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Joyse`, eine junge Frau, lebt mit ihren Eltern und deren Freunden in einem Gebirge. In das sie sich zu Beginn eines Weltkrieges zurückgezogen hatten. Der Krieg ist vorbei, doch nicht der Kampf ums Überleben. Sie schauen auf das Schreckensszenario des letzten Tages. Alles, was sie besaßen, ist den Flammen zum Opfer gefallen. Wie soll es nur weitergehen? Der Winter steht vor der Tür. Joyse ist eine Kämpferin. Werden sie es schaffen, ein neues zu Hause zu finden? Chil, ihr Pferd und Fearless, eine Wölfin, die sie als Junges fand und aufzog, überlebten das Inferno und stehen an ihrer Seite. Doch das Leben hält noch andere Überraschungen für sie bereit. Krankheiten, die längst ausgestorben waren. Totgeglaubte kehren zurück und dazu stolpert auch noch die Liebe in Joyse` Leben. Lassen Sie sich einfangen von Joyse` Charme und fiebern sie mit ihr jeder neuen Herausforderung entgegen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Christiane Beyer
Joyse
-3022-
Überleben für die Zukunft
Ich bedanke mich bei Ihnen, dass sie sich für mein Buch entschieden haben und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Ihre Autorin
Impressum
Selfpublishing August 2021
Cover Shashika2 (fiverr.com)
Christiane Beyer
Obere Dorfstraße 27
02763 Zittau / OT Hartau
Tel. 017670869103
Alle Rechte vorbehalten
1 Neuanfang
2 Alptraum
3 Überraschung
4 Abschied
5 Aufbruch
6 Neue Heimat
7 Zusammenwachsen
8 Pferde
9 Verlobung
10 Geburtstag Caro
11 Vorweihnachtszeit
12 Würgeengel
13 Weihnachten
14 Jahreswechsel
15 Ein Diamant
16 Überraschung
17 Väterchen Frost
18 Anita und Sara
19 Eiskeller
20 Abschied
21 Die Wette
22 Hochzeit
23 Schneebedeckte Berge
24 Gefahr
25 Angst und Schrecken
26 Ankunft der Amada
27 Der Kampf
28 Die List
29 Schwere Entscheidung
30 Trennung
Epilog
Danksagung
Wir hatten alles verloren, aber wir lebten.
Wir konnten unsere Blicke nicht von dem Feuer abwenden. Die Hitze der Glut hüllte uns ein. Funken tanzten durch die Luft. Wie durch ein Wunder, hatte unser Stall auf der Koppel kein Feuer gefangen. Noch nicht. Die Tiere waren alle draußen und unruhig. Ich sollte zu ihnen gehen und sie beruhigen. Wir mussten die Pferde holen, die immer noch auf der Waldwiese standen. Doch das alles erschien mir nebensächlich. Mein Zuhause gab es nicht mehr. Tränen rannen über meine Wangen. Ich konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Dad zog Erik und mich näher an sich heran. Und ich sah, wie Narvik Caro im Arm hielt, auch sie weinte leise.
Alle anderen starrten auf die langsam erlöschenden Flammen.
John fing an zu weinen und Victor wiegte ihn sanft in seinen Armen. Wie selbstverständlich knöpfte Anuri ihre Bluse auf.
An Victor gewandt, sagte sie: „Gib ihn mir.“
Sie legte ihn an ihre Brust und sofort beruhigte er sich. „Danke“, flüsterte Victor ihr zu.
Meine Gedanken wanderten zu dem ersten Tag zurück, als wir hier ankamen. Damals war ich sieben Jahre alt gewesen. Im Geist durchlebte ich all diese Jahre noch einmal.
„Zwölf Jahre an einem Abend ausgelöscht!“
Wo war der Gedanke hergekommen? Der stimmte so nicht. Sicher, unser Zuhause
gab es nicht mehr.
Aber die Erinnerungen an all die vielen Jahre, das Schöne und auch das Traurige, konnte kein Feuer der Welt auslöschen. Wir konnten uns ein neues Zuhause schaffen. Es half uns nicht, dem Unveränderlichen nachzuweinen. Wir hatten es einmal geschafft und würden es auch jetzt wieder schaffen. Je eher, desto besser.
Ich straffte meine Schultern und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Die Nacht war der Morgendämmerung gewichen.
„Ich hole unsere Pferde und die Sachen, die wir auf der Waldwiese zurückgelassen haben“, sagte ich leise in die Runde.
Damit stand ich auf. Dad zog Erik zu sich heran.
„Warte“, sagte Brian, „ich komme mit und helfe dir.“
Schweigend gingen wir zu den Pferden.
Chil wieherte freudig zur Begrüßung. Ich tätschelte ihm seinen Hals, dann saß ich auf und nahm Daria am Halfter.
Brian saß auf Levana auf und führte Black Angel.
An der Waldwiese angekommen, beluden wir die Pferde mit all den Sachen, die wir eingekauft hatten. Waren die jetzt noch wichtig? Egal, wir arbeiteten schweigend. Als alles fertig war, saßen wir auf und ritten zurück.
„Was soll jetzt werden?“, fragte ich Brian mit brüchiger Stimme.
Brian schüttelte den Kopf:
„Ich weiß es nicht, Joyse. Ich habe immer noch die Bilder vom Kampf im Kopf und sehe unsere Häuser brennend in sich zusammenfallen.“
Ich nickte und wir ritten, jeder seinen eigenen
Gedanken nachhängend, weiter.
„Das Beste wäre, wir würden alle zu Rico ins Dorf gehen. Dort könnten wir zumindest über den Winter kommen“, sagte er jetzt leise. „Aber mit den Verletzten ist das wiederum keine gute Idee. Bis dahin wären es zu Fuß zwei Tagesmärsche. Dazu noch unsere ganzen Sachen, die Tiere und was soll aus unseren Feldfrüchten werden? Die brauchen wir dringend, da unsere ganzen Obstbäume dem Feuer zum Opfer gefallen sind.“
Ratlos schüttelte er den Kopf. „Joyse, ich weiß zum ersten Mal in meinem Leben nicht, wie es weitergehen soll.“
Ich hörte Stimmen.
Dad und Narvik hatten in der Zeit, als wir weg waren, eine Grube für die Toten ausgehoben und warfen sie jetzt hinein. Narvik übernahm das Zuschaufeln allein. Zum Glück befanden sich unsere Gartengeräte alle in dem Stall. Dad unterhielt sich mit Kat über die Verletzungen, während wir hinzutraten.
„Anne sollte so wenig wie möglich bewegt werden. Der Pfeil ist in ihrem Brustbein stecken geblieben. Gott sei Dank. Dadurch sind keine inneren Organe verletzt worden, es ist aber sehr schmerzhaft. Zum einen entsteht ein druckschmerzhafter Bluterguss im Bereich des Brustbeins, zum anderen bestehen atemabhängige Schmerzen, da sich das Brustbein bei jedem Atemzug bewegt und somit gereizt wird. Victor darf sein Bein nicht bewegen, seine Wunde ist tief und sie zieht sich über den ganzen Oberschenkel.
Ich musste sie nähen. Er wird lange brauchen,
bis er sein Bein wieder richtig belasten kann. Auch Kilians Schulter habe ich gestern genäht, er ist noch am glimpflichsten davongekommen. Trotzdem darf er seine linke Schulter nicht belasten. Ich habe seinen Arm mit einem Tuch von Anuri ruhiggestellt. Gut, dass Caro die Penicillinkulturen gerettet hat. So kann ich Entzündungen vorbeugen.“
Mittlerweile waren auch Mom, Oma und Narvik zu uns gekommen.
Die drei Verletzten lagen jetzt zugedeckt auf Decken im Gras und schliefen. Caro hatte ihnen auf Anweisung von Kat Cannabiskekse gegeben, die sie mit noch anderen Arzneien retten konnte. Anuri kümmerte sich um die Babys und Erik.
„Was soll jetzt werden?“, sprach Mom das aus, was wir alle dachten. Dabei blickte sie in die Runde.
Brian teilte seine Gedanken, die ich schon kannte, jetzt auch den anderen mit.
