Kahlschlag - Joe R. Lansdale - E-Book

Kahlschlag E-Book

Joe R. Lansdale

0,0

Beschreibung

Osttexas in den 30er Jahren: In Camp Rapture ist die Sägemühle der Familie Jones der größte Arbeitgeber. Pete, einziger Sohn der Familie und Constable des kleinen Orts, prügelt und vergewaltig regelmäßig seine Frau Sunset, bis diese ihn eines Tages in Notwehr erschießt. Ganz Camp Rapture steht Kopf, als Petes Mutter sich nicht nur auf Sunsets Seite schlägt, sondern auch dafür sorgt, dass ihre Schwiegertochter der neue Constable des Ortes wird. Als wäre diese Kröte nicht schon schwer genug zu schlucken, nimmt Sunset ihre neue Aufgabe auch noch außerordentlich ernst. Ihre Untersuchung eines rätselhaften Doppelmords reißt sie in einen gefährlichen Strudel aus Gier, Korruption und brutaler Gewalt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 577

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Joe R. Lansdale

KAHLSCHLAG

Roman

Sunset and Sawdust

Die Originalausgabe ist 2004 bei Alfred A. Knopf erschienen.

Die Arbeit der Übersetzerin an dem vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Bei Kahlschlag handelt es sich um den inoffiziellen neunten Band der Reihe FUNNYCRIMES (herausgegeben von Richard Betzenbichler)

© 2004 by Joe R. Lansdale • Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2012 by Golkonda Verlag GmbH • Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Richard Betzenbichler

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektur: Heinz Scheffelmeier

Coverfotografie: © 2010 by Karin Milwisch

Autorenporträt: © 2010 by molosovsky

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz: Hardy Kettlitz

EPUB: Karlheinz Schlögl

GOLKONDA VERLAG

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

Kontakt: [email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-32-5 (eBook)

Juni 2011

Für Kasey

In Osttexas sind Mythen, Lügen, Legenden

und Wirklichkeit alles dasselbe.

KAPITEL 1

An jenem Nachmittag regnete es Frösche, Flussbarsche und Elritzen, und Sunset stellte fest, dass sie eine Tracht Prügel genauso gut einstecken konnte wie Drei-Finger-Jack. Im Gegensatz zu Jack, dem seine Abreibung bei strahlendem Sonnenschein verpasst worden war, kassierte sie ihre in ihrem eigenen Haus auf dem eiskalten Holzboden, während ein Zyklon an den Fenstern rüttelte und das Dach abhob.

Sie lag auf dem Rücken und hatte nur noch das Oberteil ihres Kleides an, weil Pete, während er auf sie eindrosch, daraufgetreten war und dabei die untere Hälfte abgerissen hatte, die so fadenscheinig war wie ein Wahlversprechen. Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie jetzt bloß noch zwei Kleider besaß und dass sie gerade dieses nur ungern verlor, weil es – obschon ausgebleicht – ein schönes Blumenmuster hatte, auf dem Flecken nicht so auffielen.

Aber das war nur ein flüchtiger Gedanke. Vor allem überlegte sie fieberhaft, wie sie ihn dazu bringen konnte, sie nicht mehr zu schlagen. Sie hatte versucht, seine Schläge mit erhobenen Händen abzuwehren, aber er hatte so fest auf sie eingedroschen, dass sie ihr ins Gesicht klatschten und fast so viel Schaden anrichteten, als hätte er ihr die Faust hineingerammt.

Schließlich hatte er sie zu Boden gestoßen, sich auf sie geworfen, ihr die Beine auseinandergedrückt und ihr den Rest der Kleidung vom Leib gerissen. Als er ihr das Oberteil und den Büstenhalter zerfetzte, sagte er lallend: »Da sind ja meine Tittchen.« Sein Atem war eine einzige Alkoholfahne. Dann zerrte er an ihrer Unterwäsche, bis sie riss, und warf sie zur Seite. Als Nächstes öffnete er seinen Waffengurt und schmiss ihn neben sich auf den Boden. Während er am Reißverschluss seiner Hose herumnestelte, um das Maultier in die Scheune zu treiben, streckte Sunset die Hand aus, zog seinen .38er Revolver aus dem Holster, drückte ihm den Lauf, ohne dass er das mitbekam, gegen den Kopf und jagte ihm eine Kugel in die Schläfe.

Der Schuss war so laut, als hätte Gabriel sie mit einem Fanfarenstoß direkt in den Himmel hinaufgeschleudert, dabei war es Pete, der die Reise nach oben antrat. Oder wohin auch immer. Sunset gefiel der Gedanke, dass er einen Platz in der Hölle zugewiesen bekam, direkt neben dem Ofen. Aber im ersten Moment schrie sie einfach nur laut auf, als hätte die Kugel sie getroffen oder als hätte man ihr nach der Geburt einen Klaps auf den Hintern gegeben.

Pete erschlaffte – nicht nur in dem Organ, das er soeben hatte zum Einsatz bringen wollen, sondern am ganzen Körper. Er gab nicht einen Laut von sich. Kein »Autsch«, kein »Ach du Scheiße«, kein »Ist das zu fassen?« – Dinge, die er unter normalen Umständen gern sagte, wenn er von etwas überrascht wurde oder unter Druck stand. Er kassierte einfach die volle Ladung, ließ einen Furz fahren, der fast so laut war wie der Schuss, sackte vornüber und schwang sich auf das schwarze Pferd des Todes.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sie ihr Kleid, ihre Unterwäsche und ihre Würde verloren hatte, klirrten jetzt die Fenster auf der Ostseite wie die Ketten eines Schlossgespensts und zerbarsten; die Tür flog davon, als wäre sie nie mehr als ein lose zusammengefügtes Puzzle gewesen, und der Wind riss das Dach mit sich.

Die Waffe immer noch in der Hand, lag sie auf dem Rücken, ihre Kleidung in Fetzen, an den Füßen ihre alten, flachen Schuhe, in der Schulter ein Stück Fensterglas. Pete lag schwer wie ein nasser Sack auf ihr. Wo die Kugel eingetreten war, befand sich ein kleines Loch, aber ein großes Austrittsloch, wie eigentlich zu erwarten gewesen wäre, konnte sie nirgendwo entdecken. Vermutlich war die Kugel in seinem Schädel herumgerast und hatte seinen Inhalt zu Gelee verarbeitet. Aus der Wunde und aus seiner Nase sickerte Blut und tropfte ihr auf die Brust.

Sie schob ihn von sich runter und sah ihn an. Keine Frage – davon würde er sich nicht wieder erholen. »Da hast du wohl nicht mit gerechnet, was?«, sagte sie.

Sie betrachtete ihn eine Zeit lang, und dann fing sie plötzlich an zu schreien, als steckte in ihr eine Todesfee. Aber schon im nächsten Zimmer hätte man ihre Schreie nicht mehr gehört. Sie waren laut, aber der Sturm war lauter. Das Haus bebte, knarrte, knirschte und quietschte.

