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Torwart Roberto erhält einen Anruf, kurz vor dem Finalspiel um die Stadtmeisterschaft der Jugend von Rio de Janeiro. Es ist die Nummer seiner Freundin Isabella, aber ein Mann ist am Telefon: "Du sorgst heute dafür, dass ihr verliert! Wir haben deine Freundin und wenn sie ihr hübsches Gesicht behalten soll, dann tust Du, was ich Dir jetzt sage. "Flamengo" wird heute verlieren! Ich mache keine Scherze! Du wirst Bälle ins Tor lassen, damit deine Mannschaft verliert! Und Du wirst nach dem Spiel die Schnauze halten, hast Du verstanden, dann lassen wir Isabella frei. Falls ihr doch gewinnt, dann wird Isabella in Zukunft wie Frankensteins Tochter aussehen!" Dann ist Isabella am Telefon: "Roberto, sie haben mich entführt, die Männer machen mir Angst, sie haben Messer! Bitte tu, was sie von Dir verlangen! Hilf mir, Roberto, bitte hilf mir!" Roberto ist wie vor den Kopf geschlagen. Warum wollen die Männer, das "Flamengo" verliert? Sind das Anhänger von "Fluminense", die ihrer Mannschaft den Sieg verschaffen wollen? Dann durchzuckt ihn die Erkenntnis: "Es ist die Wett-Mafia", die mit einem Überraschungssieg viel Geld verdienen will!" Das Spiel wird live im Fernsehen übertragen. In der Favela Rocinha, in der Roberto mit seiner Familie lebt, verfolgen die Bewohner das Geschehen auf den Bildschirmen vor ihren improvisierten Häusern. "Flamengo" ist die Mannschaft der schwarzen Unterschicht von Rio, "Fluminense" wird dagegen von der weißen Oberschicht finanziert. Für die rivalisierenden Mannschaften geht es um alles. Parallel zum Spiel findet die größte Polizei-Razzia der Stadtgeschichte in der Favela statt. Die Spezialeinheit "BOPE" besetzt den Stadtteil und jagt die Gangster, die sich mit allem beschäftigen, was Geld bringt: Drogen, Prostitution, Raubüberfälle, Kidnapping. Jüngster Geschäftszweig ist die Manipulation von Fußballspielen, um am Wettschalter abzukassieren ...
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Fritz Sauer
Jugend unterm Zuckerhut
Fußball, Surfen, junge Liebe und die Wett-Mafia von Rio
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein mysteriöser Anruf.
Robertos Kindheit.
Das Mädchen Isabella.
Robertos Chance.
Isabella lernt Surfen.
Roberto verdient Geld mit seinem Hobby
Der Besuch bei der Magierin
Nachts in der Favela.
Karneval in Rio.
Wirre Träume.
Roberto und Isabella.
Hexenkessel Sambodromo.
Roberto spielt wieder Fußball.
Isabella wird zur „Rampensau“.
Endlich 16!
Wer wird „Miss Rio“?
Das große Duell.
Ein Mann und zwei Frauen.
Eifersucht.
Der verhängnisvolle Zeitungsartikel.
Der neue Mannschafts-Kapitän.
Roberto ist ein Schuft.
Das Fußball-Turnier.
Deutsche Journalisten kommen nach Rio.
Das Unglück.
Die Lage wird ernst.
Weiter geht’s.
Im Fußball-Stadion.
Mondnacht.
Sintflut.
Abschied von Rio.
Ein unerwarteter Anruf.
Der kleine Zocker.
Die Favela Rocinha.
Mehr als ein Fußballspiel.
Ein Stadtteil wird erkundet.
Eine böse Überraschung.
Ausflug zum Corcovado.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.
Der Countdown beginnt.
Die Stunde Null.
Ein gefundenes Fressen für die Medien.
Ein unverhofftes Wiedersehen.
Denkarbeit.
Das Versprechen.
Die Macht der Presse oder Die vierte Gewalt.
Epilog
Impressum neobooks
Robertos Handy spielt einen Trommelwirbel, auf dem Display erscheint die Schrift „Isabella“ und das Bild von einer hübschen, blonden Frau mit europäischen Gesichtszügen. Roberto steht auf dem grünen Rasen im Stadion von seinem Verein CR Flamengo, wo heute das Endspiel stattfindet um die Jugend-Fußball-Stadtmeisterschaft von Rio de Janeiro. Er wärmt sich gerade auf für das Spiel, dass in 90 Minuten beginnen soll. Gestern Abend hatte er sich nach einem gemeinsamen Abendessen von Isabella verabschiedet, und sie war nach Hause gefahren. Roberto drückt auf die grüne Taste: „Hallo Schatzi.“
„Roberto Marrom?“ fragt eine Männerstimme und Roberto sagt verwundert: „Ja, am Apparat.“
„Du sorgst heute dafür, dass ihr verliert! Wir haben deine Freundin, und wenn sie ihr hübsches Gesicht behalten soll, dann tust Du, was ich Dir jetzt sage! „Flamengo“ wird heute verlieren! Ich mache keine Scherze! Du wirst Bälle ins Tor lassen, damit deine Mannschaft verliert! Und Du wirst nach dem Spiel die Schnauze halten, hast Du verstanden, dann lassen wir Isabella frei. Falls ihr doch gewinnt, dann wird Isabella in Zukunft wie Frankensteins Tochter aussehen!“
Roberto ist geschockt. Wie kommt dieser Kerl an Isabellas Handy? Hat er es ihr geklaut?
Dann ist Isabella selbst am Apparat, sie weint: „Roberto, sie haben mich entführt, die Männer machen mir Angst, sie haben Messer, bitte tu, was sie von Dir verlangen! Hilf mir, Roberto, bitte hilf mir!“
Dann ist wieder der Mann am Telefon: „Hast Du jetzt verstanden? „Flamengo“ muss heute verlieren! Und danach hältst Du die Schnauze, sonst finden wir Dich, egal wo Du dich versteckst!“
Dann reißt die Verbindung ab.
