Julie Faun - F. Denom - E-Book

Julie Faun E-Book

F. Denom

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Beschreibung

Wundervoll ärgerlich und phantastisch verwirrend ist dieser erste Wurf von F. Denom. Ärgerlich, weil er in einer Zukunft spielt, die mehr von der Gegenwart in sich trägt als einem lieb ist, denn trotz einiger technischer und sozialer Errungenschaften sind unsere Unzulänglichkeiten und Probleme die gleichen geblieben. Zielsicher und mit scharfem Humor hält uns F. Denom einen kristallklaren Spiegel vor. Verwirrend, weil sich F. Denom nicht davor scheut, alle gängigen Erzählformen zu missachten und dem Leser sogar die längst vergangene Orthographie des Dudens von 1980 zuzumuten. Eine Zumutung? Ein Kunstgriff, mit dem F. Denom die Gegenwart in die Klammer zwischen einem Noch-Nicht und einem Bereits-Vergangenen gesetzt hat und dem Leser deutlicher vor Augen führt, dass trotz aller Anstrengungen das meiste sicherlich so bleibt wie es war. Man sollte aber nicht verzagen, sondern frohen Mutes diese Geschichte über ein zwölfjähriges Mädchen goutieren, das es sich in den Kopf gesetzt hat, den Tod ihrer Eltern aufzuklären und dabei das Rätsel der Tellertode löst. Julie Faun, ein Name, den man sich merken muss. Es wird hoffentlich nicht ihr einziges Abenteuer bleiben. Es darf nicht ihr einziges Abenteuer bleiben. F. Denom, wann erscheint Julies nächstes Abenteuer?

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Hinweis für den Leser

Spurlos

Weiblicher Akt

Denken, selber denken

Erdebeerchutney

Geistesblitz

B.B.

Die Chef

Parkbank 12

Befund

Kern oder Stein

Das Spiel beginnt

Goe

Das Spiel geht weiter

Schmidt's

Punkt für Punkt

Lütte Fritts

Nochnichterde

Die adrett gekleidete Dame

Eine Bruschetta

Einfach zu nah

Das Schlüsselritual

Nah dran

Das kleine Geheimnis

Wendepunkt

Im Kellerlabor

Sie kommen

Schwierige Begrüßung

Frau Dutschkes Einsatz

Der Fund

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

Ende des Countdowns

Hinweis für den Leser

Anstelle eines Vorwortes sei mir hier der Hinweis gestattet, daß einfach strukturierte Geister, schlichte Gemüter und Personen, die hinter Wörtern eine greifbare Realität vermuten, ausgesprochene Realisten, die immer nach der wahren Geschichte hinter der Geschichte suchen, lästige Gaffer, die in einer Geschichte die wirklichkeitsnahe Beschreibung sensationeller Tatsachen zu finden wünschen, die Geschichte von Julie Faun niemals allein, sondern immer in Begleitung eines phantasiebegabten Menschen lesen sollten.

Eine denkbare Alternative wäre eine gute Vorbereitung, gewissermaßen ein kurzes Phantasie-WorkOut. Aber auch die Besprechung eines jeden gelesenen Kapitels ist als durchaus hilfreich einzuschätzen.

Ein phantasiebegabter Mensch wird seine Freude an dieser Geschichte haben, wird sie in seinem Kopfe goutieren, neu würzen und vielleicht die eine oder andere Zutat hinzufügen, weglassen, anders dosieren oder deren Folge einfach tauschen. Eine Prise von diesem und eine Messerspitze von jenem und schon wird er seine Geschichte erhalten, die aber immer die Geschichte Julies bleiben wird.

Wir wissen es nicht erst seit heute: Nichts ist phantastischer als die Realität, und Nichts ist realer als die Phantasie.

Denn Phantasie ist die zu Humor gewordene Komik des Lebens. Nun aber zur Realität: Julie hat sich einige Zeit mit den ersten Sätzen zufriedengeben müssen, was soll ich sagen, es stand der Broterwerb im Vordergrund, zumindest als aushaltbare Ausrede. Bis wir in Streit gerieten. Ja, wir haben gestritten, haben entsetzlich rechthaberisch gestritten. Wie ein altes Ehepaar. So alt ist unsere Beziehung nun auch wieder nicht. Dennoch, es waren diese leidigen Themen, diese unsäglichen Dispute über Haar- und Augenfarbe, diese endlosen Debatten über Charakter, Fähigkeiten und Wissen und jene ungesagten Beschimpfungen, die unausgesprochen laut und eindringlich Julie und mich aus der Fassung bringen konnten. Tagtäglich schmetterten wir uns Wortsalven um die Sinne, die nur die verirrten Querschläger eigener Phantastereien sein konnten. So sehr wir uns auch mühten einen außenstehenden Dritten, d.h. Schuldigen, ausfindig machen zu können, es gelang uns nicht einen solchen zu entdecken. Schließlich mußten wir einsehen, daß es keinen Dritten gibt und geben wird.

Ein vom Tatsachenglauben durchdrungener Mensch wird sicherlich behaupten, daß ich nie mit Julie habe ringen können, da sie schließlich nur in meiner Phantasie existieren würde. Dieser Mensch muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er zur Oberflächlichkeit neigt, und ich werde mich hüten darüber zu phantasieren, was ihm auf diesen seinen Oberflächen Tiefe dünkt.

Um mich von meiner versöhnlichen Seite zu zeigen, ich bin mir bewußt, daß sie wahrlich nicht flächenumfassend genannt werden darf, seien hier und jetzt einige meßbare Tatsächlichkeiten genannt: dreißig Liter Kaffee, eine ebensolche Menge an Tee, zwei Flaschen Rotwein, gar viele Hände voll von salzigen Erdnüssen und unzählige Störanrufe haben mich bei der Arbeit begleitet. Es hat sich bei diesen leidigen Störanrufen wahrscheinlich nur um insgesamt sechs oder sieben gehandelt, aber man weiß ja, daß in derlei arbeitsintensiven Situationen sich die Addition zu einer steilkurvigen Exponentialfunktion wandeln kann.

