Julia für immer - Stacey Jay - E-Book

Julia für immer E-Book

Stacey Jay

4,6
8,99 €

Beschreibung

Viele Jahrhunderte sind vergangen, seit Romeo seine Liebe zu Julia gegen ewiges Leben eintauschte. Im Dienst des Bösen ist es fortan seine Aufgabe, Liebespaare zu entzweien. Um Romeos teuflischem Treiben entgegenwirken zu können, erlangt auch Julia Unsterblichkeit. Als sie verzweifelt versucht, zwei Liebende zu vereinen, taucht unversehens Romeo wieder auf. Er ist nicht nur fest entschlossen, Julias gute Absichten zunichte zu machen, sondern will auch ihr Herz noch einmal für sich gewinnen ... "Julia für immer ist ein großartiger Roman. Ich habe jede Seite genossen!" Literary Exploration

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Seitenzahl: 443

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Zitat

1

2

3

4

5

6

Erstes Zwischenspiel

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

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18

Zweites Zwischenspiel

19

20

21

22

23

24

Ende

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Stacey Jay bei LYX

Impressum

STACEY JAY

Julia für immer

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Antje Görnig

Zu diesem Buch

700 Jahre sind vergangen, seit Romeo Julia erst seine Liebe schwor, um sie dann zu verraten. Denn was ist Liebe schon wert im Vergleich mit dem Geschenk der Unsterblichkeit? Doch auch ewiges Leben hat seinen Preis: Romeo muss fortan verhindern, dass Liebende zueinander finden. Einzig Julia vermag ihm dabei die Stirn zu bieten. Seit Romeos Verrat sie beinah das Leben kostete, haben die Mächte des Guten ihrer Seele Unsterblichkeit verliehen – solange sie für den Erhalt der Liebe in der Welt kämpft. Als Julia erneut zwei Liebende vereinen soll, tritt allerdings Romeo auf den Plan und eröffnet ein tödliches Spiel. Während er ein Netz aus Lügen um sie webt, stellt sich Julias eigenes Herz als ihr gefährlichster Gegner heraus. Gefühle, die sie seit Jahrhunderten begraben glaubte, drohen Romeo in die Hände zu spielen. Die einst so klare Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt jedoch, als Romeo eine schlichte Bitte an Julia richtet: Ihrer Liebe noch eine Chance zu geben! Denn was ist ewiges Leben schon wert ohne Liebe?

Für Julie Linker,

die immer an Julia geglaubt hat

Sie kämpft für das Licht, er für die dunkle Macht;ringen um den Funken, der die Liebe entfacht.Sie sind da, wo immer sich zwei wahrhaftig lieben, die mutige Julia und Romeo, böse und durchtrieben.

Mittelalterliche italienische Ballade,Verfasser unbekannt

1

VERONA, ITALIEN, 1304

Heute Nacht hätte er durch die Tür kommen können – im Schloss ist alles ruhig, selbst die Diener schlafen schon, und die Amme hätte ihn eingelassen –, doch er hat das Fenster gewählt und ist am Spalier mit den Nachtblumen hochgeklettert, deren Blütenblätter an seiner Kleidung haften.

Er stolpert über einen losen Stein, fällt zu Boden und grinst mich an, als ich auf ihn zueile.

Er ist ein Romantiker, ein Träumer und scheut sich nicht, den Narren zu spielen. Er ist furchtlos und leichtsinnig und kühn, und dafür liebe ich ihn. Sehr. Meine Liebe zu ihm raubt mir den Atem und gibt mir jedes Mal das Gefühl, zu sterben und wiedergeboren zu werden, wenn ich ihm in die Augen schaue oder meine zitternden Finger durch seine braunen Locken gleiten lasse.

Ich liebe ihn dafür, wie er sich, seine strammen Beine wohl zur Geltung bringend, auf den frisch gescheuerten Steinen fläzt, als gäbe es keinen Anlass zur Sorge; als hätten wir nicht sämtliche Regeln gebrochen und sähen nicht der Verbannung von dem einzigen Zuhause entgegen, das wir je gekannt haben. Ich liebe ihn dafür, wie er meine Hand nimmt, sie an seine glatte Wange presst und tief einatmet, als dufte meine Haut herrlicher als die Blütenblätter an seinem Mantel. Ich liebe ihn dafür, wie er meinen Namen flüstert: »Julia« – es klingt wie eine Bitte um Erlösung, wie ein Freude verheißendes Versprechen, wie ein Gelöbnis, dass er ewig mein Ein und Alles bleiben wird.

Für immer und ewig.

Trotz unserer Eltern und unseres Fürsten und des Bluts, das auf dem Marktplatz vergossen wurde. Trotz der Tatsache, dass wir nur wenig Geld haben und noch weniger Freunde und unsere einstmals glänzende Zukunft nun düster und trüb erscheint.

»Sag mir, dass der morgige Tag niemals kommt.« Er zieht mich auf seinen Schoß und legt eine Hand auf meine Hüfte, wie er es noch nie zuvor getan hat. Seinen Fingerspitzen entspringt eine Wärme, die sich rasch in meinem Inneren ausbreitet und mir ins Gedächtnis ruft, dass ich schon bald in jeder Hinsicht seine Frau sein werde. Jede Berührung ist heilig. Alles, was wir in dieser Nacht tun, ist uns vorherbestimmt; es ist eine Feier unserer Versprechen und der Liebe, die uns erfüllt.

Meine Lippen finden seine. Pure Freude strömt von seinem Mund in meinen, und ich hauche die Lüge in sein Feuer. »Er wird niemals kommen.«

»Sag mir, dass ich für immer hier in diesem Raum bleiben werde. Allein mit dir. Und dass du für immer das schönste Mädchen der Welt bleiben wirst.« Ich spüre seine Hände auf meinem Rücken. Langsam und geduldig öffnet er mein Kleid und zieht geschickt die Schnürbänder aus den Ösen.

Hier gibt es kein hastiges, verschämtes Herumfingern im Dunkeln. Er ist ganz ruhig und sich seiner Sache sicher, und alle Kerzen im Raum brennen hell. Ich sehe die Zuneigung in seinen Augen, und mit jedem Augenblick wächst meine Gewissheit, dass dies kein jugendlicher Übermut ist. Es ist Liebe. Wahre, große, ewige Liebe.

»Für immer«, flüstere ich, von einer Hingabe erfüllt, die an Anbetung grenzt. Ein Teil von mir mahnt, es sei ein Sakrileg, so sehr zu lieben, aber das kümmert mich nicht. Für mich gibt es nur noch Romeo. Er ist der Gott, zu dessen Füßen ich mein Leben lang knien werde.

Er schmiegt seine Wange an meine, und als ich seinen warmen Atem an meinem Ohr spüre, geht mein Atem schneller. »Julia, du bist …«

Ich bin seine Göttin. Das merke ich daran, wie er erschaudert, als ich die Knöpfe seiner Cotehardie öffne, einen nach dem anderen, sodass der dünne Leinenstoff seines Hemdes zum Vorschein kommt.

»Du bist alles«, sagt er mit strahlenden Augen. »Alles.«

Und ich weiß es. Ich bin sein Mond und sein hell funkelnder Stern. Ich bin sein Leben, sein Herz. Ich bin all das und die Antwort auf sämtliche unausgesprochene Fragen, der Trost für jeden Schmerz; die Gefährtin, die bis ans Ende aller Tage an seiner Seite sein wird und bei allem, was sie für ihn tut, in Seligkeit schwelgt und jeden mit ihrer Schönheit blendet, weil sie das Glück hat, ihr Leben an der Seite ihrer großen Liebe zu verbringen.

Meine große Liebe. Ich könnte diese Worte tausend Mal sagen, ohne ihrer jemals überdrüssig zu werden.

»Für immer und ewig«, flüstere ich an seiner Halsbeuge und seufze leise, als die Schnürbänder gelöst sind und mein Kleid zu Boden fällt.

2

SOLVANG, KALIFORNIEN, GEGENWART

Sterben ist einfach. Es ist die Rückkehr, die ungeheuer wehtut. »Oh …« Ich halte mir den Kopf. Aus einer Platzwunde auf meiner Stirn rinnt eine warme, klebrige Flüssigkeit.