Dad nickte.
„Fürs Erste ist das eine gute Idee. Bis wir uns einig sind, ob wir hier noch einmal neu anfangen wollen. In dem Dorf werden wir jederzeit willkommen sein. Aber wir können nicht alle gleichzeitig aufbrechen. Erstens haben wir nur fünf Pferde, die alle reiten können und zwei Esel. Außerdem müssen die Verletzten hierbleiben, bis sie den weiten Weg zurücklegen können. Deshalb werden wir uns aufteilen.“ Dad schaute in die Runde und wir nickten zustimmend.
„Mein Vorschlag ist“, er hielt inne und sah Brian
und Narvik an. „Ihr zwei kennt den Weg und reitet mit Anuri, den Babys, Caro, Oma und Erik als erstes zu Rico. Nehmt die Esel mit und ladet
eure persönlichen Sachen auf sie. Wenn ihr für ihre Unterkunft gesorgt habt, kommt ihr mit den Pferden zurück. Brian, vielleicht kannst du auch einen Stall versorgen? Wir müssen unsere Tiere hier wegbringen.“
Dieser nickte nachdenklich.
„Brian“, sprach ich ihn jetzt an, „suche Trist. Er sagte mir, er hätte ein großes Anwesen, das er mit seiner Mutter allein bewohnt und nicht braucht. Über die Hälfe steht leer und ist ungenutzt.“
„Trist?“, fragte jetzt Dad nach. „Wer ist das?“
„Es ist eine lange Geschichte. Wir haben ihn mitgebracht und er ist mit Rico, den wir unterwegs getroffen haben, mit in das Dorf geritten, aus dem auch er stammt,“ sagte ich jetzt zu Dad.
Brian fügte noch hinzu: „Er ist in Ordnung, du wirst ihn mögen.“
„Dann ist ja alles geklärt. Ihr solltet, sobald es geht, aufbrechen. Wenn wir wieder alle zusammen sind, ist Zeit genug, um unsere Erlebnisse auszutauschen“, schloss Dad.
Wir halfen die Tiere zu beladen, während Anuri die Babys stillte. Doch als ich Erik sagte, dass er mit den anderen reiten sollte, schüttelte er mit dem Kopf.
„Ich gehe nicht ohne dich“, sagte er mit energischem Tonfall. „Ich bleibe bei dir, du hast es mir versprochen!“
„Aber Erik, es ist doch nur für eine kurze Zeit.
Ich komme nach. Du kannst so lange bei Trist
wohnen.“
Doch er beharrte darauf, bei mir bleiben zu wollen und er sagte: „Ohne dich gehe ich keinen
Schritt.“
Mom und Dad sahen mich fragend an. Ich schüttelte nur leicht den Kopf, was bedeuten sollte, jetzt keine Fragen.
Kat war es, die Partei für Erik ergriff.
„Lasst ihn hier.“
Erik strahlte sie an: „Danke.“
Brian lächelte. Kat hatte Erik in ihr Herz geschlossen.
Nach dem Frühstück brachen sie auf. Brian trug John in einem Tuch auf seinem Bauch und ritt Black Angel. Anuri ritt mit Luck auf Lotte. Oma ritt auf Daria. Narvik auf Levana und Caro auf Scarlett.
Sobald sie außer Sichtweite waren, fragte Mom: „Und, wo bleiben wir jetzt? Wir müssen damit rechnen, dass das Wetter nicht ewig so schön bleibt. Wir brauchen ein Dach über dem Kopf.“
„Der Stall“, entfuhr es mir.
Sie sahen mich ungläubig an.
„Die Tiere können draußen bleiben. Nachts können Fearless, ein Wolf den ich als Jungtier gefunden habe, und Bruno, unser Jagdhund, auf sie aufpassen. Ich miste den Stall aus und lege ihn mit einer dicken Schicht frischem Heu aus. Darauf können wir dann Decken legen, das ist mehr als wir manchmal
unterwegs zum Schlafen hatten.“
„Na, dann los. Erik, kannst du uns helfen?“, fragte jetzt Dad.
Während wir den Stall ausmisteten, trugen Mom und Kat unsere Bündel mit den Sachen und den
Lebensmitteln, die wir vor dem Feuer retten konnten, zum Stall. Als erstes erwachte Victor und fragte sofort nach John. Als Kat ihm
erklärte, dass er mit den anderen unterwegs zu Ricos Dorf war, wurde er wütend.
„Ihr könnt doch nicht einfach meinen Jungen ohne meine Erlaubnis wegbringen. Was, wenn ihm was passiert?“
Er wollte aufstehen, doch Kat drückte ihn an die Schulter fassend nach unten.
„Bleib ruhig sitzen und halte dein Bein still. Sonst reißt die Naht wieder auf und du bleibst nicht zehn Tage hier, sondern zwanzig.“
Hörbar schnappte Victor nach Luft.
„Du hast mir gar nichts zu befehlen!“
Er stieß Kats Hand weg und versuchte aufzustehen. Doch mit einem Schmerzenslaut, ließ er sich wieder auf seine Decke sinken. Durch den Krach wurde jetzt auch Kilian wach. Der sah verdutzt zu Victor. Noch
nie war Victor laut geworden.
Anne, die immer noch neben Victor lag, entfuhr ein Röcheln. Mit schmerzverzerrtem Gesicht brachte sie ein Wort hervor: „John?“
Sofort kniete Kat sich neben sie. Sie streichelte ihr über den Kopf und sagte zu ihr:
„Anne, John geht es gut. Anuri stillt ihn. Sie hat genug Milch für zwei Babys. Sie ist mit Oma, Caro, Brian und Narvik unterwegs zu Ricos Dorf. Unsere Häuser sind abgebrannt und wir können hier nicht bleiben. Wenn sie für uns alle eine Unterkunft gefunden haben, kommen Narvik und Brian mit den Pferden zurück.“
Anne deutete ein Nicken an und schloss wieder die Augen. Mit der Hand fuhr sie in Richtung Brust. Doch Victor fing sie ein und drückte sie an sein Gesicht.
„Anne, Liebes, es wird alles gut“, versprach er
und sah dabei Kat fragend an. Diese nickte ihm zu.
Ein Anflug eines Lächelns huschte über Annes Gesicht.
„Victor, du lebst.“
Das Sprechen bereitete ihr sichtlich Mühe.
„Scht, Liebes, es wird alles gut.“
Sanft drückte er ihr einen Kuss aufs Haar. Dann sah er Kat an und sagte: „Entschuldigung, Kat. Mir sind die Nerven durchgegangen. Danke für deine Hilfe.“
Kat nickte: „Es ist schon gut, Victor, aber Anne kann John nicht mehr stillen. Sie bekommt Cannabisplätzchen gegen die Schmerzen. Außerdem bekommt ihr alle Penicillinverbände und ich weiß nicht, ob das Auswirkungen auf die Muttermilch hat. Deshalb haben wir John Anuri mitgegeben. Wenn alles gut verheilt, kannst du ihm in zehn Tagen folgen. Wie lange Anne braucht, weiß ich nicht.“
Bertoffen senkte er den Blick. Man sah, wie er um Fassung rang. Jetzt war es Kilian, der fragte:
„Und nun, wo sollen wir bleiben?“
„Vorerst hier, bis eure Verletzungen einen Transport in Ricos Dorf zulassen. Dafür richten Joyse, Stephan und Erik den Stall her. Sus und ich schaffen die Sachen dorthin und wenn er fertig ist, bringen wir euch rüber. Ich gehe jetzt den anderen helfen“, sagte sie und lief Richtung Stall davon.
Mom hatte eine Feuerstelle aus Steinen gebaut und Holz aufgestapelt. Als das Feuer brannte, stellte sie einen geretteten Kessel darauf. Erik ging mit dem Eimer, den wir sonst zum Pferde tränken nahmen, zum Bach, um Wasser zu
holen.
