K - Kidnapped - Chelsea Cain - E-Book

K - Kidnapped E-Book

Chelsea Cain

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Beschreibung

Sie hat überlebt ... Jetzt schlägt sie zurück.

Als sechsjähriges Mädchen gekidnapped, fünf Jahre später befreit – ganz Amerika verfolgte damals den Entführungsfall der Kick Lannigan. Jetzt ist Kick einundzwanzig. Geübt in Kampfsportarten und auf dem Schießplatz, hat sie sich ein Leben aufgebaut, in dem sie sich sicher fühlt. Bis ein Mann namens John Bishop ungebeten in ihrer Wohnung auftaucht. Bishop spürt vermisste Kinder auf. Er ist überzeugt, dass nur Kick ihm in seinem aktuellen Fall helfen kann, und er akzeptiert kein Nein als Antwort. Doch um die entführten Kinder zu retten, muss Kick eine Reise in ihre eigene dunkle Vergangenheit wagen – eine Reise, die tödliche Gefahren birgt …

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Seitenzahl: 434

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Buch

Im Alter von sechs Jahren wurde Kick Lannigan entführt. Ihr Fall hielt Amerika in Atem, und fünf Jahre später verfolgte das ganze Land die Berichterstattung der Medien, als das FBI das Mädchen aufspürte und rettete. Was in der Öffentlichkeit niemand weiß: Von ihrem Entführer hat Kick gelernt, mit Schusswaffen umzugehen, Schlösser zu knacken, Fesseln zu lösen. Nach ihrer Befreiung war es für sie unmöglich, in das Leben eines ganz normalen elfjährigen Mädchens zurückzukehren. Sie lernte Kampfsportarten, verbrachte Stunden auf dem Schießplatz.

Jetzt ist Kick einundzwanzig. Ihre einzigen Vertrauten sind der Computernerd James aus dem Apartment unter ihr, mit dem sie gemeinsam Fälle von Kindesentführungen über das Internet verfolgt, und ihr geliebter Hund Monster. Sie hat sich ein Leben aufgebaut, in dem sie sich sicher fühlt. Bis ein Mann namens John Bishop ungebeten in ihrer Wohnung auftaucht und ihr ein Angebot unterbreitet. Bishop nutzt sein Vermögen und seine Kontakte, um vermisste Kinder aufzuspüren. Er ist überzeugt, dass nur Kick ihm in seinem aktuellen Fall helfen kann, und er akzeptiert kein Nein als Antwort. Getrieben von großen Schuldgefühlen, muss Kick nicht nur ihr Leben riskieren, um die Kinder zu retten, sondern auch eine schmerzliche und gefährliche Reise in ihre eigene dunkle Vergangenheit wagen …

Autorin

Chelsea Cain, geboren 1972, ist Journalistin und Schriftstellerin. Mit ihren Thrillern hat sie einen fulminanten Erfolg beim deutschsprachigen Publikum erzielt und ist seitdem eine der erfolgreichsten internationalen Thrillerautorinnen. Chelsea Cain lebt in Portland, Oregon. Nach ihren Romanen um Detective Archie Sheridan und die atemberaubend schöne Serienmörderin Gretchen Lowell ist K – Kidnapped der erste Band ihrer neuen packenden Serie um die ungewöhnliche und toughe Heldin Kick Lannigan.

CHELSEA CAIN

K-KIDNAPPED

THRILLER

Aus dem Amerikanischen von Lilith Winter

Die Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel One Kick bei Simon & Schuster, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe August 2015

bei Blanvalet, einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Verité, Inc.

All Rights Reserved. Published by arrangement with the

original publisher, Simon & Schuster, Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: Trevillion Images/Sandra Cunningham

Redaktion: Bernd Stratthaus

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-15803-3

www.blanvalet.de

Für Marc Mohan, Eliza Fantastic Mohan und Lucy

I fear not the man who has practiced

10,000 kicks once, but I fear the man who

has practiced one kick 10,000 times.

Ich habe keine Angst vor dem,

der ein einziges Mal 10 000 Kicks geübt hat,

sondern vor dem, der einen einzigen Kick

10 000 Mal geübt hat.

– Bruce Lee

Prolog

Sie wusste, was sie zu tun hatte, sollte jemals die Polizei kommen. Sie hatten es oft genug geübt – früh am Morgen, mitten in der Nacht oder während des Essens –, bis sie es von überall im Haus in unter einer Minute zur Falltür im Schrank schaffte. Sie war geschickt und schnell und sie übte viel. Wenn ihr Vater mit einem Klicken die Stoppuhr anhielt und ihr anerkennend zunickte, breitete sich in ihrer Brust ein warmes Glücksgefühl aus.

Sie wusste, dass er das alles nur für sie tat, und sie wusste auch, wie sehr ihm der Stress zusetzte. Sie sah die Falten an seinen Augenwinkeln, die ersten grauen Haare, die Kopfhaut, die rosa zwischen den dünner werdenden blonden Haaren hindurchschien. Aber er war immer noch stark. Sie konnte sich darauf verlassen, dass er sie beschützte. Sie wohnten auf dem Land, Meilen vom nächsten Haus entfernt, und er sagte, er könne ein sich näherndes Auto hören, sobald es in ihren Schotterweg einbog. Hier hatte er ihr das Schießen beigebracht. Wie sie sich hinstellen musste, um die .22er-Pistole ruhig in den Händen zu halten. Er sagte, wenn die Polizei jemals komme und er gerade nicht zu Hause sei, müsse sie jeden, der sie davon abhalten wolle, zur Falltür zu gelangen, sofort erschießen. Er war mit ihr durchs Haus gegangen und hatte ihr jede einzelne Waffe in ihrem Versteck gezeigt. Jeden Aufbewahrungsort ließ er sie laut aussprechen, damit sie ihn sich besser merken konnte. »Unter der Spüle.« »Im Esszimmerschrank.« »Hinter den Büchern im Bücherregal.« Sie hatte keine Angst. Ihr Vater war immer zu Hause. Wenn irgendjemand erschossen werden müsste, würde er es für sie tun.