Diesmal gibt es viel Blut. Meine Hände sind voll davon. Es ist auf dem Armaturenbrett verschmiert, es tropft durch meine Finger auf meine Jeans und macht dunkle Flecken, die ich erkennen kann im fahlen Licht des Mondes, das durch das gläserne Schiebedach des Autos fällt. Es ist alles grauenhaft und beängstigend, aber der Unfall hat sie erstaunlicherweise nicht getötet. Mich, besser gesagt.

Ich bin jetzt sie. Und ich bleibe so lange in ihrem Körper, bis die Seelenverwandten, die zu beschützen ich geschickt wurde, in Sicherheit sind. Oder bis Romeo einen der beiden Liebenden dazu bringt, den anderen zu opfern, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Was unter Umständen ziemlich schnell gehen kann, denn er macht seine Arbeit sehr gut.

Aber wie es auch kommt, Ariel Dragland wird wieder in ihren Körper zurückkehren. Bis es so weit ist, wartet sie da, wo ich den Großteil meines ewigen Lebens verbracht habe: im Nebel des Vergessens, an jenem Ort fernab der Zeit, wo sich das Grau endlos in alle Richtungen erstreckt.

Wie mir meine Mittelsperson bei den Botschaftern des Lichts versichert hat, gibt es schlimmere Orte; Orte des ewigen Leidens, wo der Junge, der unsere Liebe gegen seine Unsterblichkeit eingetauscht hat, eines Tages sein Dasein fristen wird. Die Amme benutzt nie das Wort »Hölle«, aber in meiner Vorstellung wird Romeo irgendwann in der Hölle schmoren.

Sie hat allerdings auch noch nie den Himmel erwähnt und ob ich vielleicht dorthin gehen werde, wenn meine Arbeit getan ist … falls sie jemals getan sein wird.

Es gibt viele Dinge, über die zu sprechen die Amme nicht für angebracht hält. Zum Beispiel über die genaue Wirkweise der Magie, die mich immer wieder aus dem Nebel zieht; inzwischen mehr als dreißig Mal innerhalb von sieben Jahrhunderten. Ich weiß nur, dass mich das Leben ganz plötzlich ereilt: Eben noch war ich körperlos und ohne jedes Gefühl, und im nächsten Moment bin ich in einem fremden Körper, in einem fremden Leben – eine vollkommene und zugleich grauenvolle Verkleidung.

Ich erschaudere, als die Erinnerungen an Ariels letzte Sekunden in mir hochsteigen. Ich sehe, wie sie dem Fahrer vor einer gefährlichen Kurve ins Steuer greift und es nach rechts reißt in der Hoffnung, dass sie durch den Sturz in die Schlucht beide umkommen – sie selbst und der Junge, der sie zutiefst gekränkt hat. Mein Blick fällt auf den Fahrersitz des Wagens, der mit der Kühlerhaube voran in die Schlucht gestürzt ist. Der Junge – Dylan heißt er – liegt schlaff und reglos auf dem Lenkrad, seine Lippen sind leicht geöffnet, aber er atmet nicht.

Wie es scheint, ist Ariels Wunsch zur Hälfte in Erfüllung gegangen.

Ich erschaudere abermals, aber ich kann nicht sagen, dass er mir leid tut. Ich weiß, was er getan hat, und ich spüre, wie Ariels Scham und Zorn von mir Besitz ergreifen, während der Rest ihres Lebens in mich strömt und mein Bewusstsein bis in den letzten Winkel füllt.

Hinter meinen Augen blitzen Bilder aus ihren achtzehn Lebensjahren auf. Stück für Stück sauge ich jedes noch so kleine Detail auf und mache mir ihre Erinnerungen zu eigen.

Leise, ganz leise, immer auf Zehenspitzen. Die Treppe hoch, durch die Küche und den Flur in das Zimmer, in dem die Buntstifte zu Hause sind und ich atmen kann. Wo sie mich nicht beobachtet. Meine Mutter mit ihren traurigen Augen.

Sieben, zehn, fünfzehn, achtzehn Jahre alt, und immer noch gibt es nichts Schöneres für mich als ein leeres Blatt Papier; ein Versprechen in Weiß, dass die Welt so sein kann, wie ich sie mir ausmale. Ein magischer Ort, ein abenteuerlicher Ort, ein vorstellbarer Ort. Radiergummis können Fehler beheben, neue Farbschichten vertuschen sie. Schwarz und Rot und Lila und Blau. Immer wieder Blau.

Mom sieht alles düster. Sie sieht die Narben, für die sie verantwortlich ist. Ich war damals sechs. Sie sieht Gemma, meine einzige Freundin, als Fehlgriff und nicht als Rettungsanker. Sie sieht meine einsamen Stunden und spürt jede Stunde, die sie vergeudet hat, noch stärker. Ich bin diese Vergeudung; das Unding, das ihre Jugend zerstört hat. Vollkommen.

Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich nur Knochen; nur ein Gerüst aus einzelnen Teilen und nichts, womit ich die Leere dazwischen füllen könnte. Manchmal hasse ich sie dafür, manchmal hasse ich mich selbst, manchmal hasse ich alles und jeden und stelle mir vor, die Welt würde verbrennen, wie das heiße Öl meine Haut verbrannt hat.

Haut und Knochen. Mom und ich, wir sind beide sehr dünn. Umarmungen tun weh, aber viele gibt es ja nicht. Seit Jahren nicht. Da sind Operationen und Schmerzen und grelles Licht, danach lange dunkle Tage eingesperrt im Haus; mit heruntergelassenen Rollläden, wegen der Schande. Da ist diese Finsternis in meinem Inneren, dieser böse Eindringling, der immer dann kommt, wenn ich daran zu glauben wage, dass ich eines Tages vielleicht wieder ganz normal aussehen könnte.

Dann ist da noch die Schule und die Qual, nicht beachtet zu werden. Da ist der Neid, weil ich nicht so toll und schön sein kann wie Gemma, weil ich immer nur Zuschauerin bleibe und nie selbst im Mittelpunkt stehe. Da ist das frustrierende Gefühl, dass die Worte mir nicht über die Lippen wollen, wie sehr ich mich auch bemühe. In Freier Rede habe ich gerade mal eine Vier. Der letzte Schritt auf das Podium ist eine schier unüberwindbare Hürde. Noch höher als der Mount Everest. Ich hasse Mr. Stark für seine enttäuschten Seufzer, hasse die Klasse für ihr Gekicher. Ich möchte ihnen am liebsten wehtun, um ihnen zu zeigen, wie es sich anfühlt, wenn sich die Eingeweide zu einem einzigen unentwirrbaren Knoten zusammenkrampfen.

Gemma kümmert das alles nicht. Sie sagt mir, ich soll endlich darüber hinwegkommen. Sie erzählt mir nicht mehr von ihren Abenteuern, verschließt mir das Fenster zu ihrer pulsierenden, bunten Welt und vergisst mindestens zweimal pro Woche, mich morgens zur Schule abzuholen.

Ich bin dabei, alles zu verlieren. Meine einzige Freundin, meine guten Noten, meinen Verstand. Wie lange kann ich noch so leben? Halte ich es noch vier Jahre aus, in diesem Zimmer zu schlafen, um jeden Tag zur Krankenpflegeschule in Santa Barbara zu fahren? Kann ich lernen, mit noch mehr Leid und Schmerz zu leben, wo ich alldem eigentlich nur entfliehen will?

Aber … es gibt auch noch ihn. Sein Lächeln und seine kräftige Stimme, die durch die Bühnenvorhänge dringt, hinter denen ich mich mit meinen Farben verstecke, und mich von Dingen träumen lässt, von denen ich mir wünsche, dass sie wahr werden.

Doch sie werden nicht wahr.Es ist nur ein Scherz, eine Wette.