Ich habe allen Versuchungen widerstanden.

Zum Schutze meiner Phantasie habe ich mein Doro hin und wieder ausgeschaltet. Ja, Sie habe richtig gelesen, ich habe keinen von diesen Handschmeichlern mit Ortungs-, Internet- und Telefonfunktion. Ich kann mit meinem Mobiltelefon telefonieren und, wenn ich einmal übermütig bin, dann ist mir sogar das Schreiben einer SMS gestattet. Ansonsten halte ich es wie vor vielen, vielen Jahren, als das Wünschen noch einen Sinn machte: geh hin oder schreib 'ne Karte. Nicht, daß ich gegen Technik sei, ganz im Gegenteil, ich empfinde es als großen Luxus, daß ich verderbliche Lebensmittel in einen Schrank legen kann, der sie kühlt, daß dieser Laptop, mit dem ich diesen Hinweis schreibe, es mir ermöglicht hat, einige Bäume zu erhalten, und daß ich nur eine Brille benötige und nicht zwischen Fern- und Lesebrille wechseln muß.

Also, noch einmal in Kürze:

Vorsicht beim Lesen!

Diese Geschichte ist durch und durch erfunden.

Und da sie in einer etwa zweihundert Jahre entfernten Zukunft spielt, die sich von der Gegenwart nur marginal unterscheidet, habe ich der Geschichte den Duden von 1980 zugrunde gelegt, als Hinweis darauf, daß es sich eigentlich um einen historischen Roman handelt.

Spurlos

Der Vermutung zu folgen, daß es sich um eine mafiöse Verschwörung vatikanischen Ausmaßes handeln könnte, wäre trotz ritualisierter Beschwörungen, nicht ein Tag ohne Schlagzeile, zu kurz gesprungen. Auch die Theorie einer interkontinentalen Überschreitung eiserner Vorhänge wie sie von politisch engagierten Zeitgenossen erwogen wird, verweigert sich jeglicher Haltbarkeit, um desto forscher gewürzt in die Leitartikel lanciert zu werden. Man hat gern vergessen, daß jene bereits in den achtziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts gegen lederne ausgetauscht worden waren. Ganz zu schweigen von der dünnen Hypothese jungdynamischer Stadtfamilien, nach der alles Übel seinen Ursprung in den gigantischen landwirtschaftlichen Konzernen habe, die seit etwa einem guten dreiviertel Jahrhundert, aus kaum nachvollziehbaren Gründen, Genossenschaften genannt werden wollen und bereits nach kurzer Zeit einen entsprechenden Titel erwirkt haben. Dies wäre nicht nötig gewesen, sind sie doch mächtig genug. Nein, sie bedürfen wahrlich keiner derartigen Verharmlosung ihrer kapitalistischen Zielrichtung. Mit der Umbenennung der Abteilungen in Brigaden haben sie sich letztlich der Lächerlichkeit preisgegeben, was aber kaum jemanden interessiert, da der geschichtliche Hintergrund längst schon in Vergessenheit geraten war. Niemand hat vor die Verbraucher zu betrügen.

Wie dem auch immer sei, die Sondereinheiten tappen seit jenem Dienstag mehr als nur im Dunkeln. Meier, Chefermittler des Kommissariats 2, Ungeklärte Fälle, ein hochgewachsener, schlaksig daherschlendernder Mann von ausgesprochen gutem Benehmen, ist gegen seinen Willen zum Leiter des Koordinierungsstabs ernannt worden.

Man hat einfach entschieden.

Meier, erfolgreichster und erfolgverwöhntester Ermittler des Ressorts Innere Sicherheit, hat sich zähneknirschend gefügt, die Alternative wäre eine Versetzung in die Dokumentation gewesen, um dort den Karteileichen den Garaus zu machen, ein Kommentar, den nur ein Meier sich getrauen konnte auszusprechen. Man versprach sich viel von dieser Personalie; man redet nicht darüber. Meier, nachdem er sich durch ausgiebiges Kopfschütteln von seinen Bedenken befreit, geht nun, wie ein jedes Mal, davon aus, daß er nicht nur etwas zur Aufklärung beitragen kann, sondern derjenige ist, der diesem Spuk, wie er es nennt, ein Ende setzen kann und wird.

Kein Eventuell, kein Vielleicht, kein Zweifel.

Nur eine Frage der Zeit.

In der Zwischenzeit hat man wiederholt aus den Nachrichten erfahren, daß man sich nicht mehr auf seinen Geschmack verlassen, seiner Nase nicht mehr trauen kann, ganz zu schweigen von den Augen. Und auch die haptischen Eindrücke entziehen sich jeglicher Erwartungshaltung.

Man kann sich nicht mehr sicher sein.