Und dann wurde alles, bis auf den Boden, zwei hässliche Sessel, einen gusseisernen Herd, Sunset und den Toten hochgesogen und innerhalb von Sekunden über das ganze Land verteilt.

Sunset klammerte sich schreiend am Boden fest, während der Wirbelsturm über sie hinwegtobte.

Kaum war der Sturm vorüber, klarte der Himmel auf, und die Sonne brannte wieder gnadenlos herab, als hätte es den kalten Wind und den Regen nie gegeben.

Sunset blutete. Sie fühlte sich schwach. Als sie aufstand, fielen Kleiderfetzen zu Boden. Sie zog den Glassplitter heraus, der in ihrer Schulter steckte. Er hatte nicht allzu viel Schaden angerichtet, die Wunde blutete kaum.

Nackt – bis auf die Schuhe und den Revolver, den sie immer noch in der Hand hielt – trat sie aus den Überresten ihres Hauses heraus und stolperte die schlammige Lehmstraße entlang. Unter ihren Schuhen zappelten und zuckten Frösche, Elritzen und Flussbarsche.

Sie fühlte sich so verloren wie Kain, nachdem er Abel getötet hatte.

Petes Auto hatte sich – völlig verbeult und mit dem Dach nach unten – um zwei riesige Eichen gewickelt, als wäre es aus flüssigem Lakritz. Nicht weit davon entfernt lag sein hölzerner Aktenschrank. Die Tür war zerbrochen, und die Akten hatten sich überall verteilt.

Wie es das Schicksal wollte, stieß sie auf eine ihrer Gardinen, die sie aus einem Mehlsack genäht und blau gefärbt hatte. Sie hing von einem Ast herab wie vom Arm eines Hausdieners.

Sunset wickelte sich die Gardine um die Taille, drapierte ihre langen roten Haare über ihre Brüste und ging weiter die Straße entlang. Ihre Schuhe quietschten bei jedem Schritt. Sie bückte sich, um einen zermatschten Frosch von der Sohle abzukratzen, und als sie wieder hochsah, entdeckte sie Uncle Riley, den farbigen Messerschleifer, der mit seinen zwei Maultieren und dem Wagen die Straße entlanggezuckelt kam. Sein Sohn Tommy ging nebenher, pickte mit einem spitzen Stock Flussbarsche auf und warf sie auf die Ladefläche.

Als Uncle Riley Sunset sah, zog er die Zügel an und sagte: »Oh verdammt. Ich hab nix gesehen, weiße Ma’am. Wirklich. Und Tommy hier hat auch nix gesehen. Wir haben beide gar nix gesehen.«

Aber Tommy sah eine ganze Menge. Sunsets Brüste linsten durch ihr rotes Haar hindurch, und Tommy hatte noch nie Brüste gesehen, weder weiße noch schwarze, abgesehen von denen seiner Mama, als sie ihn gestillt hatte, aber die Erinnerung daran war längst verblasst.

Sunset war es in dem Moment völlig egal, wer was sah. Sie blutete aus Nase und Mund, und ihre Augen schwollen allmählich zu. Sie fühlte sich, als hätte man sie in Brand gesteckt und das Feuer dann mit dem Rechen ausgeklopft.

»Uncle Riley«, sagte sie. »Ich bin’s, Sunset. Ich bin verprügelt worden.«

»Ach Gott, Mädel, aber wirklich. Ich steig jetzt runter und helf Ihnen. Aber dass Sie mir ja auf nix schießen, hörn Sie?«

Sunset sackte auf die Knie, wollte wieder aufstehen, schaffte es aber nicht.

Uncle Riley, vierundvierzig Jahre alt, einen Meter neunzig groß und gut einhundert Kilo schwer, hatte eine glänzende Glatze, die er mit einem Schlapphut bedeckte. Er stieg vom Wagen, zog sein Arbeitshemd aus und drehte den Kopf zur Seite, während er auf Sunset zuging.

Uncle Riley legte Sunset das Hemd um die Schultern. Sie ließ die Gardine fallen und knöpfte das Hemd mit der freien Hand zu, alles auf den Knien. Wieder versuchte sie aufzustehen, und wieder gelang es ihr nicht. Uncle Riley hob sie hoch wie ein kleines Kind. Sie umklammerte die Pistole, als wäre sie Teil ihrer Hand.

Er trug sie zum Wagen, ließ sie auf den Sitz gleiten und stieg dann selbst hinauf. »Ab jetzt fass ich Sie nicht mehr an, Miss Sunset.«

»Schon in Ordnung, Uncle Riley. Du hast dich wie ein echter Gentleman benommen.«

Tommy, der mit einem aufgespießten Fisch neben dem Wagen wartete, stand immer noch der Mund offen.

»Rauf mit dir«, sagte Uncle Riley.

Tommy kletterte hinten auf den Wagen zu den Fischen, die sie eingesammelt hatten. Sie waren überall auf der Ladefläche verteilt, und an einigen Stellen reichten sie ihm bis zu den Knöcheln. Für Uncle Riley war der Fischregen ein Geschenk Gottes gewesen. Genug Fisch zum Essen und genug Fisch zum Salzen und Räuchern. Sie hatten sogar ein paar Frösche aufgeklaubt, weil Tommys Mama – die Hebamme Cary – gern Froschschenkel aß.

Tommy fragte sich gerade, ob sich der Fisch wohl halten würde, jetzt, wo es wieder heiß wurde und sie diese zusammengeschlagene, vollbusige Frau herumkutschieren mussten. Was in Gottes Namen sollten sie bloß mit ihr machen?

Und dann dachte Tommy: Ihr Haar ist so lang und rot und wild wie herabstürzendes Feuer. Er musste grinsen. Gütiger Gott, er hatte Fisch vom Himmel regnen sehen und dazu die Brüste einer weißen Frau. Wirklich ein besonderer Tag.

»Miss Sunset, wenn ich Sie so rumfahr, dann bringen die mich um.«

»Nicht, wenn ich dabei bin.«

Sunset hörte sich die richtigen Dinge sagen, kam sich aber vor wie in einem Traum. Sie kratzte sich mit dem Lauf der .38er hinter dem Ohr.

