Verlag: Oetinger Taschenbuch Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Jungs strengstens verboten - Mascha Matysiak

Verliebt? Pah! Ich doch nicht! Vom Wonderbra über die ersten Pickel bis zum Sexualkundeunterricht: Hier kommt alles auf den Tisch. Leni und Emma finden es total peinlich, wie sich die anderen Mädels vor den Jungs zum Affen machen. Also schließen sie einen Pakt: Liebe, lieber nicht! Klappt natürlich nicht, denn Fintan tritt in Lenis Sportverein ein. Und plötzlich hat ausgerechnet Leni Schmetterlinge im Bauch und schreckliche Gewissensbisse, weil Emma auf keinen Fall davon erfahren darf! Mit der hormonellen Achterbahn durch das Chaos der Pubertät: witzig, spritzig, genial komisch! Eine lockerleichte Liebes- und Freundschaftsgeschichte!

Meinungen über das E-Book Jungs strengstens verboten - Mascha Matysiak

E-Book-Leseprobe Jungs strengstens verboten - Mascha Matysiak

Über dieses Buch

Verliebtsein? Bloß nicht!

 

Leni und ihre beste Freundin Emma finden es total peinlich, wie sich die Mädchen in ihrer Klasse vor den Jungs plötzlich zum Affen machen, Wonderbras kaufen und dämlich kichern. Und auch zu Hause rast die Achterbahn der Gefühle, denn Lenis Mutter hat schrecklichen Liebeskummer. Wer braucht denn so was? Niemand, finden die drei und schließen einen Pakt: Liebe? Lieber nicht! Doch dann tritt Klassenschwarm Fintan in Lenis Sportverein ein und entpuppt sich als ziemlich nett. Unverschämt nett sogar. Und plötzlich hat ausgerechnet Leni Schmetterlinge im Bauch und furchtbare Gewissensbisse, weil Emma auf keinen Fall davon erfahren darf.

Kapitel 1

»Juhu, endlich Bio. Hoffentlich macht Frau Willmann heute mit den Insekten weiter.« Emma grinst wie ein Honigkuchenpferd. Ihre braunen Augen blitzen, und ihr Pferdeschwanz wippt fröhlich hin und her. Ich hake mich bei ihr unter, in der Hoffnung, von ihrer guten Laune angesteckt zu werden. Leider klappt es nicht. Im Gegensatz zu meiner Freundin bin ich nun mal kein Naturwissenschafts-Freak. Ich würde viel lieber joggen gehen, Karate trainieren oder meinetwegen auch Fußball spielen, als mich mit der Ernährung und dem Stoffwechsel von Bienen zu beschäftigen. Frau Willmann hat uns erzählt, dass Honigbienen in ihrem Stock nicht aufs Klo gehen, um die Ausbreitung von Krankheitserregern zu vermeiden. Klingt eigentlich sinnvoll. Wenn ich mir die Schultoiletten anschaue, wünsche ich mir auch manchmal, der ein oder andere würde sein Geschäft woanders erledigen. Allerdings können Bienen während der langen Wintermonate nicht raus und sammeln sämtliche Ausscheidungen in einer Kotblase an ihrem Körper. Den ganzen Mist werden sie erst los, wenn sie im Frühling zu einem Reinigungsflug ansetzen. Emma machen solche Informationen glücklich. Sie will später Medizin studieren und interessiert sich für sämtliche Abgründe, die sich im Unterricht vor uns auftun. Ich hingegen kann auf Details über die sanitären Zustände bei Insektenvölkern wirklich verzichten.

»Die Hausaufgaben sammle ich zum Ende der Stunde ein«, sagt Frau Willmann. Sie betritt kurz nach uns das Klassenzimmer.

Oh nein, ich habe den Aufsatz vergessen. Verzweifelt schaue ich zu Emma rüber. Vielleicht kann ich schnell bei ihr abkupfern. Sie schreibt im Unterricht immer fein säuberlich mit und ist absolut zuverlässig in Sachen Hausaufgaben. Als wir über den »Rumpellauf« und den »Schütteltanz«, oder wie auch immer das heißt, gesprochen haben, hat sie sogar die Bewegungsabläufe der Bienen nachgezeichnet. Ich habe mir lediglich gemerkt, dass die Tierchen beim »Rundtanz« Nektartropfen hervorwürgen, die ihre Kolleginnen als Kostprobe aufschlecken. Pfui Teufel!

