetragen haben, während der Dialog mit Leuten, die ich verachtete, mir mein gutes Auskommen sicherte.

Aber eben, ich befand mich auf der richtigen Seite, das genügte für meinen Seelenfrieden. Das Bewusstsein des guten Rechts, der Genugtuung, recht zu haben, das Hochgefühl der Selbstachtung – das, Verehrtester, sind Triebfedern, mächtig genug, uns Haltung zu geben oder vorwärtszubringen. Berauben Sie die Menschen dagegen dieses Antriebs, und Sie verwandeln sie in wutschäumende Hunde. Wie manches Verbrechen wird doch begangen, bloß weil sein Urheber es nicht ertragen konnte, im Unrecht zu sein! Ich habe einen Industriellen gekannt, der eine von allen bewunderte, in jeder Beziehung vollkommene Frau besaß und sie dennoch betrog. Dieser Mann wurde buchstäblich rasend, weil er sich im Unrecht befand und keine Möglichkeit sah, sich ein Zeugnis der Tugendhaftigkeit auszustellen oder ausstellen zu lassen. Je größere Vollkommenheit die Frau an den Tag legte, desto rasender wurde er. Bis er schließlich sein Unrecht nicht länger ertrug. Was glauben Sie, dass er tat? Er hörte auf, sie zu betrügen? Keineswegs. Er brachte sie um. Auf diese Weise machte ich seine Bekanntschaft.

Meine Lage war da beneidenswerter. Nicht nur lief ich keine Gefahr, in das Lager der Verbrecher hinüberzuwechseln (insbesondere hatte ich als Junggeselle keinerlei Aussicht, meine Frau zu ermorden), sondern ich übernahm sogar die Verteidigung dieser Menschen, unter der einzigen Bedingung, dass sie gutartige Mörder waren, so wie andere gutartige Wilde sind. Schon allein meine Art, eine solche Verteidigung zu führen, erfüllte mich mit tiefer Befriedigung. In meinem Berufsleben war ich wirklich untadelig. Dass ich mich nie bestechen ließ, versteht sich von selbst; aber darüber hinaus habe ich mich auch nie dazu bereitgefunden, selber derlei Schritte zu unternehmen. Was noch seltener ist: Ich habe mich nie dazu herbeigelassen, einem Journalisten zu schmeicheln, um ihn mir günstig zu stimmen, oder einem Beamten, dessen Freundschaft mir hätte nützlich sein können. Ich hatte sogar das Glück, zwei- oder dreimal diskret und würdevoll die Ehrenlegion ablehnen zu können, und eben darin fand ich meine wahre Belohnung. Und schließlich habe ich die Armen immer unentgeltlich verteidigt und dies nie an die große Glocke gehängt. Glauben Sie nicht, Verehrtester, ich wolle mich mit all diesen Dingen brüsten. Ich hatte gar kein Verdienst dabei, denn die Habsucht, die in unserer Gesellschaft an die Stelle des Ehrgeizes getreten ist, hat mich immer gelächert. Ich wollte höher hinaus. Sie werden sehen, dass dieser Ausdruck in meinem Fall genau zutrifft.

Wie Sie unschwer ermessen können, hatte ich allen Grund zur Zufriedenheit. Ich sonnte mich in meinem eigenen Wesen, und wir alle wissen, dass darin das wahre Glück besteht, obwohl wir zur gegenseitigen Beruhigung bisweilen Miene machen, diese Freuden als sogenannten Egoismus zu verdammen. Zumindest genoss ich jenen Teil meines Wesens, der so akkurat auf die Witwen und Waisen ansprach und so oft auf den Plan gerufen wurde, dass er schließlich mein ganzes Leben beherrschte. Ich liebte es zum Beispiel ungemein, den Blinden beim Überqueren der Straße zu helfen. Sobald ich von weitem den Stock eines Blinden an einem Randstein zögern sah, stürzte ich herbei, kam manchmal um Sekundenlänge einer schon hilfsbereit ausgestreckten Hand zuvor, entriss den Blinden jeder fremden Obhut und führte ihn mit sanfter, doch fester Hand über den Fußgängerstreifen, zwischen den Hindernissen des Verkehrs hindurch, zum sicheren Port des gegenüberliegenden Gehsteigs, wo wir uns gerührt voneinander trennten. Desgleichen war es mir immer ein Vergnügen, einem Passanten Auskunft oder Feuer zu geben, Hand anzulegen, wenn es einen zu schweren Karren oder ein stehengebliebenes Auto zu schieben galt, der Frau von der Heilsarmee ihre Zeitung abzukaufen oder bei der alten Händlerin Blumen zu erstehen, obwohl ich genau wusste, dass sie sie auf dem Friedhof Montparnasse stahl. Ich liebte es auch – dieses Geständnis will freilich nicht so leicht über die Lippen–, ich liebte es, Almosen zu geben. Ein höchst christlich gesinnter Freund gab einmal zu, dass man als Erstes Unbehagen empfindet, wenn man einen Bettler auf sein Haus zukommen sieht. Nun, mit mir war es noch schlimmer bestellt: Ich frohlockte. Aber lassen wir das.