Die Situation hat sich in kürzester Zeit verschärft, der Besuch eines Restaurants, eines Cafés oder sonst irgendeines von diesen Verpflegungstreffpunkten ist zu einem kulinarischen Roulette geworden; man kann nur noch hoffen, daß das, was man bestellt hat, auch wirklich serviert wird; man möchte glauben können, daß das, was man auf dem Teller erblickt, nicht nur das scheint, was es vorgibt zu sein. Die subjektiv empfundene Wahrscheinlichkeit, daß es sich als das vergiftete Imitat jener Illusion herausstellt, die alle mit 5 gekennzeichneten Zutaten als natürliche Lebensmittel auszuweisen sich anmaßt, läßt sich nicht objektivieren, so daß man sich gern in die Betrachtung der weiteren Kennzeichnungen zu vertiefen versucht. 1 bis 4 sind zu vernachlässigenden Informationen vorbehalten, also Gesamtgewicht, Abtropfgewicht, Trockenmasse und Energiewert. Die Angaben unter 6 weisen den Zuckergehalt aus. Die hochgestellte, alphanumerische Konkretisierung der 7 gibt die verwendete Menge grobkörnigen Salzes an, bleibt aber meist frei, obwohl Salz verwendet worden ist. Das liegt an dem Umstand, daß feinkörniges Salz ohne Rieselhilfe auf Basis einer Entscheidung der Behörde für Nahrungsbewertungen von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen wurde. Die, die Gastronomie beliefernde, Industrie hat diese Entscheidung äußerst wohlwollend aufgenommen. Direkt nach Veröffentlichung des Beschlusses lobte man sich gegenseitig über alle Gebühr und war entsetzt, als nach den ersten Anschlägen Verdächtige aus dem Kreis der Hersteller exclusiver Convenience-Produkte während ihrer Arbeitszeit aus den als Küchen getarnten Laboren heraus verhaftet worden sind. Aber auch diese Spur hat nur ins vage Flau geführt. Die verhafteten Mitarbeiter der Hersteller exclusiver Convenience-Produkte sind, mangels Beweisen, inzwischen wieder auf freiem Fuß, jedoch unter einschneidenden Auflagen entsprechend ihrer hierarchischen Position. Keiner von ihnen darf zurück an seinen Arbeitsplatz. Man hat für die Produktionshelfer eine Ausnahmeregelung treffen wollen, sich aber nicht gegen die Stimmen der politischen Eliten durchsetzen können, die sofort mit einer Verfassungsklage wegen Ungleichbehandlung gedroht haben. Wider besseres Wissen hat man diese Drohung zu ernst genommen, die vorgefertigten Bescheide sofort zurückgezogen und entsprechend der vermeintlichen Gleichbehandlungsartikel korrigiert, was zur staatlichen Übernahme der ausgefallenen Akkordzuschläge für die Produktionshelfer führen mußte.

Niemand beklagt es, die Steuereinnahmen sind per Einzugsermächtigung geregelt; über den Betrag, der monatlich vom Konto abgebucht wird, wird man in unregelmäßigen Abständen per Wurfsendung informiert; die Widerspruchsfrist endet mit Öffnung der Wurfsendung.

Das Management, das bis auf eine Stabsstelle nur noch im Privaten existent, kocht, hat aber nichts weiter gegen diesen Beschluss, der hinter geschlossenen Türen und vorgehaltenen Händen bei einem Glas Wein formuliert worden sein soll, ausrichten können. Die beteiligten Minister und Staatsräte sind immer noch am Leben, die meisten zumindest, was aber nichts daran ändert, daß auch heute noch die irrige Schlußfolgerung kolportiert wird, es könne keineswegs der Wein gewesen sein, was zuerst von der österreichischen Kongregation einen wahrlich kleinlaut anmutenden Applaus erhalten hat; jetzt halten sich die Österreicher nur noch bedeckt.

Nicht ein einziger Hinweis, nicht ein einziges Indiz, nicht eine einzige Theorie, die zu verfolgen es sich lohnen würde. Hypothese schlägt Hypothese, daß es einem schwindelig werden kann.

Auch die Zeit hat sich wie das verbrannte Soufflée verhalten. Alles ist verkohlt und zerwürzt. Irgendwie ist sie, die Zeit, im vorletzten Jahrhundert stehengeblieben, trägt Boss und Ray Ban, obwohl sowohl Boss als auch Ray Ban schon lange nicht mehr Boss und Ray Ban, wie die Historiker behaupten, die müssen es ja wissen.

Eine jede Spur erweist sich schnell als Trampelpfad ins Unterholz und ist augenblicks wieder mit allen möglichen Wildkräutern zugewuchert.

Kaum zu glauben, aber noch immer wird von den Nanotastes, einer Splittergruppe der Food-Avantgarde, der Gedanke pfadfindern verfolgt, daß es sich um eine breitflächige Erziehungsaktion des kommunistischen Untergrunds handeln könnte – irgendjemand hat vorgestern behauptet, daß die APO von einem gewissen Herrn Dutschke in Kooperation mit dem Gas- und Wasserinstallateur Herrn Baumann wiederbelebt worden sei, was sich als Fake einer zuvor gehandelten und weit verbreiteten Fakenews herausgestellt hat. War nicht anders zu erwarten. Der real existierende Herr Dutschke, viele Jahre Privatdozent, ist kürzlich vom MIT Altona gerufen worden und konnte nach vielen Jahren des Wartens nun endlich seinen halbherzigen Titel gegen den eines Professors tauschen, Professor für Mikrobiomolekularbakteriologie; gern hat er den damit verknüpften finanziellen Verlust in Kauf genommen, da nun eher auf sein Wort gehört werden wird, so hofft er. Niemand kann seine liebevoll zärtliche Art nachvollziehen, in der er von Bakterien und ihren Stämmen spricht; niemand hat so wirklich Verständnis dafür, daß er immer wieder und sehr emotional von diesen Zyanobakterien schwärmt. Er glaubt, daß sie unsere Eltern seien. Milliarden Mütter, die Milliarden Väter sind. Was für ein Wirrkopf!

Auch die Vermutung, daß es sich um einen islamistischen Vergeltungsschlag handeln könnte, ist so lange als Wahrheit prolongiert worden, bis die Beweislast zu erdrückend. Ein Irrtum scheint nicht ausgeschlossen. Der Schlachtruf ist derselbige geblieben.

Eine Spur, die zum nordkoreanisch-türkischen Kartell zu führen schien, hat sich im Delta russischer Interventionen mangroven zerlaufen.

Und wahrlich, die proletarische Arroganz kennt keine Grenzen, man hält sich für unschuldig, obwohl so manche Streiks nicht angemeldet, sondern per Krankenschein in Szene gesetzt worden sind; kaum zu glauben, aber, so wird stereotyp repetiert, daß man Opfer des industriell-imperialistischen Komplexes sei, der, unbehandel- und unverortbar, sich viral im real existierenden Überall auszubreiten scheint.