Apis mellifera, steht in Schönschrift auf Emmas Block. Die Apis mellifera (Westliche Honigbiene) gehört zur Familie der Apidae, innerhalb derer sie eine Vertreterin der Gattung der Apis ist. Apis sind Insecta und lassen sich zwar domestizieren, aber nicht zähmen. Eine erfolgreiche Haltung erfordert ein gutes Verständnis für den Bien.

Seufzend lege ich den Stift wieder hin. Das kann ich vergessen. Die Willmann würde mir niemals abkaufen, dass der Text von mir ist. Da muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und eine schlechte Mitarbeitsnote riskieren.

»Hilfst du mir kurz?« Unsere Lehrerin winkt Jannik zu sich rüber. Er folgt ihr in den Flur und kommt gleich darauf mit einem großen Koffer zurück, den er umständlich auf das Pult hievt.

»Vielleicht ein paar Waben und Bienenleichen zum Sezieren?«, flüstere ich und schüttele mich.

Emma kichert. »Du bist so ein Weichei, Leni.«

Und wennschon. Den Anatomiekram überlasse ich ihr gerne. Unsere Parallelklasse musste neulich Rinderaugen aufschneiden. Da kann einem doch nur übel werden.

»Das Insektenthema legen wir vorerst ad acta«, erklärt Frau Willmann. »Obwohl wir im weitesten Sinn doch noch über Bienen sprechen werden. Genauer gesagt, über Bienchen und Blümchen.« Ein Grinsen huscht über ihre Lippen. Die Jungs boxen sich in die Seiten. Wir Mädchen tauschen angespannte Blicke aus.

»Ihr erinnert euch bestimmt an die Informationsblätter, die ihr Anfang des Schuljahres von euren Eltern unterschreiben lassen solltet?«

Sexualkundeunterricht! Na toll! Meine Alarmglocken läuten. Nein, eigentlich schlagen sie heftig und zerspringen fast dabei. Letztes Jahr haben wir das Thema schon mal gestreift. Da hat Frau Willmann bereits angekündigt, dass wir bald tiefer einsteigen werden. Ich bin echt nicht verklemmt, aber ich will das nicht so unvorbereitet durchkauen, direkt nach dem Essen – die Käsemakkaroni liegen mir immer noch schwer im Magen – und in Gegenwart solcher Knalltüten wie Milchgesicht-Leon, Spangen-Ole oder Blinzelaugen-Rico.

»Jannik, die Bestätigung deiner Eltern fehlt noch«, fährt Frau Willmann fort. »Bring sie bitte in den nächsten Tagen mit, sonst kannst du nicht am Unterricht teilnehmen.«

Er nickt, und seine Wangen färben sich in bester Himbeer-Ahoj-Brause-Manier, während Frau Willmann ein Poster mit Abbildungen von männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen entrollt und es am Whiteboard befestigt. Mit einem Stift tippt sie nacheinander sämtliche Organe an und bespricht mit uns ihre Funktionen. Zufrieden nimmt sie zur Kenntnis, dass wir bereits einiges wissen. Dann reibt sie sich die Hände.

»Ich würde jetzt gerne ins kalte Wasser springen und ein bisschen mit euch über Empfängnisverhütung reden. Welche Methoden kennt ihr denn?«

Chloe schnappt hörbar nach Luft, und Amelie und Luisa, die mir gegenübersitzen, werden weiß wie die Wand.

»Typisch Frau Willmann. Die fällt immer mit der Tür ins Haus«, raunt Emma. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Dabei fallen meine Haare nach vorn und bilden einen dunkelblonden Vorhang, hinter dem ich mich am liebsten ganz verstecken würde. Können wir nicht einfach weiter über die Ausscheidungen von Bienenvölkern reden und meinetwegen sämtliche Schleiertänze durchnehmen? Bitte! Wieso bin ich heute früh nicht krank geworden? Dann läge ich jetzt im Bett, Emma würde mir später vom Unterricht erzählen und ich mich wahrscheinlich darüber totlachen.

»Na, ihr werdet doch schon was davon gehört haben, oder?«, versucht Frau Willmann uns zu motivieren.