Sprechen wir lieber von meiner Zuvorkommenheit. Sie war geradezu sprichwörtlich und trotzdem unleugbar. Das Höflichsein verschaffte mir nämlich nicht unbeträchtliche Freuden. Wenn ich hin und wieder das Glück hatte, morgens im Omnibus oder in der Untergrundbahn meinen Platz jemand abtreten zu können, der es offensichtlich verdiente, einen Gegenstand aufzuheben, den eine alte Dame fallen gelassen hatte, und ihn ihr mit einem mir nur allzu bekannten Lächeln zu überreichen, oder auch bloß meine Taxe einem Fahrgast zu überlassen, der es eiliger hatte als ich, so war mein ganzer Tag verschönt. Es muss auch gesagt werden, dass ich mich sogar über jeden Streik der öffentlichen Verkehrsmittel freute, denn an solchen Tagen bot sich mir Gelegenheit, an den Omnibushaltestellen ein paar meiner unglücklichen, am Heimkehren verhinderten Mitbürger in meinen Wagen zu laden. Im Theater meinen Platz zu wechseln, um einem Liebespaar das Nebeneinandersitzen zu ermöglichen, in der Eisenbahn einem jungen Mädchen das Gepäck im zu hohen Netz zu verstauen, das waren Taten, die ich deshalb öfter als andere Menschen vollbrachte, weil ich die Gelegenheiten aufmerksamer wahrnahm und ihnen ein bewusster genossenes Vergnügen abzugewinnen verstand.

Des Weiteren galt ich als freigebig und war es auch in der Tat. Ich habe viele Geschenke gemacht, öffentlich und privat. Weit entfernt davon, über die Trennung von einem Gegenstand oder einer Summe Geldes Schmerz zu empfinden, war mir das Schenken eine ständige Quelle der Freude, nicht zuletzt, weil mich beim Gedanken an die Fruchtlosigkeit dieser Gaben und die zu erwartende Undankbarkeit manchmal eine Art Wehmut beschlich. Das Geben machte mir sogar so viel Spaß, dass ich es hasste, dazu verpflichtet zu sein. Genauigkeit in Gelddingen war mir ein Gräuel, und ich bequemte mich nur widerwillig dazu. Ich wünschte, Herr über meine Freigebigkeit zu sein.

Das sind lauter kleine Einzelzüge, aber sie sollen Ihnen zeigen, welchen nie versiegenden Hochgenuss ich meinem Leben und hauptsächlich meinem Beruf abgewann. In den Wandelgängen des Gerichtsgebäudes zum Beispiel von der Frau eines Angeklagten angehalten werden, den man einzig um der Gerechtigkeit willen oder aus Mitleid, also unentgeltlich verteidigt hat; diese Frau flüstern hören, dass nichts, aber auch wirklich nichts auf der weiten Welt je vergelten könne, was man für sie getan hat; antworten, dass dies doch selbstverständlich sei, dass jeder andere ebenso gehandelt hätte; ihr sogar Unterstützung anbieten für die kommenden schweren Zeiten; sodann, um den Ergüssen Einhalt zu tun und sie in angemessenen Grenzen zu halten, die Hand dieser armen Frau zu küssen und das Gespräch damit abzubrechen – glauben Sie mir, Verehrtester, das bedeutet, dass man Höheres erreicht als der gewöhnliche Streber und sich zu jenem Gipfelpunkt aufschwingt, wo die Tugend in sich selber Genüge findet.