Roberto ist der Sohn des in seiner Jugend berühmten Fußballspielers Ronaldo, der einmal die Hoffnung seines Vereins CR Flamengo gewesen war. Vater Ronaldo war damals der Torjäger der Mannschaft. Die Männer bewunderten ihn und die Frauen liebten ihn. Mit 26 Jahren aber rissen ihm die Kreuzbänder mitten im Spiel um die Meisterschaft. Beim Kampf um den Ball mit seinem Gegenspieler hatte er sein Knie verdreht und war gestürzt. Als Ronaldo zu Boden ging, rissen seine Kreuzbänder und er wand sich vor Schmerzen.
Er wurde operiert, aber es gab Komplikationen, er konnte keinen Hochleistungssport mehr treiben, seine sportliche Karriere war am Ende. Er konnte das Bein nicht mehr belasten und hinkte leicht.
Ronaldo stürzte von seiner sportlichen Höhe in eine tiefe Depression, er war verzweifelt und als sich seine Freundin einen anderen Torjäger angelte und ihn verließ, wollte er sich das Leben nehmen.
Seine Eltern wohnten am Rande der Favela Rocinha. Sie hatten nicht viel Geld, aber versuchten alles, um ihm zu helfen. Sie brachten ihn schließlich in die USA in eine Spezialklinik. Er wurde noch einmal operiert, und diesmal verlief die Operation erfolgreich. Nach 2 Jahren konnte er wieder normal gehen, aber seine Sportlerkarriere war dahin. Sein Verein half ihm, beruflich wieder Fuß zu fassen. Er wurde Jugend-Trainer des CR Flamengo, einem traditionsreichen Verein von Rio, der seine Anhänger in der schwarzen Unterschicht von Rio hat und dessen Nachwuchsspieler aus den Favelas der Stadt kommen. Der Verein gibt ihnen Hoffnung und Perspektive, jeder Junge aus den Elendsvierteln träumt davon, ein großer Fußballstar zu werden und dann berühmt und reich zu sein.
Lange lebte Ronaldo allein bei seinen Eltern in dem Haus am Hügel. Seine Mutter hätte gerne einen Enkel gehabt, aber Ronaldo wollte keine Frau mehr, die Enttäuschung mit seiner ersten Freundin hatte ihn tief getroffen. Er fürchtete sich vor einem neuerlichen Schmerz und ging den Frauen aus dem Weg.
Auf einem Vereinsfest lernte er Theresa kennen. Sie servierte dort Häppchen und Sekt auf einer Siegesfeier des Vereins, der gerade die Meisterschaft gewonnen hatte. Und da geschah das Wunder: Beide verliebten sich Hals über Kopf ineinander, und als er sie nach ein paar Monaten fragte, ob sie seine Frau werden wolle, sagte sie spontan: „Ja.“
Ein paar Jahre später kam Roberto auf die Welt und sein Vater beschloss sogleich, einen Fußball-Star aus ihm zu machen. Von Kindesbeinen an musste er trainieren, sein Vater wollte seinen eigenen Lebenstraum mit ihm verwirklichen. Roberto übte fleißig jahrelang, aber es zeigte sich, dass er nicht die gleiche Begabung für Fußball hatte, wie sein Vater. Er war nur guter Durchschnitt.
Bei der Fülle an Talenten, die es in jedem Stadtteil gab, reichte das nicht, um erfolgreich zu sein. Lange versuchte der Vater, ihn zu mehr Leistung zu zwingen, noch härter zu trainieren, aber die Altersgenossen im Verein waren besser, immer einen Tick schneller, trickreicher, schussstärker. Langsam sah der Vater ein, dass Roberto kein Super-Fußballer werden würde und wandte sich enttäuscht anderen Talenten zu, um sie zu fördern.
Roberto fühlte sich vom Vater abgelehnt und wurde verschlossen und bockig. Er hatte keine Lust mehr auf Fußballtraining. Fast immer gehörte er zu den Verlierern und oft gaben die Mitspieler ihm die Schuld. Weil er die meisten Zweikämpfe verloren hatte, weil er eine „todsichere Chance“ übers Tor gedonnert hatte, weil er nicht den Ball abgegeben hatte, usw. Er ging immer weniger zum Training und ließ sich immer neue Ausreden einfallen: Fuß verstaucht, Magenverstimmung, Schularbeiten und vieles mehr.
Die Vereinskameraden schossen plötzlich in die Höhe, kamen in den Stimmbruch, erster Bartflaum spross auf ihren Oberlippen, und Roberto war immer noch ein Junge mit krausen Haaren und zarter Haut. Manche Spieler waren jetzt einen Kopf größer als er, alle nannten ihn „den Kleinen“ und das machte ihn nicht glücklicher. Die anderen Jungen gaben an mit ihren wachsenden Muskeln und Barthaaren, nur Roberto konnte nichts dergleichen vorweisen.
Mittlerweile hasste er geradezu das gemeinsame Duschen nach dem Training und fühlte sich schwach und mickrig unter all den werdenden Machos mit ihrer sprießenden Körperbehaarung.
Nach der Schule ging er jetzt lieber zum Strand als zum Fußballtraining. Schwimmen und tauchen machten ihm Spaß, und eines Tages lernte er am Strand einen Mann kennen, der auf seinem Brett auf den größten Wellen ritt. Das sah sehr gefährlich aus, wenn der Mann unterhalb des Wellenkamms scheinbar mühelos dahinglitt und die Welle sich knapp hinter ihm überschlug.
Das sah toll aus und Roberto bewunderte ihn. Der Mann war braungebrannt, muskulös und lachte gerne, und er hatte es auch gerne, wenn man ihm bei seinem Wellenritt zuschaute und ihn bewunderte.
Wenn er wieder an Land kam, dann war er sogleich von anderen Surfern und jungen Frauen umringt, die ihn gut fanden. Zum Glück bildete er sich nichts darauf ein und wurde auch nicht eitel, wie viele seiner Sportkameraden. Er bemerkte sogar Roberto und lächelte ihm zu. Nach einer Woche stummer Bewunderung von Roberto fragte er ihn vor allen Leuten, ob er surfen lernen wolle. Roberto wußte gar nicht, wie ihm geschah und wurde rot, als sich alle Augen der Umstehenden auf ihn richteten.