Der Regen peitschte gegen die dünnen Fensterscheiben des Farmhauses, aber sie fühlte sich sicher. Sie war bettfertig, hatte schon das Nachthemd mit den Giraffen darauf an, und eine Decke lag um ihre Schultern. Der Duft von Spaghetti mit Tomatensoße und Hackfleischbällchen – ihrem Lieblingsgericht – hing immer noch in der Luft, zusammen mit dem Geruch des prasselnden Kaminfeuers. Der Esstisch war abgeräumt, ihre Mutter in die Küche verschwunden. Das Spielbrett lag auf dem Tisch, und sie und ihr Vater betrachteten ihre jeweiligen Buchstabenplättchen. Jeden Abend nach dem Essen spielten sie Scrabble. Es war Teil ihres Heimunterrichts, denn zur Schule ging sie nicht. Im Wohnzimmer flackerte in warmen Orangetönen das Kaminfeuer, doch sie spielten am Esszimmertisch. Ihr Vater sagte, das sei besser für ihre Haltung. Er nahm eins der Holzplättchen und legte es aufs Brett. Ein C. Er grinste sie an. Sie kannte diesen Blick, sie wusste, dass er ein gutes Wort hatte. Er legte ein weiteres Plättchen. Ein A. Gerade wollte er das nächste Plättchen hinlegen, als es auf einmal laut an die Haustür klopfte. Sie sah die plötzliche Angst in seinem Gesicht. Seine Augenlider zuckten. Er ließ das Plättchen fallen. Ein K.

Ihre Mutter erschien in der Küchentür, ein gelbes Geschirrtuch in den nassen Händen. Niemand bewegte sich. Wie in dem Moment, wenn ein Foto gemacht wird – diese Pause, wenn alle Welt wartet und versucht, nicht zu blinzeln.

»Ich bin’s, Johnson«, rief eine vertraute Stimme von draußen. »Der Sturm hat einen Baum auf meine Stromleitung krachen lassen, und das Telefon geht nicht mehr. Kann ich Ihres kurz benutzen, um den Sheriff anzurufen?«

Ihre Eltern wechselten einen angespannten Blick. Dann ballte ihr Vater die Hände auf dem Tisch zu Fäusten und beugte sich darüber. Er merkte gar nicht, dass er dabei sein Ablagebänkchen umstieß und all seine Scrabblesteine sich auf der Tischdecke verteilten. Ihre Mutter hatte die Tischdecke mit Glockenblumen und Lupinen bestickt. Das K ihres Vaters lag genau auf einer Glockenblume, direkt vor ihrer Nase. Das Plättchen war allein fünf Punkte wert.

»Ich möchte, dass du zum Seitenfenster neben dem Klavier gehst«, sagte ihr Vater mit dieser ernsten, flüsternden Stimme, die er immer benutzte, wenn sie seinen Anweisungen unbedingt Folge leisten sollte. Er sah kurz zu ihrer Mutter, dann fuhr er sich mit den Händen durch das dünne Haar, das so ganz anders war als ihre dichten, dunklen Wuschelhaare. »Von dort aus siehst du Johnsons Haus unten, gleich auf der andern Seite vom See. Sag mir, ob da irgendwelche Lichter brennen.«

Das hier war keine Übung. Das merkte sie daran, wie ihre Eltern einander anblickten. Sie fragte sich, ob sie sich fürchten sollte, aber als sie in sich hineinhorchte, spürte sie keinerlei Anzeichen von Angst. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, wie wichtig gute Vorbereitung war.

Ruhig schob sie den Stuhl zurück, stand auf, ließ die Decke fallen und ging mit nackten Füßen vom Ess- ins Wohnzimmer. Der Kamin schnitt einen orangefarbenen Lichtkreis in die Dunkelheit. Sie schlich am Klavier ihrer Mutter vorbei und stellte sich zwischen Instrument und Wand. Dann blickte sie durch das von Regenschlieren bedeckte Fenster in die schwarze Dunkelheit. Die von draußen eindringende Kälte ließ sie das Feuer vergessen. Sie sah angestrengt in die Richtung, die ihr Vater ihr genannt hatte. Aber da war kein Licht – nur ihr eigenes schwaches Spiegelbild. Es glomm auf wie erlöschende Glut.

Sie reckte den Kopf zurück zum Esszimmer. »Ich sehe kein Licht«, verkündete sie. »Es ist alles dunkel.«

Ihre Mutter nannte den Namen ihres Vaters, dann schnappte sie nach Luft, als wollte sie ihn gleich wieder verschlucken. Ihr Vater räusperte sich. »Bin sofort da!«, rief er in Richtung der Tür.

Sie hörte das Schaben der Stuhlbeine, als er vom Tisch aufstand, um hinüber zum Esszimmerschrank zu gehen und den Colt aus der Schublade neben dem Silberbesteck zu nehmen. Er steckte ihn sich hinten in den Bund der Jeans, die ihre Mutter für ihn bei Walmart gekauft hatte.

Ihre Mutter ging langsam in die Küche zurück.

Es war kalt am Fenster. Das Trommeln des Regens gegen die Scheibe klang, als würden Fingerspitzen dagegenklopfen. Der Mann pochte wieder laut an die Haustür. Sie fühlte etwas Hartes in ihrer Hand. Überrascht stellte sie fest, dass sie das K-Plättchen umklammert hielt. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, es an sich genommen zu haben.

Ihr Vater hob die Decke vom Boden auf und brachte sie herüber. Als er sie ihr um die Schultern legte, verbarg sie das Scrabbleplättchen in der Faust. Sie schämte sich dafür und wollte nicht, dass er enttäuscht war, weil sie es genommen hatte. Er sah sie eindringlich an und kam ihr so nah, dass sie die Tomatensoße mit Hackbällchen in seinem Atem riechen konnte. »Du bleibst erst mal hier«, flüsterte er mit brechender Stimme. Der Feuerschein spiegelte sich in seinen Augen wider. Sie umklammerte den Scrabblestein noch fester, und die Ecken bohrten sich in ihre Handfläche.

Als ihr Vater durchs Wohnzimmer zur Haustür ging, fasste er noch einmal nach der Waffe an seinem Rücken, als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war. Er trug die mit Perlen verzierten Mokassins, die er in dem Sommer gekauft hatte, als sie in Oklahoma gelebt hatten, und die von echten Komantschen handgefertigt waren. Die Sohlen waren aus Tierhaut, sie waren weich und machten beim Gehen kein Geräusch.

Als er den Flur betrat, ließ er die Wohnzimmertür einen Spalt offen, aber er blickte sich nicht noch einmal um. Sie hörte, wie er die Haustür öffnete und wie das Fliegengitter aus Aluminium quietschte und dann zuknallte. Sie hörte die gespielt freundliche Stimme ihres Vaters und das Stampfen von Johnsons Stiefeln auf dem Abtreter, während er sich nochmals für die Störung entschuldigte.

Sie entspannte sich und lockerte den Griff, mit dem sie die Decke über ihren Schultern gepackt hielt.

Sie würde nicht loslaufen müssen.