Halten wir einen Augenblick auf diesen Gipfeln inne. Sie verstehen jetzt, was ich mit dem höher hinauswollen meinte. Ich dachte an ebendiese Höhepunkte, die für mich lebensnotwendig sind. Ich habe mich in der Tat immer nur in Höhenlagen wohlgefühlt. Dieses Bedürfnis nach Erhöhung offenbarte sich sogar in den Kleinigkeiten des Alltags. Ich zog den Omnibus der Untergrundbahn vor, die Kutsche der Taxe, die Dachterrasse dem Erdgeschoss. Ich liebte die Sportflugzeuge, wo man den Kopf frei in den Himmel erhebt, und auf Seereisen ging ich immer nur auf dem Bootsdeck spazieren. Im Gebirge entfloh ich aus den Talkesseln hinauf auf die Pässe und Hochebenen, oder sagen wir zumindest die Fast-Ebenen. Wenn das Schicksal mich gezwungen hätte, ein Handwerk zu erlernen, Dreher oder Dachdecker zu werden, so hätte ich, dessen können Sie gewiss sein, die Dächer gewählt und mich mit dem Schwindel befreundet. Schiffsbäuche, Untergeschosse, Grotten und Höhlen flößten mir Grauen ein. Den Höhlenforschern, die die Stirn hatten, sich mit ihren widerlichen Leistungen auf den Titelseiten der Zeitungen breitzumachen, galt mein ganz besonderer Hass. Der Ehrgeiz, den Punkt minus 800 zu erreichen, auf die Gefahr hin, sich den Kopf in einem Felskamin (einem Siphon, wie diese gedankenlosen Narren sagen!) einzuklemmen, schien mir von einem perversen oder gestörten Charakter zu zeugen. Das Ganze hatte etwas Verbrecherisches.

Eine von der Natur geschaffene Terrasse fünf- oder sechshundert Meter über einem lichtgebadeten Meer war hingegen der Ort, wo ich am freiesten atmete, besonders wenn ich allein und hoch über das Ameisentreiben der Menschen erhaben war. Ich begriff ohne weiteres, dass die aufwühlenden Predigten, die entscheidenden Verkündigungen, die Feuerwunder sich auf erklimmbaren Höhen vollzogen. Meiner Meinung nach konnte man in Kellern öder Gefängniszellen, sofern sie nicht in einem Aussichtsturm gelegen waren, nicht meditieren, sondern nur vermodern. Und ich verstand jenen Mann, der, kaum eingetreten, aus dem Kloster davonlief, weil seine Zelle nicht, wie er erwartet hatte, auf eine weite Landschaft ging, sondern auf eine Mauer. Doch seien Sie unbesorgt, ich für mein Teil vermoderte nicht. Innerlich und äußerlich schwang ich mich allezeit zur Höhe auf, entzündete weithin sichtbare Feuer, und freudiges Grüßen stieg empor zu mir. Dergestalt genoss ich das Vergnügen, zu leben und ein hervorragender Mensch zu sein.

Mein Beruf befriedigte zum Glück dieses Bedürfnis nach Höhe. Er benahm mir jede Bitterkeit gegenüber meinem Nächsten, den ich mir immer verpflichtete, ohne ihm je etwas schuldig zu sein. Er stellte mich über den Richter, den ich seinerseits richtete, und über den Angeklagten, den ich zur Dankbarkeit zwang. Wägen Sie das ganze Gewicht dieser Worte, Verehrtester: Ich lebte ungestraft. Kein Urteil berührte mich je, befand ich mich doch nicht auf der Bühne des Gerichts, sondern irgendwo in den Soffitten, jenen Göttern gleich, die man von Zeit zu Zeit mit Hilfe einer Maschinerie herunterlässt, damit sie der Handlung die entscheidende Wendung und ihren Sinn verleihen. Schließlich und endlich ist das erhöhte Leben noch die einzige Art, von einem möglichst zahlreichen Publikum gesehen und beklatscht zu werden.