War das ernst gemeint oder nur ein Scherz eines blöden Erwachsenen? Alle hatten wahrscheinlich erwartet, dass Roberto ein „Nein“ stammeln würde, aber statt dessen stieß er ein „Ja gerne“ hervor, und jetzt sah sich der Mann in der Pflicht und meinte schließlich: „Na gut, dann komm morgen um vier wieder hier zum Strand.“
Roberto konnte die ganze Nacht nicht schlafen vor Aufregung. Ob der Mann sein Versprechen wirklich wahr machen und ihm Unterricht geben würde?
In der Schule konnte er sich auch nicht konzentrieren, auch im Englischunterricht nicht, dabei war Englisch sein Lieblingsfach.
„The weather is nice today, isn´t it“ („Das Wetter ist schön heute, nicht wahr?“), fragte ihn sein Englisch-Lehrer und riss ihn aus seinen Tagträumen. „Yes“, antwortete Roberto und fügte noch schnell ein „indeed, very nice, let´s go to the beach and surf“ („Ja, in der Tat, sehr schön, lasst uns zum Strand gehen und surfen“) hinzu, und der Lehrer war zufrieden – ganzer Satz mit Inhalt und nicht nur ein simples „Yes“.
Endlich war die Schule aus und Roberto rannte nach Hause. Die Schule lag am Fuße des Hügels, auf der die Favela Rocinha gebaut war, bzw. sich den Hügel hochrankte wie eine Kletterpflanze, die sich überall festhakte, wo sie eine Möglichkeit dazu fand und sei sie auch noch so verwegen. Es gab nur eine einzige schmale Straße in die Favela und die endete bald auf einem Platz, wo das größte Haus der Favela stand. Hier residierte der Gangsterboss des „Comando Vermelho“, eine kriminelle Bande, die sich mit allem beschäftigte, was Geld brachte: Drogenverkauf, Prostitution, Raubüberfälle, Einbrüche, Kidnapping. Jüngster Geschäftszweig der Bande war die Manipulation von Fußballspielen, um damit am Wettschalter Geld zu verdienen. Sie hatten zu diesem Zweck sogar ein eigenes Wett-Büro im unteren Stockwerk ihrer Zentrale eingerichtet. Der Boss hatte die Macht im Viertel inne und herrschte dort wie ein König. Am Eingang seines Reiches hatte er Wachen postiert, die mehr oder weniger versteckt Pistolen trugen, das untere Ende des Hügels im Blick behielten und jeden genau musterten, der an ihnen vorbei wollte.
Je höher man in der Favela den Hügel hinauf ging, desto enger wurden die Gassen und schließlich wurden sie so eng, dass zwei Männer nur noch knapp aneinander vorbeikamen, ohne sich anzustoßen.
Roberto´s Vater hatte ihm eingeschärft, niemals allein zur Spitze des Hügels zu gehen, wo der tropische Regenwald wuchs, denn das sei zu gefährlich.
Die Polizisten, die gelegentlich eine Razzia im Viertel machten, würden sich auch nicht dorthin trauen, hatte sein Vater gesagt und Roberto hatte sich bis zum heutigen Tag daran gehalten.
Sein Vater war fast jeden Tag im Verein und trainierte die Jungen aus den Favelas der Stadt. Es gab viele Favelas in Rio, aber Rocinha war die größte und niemand wußte genau, wie viele Menschen hier lebten. Die Schätzungen reichten von 60.000 bis 120.000 Einwohnern.
Seine Mutter hatte oft einen Job als Bedienung oder als Küchenhilfe in Ipanema, dem berühmtesten Stadtteil von Rio, der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Favela Rocinha liegt.
Ein Lied hatte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Stadtteil Ipanema und seinen Strand berühmt gemacht: „The girl from Ipanema“, das Mädchen aus Ipanema, das sich in den Hüften wiegt und durch die Straßen spaziert. Das Lied war zwar schon ziemlich alt, Roberto´s Vater war noch ein Kind, als es zum ersten Mal im Radio gespielt worden war, aber da es um die Welt gegangen war, war es immer noch ein Wahrzeichen von Brasilien, von Rio, von Ipanema – je nachdem, wie weit man von Ipanema entfernt lebte.
Je weiter weg, desto klischeehafter wurde das Bild von Brasilien und seiner Kultur. Das Lied stand für das schöne Leben in Rio, für die Schokoladenseite der Stadt. Dabei war der Musikstil, in dem das Lied komponiert war, der Bossa Nova, nur eine von vielen Musikrichtungen, die es in Brasilien gibt, und der Samba ist eigentlich viel typischer und bedeutender für Rio. Samba ist die Musik der Nachfahren der ehemaligen Sklaven des Landes, die mit und für diese Musik leben und mit und in ihr ihre Träume, ihre Sehnsüchte und ihr Elend ausdrücken.
Die Sklaverei war 1888 in Brasilien abgeschafft worden. Roberto war ein Nachfahre der ehemaligen Sklaven von Brasilien. Sein Großvater war von Salvador de Bahia nach Rio gekommen, als er jung war und Arbeitskräfte in Rio gesucht wurden. Damals wurde viel gebaut in Rio: Häuser, Straßen, Tunnel und ein Fußball-Stadion, das Maracana heißen sollte. Sein Großvater hatte überall gearbeitet und mitgeholfen, die Bauwerke zu errichten.
Roberto ging von seinem Elternhaus den Hügel hinab nach Ipanema, vorbei an den vielen Cafés, wo die Touristen aus aller Welt saßen und genau das machten, was in dem Lied beschrieben wird, den wiegenden Hüften der Mädchen nachschauen, die durch die Straßen flanieren und zum Strand gehen oder von dort kommen.
Roberto hatte keinen Blick für die Mädchen sondern dachte nur an das Eine: Surfen!
„Ob ich es schaffe, auf dem Brett stehen zu bleiben? Oder gar auf einer Welle zu reiten?