Als wir uns küssen – es sind langsame, zärtliche Küsse, die mein Herz schneller schlagen lassen –, kommt die SMS mit der Frage, ob er das Narbengesicht schon entjungfert hat. Er versucht sein Handy zu verdecken, aber ich sehe, was auf dem Display steht. Ich fange an zu weinen, obwohl ich nicht traurig bin. Ich bin wütend, so wütend! Er sagt, er gibt mir fünfzig Dollar, wenn ich es mit ihm mache. Ich explodiere. Ich versuche aus dem Auto zu springen, aber er hält mich fest und fährt wieder auf die Straße. Ich soll mich verdammt noch mal abregen, sagt er und verspricht, mit mir an einen besseren Ort zu fahren.

Aber es gibt keinen besseren Ort. Das weiß ich mittlerweile. Es gibt nur Spiegel, die Enttäuschung reflektieren, sie in eine Million Richtungen zurückwerfen und die ganze Welt damit füllen, bis es keinen Ausweg mehr gibt. So wird es immer sein. Immer – selbst wenn ich endlich das Haus in der El Camino Road verlasse.

Die Straße, auf der wir uns befinden … Nein, ich werde nicht zulassen, dass er sie weiter entlangfährt. Ich werde nicht zulassen, dass er durch das Loch im Berg zum Strand hinunterfährt, wo das kalte, dunkle Meer wie ein wabernder Albtraum lauert. Ich werde es nicht zulassen.

Jetzt nicht und niemals mehr.

Ich reiße die Augen auf. Adrenalin jagt mir durch die Adern, während ich von derselben Angst, Wut und Hoffnungslosigkeit überflutet werde, die Ariel empfand, als das Auto durch die Leitplanke krachte und in die Schlucht stürzte.

Sie fielen rasend schnell in die Tiefe und näherten sich in Sekundenschnelle dem Boden. Ariel hatte kaum Zeit zu schreien, bevor der Wagen aufschlug und ihr Kopf gegen das Seitenfenster knallte; so fest, dass die Haut an ihrer Schläfe aufplatzte und sie in Ohnmacht fiel, aber nicht fest genug, um sie zu töten.

Trotz der Verletzung, die sie erlitten hat, wird sie leben … eines Tages. Ob es ihr gefällt oder nicht.

»Ja, das wirst du. Du wirst schon sehen«, sage ich laut, obwohl ich weiß, dass sie mich nicht hören kann.

Ich werde etwas tun, um ihr Leben zu verbessern, bevor sie wieder zurückkehrt; ich werde es erträglich machen, vielleicht sogar schöner. Die Botschafter ermuntern ihre Diener dazu, Liebe und Licht zu verbreiten, aber selbst wenn sie es nicht täten, hätte ich in Ariels Fall nicht widerstehen können. Sie ist einfach so … traurig. Ich will ihr helfen und sie vor der Finsternis und den Söldnern bewahren, die Jagd auf Menschen wie sie machen.

Besonders vor einem bestimmten Söldner. Vor dem, der alles dafür tut, um mir mein geliehenes Leben genauso zur Qual zu machen wie mein ursprüngliches.

Irgendwo da draußen schlüpft auch er in dieser kühlen Frühlingsnacht in einen Körper, nachdem er von denselben Kräften herbeigeholt wurde, die mich aus dem Nebel zogen. Wahrscheinlich sucht sich Romeo auf einem lange stillgelegten Friedhof als Versteck für seine Seele eine Leiche, die so alt ist, dass die Person hier keiner mehr kennt. Die Söldner der Apokalypse leben in den Toten und verhelfen den verrotteten Körpern wieder zu ihrer alten Pracht, solange sie sich darin verborgen halten.

Mir geht die Frage durch den Kopf, wie Romeo wohl dieses Mal aussehen wird, doch das spielt eigentlich keine Rolle. Ob alt oder jung, dick oder dünn, schwarz, weiß oder grün – Feind bleibt Feind.

»Aah, aua«, höre ich den Jungen neben mir plötzlich stöhnen.

Ich rümpfe die Nase, denn meine Enttäuschung darüber, dass er noch lebt, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Als Botschafterin des Lichts sollte ich über solchen Gefühlen stehen, doch das tue ich nicht und habe es auch nie getan – weder als ich lebte noch als unsterbliche Kämpferin für die Liebe.

Liebe. Manchmal hinterlässt auch dieses Wort einen bitteren Nachgeschmack.

Dennoch, es ist besser so. Polizeiliche Ermittlungen lassen sich leichter umgehen, wenn wir diesen Wagen beide lebendig verlassen. Und ich habe zwar das Gefühl, dass die Welt ohne diesen Dylan ein sichererer Ort wäre, doch Botschaftern ist es verboten, Menschen zu töten … oder sonst irgendetwas. Mord nährt die Sache der Söldner. Ich darf niemanden umbringen, auch wenn derjenige den Tod verdient hätte.

»Es ist nie richtig, etwas Unrechtes zu tun«, murmle ich vor mich hin, wünsche Dylan aber insgeheim ein paar gebrochene Knochen oder wenigstens eine ordentliche Portion Schmerzen. Mir ist es zwar verboten, Rache zu üben, aber zumindest Ariel wird doch ein wenig auf Rache sinnen dürfen.

Dylan stöhnt abermals, und mein Blick fällt auf sein Gesicht. Er hat volle Lippen, dunkle Wimpern und braunes, leicht gewelltes Haar. Auf der einen Seite kleben die Haare an der Haut, und auf dem Jochbein bildet sich ein übler Bluterguss, doch dass der Knabe ziemlich gut aussieht, lässt sich nicht bestreiten. Und dass er das Zeug zu einem richtigen Schurken hat.

Seine Gesichtszüge haben etwas Kaltes, Grausames – selbst im Zustand der Bewusstlosigkeit –, aber ich kann es Ariel nicht verdenken, dass sie nicht hinter die hübsche Fassade geschaut hat. Es scheint mir noch nicht so lange her zu sein, dass ich auch so war – jung und naiv und bereit, an gut aussehende Jungen und die ewige Liebe zu glauben.

Aber ich habe meine Lektion gelernt. Inzwischen ist für mich nur die Rache ewig.

Das Bedürfnis, ihn für den Verrat zu bestrafen, den er an mir begangen hat, lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Ich kämpfe auf der Seite der Guten, die verhindern wollen, dass die Söldner der Apokalypse vernichten, was die Menschheit noch an Schönem und Gutem zu bieten hat. Seelenverwandte zu beschützen und die romantische Liebe vor dem Untergang zu bewahren zählt zu den ehrenhaftesten Pflichten der Botschafter des Lichts, und das ist … gut. Aber sein Leben zu zerstören, damit er zu denen zurückkehrt, die ihn befehligen, ohne dass er jemanden auf ihre Seite bringen konnte, ist besser. Sehr viel besser.

Es gelingt mir, meine Schmerzen zu verdrängen, als ich anfange zu überlegen, wie ich aus dem Auto komme, was leider nicht so leicht sein wird. Die Vorderseite ist komplett eingedrückt, die Tür auf der Beifahrerseite lässt sich nicht öffnen. Als ich die Knöpfe für die elektrischen Fensterheber drücke, ertönt nur ein leises Summen.

Die Knöpfe. Ganz ähnliche habe ich gesehen, als ich das letzte Mal in einem anderen Körper zu Gast war. Es war im Jahr … 1998? Oder 1999? Ich weiß es nicht mehr genau, aber angesichts der Knöpfe und der relativ modernen Innenausstattung des Wagens frage ich mich, in welcher Zeit ich nun gelandet bin. Ich schließe die Augen und krame in Ariels Erinnerung.

Weniger als fünfzehn Jahre sind seit meinem letzten Ausflug vergangen. Das ist beunruhigend.

Eigentlich kehre ich nur etwa alle fünfzig Jahre auf die Erde zurück, denn entgegen den unzähligen Liebesliedern, die ständig von der Menschheit auf den Markt geworfen werden, kommen wahre Liebende nicht jeden Tag zusammen. Durch das finstere Treiben der Söldner – Hoffnungen zunichtemachen, Mitgefühl zerstören, Gewalt schüren und Kriege anzetteln – sind seelenverwandte Liebende inzwischen eine vom Aussterben bedrohte Spezies geworden.