Zwei Hühner mussten ihr Leben lassen und schwammen jetzt im Kessel. Wir besaßen sogar Salz und Pfeffer zum Würzen der Suppe. Diese befanden sich unter den Sachen, die wir aus der Stadt mitgebracht hatten. Ich gab Erik ein Zeichen, dass er mir folgen sollte. Mit einer Grabegabel und einem Korb ging ich zu unserem Obstgarten, oder dem, was davon übrig war. Das Gemüse wie Tomaten und Gurken waren nicht mehr zu verwenden, außer vielleicht die Samen. Ich ging zu den Möhren, deren grüne Blätter die Hitze nicht überlebt hatten, obwohl sie etwas abseits lagen. Diese hingen Braun und welk herab, aber sie sahen nicht verkohlt aus. Vorsichtig stach ich mit der Gabel ins Erdreich und grub die ersten Karotten aus. Die sahen auf den ersten Blick gut aus. Ich befreite sie von der Erde und gab sie Erik.
„Gehe zum Bach und wasche sie, dann bringst du sie meiner Mom.“
Dasselbe machte ich mit den Kartoffeln, auch diese erwiesen sich als unversehrt. Ich freute mich, dass nicht alles den Flammen zum Opfer gefallen war. Wir besaßen auch noch das große Feld, mit der Ernte würden wir über den Winter kommen, ohne auf andere angewiesen zu sein. Nur würde der Transport mühselig und langwierig werden. Victors Erntewagen, den er für Oma gebaut hatte, Stand noch im Stall.
Das würde es uns erleichtern.
Dad meinte auch, wenn die Glut der verbrannten Häuser ausgekühlt wäre, würden wir bestimmt noch das eine oder andere Brauchbare finden. Töpfe, Pfannen, Besteck,
halt alles, was aus Edelstahl ist. Unser Badekessel stand zwischen den verkohlten Resten des Waschhauses wie ein Mahnmal. Auch dieser schien noch intakt zu sein.
Ich ging mit den Kartoffeln zu Mom. Sie strahlte mich an.
„Joyse, das hast du gut gemacht. Ich dachte nicht, dass wir noch etwas von unserem Garten ernten. Jetzt ist nur die Frage, wie wir die Suppe essen sollen?“
„Ganz einfach, wir haben Blechteller und Tassen, sowie Besteck. Das, was wir immer auf unsere Reisen mitnehmen. Wir waren zu viert, also essen wir einfach nacheinander.“
„Doch noch vor dem Essen, bringen wir erst Anne und Victor vom Holunderstrauch zum Stall. Kilian kann allein laufen“, sagte Mom.
Bei Victor angekommen, formten Dad und ich einen Sitz, in dem wir uns die Hände über Kreuz reichten. Victor setzte sich darauf und hielt sich an unseren Schultern fest. Zum Glück war es nicht weit bis zum Stall, denn Victor wog nicht gerade wenig.
„Joyse, ich wusste gar nicht, dass du mich auf Händen tragen willst“, konnte er schon wieder sticheln.
„Ja, doch gerne, aber vorher setze ich dich bei Wasser und Brot auf Diät“, gab ich trocken zurück.
„Bloß nicht, wo es doch so lecker riecht. Was kocht denn Sus?“
„Neugierde mit Zucker bestreut“, grinste ich ihn an.
Wir waren da und setzten ihn auf der Wiese an der Stallwand ab, so, dass er sich mit dem
Rücken daran lehnen konnte. Jetzt gingen wir zu viert, um Anne zu holen. Dazu fassten wir einfach jeder an eine Ecke der Decke, auf der sie lag. Als wir sie vorsichtig anhoben, stöhnte sie. Langsam, jede unnötige Bewegung vermeidend, trugen wir sie direkt in den Stall. Hier roch es jetzt herrlich nach frischem Heu.
Kat gab ihr etwas von der Hühnersuppe, die sie mühselig schluckte, sowie einen Cannabiskeks. Caro sollte neue Plätzchen backen von dem getrockneten Cannabis, welchen sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Diese sollte Brian dann mitbringen, wenn er zurückkam.
Mittlerweile schien die Abendsonne durch die Bäume und schickte ihre wärmenden Strahlen zu uns. Die Hitze des Tages ließ allmählich nach.
„Komm, Erik, wir gehen zum Bach. Zeit zum Waschen und anschließend gehst du schlafen.“
Am Bach zog ich meine Hose und das Hemd aus, ich würde sie gleich auswaschen. Zum Glück konnten wir den Großteil unserer Kleidung retten, sodass wir Wechselsachen besaßen. Beim Eintauchen in das kalte Wasser dachte ich sofort an die ersten Tage zurück, wo wir uns als Kinder auch in dem Bach waschen mussten.
„Hu, das ist kalt“, kam es von Erik. „Da gehe ich nicht rein.“
Ich lachte und sagte. „Dann musst du draußen
schlafen. Ich lege mich nicht neben ein Stinktier.“
Wir hatten den Bach etwas angestaut, sodass eine Bachsenke entstanden war. In die konnte man sich hineinsetzen und das Wasser ging
einem dann bis an die Brust. Es kostete ein
klein wenig Überwindung,
in das kalte Wasser zu gehen, doch wenn man sich daran gewöhnte, war es einfach nur herrlich.
Dank Oma und Mom besaßen wir sogar zwei Handtücher. Diese trugen sie um den Kopf gewickelt, als sie das brennende Haus verließen.
Als ich herauskam, setzte sich Erik hinein. Ihm ging das Wasser bis zum Kinn.
Ich gab ihm seine Zahnbürste. Meine teilte ich jetzt mit Mom, Kilian seine mit Dad. Wenn wir nicht unterwegs gewesen wären, hätten wir nicht mal mehr eine Zahnbürste gehabt.
Ich schüttelte den Kopf. Nur nicht wieder zurückdenken. Auch Erik spülte seine Kleidung. Die nassen Sachen hing ich zum Trocknen über den Koppelzaun. Erik fand es cool im Heu zu schlafen.
Ich legte mich zu ihm, um noch ein wenig zu quatschen. Das ich dabei einschlafen könnte, kam mir nicht in den Sinn. Die Erinnerungen waren noch zu frisch und immer, wenn ich tagsüber innehielt, kamen die Bilder. Doch der Schlafmangel der letzten Nacht forderte seinen Tribut. Noch während ich mich mit Erik unterhielt, fielen mir die Augen zu.
Ein Mann saß auf mir und hielt mich mit seinem Gewicht auf den Boden gedrückt. Eine Hand hielt meine Handgelenke über dem Kopf fest und mit der anderen Hand grabschte er nach meinem Busen. In dem Moment, als sich sein Gesicht dem meinen näherte, schrie ich auf.
„Joyse!“
Jemand rüttelte an mir.
„Joyse, wach auf.“
Schlagartig setzte ich mich auf und sah Dad neben mir. Mein Herz raste und ich war schweißnass. Er zog mich in seine Arme und flüsterte in mein Ohr.
„Es ist alles gut, du hast geträumt.“
Sanft wiegte er mich hin und her, wie ein kleines Kind. Ich ließ es zu und beruhigte mich allmählich.
„Leg dich wieder hin, es ist noch früher Morgen.“
„Nein“, flüsterte ich leise zurück, um die anderen nicht zu wecken. Zum Glück waren sie noch nicht aufgeschreckt. Vorsichtig befreite ich mich aus seiner Umarmung und kroch auf allen Vieren aus dem Heu. Dad folgte mir. Draußen steuerte ich auf die Bank an Opas Grab zu und setzte mich. Die Sonne schickte die ersten Strahlen durch die Bäume und gleisendes Licht ließ die Bäume und Sträucher viel grüner aussehen. Selbst die Überreste unserer Häuser sahen im hellen Schein der aufgehenden Sonne friedlich aus. Die Vögel zwitscherten um die Wette. Nichts erinnerte mehr an die Schlacht, die vor dem Feuer hier getobt hatte. Mich
fröstelte bei dem Gedanken.
„Willst du es mir erzählen?“, fragte Dad.
Ich atmete tief ein und aus und dann erzählte ich ihm von dem Kampf, dem Mann und Fearless. Von dem Traum und wie real es sich angefühlt hatte. Mir war als durchlebte ich die Szenen erneut. Während der Kampf tobte, stand Dad mit dem Rücken zu mir, deshalb könnte er nicht sehen, was geschah.
