Jules - Friedrich Wolf - E-Book
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Jules E-Book

Wolf Friedrich

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Beschreibung

Jules ist eine packende Erzählung über das menschliche Schicksal im Angesicht des Grauens des Zweiten Weltkriegs. Im Camp du Vernet, einem französischen Straflager für politische Gefangene, erlebt der Leser die Geschichte von Jules, einem polnischen Juden und Lederarbeiter, der sich trotz der schrecklichen Bedingungen seine Menschlichkeit bewahrt. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit kämpft Jules nicht nur gegen die brutalen Aufseher, sondern auch gegen die eigene Krankheit und die Verzweiflung. Durch seine Freundschaft mit dem Erzähler, einem deutschen Arzt, wird Jules' unbändiger Lebenswille und sein Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit lebendig. Diese ergreifende Erzählung, basierend auf wahren Begebenheiten, ist eine bewegende Mahnung, die Lehren der Geschichte nie zu vergessen und die unerschütterliche Kraft des menschlichen Geistes zu ehren. Ein zeitloses Werk, das nun als E-Book neu aufgelegt wurde, um die Erinnerung an diese dunkle Zeit lebendig zu halten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 54

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Friedrich Wolf

Jules

Eine Erzählung aus dem Camp du Vernet

ISBN 978-3-68912-052-8 (E–Book)

Die Erzählung ist 1941 entstanden.

Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.

© 2024 EDITION digital®

Pekrul & Sohn GbR

Godern

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Pinnow

Tel.: 03860 505788

E–Mail: verlag@edition–digital.de

Internet: http://www.edition-digital.de

Jules

Schreib alles, alles; sag ihnen die Wahrheit,

die ganze Wahrheit!

Als wir einhundertfünfzig Politische zum ersten Mal in unsere Baracke traten, waren wir – wenn man so sagen darf – förmlich geblendet von der Finsternis, die uns entgegenschlug. Es war eine alte brüchige Holzbude, noch aus den Beständen des ersten Weltkrieges. Ein muffiger Dunst hauchte uns an. Irgendwo mussten Menschen liegen. Wir streiften mit dem Gesicht regenfeuchte Mäntel und Röcke. Auch hörten wir aus dem Dunkel heftig einladende Zurufe in Spanisch, Italienisch, Polnisch und Deutsch, uns nicht zu genieren, sondern die neue Wohnung nur munter zu betreten! Es lagen dort schon fünfzig Mann der spanischen Internationalen Brigaden, die bei Kriegsausbruch aus den alten Lagern in dieses entlegene Konzentrationslager am Rande der Pyrenäen überführt waren.

Wir sahen noch immer nichts. Wir standen noch immer, unser ärmliches Gepäck in den Händen, verwirrt vor dem wilden Stimmenwirbel, der von oben auf uns eindrang. Die Interbrigadisten hatten als alte Fachleute natürlich die Boxen der oberen Etage besetzt – wir stießen uns irgendwo an Arbeitsgerät, an Zuschlaghämmern, Kreuzhauen und Spaten.

Schließlich erscholl von oben die freundliche Mahnung: „Meine Herren, in diesem Campo kommt das Bett leider nicht von alleine auf den Menschen zu!“

Ein anderer droben ahmte eine elektrische Klingel nach. „Die Herren warten gewiss auf den Kellner oder das Zimmermädchen? “