»Missy, die werden mir nicht glauben. Und Ihnen auch nicht.«

»Die glauben mir schon.«

»Mein Vetter Jim, der hat mal gesehn, wie ne weiße Frau sich in ihrem Hof gebückt hat, weil da hat sie Wäsche aus einem Korb genommen, zum Aufhängen, und obwohl nix zu sehn war, weil sie hatte ja ihre Sachen an und er war oben an der Straße, aber – ein weißer Mann hat es gesehn, wie er dasteht und guckt, und dann hat er’s weitererzählt, und diese Kluxer haben Jim abgeholt und kastriert und Terpentin in die Wunde geschüttet.«

»Glaub mir, das kommt schon in Ordnung.«

»Was wird Ihr Mann sagen, Mr. Pete?«

»Nichts, Uncle Riley. Ich habe ihm das Gehirn rausgepustet.«

»Ach du meine Güte!«

»Bring mich zu meiner Schwiegermutter.«

»Wollen Sie wirklich zu Ihrer Schwiegermama?«

»Meine Tochter ist bei ihr. Ich weiß nicht, wo ich sonst hin sollte.«

»Aber Miss Marilyn, ob die das so gut findet, dass Sie ihren Jungen erschossen haben?«

»Darüber mache ich mir Gedanken, wenn ich da bin. Ach Gott, was wird Karen bloß denken?«

»Sie liebt ihren Papa sehr.«

»Das stimmt.«

»Die tun mich und meinen Jungen kastrieren.«

»Nein, das werden sie nicht. Dafür sorge ich schon. Um Himmels willen, Uncle Riley, ich kenne dich doch schon mein ganzes Leben lang. Deine Frau hat mir geholfen, mein Kind auf die Welt zu bringen.«

»Weiße Leute vergessen so was schnell. Und jetzt, wo wir überall diese Wirtschaftskrise haben, da sind die Leute noch böser.«

Der Wirbelsturm war so plötzlich und gnadenlos hereingebrochen, dass man den strahlenden Sonnenschein und die Hitze kaum fassen konnte, aber die Fische hinten auf dem Wagen fingen bereits an zu stinken.

Das Ledergeschirr knarzte, und die mit Weizen und Heu gefüllten Bäuche der Maultiere machten seltsam gurgelnde und trompetende Geräusche. Ab und zu hob eins der Tiere den Schwanz, furzte, erledigte sein Geschäft oder warf den Kopf zur Seite und schnappte nach etwas Grünzeug. Davon gab es jede Menge, weil der Weg schmal war und die Zweige hineinhingen und ihre Blätter den Maultieren verführerisch vor der Nase baumelten. Der Wagen quietschte und rumpelte über die schlammige Straße, und vom Boden, der bereits wieder trocknete, stiegen Dampfschwaden auf. Es roch nach Tongefäßen in einem Brennofen. Die Sonne fraß sich gnadenlos in Sunsets Wunden und blaue Flecken.

»Ich glaube, ich werde gleich ohnmächtig«, sagte Sunset.

»Bloß nicht jetzt, Miss Sunset. Ist schon so schlimm genug, wo Sie halbnackt neben einem Nigger sitzen, da muss nicht auch noch Ihr Kopf an der Schulter von mir liegen.«

Sunset senkte den Kopf, bis das Schwindelgefühl nachließ. Als sie sich wieder aufrichtete und sich mit dem Handrücken über die Stirn fuhr, fiel ihr auf, dass sie immer noch den Revolver in der Hand hielt. »Die lasse ich wohl besser bei dir.«

»Nein, Ma’am. Das sollten Sie lieber nicht machen. Nachher heißt es noch, ich hätt ihn erschossen.«

»Ich werde es ihnen erklären.«

»Die weißen Leute finden seine Leiche, dann sehn sie mich, und schon ist ein Nigger fällig. Wenn die dem Mr. Pete seine Waffe in meinem Wagen sehn, wo er doch Constable war, dann knüpfen die den Jungen und mich schneller auf, als wie wenn einer sagt: Schnappen wir uns nen Nigger.«

»Na gut«, sagte Sunset. »Ich bin dir und Tommy sehr dankbar. Wirklich.«

»Außerdem brauchen Sie die Waffe vielleicht, für wenn Sie Miss Marilyn erzählen, was Sie getan haben. Und wenn nicht für sie, dann vielleicht für Miss Marilyn ihren Mann, Mr. Jones.«

»Sobald ich es meiner Tochter gesagt habe, brauche ich sie vielleicht für mich selbst.«

»So dürfen Sie nicht reden.«

»Ich kann nicht glauben, dass ich es wirklich getan habe.«

»Wenn er Sie so geschlagen hat, Miss Sunset, dann hat er’s verdient. Ich hab nix übrig für einen Mann, der wo seine Frau schlägt. Das hat er sich selbst zuzuschreiben.«

»Ich hätte ihn ja auch einfach ins Bein oder in den Fuß schießen können.«

Uncle Riley sah sich ihr Gesicht genauer an. »Verdammt, Miss Sunset, so üble Prügel hab ich nicht mehr gesehn, seit Mr. Pete Drei-Finger-Jack grün und blau geschlagen hat. Wissen Sie noch?«

»Oh ja.«

»Mann, er hat den armen Kerl verdroschen, als wie wenn er was gestohlen hätte.«

»Hatte er ja auch. Die Geliebte meines Mannes.«

»Das hätt ich jetzt wohl besser nicht sagen sollen.«

»Er selbst hat mir beigebracht, wie man schießt, Uncle Riley, kannst du dir das vorstellen? Mit dem Revolver, dem Gewehr und mit der Schrotflinte. So lange, bis er den Eindruck hatte, ich sei zu gut. Nachdem wir verheiratet waren, wollte er nicht, dass ich irgendwas machte ... Ich kann nicht glauben, dass ich ihn erschossen habe. Ich hätte mich doch einfach schlagen lassen können, dann hätte er gekriegt, was er wollte, und schon wäre es vorbei gewesen. Wäre ja nicht das erste Mal gewesen. Dann hätte Karen jetzt immer noch einen Daddy. Die Sache ist nur, er hätte das doch alles auch so haben können, Uncle Riley. Ich hätte doch sofort nachgegeben. Er hätte doch nur ein paar nette Worte sagen müssen. Aber er mochte es gern auf die harte Tour, auch wenn es gar nicht nötig war. Ich glaube, mit seinen Freundinnen ist er sanfter umgegangen, aber mich hat er immer geschlagen.«

»Mädel, über so was sollten Sie mit mir nicht reden. Das muss ich gar nicht hörn.«

»Er war so schon kein sonderlich guter Mensch, aber wenn er getrunken hatte, war er gemein wie eine Giftschlange.«

»Ihr Haar ist mächtig rot«, ließ sich plötzlich Tommy vernehmen.

»Junge, verdammt«, fuhr Uncle Riley ihn an. »Das kann Miss Sunset jetzt gar nicht brauchen, dass du von ihrem Haar redest. Geh wieder nach hinten und tu die Fische sortiern oder mach sonst was.«

»Die sind alle gleich.«

»Dann zähl sie, Junge.«

»Ist schon in Ordnung, Uncle Riley. Ja, Tommy. Es ist rot. Meine Mama hat immer gesagt, rot wie der Sonnenuntergang, und darum nennen die Leute mich Sunset.«

»Ist das denn nicht Ihr richtiger Name?«, fragte Tommy.

»Jetzt schon. In die Familienbibel haben sie damals Carrie Lynn Beck geschrieben. Aber alle haben mich immer nur Sunset genannt. Und als ich geheiratet habe, hieß ich dann Jones.« Sunset brach in Tränen aus.

»Setz dich jetzt dahinten hin«, befahl Uncle Riley seinem Sohn.

»Ich hab doch nix gemacht«, maulte Tommy.