„Joyse, es wird lange dauern, bis du den gestrigen Tag verarbeitet hast. Er wird dich immer wieder in deinen Träumen heimsuchen. Aber langsam wird es verblassen und neue Ereignisse werden die Geschehnisse verdrängen. Als ich damals deine Mutter kennenlernte, kam ich gerade von einem Kampfeinsatz zurück. Es ist nicht so gelaufen, wie es geplant war. Es gab Tote. Zivilisten, Frauen und Kinder wurden als Schutzschilde benutzt. Uns ist es nicht bewusst gewesen. Als dann die ersten Schüsse fielen und wir es bemerkten, waren die ersten schon tot. Der Einsatz wurde ein voller Erfolg und wir haben vielen anderen dadurch das Leben gerettet. Aber ich sehe heute noch eine junge Frau mit ihrem Säugling im Arm, die durch mich gestorben ist.“
Dad hielt inne. Er strich sich nervös durch sein Haar.
„Das sollte mein letzter Einsatz sein. Im Kampf Mann gegen Mann zu kämpfen und zu töten ist etwas anderes, als unschuldige Frauen und Kinder. Aber mittlerweile habe ich gelernt damit zu leben. Es gibt Dinge im Leben, die man nicht mehr ändern kann.“
Schweigen breitete sich zwischen uns aus. Es
war das erste Mal, dass Dad mir von seiner Zeit in der Armee berichtete.
„Was ist vorgestern passiert? Wo sind die Männer hergekommen?“, fragte ich jetzt.
Dad erzählte: „Wir saßen alle zusammen am
Mittagstisch, als es an das Tor donnerte und jemand rief, dass wir aufmachen sollten. Wie durch ein Wunder, verschloss ich an diesen Tag das Tor, obwohl ich nach dem Essen gleich in den Stall wollte. Wir waren in letzter Zeit nachlässig und ließen das Tor tagsüber offen.“
Ich nickte.
„Ja, seit Opas Tod geschah es immer öfter, dass das Tor offen stand“, sagte ich. „Er hätte es nicht geduldet.“
Nun nickte Dad.
„Es war reiner Zufall und unser Glück. Ich will mir gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn die Kerle einfach so durch das offene Tor spaziert wären. Auf meine Frage, was sie wollten, lachten sie nur dreckig. Es waren acht Männer.
Das würden wir schon sehen, außerdem hätten sie Hunger und wenn wir nicht freiwillig aufmachten, würden sie sich mit Gewalt Einlass verschaffen. Und dann würden sie keinen von uns verschonen, drohten sie. Als Beweis, wie ernst es ihnen war, sollten wir zu dem Haus außerhalb des Zaunes sehen. Dort stiegen die ersten Rauchschwaden aus dem Fenster auf. Ich sagte, sie sollen sich zum Teufel scheren. Daraufhin lachten sie wieder und vier weitere Männer kamen mit einem gefällten Baum. Ich wusste sofort, dass sie diesen als Rammbock benutzen wollten. In der Zwischenzeit hatte Narvik unsere Schwerter und Anne ihren
Bogen geholt. Anuri, Sus, Caro und Oma sollten mit den Babys zum hinteren Ende des Zaunes laufen. Ein Loch in den Zaun hacken und sich im Wald verstecken. Doch Caro wollte nichts davon wissen.
„Ich kämpfe an eurer Seite“, sagte sie.
Dass die anderen drei sich nicht im Wald versteckten, sondern versuchten den Brand zu löschen, bekam ich erst nach dem Kampf mit. Aber sie hatten keine Chance, wie du ja mitbekommen hast. Den Rest hast du selbst miterlebt. Wo die Kerle hergekommen sind, weiß ich nicht, aber ihr seid gerade noch rechtzeitig gekommen“, schloss Dad seine Erzählung.
Bei den letzten Worten war Mom zu uns gekommen. Sie setzte sich neben mich, sodass ich in der Mitte saß. Wir hielten uns jetzt alle drei an den Händen.
„Wir schaffen das gemeinsam, wir stehen das zusammen durch. Aber wie ist es bei euch in der Stadt gelaufen? Wir waren schon in Sorge.
Ihr wart länger weg, als geplant?“, fragte Mom.
Jetzt begann ich zu erzählen. Ich berichtete von unserem Hinweg und davon, wie ich bei Riccardos Mutter erfuhr, dass dieser verlobt sei und erzählte von dem Grubenunglück. Außerdem, dass wir zu Hilfe eilten und von den Rettungsarbeiten. Davon, wie Erik seine Mutter verlor und ich ihr am Totenbett versprach, mich um ihn zu kümmern. Von Trist, der als Vorarbeiter in der Grube arbeitete. Das er früher selbst einmal verschleppt wurde und Rico in seinem Dorf lebte. Warum Ricardo Trist eher aus
seinem Dienst entließ und dass mir Chris
überraschend über den Weg lief.
„Oh Gott!“, entfuhr es mir. „Ich habe ganz vergessen, Anuri davon zu berichten. Ich habe auch ein Geschenk für sie.“
„Das kommt noch zu recht, Kleines, wenn wir wieder alle beisammen sind“, sagte Dad.
Weiter schilderte ich den Deal, den ich mit Chris schloss und wieviel Geld wir für die Pferde und die Felle bekommen hatten. Stolz erklärte ich, dass wir
alles kaufen konnten und darüber hinaus noch Geld übrig war.
Leise erzählte ich ihnen jetzt, dass ich mich auf dem Heimweg in Trist verliebte und bei einem Steinschlag fast ums Leben gekommen wäre. Wie uns Rico an der Wegkreuzung, wo wir Anuri und den Jungs begegnet waren, entgegenkam. Das Trist gleich mit Rico weiterritt, um seine Mutter zu sehen. Es waren zweieinhalb Jahre vergangen, seit man ihn fortgebrachte. Ich endete meine Erzählung mit Fearless‘ seltsamen Verhalten an der Waldwiese und wie wir uns deshalb vorsichtig unserem Zuhause näherten.
„Mein Gott, Joyse, seit deinem achtzehnten Geburtstag hast du mehr erlebt als manche in ihrem ganzen Leben.“
Mom zog mich in ihre Arme.
„Ich glaube, wir müssen dich einsperren, wenn wir dich noch eine Weile behalten wollen“, scherzte sie. „Kommt, ich mache uns Frühstück. Ich habe noch Milch, Käse und Maisbrot. Aber dann wird es langsam knapp. Zumindest das Brot. Der Rest ist kein Problem. Dafür haben wir Emma, unsere Kuh. Wenn ich einen Topf mit Deckel hätte, könnte ich auch versuchen, Maisbrot im Feuer zu backen.“
„Okay, das übernehme ich heute mit Erik. Ich glaube, dass wird ihm gefallen, mit einem Stock in der Asche nach Schätzen zu suchen“, lachte Dad.
„Und wie, glaubst du, soll ich euch zwei dann wieder sauber bekommen, wenn ihr mit Asche und Ruß beschmiert seid?“, fragte Mom nach.
„Da kann ich helfen, in meiner Satteltasche befindet sich noch ein Stück Seife.“
„Na also, geht doch.“
Mom schüttelte den Kopf.
„Dein Dad ist manchmal wie ein kleiner Junge“, bei den Worten blickte sie ihn zärtlich an.
„Bevor du in der Asche wühlst, kannst du einen Tisch bauen. Das würde meine Arbeit erleichtern. Außerdem noch eine Grube ausheben und eine Abdeckung dafür machen. Darin halten wir dann unsere Lebensmittel kalt. Und wenn du dann noch Zeit hast, darfst du in der Asche buddeln.“
Dad zog einen Schmollmund: „Spielverderber!“
„Dann gehe ich mal im Wald nachsehen, ob ich etwas für unsere Kühlgrube erjagen kann“, fügte ich hinzu.
„Aber sei vorsichtig“, mahnte mich Dad.
„Keine Angst, ich nehme Fearless mit. Die wittert die Gefahr schon, wenn sie noch weit weg ist.“
Mom und Dad nickten.