Außerdem ist wahre Liebe kein Honigschlecken. Es ist ein steiniger Weg, harte Arbeit, und die meisten Leute sind zu egoistisch oder zu ängstlich, um die Mühe auf sich zu nehmen. Nur sehr wenige erreichen in ihrer Beziehung den entscheidenden Punkt, an dem sie sich ihrer Liebe ganz und gar verschreiben, ganz gleich, welche Hindernisse – oder Versuchungen – sich ihnen in den Weg stellen.

Und es gibt andere wie Romeo und mich, zwei Hälften eines Ganzen, die auf entgegengesetzte Seiten gezogen werden. Die anderen kommen wohl auch im Wechsel an die Reihe, vermute ich, obwohl mir nie welche auf der Erde oder an den Orten außerhalb der Zeit begegnet sind. Im Nebel sehe ich keine anderen Seelen. Da sind nur das endlose Grau und Bewusstseinsfetzen, die ich nicht festhalten kann.

Romeo hingegen darf auf der Erde bleiben und lebt in den Körpern der Toten. Die Amme behauptet zwar steif und fest, es sei ein unerfreuliches Dasein, aber zumindest hat er so etwas Ähnliches wie ein Leben.

Ich bin immer allein, ob ich nun vorgebe, jemand anderes zu sein, oder in einer riesigen Leere dahindämmere. Ich vermisse das Leben. Ich vermisse es, mit anderen zu reden und zu lachen und Freud und Leid zu teilen. Ich vermisse das Tanzen und Malen. Ich vermisse es, aufzuwachen und einen neuen Tag zu beginnen, der nichts Böses birgt – zumindest nichts, das ich sehen kann. Am meisten aber vermisse ich meine Arglosigkeit, meinen Glauben daran, dass diejenigen, die das Glück suchen, es auch finden werden. Ich spiele zwar recht überzeugend die Gute, aber in Wahrheit bin ich zu verbittert, um eine richtige Botschafterin des Lichts zu sein, und zu jung, um so hoffnungslos zu sein.

Ich habe Jahrhunderte verstreichen sehen, aber ich bin mit vierzehn gestorben und habe insgesamt weniger als zwanzig Jahre in bewusstem Zustand auf der Erde verbracht. Er jedoch lebt und lernt dazu und schützt sich mit offenen Ohren und langen Blicken in menschliche Augen vor dem Wahnsinn. Er hat siebenhundert Jahre lang Fertigkeiten erworben und Erfahrungen gesammelt, und das hilft ihm dabei, meiner endgültigen Vernichtung jedes Mal ein bisschen näher zu kommen.

Vielleicht schafft er es ja diesmal. Irgendetwas an diesem Einsatz ist … sonderbar. Nicht nur, weil ich viel früher wiedergekommen bin als sonst. Da ist noch etwas anderes … etwas, das mir plötzlich eine Gänsehaut auf dem linken Arm verursacht.

»Oh … verdammt …« Dylan schlägt die Augen auf.

Selbst im fahlen Mondlicht, das durch die Fenster hereinfällt, wirken sie sehr finster und irgendwie seltsam. Dieser Junge hat etwas Merkwürdiges an sich, irgendetwas Verkorkstes. Es überrascht mich nicht, dass er Ariel auf so grausame Art getäuscht hat, aber ich bin gespannt, was er als Nächstes tut. Wie wird er mit der Tatsache umgehen, dass sie ihn und sich fast umgebracht hätte?

»Ariel?«, fragt er benommen. »Bist du okay?«

»Ja, ich glaube schon.« Vielleicht erinnert er sich gar nicht mehr daran, wie es zu dem Unfall gekommen ist, und falls es so ist, will ich ihm nicht auf die Sprünge helfen. »Bist du okay?«, frage ich, ohne mir etwas anmerken zu lassen.

»Alles in Ordnung, glaube ich. Ich … vielleicht bin ich …« Er verstummt und starrt mich von der Seite an. Das Licht, das durch das Dach hereinfällt, erhellt sein Gesicht nur zur Hälfte, aber ich spüre seinen Blick.

Das Dach! Ich schaue hoch, und mir entfährt ein Seufzer der Erleichterung. Es ist aus Glas! Gott sei Dank. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, wird mir klarer, dass ich dieses Auto schnellstmöglich verlassen muss. Wenn Dylan mit achtzehn schon so gestört ist, hat er gute Aussichten, mit zwanzig ein Serienmörder zu sein.

»Alles wird gut. Wir müssen nur hier raus.« Ich greife mit meinen blutverschmierten Händen nach dem Hebel, ohne Dylan zu beachten, der ein Stück näher an mich heranrutscht.

Das Schiebedach lässt sich manuell öffnen, das sehe ich, aber es gelingt mir nicht auf Anhieb. Doch ich werde es schaffen, und dann werden wir mühelos aus dem Wagen klettern können. Ich natürlich zuerst.

»Entschuldige, kann ich …« Er atmet aus, und ich spüre seinen warmen Atem an meinem Hals. Ich muss an mich halten, um nicht zu erschaudern. »Kann ich dich was fragen?«

Er will sich mit mir unterhalten. Reizend.

Ich seufze. »Sicher.« Ich ziehe an den Scharnieren, dann stelle ich fest, dass ich das Dach nach oben drücken muss, und seufze noch einmal.

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass deine Haare im Mondlicht silbern aussehen?«

Ich schaue in den Rückspiegel. Meine Haare sehen tatsächlich silbern aus, wie bei einer Märchenfigur. Und der Rest von dem, was ich von mir sehen kann, ist zu meiner Überraschung ebenso bezaubernd.

Warum findet sich Ariel nur so hässlich? Ich sehe eine kleine Nase und schmale Lippen, doch beherrscht wird mein neues Gesicht von großen blauen Augen. Die Narben auf meiner Wange sind zwar sichtbar, aber sie sind nicht halb so schlimm, wie Ariel denkt. Das Gesicht, das mir entgegenblickt, ist attraktiv und anziehend. Es hat etwas an sich, das einen zwei Mal hinschauen lässt.

Genau das tue ich und starre etwas zu lange in den Spiegel.

Dylan lacht. Plötzlich sind seine Lippen den meinen viel zu nah. »Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?«

Nein, das kann nicht sein! Wir waren noch nie … Er war noch nie …

»Hast du mich vermisst, Liebste?« Er gibt mir einen Kuss auf die Wange, einen spielerischen, etwas feuchten Schmatzer.

Dylan ist also doch tot. Und Romeo hat einen Körper gefunden. Das ist mein letzter Gedanke, bevor er mich am Hals packt.

3

Ich ringe keuchend nach Luft, als er mich gegen die Tür stößt.

Mein Kopf schlägt gegen das Fenster, und ich verspüre einen stechenden Schmerz hinter den Augen. In Sekundenschnelle sitzt er auf mir und drückt mich in den Sitz. Ich versuche in panischer Angst, seine klammernden Hände von meinem Hals zu lösen, aber das ist nicht so einfach; nicht so einfach, wie es sein sollte – wie es wäre, wenn ich genug Zeit gehabt hätte, meine lebensgefährlichen Verletzungen zu heilen und mich in meinem neuen Körper zurechtzufinden.

In den ersten Stunden in einem neuen Körper bin ich oft sehr schwach. Es dauert eine Weile, bis meine übernatürliche Stärke zurückkehrt. Aber das hat mir noch nie Sorgen bereitet. Romeo spürt mich zwar jedes Mal mühelos auf, aber bisher bin ich ihm immer, frühestens einen Tag nachdem ich in einen neuen Körper geschlüpft bin, begegnet. So lange brauche ich meist, um herauszufinden, wen ich beschützen soll, und um mithilfe eines Spiegels Kontakt zu der Amme aufzunehmen und meine Anweisungen von den Botschaftern zu erhalten.

Danach muss ich einfach nur abwarten und auf der Hut sein. Irgendwann taucht Romeo immer auf. Er wird stets an denselben Ort und in dieselbe Zeit geschickt wie ich, denn es ist seine Aufgabe, diejenigen, die ich beschützen soll, für die dunkle Seite zu gewinnen. Er gibt sein Bestes, um einen der wahren Liebenden dazu zu bringen, den anderen den Mächten des Hasses, der Zerstörung und des Chaos zu opfern und ein unsterblicher Söldner zu werden – genau wie er es damals in jener Nacht getan hat, nachdem wir unsere Ehe vollzogen hatten.