»Junge, willst du, dass ich dir den Arsch versohl? Verschwinde endlich.«

Tommy kletterte wieder nach hinten und setzte sich mitten in die Fische. Sie drückten sich feucht und nass gegen seine Hose, was ihm ganz und gar nicht gefiel, aber er blieb trotzdem sitzen. Er wusste, er hatte sich so weit vorgewagt, wie es gerade noch ging, und wenn er sich noch weiter vorwagte, würde sein Daddy anhalten und ihm den Hosenboden stramm ziehen, oder – schlimmer noch – er müsste eigenhändig einen Ast abbrechen, den sein Daddy dann zum Einsatz bringen würde.

Allmählich brach die Dämmerung herein. Die Wälder zu beiden Seiten wurden lichter, und man konnte bereits das Kreischen der Sägen in der Mühle und die Geräusche von Männern, Maultieren, Ochsen, von Bäumen, die über den Boden geschleift wurden, und das Anfahren und Rattern von Holzlastwagen hören.

»Wenn die Sie und mich sehn, das gibt ein böses Ende«, sagte Uncle Riley.

»Das wird schon gut gehen«, entgegnete Sunset.

»Tommy, spring vom Wagen und tu dich im Wald verstecken. Ich hol dich nachher ab.«

Tommy ließ sich an der Seite hinabgleiten und verschwand zwischen den Bäumen.

»Ich sorge schon dafür, dass dir nichts passiert«, sagte Sunset. »Wenn sie dir Ärger machen, können sie uns gleich beide aufhängen. Ich habe noch fünf Schuss in der Waffe.«

»Dass die Sie und mich zusammen hängen, macht mich auch nicht glücklich, Miss Sunset. Tot ist tot.«

»Na gut. Dann lass mich hier runter. Den Rest schaffe ich zu Fuß.«

Uncle Riley schüttelte den Kopf. »Das sieht vielleicht noch schlechter aus. Wenn wer sieht, wie Sie vom Wagen steigen, dann kriegen die mich nachher, da wo Sie nicht ein gutes Wort für mich einlegen können. Außerdem können Sie ja kaum sitzen.«

Sunset hob den Kopf und stellte fest, dass die Kronen der Pinien am Straßenrand vom Sturm sauber abgetrennt worden waren. Es war, als hätte der Sensenmann ihnen mit seiner Sense die Köpfe abrasiert.

Als sie auf das Gelände des Sägewerks fuhren, sah Sunset schwitzende Männer bei der Arbeit und lehmverschmierte Maultiere, die mit klirrendem Geschirr Baumstämme zum Sägewerk zogen. Außerdem kamen lange Wagen voller Baumstämme aus der Tiefe des Walds, die von großen, vor sich hin stapfenden Ochsen gezogen wurden.

Die große Rundsäge kreischte jedes Mal, wenn sie einen Baum verschlang, und dann war da noch das Geräusch der Gattersäge, die dem Holz die richtige Form gab. In der Luft hing schwer der süßliche Geruch von frisch geschlagenen Osttexas-Pinien. Aus einer langen Rutsche, die mit den Sägewerksgebäuden verbunden war, kamen stoßweise zerschredderte Holzreste herabgesegelt und sammelten sich auf einem Hügel aus Sägemehl, den Zeit und Wetter hatten schwarz werden lassen.

Überall lagen abgebrochene Äste und vom Sturm entwurzelte Bäume. Ein Wagen voller Holzstämme war umgekippt, und einige Männer richteten ihn gerade wieder auf. Nicht weit davon entfernt lag ein toter Ochse, der zum Teil unter herabgefallenen Stämmen begraben war.

»Ob die überhaupt aufgehört haben zu arbeiten, als der Wirbelsturm durchgerast ist?«, fragte Sunset.

»Wenn, dann nicht lange«, entgegnete Uncle Riley. »Nicht hier in Camp Rupture. Teufel, irgendwer wird den Ochsen da häuten und ausnehmen und heut Abend noch essen. Wär ein Mann umgefallen, täten sie ihn vielleicht auch häuten und essen.«

»Es heißt Camp Rapture, Uncle Riley, Rapture wie Entzücken, nicht Rupture wie Bruch.«

»Aber nur, wenn man noch nicht lange hier arbeitet. Und ich war lang genug hier, dass ich weiß, das brauch ich nicht mehr. Ich kann’s beweisen, weil ich hab ein Bruchband.«

»Hätte ich Pete doch bloß ins Bein geschossen.«

»Wenn ich’s mir so überleg, Miss Sunset – allmählich glaub ich auch, das wär besser gewesen.«

KAPITEL 2

Als Sunset und Uncle Riley ins Camp hineinfuhren, starrten die Arbeiter sie an und stellten sofort fest, dass Sunset nur ein Hemd trug. Sie ließen alles stehen und liegen und bewegten sich den Hügel hinunter auf den Wagen zu wie Fliegen, die von Zuckersirup angezogen werden.

»Was machst du da mit der weißen Frau? Hast du die so verprügelt?«, fragte einer der Männer Uncle Riley.

»Ich hab ihr nur geholfen«, sagte Uncle Riley. Und dann, zu Sunset: »Sehn Sie, die stechen mich ab oder knüpfen mich auf.«

»Bring mich zu meiner Schwiegermutter.«

Uncle Riley sah sich nach den Männern um, die dem Wagen folgten. »Himmel«, seufzte er. »Die sehn ganz schön bösartig aus. Das sind so Leute, wo nur glücklich sind, wenn ein Nigger tot ist.«

»Ich habe immer noch die Waffe. Vielleicht erwische ich ja fünf.«

»Das sind aber mehr als fünf.«

Einige der Häuser hatten Veranden, die zum Schutz vor Moskitos mit Fliegengittern abgeschirmt waren und auf die die Bewohner ihre Betten gestellt hatten, weil es dort nachts kühler war. Die Häuser waren in einem kalten Grün gestrichen und standen auf Blöcken oder Pfählen, zwischen denen Hühner und Gänse herumpickten. Um die einzelnen Grundstücke herum waren Drahtzäune gezogen. Die meisten Fenster waren schwarz vom Ruß des Kraftwerks, und die Höfe, in denen nicht ein Grashalm wuchs, waren gelb vom Sägemehl aus dem Sägewerk.

Das Haus von Sunsets Schwiegermutter machte deutlich mehr her als die anderen. Es hatte hölzerne Schindeln, Strom, war frisch gestrichen, stand auf behandelten Pfählen, und vor allem rannten unter dem Haus keine Hühner rum. Sie wurden hinten in einem großen Gehege mit Hühnerstall gehalten. Ihr Futter bekamen sie aus Trögen, und das Wasser, das täglich erneuert wurde, aus einer großen Wanne. Neben dem Hühnerstall befanden sich ein eingezäuntes Gelände und ein Schuppen, in dem ein Schwein und einige Ferkel hausten. Die Fenster waren erst kürzlich geputzt und das Sägemehl mit einer Harke vom Hof entfernt worden. Der Boden sah aus, als hätte eine Riesenhenne nach Würmern gescharrt.