Zum Frühstück saßen wir alle draußen neben dem Stall auf der Wiese. Zu zweit tranken wir Milch aus einem Becher. Die Brotscheiben beschmierten Mom und Kat mit Butter und jeder bekam ein Stück Käse dazu.
Nachdem ich mit Erik die Tiere versorgt hatte, ritt ich mit Kat auf Chil zur Waldwiese. Sie wollte
Kräuter sammeln. Erik blieb bei Dad. In der Asche nach Schätzen zu suchen war viel verlockender, als mit mir im Wald umherzustreifen.
Viktor und Kilian waren frustriert, da sie sich so wenig wie möglich bewegen sollten. Anne schlief auf der Wiese neben Viktor. Wie gestern bekam sie nach dem Essen ihren Cannabiskeks.
Auf der Waldwiese trennten wir uns. Bruno, der uns genau wie Fearless begleitete, blieb bei Kat.
„Das Gras steht hoch und müsste eigentlich gehauen werden“, dachte ich, während ich davonritt.
Etwas weiter floss ein Bach, den die Tiere bei der Hitze als Tränke nutzten. Die Zeit drängte, ich musste mich beeilen, die Sonne stieg immer höher. In der Mittagshitze würde ich kein Glück haben, denn da verkrochen sich die Tiere und kamen erst abends wieder heraus. Als ich den Bach erreichte, stieg ich ab und ließ Chil zurück. Den Rest des Weges würde ich zu Fuß zurücklegen. Ich versicherte mich, aus welcher Richtung der Wind kam, nicht dass man ihn spürte, ging ich zu dem Wildwechsel am Bach.
Jetzt hieß es Geduld haben. Eine Vertiefung im Boden, von der man einen guten Blick über das Gelände hatte, bot uns Schutz. Fearless kuschelte sich an mich. Ein paar Äste bildeten einen kleinen Wall um den Sitz und gaben mir noch etwas mehr Deckung. Mit meinem braungebrannten Gesicht, dem braunen Hemd und den rotbraunen Haaren war ich quasi unsichtbar. Mit einem Buchenblatt ahmte ich
den Fiepton einer Ricke nach. Das sollte einen
liebeskranken Bock anlocken. Es war die
Brunftzeit der Rehe. Das Blattern, eine Form der Lockjagd, ist eine erfolgreiche Jagdmethode, die mir Anne beigebracht hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit knurrte Fearless leise. Aber wir saßen gut versteckt. Das Knacken der trockenen Äste verriet mir, aus welcher Richtung es kam. Ich spannte meinen Bogen und wartete. Meine Geduld wurde belohnt. Ein stattliches Exemplar von einem Rehbock trat an den Bach. In dem Moment, als er den Kopf neigte, um zu trinken, ließ ich meinen Pfeil fliegen. Mit dem Pfeil in der Brust fiel der Bock zu Boden. Was danach kam, war Routine. Ich brach den Bock auf, gab Fearless ihren Anteil, holte Chil und legte den Bock auf das Pferd, bevor ich mich selbst in den Sattel schwang. Auf der Waldwiese angekommen, stieß ich den Schrei eines Adlers aus. Kat würde jetzt wissen, dass ich zurück war. In der Zwischenzeit buddelte Fearless nach Mäusen. Es dauerte auch nicht lange, da kam Bruno angelaufen, gefolgt von Kat. Der Weidenkorb prall gefüllt mit allerlei Pflanzen und dünnen Stöckchen, so lang wie ein Zahnstocher, aber dreimal so dick.
„Was willst du denn damit?“, fragte ich und zeigte auf die Stöckchen.
Kat lächelte: „Das werden unsere neuen Zahnbürsten. Steffen, der Apotheker, hat mir gezeigt, wie man es macht. Ich erkläre es dir, wenn wir zurück bei den anderen sind. Von ihm habe ich auch noch mehr über Heilkräuter erfahren. Sieh mal.“
Sie zeigte in ihren Korb.
„Das ist Helmkraut. Es wirkt beruhigend und
krampflösend, außerdem soll es das
Nervenkostüm
stärken. Die beruhigende Wirkung setzt schon nach etwa zwei bis drei Tassen Tee ein. Auch getrocknet und dem Tabak für Pfeifen beigemischt, hat es noch seine beruhigende Wirkung. Steffen raucht gern abends so ein Gemisch in seiner Pfeife. Das hier“, sie zeigte mir eine andere Pflanze, „ist Mädesüß. Sie soll bei grippalen Infekten und Kopfschmerzen eingesetzt werden, außerdem dient es zur Schmerzlinderung. Ich gebe sie Anne, damit sie keine Cannabiskekse mehr braucht. Falls das Brustbein gebrochen ist, kann es bis zu sechs Monate dauern, bis sie vollständig geheilt und schmerzlos ist.“ Während sie mir noch andere Kräuter erklärte, gingen wir zur zu Fuß zurück. Am Stall angekommen, stand dort ein Tisch. Dad hatte kurzerhand zwei Bretter vom Zwischenboden des Daches, das als Heuspeicher diente, abgelöst und auf vier gleichhohe Baumklötze gelegt. Um den Tisch herum standen noch weitere Baumklötze, die als Sitze dienten. Beeindruckt lobten wir ihn. Auch Erik und Kilian waren fündig geworden. Kilian half, trotz seiner verletzten Schulter, bei der Schatzsuche mit. Was Kat natürlich entsetzte, so wie die zwei aussahen. Sie hatten schon unsere Edelstahltöpfe und Pfannen gefunden, sowie Werkzeuge im gebrauchsfähigen Zustand. Am Bach in der Sonne, dort wo einst unser Waschhaus gewesen war, stand unsere Edelstahlbadewanne, außen noch rußverschmiert. Im Inneren erwärmte die Sonne das saubere Badewasser. Sie glänzte regelrecht. Den Boden ringsherum sauber gefegt und die
Brandreste beseitigt, stand Mom dreckig daneben und begutachtete ihr Werk.
Es musste eine Heidenarbeit gewesen sein, sie zu putzen.
Victor schrubbte noch fleißig mit. Vor ihm stand ein Eimer Wasser und ein Gefäß mit Holzasche. Daneben lagen zwei Töpfe und eine Pfanne, die in der Sonne glänzten. Er reinigte sie mit der Holzasche. Das ist ein hervorragendes, mildes Scheuermittel. Die Säuberung erfolgte mit einem feuchten Lappen, der in die Asche getunkt wird. Die zu behandelnde Fläche wird damit eingerieben und muss gründlich mit Wasser nachgespült werden.
Zu Mittag gab es unser letztes Brot. Nach dem Essen kümmerte Dad sich um den Rehbock. Ich ritt zu unserem Feld. Dort stand das Getreide schon zu Garben zusammengebunden und als Hocke aufgestellt, damit es trocknen konnte. Zum Glück hatten wir es noch nicht geschafft, es reinzuholen. Ich band mehrere Garben zusammen und lud sie auf Chil. Den Rest des Nachmittags verbrachten Dad und ich damit, den Weizen zu dreschen. Erik und Kat siebten diesen danach, Mom und Viktor zerstießen ihn mit dem Mörser. Am Ende war ein großer Topf voller Mehl fertig geworden.
Wir gingen uns im Bach vorwaschen, badeten anschließend nacheinander in der Wanne. Mom wollte das Seifenwasser noch am nächsten Tag zum Wäschewaschen benutzen. Dafür setzte Kat noch eine Mischung aus einem Liter kalten Wasser und acht Esslöffeln Aschepulver an. Mom fragte Kat, was das wird und sie antwortete:
„Das habe ich von Steffen, dem Apotheker. Nach
zirka sechs Stunden steigt der pH-Wert, die Flüssigkeit wird dann vorsichtig abgegossen, damit die Asche als Bodensatz im Gefäß zurückbleibt. Unverdünnt eignet sich die abgegossene Lauge als Bodenputzmittel, Spülmittel oder Feinwaschmittel.“
„Und das funktioniert?“, wollte Mom wissen.