»Die Pille«, bricht Greta das betretene Schweigen. Wenn sich jemand damit auskennt, dann sie. Wegen ihrer Akne hat der Arzt ihr vor ein paar Wochen eine Packung verschrieben. Komische Vorstellung, so was gegen Pickel einzunehmen.

Frau Willmann nickt. »Und was noch?«

»Kondom«, kommt es von einer der Tischinseln, um die die Jungs sitzen, gefolgt von brüllendem Gelächter. Der Kommentator war Milchgesicht-Leon. Er grinst so überheblich, als wäre er Spezialist auf dem Gebiet.

»Angeber! Als ob der schon eine Freundin hätte«, flüstert Luisa.

»Er hat garantiert noch nicht mal ein Mädchen geküsst, höchstens seinen Hamster«, bestätigt Amelie.

»Bemitleidenswertes Tier«, füge ich hinzu, und die anderen kichern leise.

»Richtig, sehr gut. Und genau darum soll es heute gehen.« Zufrieden öffnet unsere Lehrerin die Schnallen ihres Koffers. »Das Kondom ist das einzige Verhütungsmittel, das sowohl eine Schwangerschaft verhindert als auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Übrigens lässt sich seine Geschichte über Jahrtausende zurückverfolgen. Darüber sprechen wir aber ein anderes Mal. Ich demonstriere euch jetzt ganz plastisch, wie man es handhabt. Es kann nicht schaden, das schon mal gesehen zu haben.« Oh, oh. Sie zieht eine glänzende Packung hervor. Dann runzelt sie die Stirn und wühlt in ihrem Koffer herum. »Wo ist denn der Beispielpenis?«

Der WAS? Ich falle fast vom Stuhl. Sogar Emma, die bereits eifrig mitgeschrieben hat, hält inne und starrt auf ihren Block. Verstohlen werfe ich den Jungs einen Blick zu. Immerhin ist ihnen auch mal das Lachen vergangen. Der eben noch so selbstsichere Leon hat einen kirschroten Kopf.

Frau Willmann wird endlich fündig. Mit einem ungenierten Lächeln stellt sie einen Holzknüppel auf den Tisch und sieht so glücklich aus, als hätte sie soeben die Lösung für das Kloproblem der Bienenvölker gefunden.

»Oh. Mein. Gott. Die hat nicht wirklich ein männliches Geschlechtsteil in der Hand?«, raunt Emma mir zu.

Ich schlucke. »Doch.«

»Wie eklig«, krächzt Chloe. Amelie und Luisa nicken.

Bei Emma hingegen weicht der erste Schreck bereits ihrer wissenschaftlichen Neugier. »Interessant.« Sie schiebt ihre Brille über die Nasenwurzel und macht einen langen Hals.

»Vorsichtig die Verpackung öffnen, dabei auf scharfe Fingernägel achten«, erklärt Frau Willmann und zieht das Gummi aus der Tüte. Glaube ich zumindest. Meine Augen kleben so fest an dem Holzknüppel, dass ich das Drumherum nur schemenhaft erkennen kann. Langsam rollt unsere Lehrerin das Gummi darüber aus.

»Die durchschnittliche Penisgröße liegt zwischen elf und siebzehn Zentimetern im erigierten und sieben bis zehn Zentimeter im erschlafften Zustand.« Sie zeigt so begeistert auf ihr Werk, als wäre sie eine Marktfrau, die den Besuchern ihre beste Gurke oder Zucchini anpreist.

Die eine Hälfte der Klasse steckt in einer Art Schockstarre, die andere würde wohl am liebsten auf der Stelle die Flucht ergreifen. Ich gehöre zu Letzteren, während Emma natürlich mal wieder aus der Reihe fällt. Sie nimmt ihr Lineal, fährt mit dem Zeigefinger über die Siebzehn-Zentimeter-Linie und zieht beeindruckt die Augenbrauen hoch.

»Enorm lang. Wie soll das in eine Frau reinpassen, ohne im Magen zu landen?«

Ich schüttele den Kopf, um das Bild vor meinem inneren Auge loszuwerden.