Manche meiner gutartigen Mörder hatten übrigens bei ihrer Tat ähnlichen Gefühlen gehorcht. In der misslichen Lage, in der sie sich anschließend befanden, gewährte das Zeitunglesen ihnen zweifellos eine Art schmerzlicher Genugtuung. Wie viele Menschen hatten sie die Namenlosigkeit satt, und zum Teil war es wohl dieser Unmut, der sie zu fatalen Verzweiflungstaten trieb. Um bekannt zu werden, genügt es im Grunde, seine Concierge umzubringen. Unglücklicherweise handelt es sich um eine Eintagsberühmtheit, so zahlreich sind die Conciergen, die das Messer verdienen und bekommen. Das Verbrechen steht immer im Rampenlicht, der Verbrecher jedoch tritt nur flüchtig auf und wird alsbald ersetzt. Überdies müssen diese kurzen Triumphe zu teuer bezahlt werden. Wohingegen die Verteidigung der vom Pech verfolgten Anwärter auf Berühmtheit erlaubte, zur selben Zeit und unter denselben Umständen, aber mit sparsameren Mitteln echte Anerkennung zu erlangen. Das ermutigte mich denn auch, verdienstliche Bemühungen zu entfalten, damit sie möglichst wenig zu bezahlen hatten: Was sie bezahlten, beglichen sie ein bisschen an meiner statt. Die Empörung, das Talent, die Rührung, die ich zu diesem Zweck verausgabte, entbanden mich dafür ihnen gegenüber jeder Schuld. Die Richter straften, die Angeklagten sühnten, und ich, jeder Verpflichtung ledig, vom Urteil und seiner Vollziehung gleichermaßen unberührt, herrschte frei in paradiesischem Licht.

Denn war nicht eben gerade dies das Paradies, Verehrtester: die Tuchfühlung mit dem Leben? Ich besaß sie. Ich habe es nie nötig gehabt, Lebenskunst zu lernen; dieses Wissen wurde mir in die Wiege gelegt. Es gibt Leute, für die die Schwierigkeit darin besteht, sich die Mitmenschen vom Leibe zu halten oder zumindest irgendwie mit ihnen zurechtzukommen. Für mich war das kein Problem. Ich war vertraulich zur rechten Zeit, schweigsam, wenn es nottat, der heiteren Ungezwungenheit ebenso fähig wie der würdigen Förmlichkeit, und traf immer den richtigen Ton. Ich war denn auch sehr beliebt und hatte zahllose gesellschaftliche Erfolge. Ich besaß ein angenehmes Äußeres, erwies mich sowohl unermüdlich beim Tanzen als auch unaufdringlich gebildet im Gespräch, ich brachte es fertig, gleichzeitig die Frauen und die Gerechtigkeit zu lieben, was gar nicht einfach ist, ich betrieb Sport und war den schönen Künsten zugetan, kurzum, ich will nicht weiterfahren, sonst könnten Sie mich am Ende der Selbstgefälligkeit zeihen. Stellen Sie sich also einen Mann in den besten Jahren vor, der sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut und glänzend begabt ist, geschickt in den Übungen des Körpers wie in denen des Geistes, weder arm noch reich, der gut schläft und zutiefst zufrieden ist mit sich selber, ohne dies jedoch anders zu zeigen als durch eine heitere Umgänglichkeit. Dann werden Sie zugeben, dass ich in aller Bescheidenheit von einem geglückten Leben sprechen darf.

Wahrhaftig, ich besaß eine unvergleichliche Natürlichkeit. Mein Einklang mit dem Leben war vollkommen; ich bekannte mich zu allen seinen Erscheinungsformen, von der höchsten bis zur niedrigsten, und lehnte nichts ab, weder seine Ironie noch seine Größe, noch seine Knechtschaft. Insbesondere schenkte mir das Fleisch, die Materie, mit einem Wort das Physische, das so vielen Menschen in der Liebe oder in der Einsamkeit Verwirrung oder Mutlosigkeit bringt, ausgewogene Freuden, die mich nie versklavten. Ich war dazu geschaffen, einen Leib zu haben. Daher meine innere Ausgeglichenheit, diese zwanglose Überlegenheit, die die Leute spürten und von der sie mir manchmal gestanden, dass sie ihnen helfe, leichter mit dem Leben fertig zu werden. Man suchte deshalb, Umgang mit mir zu pflegen. Oft glaubte man zum Beispiel, mich schon zu kennen. Das Leben, seine Geschöpfe und seine Gaben strömten mir von selber zu, und ich nahm diese Huldigungen mit leutseligem Stolz entgegen. Da ich so rückhaltlos und mit solcher Selbstverständlichkeit Mensch war, kam ich mir im Grunde genommen ein wenig als Übermensch vor.