Der Nachbar würde kurz telefonieren, und sie würden weiter Scrabble spielen. Sie lehnte sich gegen die Wand, befühlte den Scrabblestein und fragte sich, wie lange sie wohl noch hier warten musste, während die Männer sich weiter über das Unwetter unterhielten. Das Flackern ihres Spiegelbilds ließ sie aufblicken. Sie betrachtete sich in der gewölbten Fensterscheibe des Farmhauses. Ihre dunklen Haare verschwanden, und sie sah nur noch ihr Gesicht im Fenster, ein Schimmer von Augen und Zähnen. Sie ging noch näher heran, bis ihre Nase so dicht an der Scheibe war, dass sie spürte, wie die Luft kälter wurde. Aus dieser Nähe konnte sie jedes kleinste Detail ihrer Augen erkennen. Jede Wimper. Bis die Spiegelungen begannen, zu verschwimmen und sich übereinanderzulegen.

Das war der Moment, in dem sie das Licht sah.

Erschrocken machte sie einen Schritt zurück und blinzelte. Doch als sie die Augen wieder öffnete, war es immer noch da. Das war kein Feuerschein. Keine Reflexion. Sie starrte auf den hellen verschwommenen Punkt unten auf der anderen Seite des Sees und versuchte sich klopfenden Herzens einen Reim darauf zu machen. Eine Lampe. Sie hatten auch solche Lampen an den Außengebäuden auf ihrem Grundstück. Sie waren mit Bewegungsmeldern ausgestattet, die manchmal von vorbeilaufenden Katzen oder Waschbären ausgelöst wurden. Bei einer von ihnen hatte ihr Vater die Birne entfernt, weil sie davon nachts immer aufgewacht war.

Der Nachbar log. Er hatte Strom.

Sie musste es jemandem sagen, aber ihr Vater hatte sie angewiesen zu bleiben, wo sie war. Sie blickte zur Küchentür, doch von ihrer Mutter war nichts zu sehen. Die Stimmen der Männer dröhnten weiterhin im Hausflur – ihr Vater lachte etwas zu laut.

Sie hörte die Fliegengittertür im Wind schlagen. Johnson hatte sie nicht richtig zugezogen. Das Fliegengitter würde bei dem Sturm noch reißen. Sie fühlte sich wie ein Knoten, den jemand immer fester zuzog. Ihr Innerstes krampfte sich zusammen, und alle Luft entwich aus ihrer Lunge.

Die Fliegengittertür knallte. Es klang wie eine Ohrfeige. Sie atmete tief ein und füllte ihre Lunge so sehr, dass sie auf ihre Ballen gehoben wurde. Der Scrabblestein fiel zu Boden.

Und dann lief sie los. Die Decke wehte wie ein Umhang hinter ihr her, als sie durchs dunkle Wohnzimmer eilte und die Tür zum Flur aufriss. Ihr Vater sah sie mit geweiteten Augen und offenem Mund an. Er war so groß – wenn er sie hochhob, konnte sie die Decke berühren. Mr. Johnson stand mit dem Rücken zu ihr. Er war ganz normal groß. Die nassen Stiefel hatte er ausgezogen und ordentlich neben die Tür gestellt. Der nasse Regenmantel hing über dem Kleiderständer. Mr. Johnson selbst stand auf dem Teppich und trocknete sich mit einem Handtuch ab, das ihr Vater immer neben der Tür aufbewahrte.

»Ich habe Licht gesehen«, sagte sie außer Atem.

Ihr Vater wurde blass.

Wieder knallte die Fliegengittertür, und dann krachte die Haustür wie ein Donnerschlag auf. Ihr Vater stolperte rückwärts, und die Männer drängten ins Haus. Sie machten sich nicht die Mühe, die Stiefel oder die dunklen Jacken auszuziehen. Regenwasser spritzte umher, und sie wurde ganz nass. Die Männer schrien laut und erteilten ihrem Vater, der sich vor ihnen hingekauert hatte, Befehle. Jemand versuchte, sie zurückzuziehen, von ihm weg. Sie schrie, dass man sie loslassen solle, und ihr Vater griff nach seinem Revolver. Aber die Männer waren ebenfalls bewaffnet, und als sie es mitbekamen, rief einer »Waffe!«, und im nächsten Moment hatten die Männer ihre Pistolen alle auf Augenhöhe gehoben. Sie erkannte, dass von überallher ein Pistolenlauf auf ihren Vater gerichtet war, der, den Colt in den zitternden Händen, am Fuß der Treppe immer weiter in sich zusammensank. Sein Blick war voller Verzweiflung, seine Augen glänzten vor Tränen. Sie hatte ihn noch nie zuvor weinen sehen.

Es war laut und leise zugleich, alle waren still, nur das Krachen und Rufen aus den Funkgeräten war zu hören und das heftige Atmen der Erwachsenen, der Regen und die klappernde Haustür.

Einer der Männer trat vor sie. Er war der Erste, der sich bewegte, was bedeutete, dass er die Verantwortung trug. Die Männer waren vom FBI. Die Buchstaben waren in Weiß auf die Rückseiten ihrer Jacken gedruckt. Federal Bureau of Investigation. Staatspolizei, Ortspolizei, Ministerium für Innere Sicherheit, Drogenbehörde, Interpol, Waffenbehörde. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, sie zu unterscheiden und welche von ihnen sie am meisten fürchten musste. Die Leute vom FBI, hatte er gesagt, waren die Schrecklichsten von allen. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie wütende Gesichter und Augen wie Ziegen hatten.

Aber dieser FBI-Agent sah ganz anders aus. Er war jünger und kleiner als ihr Vater, hatte Sommersprossen, einen roten Bart und struppige Haare. Auf den Gläsern seiner Drahtgestellbrille lagen Wassertropfen. Er sah weder böse noch besonders nett aus. Doch er redete ernst mit ihrem Vater, und zwar in einem Ton, in dem sie noch nie jemanden mit ihrem Vater hatte reden hören. Seine Worte durchschnitten die Luft: »FBI.« »Durchsuchungsbeschluss.« »Festnahme.« »Verstoß gegen Bewährungsauflagen.«

»Ich habe nichts getan«, stammelte ihr Vater. Der Rothaarige ging langsam auf ihn zu, bis sie außer den drei Buchstaben auf seinem Rücken – FBI – und einem der Mokassins ihres Vaters nichts mehr sehen konnte.

»Ganz ruhig, Mel«, sagte der Rothaarige. »Wir wollen doch nicht, dass der Kleinen etwas passiert.«

Sie krallte die Zehen in den Holzfußboden.