Frau Willmann holt derweil eine Handvoll Kondome aus ihrem Koffer und verteilt sie an uns. »Learning by doing«, flötet sie. »Probiert die Verhüterlis mal am Holzpenis aus. Ich lasse ihn gleich rumgehen, damit jeder Gruppentisch ihn bekommt. Und scheut euch nicht, mich zu fragen, wenn ihr unsicher seid, ja?«

Herrje, das Grauen nimmt kein Ende. Ole und Rico haben ihre Schockstarre überwunden und machen sich einen Spaß daraus, ihre Gummis wie Luftballons aufzupusten und sie durch die Luft zu werfen. Matti macht heimlich ein Handyfoto von dem Holzmonstrum auf seinem Tisch.

»Was für ein Kindergarten«, murmelt Emma. Sie schnappt sich eine gelbe Packung und reißt sie auf. Mit großen Augen beobachten Amelie, Luisa, Chloe, Greta und ich, wie sie das Gummi auf ihre Handfläche legt und daran schnuppert. »Riecht nach Früchten. Banane vielleicht?« Sie will es mir geben, doch ich schüttele den Kopf. Hoffentlich kommt sie nicht auf die Idee, eine Zeichnung anzufertigen.

Frau Willmann geht zum Fenster und wendet uns demonstrativ den Rücken zu, als wolle sie uns beim Kampf mit den Obstgummis unsere Intimsphäre lassen. »Nachher verteile ich verschiedene Themen, die ihr ausarbeiten und der Klasse in einem Vortrag vorstellen sollt«, erklärt sie mit Blick auf den Hof.

Referate? Über – das hier? Für mein Empfinden hatten wir den Tiefpunkt schon erreicht, aber offensichtlich kann es noch schlimmer werden.

Kapitel 2

Nach der Stunde kaufen Emma und ich uns erst mal einen großen Schokoriegel als Nervennahrung.

»Mit dem Thema Knutschfleck sind wir ja noch richtig gut weggekommen«, sage ich kauend. Ich bin froh, dass wir Zweierteams bilden dürfen. Dann macht man sich bei der Präsentation vor der Klasse wenigstens nicht alleine zum Affen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Frisch gestärkt kommen wir in unser Klassenzimmer zum Deutschunterricht. Hier gibt es im Gegensatz zu den Bioräumen leider keine Gruppentische, sondern nur schnöde Einzelplätze, was eine Unterhaltung mit dem jeweiligen Nachbarn erschwert.

Herr Lindner alias die Grinsekatze erwartet uns schon. Wie immer hat er das breiteste Lächeln im Gesicht, das man sich vorstellen kann. Selbst wenn er sauer ist, zeigen seine Mundwinkel nach oben. Nur die Augen blitzen dann gefährlich. Das sieht ziemlich gruselig aus, kommt aber zum Glück nur selten vor. Wenn er irgendwann mal keine Lust mehr auf den Lehrerjob hat, kann er bestimmt in der Werbebranche Karriere machen. Als Zahnpastamodel oder so.

»Setzt euch, meine Lieben«, sagt Grinsekatze. Er wartet, bis wir still sind, und zeigt dann auf einen Jungen mit blonden Haaren, der vorne am Fenster steht und mir erst jetzt auffällt. »Das ist Fintan. Euer neuer Mitschüler.«

»Hi«, grüßt Fintan und hebt die Hand. Ich wundere mich, dass er nicht schon in der ersten Stunde aufgetaucht ist, aber wahrscheinlich hat ihn die Sekretärin im Büro noch aufgehalten. Sie ist die reinste Quasselstrippe, und wenn man einmal in ihre Fänge gerät, entkommt man ihr nur schwer wieder.

»Er ist mit seiner Familie aus Holland hergezogen«, erklärt Herr Lindner und fährt sich über die Stirn, auf der sich ein paar Schweißtropfen gebildet haben. Für die frühe Uhrzeit ist es bereits ordentlich heiß. Ich bin froh, dass ich mich heute Morgen für Shorts und Flipflops statt für Jeans und Chucks entschieden habe. »Seid nett und zeigt ihm nach der Stunde die Schule.«

»Klar doch«, antwortet Luisa und klimpert mit ihren langen Wimpern, auf die sie seit einiger Zeit Tonnen von Tusche schmiert.

Greta nickt. »Ist der süß.«

»Ja, total«, bestätigt Amelie leise.