Ich frage mich immer noch, was sie ihm angeboten haben. Und wie lange er gebraucht hat, um zu erkennen, dass ihre Versprechen nur Lügen waren und er mir völlig umsonst einen Dolch ins Herz gestoßen hat. Ich weiß, dass er nicht bekommen hat, was ihm versprochen wurde. Ich habe Reue in seinem Blick gesehen.

Nun schauen wir uns mit unseren neuen Augen an, und ich glaube sie wieder aufblitzen zu sehen, doch im nächsten Moment streift er meine Lippen mit der Nase und atmet tief ein. »Dein Atem riecht immer gleich. So lieblich!«

»Geh von mir runter!«, fahre ich ihn an, und mir wird übel. Unglaublich, dass ich einmal davon geträumt habe, dieses Monster mein Leben lang anzubeten. Wie konnte ich nur!

Inzwischen träume ich davon, ihn zu töten, damit ich nie wieder irgendetwas empfinden muss.

»Warum sollte ich? Mir gefällt es hier. Dieser neue Körper ist … wunderbar.« Er lacht, während er meinen Hals immer fester zudrückt, um Ariel zu erwürgen. Wenn er sie tötet, tötet er uns beide, und das weiß er. Aber um Kollateralschäden macht er sich keine Gedanken. Für ihn ist diese Art von Doppelmord ein ganz besonderes Vergnügen. »Eigentlich ist es schade, dich so schnell umzulegen.«

»Du wirst mich nicht umlegen.«

Er wird es nicht schaffen! Es kann nicht hier enden. Ich will ihn noch einmal scheitern sehen, noch hundert Mal. Das Adrenalin, das in meinen Blutkreislauf ausgeschüttet wird, bringt mein Herz zum Rasen und verleiht mir die nötige Kraft, um seine Finger von meinem Hals zu lösen und ihm mit dem Handballen einen Schlag ins Gesicht zu versetzen.

Er stöhnt, als ich ihm noch einen Schlag in den Magen verpasse, aber ich merke, dass er nicht verletzt ist. Jedenfalls nicht schwer genug. In der Enge des Wageninnenraums kann ich nicht richtig ausholen, und selbst wenn ich in Bestform wäre, hätten meine Schläge nicht genug Wucht.

Ich muss aus diesem Auto heraus.

Ich dränge ihn zur Seite und greife nach dem Hebel des Schiebedachs, doch er packt meinen Arm und verdreht ihn mir. »Du Dreckskerl!« Völlig überrascht davon, wie weh es tut, schreie ich ihn an.

»Du beschimpfst mich? Was für eine Schande! Sind wir darüber nicht hinaus, meine Süße?« Mit einem Ächzen wirft er mich bäuchlings auf den Rücksitz und presst mir sein Knie ins Kreuz. Dann verdreht er meinen Arm, den er auf meinem Rücken festhält, noch ein bisschen mehr, bis ich vor Schmerz heule.

Nein! So nicht! Nicht heute. Außer mir vor Wut greife ich mit meiner freien Hand nach hinten, kralle die Finger in seine empfindlichsten Teile – die empfindlichsten Teile eines jeden Mannes – und drücke zu, so fest ich kann.

Romeo reißt knurrend meine Hand fort, packt mich am Handgelenk und dreht mir auch diesen Arm auf den Rücken. »Ich werde dir die Arme ausreißen und sie aufessen! Vor deinen Augen!« Er zieht an meinen Gliedmaßen, bis meine Muskeln und Gelenke vor Schmerz schreien und sämtliche Sehnen zu reißen drohen.

Er wird es wirklich tun, er wird mir mit bloßen Händen die Arme ausreißen!

»Bist du in der Hölle auf den Geschmack gekommen?«, frage ich mit schriller Stimme, während ich versuche, die Schmerzen zu ignorieren, und bete, dass meine Worte ihn lange genug ablenken, damit ich wieder zu Atem kommen und mir überlegen kann, wie ich mich aus seinem Griff befreie.

»Ich war noch nie in der Hölle. Das weißt du, Süße.« Er lockert seine Hände ein kleines bisschen. »Bislang fand ich das ewige Leben recht angenehm. Warum suchen wir dir nicht auch eine Seele, die du stehlen kannst? Dann siehst du, wie das Leben als Söldner ist.« Er beugt sich über mich und drückt seine Wange fest an meine. »Ich weiß, wie sehr du dich danach gesehnt hast, wieder mit mir zusammen zu sein, obwohl du es auch unanständig findest, dass ich dir so unter deine wunderbare Haut gehe.«

»Du bist wahnsinnig.«

»Bin ich das?«

Plötzlich verschwindet der Schmerz in meinen Armen, doch er wird durch eine noch größere Qual abgelöst. Romeo küsst meinen Hals, seine Hände gleiten über meine Hüften. Der Teil von mir, der sich daran erinnert, wie schön und geliebt ich mich früher fühlte, wenn er mich berührte, ist freudig erregt, aber dieser Hauch von Glück bereitet mir nur noch mehr Übelkeit.

»Geh von mir runter!«

»Oh, sie nur lehrt den Kerzen, hell zu glühn«, flüstert er und erstickt damit den leisen Anflug von Verlangen im Keim.

Dieses schreckliche Stück! Dieses verachtenswerte, verlogene Stück, das er Shakespeare vor Hunderten von Jahren zu schreiben half! Er hat unsere Geschichte so verdreht, dass sie zu seinen Plänen passte, und das hat viel zu gut funktioniert. Shakespeares Tragödie hat ihren Teil dazu beigetragen, die Sache der Söldner voranzutreiben, indem sie den Tod verherrlicht und das Sterben aus Liebe als edelste aller Taten darstellt. Dabei ist nichts weiter von der Wahrheit entfernt als das. Ein unschuldiges Leben auszulöschen – als »Liebesbeweis« oder aus welchem Grund auch immer – ist eine sinnlose Verschwendung.

Aber wie ist es mit einem nicht so unschuldigen Leben? Warum kann ich diese abscheuliche Kreatur nicht töten? Warum verbieten mir die Botschafter, Rache zu nehmen, obwohl es gerechtfertigt wäre? Mich zu töten war schon schlimm genug, eine unverzeihliche Tat, doch dass Romeo dafür gesorgt hat, dass die Welt über Hunderte von Jahren die falsche Version unserer Tragödie in Erinnerung behalten hat, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Das weiß auch dieses Monster.

Er hat meine Arme losgelassen, und es wird Zeit, dass ich sie benutze.

»Es hängt der Holden Schönheit an den Wangen der Nacht …«, flüstert er.

Romeo stöhnt auf, als ich meine Beine gegen den Sitz stemme und uns beide mit einem kräftigen Stoß nach hinten schiebe, sodass er mit dem Rücken gegen das Armaturenbrett kracht. Ich werde stärker, vielleicht sogar stark genug, um mir keine Gedanken mehr darüber machen zu müssen, wie sich das Schiebedach öffnen lässt.

Ich greife hinter mich und kralle meine Hände in Romeos Pullover, suche mit den Füßen Halt auf der Mittelkonsole und stoße ihn fest mit dem Kopf gegen das gläserne Schiebedach. Es bekommt Sprünge, und ich höre Knochen knirschen.

Mein Herz rast, als ich Romeo auf den Fahrersitz fallen lasse und die gesprungene Scheibe sehe. Ich habe ihn nicht getötet – er ist bei Bewusstsein und stöhnt –, aber ich habe ihn stärker verletzt, als ich vorhatte. Von dem Anblick des frischen Bluts, das auf den Sitz tropft, wird mir übel. Ich schlage die Scheibe rasch mit der Faust ein. Es regnet Glassplitter, und ich klettere durch das Loch auf das Autodach. Erst nachdem ich von der Kühlerhaube auf den Boden gesprungen bin, merke ich, wie ich zittere.