Und die nationalistischen Tendenzen wissen sich im Gestrüpp konservativer Nostalgien zu verheddern, um, von der eigenen Dumpfheit gekränkt, bareheaded zu glauben, die Schuldigen seien längst ausfindig gemacht. "HW! AH! HW! AH!" skandieren sie auf den Straßen, dabei reißen sie ihre Arme hoch als wollte ein jeder der erste sein, der vom Lehrer an die Tafel zitiert wird. Aber meist endet das Spektakel abrupt in tiefster Verbitterung. Man sollte sich von diesen Individuen, wenn sie in Gruppen auftreten, besser fernhalten. Sie können das Schmunzeln nicht aushalten, das ihr Gebaren unweigerlich bei einem auslöst.

Ganz zu schweigen von jenen religiösen Extremisten, die mit Weihwasser, Gebetsteppichen und Exerzitien einen jeden Verdacht von sich weisen. Während geheimer Treffen haben die Führer der bis dato verfeindeten Gruppierungen feststellen müssen, daß sie gar nicht so weit von einander entfernt sind. Um aber den Schein zu wahren und ihrem Gefolge das Gefühl zu lassen, daß sie im Besitze der Wahrheit seien, hat man den Ton bei öffentlichen Auftritten deutlich verschärft. Jede Religion scheint einer jeden anderen das Schreckliche zuzutrauen, so kommt es den Mitgliedern vor. Speziell ausgebildete Imame, Pfarrer, Rabbiner und Pastoren haben nach geheimen Initiationen die Aufgabe erhalten, durch mildere Töne ein Aufflammen der schwelenden Konflikte hinauszuzögern und offene Gewalt zwischen den Religionen zu verhindern. Die Eliten sind sich nicht sicher, ob die gegenseitigen Beschuldigungen langfristig von Nutzen sein werden. Die angenommenen Spuren haben sich als Schein entpuppt, zerredet im eifrigsten Streit um den Gottesbegriff.

Und auch der verhängnisvolle Glaube an die Macht der Familie ist tief erschüttert. Sogar der Pate, der vor wenigen Tagen glaubwürdig betroffen in den Hauptnachrichten zu sehen gewesen, seine Föhnwelle schien gelitten zu haben, hat in denselben versichert, durch den plötzlichen Tellertod, so wird das abrupte Ableben während des Hauptgangs scherzhaft genannt, worüber aber niemand zu lachen wagt, also durch das abrupte, unerklärliche Ableben seiner beiden Söhne selbst zum Opfer eines dieser widerlichen Attentate geworden zu sein. Es ist noch nicht geklärt, ob es sich wirklich um Attentate handelt, was aber den Verschwörungstheoretikern und Gerüchtepraktikern nur recht sein kann. Das Wort war in die Welt geworfen und montierte einen jeden Gedanken mit vollwürziger Angst auf.

Hier sei angemerkt, daß Mahlzeiten in heimischen Küchen nicht betroffen sind, zumindest hat man noch keine Nachricht über eventuelle Vorfälle im Privatsphärischen erhalten.

Ausnahmezustand.

Die Welt in Aufruhr, Angst und Schrecken, so könnte man vermuten, aber kaum jemand nimmt Notiz davon, man läßt sich einfach nicht davon abhalten essen zu gehen und geht weiter davon aus, daß dieser Horror alsbald beendet sein wird, so wie die Pest aus vorindustrieller Zeit, Windpocken und Masern oder die Telefone, die damals vom Benutzer bedient werden mußten. Was für eine Vorstellung!

Man hat letztlich schnell zu begreifen gemeint, daß es hauptsächlich Filialisten und Franchiseunternehmen betreffen würde, was deren Geschäftsführer, die sich für selbständig halten, weit von sich weisen. Die Opfer in wahrhaft inhabergeführten Gaststätten, Bars und Imbissen werden als Kollateralschäden gehandelt, eine kränkende Mißachtung, die bereits zu ersten Protesten geführt hat. So hat sich die Vereinigung rustikaler Eckkneipen vergangenen Freitag geweigert Frikadellen anzubieten. Die Bäcker haben sich solidarisch gezeigt und nur noch Schwarzbrot und Franzbrötchen in ihren Auslagen präsentiert; einer von ihnen hat aus purer Niedertracht Sommerhörnchen danebengelegt, was ihm zehn Freibier eingebracht hat.

Es kursieren diverse Bekennerschreiben aus den unterschiedlichsten Richtungen und Lagern, aber keines von denen hat sich als ausreichend glaubwürdig erwiesen.

Der Club Beaucuse wiederholt unermüdlich seine Lamenti gegen die Konservendose und weist in allen einschlägigen Blättern auf seine Jahrhunderte alte Forderung hin, daß diese per Dekret abgeschafft gehöre. In keinem der betroffenen Restaurants sind Konservendosen gefunden worden, was, wie uns glauben gemacht wird, nichts zu bedeuten habe.

Hienieden goutiert man in der gehobeneren Gastronomie stimmungsvoll die Verschwörungstheorien beim Aperitif, um mit bittersüßem Schauder den Magen vorzustimmen. Beim Digestiv feiert man dann das Überleben wie eine zu erwartende Selbstverständlichkeit.

Jeder glaubt irgendetwas. Und man tauscht sich in flambiertem Grauen köstlichst aus, sicherlich wird es einen anderen treffen, was sich im Laufe der Geschichte meist als fataler Irrtum herausgestellt hat, denn jeder könnte jederzeit der andere sein.