Als Fintan sich an den Sitzreihen vorbeischlängelt und auf den freien Platz ganz hinten an der Wand zusteuert, schiebt sie ihren Radiergummi vom Tisch, sodass er direkt vor seine Füße fällt.

»Hoppla«, sagt sie und blinzelt ihn mit Unschuldsmiene an. Ob Fintan das Manöver durchschaut, kann ich nicht erkennen. Jedenfalls hebt er den Radierer auf und überreicht ihn ihr höflich.

»Danke«, haucht Amelie. Rosa Flecken bilden sich auf ihrer Wange.

Greta sieht ihm seufzend hinterher. »Was für ein Gentleman.«

»Sind jetzt alle verrückt geworden?«, frage ich Emma, die nur ratlos mit den Schultern zuckt.

»Vielleicht liegt es am Asbest in der Decke?«, schlägt sie nach kurzem Grübeln vor. Neulich hat sich herumgesprochen, dass unsere Schule mit Asbest verseucht ist. Als der Rektor mit besorgten Elternbriefen bombardiert wurde, hat er sofort die Wogen geglättet und erklärt, wir wären hier absolut sicher, es gäbe keinen Grund zur Beunruhigung. Es soll nicht schädlich sein, wenn es gut verarbeitet wurde und dicht bleibt. Emma und ich sind trotzdem davon überzeugt, dass dieses Giftzeug in der Luft herumfliegt.

»Das würde jedenfalls einiges erklären«, sage ich.

 

Die Stunde vergeht wie im Flug. Wir sollen ein kurzes Märchen lesen, für alle Verben Synonyme suchen und die Geschichte damit neu schreiben. Grinsekatze sagt, er will unsere Kreativität ankurbeln. Emma und ich gehören zu den wenigen, die sich motiviert der Aufgabe widmen. Die meisten unserer Klassenkameraden beschäftigen sich lieber mit anderen Dingen. Rico zum Beispiel tippt unter dem Tisch auf seinem Handy herum. Ole unterhält sich leise mit Fintan. Luisa, Amelie und Greta versuchen das Gespräch zu belauschen und schauen ständig zu den beiden rüber. Aus einem mir unerfindlichen Grund ignoriert Grinsekatze das Desinteresse für seinen Unterricht und tut so, als würde er nichts merken. Irgendwann lässt uns ein lautes Knacken zusammenzucken. Im nächsten Moment schallt die Stimme unseres Rektors durch die Lautsprecheranlage. Nach der Stunde ist hitzefrei, verkündet er, und wir brechen alle in Jubel aus. Als bald darauf der Gong ertönt, kämpfen Emma und ich uns durch die Schülertraube, die sich neugierig um Fintan schart, und machen uns auf den Weg zu unseren Spinden. Kurz nach uns trifft auch Chloe dort ein. Sie öffnet ihren Schrank und fixiert das Innere, als würde ein Geist darin sitzen.

»Hey, alles klar?«, erkundige ich mich und schließe meine Tür neben ihr zu. Weil sie nicht reagiert, hake ich nach. »Geht es dir gut?«

Sie löst sich aus ihrer Starre und wirft einen verunsicherten Blick auf einige Jungs aus unserer Klasse, die gerade durch den Gang in Richtung Ausgang schlendern.

»Irgendwie nicht.«

Ich boxe Emma in die Seite, damit sie mir hilft, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie reagiert sofort, schiebt sich ganz nah vor Chloe und schaut ihr tief in die Augen. Ihr Vater hat ihr neulich erklärt, dass das eine größtmögliche Vertrauensbasis schafft. Als Psychologe und Paartherapeut muss er es ja wissen.

»Was ist los?«, fragt sie.

»Ich … ich«, stottert Chloe. »Ach, das ist albern.«

»Nichts ist albern, also spuck’s aus«, versuche ich sie zu motivieren.

»Ach, es ist nur … hm … also … es ist wegen der Oberweite.«

»Aha?!« Meint sie damit etwa ihr Referatsthema in Bio? Greta und sie müssen etwas über Die weibliche Brust erzählen.

»Es gibt wirklich schlimmere Themen«, beruhige ich sie. Wir setzen uns in Bewegung und machen uns auf den Weg nach draußen.

