Beschreibung

Seit über zwanzig Jahren hat Lenny Cates nichts mehr von seiner alten College-Flamme Sheena gehört. Ihre Romanze war so stürmisch wie kurz gewesen, und so wundert es ihn ein wenig, als er von ihrem plötzlichen Ableben erfährt und feststellen muss, dass sie ausgerechnet ihm ihr gesamtes Anwesen vererbt hat. Neugierig darauf, die letzten Tage vor ihrem tragischen Tod aufzuarbeiten, taucht Lenny in Sheenas Leben ein, welches am Ende von Einsamkeit, Depressionen und Experimenten mit Schwarzer Magie gekennzeichnet war. Schnell muss Lenny feststellen, dass Sheenas Tod etwas Unersättliches und Dämonisches wachgerüttelt hat: eine Wesenheit, so alt wie die Menschheit selbst. Geduldig lauert sie in dieser kleinen Stadt, in der die Schrecken der Vergangenheit niemals vergessen sein werden, wo das Leid ewig währt und nichts so ist, wie es den Anschein hat.

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Beliebtheit


JUDAS GOAT

Greg F. Gifune

Judas Goat © 2009, 2008 by Greg F. Gifune Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Buch ist ein Roman. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse stammen entweder aus der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorkommnissen, Orten oder lebenden bzw. verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Dieses Buch ist Shane Staley gewidmet.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: JUDAS GOAT Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Ute Hieksch Lektorat: Astrid Pfister

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-333-6

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

JUDAS GOAT
Impressum
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Anmerkung des Autors
Danksagungen
Über den Autor

Schlachthöfe setzen oft eine dressierte Ziege ein, die sich zum Schlachten vorgesehenen Schafen oder anderem Vieh anschließt und ihr Vertrauen gewinnt. Sobald dies erreicht ist, führt die Ziege die anderen Tiere dann zum Schlachter, während sie selber am Leben bleibt.

Dieser Verräter ist unter dem Namen »Judasziege« bekannt.

 

 

»Man muss weder ein Zimmer noch ein Haus sein, um von Geistern heimgesucht zu werden. Das Gehirn hat Korridore, die weit mehr als ein materieller Ort sind.«

 

Emily Dickinson

 

 

-1-

Lenny Cates ist tot. Selbst jetzt – eine Stunde oder länger waren seit dem Albtraum vergangen – konnte er noch die Bruchteile jener fremden Stimme hören, die diese Worte über eine geisterhafte Telefonleitung von sich gegeben hatte. Albträume und Erinnerungen waren das Einzige, auf das er sich in diesen Tagen noch verlassen konnte, aber sie alle waren notorische Lügner.

Für beinahe jedermann neigte sich der Tag seinem Ende entgegen. Für Lenny aber begann er gerade erst. Er lief durch das vollgestopfte und unaufgeräumte Appartement, hielt kurz inne, um sich seinen Wollmantel und den Schal von der Rückseite der Couch zu nehmen, und blieb dann in der Tür zum Schlafzimmer stehen. Die Rollos waren alle heruntergezogen, aber selbst im Halbdunkeln konnte er Tabithas nackten Körper ausgestreckt auf dem zerwühlten Bett erkennen. Er zupfte an seinem Mantel, schritt dann über schmutzige Kleidung hinweg, die von einer Wand zur nächsten verstreut dalag, und setzte sich auf die Bettkante. Der Gestank von Schweiß, Alkohol und Zigaretten lag in der Luft.

Obwohl er schon einige Zeit wach gewesen war, bevor er sich letzten Endes aus dem Bett gequält hatte, hatte er sich vorhin, als er neben ihr gelegen hatte, schlafend gestellt. Er hatte die Augen gerade so weit geöffnet, dass er die an den Wänden und der Decke vorbeihuschenden Scheinwerfer und Schatten noch verschwommen sehen konnte. Diese durch die Stadt und die restliche Nacht tanzenden Schatten von Autos und Bussen, Menschen, Geistern und Relikten, Veteranen aus Beton und unschuldigem Neonlicht – sie alle waren wie entfernte Schreie – verhalten, mysteriös und schon wieder verschwunden, bevor sie sich überhaupt voll und ganz zeigen konnten. Das alles war ihm durch den Kopf gegangen, während er sie eine Zeit lang durch seine Augenschlitze beobachtet und sich gefragt hatte, warum er sich überhaupt schlafend stellte, denn Tabitha befand sich in ihrer üblichen tiefen, durch Alkohol verursachten Bewusstlosigkeit und bekam deshalb überhaupt nicht mit, ob er wach war oder nicht. Hatten er oder die Schatten und Überreste anderer da draußen, deren Seelen diese düsteren Appartementwände durchbrochen hatten, etwas davon? Vielleicht konnten sie ja irgendwie seine Beweggründe verstehen?