Einzig ein kleines Mädchen und Jeff, in derlei Geschichten sind immer amerikanische Namen verwickelt, lassen sich nicht beirren und forschen unermüdlich und ungeachtet allgemeiner Ignoranz am großen Kürbis, was aber nichts, rein gar nichts damit zu tun hat, daß das erste Opfer von einer Kürbissuppe erlegt worden war – man hat versucht das Wort 'vergiftet' zu vermeiden, um den Fahndungsrange nicht allzu sehr einzuschränken und der Tatsache gerecht zu werden, daß keinerlei Gift in der Portion nachweisbar gewesen. Nun, es wäre besser gewesen über das Ergebnis der forensischen Untersuchung zu sprechen und weniger über die aufmontierten Verdächtigungen. "Was könnte nicht eine zweite oder dritte Untersuchung alles ergeben", wurde, ohne daß man sich mit dem Bericht auseinandergesetzt hatte, sogleich aus allen Lagern lauthals gerufen, aber der Bundesrichter hat weitere Untersuchungen als nicht erforderlich zurückgewiesen. Mit den heutigen kriminaltechnischen Mitteln sei kein anderes Ergebnis zu erwarten. Da man aber den Bericht nicht gelesen, das Ergebnis also nicht kannte, wollte man sich mit dem Richterspruch nicht zufriedengeben und ging in Revision. Nun ja, man wird sehen.

Der Rest Kürbissuppe wurde schockgefrostet und lagert nun in einem geheimen Archiv der Streitkräfte.

Business Lunch.

An einem Dienstag.

Vor etwa acht Wochen.

Seitdem kämpfen die weltweiten Statistiken um Übereinstimmung, die Zahlen reichen von 12 bis 1.024, manche gehen sogar von 1.048.576 Opfern aus, was sicherlich übertrieben ist und die vielen weiteren Todesursachen, wie zum Beispiel Herzinfarkte, bewaffnete Überfälle, Hirn- und Terroranschläge sowie die anderen unangenehmen oder angenehmen Arten in einem Restaurant zu sterben, unsinnigerweise mitberücksichtigt. Wie aus vertrauenswürdiger Quelle zu erfahren ist, sollen 64 nachgewiesen sein, was aber von vielen als Rechenfehler bewertet wird. Selbst das interessiert die meisten kaum, da sie damit beschäftigt sind, in ihren eigenen Statistiken nach logarithmischen Zufallsbefunden zu suchen.

Findige Gelehrte nutzen für ihre Berechnungen die vernünftige Diagonale und erhalten so ihr verhundertfachtes Quadrat, 12.960.000, ohne den Lösungsweg verständlich und nachvollziehbar darlegen zu können.

Alle Überlegungen und Berechnungen entbehren der Wirklichkeit, keine von ihnen basiert auf realistischem Fundament. Wohlwollend könnte man sie Phantasien des einzig realen Zustandes nennen, der Angst.

Julie, so heißt das kleine Mädchen, das aus katzengrünen Augen mit größter Neugier in eine Welt schaut, die den meisten unbegreiflich, weshalb diese es unterlassen sich näher mit ihr, der Welt, zu beschäftigen.

Julies Verstand ist scharf, ihre Logik eisklar, glaskalt und extrem intuitiv. Und sie versteht diese unbegreifliche Welt um ein Vielfaches besser als so manch Erwachsener.

Und da ist nun einmal Jeff, ein sensationsloser junger Mann mit leicht schiefem Gesicht, von dem es nicht viel zu wissen gibt, der sein schwarzes, kräftiges Haar selber schneidet und das Ergebnis für eine Frisur hält. Meist trägt er einen alten, zerknitterten Trench und schaut leicht geneigten Kopfes columben in eine Welt, die ihm seit einer Ewigkeit suspekt. Es sei hier angemerkt, daß, wenn Jeff als jung beschrieben wird, nicht sein kalendarisches Alter gemeint ist.

Die beiden haben auf ihrer Flucht vor den Sicherheitskräften, die ihnen immer noch auf den Fersen zu sein glauben, in einem der unscheinbaren Hinterhöfe auf illegalem Kompost den Großen Kürbis entdeckt.

Julie hat sofort gewußt, daß dieser Kürbis der Große Kürbis ist, den sie sich als erste Lösungmöglichkeit ihres größten Problems erdacht.

"Der Große Kürbis!" wäre Julie beinah gestolpert, "Der Große Kürbis", zog sie Jeff an seinem Trench hinter sich her.

Jeff folgte ihr brav. Es gab keine Alternative.

Erschrocken und glücklich zugleich blieb sie vor dem Großen Kürbis stehen, sie hatte plötzlich das Gefühl angekommen zu sein.

Jeff verstand nicht.

"Sieh doch", zeigte sie immer wieder auf diesen riesigen, orangegelben Ball.

Jeff verstand nicht, versuchte auch nicht wirklich zu verstehen, wollte viel lieber wieder einmal mit der ganzen Sache nichts zu tun haben.

"Man, Jeff, sieh doch", gab Julie nicht auf.

Man wird die beiden gesehen haben, und das sicherlich bereits in dem Augenblick, als sie in den Torweg eingebogen. Man wird sie beobachtet haben, wie sie in diesen unscheinbaren, von fünf sechsgeschossigen Häusern umschlossenen Hinterhof gekommen. Man hat diese beiden, das kleine Mädchen und den jungen Mann, im Auge behalten. Man hatte zuvor von einem kleinen Mädchen gelesen, das nach dem Tod ihrer Eltern von einem Mann mittleren Alters entführt worden sei. Man hat also die beiden gesehen, hat das kleine Mädchen erkannt, die Erscheinung stimmte mit den Phantombildern überein, hat darauf geschlossen, daß dieser Mann der Entführer sei, was aber nicht dazu passen wollte, daß ihn das kleine Mädchen an seinem Trench hinter sich herzog, also hat man nichts unternommen. Außerdem ist das Vertrauen in die Sicherheitskräfte nicht sehr groß, und man ist froh, daß sich in diesem unscheinbaren Hinterhof endlich etwas ereignen könnte, was dem grauen Alltag sicherlich ein wenig Farbe verleihen würde, auf jeden Fall immer dann, wenn Julie ihre knallroten Locken schüttelt. Auch hatte man nichts mit dem Kürbis anzufangen gewußt, der aus dem Nichts auf dem illegalen Kompost zu wachsen und sich auszubreiten begonnen. Man hatte ihn vorsichtshalber nicht berührt, war respektvoll um ihn herumgegangen, hatte die Bio-Abfälle sorgsam und vorsichtig um ihn herum auf den illegalen Kompost mehr gelegt als geworfen und sich davor gehütet, diesen, wie man es gewohnt, zu wenden. Bis auf Frau Dutschke, die sich für den Großen Kürbis sofort verantwortlich fühlte und ihm jegliche Pflege angedeihen ließ, äh, läßt.