»Hände hinter den Kopf«, sagte der Rothaarige, und dann trat er zur Seite. Verblüfft sah sie zu, wie ihr Vater die Arme hob und die Hände hinter dem Kopf verschränkte, als täte er es nicht zum ersten Mal. Der Colt ihres Vaters lag jetzt in der Hand des Rothaarigen, der ihn einem der anderen Männer reichte. Sie verstand das nicht. Ihr Vater musste aufstehen. Er musste diesen Männern zeigen, wie stark er war.

Der Rothaarige räusperte sich. »Ich habe einen Durchsuchungsbeschluss«, sagte er wieder.

Ihr Vater antwortete nicht. Gekrümmt saß er da und zitterte am ganzen Körper.

»Wie viele Personen befinden sich im Haus?«, fragte der FBI-Agent.

Sie wünschte, ihr Vater würde aufsehen und ihr irgendeine Anweisung geben, aber er blickte so hektisch umher, dass es wirkte, als könnte er sich auf nichts lange genug konzentrieren.

Einer der anderen Männer zog ihren Vater unsanft auf die Beine und legte ihm Handschellen an. »Du solltest besser mal anfangen zu reden, Mel«, sagte er. »Du weißt doch, was sie mit Leuten wie dir im Gefängnis machen.« Er grinste, während er das sagte, als wäre es etwas, worauf man sich freuen könnte.

»Nicht vor dem Mädchen«, ging der Rothaarige dazwischen.

Kleine rote und schwarze Pünktchen sprenkelten den Boden, Perlen von den Mokassins ihres Vaters. Ihre Haut fühlte sich an, als würde sie leuchten, als würde sie flackern wie eine altersschwache Glühbirne.

Ein anderer Mann führte ihren Vater in Richtung Küche. »Suchen wir uns also ein Plätzchen, wo man reden kann«, sagte er und schubste ihn.

Sie wollte ihm hinterherrufen, aber ihr Mund schien nicht mehr zu wissen, wie er Worte formen sollte. Ihr Vater schlurfte von ihr weg, während seine Mokassins eine Spur aus Perlen auf dem Boden hinterließen.

»Findet die Frau«, sagte jemand.

Mutter. Das Wort steckte ihr im Hals fest. Sie brachte es nicht heraus. Innerlich schrie sie, aber äußerlich war sie vollkommen reglos. Ihre Füße schienen am Boden festgewachsen zu sein. Sie sah zu, wie drei Männer auf die Anweisung hin mit gezückten Waffen ins Haus vordrangen.

Der Rothaarige sprach in ein Funkgerät. »Wir sind jetzt drin«, sagte er. »Wir mussten früher eingreifen. Warten immer noch auf Verstärkung.« Er sah sie verstohlen an und wischte sich mit der sommersprossigen Hand den Schweiß von der Stirn. »Wir haben hier ein Kind«, fügte er hinzu.

Sie zwang sich zu schlucken. Mr. Johnson drückte sich bei der Tür herum. Er war nach wie vor auf Socken und beäugte sie misstrauisch. Ihre Eltern hatten stets sorgsam darauf geachtet, dass keiner der Nachbarn sie sah. Wenn aus irgendeinem Grund mal einer vorbeikam, versteckte sie sich. Fremde wurden nie ins Haus gelassen. Sie presste den Hinterkopf gegen die Wand und lauschte nach der Stimme ihres Vaters. Aber der tosende Sturm und das Rauschen der Funkgeräte überlagerten alles. Je mehr sie sich anstrengte, etwas zu hören, desto weniger konnte sie die Geräusche auseinanderhalten. Sie fragte sich, ob ihre Mutter durch die Hintertür entkommen war.

Der Rothaarige trug seine Waffe im Schulterholster. Er stützte die Hände auf die Knie und beugte sich vor, bis er mit ihr auf Augenhöhe war. »Ich bin von der Polizei«, sagte er. »Du kannst Frank zu mir sagen.«

Ihr Vater hatte recht. Erwachsene lügen. »Sie sind ein FBI-Agent«, korrigierte sie ihn.

Er blickte sie überrascht an. »O-kay«, sagte er langsam. »Du kennst dich aus in Sachen Strafverfolgung. Das ist gut. Sehr gut. Du kannst mir helfen.« Er sah ihr in die Augen. »Du musst mir sagen, wie du heißt.«

»Ich hab Ihnen ja gesagt, dass hier ein Kind ist«, sagte Mr. Johnson.

Es war alles ihre Schuld. Er hatte sie gesehen. Ihr Hinterkopf schmerzte. Sie wollte zu ihren Eltern. Sie zog die Hand unter der Decke hervor und ließ sie neben sich das Bein des Flurschränkchens hinaufwandern.

Der FBI-Agent mit Namen Frank streckte die Hand aus, als wollte er sie auf ihre Schulter legen, fuhr sich dann aber doch bloß durch die nassen Haare. »Sind noch mehr Kinder hier?«, fragte er.

Sie durfte solche Fragen nicht beantworten. Er wollte sie austricksen, sie in Schwierigkeiten bringen.

»Du bist jetzt in Sicherheit«, sagte Frank.

Ihre Finger ertasteten den metallenen Schubladengriff. Oben links.

Dann ließ sie die Decke los. Frank und Mr. Johnson sahen zu, wie die Decke auf den Boden fiel. Als sie wieder aufblickten, hielt sie die Pistole in den Händen.

»Verdammte Scheiße«, hörte sie Mr. Johnson sagen.

Sie stellte die Füße auf, wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte, und richtete die Waffe auf Frank.

Er war ganz still, aber er wirkte nicht, als hätte er Angst.

»Du bist jetzt in Sicherheit«, sagte er erneut.

Sie atmete heftig. Das machte es schwer, die Pistole ruhig zu halten. Aber die Waffe machte ihr Mut. »Ich will zu meinen Eltern«, würgte sie hervor.

»Wir werden dich zu ihnen bringen«, sagte Frank.

Sie schüttelte den Kopf. Er verstand sie nicht. »Ich will zu meiner Mutter und meinem Vater.«

Franks Waffe steckte immer noch im Holster. Er machte eine kleine Kopfbewegung in Mr. Johnsons Richtung. »Gehen Sie hinaus, Sir«, forderte er ihn auf.

Mr. Johnson bewegte sich nicht. Sie konnte spüren, wie seine Angst den Raum erfüllte und den ganzen Sauerstoff aufbrauchte. »Gehen Sie«, sagte sie. Er hatte sowieso nichts im Haus verloren. Mr. Johnson nickte, dann zog er sich die Stiefel an und verließ ohne seinen Regenmantel das Haus.

Selbst um eine .22er-Pistole zu halten waren ihre Hände zu klein. Sie musste einen besonderen Griff anwenden und zwei Finger um den Abzug legen.