Lenny war sich sicher, dass er etwas geträumt hatte, als er geschlafen hatte, aber er konnte sich beim besten Willen nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Es schien so, als gehöre ihm das Leben nur selten ganz allein, und die Nacht stellte da keine Ausnahme dar. Da er immer nachts arbeitete, schlief er am Tag bis zum späten Nachmittag. Obwohl dies im extremen Gegensatz zu den Tagesabläufen der meisten anderen Menschen stand, war er wohl nicht der Einzige in dieser Millionenstadt. Es gab viele Menschen, die in der Nacht arbeiteten und anschließend durch eine Metropole zogen, die berühmt-berüchtigt dafür war, selber niemals zur Ruhe zu kommen. Infolgedessen wurde er also von niemandem besonders zur Kenntnis genommen.

Die Maschinerie rollte an, selbst wenn der Großteil der Stadt schlief. Manchmal fragte sich Lenny, ob er und die übrigen Nachtmenschen nur deshalb in den Träumen derer, die tagsüber in der Welt aktiv waren, auftauchten, existierten und lebendig werden konnten, sobald die anderen tief schliefen, weil sie schliefen. Oder war das verrückt?

Er sah Tabitha und sich selbst flüchtig im Spiegel neben dem Schreibtisch. Das schattenhafte Spiegelbild war äußerst irritierend und fremd; so als betrachte er vielmehr ein Gemälde oder die Vorstellung eines Dritten von ihnen als ein getreues Spiegelbild von jemandem, die er genau kannte. Dunkle Schwaden teilten nun das Spiegelbild seines Gesichtes. War es da ein Wunder, dass er sich selbst kaum erkannte?

Der, der du bist und den, den du siehst, ist nicht immer der gleiche.

Dieser Gedanke, ausgesprochen von Sheenas Stimme – oder der Stimme, die seinen Erinnerungen nach Sheenas Stimme gewesen war – kam ihm plötzlich in den Sinn und war verschwunden, bevor er die Aussage richtig erfassen konnte. Tabitha bewegte sich und hob ihren Kopf lang genug vom Kopfkissen, um ihm einen desinteressierten Blick zuzuwerfen. »Was ist?« Ihre Stimme klang belegt und rau vom Schlaf.

Lenny drehte sich von ihrem Spiegelbild zu ihrem wahren Anblick im Bett um. »Ich muss zur Arbeit gehen.«

»Okay, Tschüss.«

Die meisten Menschen, die tagsüber arbeiteten, schliefen nicht bis 16.30 Uhr am Nachmittag, aber letztlich war Schlafen fast das Einzige, was Tabitha tat. Schlafen und Trinken. »Ich dachte, du wolltest mir vielleicht etwas sagen, bevor ich gehe.«

Sie gähnte, drehte sich auf den Rücken und strich sich das blonde Haar aus ihren Augen. »Was denn?« Allmählich dämmerte ihr etwas, und ihr leerer Blick verschwand. »Ist das etwa heute?«

»Ja.« Er zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Jackentasche. »Es ist heute.«

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«

Er steckte sich eine Zigarette zwischen seine Lippen und zündete sie an. »Ist das etwa alles?«

»Willst du vielleicht eine Geburtstagsparty mit Hütchen und dem ganzen Scheiß?«

»Heute werd ich neununddreißig Jahre alt. Ich dachte, du hättest daran gedacht.«

»Du bist so ein Baby.«

»Ich habe deinen Geburtstag immerhin nicht vergessen.«

Tabitha setzte sich mühsam hin und streckte die Hand nach einer Wodkaflasche und einem Glas auf dem Nachttisch aus. »Weil du ja in jeder Hinsicht perfekt bist.«

Er ließ es ohne Kommentar im Raum stehen und blickte stattdessen durch die Rauchschwaden und im Schutze des Schattens über Tabithas Körper. Er hatte sie mal geliebt, oder nicht? Vielleicht tat er es ja immer noch.