Und es war Frau Dutschke, die just zu jener Zeit zu Hause gewesen und durch ihre Gardinen in diesen traurigen, unscheinbaren Hinterhof gesehen, um zu schauen, ob sich der Kürbis verändert habe; er war während der vergangenen Tage nicht mehr gewachsen. Da sah Frau Dutschke wie ein kleines Mädchen einen jungen Mann hinter sich herzog. Zu ihrem Kürbis. Frau Dutschke empfindet den Kürbis irgendwie als den ihren. Und Frau Dutschke sah wie das kleine Mädchen immer wieder auf den, ihren, Kürbis wies. Im ersten Impuls wollte Frau Dutschke die Gardine zur Seite schieben, das Fenster aufreißen und Halt! schreien, aber sie blieb reglos hinter ihrer Gardine stehen und schaute. Sie schaute, wie nur eine Frau Dutschke schauen kann.

Dieser junge Mann schien kein Entführer zu sein, er wirkte eher verhuscht und orientierungslos und auf die Hilfe des kleinen Mädchens angewiesen. Aus ihrer Perspektive, sie ist die Mutter von Professor Dutschke, der im gegenüberliegenden Haus ein Einzimmerapartment bewohnt, wird Jeff sicherlich als junger Mann angesehen werden dürfen. Frau Dutschke lächelte und wußte, daß diese beiden weder eine Gefahr noch ein Unglück sein würden, ganz im Gegenteil, sie könnten die Rettung sein. Es war ihr wie eine Ahnung, wie eine im Lächeln sanft köchelnde Hoffnung, daß es diesem kleinen Mädchen und diesem jungen Mann gelingen könnte, den Tellertod aus der Welt zu verbannen. Insgeheim traute sie und traut sie immer noch dem kleinen Mädchen einiges mehr zu als dem jungen Mann, den sie bereits im ersten Augenblick für einen Spinner gehalten, was sie aber niemals äußern würde.

"Nun ja", nickte sie unerkannt hinunter in den Hinterhof, "vielleicht bewahrheitet sich das Sprichwort der Verzweifelten: wenn die Sache schräg wird, werden die Schrägen zu Profis." 'Aber vielleicht ist das auch nur eins von diesen Zitaten, die man im Laufe seines Lebens nicht umhin kann aufzuschnappen', würde, wenn er könnte, Frau Dutschkes Kopf mit den Achseln zucken. Zumindest sieht er, also Jeff, nicht allzu schlecht aus.

Julie blieb vor dem illegalen Kompost stehen, noch immer einen guten Zipfel seines Trenchs in der Hand und schaute, wie nur sie schauen kann.

Jeff, der mit diesem Haufen aus Erde und Abfällen, die er nicht als Bio-Abfälle erkannte, nicht wirklich etwas anfangen konnte, blickte sich erst unauffällig, dann immer freimütiger um und begann sich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, daß dieser Hinterhof wohl ihr neues Versteck werden würde.

"Da", zeigte Jeff auf eine der fünf schweren Eisentüren.

Julie ließ den Zipfel seines Trenchs los, drückte kurz seine Hand und nickte.

Weniger von Mut als von Hunger getrieben, lief er schnurstracks auf diese schwere Eisentür zu, zog sie auf und öffnete so den Eingang zu einem Keller, von dem er annahm, daß er die fünf sechsstöckigen Häuser labyrinthisch unterliefe. Bis auf diese Annahme vermied es Jeff, sich darüber Gedanken zu machen, weshalb er sich für diese und nicht für eine der anderen, schweren Eisentüren entschieden hatte. Es wäre auch nicht hilfreich, sondern für Jeff eher verwirrend gewesen, da sie alle, die schweren Eisentüren, in denselbigen Keller führen.

Julie hockte sich derweil vor den großen Kürbis und betrachtete ihn ausgiebig. Die Ähnlichkeit mit dem von ihr erdachten Kürbis wunderte sie nicht, denn es lag keine Identität vor, sondern nur eine weitestgehende Übereinstimmung der grundlegenden Charakteristika, die sie dazu anregte, die wenigen Unterschiede etwas genauer zu untersuchen. Julie fand keine von diesen feinen Schattierungen, wie sie zuerst vermutete, sondern kleine, unscheinbare Flecken von Punktgröße, die sie niemals auf ihrem erdachten Kürbis gesehen haben konnte. Julie ärgerte sich, kniff die Augen, doch es gelang ihr nicht, ihren erdachten Kürbis mit eben diesen kleinen, unscheinbaren Flecken von Punktgröße zu denken. Sie rieb sich die Augen, aber auch dies führte zu keinem anderen Ergebnis. Sie konnte sich diese scheinbare Unmöglichkeit nicht erklären und begann mit verschiedenen Haltungen zu experimentieren. Julie ist sehr gelenkig und durchaus kräftig, was man ihrer zarten Erscheinung beim ersten Mal nicht zutrauen würde. Aber ihr erdachter Kürbis blieb ohne diese kleinen, unscheinbaren Flecken von Punktgröße, die auf dem Großen Kürbis nur noch deutlicher erstrahlten.

Während also Jeff das Labyrinth an Verschlägen und Kammern durchstreifte, alte, verstaubte Fahrräder entdeckte, er hatte von diesen vor vielen Jahren in der Schule gehört, eine Papptonne mit originalen Legosteinen, die er sehr seltsam fand, sich dennoch hingezogen fühlte, und das eine oder andere, was er für essbar hielt, hielt Julie für einen scharfen Augenblick inne und sah den Kürbis derart ernsthaft und strenge an, daß dieser auf den Untergrund wies, auf dem er ausgebreitet lag. Thronte wäre hierfür der geeignetere Ausdruck, aber wir wollen nicht pedantischer sein als der Sozialversicherungsfachangestellte.