»Wie heißt du, meine Kleine?«, fragte Frank.

»Beth Riley«, sagte sie. Sie konnte hören, wie die FBI-Agenten oben im Schlafzimmer ihrer Eltern herumliefen.

»Wie heißt du wirklich?«, fragte er.

Ihre Haut prickelte. »Beth Riley«, sagte sie wieder.

Ein plötzliches Geräusch ließ sie aufschrecken. Es klang wie das Knallen der Fliegengittertür, nur lauter. Plötzlich traf es sie wie der Schlag. Sie kannte das Geräusch von den Schießübungen mit ihrem Vater. Das war ein Schuss.

Es hatte sich angehört, als wäre er hinter dem Haus abgefeuert worden.

»Mutter«, sagte sie.

Als Frank das Funkgerät hob, widersprach sie nicht, sagte ihm nicht, dass er sich nicht bewegen solle.

»Was war das für ein Schuss?«, fragte er ins Funkgerät.

»Die Mutter hat sich gerade das Hirn rausgepustet«, antwortete eine Stimme durch das Rauschen.

Der Wind rüttelte an den Fenstern, und das ganze Haus erzitterte.

Sie war auf einmal sehr durcheinander und wusste überhaupt nicht mehr, was sie denken sollte. In ihr schrie alles auf, und sie versuchte, die sich in ihr windenden Gefühle zu unterdrücken, die unbedingt hinauswollten.

Frank blickte sie an. Sie wollte, dass er damit aufhörte.

Sie dachte, die Fenster würden jeden Moment bersten. Der Wind war so laut, dass sie ihn durch die Mauern pfeifen hörte. Über ihnen donnerte es. Aber es war kein normaler Donner. Es war ein rhythmisches Geräusch, das immer lauter wurde. Die Flurlampe erzitterte.

»Das sind Hubschrauber«, sagte Frank über den Lärm hinweg. »Die Leute vom Hauptquartier setzen sich gern in Szene. Kann ich jetzt die Pistole haben?«

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wollte dem Mann namens Frank die Pistole geben. Sie wollte loslassen.

Dann wurde die Wohnzimmertür geöffnet, und ihr Vater tauchte wieder auf. Bei seinem Anblick verflüchtigten sich all ihre komplizierten Gefühle. Er war gekommen, um sie zu retten. Er würde so stolz auf sie sein, weil sie sich daran erinnert hatte, wo die Pistole versteckt war. Sie würde Frank für ihn erschießen. Sie würde genau das tun, was er wollte. Wie sie es schon immer getan hatte. Er musste nur nicken, und sie würde abdrücken und Frank erschießen, und dann würde ihr Vater sie hier herausholen.

Frank hatte die Hände erhoben. Sie blickte ihren Vater an, wartete auf das Zeichen, Frank zu töten, aber sein Blick war gesenkt. Dann entdeckte sie den FBI-Agenten hinter ihrem Vater. Der FBI-Agent lief knallrot an, als er sah, dass sie die Pistole auf seinen Freund gerichtet hatte. Er stieß ihrem Vater so heftig den Ellbogen in den Rücken, dass er zusammensackte.

Angst machte sich in ihr breit. »Daddy?«, fragte sie. Aber er antwortete nicht.

Der FBI-Agent richtete seine Waffe auf sie, und sie blickte direkt in den schwarzen Lauf. Er schrie herum, rief nach den anderen, den Männern im ersten Stock. Ihr Vater lag auf dem Bauch, die Wange auf dem Boden, das Gesicht von ihr abgewandt.

»Nehmen Sie die Waffe runter«, knurrte der FBI-Agent namens Frank.

Sie sah immer wieder zu ihrem Vater, doch die Pistole lag ganz ruhig in ihren Händen. Die Hubschrauber waren jetzt so laut, dass sie überhaupt nicht mehr denken konnte. Es klang, als würden sie überall ums Haus herum landen.

Dann kamen die anderen Männer die Treppe herunter und näherten sich ihr vorsichtig.

»Sie ist doch bloß ein Kind«, sagte Frank. »Ich komme schon klar.«

Sie musste schießen. Sie musste sie alle erschießen.

»Daddy?«, fragte sie verzweifelt.

Dieses Mal hob ihr Vater den Kopf. Sein Gesicht war rot und verschwitzt, und die Hände waren ihm immer noch mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Aber der Blick seiner Augen war gefährlich. »Sie haben deine Mutter umgebracht, Beth!«, schrie er ihr über den Krach hinweg zu. »Selbstzerstörung! Sofort!«

Es war, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ihr Vater hatte es oft genug mit ihr geübt. Sie ließ ihren Körper übernehmen. Sie lief über den Flur zur Rückseite des Hauses zum Schrank unter der Treppe, schlüpfte hinein und durch die geheime Tür in der Wandvertäfelung, zog die Falltür im Boden auf und kletterte einhändig die Leiter hinunter – in der anderen Hand hielt sie nach wie vor die Pistole. Die Leiter vibrierte, als die Männer hinter ihr herjagten und mit ihren schweren Stiefeln über den Boden donnerten, während sie weiter in die Dunkelheit hinabstieg. Sie sprang von der fünften Sprosse, ihre nackten Füße landeten auf dem Teppich, und dann drehte sie sich zu dem Tisch mit dem Computer darauf um, dessen Aquarium-Bildschirmschoner die einzige Lichtquelle im Raum war. Sie setzte sich davor, legte die Pistole auf ihren Schoß und tastete in der Schreibtischschublade nach dem Speicherstick. Ein Rotfeuerfisch schwamm vorbei. Sie steckte den Stick in den Computer, wie ihr Vater es ihr gezeigt hatte. Dann drückte sie die Leertaste. Sofort waren die Fische verschwunden, und auf dem Bildschirm erschien ein blaues Fenster. Sie hatte den blauen Kasten noch nie zuvor gesehen, aber sie wusste, was sie zu tun hatte. Unten im Fenster blinkte ein weißer Cursor. Sie tippte ein Wort ein: »Selbstzerstörung«.

Dann lehnte sie sich zurück, zog die Knie an die Brust und wartete.

Sie hörte die FBI-Agenten über sich streiten. Sie wusste, dass sie gleich die Leiter herunterkommen und sie für immer einsperren würden, aber das war ihr egal. Sie hatte getan, was ihr aufgetragen worden war.

Schließlich ging die Falltür auf, und Frank blickte zu ihr hinab. Sie griff nach der Pistole.

»Kann ich runterkommen, Beth?«, rief er.

Hinter ihm waren noch mehr Gesichter, die sich in dem Rechteck aus Licht drängten und sie ansahen. Neue Leute. Die Leute aus den Hubschraubern.