»Morgen früh komme ich wieder nach Hause. Versuche einen klaren Kopf zu bekommen, während ich weg bin.«

Sie goss sich einen Schluck Wodka ein und kippte ihn hastig hinunter. »Ich bin schon dabei.« Er ging zur Tür. »Schlaf dich in Ruhe aus und versuche dann, ein bisschen rauszugehen.«

»Wohin soll ich denn gehen?«

Das war eine gute Frage, denn es gab so viel zu tun und trotzdem zuweilen keinen Ort, zu dem man gehen konnte. Die ganze gottverdammte Welt war längst verloren. »Ich weiß es nicht.«

»Wir sind alles, was wir haben«, sagte sie sanft. »Komm endlich damit klar.«

Trotz ihres plötzlich veränderten Tonfalls sah sie in der Dämmerung mit ihrem wilden und zerzausten Haar, dem verschmierten Make-up und dem schmerzerfüllten Gesichtsausdruck beinahe dämonisch aus.

Beinahe. »Ich weiß nicht, ob ich wiederkomme.«

»Das sagst du immer. Aber dann kommst du doch wieder.« Er sah weg, als hätte etwas auf dem Fußboden seine Aufmerksamkeit erregt. »Gehst du wirklich zur Arbeit?« Er zuckte zusammen. »Lügner! Du gehst also zu diesem Haus, das sie dir hinterlassen hat.« Entweder konnte sie durch die Wand auf den Koffer blicken, den er bereits gepackt hatte, oder er war einfach so leicht zu durchschauen.

»Ich möchte ja gar nicht wirklich gehen, aber …«

»Was willst du denn dann, Lenny?«

»Ich muss für eine Weile hier weg, ein paar Dinge herausfinden.«

»Gehst du zu dem Haus, das dieses Miststück dir hinterlassen hat?«

»Nenn’ sie nicht so. Du hast sie doch noch nicht einmal gekannt.«

»Du auch nicht, so wie es sich anhört.«

Außerhalb der mit Schatten verzierten Wände spielte sich das Leben in der Stadt unentwegt und ohne Interesse an ihnen ab.

»Du wirst das also wirklich tun?«, fragte sie noch einmal.

»Ich muss, Tab.«

»Dein Leben ist aber hier.«

»Welches Leben denn?«

»Dieses hier, Lenny, das ist dein Leben! So läuft das nun mal. Was willst du? Einen Scheiß-Festumzug, ein Feuerwerk – was denn?«

»Ich bin es leid, so zu leben.«

»Hör endlich auf zu träumen. Wir leben hier und werden auch hier sterben.«

»Du sagst das, als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten.«

Ihre glasigen Augen blinzelten ihn durch die Dunkelheit an. »Richtig, so ist es.«