Ich stamme aus einer ehrbaren, aber ruhmlosen Familie (mein Vater war Offizier), und doch fühlte ich mich an manchen Tagen beim Erwachen, demütig sei es bekannt, als Königssohn oder als brennender Busch. Wohlverstanden meine ich damit nicht etwa die mir innewohnende Gewissheit, gescheiter zu sein als alle anderen, eine Überzeugung, die nebenbei bemerkt ohne Bedeutung ist, weil so viele Dummköpfe sie teilen. Aber da mir keine Erfüllung versagt blieb, fühlte ich mich – fast scheue ich mich, es auszusprechen – geradezu auserwählt. Persönlich vor allen Menschen für diesen beständigen und unfehlbaren Erfolg auserwählt. Im Grunde war das ein Ausdruck meiner Bescheidenheit. Ich weigerte mich, diesen Erfolg nur meinen Verdiensten zuzuschreiben, und vermochte nicht zu glauben, die Vereinigung so verschiedener und so vollkommen ausgebildeter Eigenschaften in einer einzigen Person könne ein Ergebnis des bloßen Zufalls sein. Da ich also im Glück lebte, fühlte ich mich irgendwie durch ein höheres Gesetz zu diesem Glück berechtigt. Lassen Sie mich hinzufügen, dass ich keinerlei religiösen Glauben besaß, und Sie werden noch deutlicher erkennen, was diese Überzeugung Außergewöhnliches an sich hatte. Nun, gewöhnlich oder nicht, sie hat mich über den täglichen Kram hinausgehoben, mich buchstäblich schweben lassen, und dies während langer Jahre, denen ich offen gestanden heute noch nachtraure. Ich schwebte bis zu jenem Abend, da… Doch nein, das gehört nicht hierher, und ich sollte es vergessen. Außerdem übertreibe ich vielleicht. Zwar gab es nichts, das mir zu schaffen machte, doch gleichzeitig auch nichts, das mich befriedigte. Jede Freude weckte alsogleich das Verlangen nach einer anderen. Ich reihte Fest an Fest. Es kam vor, dass ich, immer heftiger in die Menschen und in das Leben vernarrt, Nächte durchtanzte. Wenn spät in diesen Nächten der Tanz, der leichte Rausch, meine wilde Ausgelassenheit und das allgemeine hemmungslose Sichgehenlassen mich in einen gleichzeitig abgematteten und beglückten Taumel versetzten, schien mir manchmal, im Übermaß der Müdigkeit und eine kurze Sekunde lang, ich verstünde endlich das Geheimnis der Menschen und der Welt. Aber am nächsten Tag verflog die Müdigkeit und mit ihr das Geheimnis, und ich stürzte mich von neuem in den Trubel. So jagte ich dahin, immer erfolgreich, immer unersättlich, ohne zu wissen, wo ich innehalten sollte, bis zum Tag, bis zum Abend vielmehr, da die Musik abbrach, die Lichter erloschen. Das Fest, auf dem ich glücklich gewesen war… Aber wenn es Ihnen recht ist, will ich unseren Freund, den Gorilla, herbemühen. Schenken Sie ihm zum Dank ein Kopfnicken, und dann, vor allem, trinken Sie mit mir, ich habe Ihre Sympathie nötig.