»Ich habe immer noch die Pistole«, rief sie.

»Ich will nur mit dir reden«, sagte Frank. Er sagte noch etwas zu den anderen, und dann schwang er sich über den Rand und kam die Leiter herunter.

Sie wandte sich wieder dem blauen Bildschirm zu. »Es ist schon passiert«, sagte sie. »Sie können es nicht mehr ändern.«

Franks Füße landeten mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden. Sie hoffte nur, dass seine Schuhe nicht zu dreckig waren. Ihre Mutter mochte es gar nicht, wenn der Teppich schmutzig wurde. Frank trat neben sie und blickte auf den Bildschirm. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt. In seinen Brillengläsern spiegelten sich die Worte »Selbstzerstörung beendet« wider.

»Du hast die Dateien gelöscht?«, fragte Frank, und sie konnte ihm anhören, dass er versuchte, nicht zu verärgert zu klingen.

Sie machte sich ganz klein auf dem Stuhl. Das Weiß ihres Nachthemdes wirkte im Licht des Computerbildschirms blau, und die Giraffen waren kaum mehr erkennbar. Es passte ihr schon seit Jahren nicht mehr richtig. Sie dehnte den Saum über ihren Knien.

»Weißt du eigentlich, was du da gerade gemacht hast?«, murmelte Frank. Dann bewegte er sich so plötzlich, dass sie dachte, er wollte sie schlagen, aber er tastete bloß nach dem Lichtschalter.

Das Keller-Filmstudio wurde erleuchtet. Es gab vier Sets: ein Prinzessinnenzimmer, ein Klassenzimmer, ein Arztzimmer und ein unheimliches Verlies. Jedes Mal, wenn sie umzogen, nahm Beths Vater jedes Set auseinander und packte alles ein. Die Kameras durfte sie nicht berühren. Und sie musste aufpassen, nicht über die ganzen schwarzen Kabel auf dem Boden zu stolpern.

Frank drehte sich langsam wieder zu ihr um. Ihr Vater hatte gesagt, dass die Leute sie anders ansehen würden, wenn sie es wüssten. Er hatte gesagt, dass die Erwachsenen wütend werden würden. Aber Frank wirkte nicht wütend. Er sah ein bisschen verängstigt aus, als wäre sie eine Bombe, die jeden Moment explodieren könnte, wenn er nicht rechtzeitig herausbekam, welches Kabel er durchschneiden musste.

»Agent Moony?«, rief ein Mann von oben. »Alles okay da unten?«

Frank antwortete nicht sofort. Wahrscheinlich hatte er noch nie zuvor ein Filmset gesehen.

»Frank?«, brüllte der Mann von oben.

»Wir kommen gleich«, rief Frank. Er blickte von einem Set zum anderen. »Dann könnt ihr euch das hier mal ansehen«, fügte er noch hinzu.

Die Luft im Keller schmeckte schimmelig. Die Keller schmeckten immer so.

Frank sagte nichts mehr. Er rieb sich nur noch den Nacken.

»Lebt meine Mutter noch?«, fragte sie.

Er nahm die Brille ab und putzte sie mit seinem Hemd. »Ich weiß nicht, wer deine Mutter ist«, erwiderte er vorsichtig.

»Linda«, sagte sie. Sie wickelte sich den Saum ihres Nachthemds um die Finger. »Sie hat versucht, sich zu erschießen.« Sie kannte sich mit Kalibergrößen aus. Je schneller und schwerer die Kugel, desto mehr Schaden richtete sie an. Manche Leute überlebten einen Kopfschuss. »Ich merke es, wenn Sie lügen«, warnte sie.

Frank setzte die Brille wieder auf und sah sie mit großen Augen an. Die roten Augenbrauen und der rote Bart waren mit blonden Strähnen durchsetzt, als wäre er viel in der Sonne gewesen. Er hatte sogar auf den Ohren Sommersprossen. »Sie ist tot, Beth.«

Sie zog an ihrem Nachthemd und dehnte die Giraffen. »Oh«, sagte sie. Heißer Rotz lief ihr in die Nase, und ihre Augen brannten, aber sie weinte nicht. »Sie war nett. Sie konnte keine Kinder kriegen.«

»Haben sie dir das erzählt?«, fragte Frank.

»Sie haben sich um mich gekümmert«, sagte sie.

Frank kniete sich neben ihren Stuhl, sodass sie einander in die Augen blicken konnten. »Kannst du mir sagen, ob hier noch andere Kinder waren?«

Die Brillengläser waren achteckig, nicht oval. Seine zerzausten Haare waren nass vom Regen; sein Bart wuchs wild in alle Richtungen. Männer sollten sich eigentlich jeden Tag rasieren. Das war ein Zeichen von Disziplin.

»Ich möchte bei ihm bleiben«, sagte sie.

Frank sah sie gequält an. »Ich bin mir sicher, dass deine Familie nie aufgehört hat, dich zu suchen«, entgegnete er.

Sie fragte sich, ob das stimmte.

Frank hatte die Brille nicht besonders gut geputzt. Sie konnte immer noch Fingerabdrücke auf den Gläsern sehen. Aber sein Blick wirkte freundlich.

Draußen bellte ein Hund. Es war nicht ihrer. Sie hatte keinen Hund. Sie durfte keinen haben.

»Wie alt bist du, Beth?«, fragte Frank.

»Zehn.« Sie überlegte. Das Atmen fiel ihr schwer. Es fühlte sich an, als drückte ihr jemand den Brustkorb zusammen. »Aber …«

Er zog die von der Sonne gebleichten Augenbrauen hoch und blickte sie erwartungsvoll an.

Der Hund hörte nicht auf zu bellen. Vielleicht war es auch nur die Fliegengittertür, die knallte. Sie wusste es nicht. Ihre Haut fühlte sich ganz heiß an.

»Ich hatte mal einen Hund«, sagte sie, als es ihr wieder einfiel.

Frank rührte sich nicht. »Wie hieß er denn?«

»Monster.« Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie zitterte, als die Erinnerungen wieder hochkamen. Dabei hatte sie so lange daran gearbeitet, sie zu verdrängen. Es war befreiend. »Mein alter Geburtstag war im April«, erklärte sie und wischte sich mit der Hand über die Nase. »Mel hat ihn geändert. Eigentlich bin ich wohl schon elf.«

Frank verengte die Augen zu Schlitzen und legte den Kopf schief. Er war ihr jetzt ziemlich nah, aber nicht zu nah. »Wie lange lebst du schon bei Mel?«

Sie dachte einen Moment nach und versuchte, die Einzelheiten zu ordnen. »Monster ist immer weggelaufen. Ich war im Vorgarten und habe nach ihm gerufen, und Mel hat gesagt, er würde mir helfen, ihn zu suchen. Er hat gesagt, er würde mich im Auto mitnehmen und herumfahren, bis wir ihn gefunden haben. Da war ich in der ersten Klasse.«

»Wie heißt du?«, fragte Frank, und seine Stimme versagte beinahe.