-2-

Mittlerweile hatte er die Stadt durchquert, seinen Mietwagen abgeholt und war jetzt unterwegs. Es war fast sechs Uhr. Nachdem New York City für zehneinhalb Jahre seine Heimat gewesen war, schien es unfassbar, all das in seinem Rückspiegel plötzlich zu verlassen, aber dennoch tat er es; er ließ das bisschen Sicherheit, das er noch gehabt hatte, hinter sich und war auf dem Weg zu einem Haus, in das er noch nie zuvor einen Fuß gesetzt hatte, und das noch dazu in einer Stadt lag, von der er bis zum heutigen Tage noch nicht einmal gehört hatte. Das Haus lag in einem Bundesstaat, den er nur ein Mal als Kind besucht hatte. Diesen Gedanken hatte er tatsächlich schon seit Monaten im Kopf gehabt. Um genau zu sein, seit sechs Monaten, seit die Nachlassregelung bezüglich des Grundstücks, das Sheena ihm hinterlassen hatte, erledigt gewesen war. Diese Zeit war nun verstrichen, die Immobilie war geräumt und Lenny hatte das Häuschen als sein Eigentum übernommen. In all den Monaten bis zur letzten Nacht hatte er mit dem Gedanken gespielt, es einfach zu verkaufen und es sich niemals anzusehen. Aber das schien ihm irgendwie despektierlich. Es war ohnehin sonderbar, dass eine alte Freundin, die er zwanzig Jahren weder gesehen noch gesprochen hatte, ihm auf einmal ihr Zuhause samt Einrichtung vermacht hatte – besonders, da ihre Beziehung damals kein gutes Ende genommen hatte. Aber genau das war schließlich der Sachverhalt gewesen, der ihn davon überzeugt hatte, zu dem Haus zu fahren, bevor er eine endgültige Entscheidung traf. Er musste es wenigstens einmal sehen. Vielleicht könnte er ja tatsächlich eine Weile dortbleiben, eine Pause von der Stadt, seinem Nachtjob an der Rezeption eines Stundenhotels in einem der schlimmsten Stadtteile von Manhattan und auch von Tabitha einlegen und sich von all dem Stress, den die Überreste ihrer Beziehung in der letzten Zeit verursacht hatten, erholen. Ein sprichwörtlicher Geist aus seiner Vergangenheit war dem Nebel des täglichen Trübsinns entsprungen, hatte ihn aus unerfindlichen Gründen zu einem unbekannten Ort gelockt, und er hatte irgendwie das Gefühl gehabt, keine Wahl zu haben als diesem Geist zuzuhören. Schließlich verdankte er ihr so viel. Während all der Jahre hatte er fortwährend an sie gedacht und – da er ihr nie hinterhergelaufen war – oftmals mit dem Gedanken gespielt, zu versuchen, sie zu finden. Letzten Endes hatte er sich aber bemüht, all diese Ideen zu begraben und sein Leben einfach weiterzuleben. Aber als der Anwalt anrief und ihn über Sheenas Tod, ihren letzten Willen und ihren Nachlass informiert hatte, war alles sofort wieder in ihm hochgekommen.

Die Nachricht hatte ihn mehr getroffen, als er sich jemals hätte vorstellen können. Ein Kloß, der sich zunächst in seinem Hals gebildet hatte, war anschließend in seine Eingeweide gekrochen und hatte sich dort eingenistet. Ihm war übel gewesen und er hatte sich benommen gefühlt, während ihm die Tränen in die Augen geschossen waren. Aber Lenny war sich nicht sicher, ob seine Tränen nur Sheena gegolten hatten oder ob er auch um sich selbst geweint hatte. Das spielte aber eigentlich auch kaum eine Rolle. Unzählige Gedanken und Erinnerungen hatten bereits begonnen, in einem Wirbelwind von Bedauern, Ablehnung und Trauer in seinem Kopf herum zu spuken. Sie war tatsächlich zu ihm zurückgekommen, wenn auch nicht so, wie er es sich gewünscht oder manchmal vorgestellt hatte. Aber jetzt war es zu spät, die Dinge zu sagen, die er hätte sagen müssen, und alles richtigzustellen.

Vielleicht hatte sie ja ebenfalls versucht, genau dies in ihrer seltsamen Art und Weise mit der Vererbung ihres Häuschens zu tun.

Während er die Triborough Bridge überquerte, glitten die reflektierenden Lichter der Stadt über die Windschutzscheibe des Chevy Impala. Lenny wiederholte immer wieder frühere Gespräche mit ihr in seinem Kopf, als wolle er sich selber versichern, dass sie tatsächlich stattgefunden hatten.

Als er damals nach New York gekommen war, um wie Tausende andere junge Anwärter Schauspieler zu werden, hatte Lenny zuerst als Küchenhilfe und dann als Kellner gearbeitet. Letzten Endes hatte er einen Nachtschicht-Job in einem Hotel angenommen, sodass er tagsüber seine Runden machen, zu Vorsprechen gehen und Schauspielunterricht nehmen konnte. Das Gehalt war allerdings leider bei Weitem nicht so hoch, der Job dafür aber auch leichter. Eine ziemlich einfache Angelegenheit; die meiste Zeit während seiner Schicht verbrachte er mit Lesen oder Fernsehen. Das kleine tragbare TV-Gerät war an der Wand über der Rezeption befestigt. Hätte es Ärger gegeben, hätte er entweder sofort die Polizei gerufen oder – falls nötig – auf den Baseballschläger hinter dem Empfangstisch zurückgreifen können. Aber in all den Jahren, in denen er dort gearbeitet hatte, hatte er nur zwei Mal selbst eingreifen müssen. Normalerweise reichten bloße Drohungen bereits aus, um die betrunkenen Gäste – Junkies und Prostituierte, die das Hotel aufsuchten – nach draußen zu verweisen. Darüber hinaus hatten ihn die meisten Stammgäste über die Jahre hinweg richtig kennengelernt und machten ihm deshalb nur selten das Leben schwer.