Kat lachte: „Das weiß ich nicht, das werden wir morgen merken. Er hat mir auch noch verraten, wie man Zahnbürsten selbst macht und dass man die Zähne mit Holzasche putzen soll. Sehr fein gesiebte Asche besitzt bei der Zahnpflege drei Funktionen, sodass man auf weitere Zutaten verzichten kann. Zum einen sorgt sie für den Abrieb als Putzkörper und zum anderen liefert sie viele Mineralien wie Zink, Kalium, Magnesium und Kalzium. Außerdem hilft sie, durch ihren basischen pH-Wert, zahnschädigende Säuren im Mund zu neutralisieren. Die leicht feuchte Zahnbürste wird in etwas Asche getunkt und anschließend kannst du wie gewohnt die Zähne putzen. Ein gründliches Ausspülen ist notwendig, um eine Verletzung der sensiblen Haut durch verbliebene Partikel auszuschließen.“
„Na, da ist dein Ausflug in die Stadt ein voller Erfolg gewesen“, sagte Victor. „Jetzt brauchst du mir nur noch sagen, wie das mit der Zahnbüste geht. Denn meine hat das Feuer gefressen und ich hätte das dringende Bedürfnis nach einer Zahnreinigung.“
„Ich habe heute Morgen Haselnussstöckchen mitgebracht. Mit deinem Messer kannst du dann die Rinde an der Stelle, wo später die Borsten
sein sollen, abschälen. Dann musst du drei bis fünf Minuten auf dem Stöckchen herumkauen, bis sich die Fasern zeigen und es aussieht wie eine Bürste. Je länger man das macht, desto feiner werden die Borsten. Sind die Fasern sichtbar, kann man damit die Zähne abschrubben. Das soll, laut Steffen, hervorragend funktionieren.
Am Abend saßen wir an unserem Tisch und Mom stellte die Pfanne ins Glutbett des Feuers, in der sie Filetsteaks vom Reh braten wollte. Eigentlich sollte das Fleisch erst abhängen, doch dazu fehlten uns jetzt die Möglichkeit. Zumal wir wenig Auswahl an Speisen hatten. Es stellte sich heraus, dass das Fleisch fad und zäh schmeckte. Also mussten wir noch ein großes Erdloch graben, welches als Kühlschrank diente und um das Fleisch dort im zerlegten Zustand ruhen zulassen.
Am nächsten Tag erwachte ich mit leichten Kopfschmerzen. Federwolken bedeckten den Himmel. Es würde Regen geben. Höchste Zeit, durch die tagelange Hitze war alles ausgetrocknet. Selbst unser Bach führte nur noch die Hälfte an Wasser. Kat entzündete gerade das Feuer. Sie setzte einen Topf mit Wasser für Annes Tee darauf.
„Morgen, Kat, machst du mir auch einen Tee mit? Ich habe leichte Kopfscherzen“, fragte ich sie.
Ich setzte mich mit meinem Tee an den Tisch und sah Mom zu. Sie rührte in dem zweiten gefundenen Topf, Eier, Milch und Mehl zusammen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, es würde zum Frühstück Plinsen
geben.
Nach dem Frühstück half ich Mom und Kat bei der Wäsche. Kats Waschlauge funktionierte gut. Wir bekamen sogar die verrußten Sachen von Kilian und Erik sauber. Zu Mittag zogen die ersten Wolken auf. Doch bis der Regen einsetzte, verging noch der ganze Nachmittag und so bekamen wir unsere Wäsche trocken. Im Stall mussten wir jetzt näher zusammenrücken, um Platz für die Kaninchen zu schaffen. Die konnten wir nicht, wie den Rest der Tiere, bei Regen draußen lassen. Auch Minka mit ihren vier Katzenjungen bekam eine Ecke im Heu.
Als der Regen einsetzte, waren wir alle im Stall. Ich hatte Eriks kleine Kreidetafel aus meiner Satteltasche geholt.
„Es wird Zeit, dir Rechnen und Schreiben beizubringen“, sagte ich zu Erik.
Während Erik versuchte, die ersten Buchstaben zu schreiben, lauschte ich der Unterhaltung der Männer.
Kilian saß bei Victor und erklärte ihm, wie er ein Stück Holz mit dem Taschenmesser aushöhlen sollte, damit daraus ein Pfeifenkopf wird. Dad schaute den beiden zu.
„Und was willst du darin rauchen, wenn die Pfeife fertig ist?“, fragte er jetzt Kilian.
„Ich gar nichts. Meine Pfeife ist noch bestens. Aber ich dachte ihr könntet eine gebrauchen. Und geraucht wird das hier.“
Er stand auf und holte aus seinem Rucksack einen kleinen Tabakbeutel.
„Den habe ich in der Stadt von Erik geschenkt bekommen“, sagte er und schaute zu Erik, der bei diesen Worten strahlte.
„Und ich habe auch noch etwas für euch“, mischte sich jetzt Kat ein. „Stephan, du kannst etwas von den getrockneten Blättern hier unter den Tabak mischen.“
Sie hielt ihm ein paar getrocknete Blätter Helmkraut hin.
Skeptisch beäugte er diese.
„Du wirst uns doch nicht etwa unseren letzten Tabak mit Unkraut vergiften?“ Er sah Kat fragend an.
„Wenn du mir nicht traust, kannst du ja erst mal nur ganz wenig mischen“, sagte sie lachend.
„Kilian, gibst du mir deine Pfeife? Ich opfere mich“, sagte er im theatralischen Tonfall.
„Dad, da wird nichts draus“, antwortete Kilian. „Du willst ja nur nicht warten, bis deine Pfeife fertig ist. Wenn schon, probieren wir es alle drei. Oder glaubst du, ich hätte nicht auch gern ein Pfeifchen am Abend geraucht? Aber da ich wusste, dass eure verbrannt waren, habe ich darauf verzichtet.“
Dad hob abwehrend seine Hände.
„Ist ja schon gut, Kleiner, ich sag schon nichts mehr“, und musste bei diesen Worten lachen.
Jetzt bekam Dad vom Mom einen Stoß in dem Arm. „Aua, was ist denn jetzt schon wieder?“
„Du weißt ganz genau, dass Kilian es nicht leiden kann, ‚Kleiner‘ genannt zu werden“, sagte Mom.
„Ach so, dass hatte ich ganz vergessen“, grinste Dad.
„Gibst du mir auch ein Stück Holz? Dann kann ich mich an meiner Pfeife selbst versuchen. Und wenn es nichts wird, tauschen wir die Pfeifen.“
Dad konnte es nicht lassen, Kilian zu ärgern.
Doch der lächelte nur darüber.
„Träum weiter, Dad“, war seine Antwort.
Am Abend saßen die drei dann Pfeife rauchend an der Tür. Zuerst rauchten sie normalen Tabak und dann
probierten sie die Mischung von Kat. Diese bestand aus Tabak, dem getrockneten Helmkraut beigemischt war.
„Hm, Kat, dass hast du gut gemacht, irgendwie wirkt deine Mischung beruhigend“, sagte Victor.
Es regnete noch die ganze Nacht und den nächsten Morgen. Erst gegen Mittag klarte es auf und die Sonne guckte ab und zu durch die Wolken. Die Asche war fortgespült und Victors Amboss von der Schmiede, sowie seine Werkzeuge, kamen zum Vorschein. Die Schmiede war nur eine Art überdachter Unterstand, deshalb hatte sich nicht so eine große Hitze entwickelt, als diese abbrannte. Einen großen Teil seiner Werkzeuge konnte er noch gebrauchen. Die Hämmer besaßen keine Stiele mehr. Doch das ließ sich ändern. Holz gab es genug.
Es stellte sich eine Routine bei uns ein. Dad und ich kümmerten uns um die Feldarbeit, die Tiere und die Jagd. Erik wurde am Morgen von Victor unterrichtet, danach durfte er mit Kilian nach verwertbaren Gegenständen suchen. Am Nachmittag schnitzte Victor Schalen und Becher aus Holz, aus denen wir essen und trinken konnten. Mom und Kat kümmerten sich ums Essen und die Wäsche. Anne bekam der Helmkraut Tee gut und so bekam sie nur noch zum Schlafen ein Cannabisplätzchen. Sie war jetzt mehr wach, konnte sich aber trotzdem kaum bewegen. Die Schmerzen in ihrer Brust ließen ihr wenig Spielraum. Victor saß bei ihr und so unterhielten sie sich gegenseitig. Sie vermissten ihr Baby und hofften, dass es ihm gut ging.