Hoffentlich blamiere ich mich nicht! Hoffentlich lachen mich die Leute nicht aus!“
Um viertel vor vier war er schon am Surfer-Strand. Viele junge Männer waren da und machten ein paar gymnastische Übungen, einige, um sich warm zu machen für den Ritt auf den Wellen, andere, um ihren muskulösen Körper zur Geltung zu bringen, immer mit einem Seitenblick auf die Mädchen, die in Grüppchen zusammenlagen und ihrerseits ihre schönen Körper zur Geltung bringen wollten. Sie rekelten sich in der Sonne und zupften an ihren Mini-Tangas herum. Da durfte nichts verrutschen, denn die Bikinis waren knapp geschnitten, manche sogar sehr knapp.
Aber auch dafür hatte Roberto keinen Blick, er suchte mit den Augen den Mann, der ihm das Surfen beibringen wollte, konnte ihn aber nirgendwo entdecken – nicht am Strand und auch nicht im Wasser, wo gerade einige Surfer auf ihren Brettern hinaus paddelten, „ihrer Welle“ entgegen.
Es wurde vier Uhr, dann viertel nach vier, halb fünf, der Mann war nicht zu entdecken und blieb verschwunden. Roberto war tief enttäuscht, ging am Strand auf und ab und beobachtete die Surfer im Wasser. 200 bis 300 Meter vor dem Strand paddelten sie im Wasser und warteten auf eine geeignete Welle.
Ein Surfer – eine Welle, hieß die Regel, an die sich alle hielten, denn es wäre viel zu gefährlich, zu zweit auf einer Welle zu reiten, man konnte zu leicht zusammenstoßen oder sich gegenseitig behindern. Der Spaß war ja gerade, hin und her zu wedeln und das Gefühl zu genießen, der Herr der Welle zu sein.
Hier in Ipanema waren die Wellen nicht so hoch wie manchmal vor Hawai, wo manche Surfer auf Monster-Wellen reiten, die fast 7 Meter hoch sind und die den Wagemutigen geradezu erschlagen wollen mit ihren überstürzenden Wellenkämmen von Tausenden von Kilogramm Wasser.
Die besten Surfer schaffen es immer noch so gerade, unter den stürzenden Wassermassen hinwegzugleiten, und für manche ist gerade das der Nervenkitzel, den sie suchen. Aber manchmal gibt es auch schreckliche Unfälle - dann packen die Wasserpranken den Unglücklichen, wirbeln ihn herum und schlagen ihm sein Brett im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren.
Um 19:43 Uhr ging die Sonne unter und der Strand leerte sich, die Menschen gingen in die Bars, Restaurants und Apartments von Ipanema oder in ihre Behausungen in der Favela Rocinha.
Roberto schlenderte missmutig durch die Straßen. Der Mann hatte sich also doch nur einen Scherz mit ihm erlaubt: Blöder Kerl!
Er bog um eine Straßenecke und da kam der Mann ihm direkt entgegen und auf ihn zu: „Es tut mir leid wegen unserer Verabredung“, sagte er, „aber ich musste heute länger arbeiten, mein Kollege hatte einen Unfall und ich musste für ihn einspringen.“
Er streckte Roberto die Hand entgegen: „Ich heiße Paulo, und Du?“
Roberto sagte seinen Namen und war sofort wieder guter Laune.
„Ich arbeite hier in dem Sportgeschäft“, sagte Paulo und zeigte auf ein hell erleuchtetes Schaufenster, in dem alle möglichen Sportartikel zu sehen waren – Surfbretter, Taucheranzüge,
Harpunen, Sauerstoffflaschen und vieles mehr.
„Du kannst morgen direkt hierhin kommen. Ich hoffe, es klappt Morgen mit dem Unterricht.“
Roberto bedankte sich und dann trennten sich ihre Wege wieder. „Bis Morgen.“
Am nächsten Tag stand Roberto pünktlich um vier wieder vor dem Geschäft und breit grinsend kam ihm Paulo entgegen, zwei Surfbretter unter den Armen.
„Hier, mein altes Brett, das leihe ich dir.“
„Danke Paulo, das ist ja toll, vielen Dank!“
Gemeinsam gingen sie zum Strand, jeder sein Brett unter den Arm geklemmt.
Am Strand holte Paulo eine kleine Dose hervor: „Das ist Wachs, damit musst Du das Brett einreiben, damit Du einen guten Halt hast.“
Roberto tat, wie ihm geheißen und rieb das Board mit einem Lappen ein und tatsächlich, die Oberfläche wurde griffig.
„Dieses Band musst Du um deinen Knöchel legen und den Klettverschluss zumachen“, erklärte Paulo, „wenn Du vom Brett fällst, dann kannst Du es wieder zu dir ziehen und herauf krabbeln.“
Paulo zeigte ihm am Strand, wie man auf das Brett krabbelt und dann aufsteht, in den Knien einknickt und mit den Armen die Balance hält.
Sah ganz leicht aus am Strand, aber im Wasser war alles anders, viel, viel wackeliger.
Zwei Dutzend Mal fiel Roberto ins Wasser, bis er endlich stehen konnte und den Trick raushatte.
Paulo gab ihm dabei die richtigen Tipps: „ Beine breiter auseinander, mehr seitlich, tiefer im hinteren Bein, linker Arm nach vorne, den andern nach hinten und im Ellenbogen einknicken“, usw.
Langsam bekam Roberto ein Gefühl für das Brett unter seinen Füßen, und am Ende des Nachmittags schaffte er es, ein paar Meter auf einer schönen Welle zu reiten, bevor er wieder ins Wasser plumpste.
„Sehr schön, Roberto, so schnell wie Du habe ich das nicht gelernt. Du bist ein echtes Naturtalent“,
sagte Paulo, „aber das reicht für heute, sonst erkältest Du dich noch.“
Der Wind war zwar warm und das Wasser hatte etwa 27 Grad, aber auf die Dauer kühlt der Körper doch aus. Sonnenbrand konnte man auch kriegen, aber Roberto war Sonne gewöhnt, seine Haut tiefbraun und auch seine krausen Haare schützten seinen Kopf vor der Sonne, er brauchte keine Baseballkappe wie manche weißen Surfer, höchstens ein Stirnband mit Schirm, um von der Sonne nicht so geblendet zu werden.