Obwohl Lenny mehrere lockere Bekanntschaften hatte, fühlte er sich nur einer Person gegenüber zum Abschiednehmen verpflichtet. Walter Jansen, sein engster und ältester Freund. Er wusste, dass er auf ihn zählen konnte, wenn es darum ging, den anderen seine Abreise zu erklären. Er fühlte sich einfach nicht dazu in der Lage, bei jedem Einzelnen vorbeizufahren und immer und immer wieder zu erläutern, warum er wegfuhr.

Er und Walter hatten sich vor Jahren beim Schauspielunterricht getroffen. Obwohl Lenny mehr als ein Jahrzehnt hart gearbeitet hatte, hatte er nie viel in der Schauspielbranche erreicht. In seiner Karriere hatte er lediglich kleine Rollen in ein paar Off-Off-Broadway-Stücken und ein paar Auftritte, ohne größeren Erfolg vorzuweisen.

Walter war größer als Lenny, sah besser aus, hatte eine bessere Figur und, wenn Lenny ehrlich zu sich selber war, war Walter auch wesentlich talentierter als er. Er war deshalb auch immer erfolgreicher gewesen als Lenny.

Er hatte einige kleinere Bühnenrollen und ein paar anständige Rollen in unabhängigen Low-Budget-Filmen ergattert. Vor wenigen Monaten hatte er sogar in einem Werbespot des nationalen Fernsehens mitgewirkt, der ihm in einem Monat mehr Geld eingebracht hatte als in den ganzen zehn Jahren zuvor.

Vor ein paar Jahren hatte Lenny aufgehört, zu Vorsprechen zu gehen und entschieden, dass er davon endgültig genug hatte. Die Enttäuschungen und die ständigen Misserfolge, etwas Bedeutungsvolles oder gar Künstlerisches als Schauspieler auf die Beine zu stellen, hatten ihm letzten Endes seine einstige Leidenschaft für dieses Genre ausgetrieben. Nachdem ihm bewusst geworden war, dass er auch nicht jünger wurde und seine Träume höchstwahrscheinlich niemals Früchte tragen würden, sah er einfach keinen Sinn mehr darin, sich selber etwas vor- und weiterzumachen, und doch fühlte er sich durch den Abschied von der Schauspielerei und die unbedeutende Nachtarbeit im Hotel noch leerer und unsicherer … nicht nur in Bezug auf sein Leben und seine Zukunft, sondern auch auf sich selbst.

Am Morgen, bevor er die Stadt verließ, war er schließlich zu Walter gefahren.

Walter hatte ihm die Tür mit einem um die Hüfte geschlungenem Handtuch und einem mit Rasierschaum verschmierten Gesicht geöffnet. Sein dickes Haar war nach dem Duschen noch nass, aber schon gestylt und ordentlich gekämmt gewesen.

»Komm’ rein. Später treffe ich mich noch mit dieser neuen Agentin, von der ich dir erzählt habe«, erklärte er ihm, während er Lenny durch das winzige Appartement zu einem ebenfalls engen Badezimmer führte. »Diese Tussi redet von weiteren nationalen Werbesendungen und regelmäßigen Sprechproben für Gäste, die im Netzwerk auftreten. Das klingt alles ganz schön verheißungsvoll.«

Nach Jahren großer Anstrengungen schien Walter jetzt offenbar endlich den Durchbruch geschafft zu haben. Obwohl Lenny ein wenig Eifersucht auf ihn nicht unterdrücken konnte, freute er sich dennoch aufrichtig für ihn.