Aber ich bleibe nicht stehen, um mir Romeos neues Gesicht noch einmal anzusehen. So schnell ich kann, klettere ich aus der Schlucht. Romeo kann noch schwerere Verletzungen heilen als ich; das ist eine der größten Gaben der Söldner. Er kann tatsächlich totes Gewebe wieder lebendig machen! Ich könnte ihn nur töten – wenn es mir denn erlaubt wäre –, indem ich ihm das Herz herausreiße. Selbst dann könnte er vielleicht noch in einen anderen toten Körper entkommen. Eine Kopfverletzung ist gar nichts. Bis ich oben an der Straße bin, wird er bereits wieder genesen sein und mir nachjagen.

Meine ohnehin schon kurzen Nägel brechen ab, und ich reiße mir die Handflächen auf, während ich auf allen vieren nach oben klettere und mich an allem festhalte, was ich in der Dunkelheit zu fassen bekomme. Der Mond hat sich hinter einer Wolke versteckt, und ich kann so gut wie nichts sehen. Der schwere, feuchte Geruch eines aufziehenden Gewitters liegt in der Luft. Er gibt mir das Gefühl, dass es in der freien Natur nicht viel besser ist als in dem Autowrack, aus dem ich gerade entkommen bin. Die erdrückende Finsternis droht mir vollends die Fassung zu rauben.

Ich hatte noch nie viel übrig für kleine, enge Räume, und seit ich in einer steinernen Gruft erwachte und dort mehr als einen Tag lang im Dunkeln eingesperrt war, bevor Romeo mit seinem Dolch kam, kann ich sie noch weniger ertragen.

Ich atme tief durch. Der unangenehm süße Geruch von Schwalbendreck strömt in meine Lunge. Ich muss husten. Immerhin ist die kühle Luft wohltuend. Ich bin nicht gefangen. Ich bin frei, und mit jedem Meter, den ich vorwärtskomme, vergrößere ich den Abstand zu Romeo.

Ein Auto fährt oben auf der Straße vorbei, und das Motorgeräusch dröhnt mir in den Ohren. Ich habe es fast geschafft! Ich werde jemanden anhalten und ihn bitten, mich mitzunehmen. Per Anhalter zu fahren war zwar schon immer riskant, aber ich habe es mir trotzdem noch nicht abgewöhnt. Trotz der vielen schrecklichen Dinge, die ich erlebt habe, glaube ich fest daran, dass es auch anständige Menschen gibt. Anständigere jedenfalls als der Kerl, der gerade fluchend aus dem Autowrack unten in der Schlucht klettert. Zumindest würden mir wohl die wenigsten von denen, die hier vorbeifahren, die Arme ausreißen und sie aufessen wollen. Vor meinen Augen.

Ich sehe Romeos grinsenden Mund vor mir – mit Fleischfetzen zwischen den Zähnen und blutverschmierten Lippen – und versuche das Bild rasch wieder zu verdrängen. Meine lebhafte Fantasie bleibt mir immer erhalten, in welchen Körper ich auch schlüpfe.

»Ich sehe dich, Liebling … dein glänzendes silbernes Haar«, höre ich ihn leise säuseln. Er kommt mir näher und tritt dabei immer wieder kleine Steine los, die den Hang hinunterrutschen.

In meinem Mund breitet sich ein übler Geschmack aus. Ich zwinge meine dünnen Arme und Beine, sich noch schneller zu bewegen. Ariel bräuchte dringend etwas Fleisch auf den Knochen. Und Muskeln. Und einen vollen Bauch. Warum hat sie nicht mehr gegessen, bevor sie das Haus verlassen hat? Ich bekomme Magenkrämpfe, und meine Arme zittern vor Anstrengung. Dass ich Ariels schlimmste Verletzungen geheilt habe und gegen Romeo kämpfen musste, fordert seinen Tribut.

»Langsamer, Süße! Wenn ich deinen Fuß zu fassen kriege, probieren wir aus, ob du fliegen kannst.« Er kichert, aber es klingt angestrengt. Er ist am steilen Teil des Hangs angelangt und hat Mühe, mir zu folgen.

Ich werde als Erste auf der Straße sein. Dann muss ich nur noch jemanden finden, der bereit ist, mir zu helfen. Ich bin ein völlig harmlos aussehendes junges Mädchen mit Blut am Kopf. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich …

In diesem Moment rast ein Pick-up vorbei. »Anhalten!«, schreie ich und erklimme den Straßenrand. Ich springe über die beschädigte Leitplanke und gebe Zeichen, aber der Pick-up fährt vorbei.

Die roten Rücklichter werden immer kleiner, und der kalte Wind trägt mir Gelächter zu. Wahrscheinlich Jugendliche, die zu der Strandparty unterwegs sind, zu der Dylan mit Ariel fahren wollte. Ich überlege, ob ich hinter ihnen herlaufen soll, in der Hoffnung, dass sie irgendwann an einem Stoppschild anhalten müssen oder …

Etwas Großes donnert plötzlich den Hang herunter. Vielleicht ein Felsbrocken? Ein Tier? Romeo ist es ganz gewiss nicht. Ich höre ihn keuchen, während er sich weiter den Hang hochkämpft, um mich zu erwischen, bevor ich mir Hilfe suchen kann.

Ich entscheide mich für die andere Richtung und renne los. Romeos neuer Körper ist groß und stark, und er hat längere Beine als ich. Zum Strand zu laufen wäre falsch. Ariels Erinnerungen zufolge ist die Straße in dieser Richtung völlig verlassen. Es wird klüger sein, wenn ich auf die Ortschaft zulaufe, wo an einem Werktag um zehn Uhr abends vielleicht noch Leute unterwegs sind. Es ist erst Mitte März – die Hauptsaison und die Weinproben haben noch nicht begonnen –, und im nächsten Ort, dem Dorf Los Olivos, ist es um diese Jahreszeit noch ziemlich ruhig, aber ein Restaurant oder etwas Ähnliches wird doch bestimmt geöffnet haben.

»Die Welt ist ein Vampir …«, beginnt Romeo zu singen. Dieses Lied war ein Hit, als wir das letzte Mal auf der Erde waren. Es ist ein furchtbares Lied über Vampire und Ratten, und so, wie Romeo es singt, ist es noch schrecklicher: Ein Chorknabe, der einen Mord gesteht. Er hat immer eine wunderschöne Stimme, ganz gleich, in welchem Körper er sich befindet. Genau wie ich offenbar immer einen »lieblichen« Atem habe.

Ich laufe schneller, und meine Schuhe hämmern über den Asphalt. Romeo hat es inzwischen auch aus der Schlucht geschafft. Er singt weiter, während er hinter mir herrennt. Jeder Ton, der an mein Ohr dringt, verstärkt meine Angst, dass er mich jeden Augenblick zu fassen bekommt.

Aber das wird ihm nicht gelingen.

Ich kann bereits die Lichter des Dorfes sehen. Ich werde es schaffen! Ich muss nur noch einen Kilometer durchhalten, und dann renne ich in das erstbeste Lokal, das geöffnet hat. Vor mehreren Zeugen wird Romeo mich nicht angreifen. Er ist zwar stark, aber gegen Gitter ist auch er machtlos, und in der westlichen Welt werden Männer heutzutage bestraft, wenn sie ihre Frauen misshandeln. Es ist nicht mehr wie früher, als Männer ihre Frauen schlagen und auf der Straße verhungern lassen durften.

»Geliebte mein, Geliebte mein, deine Augen funkeln wie Sterne, deine Lippen sind so rot wie Wein«, singt er nun. Es ist ein Lied aus unserer Kindheit, übersetzt aus dem Italienischen.

Wir reden immer in der Sprache unserer neuen Körper miteinander, denn wir nehmen die Sprache genauso auf wie die Erinnerungen, aber ich erinnere mich noch daran, wie die Worte in unserer Muttersprache klangen. Damals, als er unter meinem Fenster sang und seine Stimme mich mit Freude und Sehnsucht erfüllte.

Nun erfüllt sie mich nur noch mit Schrecken.

Er wird mich doch noch einholen. Er ist zu schnell. Ich bin müde und geschwächt und …

Ein Stück vor mir sehe ich plötzlich die Scheinwerfer eines Autos, das von einem Seitenweg auf die Straße abbiegt – ein Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit.