»Leon und Matti zum Beispiel haben richtig Pech«, knüpft Emma an meinen Kommentar an, und ich mache Mattis Entsetzen nach, als unsere Lehrerin die Aufgaben verteilt hat. »Das ist nicht Ihr Ernst, Frau Willmann.« Sein Wimmern gelingt mir so gut, dass Emma und ich uns vor Lachen kaum noch einkriegen. Den männlichen Orgasmus in einem Referat vorzustellen, ist wirklich absolute Höchststrafe. Die beiden Jungs könnten einem fast leidtun.

»Es geht nicht um das Referat. Das hat mich nur mal wieder an etwas erinnert«, murmelt Chloe mit gesenktem Blick.

»Um was geht es dann?« Emma bleibt dicht an ihrer Seite, und ich beeile mich hinterherzukommen.

»Um mich. Schaut mich doch mal an.«

»Ähm, ich stehe auf dem Schlauch.« Damit ist Emma nicht die Einzige. Ich drücke die schwere Eingangstür auf und muss einer Horde Neuntklässler ausweichen, die ohne Rücksicht auf entgegenkommende Schüler ins Gebäude strömen und sich dabei gegenseitig Kopfnüsse geben.

»Genauso kindisch wie unsere Jungs, obwohl sie zwei Stufen über uns sind«, stelle ich fest.

»Das männliche Geschlecht hängt offensichtlich mehrere Jahre im Frühstadium der Pubertät fest, bevor es irgendwann den nächsten Schritt macht«, pflichtet Emma mir bei. Nachdem die Neuntklässler sich endlich an uns vorbeigedrückt haben, wendet sie sich wieder an Chloe.

»Also, bitte erklär’s uns. Leni und ich kapieren es nämlich nicht.«

Chloe seufzt. »Na, da ist nix.« Mit zitternden Fingern zeigt sie auf ihre Brust.

»Nix würde ich jetzt nicht sagen«, wiegelt Emma ab. »Ein Brett ist definitiv flacher.«

Oje, sie kann manchmal echt ernüchternd sein. »Keine Sorge, das kommt alles noch«, schiebe ich schnell hinterher. »Bei uns ist da doch auch nicht sehr viel mehr.« Streng genommen stimmt das nicht, weil die Shirts von Emma und mir im Gegensatz zu ihrem schon deutliche Wölbungen vorweisen.

Draußen empfängt uns Vogelgezwitscher und der Duft von Sommerblumen.

Chloe blinzelt ins Licht. »Ich wünschte nur, es würde schneller gehen. Die Jungs reden dauernd über Mädchen mit großen Oberweiten.«

Ausgerechnet jetzt müssen sich Amelie und Luisa zu der Gruppe von Mitschülern gesellen, die sich vorne auf der Wiese versammelt haben. Amelie hat schon lange ihre Tage. Sie war die Erste von uns. Ihre Hüften sind schön geschwungen. Genau wie ihre Brust. Sie sieht wirklich toll aus und vor allem ziemlich weiblich. Heute trägt sie ein Shirt mit Knöpfen, von denen der oberste offen ist. Ein echter Hingucker.

»Na und?«, sagt Emma. »Ist doch egal, was die Idioten reden.«

»Find ich auch«, pflichte ich bei.

Leider lässt sich Chloe so leicht nicht überzeugen. Sie schüttelt trübsinnig den Kopf. »Mir ist es nicht egal. Ole hat neulich gesagt, dass er die Möpse von dieser Marika aus der Neunten toll findet.«

»Möpse?« Ich rolle die Augen. »Was für ein Depp.«

Jetzt wird Chloe ein wenig rot. »Ich möchte, dass er mich mag.«

Oh nein, sie ist doch nicht etwa in ihn verknallt? Das kann nicht ihr Ernst sein. Ich werfe Emma einen alarmierten Blick zu, den sie mit einem Schulterzucken beantwortet. Dann wendet sie sich wieder an unsere Freundin.

»Und du meinst, mit etwas mehr obenrum wäre das der Fall?«

»Ja. Ziemlich oberflächlich, nicht wahr?«

»Mhm«, machen Emma und ich gleichzeitig.