Eine ältere Dame aus dem Hochparterre, die Julie aus dem Augenwinkel bemerkte, nickte ihr aufmunternd zu, so daß sie nicht zögerte, sich vorbeugte und zu graben begann.

Jeff steckte unterdessen das, was er für eßbar hielt, in seine Manteltaschen, um seinen Fund Julie als fürsorglicher Freund zeigen und ehrlich und gerecht mit ihr zu teilen, so dachte er. Eigentlich aber wollte er das, was er für eßbar hielt, Julie nur zeigen und besprechen, ob es das sei, für was er es hielt, denn seine Unsicherheit war stärker als sein Hunger, was aber nicht bedeuten würde, daß Angst satt machen könnte.

Julie grub derweil. Und sie grub, ungeachtet der möglichen Gefahren, die in einem illegalen Kompost gemäß der Urteilsbegründung zum Verbot illegaler Komposthaufen zu lauern haben. Julie grub, sie grub weit unter den Großen Kürbis, ohne daß sich dieser in irgendeine Richtung zu neigen anschickte. Julie grub und grub und entdeckte etwas, was sich wie Glas anfühlte.

Julie hielt inne, drehte den Kopf ein wenig nach links, sah zu der älteren Dame, die aus ihrer kindlichen Perspektive sicherlich eine alte Dame genannt werden könnte, die ihr erneut aufmunternd zunickte.

Julie lächelte, obwohl sie normalerweise davon ausgehen konnte, daß die ältere Dame, ob ihres Alters, Julies Lächeln nicht wirklich sehen würde, was aber sofort durch die Tatsache widerlegt ist, daß Frau Dutschke die Augen einer Adlerin hat, nur in der Nähe haben sich die ersten Unschärfen eingestellt.

Julie wandte sich wieder ihrem noch ungewissen Vorhaben zu und berührte vorsichtig dieses Etwas. Es fühlte sich wahrlich an wie Glas.

Hochkonzentriert nahm Julie wahr, wie ihre Fingerspitzen eine erschreckende Zerbrechlichkeit erspürten, die sie in der Art von gläsernen Gegenständen nicht kannte. Achtsam rieb sie eine kleine Stelle frei. Unter ihren zarten, kleinen Fingernägeln zu Erde verrottete Essensreste; den hochkriechenden Ekel schnutete sie einfach weg. "Vegan", bewertete sie den Geruch, der sich auf ihren kleinen, nun dreckigen Händen niedergelassen hatte, schüttelte sich und wischte mit knapper Geste dies Wort, das ihr wie Albernheit erklang, energisch hinfort. Julie hat es nie verstanden und wird es nie verstehen, wie sich Menschen in dogmatischer Haltung ihrer Ernährung zuwenden können, voll von Über- und Unterzeugungen, also blind vor, hier muß es einmal gesagt werden, Geschmacklosigkeit. Julie hielt und hält immer noch ihre Sinne für die wahren Entscheider über eine ausgewogene und gesunde Ernährung, ein Bonsoufflé de Carmignotte gehört nun wahrlich nicht dazu.

"Glas", sah und stellte sie nüchtern fest.

Vorsichtig klopfend und reibend untersuchte Julie die Oberfläche. Sie klang irgendwie tönern, irgendwie erdig, irgendwie glockenhell und zeigte sich keineswegs zerbrechlich. Diese Oberfläche war hart. Und es war Glas. Ein sehr hartes Glas. Julies Reiben hatte keinerlei Kratzer hinterlassen, nicht eine Spur, nicht einmal eine Ahnung.

Julie grub weiter, selbstvergessen und wissend, daß sie dabei war, etwas Gewichtiges aufzudecken.

Julie grub weiter und weiter, während Jeff sich immer noch ermahnte, von dem, was er für eßbar hielt, keinen, aber auch wirklich nicht einen einzigen Bissen zu sich zu nehmen. Selten hat Jeff eine derartig richtige Eingebung. Es hat sich nicht oft wiederholt, obwohl Jeff in der Regel von Eingebungen sogar regelrecht überschwemmt wird.

Wie Julie grabend erfühlte, so legte sie mit ihrem Graben einen wohlgeformten Glasballon frei, der den Großen Kürbis in wahrhaft eleganter Weise trug und immer noch trägt, so daß Julie in ihrer kindlichen Intuition sofort erkannte, daß es sich nur und einzig um den Gläsernen Bauch handeln konnte, getarnt von Essensresten und Beinaherde in illegalem Kompost.

Der Gläserne Bauch ist geformt wie ein Kürbis, meist ist er leer, so daß die Transparenz des Gewandes, so nennt man die Oberfläche des Gläsernen Bauches, dem Normalsterblichen wie undurchsichtig erscheint.

Julie aber vermochte sogleich durch das kristallklare Gewand des Gläsernen Bauches in sein Inneres zu schauen. Und sie erblickte Punkte, die sich bei näherer und genauerer Betrachtung als geschrumpfte Kürbiskerne entlarven ließen. Scharfsichtig analysierte Julie diese zu Punkten verkleinerten Kürbiskerne, die den Gläsernen Bauch bis zur Hälfte füllten, und ihr wurde sofort klar, daß der Gläserne Bauch mit deren Hilfe Fragen beantworten kann. Kürbiskern für Kürbiskern, also Punkt für Punkt, so gibt der Gläserne Bauch recht einsilbig, wohl besser einpunktig, seine Antworten, aber durchaus präzise und sehr eindeutig. So lassen die zu Punkten reduzierten Kürbiskerne keine dialektischen Diskurse zu, sondern verfolgen mit sokratischer Penetranz ein Ziel, die allzeit gültige Antwort. Für die, man könnte sie Zwischenantworten nennen, verwendet der Gläserne Bauch nicht etwa die zu erwartenden Bekannten Ja & Nein, sondern antwortet so lange mit Oben beziehungsweise Unten bis eine aufschlußreiche Verteilung der Punkte erreicht ist. Sollte sich nun der Fragende die Reihenfolge seiner Fragen gemerkt haben, dann ist er in der Lage, diese aufschlußreiche Verteilung in jene allzeit gültige Antwort zu übersetzen, die der Gläserne Bauch bereits mit der ersten Frage angestrebt hat.