Ich stürze darauf zu, schreie um Hilfe, winke und wünsche von ganzem Herzen, dass der Fahrer mich wahrnimmt und anhält, bevor es zu spät ist. Eine Sekunde verstreicht … zwei Sekunden … drei Sekunden. Der Wagen fährt Richtung Stadt, und meine Hoffnung schwindet, doch plötzlich leuchten die Bremslichter auf.

Mit einem Schluchzer der Erleichterung renne ich auf das Auto zu, reiße die Beifahrertür auf und werfe mich auf den Sitz, ohne mich darum zu scheren, wer hinter dem Steuer sitzt. Wer der Fahrer ist, spielt keinerlei Rolle.

Selbst der Teufel wäre in diesem Moment die bessere Gesellschaft.

4

»Was zum …?«

»Schnell! Fahr los!«, falle ich dem Fahrer ins Wort und knalle die Tür zu. Er ist nicht viel älter als Ariel, soweit ich das in der Dunkelheit beurteilen kann. Er hat sonnengebräunte Haut, schulterlanges, lockiges Haar, trägt eine dicke Kette und ein verwaschenes T-Shirt. Seine Arme sind zu dünn für einen erwachsenen Mann.

Gut. Es ist besser, von einem Jüngeren Hilfe zu bekommen; er stellt wahrscheinlich weniger Fragen.

»Bitte fahr los! Egal wohin, aber mach schnell!« Ich taste nach der Türverriegelung, drücke hastig den Knopf an der Beifahrertür hinunter, dann lange ich auf die Fahrerseite und sperre auch diese Tür zu. Als ich mich wieder in meinen Sitz fallen lasse, streife ich die Schulter des Jungen. »Bitte!«

Wir müssen hier weg. Abgeschlossene Türen halten Romeo nicht lange auf. Und von einem einzelnen Zeugen lässt er sich auch nicht abschrecken. Ich habe ihn schon öfter töten sehen – es macht keinen Unterschied, ob Männer, Frauen oder Kinder. Er tötet jeden, der ihm im Weg ist. Er hat weder moralische Bedenken noch Mitleid.

»Wo kommst du überhaupt her?«, fragt der Junge und mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. »Ist das Blut? Geht es dir gut?«

»Bitte fahr los! Bitte!« Ich riskiere einen Blick über meine Schulter und schreie erschrocken auf. Romeo rennt mit großen Schritten auf den Wagen zu. Auf seinem Gesicht spiegelt sich eine irre Vorfreude. Er wird diesen Jungen töten, nur zum Spaß, und ich werde Schuld daran tragen.

Und dann werde auch ich sterben. Wenn wir uns nicht augenblicklich in Bewegung setzen.

Ich werfe mich auf den Fahrersitz, dem Jungen direkt auf den Schoß, und während ich hektisch mit dem Fuß nach dem Gaspedal taste, verheddern sich unsere Beine. Er legt reflexartig die Arme um meine Taille, und einen Augenblick später stößt sein Fuß meinen zur Seite.

»Du kannst doch nicht …«

»Fahr! Wir müssen …«

Ich fange an zu jubeln, als mein Fuß endlich das Gaspedal findet. Das Auto macht ein paar Sätze vorwärts, bleibt jedoch mit quietschenden Reifen stehen, als der Junge auf die Bremse tritt. Der Motor gibt ein ungutes Geräusch von sich.

»So können wir nicht fahren, chica!« Er packt mich mit beiden Händen an der Taille und versucht mich auf den Beifahrersitz zu hieven, während er meinen Fuß vom Gaspedal schiebt.

Normalerweise wäre ich selbst nach so kurzer Zeit in einem neuen Körper stark genug, um einen Menschen von durchschnittlicher Statur zu überwältigen, aber nach dem Kampf mit Romeo und der anschließenden Kletterpartie wird es mir nicht gelingen. Ich brauche Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Zeit, die ich nicht habe, wenn dieser Junge nicht aufhört, gegen mich anzukämpfen.

»Du wirst uns umbringen!«, schreit er.

»Nein, mein Bekannter wird uns umbringen!«, rufe ich, und im selben Moment knallen Romeos Hände auf den Kofferraum. Der dumpfe Schlag lässt uns zusammenfahren, und wir beginnen beide gleichzeitig zu schreien.

Als ich in den Rückspiegel schaue, sehe ich Romeos Grinsen. Und dann ist er plötzlich verschwunden und taucht Sekunden später am Fahrerfenster wieder auf, das Gesicht nur Zentimeter von der Scheibe entfernt. Das Herz klopft mir bis zum Hals, während ich ein Stück vom Schoß des Jungen hinunterrutsche und fieberhaft mit dem Fuß nach dem Gaspedal suche. Romeo zieht so fest an der Tür, dass das Metall ächzt, dann merkt er, dass sie verriegelt ist. Als er mit der Faust ausholt und zum Schlag ansetzt, begreift der Junge endlich. Im letzten Moment tritt er auf das Gaspedal.

»Ay mierda!«, ruft er, als der Wagen losrast und Romeo nicht das vordere Fenster, sondern das hintere einschlägt. Glassplitter fliegen auf den Rücksitz, und ein kalter Wind fegt durch das Auto, während wir immer schneller die leere Straße hinunterjagen.

Meine Haare fliegen mir ins Gesicht. Ich halte sie mit einer Hand zusammen und hoffe, dass der Junge genug sieht, um den Wagen vernünftig steuern zu können. Die Sache war so knapp, dass ich am ganzen Körper bebe.

»Herrgott noch mal!« Er atmet tief durch, und seine linke Hand schließt sich fest um das Lenkrad. »Was zum Teufel war das?«

»Es tut mir leid. Es tut mir wirklich furchtbar leid, ich …«

»Du hättest mir sagen können, dass dein Freund verrückt ist!« Er schaut in den Seitenspiegel, in dem Romeo nur noch als kleiner Punkt in der Dunkelheit zu erkennen ist. Das Gesicht des Jungen ist wutverzerrt, und plötzlich wirkt er älter, finsterer, ja, geradezu gefährlich. Aber er hält mich immer noch im Arm, behutsam und beinahe zurückhaltend, als sei er sich meiner Nähe mit einem Mal sehr bewusst.

»Er ist nicht mein Freund.« Auch mir ist plötzlich sehr bewusst, wie nah wir uns sind. Sein Bauch wärmt meinen Rücken, und seine Schenkel bewegen sich unter meinen. Ich räuspere mich und erröte zum ersten Mal seit langer Zeit. Das Gefühl, wie meine Wangen ganz heiß werden, ist mir so fremd geworden, dass ich völlig perplex bin.

Und zu husten anfange. Und mich noch einmal räuspere.

»Alles in Ordnung?« Ich spüre, wie seine Finger an meiner Taille spielen. Mir wird noch wärmer, und in meinem Inneren keimt etwas auf, ein Anflug von Verlangen, der für mich noch merkwürdiger ist als das Erröten.

Ich runzele missbilligend die Stirn. Erröten ist eine Sache, aber so etwas wie Verlangen kann ich mir nicht erlauben. Das ist Ariels Leben, nicht meins. Verlangen ist eine sinnlose Empfindung, selbst wenn ich Zeit für gut aussehende Jungen mit dunklen Augen und zärtlichen Händen hätte. Was nicht der Fall ist.

»Mir geht es gut.« Ich beuge mich nach rechts und wechsle auf den Beifahrersitz, ohne der seltsamen Beklemmung in meiner Brust Beachtung zu schenken.

Der Junge hält seinen Blick auf die Straße gerichtet und schaut nur kurz zu mir herüber, als ich den Sicherheitsgurt anlege. »Er ist also nicht dein Freund.«

»Nein.«

»Dein Ex?«

»Nur ein unliebsamer Bekannter.«

Er schnaubt und wirft mir einen leicht belustigten Blick zu. »Ja, das kann man wohl laut sagen!« Er schüttelt den Kopf und wird wieder ernst. »Der ist doch irre! Er hat sich wahrscheinlich gerade die Hälfte der Knochen in seiner Hand gebrochen. Hat er dich so zugerichtet?«

Ich betaste vorsichtig meine Schläfe. Die Wunde ist fast verheilt, aber in meinen Haaren und an meiner Wange klebt noch Blut. »Nein, wir hatten einen Autounfall, aber das wird schon wieder.«

Ich nehme mir vor, mich irgendwo sauber zu machen, bevor ich nach Hause gehe. Sonst bringt mich Ariels Mutter garantiert in das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, und ich will auf keinen Fall eine Nacht in der Notaufnahme verbringen.