Die geräumige Schlafveranda hatte keine Fliegengitter, sondern Fenster, die man herunterkurbeln konnte. Dahinter standen in großen Lehmkrügen die Topfpflanzen, die Sunsets Schwiegermutter so sehr liebte.

Im Hof parkte ein schwarzer Firmenlastwagen mit schlammverschmierten Rädern und verwitterten hölzernen Leisten rund um die Ladefläche. Alles war mit einer dünnen Schicht Sägemehl überzogen. Auf einer Seite hatte jemand etwas mit dem Finger in das Sägemehl geschrieben: ICH BIN SCHMUTZIG WIE DIE SÜNDE.

Uncle Riley lenkte den Wagen zwischen der Wasserpumpe und dem Haus hindurch und brachte ihn vor der Verandatreppe zum Stehen. Dann zog er die Bremse an, behielt die Zügel aber locker in der Hand.

»Du wirst rumkommen und mir runterhelfen müssen, Uncle Riley. Wenn ich es allein versuche, falle ich kopfüber auf den Boden, und jeder kann meinen Hintern sehen.«

»Miss Sunset, können Sie nicht auf einen von den weißen Männern da warten?«

»Na gut.«

Männer, weiße wie schwarze, versammelten sich um den Wagen. Die meisten von ihnen kannte Sunset, aber sie war sich nicht sicher, ob die Männer sie wohl erkennen würden, so, wie ihr Gesicht aussah. Allerdings hatte niemand in der Gegend solches Haar, nicht so lang und feuerrot und voll wie ihres. Und im Gegensatz zu den meisten Frauen trug sie ihr Haar immer offen.

»Was zum Teufel ist hier los?«, fragte einer der Männer. Es war Sunsets Schwiegervater. Er war groß und sah seinem Sohn Pete ziemlich ähnlich, nur dass er dünneres Haar und einen größeren Bauch hatte. Sein Khakihemd war unter den Achseln völlig durchgeschwitzt, und auch am Kragen und vorne glänzten Schweißflecken. Er schob sich den speckigen Hut aus der Stirn und fragte: »Verdammt, Sunset, bist du das?«

»Ja, Mr. Jones.«

»Was zum Teufel ist mit dir passiert? Und was machst du da im Unterhemd mit dem Nigger? Hat er dich so verprügelt? Ist das Petes Waffe?«

Die schwarzen Männer in der Menge verzogen sich unauffällig nach hinten, indem sie, wie sie das oft genug hatten üben können, vorsichtig zurückwichen und dabei ja niemandem ins Gesicht sahen. Innerhalb von Sekunden standen sie, die Hände in den Taschen, am Rand der gaffenden Meute und beobachteten alles aufmerksam, jederzeit darauf gefasst, entweder »Yessir« zu brüllen oder davonzurennen.

»Ich habe unter dem Hemd nichts an, und ich fühle mich schwach, also hilf mir runter, aber sei vorsichtig.«

Jones tat, wie ihm geheißen, und Sunset sagte: »Uncle Riley hat mich nach dem Sturm gefunden und mir geholfen. Ich hatte nichts an, und darum hat er mir sein Hemd gegeben.«

»Na, dann danke ich dir, Uncle Riley«, sagte Jones.

»Gern geschehen, Mr. Jones. Ich hab nur die Fische da hinten eingesammelt, und plötzlich ist sie dagestanden. Ich hab weggesehn und ihr das Hemd von mir gegeben.«

»Genau«, sagte Sunset und lehnte sich gegen den Wagen. »Ich kann kaum stehen. Jemand muss mir auf die Veranda raufhelfen.«

Sofort traten eilfertig zwei Männer vor, um sie zu stützen. Sunset fand, dass sie ein bisschen mehr als nötig zupackten. Die Blicke der beiden wanderten zur Knopfleiste des Hemds, an die Stelle, wo sie es falsch zugeknöpft hatte, und Sunset wusste sofort, dass sie auf ihre Brüste glotzten. Aber sie war zu schwach, um sich groß darüber aufzuregen. Davon abgesehen sahen an dem Tag mehr Männer ihre sommersprossigen Beine als zu der Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen in kurzen Hosen gewesen war.

Während die Männer ihr die Treppe hinaufhalfen, zupfte sie hinten das Hemd zurecht, damit niemand in den Genuss kam, ihren nackten Hintern zu sehen. Jones folgte ihr, musterte dann selbst die Vorderseite ihres Hemds und fragte: »Wieso kommst du so daher? Bist du während des Sturms verletzt worden?«

»So was in der Art.« Sunset drehte sich um und rief Uncle Riley zu: »Danke, dass du so ein Gentleman warst, Uncle Riley.«

»Gern geschehn, Miss Sunset.«

»Ich gebe dir das Hemd später zurück. Du siehst ja, dass ich es erst mal noch anbehalten muss.«

»Ja, Ma’am. Das ist schon in Ordnung. Behalten Sie’s, so lang wie Sie wollen. Ich fahr jetzt besser weiter und seh zu, dass ich die Fische nach Hause bring, bevor dass die noch schlecht werden.« Er lockerte die Bremse, trieb die Maultiere an, und die Menge machte ihm Platz.

Einer der Männer, Don Walker, sagte zu dem Mann, der neben ihm stand: »Wetten, dass der Nigger den Anblick genossen hat?«

»Ich wär verdammt gern an seiner Stelle gewesen«, antwortete der andere, Bill Martin. »Mit der würde ich es sogar machen, obwohl sie grün und blau im Gesicht ist.«

»Zum Teufel, Bill, du würdest es doch auch mit einem Loch im Boden machen.«

»Scheiße ja, ich würde auch ne Ente ficken, wenn sie mir zublinzelt und sich nach vorne beugt.«

»Ich glaub, dir wär’s völlig egal, ob sie dir zublinzelt.«

Sobald Sunset das Haus der Familie Jones betreten hatte, ließ sie sich in einen Bambussessel neben dem Radio sinken und beobachtete, wie sich die Schatten den Hügel hinunterbewegten und über das Haus legten wie überlaufendes Öl. Dann sagte sie: »Ich habe ihn erschossen.« Sie hielt die Waffe hoch. »Mit der hier. Mit seiner eigenen Waffe. Er hat mich geprügelt und mich zu Boden gestoßen. Dann hat er versucht, mich zu vergewaltigen. Das hat er früher auch schon gemacht. Ich konnte es nicht mehr ertragen.«

Mrs. Jones war eine große, gutaussehende Frau mit hochgesteckten, von grauen Strähnen durchzogenen Haaren. Als sie begriff, was Sunset da sagte, stieß sie einen schrillen, herzzerreißenden Schrei aus, der Sunset bis ins Mark erschütterte. Sie spannte ihren rechten Fuß so sehr an, dass der Schuh herunterfiel.

»Du hast ihn erschossen?«, fragte Jones. »Du hast meinen Sohn erschossen?«

»Ich habe ihn in den Kopf geschossen.«

»Mein Gott.«

»Mir blieb nichts anderes übrig. Er hat mich vergewaltigt.«

»Ein Mann kann seine Frau nicht vergewaltigen«, widersprach Jones.