Diese Versicherung erstaunt Sie, wie ich sehe. Sollten Sie noch nie plötzlich Sympathie, Beistand, Freundschaft nötig gehabt haben? Doch, natürlich. Ich für mein Teil habe gelernt, mich mit der Sympathie zu bescheiden. Sie ist leichter zu finden, und zudem verpflichtet sie zu nichts. Man sagt: «Seien Sie meiner Sympathie versichert», während man bei sich selber denkt: «und jetzt wollen wir zur Tagesordnung übergehen». Es ist ein Gefühl für Ministerpräsidenten, nach jeder Katastrophe billig zu haben. Mit der Freundschaft steht es weniger einfach. Sie zu erringen, ist ein langwieriges und hartes Unterfangen, aber wenn man sie einmal hat, wird man sie nicht mehr los und muss die Folgen tragen. Glauben Sie ja nicht, Ihre Freunde würden, wie sie das eigentlich sollten, jeden Abend anrufen, um sich zu vergewissern, ob Sie sich nicht just an diesem Abend mit Selbstmordgedanken tragen, oder auch bloß, ob Sie nicht ihrer Gesellschaft bedürfen oder ausgehen möchten. Bewahre! Sie können sich darauf verlassen, dass sie, wenn überhaupt, an dem Abend telefonieren, da Sie nicht einsam sind und das Leben schön finden. Zum Selbstmord würden Ihre Freunde Sie kraft dessen, was Sie ihrer Meinung nach sich selber schuldig sind, eher noch ermutigen. Der Himmel behüte uns davor, Verehrtester, von unseren Freunden auf ein Piedestal gestellt zu werden! Ganz zu schweigen davon, wie die Menschen, die uns sozusagen von Amts wegen lieben sollten, ich meine die Eltern und Anverwandten, sich in dieser Beziehung verhalten! Sie allerdings finden das richtige Wort oder, besser gesagt, das treffende Wort; sie bedienen sich des Telefons wie eines Gewehres. Und sie zielen gut. Die Meuchler!

Wie bitte? Welchen Abend? Ach so! Das erzähle ich Ihnen schon noch, haben Sie ein bisschen Geduld mit mir. Mein ganzer Exkurs über Freunde und Verwandtschaft gehörte übrigens irgendwie auch zum Thema. Da hat man mir zum Beispiel von einem Mann erzählt, dessen Freund im Gefängnis saß und der jeden Abend daheim auf dem blanken Fußboden schlief, um keine Bequemlichkeit zu genießen, die dem geliebten Menschen versagt war. Wer, Verehrtester, wer wird unseretwegen auf dem blanken Fußboden schlafen? Ob ich selber dazu fähig bin? Ach, sollte ich es einmal wollen, dann ganz bestimmt. Ja, eines Tages werden wir alle dazu fähig sein, und das wird das Heil bedeuten. Aber leicht ist es nicht, denn die Freundschaft ist zerstreut oder zumindest ohnmächtig. Was sie will, vermag sie nicht. Aber vielleicht will sie es nur nicht stark genug? Vielleicht lieben wir das Leben nicht genug? Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass erst der Tod unsere Gefühle wachrüttelt? Wie innig lieben wir doch die Freunde, die eben von uns gegangen sind, nicht wahr! Wie bewundern wir unsere Lehrmeister, sobald sie nicht mehr sprechen, weil sie den Mund voll Erde haben! Dann bezeigen wir ihnen ganz von selber die dankbare Verehrung, die sie vielleicht ihr Leben lang von uns erwartet hatten. Wissen Sie übrigens, warum wir den Toten gegenüber immer viel gerechter und großmütiger sind? Der Grund ist denkbar einfach: Ihnen gegenüber haben wir keine Verpflichtung! Sie gewähren uns Freiheit, wir können uns alle Zeit lassen und die Ehrenbezeigung zwischen Cocktail und Schäferstündchen unterbringen, wenn wir gerade nichts Besseres zu tun haben. Sollten sie uns doch zu etwas verpflichten, so wäre es zum Gedenken, und wir haben ein kurzes Gedächtnis. Nein, den eben Gestorbenen unter unseren Freunden lieben wir, den schmerzlichen Toten, unsere Ergriffenheit, kurzum uns selbst!