»Hier passiert so viel Gutes im Moment und du lässt mich einfach sitzen.«

»Na, komm schon – ich lasse niemanden sitzen. Ich bin …«

»Deine Entscheidung, dich ganz von der Schauspielerei zu verabschieden, war falsch.«

Er verstummte und fuhr sich, vor dem Badezimmerspiegel stehend, mit einem Rasierer über sein Gesicht. »Auch jetzt machst du einen Fehler. Übrigens, herzlichen Glückwunsch! Abendessen und Kinobesuch gehen auf meine Kosten, wenn du wieder zurück bist.«

»Danke. Ich wollte nur eben „Tschüss“ sagen, bevor ich losfahre. Das ist alles.«

»Warum sagst du das denn so, als kämest du niemals zurück?«

»Weil ich vielleicht wirklich nicht zurückkomme.«

»Schwachsinn. Was willst du denn den ganzen Tag in irgendeinem Häuschen in Vermont machen?«

»New Hampshire.«

»Egal. Du bist schließlich ein waschechter New Yorker, Lenny. Die Stadt ist dir in Fleisch und Blut übergegangen.«

»Das war einmal … als ich noch geglaubt habe, es schaffen zu können.«

Walter stellte das Rasieren so lange ein, dass er mit seinem Rasierer auf das einzige Fenster im Zimmer zeigen konnte. »Dort draußen steht alles für dich bereit, du musst nur dranbleiben.«

»Für mich ist es vorbei! Ich weiß, wenn ich fertig bin.«

»Ich stehe kurz vor einem Treffen mit einer neuen Agentin, und du bist von Sylvia Plath inspiriert; mach was draus.«

»Okay. Ich mache es wie Tabitha und wälze mich nur im Dreck. Wie wär’s denn damit?«

»Das Thema Tabitha ist eine ganz andere Geschichte. Sie bringt dich irgendwann noch um.«

»Du kannst sie einfach nur nicht leiden.«

»Ich neige eben dazu, Menschen, die andere wie Dreck behandeln, nicht zu mögen.«

»Das Leben hat eben nicht so funktioniert, wie sie es sich erhofft hatte. Herrgott noch mal, sie ist eine Tänzerin mit klassischer Ausbildung. Nachdem sie sich ihr Knie verletzt hatte, war alles von jetzt auf gleich vorbei – einfach so. Und jetzt ist es ihr Beruf, Kaffee einzuschenken. Was glaubst du denn, wie sie sich dabei fühlt?«

»Ich mache mir aber um dich Sorgen.«

»Bei mir ist es doch nicht anders. Ich bin einer von zig gescheiterten Schauspielern.«

»Ihr hat das Schicksal wirklich übel mitgespielt. Aber du hast dich einfach selbst aus dem Rennen geworfen. Das Problem mit Tabitha besteht darin, dass sie immer mehr auf dich abfärbt. Du hättest sie nie bei dir einziehen lassen dürfen.«

»Tu mir bitte den Gefallen und schaue ab und zu mal nach ihr, in Ordnung?«

Er drehte sich vom Spiegel weg und sah ihn an. »Meinst du das etwa ernst? Tabitha hasst mich.«

»Dann tu es für mich.«

Walter stieß einen langen, dramatisch klingenden Seufzer aus. »Okay.«

»Ich fahre jetzt wohl besser los.«

Er schenkte dem Waschbecken erneut seine Aufmerksamkeit. »Was wirst du dort am Ende der Welt denn tun? Davon einmal abgesehen, die ganze Angelegenheit mit diesem Mädchen ist und war immer ein wunder Punkt von dir. Warum willst du den ganzen negativen Mist aus der Vergangenheit denn bloß wieder ausgraben? Was könnte dabei denn Gutes herauskommen?«

»Es ist einfach etwas, dass ich tun muss.«

»Schön, dann tu es eben.« Er rasierte sich weiter. »Fahre dorthin, schaue dir die Vögel und Kaninchen und den ganzen Mist, den die Menschen dort machen, an. Was immer sie dort auch tun. Mach alle sentimental wegen einer alten Freundin, die du vor einer Million Jahren kaum gekannt hast. Und wenn du von diesem Vergnügen irgendwann genug hast, dann verkauf den Krempel zu einem möglichst hohen Preis. Mit diesem Geld und meinem Honorar für den Fernsehspot könnten wir nämlich eine Produktion des Stückes auf die Beine stellen … so, wie wir das immer besprochen haben.«

»Ja«, sagte Lenny, war sich aber voll und ganz bewusst, dass er gerade log. »Sicher.« Walters Gesicht löste sich vor seinen Augen auf und verwandelte sich in Sheenas Antlitz. Er behielt es für ein Weilchen im Blick, bevor ihm auffiel, dass es sie als Neunzehnjährige zeigte – das einzige Bild, das Lenny jemals von ihr gekannt hatte.