Wir stürzen nach vorn. Wie schnell man auch ohne Augen sehen lernt! Im Nu sind alle freien Plätze der Baracke von uns belegt, oben und unten. Jeder haut sein Gepäckstück dorthin, wo es ihm am besten scheint. Man kriecht hinauf, man schreit: „Ernst, wo bist du denn? Hierher, Frieder! Ralph, Ottar, Alek … hier oben ist’s erstklassig, direkt Eiffelturm mit Blick auf die Pyrenäen … mehr rechts ist der Lift, hierher, gib deine Klamotten und die Hand … ruck, zuck, na, siehst du!“ Tatsächlich, wir haben einen erstklassigen Platz erbeutet, ein „Oberbett“, das heißt, für jeden einen Lebensraum von etwa drei Quadratmetern Holzdiele, die sich biegt, wenn man drauftritt; altes Stroh mit Disteln und hartem Schilf liegt noch dort; aber in der bretternen Außenwand der Baracke ist ein Stückchen herausgebrochen, und von dort kommt ein Streifen Licht des regnerischen Oktobernachmittags. Waren wir vor fünf Minuten noch ganz fassungslos über diesen finsteren, feuchten kalten Stall, der von heute an – wer weiß wie lange – Tag und Nacht unsere Behausung sein sollte, jetzt haben wir ein „Oberbett“, und das bedeutet: nicht wir bekommen bei jeder Bewegung den Dreck und Strohstaub auf den Kopf, sondern unsere Untermänner. Ja, wir haben sogar ein Lichtloch, durch das zwar der Pyrenäenwind bläst und immer wieder eine Regenbö hineinfaucht; aber mit hinein dringt Licht! Und gute Kerle liegen neben einem: Ernst, der Jugendgenosse, Alek, der Arzt von der tschechischen Grenze, Ralph, der Hamburger Junge; auch auf der anderen Seite lagern Kameraden.

Bloß rechts, unmittelbar neben mir, hat sich etwas Fremdes eingenistet. Es ruht dort in sich zusammengerollt, mit einem dünnen schwarzen Mäntelchen bedeckt, eine nicht zu identifizierende Gestalt. Jedenfalls keiner der Unsern. Es ist aber in jeder Hinsicht erwünscht, dass wir hier oben „unter uns“ bleiben.

Ernst sagt zu mir: „Er soll mit Alek, der an unserem linken Flügel liegt, tauschen! Da fangen schon die Polen an!“

Ich wende mich dem zusammengerollten Mäntelchen zu, stoße es sanft in die Rippen. „Du, Kamerad, würdest du nicht mit einem dort links oben den Platz wechseln? Wir alte Bekannte möchten zusammenliegen.“

Ein böses Knurren, begleitet von einem undefinierbaren Fluch, ist die Antwort.

Das Mäntelchen rollt sich noch fester zusammen.

Der Sergeantchef der Garde mobile schreit durch die Baracke: „Rassemblement!“ Wir treten an und werden in Sektionen zu je sechzig Mann eingeteilt. Der Kommandant unseres Quartiers von zehn Baracken oder zweitausend Gefangenen gibt uns bekannt: dieses Camp sei ein militärisches Straflager; wer sich nach Anbruch der Dämmerung auf zehn Meter dem Stacheldraht nähere, auf den werde ohne Warnung geschossen! – Dann bekommen wir die Köpfe kahl geschoren. Wir wollen protestieren, sehen aber, dass auch die Interbrigadisten kahle Köpfe haben. Wir beschließen, unsere Proteste für wichtigere Dinge aufzusparen. Gerade holt ein Kommando in einer Art Mülleimer die Suppe. Da wir aus den Gefängnissen von Paris kamen oder nachts aus den Quartieren heraus verhaftet waren, besitzen wir keine Essgeschirre. Die Interbrigadisten geben uns ihre aus Konservenbüchsen hergerichteten Näpfe. Aber es reicht nicht. Wir haben brüllenden Hunger. Der Suppenverteiler hält unerbittlich sein Tempo. Die Suppe geht schon zu Ende.

Da steht das Mäntelchen neben mir. Wortlos zieht es seinen Schuh aus, lässt sich die Erbsbrühe in den Schuh gießen und trinkt sie aus dem Schuh.

„So ein Schwein!“, sagt Ernst neben mir voll Abscheu.

„Gebt mir die Portion von dem Idioten!“, wendet sich das Mäntelchen zu dem Verteiler. „Der Herr Idiot hat keinen Hunger!“ Und er schlürft auch die Portion von Ernst, der ohne Napf dasteht. Übrigens ziehen jetzt auch noch andere ihren Schuh aus, um so die heiße Brühe in den Magen zu befördern; manche Schuhe werden herumgereicht. Sind wir auch keine polnischen Edelleute, die aus dem Pantöffelchen ihrer Geliebten den Champagner trinken – ich muss gestehen, dieser Trunk aus dem Schuh der Gefangenen schmeckt uns wunderbar.