Glücklich und stolz kam er wieder an Land: „Du bist ein Naturtalent“ hallte es in seinem Kopf wieder und in seinem Inneren jubelte es: „Ich bin ein Naturtalent, ich bin gut.“
Auf dem Rückweg machten sie noch an einem Imbiss Halt, und Paulo gab eine Riesenportion Pommes mit Ketchup und eine Kokosnuss aus. In die große, grüne Kokosnuss hackte der Verkäufer oben mit einer Machete ein Loch und steckte einen Strohhalm hinein, bevor er jedem eine überreichte.
Die Milch der Kokosnuss schmeckte herrlich nach der Anstrengung und die Pommes waren voll gut, selbst gemacht aus Kartoffeln. Als die Nuss leer war, gaben sie sie an den Verkäufer zurück und der köpfte sie mit einem präzisen Schlag.
Innen war sie schneeweiss und voller Kokosfleisch. Mit seiner Machete schlug der Verkäufer noch einen kleinen Spatel aus dem Deckel und reichte alles zurück. Mit dem Spatel schabten sie die zarte Innenhaut der Nuss ab und aßen sie mit Behagen.
„Das ist gut für den Magen und sehr nahrhaft“, sagte Paulo, „surfen macht hungrig!“
Nach einer Woche konnte Roberto Wellenreiten, nach zwei Wochen konnte er gut surfen, und am Ende des Sommers war er ein Crack auf dem Surfbrett. Er bekam viel Lob von seinem Trainer und viel Anerkennung von seinen Sportkameraden am Strand und wurde selbstbewusster.
Als seine Mutter die Veränderungen bei ihrem Sohn mitbekam und seine Begeisterung spürte, fragte sie so lange nach, bis er ihr alles erzählte. Am nächsten Sonntag packte sie einen schönen Picknick-Korb, nahm seinen jüngeren Bruder Alberto an die Hand und ging mit ihren beiden Söhnen zum Strand. Albertos linkes Bein war seit seiner Geburt vier Zentimeter kürzer als sein rechtes Bein und er hinkte ein wenig. Er konnte nicht so schnell laufen wie die anderen Kinder und hatte deshalb das Fußballspielen aufgegeben. Sein Großvater hatte ihm das Schachspielen beigebracht und von Jahr zu Jahr war er besser geworden. Inzwischen war er ein gleichwertiger Gegenspieler für seinen Großvater und beide spielten oft miteinander.
Alberto und seine Mutter staunten nicht schlecht, als Roberto ihnen Paulo vorstellte und beide anschließend aufs Meer hinaus paddelten, um bald darauf stehend auf einer Welle wieder an den Strand zu kommen. Ein paar Mal wiederholten sie das Spiel, und Paulo zeigte sogar ein paar Kunststücke: Auf einem Bein surfen und Handstand auf dem Brett.
Dann packte Robertos Mutter das gute Essen aus und alle futterten, bis der letzte Krümel vertilgt war: Reis mit Bohnen, Hähnchenkeulen und frisches Weißbrot. Zum krönenden Abschluss gab es noch warmen Milchkaffee und selbst gebackenen Kuchen.
„Vielen Dank Herr Paulo, dass Sie meinem Sohn so viel beigebracht haben“, sagte seine Mutter dankbar zu Paulo und Paulo lachte: „Ich habe ihm nur gezeigt, wie es geht, gelernt hat er es selber. Er ist ein Naturtalent, sehr begabt.“
Roberto platzte fast vor Stolz, und auch seine Mutter war beeindruckt.
Zuhause erzählte sie es gleich ihrem Mann, als er vom Sonntags-Spiel kam. Vater Ronaldo konnte es erst nicht glauben, dass sein Sohn ein sportliches „Naturtalent“ sein sollte. Hatte er sich nicht jahrelang vergeblich mit ihm abgemüht, um aus ihm einen Torjäger zu machen, wie er selber einmal einer gewesen war? Aber neugierig war er doch und bei nächster Gelegenheit ging er mit Roberto zum Strand.
Roberto war ganz aufgeregt, als ihm der Vater zuschaute, wie er sein Brett startklar machte. An dem Tag gab es ziemlich große Wellen mit Schaumkronen oben drauf und die Anfänger und die Klugen blieben lieber an Land.
„Der Wind ist heute sehr böig“, sagte Paulo, „es wäre klüger, heute nicht rauszugehen.“
„Aber mein Vater ist heute mitgekommen, ich möchte ihm zeigen, was ich bei dir gelernt habe“, entgegnete Roberto und wurde noch aufgeregter.
Paulo verstand ihn, aber seine Erfahrung sagte ihm, dass es heute auf dem Meer gefährlich war.
„Er kann ein andermal kommen und gucken“, brummte Paulo.
„Er hat nicht soviel Zeit für mich“, murmelte Roberto und war den Tränen nahe.
„Na gut“, gab Paulo nach, „aber dann nimmst Du mein Brett, das hat einen gepolsterten Rand und eine Sicherheitsfinne, und ich nehme mein altes Brett mal wieder in Gebrauch.“
Roberto wischte sich über die Augen und strahlte wieder.
„Du bist mein bester Freund, Paulo, danke.“
Dann paddelten beide hinaus aufs Meer, wo nur ein paar hartgesottene Surfer unterwegs waren. Während sie hinaus paddelten, nahm der Wind noch zu.
„Du startest zuerst“, sagte Paulo, „dann kann ich dir notfalls noch zu Hilfe kommen.“
„Okidoki“, grinste Roberto und da sah er „seine Welle“ auch schon heranrollen und machte sich bereit zum Entern.
Die Welle rauschte heran und er erwischte sie im richtigen Moment, erhob sich auf dem Brett und begann den Tanz am Abgrund. Er hatte keine Angst vor der Welle, dafür war er viel zu jung und unerfahren. Die Welle versuchte, ihn zu packen und umzureißen, aber Roberto hielt dagegen, wedelte am Wellenhang hin und her und war schon fast wieder am Strand, als der Wind plötzlich zuschlug.