Ich hatte einen Freund, dem ich so oft wie möglich aus dem Weg ging. Er langweilte mich ein bisschen, und zudem war er mir zu moralisch. Aber nur keine Angst: Kaum lag er im Sterben, war ich wieder zur Stelle. Keinen Tag habe ich mir entgehen lassen. Meine Hand drückend und zufrieden mit mir, ist er entschlafen. Eine ehemalige Geliebte, die mir beharrlich – und vergeblich – nachlief, besaß den guten Geschmack, jung zu sterben. Was für einen Platz sie alsogleich in meinem Herzen einnahm! Und wenn es sich zudem noch um einen Selbstmord handelt! Himmel, welch herzerquickende Aufregung! Das Telefon tritt in Aktion, das Herz fließt über, und es fehlt nicht an absichtlich kurzen, aber hintergründigen Äußerungen, an beherrschtem Leid und sogar, ja doch, ein klein wenig Selbstvorwürfen.

So ist der Mensch, Verehrtester, er hat zwei Gesichter: Er kann nicht lieben, ohne sich selbst zu lieben. Beobachten Sie bloß Ihre Hausgenossen, wenn das Glück ihnen einen Todesfall unter den Nachbarn beschert. Männiglich war in seinem ereignislosen Leben eingeschlafen, und nun stirbt zum Beispiel der Concierge. Sogleich erwachen sie alle, entfalten ein eifriges Getue, gieren nach Einzelheiten und zerfließen in Mitgefühl. Ein Toter auf dem Programm, und das Schauspiel kann endlich beginnen! Sie brauchen die Tragödie, was wollen Sie, das ist ihre kleingeschriebene Transzendenz, ihr Aperitif. Es ist übrigens kein Zufall, wenn ich Concierge sage. Ich hatte einmal einen, der wirklich widerwärtig war, die Bosheit in Person, ein Ausbund von hohler Gehässigkeit; selbst ein Franziskaner hätte in diesem Fall die Waffen gestreckt! Ich wechselte schon lange kein Wort mehr mit ihm, aber sein bloßes Dasein stellte meine gewohnte Zufriedenheit in Frage. Nun denn, er starb, und ich ging hin und wohnte seinem Begräbnis bei. Können Sie mir sagen, warum?

Die zwei Tage bis zur Bestattung waren übrigens äußerst lehrreich. Die Frau des Concierge lag krank in dem einzigen Zimmer, und neben ihrem Bett stand auf zwei Holzböcken der Sarg. Die Hausbewohner mussten ihre Post unten abholen. Man öffnete die Tür, sagte guten Tag, hörte sich das Loblied auf den Verstorbenen an, auf den die Concierge mit einer Handbewegung hinwies, und entfernte sich mit seinen Briefen und Zeitungen. Eine unerfreuliche Angelegenheit! Und doch stellten sich sämtliche Mieter einer um den anderen in dem nach Phenol stinkenden Raum ein. Die Leute schickten nicht etwa ihre Dienstboten, o nein, sie kamen selber, um von dem Glücksfall zu profitieren. Die Dienstboten kamen übrigens auch, doch im Versteckten. Als am Tag der Beerdigung der Sarg abgeholt wurde, erwies sich die Wohnungstür als zu schmal. «Mein Liebling», sagte mit entzückter und tiefbekümmerter Überraschung die Concierge in ihrem Bett, «wie groß er doch war!» – «Nur keine Aufregung, Madame», antwortete der Beamte, «wir werden ihn auf die Kante legen und dann hochstellen.» Man hat ihn also hochgestellt und dann flach gelegt, und ich war der Einzige – außer dem ehemaligen Boy eines Nachtlokals, der offenbar jeden Abend in Gesellschaft des Verstorbenen seinen Pernod getrunken hatte–, der bis zum Friedhof mitging und ein paar Blumen auf den erstaunlich prunkvollen Sarg warf. Anschließend stattete ich der Concierge einen Besuch ab, um ihren theatralischen Dank entgegenzunehmen. Warum das alles, ich bitte Sie? Ich weiß es nicht – es sei denn der Aperitif…

Auch einen alten Angestellten der Anwaltskammer habe ich zur letzten Ruhe geleitet, einen ziemlich verachteten Schreiber, dem die Hand zu drücken ich nie versäumt hatte. Wo immer ich arbeitete, gab ich übrigens stets jedermann die Hände, und zwar lieber zwei- als einmal. Diese herzliche Schlichtheit trug mir auf wohlfeile Art die zu meinem Hochgefühl nötige allgemeine Sympathie ein. Der Vorsitzende der Kammer hatte sich nicht zum Leichenbegängnis unseres Schreibers bemüht. Ich hingegen ja, obwohl ich mitten in Reisevorbereitungen stand, was hervorzuheben nicht verfehlt wurde. Aber eben, ich wusste, dass meine Anwesenheit beachtet und günstig vermerkt werden würde. Mithin, das werden Sie einsehen, konnte selbst der Schnee, der an jenem Tage fiel, mich nicht schrecken.