Aus irgendeinem Grund war ihm noch nie zuvor aufgefallen, dass die Zeit in seiner visuellen Erinnerung an sie offenbar stehen geblieben und erheblich veraltet war. Vor ihrem Tod, als Sheena schon jahrzehntelang von ihm fortgegangen war, war sie eine knapp vierzig Jahre alte Frau gewesen.

Mein Gott, wo zum Teufel war nur die Zeit geblieben?

Er fragte sich, ob sie ihn als Neununddreißigjährigen erkannt hätte. Hatte sich sein Aussehen erheblich verändert? In ihren Augen wahrscheinlich schon. Wie hätte es auch anders sein können? Das Leben änderte schließlich jeden. Lenny fuhr daraufhin weiter und ließ die Stadt hinter sich.

***

Nach fast sechs unerträglich monotonen Stunden, in denen er durch Teile von Connecticut und Massachusetts gefahren war, kam Lenny endlich in New Hampshire an. Mehr als eine Stunde später stieß er auf einen großen Rastplatz, zu dem auch ein Imbiss und ein Informationszentrum gehörten. Auf der anderen Straßenseite befand sich am Straßenrand ein kleines Motel. Da der Imbiss noch geöffnet hatte, hielt er für einen kurzen »Boxenstopp« dort an. Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und außerdem seit einer kurzen Toilettenpause vor mehreren Stunden seine Beine nicht ein einziges Mal mehr ausgestreckt. Gemäß seiner Wegbeschreibung war er noch ungefähr dreißig Minuten von seinem Ziel, einer kleinen ländlichen Gemeinde namens Trapper Woods, entfernt.

Auf dem Parkplatz standen neben einigen Autos hauptsächlich Sattelschlepper und LKWs. Nachdem auf dem Highway nur wenig Verkehr geherrscht hatte, war Lenny über diesen regen Betrieb auf dem Parkplatz mehr als erstaunt.

Er stieg aus seinem Fahrzeug aus, zog seinen Mantel über und zündete sich eine Zigarette an. In New York war es schon kühl gewesen, aber hier war es bedeutend kälter. Nachdem er stundenlang nur die endlos langen und dunklen Autobahnen, über die er gefahren war, gesehen hatte, half ihm die kalte Luft jetzt, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nach ein paar schnellen Zügen schnipste er die Zigarette weg und ging über den schmutzigen Parkplatz zum Imbiss hinüber. Eine Leuchtreklame erhellte den Bereich so gut, dass Lenny auf seiner Armbanduhr die Uhrzeit lesen konnte. Es war genau 23:23 Uhr.

Er trat ein und wurde von einem warmen Luftstoß, kombiniert mit dem Geruch von gekochtem Kaffee und gebratenem Essen, begrüßt. Lenny schlängelte sich zur Theke durch, wählte einen Hocker und streckte dann seine Hand nach der laminierten Speisekarte aus, die zwischen zwei Serviettenspendern steckte. Er sah sich neugierig um: Überall Resopal und Edelstahl, ein grauhaariger, hastig arbeitender Schnellkoch in einer offenen Küche direkt hinter der Theke, zwei Bedienungen, die Teller mit dampfendem Essen balancierten und zahlreiche Reisende und LKW-Fahrer, die an den Tischen entlang des Thekenbereichs saßen. Rechts vom Eingang standen mehrere Video-Arcade-Spiele, Flipper und Automaten an den Wänden aneinandergereiht. Jenseits davon befanden sich die Toiletten. Die fetthaltige Luft war mit den Geräuschen von brutzelndem Fleisch, klirrenden Küchenutensilien, Tellern und ständigem Stimmengewirr erfüllt. In seinen Jahren als Schauspieler hatte er gelernt, Dinge genau zu untersuchen und Kleinigkeiten zu erkennen, die anderen vielleicht entgingen. Künstler zu sein bedeutete zu einem großen Teil auch, die Welt – jeden und alles – mit wachsamem Auge zu betrachten, immer darauf bedacht, alles, was sich vor einem abspielte, in sich aufzunehmen und zu beobachten. Jede Kleinigkeit konnte später in seiner Arbeit verwendet werden. Lenny öffnete die Speisekarte. Was mal meine Arbeit war, dachte er. Es war immer noch schwer, mit dieser Gewohnheit zu brechen.