Eine Riesenkraft fegte Roberto vom Brett und dann schlug die Welle auf ihn ein wie ein Berserker, rasend vor Wut über seine Respektlosigkeit, ihr auf der Nase herum zu tanzen.
Er bekam einen Schlag gegen die Rippen, sein Brett hatte ihn mit der Seite getroffen und er verspürte einen stechenden Schmerz. Er bekam das Brett zu fassen und klammerte sich instinktiv daran fest. Die Wucht der Welle drückte beide in die Tiefe und im Kreis herum, Roberto wusste nicht mehr, wo oben und wo unten war und hielt die Luft an. Dann spürte er wieder das Stechen im Brustkorbbereich: „Meine Rippen sind gebrochen“, schoss es ihm durch den Kopf, „Luft, um Himmels Willen Luft, Vater unser, hilf mir.“
Die Welle war an den Strand gedonnert und hatte sich dort schäumend ausgetobt, im Wellental tauchte Roberto mit seinem Brett auf und schnappte nach Luft, bevor die nächste Welle ihn packte und Richtung Strand schleuderte. Der Rücklauf der Welle wollte ihn schon wieder ins Meer ziehen, da packten ihn starke Arme und hielten ihn fest. Sein Vater und ein anderer Surfer standen im Wasser und hielten ihn fest, aber da kam schon die nächste Welle und warf alle durcheinander. Das Brett war jetzt zu einer gefährlichen Waffe des Meeres geworden, mit dem es erbarmungslos zuschlug. Der andere Surfer löste blitzschnell den Klettverschluss an Robertos Bein und warf das Brett so weit er konnte seitlich von sich in Windrichtung, sodass es erstmal außer Reichweite war und mit der nächsten Welle an Land geschleudert wurde, wo ein weiterer Surfer das Band erwischte, bevor das Brett wieder zurück in die Brandung gezogen werden konnte.
Mit den vereinten Kräften von allen herbeigeeilten Sportlern gelang es, Roberto an den Strand zu ziehen. Sein Vater kniete neben ihm, nahm seinen Kopf auf seine Oberschenkel, strich ihm die nassen Haare aus dem Gesicht und flüsterte: „Gott sei Dank, Roberto, Du lebst.“
Paulo erwischte es ebenfalls schlimm. Die alte Finne hielt dem Druck von schwerem Mann und starker Welle nicht mehr stand und knickte seitlich ab, jetzt konnte Paulo nicht mehr steuern, hatte plötzlich keinen Druck mehr auf dem Brett, dass unter seinen Füßen wegrutschte. Er versuchte wegzutauchen, aber kam nicht schnell genug in die Tiefe, das Brett erwischte ihn am Kopf und er sah Sterne, die in seinem Schädel explodierten. Ein, zwei Sekunden verlor er die Besinnung, dann machte ihn das Wasser und das plötzliche Bewusstsein der Gefahr hellwach. Er tauchte auf, zog blitzschnell das Brett zu sich und schwang sich lang darauf.
Die nächste Welle rollte heran, aber auf dem Meer waren die Wellen nicht so gefährlich wie in der Brandung am Strand. Paulo, der sich am Brett festklammerte, wurde hoch gehoben, geschüttelt und dann ging es kopfunter ins Wellental.
„Ich muss bis zur Brandung zurück paddeln, den Klettverschluss lösen und dann seitlich gegen Wind und Welle Abstand zum Brett gewinnen, damit es mich nicht nochmal erwischt“, fuhr es ihm durch den Kopf.
In seinem Kopf fingen ein Dutzend kleine Männer an mit Hämmern und Piken von innen an seinen Schädel zu klopfen, als wollten sie ein Loch nach draußen frei schlagen. Er fasste sich an die Stelle am Kopf. Aus einer Platzwunde floss Blut und lief ihm über das Gesicht.
„Verdammt, ich muss an Land, bevor ich soviel Blut verliere, das ich ohnmächtig werde und ersaufe“, schoss es ihm durch den Kopf. „Höchste Lebensgefahr“, meldete sein Gehirn an seine Organe und schüttete einen mächtigen Stoß Adrenalin ins Blut.
So schnell er konnte, paddelte er zurück bis zur Brandung, dann löste er das Band und schwamm seitlich weg. Die nächste Welle packte das Brett und schleuderte es Richtung Strand. Beim Rücklaufen zog sie es wieder mit sich ins Wasser und die nächste Welle spielte mit ihm Katz und Maus.
Inzwischen hatten die Leute am Strand ein Seil mit einem gelben Auftriebskörper herbeigeschafft und warteten, bis Paulo in Wurfweite war. Dann schleuderte ein geübter Werfer das Seil mit dem Ball um den Kopf wie ein Hammerwerfer und ließ im richtigen Moment los. Der Ball flog fast 25 Meter weit und klatschte neben Paulo ins Wasser. Der ergriff das Seil, schlang es um seinen Brustkorb und mit der nächsten Welle zogen ihn alle mit vereinten Kräften an Land.
Inzwischen war auch ein Rettungswagen eingetroffen und Paulo und Roberto wurden ins Krankenhaus gebracht. Vater Ronaldo fuhr auch mit und hielt die Hand seines Sohnes. Im Krankenhaus wurden die beiden Surfer ärztlich versorgt, Paulo erhielt einen Kopfverband nachdem die Wunde genäht war. Roberto wurde in den Röntgenraum gebracht.
„Sie haben viel für meinen Sohn getan“, sagte Vater Ronaldo zu Paulo während sie auf das Ergebnis der Untersuchung warteten, „ich danke Ihnen. Surfen ist wohl noch gefährlicher als Fußball.“
Ihm saß der Schreck noch in den Knochen, aber Paulo grinste schon wieder: „Was uns nicht umbringt, macht uns klüger. Wir hätten bei dem Wetter nicht rausgehen dürfen, es ist meine Schuld, tut mir leid.“
„Und warum seid ihr trotzdem aufs Meer hinaus?“, fragte Robertos Vater.
„Roberto wollte unbedingt seinem Vater zeigen, was er kann. Er hatte Angst, dass die Gelegenheit so schnell nicht wieder kommt, denn sein Vater hat nicht viel Zeit für ihn.“
Vater Ronaldo war betroffen: Die Beiden hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt, nur um ihn zu beeindrucken.