»Genau so hat es sich aber angefühlt.«

Jones holte aus, und noch während er das tat, hob Sunset die Waffe. »Ich lasse mich nie wieder von einem Mann schlagen, wenn ich was dagegen tun kann.«

»Du hast rumgehurt, das ist es. Du und dieser Nigger. Rumgehurt habt ihr.«

»Uncle Riley hat nicht das Geringste damit zu tun. Glaubst du, wir wären ausgerechnet hierher gekommen, wenn wir rumgehurt hätten? Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Ich bin wegen Karen hier.«

»Aber warum hast du das getan?«, fragte Jones.

»Pete kam betrunken nach Hause. Wahrscheinlich hat ihn eine seiner Freundinnen – vermutlich diese Hure Jimmie Jo French – nicht rangelassen. Also wollte er es von mir. Auch wenn ich nur zweite Wahl war, vielleicht auch nur dritte. Und er wollte es auf die harte Tour. Er hat mich geschlagen, mir die Kleidung vom Leib gerissen, und dann kam der Wirbelsturm und hat das Haus weggeblasen. Einfach davongeweht, als wäre es aus Zeitungspapier. Ich habe seine Waffe zu fassen bekommen und ihn erschossen. Und dann bin ich ohne irgendwas am Leib losgelaufen. Ich hatte nur noch die Schuhe und eine Gardine, die ich gefunden habe. Uncle Riley hat mir sein Hemd gegeben.«

»Er war doch dein Mann!«

»Manchmal.«

Mrs. Jones rannte unterdessen kreischend im Haus herum wie ein Huhn, das vom Fuchs gejagt wird. Sobald sie bei einer Wand ankam, schlug sie mit den Handflächen dagegen, drehte sich um, rannte zur gegenüberliegenden Wand und hämmerte gegen diese.

»Ich wollte ihn nicht umbringen, wirklich nicht. Aber ich hatte Angst, er würde mich umbringen.«

»Meine eigene Schwiegertochter? Was haben wir dir bloß getan?«

»Es geht darum, was dein Sohn mir getan hat«, entgegnete Sunset und dachte bei sich: Ich weiß noch gut, wie oft du mir den Hintern getätschelt hast, wenn gerade niemand hersah.

»Er war doch der Constable«, sagte Jones.

»Aber jetzt ist er es nicht mehr. Jetzt ist nichts mehr, wie es war.«

Jones zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Es war, als hätte man einen großen Sack voller Kartoffeln auf den Stuhl gewuchtet, der nun über die Seiten hinunterhing.

Mrs. Jones war schließlich auf dem Boden zusammengebrochen und raufte sich die Haare. »Pete, Pete, Pete«, schrie sie, als könnte er ihr antworten.

»Verdammt, Sunset«, sagte Jones. »Ein Mann hat nun mal Bedürfnisse.«

»Wo ist Karen?«, fragte Sunset.

Mrs. Jones heulte, und Mr. Jones saß auf seinem Stuhl. Keiner von beiden antwortete. Sunset stand auf, zog ihren Schuh an und setzte sich wieder.

Nach einiger Zeit fragte Mr. Jones: »Bist du sicher, dass er tot ist?«

»Er ist ganz sicher tot.«

»Vielleicht lebt er noch.«

»Nur, wenn er wiederauferstanden ist.«

Mrs. Jones stieß einen weiteren Schrei aus, der das Glas in den Fenstern erzittern ließ. Sie wälzte sich auf dem Boden hin und her.

»Wo ist er?«, fragte Mr. Jones.

»In den Überresten unseres Hauses, mit heruntergezogener Hose und dem Hintern in der Luft.«

Jones blieb einfach sitzen und versuchte, den Kloß in seiner Kehle hinunterzuschlucken. Als ihm das schließlich gelungen war, sagte er: »Dann muss ich wohl rüberfahren und ihn holen. Und du, Missy, du wirst dafür büßen. Das Gesetz wird schon dafür sorgen.«

»Er war doch selbst das Gesetz. Und ich musste jeden Tag büßen, dabei hatte ich nicht mal was verbrochen.«

Jones stand auf und ging zur Tür hinaus. Sunset blieb mit der Waffe im Schoß sitzen. Sie betrachtete Mrs. Jones, die versuchte, sich vom Boden aufzurappeln. Allmählich gelang es ihrer Schwiegermutter, auf die Beine zu kommen. Sie ging auf Sunset zu. Sunset wusste, was ihr blühte, rührte sich aber – anders als bei Mr. Jones – nicht. Ihr war klar, dass sie nicht ungeschoren davonkommen würde, aber eine Züchtigung würde sie sich nur von ihrer Schwiegermutter, Marilyn Jones, gefallen lassen. Die Frau hatte sie immer gut behandelt. Eine Ohrfeige konnte sie durchaus aushalten.

Aber nur eine.

Mrs. Jones schlug mit aller Kraft zu, so fest, dass Sunset zu Boden geschleudert wurde und der Sessel umfiel. Der Schlag traf sie genau dort, wo auch Pete sie geschlagen hatte, und es brannte höllisch.

»Du hast meinen Jungen umgebracht«, sagte Marilyn.

»Ich wollte nicht, dass das passiert«, entgegnete Sunset und fing an zu weinen.

Langsam erhob sie sich, stellte den Sessel wieder hin, zog das Hemd so gut wie möglich herunter und setzte sich wieder. Den Revolver hielt sie immer noch in der Hand, wie ein Ertrinkender sich an einen Strohhalm klammert.

Marilyn sah auf sie hinunter. Ihr Haar hatte sich gelöst und hing ihr ins Gesicht. Sie hob die Hand, als wollte sie Sunset noch einmal schlagen.

»Nein«, sagte Sunset.

Marilyns Gesichtsausdruck wurde sanfter. Sie musterte Sunset eine Zeit lang, dann breitete sie die Arme aus und sagte: »Komm her, mein Schatz.«

»Was hast du gesagt?«, fragte Sunset.

»Komm her.«

Sunset starrte ihre Schwiegermutter einen Moment lang an und stand dann vorsichtig auf.

»Keine Angst«, sagte Marilyn. »Ich hab mich wieder eingekriegt.«

»Das könnte aber immer noch zu viel sein.«

»Keine Angst«, wiederholte Marilyn, machte einen Schritt auf Sunset zu und umarmte sie. Sunset behielt für alle Fälle die Waffe in der Hand. Sie hoffte, sie würde nicht noch die ganze verdammte Familie erschießen müssen. Und die Hühner gleich mit.

»Ich habe meinen Sohn verloren«, sagte Marilyn. »Ich werde nicht zulassen, dass ich auch noch eine Tochter verliere.«

»Ich wollte es nicht tun.«

»Ich weiß.«

»Nein. Nein, das weißt du nicht.«

KAPITEL 3

Der Zyklon, der Sunsets Haus zerstört hatte, wirbelte weiter durch die Bäume und trug ihr Dach und ihre Habe davon, drehte nach Osten ab, und als die Nacht hereinbrach, wütete er immer noch und warf mit Fischen, Fröschen und Trümmern um sich. Er schleuderte sogar ein Kalb gegen eine Hauswand und tötete es.