Wie sie hieß. Sie wusste es. Sie konnte es irgendwo in ihrer Brust fühlen. Als wenn einem etwas auf der Zungenspitze liegt, aber es einem nicht einfällt. Sie konzentrierte sich. »Kick?«, riet sie.

Er neigte den Kopf noch etwas mehr und beugte sich ein wenig vor. »Was hast du gesagt?«

»Kick?«, versuchte sie es noch einmal. Aber das war es nicht. Irgendetwas Ähnliches …

»Kit?«, fragte Frank. »Meinst du Kit Lannigan?«

Es fühlte sich an, als hätte sie einen elektrischen Zaun angefasst. Alle ihre Zellen schrien auf. Schnell rutschte sie auf dem Stuhl nach hinten. »Es ist nicht erlaubt, den Namen zu sagen«, flüsterte sie.

Frank betrachtete sie eingehend. »Du bist es«, sagte er.

Sie sah Gesichter, Bilder, Farbblitze. Sie konnte erst nicht mehr atmen. Und auf einmal löste sich alles. »Ich wollte Monster nicht rauslassen«, begannen die Worte aus ihr hervorzusprudeln. »Ich habe die Tür aufgemacht, weil ich etwas von der Veranda holen wollte, und er ist einfach rausgelaufen, und dann war er weg.« Sie schluchzte und legte sich die Hand auf den Mund. »Es ist alles meine Schuld«, sagte sie zwischen ihren Fingern hindurch.

»Hey, hey, hey«, sagte Frank. Er sah aus, als wollte er ihre Hand tätscheln, aber er tat es nicht. »Ganz ruhig«, sagte er. »Es ist vorbei. Es ist jetzt vorbei. Niemand ist böse auf dich wegen des Hundes, versprochen. Es ist alles gut.« Er zog etwas aus der Tasche. »Hier«, sagte er und hielt es ihr hin. »Ich glaube, das hast du verloren.« Der Scrabblestein ihres Vaters lag in seiner Hand. Kick griff zögerlich danach.

»Alles gut«, ermunterte sie Frank. »Nimm ihn.«

Sie schnappte sich den Stein und drückte ihre Hand so fest zu, dass es wehtat.

Frank schaukelte vor und zurück. »Kit Lannigan«, sagte er. »Verdammt.« Er starrte sie mit offenem Mund an. »Du warst ganz schön lange weg.«

Hinter ihm sah sie das Prinzessinnenhimmelbett mit den rosa Rüschen. Sie zitterte. Sie konnte gar nicht damit aufhören. »Es ist vorbei?«, fragte sie.

Frank nickte. »Der schlimmste Teil ist vorbei, Kleine.« Er lächelte sie an, und sie wusste, dass sie sein Lächeln erwidern sollte, dass sie sich freuen sollte, aber sie spürte keine Freude in sich.

Sie fühlte sich, als wäre sie gestorben. Das hatte Mel behauptet. Kit ist tot, hatte er gesagt. Du bist jetzt Beth. Aber Beth war jetzt auch tot. Und wenn Kit tot war und Beth tot war, dann war sie jemand Neues und hatte noch nicht mal einen Namen.

»Und was passiert jetzt?«, fragte sie benommen.

»Jetzt bringe ich dich nach Hause«, antwortete Frank.

1

Zehn Jahre später

Kick Lannigan drehte an der Zielvorrichtung ihrer Glock, visierte an und drückte ab. Der Pappkamerad wackelte. Kick atmete den befriedigenden Geruch von Schießpulver und Beton ein und schoss wieder. Und wieder. Bis das Magazin leer war. Die Pistole in ihrer Hand bewegte sich kaum. Kick hatte mit einer .22er schießen gelernt, aber sie benutzte eine .45er, seit sie vierzehn geworden und zum ersten Mal auf dem Schießplatz gewesen war. Schon mit vierzehn hatte sie gewusst, dass sie etwas wollte, womit man auch ein größeres Ziel erledigen konnte.

Sie legte die Waffe ab, drückte den Knopf, um die Zielscheibe heranfahren zu lassen, und sah zu, wie sie auf sie zugeruckelt kam. Die Hälfte der Zielscheiben, die man auf dem Schießplatz kaufen konnte, sahen inzwischen aus wie Zombies – die Leute wollten unbedingt alle auf Zombies schießen, doch Kick zog das altmodische Schwarz-Weiß-Bild eines Typen mit kantigem Kinn und schwarzer Strickmütze vor. Der Pappkamerad kam bei ihr an, und sie begutachtete ihr Werk. Die Kugeln steckten im Herz, in der Leiste und mitten in der Stirn.

Vor Freude stieg ihr die Röte in die Wangen.

Die letzten sieben Jahre hatte sie nur Mietwaffen des Schießplatzes benutzen dürfen. Jetzt konnte sie endlich mit ihrer eigenen schießen. Manche Leute gingen feiern und betranken sich, wenn sie volljährig wurden; Kick hatte sich eine Glock mit Neunschussmagazin ausgesucht und einen Waffenschein zum verdeckten Führen von Schusswaffen beantragt.

Die Glock 37 hatte alle Funktionen einer Pistole mit einem .45 ACP-Kaliber, aber ein kürzeres Griffstück. Es war eine große Pistole, die für kleine Hände gemacht war. Der abgeschrägte Schlitten und das elegante Schwarz, die Fingerrillen und die Daumenauflage – Kick liebte jeden einzelnen Millimeter an dieser Pistole. Ihre Fingergelenke waren wund und der blaue Nagellack blätterte ab, aber die Glock sah in ihrer Hand trotzdem schön aus.

Sie löste den Blick von der Waffe und lauschte.

Es war viel zu ruhig in der Schießhalle.

Sie spürte, wie sich ihr die Härchen an den Armen aufstellten. Sie legte die Glock wieder hin, neigte den Kopf und versuchte angestrengt, durch ihre Lärmschutzkopfhörer etwas zu vernehmen.

Das gedämpfte Knallen der Schüsse war bisher ziemlich konstant gewesen. An diesem Vormittag waren außer ihr nur drei andere Leute in der Schießhalle. Kick hatte von ihnen allen Notiz genommen. Ihr Kampfkunst-Sensei nannte das »achtsam sein«. Kick nannte es Vorsicht. Jetzt lauschte sie auf die gedämpften Schüsse um sich herum und versuchte auszumachen, was sich verändert hatte.