„Ich habe wohl viel falsch gemacht“, sagte er mit belegter Stimme, „es tut mit leid, ich werde versuchen, es wieder gut zu machen.“ Und er nahm sich fest vor, in Zukunft besser mit seinen beiden Söhnen umzugehen und ihnen mehr Zeit zu widmen.
Roberto kam mit einer dicken Bandage um die Brust aus dem Behandlungsraum, sein Vater nahm ihn in die Arme und drückte ihn vorsichtig an sich.
„Mein Sohn, ich bin ja so glücklich, dass Du lebst.“
„Roberto hat Glück gehabt“, sagte der behandelnde Arzt, der Roberto gefolgt war, „nur eine Rippe ist angebrochen, das wird bald wieder verheilen. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“
Vater Ronaldo zückte sein Portemonnaie, holte seine Karte heraus und bezahlte beide Rechnungen.
„Nur aus Schaden wird man klug“, dachte er und sah das verlorene Geld als seine Buße an.
Am nächsten Morgen stand ein Bericht in der Zeitung über den Sturm mit Windböen bis zu 100 Stundenkilometern und dass zwei Surfer mit Verletzungen ins Krankenhaus gekommen seien. Ein Surfer wurde noch vermisst. Es besteht aber wenig Hoffnung, dass er den Sturm überlebt hat, stand da zu lesen.
Isabella hatte das ganze Jahr über in der Samba-Schule trainiert. Sie träumte davon, Fahnenträgerin von Sao Clemente zu werden und den Karnevalszug durch das Sambodromo anzuführen. Das war eine große Ehre und brachte derjenigen viel Anerkennung, die es gut machte. Einmal war eine Fahnenträgerin aus dem Takt geraten und hatte die Choreografie verstolpert. Alle waren sauer auf sie gewesen, bevor allmählich Gras über die Sache gewachsen war und die Sorgen des Alltags wieder die Oberhand über das tägliche Leben bekamen.
Im Oktober wurde Isabella 14 und in den 10 Monaten seit dem letzten Sommer hatte sie sich verändert. Sie war gewachsen, und zwar überall und ihre Brüste zeigten an, dass sie kein Kind mehr war.
„Unsere Isabella wird erwachsen“, hatte ihre Mutter ein ums andere Mal gesagt, wenn sie wieder eine Veränderung bemerkt hatte.
Ihre Mutter hatte sie schon frühzeitig aufgeklärt und gesagt, was es bedeutet, in die Pubertät zu kommen, und auch in der Schule sprachen die Mädchen darüber, die meisten hatten schon ihre monatlichen Blutungen. Als Isabella eines Morgens Blut bemerkte, das ihre Beine hinunterlief, dachte sie triumphierend: „Jetzt bin ich eine Frau, endlich, jetzt beginnt ein anderes Leben.“
„Mama, Mama, ich habe meine Tage“, rief sie und lief in die Küche, wo ihre Mutter gerade das Frühstück bereitete.
Ihre Mutter erfasste die Lage sofort: „Im Bad findest Du alles, was Du jetzt brauchst, Du weisst ja, wo die Tampons und Slipeinlagen liegen.“
Und dann ermahnte sie ihre Tochter, sich nicht mit jungen Männern einzulassen und sich Zeit zu lassen bis zu ihrem 16. Lebensjahr und Isabella versprach es ihr, hoch und heilig.
Je größer Isabellas Busen wurde, desto mehr veränderten die jungen Männer in ihrer Umgebung ihr Verhalten. Ihre Augen tasteten ihren Körper ab und je runder sie wurde, desto bewundernder wurden die Blicke der Männer.
Ihr Trainer fragte sie, wie alt sie denn jetzt sei, und als sie „14“ sagte, meinte er: „Im nächsten Jahr könntest Du vielleicht die Fahne der Schule tragen.“
Isabella war wie elektrisiert: Die Fahne tragen, ihr Traum, vorne weg tanzen, im Rampenlicht stehen, im Fernsehen übertragen werden, berühmt werden. Herrlich! Sie schwebte im 7. Himmel und auch ihre Eltern waren begeistert: Ihre Tochter sollte die Fahne der Schule tragen, welche Ehre!
Im nächsten Jahr trainierte sie unermüdlich die neue Choreografie und das Samba-Lied der Schule.
Jedes Jahr wurde eine neues Motto für den Tanz durch das Karnevals-Stadion „Sambodromo“ ausgesucht, und alle teilnehmenden Samba-Schulen mussten ein Lied schreiben, eine Choreografie einstudieren, 7 Karnevalswagen bauen und Tausende von Kostümen schneidern.
Es ging für die Schule um den Aufstieg in die erste Liga der Samba-Schulen und das Motto hieß: „Ein musikalisches Abenteuer“. Über 3000 Tänzer waren in der Samba-Schule Sao Clemente aktiv, und jeder musste ein Kostüm haben und die Choreografie lernen.
Eine Gruppe stellte die Figuren aus dem Musical „Phantom der Oper“ dar, eine andere die „Zauberer von Oz“. Lange überlegte Isabella, welcher Gruppe sie sich anschließen sollte und dann entschied sie sich für die „Zauberer von Oz“. Sie wollte unbedingt die Hauptdarstellerin Dorothy spielen, die von ihrem heimatlichen Bauernhof in ein Hexenland verschlagen wird und suchte im Schuhschrank ihrer Mutter nach roten Schuhen, die in der Geschichte eine magische Rolle spielen.
Sie fand ein Paar hochhackige rote Schuhe und probierte sie gleich an. Sie waren noch zwei Nummern zu groß und Isabella musste viel Watte in die Spitze stopfen. Aber laufen konnte sie darin überhaupt nicht, das war vielleicht ein komisches Gefühl, wie auf Zehenspitzen gehen und total kippelig. Das musste man echt üben.
Nachdem sie eine Stunde in der Wohnung geübt hatte, ging es besser, aber danach taten ihr die Füße weh und sie stellte die Schuhe erstmal wieder in den Schrank.