Wie bitte? Gleich, gleich, ich verspreche es Ihnen, eigentlich bin ich ja schon dabei. Aber lassen Sie mich zuerst noch erzählen, dass meine Concierge, die, um ihre Rührung bis zur Neige auszukosten, ihr letztes Geld für Kruzifix, teures Eichenholz und Silbergriffe hergegeben hatte, sich einen Monat später mit einem stimmbegabten Stutzer zusammentat. Er verprügelte sie oft, man hörte entsetzliches Geschrei, und gleich darauf pflegte er das Fenster zu öffnen und sein Lieblingslied zu schmettern: «Gern hab ich die Fraun geküsst!» – «Unglaublich!», sagten die Nachbarn. Was ist da schon Unglaubliches dabei, wenn ich fragen darf? Meinetwegen, der Schein sprach gegen diesen Bariton und gegen die Concierge ebenfalls. Aber nichts beweist, dass sie sich nicht liebten. Genauso wenig ist bewiesen, dass sie ihren Mann nicht geliebt hatte. Als der Stutzer mit ermatteter Stimme und erlahmtem Arm das Weite suchte, fing das treue Weib übrigens wieder an, das Loblied des Verblichenen zu singen! Schließlich und endlich gibt es viele, die den Schein für sich haben und darum weder beständiger noch aufrichtiger sind. So kannte ich einen Mann, der zwanzig Jahre seines Lebens an ein albernes Ding vertan, ihr alles geopfert hatte, seine Freunde, seine Arbeit, ja die Würde seines Lebens, und der eines Abends gestand, dass er sie nie geliebt hatte. Er langweilte sich, das war das ganze Geheimnis, er langweilte sich, wie die meisten Leute sich langweilen. Und so hatte er sich von A bis Z ein an Verwicklungen und Tragödien reiches Leben geschaffen. Es muss etwas geschehen – das ist die Erklärung für die meisten menschlichen Bindungen. Es muss etwas geschehen, und wäre dieses Ereignis die Hörigkeit ohne Liebe, der Krieg oder der Tod. Darum wollen wir die Beerdigungen hochleben lassen!

Ich indessen besaß diese Entschuldigung nicht. Ich langweilte mich nicht, da ich ja herrschte. An dem Abend, von dem ich Ihnen erzählen will, langweilte ich mich sogar weniger denn je. Nein, ich begehrte wahrhaftig nicht, dass etwas geschehen möge. Und doch… Wie soll ich es Ihnen beschreiben? Es war ein schöner Herbstabend, noch warm in der Stadt, schon feucht an der Seine. Die Nacht brach herein. Im Westen war der Himmel noch hell, doch dunkelte es rasch; die Straßenlaternen verbreiteten ein schwaches Licht. Ich spazierte auf dem linken Seine-Ufer flussaufwärts dem Pont des Arts entgegen. Zwischen den geschlossenen Kästen der Bouquinisten sah man das Wasser heraufschimmern. Es waren nur wenig Menschen unterwegs: Paris saß bereits bei Tisch. Ich wühlte mit jedem Schritt in den gelben, staubigen Blättern, die noch an den Sommer gemahnten. Nach und nach füllte der Himmel sich mit Sternen, die man flüchtig gewahrte, sooft man aus dem Lichtkreis einer Laterne trat. Ich genoss die endlich eingekehrte Stille, die Milde des Abends, die Leere von Paris. Ich war zufrieden. Ich hatte einen guten Tag hinter mir: ein Blinder, die erhoffte Strafermäßigung, der warme Händedruck meines Klienten, ein paar milde Gaben und am Nachmittag ein vor ein paar Freunden improvisierter glänzender Vortrag über die Hartherzigkeit unserer führenden Gesellschaftsschicht und die Scheinheiligkeit unserer Eliten.