Der Zug, der nach Tyler und weiter Richtung Westen fuhr, wurde von den Ausläufern des Sturms erfasst. Der Wind ließ Fische auf ihn herabregnen und rüttelte die Güterwaggons durch, als wären sie eine Spielzeugeisenbahn in den Händen eines bösartigen Kindes.

Einen Moment lang sah es so aus, als würde der Zug von den Gleisen gesaugt, aber es blieb dann doch beim Durchrütteln. Die Lokomotive und ihre kleinen Waggons stampften weiter vor sich hin, genau wie der Sturm weiter vor sich hin wütete, bis er schließlich in der Nähe der Grenze zu Louisiana abflaute. Zum Schluss war er nur noch ein kühles, feuchtes Lüftchen, das ein paar schwitzende Leute erfrischte, die in der Nacht am Ufer des Sabine River saßen und angelten.

In einem der Waggons saß Hillbilly mit seiner Gitarre und seiner Umhängetasche und musterte die beiden Typen auf der Sitzbank ihm gegenüber. Sie waren in den Waggon geklettert, als der Zug in Tyler abgebremst hatte, und jetzt, wo er durch die Landschaft ratterte und der Sturm vorbei war, fingen sie an, ihm seltsame Blicke zuzuwerfen. Zuerst hatten sie so getan, als wäre er gar nicht da, aber er hatte bemerkt, wie sie immer mal wieder zu ihm hersahen. Sie waren ihm vom ersten Moment an unsympathisch gewesen. Er hatte sie begrüßt, als sie hereingeklettert waren, aber sie hatten weder »Hallo« noch »Leck mich« gesagt. Sie hatten ein paar Flussbarsche mit den Füßen zur offenen Tür hinausbefördert, den Regen abgeschüttelt wie nasse Hunde und sich dann wie zwei Wasserspeier zu beiden Seiten der Tür hingehockt, ohne etwas zu sagen. Nur herübergeschaut hatten sie von Zeit zu Zeit.

Hillbilly sah jünger aus, als er war, hatte aber dreißig ereignisreiche Jahre auf dem Buckel. Er war ganz schön weit rumgekommen und hatte eine Menge gesehen. Es gab keine Spelunke in Osttexas, Oklahoma oder Louisiana, in der er noch nicht mit seiner Gitarre aufgetreten war. Überall war er mit den Güterzügen herumgefahren, hatte in Wanderarbeiterlagern gegessen und gegen Geld auf den Jahrmärkten Box- oder Wrestlingkämpfe bestritten. Seine schlanke, drahtige Figur und sein weiches, hübsches Gesicht hatten so manchen starken Mann vor Ort fälschlicherweise dazu verleitet, ihn für einen leichten Gegner zu halten.

Hillbilly wusste aus Erfahrung, dass die beiden Kerle ihn ein bisschen zu auffällig musterten – wie hungrige Hunde ein Schweinekotelett. Der eine war klein und untersetzt und trug eine Wollmütze. Der andere war größer, schlanker, hatte einen dichten Bart und war barhäuptig.

»Habt ihr was zum Qualmen?«, fragte Hillbilly, obwohl er eigentlich nicht rauchte. Aber manchmal, wenn es einem gelang, das Eis zu brechen, konnte einem das viel Ärger ersparen. Der Mann mit der Mütze schüttelte den Kopf und sagte: »Bist noch ganz schön jung, was?«

»So jung auch wieder nicht«, entgegnete Hillbilly.

»Siehst aber jung aus.«

»Habt ihr was zu essen?«, fragte Hillbilly.

»Nur die Fische, die hier rumliegen«, antwortete der Mann mit dem Bart. »Hau nur rein, wenn du die willst.«

»Eher nicht. Habt ihr so was schon mal erlebt? Dass es Fische regnet? Ich hab schon mal gelesen, dass es so was gibt. Das war dieser Zyklon. Der hat irgendwo nen Teich angesaugt und die Fische dann überall hier verteilt.«

Die Männer hatten kein Interesse an Zyklonen oder Fischen. Der Bärtige grinste Hillbilly an. Hillbilly hatte bereits Alligatoren gesehen, die freundlicher grinsten.

»Bist du schon länger unterwegs?«, fragte der Bärtige.

»Ne Weile.«

»Ganz schön einsam, nicht wahr?«

»Ich fühl mich nicht einsam.«

»Wir schon. Nur er und ich. Wir werden da richtig einsam. Männer sollten nicht einsam sein. Das müssen sie auch nicht.«

»Ich bin überhaupt nicht einsam.«

»Wir können dir zeigen, dass du einsam warst und es nicht mal gewusst hast«, sagte der mit der Mütze.

»Mir geht’s prima. Wirklich.«

Der Mann mit der Mütze lachte. »Um dich machen wir uns keine Sorgen. Aber wir sind einsam.«

»Ihr seid doch zu zweit.«

»Immer zu zweit, das wird mit der Zeit fad. Wir wollen jemanden, mit dem wir gemeinsam einsam sein können.«

»So ein Gequatsche mag Gott gar nicht. Habt ihr Jungs schon mal was von Sodom und Gomorra gehört?«

Der Bärtige feixte. »Wen kratzt denn schon irgend so ne Geschichte aus der Bibel? Wenn wir dich erst mal flachgelegt haben, bist du glücklicher, als du dir vorstellen kannst.«

»Leute, lasst mich in Ruhe.«

In dem Moment stemmte sich der mit der Mütze hoch und setzte zum Sprung an.

Hillbilly schwang die Gitarre und knallte sie dem Mann mit solcher Wucht gegen den Schädel, dass der nach hinten flog. Sofort stürzte sich der Bärtige auf ihn. Hillbilly stieß ihn zurück, zog sein Messer aus der Tasche und ließ es aufspringen.

Der mit der Mütze ging wieder auf ihn los, und Hillbilly jagte ihm das Messer unterhalb der Rippen in den Leib. Das Messer drang so leicht ein, als würde man ein Loch in nasses Papier bohren. Der Mann ging auf der Stelle zu Boden, fiel erst auf die Knie, dann auf die Seite.

»Verdammt«, fluchte der Bärtige und schlug Hillbilly aufs Auge. »Du hast Winston verletzt.«

Daraufhin nahm er Hillbilly in den Schwitzkasten und presste ihm die Hände gegen die Seiten. Hillbilly rammte ihm so fest die Stirn gegen die Nase, dass der andere ihn losließ. Dann stieß er ihm das Messer in die Leiste. Der Mann taumelte nach hinten. Wieder stach Hillbilly zu, diesmal von oben.

Der Mann fasste sich an die Kehle und versuchte, etwas zu sagen, aber er brachte keinen Ton heraus. Er plumpste auf den Boden, als hätte man einen Stuhl unter ihm weggezogen. Einen Moment lang blieb er noch aufrecht sitzen, dann rutschte er langsam auf den Rücken. Er umklammerte sein Kinn, als könnte er so die Wunde verschließen.