Die Frau eine Bahn weiter hatte zu schießen aufgehört. Kick hatte ihren Revolver gesehen, als die Frau an ihrer Bahn vorbeigegangen war – eine schöne Beretta Stampede mit Nickellackierung und einer Trommel für sechs Patronen. Die Stampede war die Nachbildung eines Revolvers aus dem Wilden Westen. Eines großen Revolvers. Wenn man damit auf ein Auto schösse, würde die Kugel die Karosserie durchbohren und den Motorblock spalten. Es war eine viel zu große Waffe für diese Frau. Deswegen war sie Kick überhaupt aufgefallen.

Die Frau hatte alle sechs Schüsse abgegeben, dann nachgeladen und nur noch dreimal geschossen.

Kick merkte, wie ihr Puls beschleunigte. Ihre Muskeln spannten sich an. Die Waden zuckten. Kämpfen oder fliehen. So erklärten die Therapeuten es. Die ersten paar Jahre, seit sie wieder zu Hause war, hatte sie dieses Gefühl immer wieder überwältigt, und jedes Mal war sie einfach völlig panisch abgehauen, zu Fuß. Einmal hatte ihre Mutter sie fast acht Kilometer weit entfernt auf einem Safeway-Parkplatz gefunden. Ihre Mutter und ihre Schwester mussten sie ins Auto zerren, während sie sich die Seele aus dem Leib brüllte.

Biofeedback. Meditation. Gesprächstherapie. Medikamentöse Therapie. Schreitherapie. Floating. Yoga. Tai-Chi. Chinesische Heilkräuter. Reittherapie. Nichts hatte geholfen.

Es war Frank, der damals, als sie elf war, angeregt hatte, dass sie Kung-Fu lernte. Das FBI hatte ihn nach Portland versetzt, um sie auf ihre Zeugenaussage vorzubereiten, und er hatte ihrer Mutter gesagt, dass Kick durch Kampfsport mehr Selbstbewusstsein erlangen und sie den Prozess so leichter überstehen würde. Doch vielleicht begriff er auch, dass sie einfach das Bedürfnis hatte, auf etwas einzuschlagen. Danach hatte sie nichts und niemand mehr in den Floating-Tank bekommen. Sie fing mit Kampfsport an, Boxen, Scheibenschießen, Bogenschießen und sogar Messerwerfen. Ihre Eltern dachten, sie täte das alles, um sich sicherer zu fühlen, und in gewisser Weise hatten sie damit auch recht. Sie wollte garantieren, dass niemand – noch nicht einmal ihre Mutter – sie jemals wieder zwingen konnte, in ein Auto zu steigen. Nachdem ihr Vater sie verlassen hatte, probierte sie noch mehr aus: Klettern, Bergsteigen, Flugstunden – alles Mögliche, damit sie beschäftigt war und sich nicht zu Hause aufhalten musste.

Kick suchte den Boden nach leeren Patronenhülsen ab. Wenn sie heutzutage das Zucken in ihren Waden spürte, dachte sie nicht mehr daran wegzulaufen, sondern daran, wie sie den rechten Arm nach vorne stoßen musste, um mit der fleischigen Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger ihren Gegner an der Gurgel zu erwischen. Als sie eine Patronenhülse auf dem Betonboden entdeckte, kickte sie mit der Stahlkappe ihres Stiefels danach und sah zu, wie die Messinghülse klirrend aus ihrer Kabine flog. Dann ging sie hinterher. Die Frau von der Bahn nebenan stand mit ihrem Smartphone in der Hand gegen die Wand gelehnt da und schrieb offenbar jemandem eine Nachricht. Kick hatte ihre Haare unter der Kapuze der Sweatshirtjacke versteckt und die Lärmschutzkopfhörer über der Kapuze aufgesetzt. Sie trug eine Schutzbrille, schwarze Jeans, Stiefel und hatte den Reißverschluss ihrer Jacke bis obenhin geschlossen. In diesem Aufzug hätte sie unerkannt eine Bank ausrauben können. Aber diese Frau? Sie erkannte Kick. Und ließ dabei jegliches Feingefühl vermissen. Sie schnappte so heftig nach Luft, dass ihr beinahe das Handy aus der Hand fiel. Instinktiv wandte Kick das Gesicht ab, hob schnell die Patronenhülse auf und ging zurück in ihre Kabine.

Beim Prozess war Kick keine besonders gute Zeugin gewesen. Die Anklage hatte sie innerhalb der drei Monate, die Mel vor Gericht stand, viermal vorgeladen. Man hatte von ihr wissen wollen, ob sie sich an die anderen Leute erinnern konnte, die zu ihnen gekommen waren, an andere Kinder, was sie gesehen oder gehört hatte, wohin sie gereist waren. Aber in ihrer Erinnerung lag so vieles im Dunkeln.

Die letzten zehn Jahre hatte sie deswegen geübt, auf Details zu achten.

Sie schloss die Faust um die immer noch warme Patrone und rief sich das Bild der Frau wieder ins Gedächtnis. Sie war etwa Mitte fünfzig und aufwendig zurechtgemacht. Um neun Uhr morgens war sie schon komplett geschminkt, und die schwarzen Haare, die über ihren pinken Lärmschutzkopfhörer fielen, waren perfekt gestylt, was sie mindestens eine Viertelstunde vor dem Spiegel gekostet haben musste. Kick ließ die gebrauchte Patrone in den Plastikeimer zum Rest ihrer leeren Patronenhülsen fallen. Die Frau war an einem Dienstag um neun Uhr morgens in der Schießhalle, also konnte sie keinen normalen Bürojob haben. Kein Ehering. Manche Leute nahmen den Ehering zum Schießen ab, doch Kick vermutete, dass die Frau das nicht wusste. Kick blickte über die offenen Bahnen, aber sie konnte die Zielscheibe der Frau nicht entdecken. Eine Frau mittleren Alters fing nach einem Gewaltverbrechen oder einer Scheidung oder einem ähnlich einschneidenden Erlebnis mit dem Schießen an, um sich selbst verteidigen zu können. Sie war nicht wegen Kick hier. Sie war über sie gestolpert. Und jetzt schrieb sie eine Nachricht … an wen? Dem Haarstyling und Make-up nach zu urteilen konnte sie eine Fernsehreporterin sein. Kick erkannte sie nicht, aber Kicks Interesse an den Nachrichten, war thematisch auch sehr eingeschränkt.

ENDE DER LESEPROBE