Julie hat sofort gecheckt, daß ihre Fragen sehr gut überlegt sein müssen, daß jeder Fragefehler den Fragenden in die Irre führen muß, eine Irre, aus der es kaum einen Ausweg geben kann.

Julie muß also eine jede Frage prüfen, eine Fragereihenfolge bilden und die Priorisierung so lange hinterfragen, bis sie ihrer Fragen und der Fragereihenfolge sicher sein kann, denn nur dann wird sie die punktgenaue Antwort erhalten.

Es ist das Können, nicht das Sein, das hier den Takt vorgibt.

Ein nicht leichtes, aber für Julie ein nicht unmögliches Unterfangen, hat sie bereits während erster Erwägungen verschiedener Frageoptionen herauskristallisieren können, daß Wer-Fragen nur zu unsinnigen Punkteverteilungen führen und weitere, unausgesprochene Frageexperimente haben sie herausfiltern lassen, daß Warum-Fragen nur stochastische Zufallscluster erzeugen. Also weder die einen noch die anderen zu gebrauchen sind.

Es müssen Fragen sein, suggestionsfrei und phantasievoll, die sich stringent der letzten Antwort annähern und in keinem Moment in diplomatische oder kompromißlastige Richtungen weisen.

Fragen, fragen, richtige Fragen, richtiges Fragen, so bewegte sie das Wort sehr ernst in ihren Gedanken, und sogleich schmerzte sie große Sorge und ließ sie im Hinblick auf den immer noch im Kellerlabyrinth herumirrenden Jeff unruhig werden, so daß es ihr nicht gelingen wollte, so sehr sie sich auch mühte, anständige Fragen zu finden. Denn nur anständige Fragen sollte man dem Gläsernen Bauch stellen. Unanständige Fragen können beim Gläsernen Bauch zu tagelanger Antwortverweigerung führen. Da Julie also keine anständigen Fragen finden konnte, fing sie an, sich damit zu beschäftigen, die Beinaherde unter ihren Fingernägeln hervorzuknibbeln. Es beruhigte sie nicht wirklich.

Und noch immer, nach Wochen der Frageforschung, den Fragehimmel in und über ihrem Kopf, den Blick auf Jeff gerichtet, der, an dem Tag, als sie Zuflucht in diesem unscheinbaren Hinterhof gefunden hatten, natürlich nach ein paar Stunden wieder ans Nochtageslicht geschlichen kam, beschleicht sie diese Sorge und diese Unruhe, da Jeff nun keiner ist, der viele Fragen stellt, der darob im Fragestellen ungeübt, ganz zu schweigen vom Antworten. Er, so scheint es Julie, ist ein Mann der Hände, jemand, der wenig versteht, jemand, der eher begreift, jemand, der eigentlich wenig spricht. Was aber auch nicht wirklich auf Jeff zuzutreffen scheint.

Wie oft hat sie ihn schon gefragt "Was machst Du da?", wenn sie ihn wieder einmal in seiner kleinen Werkstattecke bei der Entwicklung diffuser Legomodelle beobachtete.

Hier sei erwähnt, daß das Wort "Lego" für alles verwendet wird, was aus Elementen, "Legosteine" geheißen, die von monadischen Einzelteilen kaum zu unterscheiden sind, zusammengesetzt ist. Man könnte sagen, Moleküle sind die Legosteine der Natur, wenn man unberücksichtigt läßt, daß seit über zweihundert Jahren bekannt ist, daß auch die Atome nichts anderes als Legosteine sind. Es ist daher nicht falsch zu behaupten, wir seien Legolithen, erstaunlicherweise sogar sehr bewegliche. Niemand weiß, woher das Wort stammt, nur noch wenige, hochspezialisierte Anthropologen kennen seine Herkunft und würden sicherlich alles dafür geben, einen Blick in die Papptonne werfen zu dürfen, die wir vergessen können, da sie und ihr Inhalt im weiteren Verlauf dieser Geschichte keine Rolle spielen werden.

"Na, das siehs'Du doch", erhält sie meist zur Antwort, auf die sie nichts anderes erwidern kann als die Augen zu verdrehen und ganz girlslike einen entnervten Seufzer in seine Richtung zu schicken.

Jeff zeigt ihr dann meist das Legomodell, an dem er gerade arbeitet, und versucht es wort-, aber für Julie nicht wirklich sinnreich, zu erklären.

'Wörter', schüttelt Julie sich dann unauffällig innerlich, 'sind doch nichts anderes als Lautpfützen', die man am liebsten umgehen, oder über die man hinwegspringen möchte. Dennoch guckt sie interessiert und, wie das Mädchen so tun, wenn sie nicht wissen, was sie in der Situation eigentlich verloren haben, kratzt sie sich am Po.

"Bei mir mußt Du nicht so tun, als seist Du eines von diesen hübschen aber vollkommen dummen Mädchen, die nur ihren Ken im Kopf haben", raunzt er sie dann ein jedes Mal an.

Ohne ihr Pogekratze zu unterbrechen schaut sie bei derartigen Erwiderungen zu Boden, um ihm so ganz nebenbei und in aller Schärfe klar zu machen, daß er die Geschichtsbücher mit der aktuellen Wirklichkeit nicht verwechseln solle, da es heute keinen Ken mehr gibt, und, wie wir wissen, wurde auch Barbie schon vor einer Ewigkeit vom Markt genommen. "Den kenn ich nicht".

Normalerweise vertieft sich Jeff daraufhin grummelnd und noch tiefer in sein Werk und murmelt vielleicht so etwas wie "Hast ja recht".

So könnte es oft gewesen sein.