Ah, was für eine Wohltat, barfuß zu gehen!
Jeden Tag übte sie, in den roten Schuhen zu gehen, denn die waren für die Rolle sehr wichtig, sie hatten Zauberkräfte. Dann traute sie sich auf die Straße und stakste in Richtung Einkaufszentrum. Sie kam an einer Baustelle vorbei, wo Arbeiter ein Loch in die Straße gebuddelt hatten, um eine Wasserleitung zu erneuern. Sie stöckelte an der Baugrube vorbei und die jungen Männer schauten hoch, als sie das Klackern ihrer Absätze hörten. Sie sahen Isabella von unten mit den hohen Hacken vorbeigehen und pfiffen ihr anerkennend hinterher. Das war das erste Mal, das sie so etwas erlebte und sie glaubte, dass auch diese Schuhe etwas Magisches hätten, oder warum sonst zogen sie die Blicke der Männer so auf sich?
Als sie wieder vor dem Eingang des Hochhauses stand, wo sie mit ihren Eltern wohnte, kam ihre Mutter gestresst von der Arbeit zurück, sah sie mit den roten Schuhen heran stöckeln und gab ihr spontan eine Ohrfeige.
„Was machst Du mit meinen Schuhen“, schrie sie, „das sind meine besten Pumps, damit hab ich deinen Vater kennengelernt, da lässt Du gefälligst die Finger davon!“
Isabella heulte los, sie hatte doch gar nichts gemacht, was soll die Aufregung wegen ein Paar roter Schuhe? Sie schleuderte die Slippers von den Füßen, lief barfuß ins Haus, die Treppe hoch, in ihr Zimmer, knallte die Tür zu und heulte los. Dass Mama so gemein sein konnte!
Später kam ihre Mutter herein und sagte, es täte ihr leid wegen der Ohrfeige, aber die roten Schuhe würde sie trotzdem nicht bekommen.
„Aber es ist doch für mein Kostüm im Karnevalszug“, schluchzte Isabella, „ich brauche doch rote Schuhe für die Rolle der Dorothy.“
Jetzt verstand ihre Mutter und war erleichtert. Sie nahm sie in den Arm und alles war wieder gut.
Bei nächster Gelegenheit gingen Mutter und Tochter shoppen im nahe gelegenen Einkaufsparadies von Botafogo. Dort konnte man alles bekommen, was man für Geld kaufen kann. Die vielen, die kein Geld hatten, schlenderten nur durch die Einkaufspassage, schauten sich die Auslagen in den Schaufenstern an, drückten sich die Nasen platt und schwelgten in der Vorstellung, dass sie sich dies und das irgendwann einmal kaufen würden.
Bald fand Isabella nicht nur ein Paar Schuhe, das ihr gefiel, sondern gleich drei. Sie konnte sich nicht entscheiden, aber ihre Mutter bestand darauf.
„Ein Paar rote Schuhe ist genug, nimm diese mit den halbhohen Absätzen, da kannst Du gut drin laufen und die sehen trotzdem chic aus.“
Die Schuhe hatten vorne noch ein rotes Schleifchen drauf und sahen fast so aus wie bei der Dorothy im Film. Isabella fand eigentlich die hochhackigen Slippers schöner, aber ihre Mutter war strikt dagegen.
„Damit kannst Du nicht durchs Sambodromo laufen und den ganzen Abend tanzen“, sagte sie bestimmt und Isabella ließ sich widerwillig überreden.
Dann fand ihre Mutter auch noch ein Paar süße Schuhe für sich und konnte nicht widerstehen, am Ende gingen sie beide mit einem Schuhkarton nach Hause.
Im Oktober wurde Isabella 15 und von Monat zu Monat blühte sie mehr auf. Sie hatte ihr blondes Haar noch länger wachsen lassen und es bildete einen schönen Kontrast zu ihrer gebräunten Haut und ihren blauen Augen. Das blonde Haar, die blauen Augen und den kühlen Verstand hatte sie von ihrem Vater geerbt, ihr Großvater und ihre Großmutter väterlicherseits waren vor rund 80 Jahren aus Deutschland eingewandert, als eine große Wirtschaftskrise Deutschland ins Chaos gestürzt hatte. Die Eltern ihrer Mutter waren dagegen von Spanien nach Brasilien ausgewandert, als ein Bürgerkrieg das ganze Land erschütterte und General Franko die Macht ergriff. Von ihrer mütterlichen Seite hatte Isabella das südländische Temperament, die stolze Haltung und die rassige Figur geerbt.
Nach Weihnachten begann die heiße Phase der Vorbereitungen auf den Karnevalsumzug. Jetzt wurde drei Mal die Woche geprobt. Eine neue Tänzerin kam hinzu und es hieß, sie sei eine Verwandte des Chefs. Sie hieß Dandara, war fast zwei Jahre älter als Isabella und war äußerst attraktiv und üppig. Braune Haut von Natur aus, leuchtende braune Augen und wildes, dunkles Haar. Sie tanzte mit Leidenschaft und war in der gleichen Gruppe wie Isabella. Auch sie wollte die Dorothy spielen und die Fahne tragen, und mehr und mehr wurden die beiden jungen Frauen zu Rivalinnen beim Kampf um die Spitzenposition.
Isabella hatte inzwischen ihr Kostüm vollständig zusammen und sah hinreißend aus in ihrem Röckchen, mit ihren Zöpfen und den roten Schuhen.
Manchmal zog sie alles schon zu Hause an, marschierte durch die Wohnung und übte zum hundertsten Mal ihre Schritte und Drehungen. In ihrer Fantasie hatte sie die Fahne der Schule in der Hand und zog schon durchs Sambodromo. Sie hörte den Beifall der Massen und sah die Fernsehkameras auf sich gerichtet - bald schon würde sie über die Bildschirme tanzen in ihren roten Schuhen, da war sie sich ganz sicher.
In ihre Tagträume platzte plötzlich ihr Vater, der ausnahmsweise einmal früher aus dem Autohaus, das er leitete, nach Hause gekommen war.
Sie stand am Fenster und drehte ihm den Rücken zu, als er ins Wohnzimmer trat.