Amelie und Luisa werfen ihre Haare zurück und lachen aufgesetzt, als Fintan und Ole zu der Gruppe hinzustoßen. Rico holt einen Fußball aus seinem Rucksack. Er wirft ihn Fintan zu, der ihn gekonnt mit der Stirn auffängt und ihn dann mit dem Knie ein paarmal hochkickt. Amelie und Luisa quietschen kindisch und beklatschen Fintans kleines Kunststück. Wie kann man sich wegen eines Jungen nur so zum Affen machen? Irgendwann ist Ole an der Reihe. Er schießt den Ball mit dem Fuß in die Luft. Dabei verrutscht sein Shirt, sodass man einen Teil seines nackten Bauches sehen kann. Chloe seufzt noch einmal abgrundtief und schlurft mit hängendem Kopf zu ihrem Fahrrad neben dem Eingang.

»Puh, echtes Gummistiefelwetter«, raunt Emma mir zu.

»Da ist doch keine einzige Wolke«, sage ich mit einem Blick in den Himmel.

Sie rollt mit den Augen. »Das war symbolisch gemeint. Ich rede von Chloes Gemütszustand.«

Ich kenne zwar nur die Redewendung Wie sieben Tage Regenwetter, aber Gummistiefelwetter trifft es genauso gut.

»Wir müssen uns was einfallen lassen«, sage ich nachdenklich.

»Hm, Paps meint immer, dass man die Lebenssituation eines Patienten zwar nicht ändern kann, dafür aber seine Wahrnehmung. So schafft man es vielleicht, ihn von seinem inneren Konflikt zu befreien.«

Ich überlege einen Augenblick, wie sich diese Theorie in die Praxis umsetzen lässt, und da kommt mir ein guter Einfall. »Lass uns Chloes Aufmerksamkeit weg von den Jungs hin zu einem leckeren Eis lenken. Und danach gehen wir shoppen. Vielleicht finden wir irgendwo ein hübsches Kleid, in dem sie sich nicht mehr wie ein hässliches Entlein fühlt.«

Emma nickt begeistert, und wir klatschen uns ab, bevor wir rüber zu Chloe gehen und sie zu einem Trip in die Stadt überreden.

 

»Das gefällt mir.« Ich wedele mit einem weißen Shirt herum, das mit blauen Punkten bedruckt ist. Sportliche und schlichte Klamotten mit einem kleinen Hingucker gefallen mir am besten. Nach einer Riesenportion Eis in unserem Lieblingscafé sind wir nun im H&M gelandet. Emma greift sich ein gelbes Unterhemd. Gelb ist ihre Lieblingsfarbe. Sie trägt immer mindestens ein gelbes Kleidungsstück, was in Kombination mit ihrer breiten schwarzen Brille ziemlich an Biene Maja erinnert. Eine Zeit lang habe ich sie deshalb Bee genannt, aber das fand sie nervig, deshalb habe ich es wieder sein lassen.

Chloe schnappt sich ein Doppelpack Söckchen, und ich zwinkere Emma heimlich zu. Unser Ablenkungsprogramm funktioniert hervorragend. Auf dem Weg zu den Accessoires an der gegenüberliegenden Wand, wo Chloe schon von Weitem schöne Haargummis entdeckt hat, kommen wir an der Unterwäsche vorbei.

»Oh, Pantys.« Emma bleibt neben einer Wühlkiste stehen, in der ich ein Höschen mit Snoopy-Motiv finde. Das angele ich mir sofort heraus. Chloe will sich gerade ein lila Teil mit Sternen schnappen, als eine Verkäuferin einen Riesenhaufen Wonderbras neben uns ablegt.

Lächelnd hält sie uns einen BH mit Tigerprint hin. »Heute bekommt ihr zwei Teile zum Preis von einem. Ein super Angebot, Mädels.«

Meine Alarmglocken schlagen schon wieder. Eigentlich sind wir losgezogen, um Chloe ihr Busen-Problem vergessen zu lassen, und nun stehen wir vor einem Berg Push-up-BHs, der ihr schonungslos vor Augen führt, wie wenig es bei ihr zu pushen gibt. Verdammt!

»Äh, nee, danke.« Ich will Kurs auf die Accessoires nehmen, doch Chloe bleibt wie angewurzelt stehen.

»Gibt es den auch in anderen Farben?«, erkundigt sie sich.

Die Verkäuferin nickt. »Klar«, sie greift nach einem weißen Spitzen-BH