Der September begann genauso schön, wie der August aufgehört hatte, nur das die Tage
kürzer wurden. Jetzt gab es viel Abwechslung
beim Essen. Aber wir ernteten nur, was wir gleich verbrauchten, uns fehlte die Lagermöglichkeit. Brot gab es nicht mehr. Mom wollte das mühsam gewonnene Mehl nicht zum Experimentieren nehmen. Ihr fehlte ein Backofen. Langsam sollten auch Brian und Narvik zurückkommen. Sie waren jetzt den sechsten Tag weg und sollten doch bald zurückkehren. Gut, mit den Eseln ging es nicht so schnell vorwärts. Deshalb mussten sie eine Übernachtung einplanen. Aber zwei Tage hin und zurück sind vier. Vielleicht einen zum Organisieren. Auch Victor und Anne wurden immer unruhiger. Unser Getreide musste gedroschen werden. Die Kartoffeln, Möhren und der Mais mussten vom Feld geholt und eingelagert werden. Der Kohl hatte noch Zeit. Das alles ging mir durch den Kopf, während ich mit der Sense zu unserer Waldwiese ritt. Ich wollte das Gras hauen und Heu machen. Die Wiese stand schon hoch, als wir hier vor einer Woche auf dem Weg nach Hause vorbeikamen.
Als ich die Mitte der Wiese erreichte hörte Fearless neben mir auf nach Mäusen zu buddeln. Sie spitzte die Ohren und ein leises Knurren ließ auch mich aufhorchen. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich hörte nichts. Was sollte ich jetzt tun?
Sollte ich zurückreiten oder abwarten, wer da kommt? Ich schob meine Sense in einen Strauch und ging mit Chil und Fearless hinter einem Busch in Deckung. Den Bogen und das Schwert griffbereit neben mir liegend.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich
Stimmen hörte. Wie fein doch Fearless Sinne waren, wenn sie auf so große Entfernungen Geräusche oder Gerüche wahrnahm. Die Stimmen kamen nur langsam näher, das bedeutete, dass sie zu Fuß kamen. Wer immer es auch sein mochte. Fearless‘ Knurren wurde leiser, sie musste die Näherkommenden kennen.
Vorsichtshalber stieß ich den Ruf des Adlers aus, wenn sich mir Brian ober Narvik näherten, würde ich Antwort erhalten. Und da hörte ich es, kurz hintereinander zwei verschieden Rufe eines Adlers. Narvik und Brian! Erleichtert trat ich hinter dem Busch vor und ritt ihnen entgegen. Doch mir kamen nicht nur die beiden entgegen, sondern ein ganzer Trupp. Er bestand aus Brian, Narvik und noch vier Mädchen, außerdem Rico und Trist. Als ich Trist sah, fing mein Herz an schneller zu schlagen. Die Mädchen blieben schlagartig stehen, als sie mich mit Schwert und Bogen auf Chil anreiten sahen, dazu noch mit einem Wolf in Begleitung.
Ich sprang von meinem Pferd und während Rico den Mädchen erklärte, wer ich war, kam Trist schon auf mich zugelaufen. Er zog mich in seine Arme und flüsterte dabei:
„Joyse, wenn ich es nur geahnt hatte, wäre ich nicht mit Rico nach Hause geritten.“
Dann küsste er mich stürmisch. Unsere Zungen verschmolzen miteinander und mir wurden die Knie ganz weich. Ein Räuspern
ließ uns auseinanderfahren.
„Lass uns auch noch etwas von dem Mädel übrig“, sagte jetzt Brian und zog mich in seine Arme. Anschließend umarmtem mich noch Narvik und Rico.
Der stellte mir die Mädchen vor. Bei der letzten blieb sein Blick länger hängen, es war Nele.
Sie kamen mit all unseren Pferden und den Eseln, die es in Ricos Dorf gab. Außerdem trugen sie alle Kiepen auf dem Rücken.
„Wie geht es Anne?“, wollte jetzt Brian wissen.
Und auf einmal herrschte eine bedrückende Stille.
„Sie ist über den Berg. Aber laufen kann sie noch nicht. Sie hat noch starke Schmerzen und Kat sagt, dass es bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis sie wieder völlig schmerzfrei ist. Auch Victor darf noch nicht aufstehen.“
„Das ist alles halb so schlimm, Hauptsache sie werden gesund“, antwortete mir Brian.
An der Waldwiese angekommen, sagte ich:
„Ihr müsst jetzt allein weitergehen, ich muss noch die Wiese fertig mähen.“
Dabei zeigte ich auf die halbfertige Wiese.
„Dann gehen wir schon voraus“, sagte Narvik.
Der Trupp setzte sich in Bewegung, doch Trist blieb zurück.
Er schaute sich um. „Mit was hast du denn die Wiese gehauen?“
Ich ging zu dem Gebüsch, in dem die Sense versteckt war und zog sie hervor. „Vorsichtsmaßnahme“, sagte ich.
Er nahm mir die Sense aus der Hand und fing an, die Wiese zu hauen. Ich setzte mich am Waldrand in den Schatten und schaute ihm zu. Es dauerte nicht lange und er zog sich sein Hemd aus.
Sein muskulöser Oberkörper hatte Farbe bekommen. Ich konnte meine Augen nicht von ihm lassen und verfolgte jede seiner
Bewegungen.
Er mähte schnell, als hätte er seinen Lebtag nichts anderes gemacht. Hin und wieder dreht er sich nach mir um, als müsste er sich vergewissern, dass ich noch da sei.
Wenn sich unsere Blicke kreuzten, brannte ein Feuer in seinen Augen, das mich erschauern ließ. Mit dem letzten Schlag ließ er die Sense fallen und kam zu mir. Seine Blicke musterten mich, als ziehe er mich in seinen Gedanken aus. Er setzte sich neben mich und schon lag ich in seinen Armen.
„Du bist mir noch etwas schuldig“, raunte er mir ins Ohr und küsste mich stürmisch. Bei dem Gedanken an die Nacht am See, lief ich rot an und Hitze breitete sich in mir aus. Seine Hand fuhr in meinen Ausschnitt und als er meine Brust umfasste, entfuhr mir ein Stöhnen.
„Ich will dich, Jo“, sagte er mit rauer Stimme, den Kuss unterbrechend. „Lass mich dir zeigen, wie schön es sein kann, wenn ich dich verwöhne und wir eins werden.“
Es war keine Bitte. Er drückte mich auf die Wiese und im selben Moment fuhr er mit seiner Hand in meine Hose. Ein Ziehen breitete sich zwischen meinen Schenkeln aus. Ich krallte mich an seinem Hemd fest und zog ihn näher zu mir.
„Oh, Trist“, stöhnte ich in seinen Armen.
Ein immer lauter werdendes Knurren riss mich aus meinem Rausch. Erschrocken fuhr ich auf.
„Fearless, nein!“
Mein lauter Befehl hallte durch den Wald. Fearless saß schon zum Sprung bereit und ließ Trist nicht aus den Augen. Auf meinen Befehl
hin beruhigte sie sich. Ich klopfte auf den Platz neben mir und augenblicklich kroch Fearless zu mir.
„Fearless, es ist alles gut. Trist tut mir nichts.“
Bei den Worten fing ich automatisch an zu zittern. In mir kamen die Erinnerung der Schlacht auf, wie ich versuchte, mich gegen den Mann zu wehren. Das Knacken der Knochen hallte in meinem Kopf wieder, als Fearless dem Mann mit einem Biss das Genick brach.
Trist zog mich wieder an sich.
„Was ist los, Kleines? Sprich mit mir. Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht. Fearless hat schon immer auf dich aufgepasst, aber gerade eben war sie nahe dran, mich anzufallen. Rede mit mir!“
Seine Stimme klang leise, aber drängend.