Eine der Kellnerinnen erschien jetzt mit gezücktem Notizblock vor ihm. Lenny bestellte ein Puten Club-Sandwich und eine Cola, stützte sich auf die Theke auf und drehte seinen Kopf langsam hin und her, wobei seine Augen beiläufig von einer Person zur nächsten wanderten.

Zwei LKW-Fahrer, die sich offenbar kannten, saßen weiter unten an der Theke auf Hockern. Eine Frau mittleren Alters im Hosenanzug saß an einem anderen Tisch und telefonierte gerade mit ihrem Handy. Sie bemerkte seinen Blick und zog missbilligend eine Augenbraue hoch.

Er schaute hastig weg.

An einem weiteren Tisch verschlangen ein Mann und sein kleiner Sohn Cheeseburger, wobei sie ganz offensichtlich die Gesellschaft des anderen sehr genossen. Lenny erschien es sonderbar, dass der Junge zu dieser späten Stunde noch wach war. Vielleicht waren er und sein Vater ja gemeinsam auf einer Reise oder auf dem Rückweg von irgendeiner Veranstaltung und hatten sich zu einer kurzen Pause entschlossen, um eine Kleinigkeit zu essen. Vielleicht war es eine besondere Gelegenheit, die dem Jungen erlaubte, über seine Schlafenszeit hinaus wach zu bleiben. Möglicherweise hatte er ja heute auch Geburtstag, dachte Lenny. Es erinnerte ihn an die Zeiten, in denen er und sein Vater – nur sie beide – außer Haus essen gegangen waren. Dies waren seltene, aber erinnerungswürdige Vorkommnisse gewesen. Sein Vater war einige Jahre zuvor gestorben, und Lenny beneidete den kleinen Jungen insgeheim, der so voller Hoffnung und Unschuld bei einem Burger mit seinem Vater zusammensaß.

Als Lenny einen Blick zum Thekenende warf, sah er dort einen Mann an einem der Flipperautomaten im Nebenraum spielen. Der Mann, schlank und dünn, aber kräftig gebaut, war Anfang zwanzig und mit einer schwarzen Jeans, schwarzen Stiefeln, einem schwarzen Kapuzenshirt und einer schwarzen Lederjacke bekleidet. Sein ebenfalls schwarzes, dichtes und gewelltes Haar war straff aus der Stirn gekämmt, und er trug einen äußerst gepflegten Spitzbart. Eine dunkle Sonnenbrille baumelte vom Ausschnitt seines Sweatshirts herab, wo er sie zu einem früheren Zeitpunkt an diesem Tag befestigt und vielleicht dort vergessen hatte.

Die Kellnerin kam nun zurück und stellte einen Teller vor ihn hin. Sein Puten-Club-Sandwich thronte auf einem Berg dicker, vor Fett triefender Zwiebelringe. Er konnte schon jetzt das Sodbrennen spüren.

»Sonst noch was, Schätzchen?«

»Ich bin gerade auf dem Weg zu einer Stadt namens Trapper Woods. Wissen Sie, ob es dort anständige Motels gibt?«

»Dort gibt es keine Motels, schließlich wohnen in der ganzen Stadt gerade mal fünfhundert Einwohner.« Sie zeigte zu dem Motel auf der anderen Straßenseite. »Da drüben gibt’s aber eins.«

»Wie sind denn die Zimmer dort?«

Sie lächelte verschmitzt. »Schätzchen, wieso glauben Sie denn, dass ich das weiß?«

Lenny lachte und biss statt einer Antwort schnell in sein Sandwich.