»War es ein schlimmer Unfall? Willst du ins Krankenhaus?«

»Nein, nein, bloß nicht! Ich hasse Krankenhäuser.«

»Und was ist mit den Bullen? Ich kenne ein paar gute Polizisten, nicht so welche, die einem nicht zuhören«, sagt der Junge. »Mein Bruder ist in Solvang bei der Polizei. Er ist nicht im Dienst, aber ich kann ihn anrufen. Er würde sofort …«

»Nein, ist schon gut. Es war nur ein kleiner Unfall, ein kleiner Streit.«

»Ein kleiner Unfall und ein kleiner Streit, so, so.« Er grunzt ungläubig. »Dein Kopf ist blutverschmiert, und du bist vor dem Kerl weggerannt, als wäre er mit der Kettensäge hinter dir her. Ich meine, du bist mir natürlich keine Rechenschaft schuldig, aber …«

»Okay, es war ein großer Streit. Aber ich will nicht zur Polizei gehen.«

»Warum nicht?« Der Junge biegt nach rechts in das Dorf Los Olivos ab und schaut kurz zu mir herüber.

Im Licht der alten Straßenlaternen kann ich sein Gesicht besser sehen: braune Augen, die eine Nuance heller sind als sein Teint, ein markantes Kinn und volle Lippen, auf die jede Frau neidisch wäre. Und wäre seine Nase nicht ein wenig schief, wie nach einem schlecht gerichteten Bruch, dann sähe er wahrhaftig atemberaubend gut aus.

Nein, ich muss mich korrigieren: Er sieht atemberaubend gut aus. Ich starre ihn an und kann gar nicht mehr wegschauen, aber das liegt nicht an seinem Aussehen. Da ist etwas in seinen Augen, etwas, das mir so vertraut vorkommt, als … als würde ich ihn kennen.

»Du musst keine Angst haben«, sagt er, und ich erschaudere, denn ich könnte schwören, dass ich ihn genau diese Worte schon einmal sagen gehört habe, aber ich weiß, es ist unmöglich. »Hörst du?«

»Ja.« Ich schlucke und verdränge das merkwürdige Gefühl. Er kommt mir bestimmt nur so vertraut vor, weil er wie die Jungen aussieht, mit denen ich aufgewachsen bin – dunkle Haut, funkelnde Augen und Lippen, über die Bildhauer ins Schwärmen geraten würden. Es ist nur so ein Déjà-vu-Erlebnis, sonst nichts. »Ich habe keine Angst. Und ich hatte auch vorhin keine Angst.«

»Warum warst du dann auf der Flucht?«

»Habe ich doch schon gesagt.« Ich zucke mit der Schulter. »Das war nur ein unangenehmer Zwischenfall mit einem unliebsamen Bekannten.«

»Er hat das Fenster mit der Faust eingeschlagen«, erwidert der Junge. »Das ist kein unangenehmer Zwischenfall, das ist …«

»Bitte, ich bezahle dir das Fenster, ich …«

»Das Fenster ist mir egal!«, entgegnet er und schlägt mit der Hand auf das Lenkrad. »Ich mache mir Sorgen um dich!«

»Du kennst mich doch gar nicht!« Meine Stimme klingt schrill.

Der Junge beißt die Zähne zusammen, und ein Muskel in seiner Wange zuckt. Ich muss an mich halten, um nicht mit dem Finger darüberzufahren, und verdränge das verrückte Gefühl, dass ich genau das schon einmal getan habe und weiß, wie sich seine Haut anfühlt.

Das ist doch absurd! Ich habe keine Zeit dafür, mich mit diesem Jungen zu beschäftigen.

»Du hast recht«, lenke ich ein, um das Thema zu beenden. »Dylan ist wahnsinnig, und er hätte mich tatsächlich verletzen können.« Und dich auch, fügt meine innere Stimme hinzu. »Du hast mir geholfen. Sehr.«

Er hält an der letzten Kreuzung im Dorf an, und während er wartet, dass die Ampel auf Grün schaltet, blickt er finster auf die leere Straße vor uns.

»Aber ich muss nicht ins Krankenhaus, und ich will nicht zur Polizei gehen. Das hat nichts mit Angst zu tun. Ich … mag nur keine Polizeiwachen.«

»Warum? Bist du vorbestraft oder so?«, fragt er.

Ich kann es mir nur mit Mühe verkneifen, die Augen zu verdrehen. »Ja, ich entführe Autos und beraube die Insassen. Gib mir dein Geld, dann lasse ich dich vielleicht am Leben.«

Der Junge fängt überrascht an zu lachen. Seine Zähne sind genauso schief wie seine Nase und geben ihm ein etwas ganovenhaftes Aussehen. »Da hast du aber wirklich Pech, chica. Ich habe gerade meine letzten zehn Dollar für Sprit ausgegeben.« Ich muss unwillkürlich grinsen. »Ich habe nur noch einen Gutschein für eine Autowäsche und eine halbe Flasche Mineralwasser auf dem Rücksitz.«

»Tja«, sage ich belustigt, »ich habe Durst.«

»Ich habe schon aus der Flasche getrunken. Da sind meine Bakterien dran.«

»Die will ich natürlich nicht haben«, entgegne ich, lächle abermals und hoffe, dass wir das Thema Polizei damit hinter uns gelassen haben. »Dann muss ich mich wohl damit zufriedengeben, dass du mich nach Hause fährst«, sage ich, als wir die Kreuzung überqueren. Es dauert einen Moment, bis ich mir die genaue Lage des Hauses, in dem Ariel wohnt, vergegenwärtigt habe. »Ich wohne in Solvang, in der Nähe vom Biomarkt. In der El Camino Road.«

»In der Straße, die nach dem spanischen Wort für ›Weg‹ benannt ist.«

»Du kennst sie?«

»Ja, und ich fahre dich auch hin, obwohl ich dich lieber woanders hinbringen würde, wie du weißt.«

»Ja, ich weiß. Danke.«

»Keine Ursache.« Wir fahren an einer Reihe Villen mit schummrig beleuchteten, gemütlichen Veranden vorbei und lassen Los Olivos hinter uns. »Der Biomarkt, den du gerade erwähnt hast, der hat richtig gutes Brot.«

»Wirklich?«

»Ja, ich bringe dir eins mit, wenn ich nächstes Mal hinfahre«, entgegnet er. »Ich bin erst vor ein paar Tagen bei meinem Bruder eingezogen, aber meine Schwägerin hat mich schon zweimal hingeschickt. Die normale Milch, die man bei uns an der Ecke kaufen kann, ist nämlich nicht gut genug für meine kleine Nichte. Sie bekommt nur hormonfreie Biomilch von glücklichen Kühen.«

Dass er einfach so davon ausgeht, dass wir Freunde werden, und wie warm seine Stimme klingt, wenn er über seine Familie spricht, rührt mich. Ich frage mich, wie ich ihn auch nur einen Augenblick lang für gefährlich halten konnte.

Er ist eigentlich ganz süß mit seiner männlich-fürsorglichen Art. Jemanden wie ihn könnte Ariel gut in ihrem Leben gebrauchen. Sie und Gemma haben sich auseinandergelebt. Es wäre gut für sie, jemanden zu haben, der für sie da ist, wenn sie wieder in ihrem Körper ist, auch wenn sich ihre Erinnerungen an den Jungen mit dem schiefen Grinsen von meinen unterscheiden werden.

Die Menschen, in deren Körper ich schlüpfe, erinnern sich hinterher weder an mich noch an Romeo und die Arbeit der Botschafter und Söldner. Ihre Gehirne bearbeiten meine Erinnerungen, bevor sie sie übernehmen, und bewahren auf diese Weise unsere Geheimnisse.

»Wie heißt du eigentlich, rubia