Ich schloss die Augen und ließ die Bilder kommen. In Trists Armen fühlte ich mich sicher. Meine Erzählung setzte da ein, wo Trist uns mit Rico verließ, und endete an der Stelle, wo wir alle auf der Wiese saßen und unser zu Hause im Flammenmeer versank. Trist wiegte mich wie ein kleines Kind,
während Tränen über mein Gesicht liefen. Ich wollte nicht weinen, aber ich konnte sie nicht zurückhalten.
„Es wird alles gut, Jo. Ihr kommt mit zu mir. Oma, Caro und Anuri bereiten schon alles für eure Ankunft vor.“
Oma, hatte Trist Oma gesagt? Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht.
„Na, also geht doch.“
Trist musste es gesehen haben. Mit zerknirschter Stimme sagte er:
„Als erstes sagst du mir, wie ich Fearless bestechen kann. Sie passt besser auf dich auf als es Leibwächter könnten. Sie kann einem den ganzen Spaß verderben.“
Trist stand auf und reicht mir die Hand.
„Komm, wir gehen. Sonst denken die anderen noch, dass wir Spaß miteinander hätten.“
Ich ließ mich auf die Beine ziehen, nur um von ihm umschlungen zu werden. Er küsste mich diesmal zärtlich und sacht. Als er mich freigab, raunte er:
„Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
Zusammen ritten wir auf Chil zurück. Auf dem Rückweg erzählte mir Trist, dass wir alle zusammen bei ihm einziehen würden. Er lebte mit seiner Mutter ein zweiflügeliges Herrenhaus. Im rechten Flügel bewohnte er mit seiner Mutter zwei Zimmer, ansonsten stand das ganze Haus leer.
„Meine Mutter freut sich auf euch alle. Sie hat die ganzen zwei Jahre, wo ich fort war, allein dort gelebt. Es ist alles vorhanden, die Zimmer haben Kamine und sind mit Möbeln eingerichtet. Es sind allerdings antike Möbel. Dad wollte den linken Flügel, so originalgetreu wie möglich, erhalten. Das Haus wurde 1920 erbaut. Im Jahr 3008 hat mein Vater das ganze Haus restaurieren lassen. In den Räumen, wo sich kein Kamin befand, ließ er Kachelöfen einbauen. Auch ein Brunnen musste in den Hof. Als meine Mutter ihm sagte, dass wir doch nicht mehr im Mittelalter wären und Wasser aus dem Brunnen holen würden, küsste er sie und lachte. So schlecht wäre das nicht. Dann hätte er als Gutsherr das Recht der ersten Nacht und immer
junge Bräute in seinem Bett. Daraufhin hatte sie
ihn zurückgeküsst und geantwortet. „Wenn du dich da mal nicht übernimmst, mein Lieber.“ Trist lächelte bei den Gedanken an seine Eltern.
„Damals besaßen wir noch Hauspersonal, die sich um alles kümmerten. Später wurden die Männer zum Kriegsdienst verpflichtet und die Frauen zogen mit Kriegsbeginn zu ihren Verwandten. Nur zwei blieben, unsere Köchin und ihr Mann. Er war zu alt, um noch in den Krieg zu ziehen. Beide starben
vor fünf Jahren, kurz hintereinander, in Folge einer Grippewelle.“
Nach einer kurzen Pause berichtete er weiter, dass auch Platz für unsere Tiere sei.
„Hinter dem Haus, etwas abseits, gibt es Stallungen und eine Scheune. Brian und Narvik haben schon erste Reparaturen durchgeführt, deshalb sind sie nicht gleich zurückgekommen.
Deine Tauben haben ihren eigenen Taubenschlag und warten auf ihre Besitzerin. Und nicht nur die, auch ich möchte das du mit mir zurückkommst, auch meine Mutter ist schon gespannt auf dich.“
Wir hatten unser Ziel erreicht, doch außer Mom, Victor, Anne und Kilian war niemand zu sehen.
„Wo sind sie denn alle?“, fragte ich Mom.
„Sie sind auf das Feld gezogen, sie ernten alles, was reif ist und nehmen es morgen mit, auch die Tiere. Wir kommen alle bei einem Trist unter, hat Brian gesagt“, sie antwortete mir, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.
Erst jetzt schien sie zu bemerken, dass ich nicht allein war.
„Trist“, stellte ich ihn vor.
Mom errötete, was ganz selten geschah.
„Der Trist?“, fragte sie und ich nickte.
Trist hob fragend eine Augenbraue. Doch ich ignorierte es.
Ich ging mit ihm zu Victor, der am Tisch saß. Und neben ihm saß Anne im Gras, mit Decken gestützt.
„Anne, du sitzt ja!“, entfuhr es mir freudig überrascht.
Sie lächelte und sagte langsam, flach atmend:
„Mehr schlecht als recht.“
Trist reichte beiden die Hand und stellte sich vor.
Jetzt trat Kilian zu uns und begrüßte Trist mit Handschlag.
„Schön dich wieder zu sehen und danke, dass du uns alle aufnehmen willst“, fügte er hinzu.
Trist winkte ab: „Ihr tut uns auch einen Gefallen. Meine Mutter freut sich schon auf euch. Sie sagte, jetzt käme endlich wieder Leben in den alten Kasten.“
„Was willst du damit?“, fragte ich jetzt Kilian und zeigte auf den Korb voller Möhren und Kartoffeln.
Kilian wies auf die Feuerstelle, in der der große Edelstahlkessel stand, den Oma und Mom mit Lebensmitteln aus dem Feuer gerettet hatten.
„Mom hat den Auftrag für alle zu kochen und du sollst ihr helfen. Befehl von Dad, soll ich dir ausrichten.“
„Aye, Aye, Sir“, salutierte ich vor Kilian.
„Das mache ich schon“, sagte nun Victor, „sonst langweile ich mich hier zu Tode. Und du, Trist, setze dich bitte zu uns und erzähle mir von unserem John.“
Trist sah hilfesuchend zu mir.
„Die Babys“, half ich ihm auf die Sprünge.
„Da kann ich nicht viel berichten, außer dass sie von meiner Mutter verwöhnt werden. Sobald eins von den beiden einen Mucks macht, ist sie schon bei ihnen. Das Größere von beiden, John, wird von ihr schon mit Gemüse- und Obstbrei gefüttert. Mutter meint, es wäre alt genug dafür, zumal Anuri die Milch für Luck braucht, der kleiner und jünger ist. Außerdem würde es den Eltern helfen, sich um ihren Jungen zu kümmern, wenn sie wieder gesund sind. Anuri stillt ihn nur noch am Morgen. Mittags und abends bekommt er zu seinem Brei noch Kuhmilch dazu. Der Kleine sieht prächtig
aus, ein strammes Kerlchen“, endete Trist.
Victor und Anne strahlten Trist an.
„Danke“, sagten beide gleichzeitig.
Während ich Fleisch aus unserem Erdkühlschrank holte und zerkleinerte, putzte Mom das Gemüse und Victor schnitt es klein. Kilian und Trist gingen zu den Überbleibseln unserer kleinen Festung. Danach wollten sie noch die Fallen im Wald kontrollieren. Kilian war froh, dass Trist mitkommen wollte, allein hätte er nicht gehen können. Er trug seinen Arm immer noch in dem Tuch und hatte strengstes Verbot ihn zu bewegen.
Am Abend kehrten die anderen vom Feld zurück. Wir hörten sie lange bevor wir sie sahen. Die Mädchen sangen und die Männer brummten eher dazu, als wie man es als Gesang bezeichnen konnte. Es waren alte Volkslieder, die schon fast keiner mehr kannte.
Mom und Anne schmunzelten, auch wir hatten während der Ernte, wenn wir alle zusammenarbeiteten, Lieder gesungen. Auch am Weihnachtsabend wurden Weihnachtslieder gesungen, bevor Victor als Weihnachtsmann verkleidet die Geschenke verteilte. Würde es je wieder so werden? Was brachte uns die Zukunft? So wie es aussah, würden wir zumindest alle weiterhin zusammenbleiben und nicht verstreut im Dorf wohnen. Auch Anuri blieb bei uns und zog nicht in ihr altes Haus, wie ich aus Trists Erzählung schlussfolgerte.