Hillbilly setzte einen Fuß auf das Gesicht des Mannes und trat mit voller Kraft zu, damit die Wunde richtig blutete. Der Mann wand sich wie eine Schlange, aber das hielt nicht lange an.

»Ich hab euch gesagt, ihr sollt mich in Ruhe lassen«, sagte Hillbilly. Dann putzte er das Messer an der Jacke des Toten ab, steckte es wieder ein und ging zu dem Mann mit der Mütze hinüber. Die Mütze war ihm runtergefallen und lag auf dem Boden des Waggons. Hillbilly nahm sie und setzte sie auf. Dann beugte er sich über den Mann. Er lebte noch, aber im Licht des Halbmonds sahen seine Augen wie Flusskiesel unter tosendem Wildwasser aus.

»Du hast auf mich eingestochen«, sagte der Mann. Seine Stimme klang, als würde sie durch eine Quetschkommode gepresst.

»Ihr hattet ja auch nicht gerade vor, mich zum Picknick einzuladen.«

»Das ist meine Mütze.«

»Jetzt nicht mehr.«

»Wir wollten doch nur ein bisschen Liebe. Da ist doch nichts verkehrt dran.«

»Außer, wenn der andere das nicht will.«

»Ich werd hier krepieren«, sagte der Mann.

»Wahrscheinlich hab ich deine Lunge erwischt. Du hast recht. Du wirst es nicht schaffen.«

»Du Hurensohn.« Bei den Worten floss dem Mann Blut aus dem Mund.

»Damit hast du auch recht.«

»Du gottverdammtes Arschloch.«

»Genau. Und ich glaub, dir bleiben nur noch ein paar Sekunden, um dich damit abzufinden.«

Der Mann zuckte, gab ein Geräusch von sich und schloss sich dann seinem Kumpel an. Gemeinsam traten sie die lange Reise ins Wohin-auch-immer an.

Hillbilly stand auf und betrachtete seine Gitarre. Sie war nur noch Schrott, und mit ihr war auch sein Lebensunterhalt futsch. Hillbilly warf die Überreste aus der Tür, hockte sich hin und dachte nach. Er konnte die Jungs rauswerfen und in der nächsten Stadt aussteigen. Andererseits war es vielleicht besser, in Lindale abzuspringen, wenn der Zug in der Nähe der Konservenfabrik abbremste. Es war ein ziemlich riskanter Sprung, weil der Zug nicht richtig langsam wurde, aber er hatte ihn schon öfter geschafft. Wenn man sich zusammenrollte und möglichst da landete, wo das Gras schön dicht war, dann musste man sich nicht zwangsläufig den Hals brechen. Und er wäre längst auf und davon, bis die beiden gefunden wurden.

Hillbilly sah nach draußen. Überall war nur schwarzer Wald, aber der Kies entlang der Gleise glitzerte im Mondlicht wie Diamanten. Hillbilly durchsuchte die Sachen der Männer und fand eine Süßkartoffel sowie Salz und Pfeffer in kleinen Schachteln. Er steckte alles in seine Umhängetasche und befestigte sie an seinem Gürtel. Lange blieb er in der Tür stehen und stützte sich mit einer seiner zitternden Hände am Rahmen des Waggons ab. Schließlich kamen die Lichter von Lindale in Sicht.

Das da draußen war die Straße der Blechkonserven. Dort hatte er Erbsen eingedost und auch bei deren Ernte mitgeschuftet. Er hatte entlang der ganzen Eisenbahnstrecke gearbeitet, hatte Obst, Baumwolle und Tomaten gepflückt und jeden Job angenommen, aber das Einzige, was ihm wirklich Spaß machte, war Gitarre spielen und singen. Und jetzt war seine Gitarre hinüber, zerschmettert am Schädel eines liebestollen Galgenvogels.

Er warf den beiden noch einen letzten Blick zu. Unter dem Kopf des Manns, dem er die Kehle aufgeschlitzt hatte, schimmerte eine dunkle Pfütze. Es sah aus, als ruhe er auf einem flachen schwarzen Kissen. Der andere lag auf der Seite, die Hände gegen die Wunde gepresst, die Augen weit aufgerissen, als würde er über etwas Wichtiges nachdenken.

Hillbilly hatte einen unangenehm sauren Geschmack im Mund. Er spuckte aus dem Waggon hinaus, und als der Zug sich dem Güterbahnhof von Lindale näherte und die Fahrt verlangsamte, atmete er tief ein und sprang.

Auf seinem Weg durch die Nacht kam Hillbilly in ein Wäldchen, durch das ein Bach floss, und kurz darauf sah er Licht durch die Bäume flackern. Es roch nach Rauch und nach Essen, das auf einem Feuer brutzelte.

Er beugte sich vornüber und schöpfte mit der Hand Wasser aus dem Bach. Dann blieb er eine Zeit lang ruhig sitzen und lauschte. Vom Lagerfeuer her waren Stimmen zu hören, und er beschloss, darauf zuzugehen. Als er näher kam, rief er: »Hallo, Hobos.«

Stille. Dann: »Komm her. Hast du was beizusteuern?«

Hillbilly trat ins Licht. Um das Feuer herum saßen drei Hobos. Über dem Feuer hing an einem Stock eine Dose, in der irgendein Eintopf kochte.

»Ich hab ne Knolle in meiner Tasche«, sagte Hillbilly. Jetzt bereute er, dass er sich keinen der Fische im Eingang des Waggons geschnappt hatte. Er ging noch etwas näher heran und holte die Kartoffel heraus. Die Männer erhoben sich, nur für den Fall, dass er nicht war, wer er zu sein schien.

»Ich hab ein paar gekochte Bohnen beigesteuert, die mir eine Frau geschenkt hat«, sagte einer der Hobos. Er war klein, trug einen alten Filzhut und Klamotten, die so viele Flicken hatten, dass das ursprüngliche Kleidungsstück nicht mehr zu erkennen war. Er war auf einer alten schwarzen, zusammengerollten Jacke gesessen.

»Ich konnte nur meine besten Wünsche beisteuern«, sagte ein fetter farbiger Mann mit Latzhose, der neben dem Feuer gehockt war.

»Ich hatte die Dose«, sagte der dritte. Für einen Wanderarbeiter war er ziemlich gut gekleidet. »Ich habe sie in dem Bach da vorne ausgewaschen. Sie ist noch ziemlich neu, hat also noch keinen Rost angesetzt.«

Hillbilly reichte dem Mann mit der geflickten Kleidung die Kartoffel, und der Mann zog ein Taschenmesser heraus und schnitt sie mitsamt der Pelle in Stücke, die er in die Dose mit dem kochenden Wasser und den Bohnen warf.

»Mit ein paar Wildzwiebeln tät’s besser schmecken«, sagte der Farbige. »Aber in der Dunkelheit finden wir wohl keine.«

»Ich hab auch ein bisschen Salz und Pfeffer dabei«, sagte Hillbilly, öffnete noch einmal die Tasche, die er sich an den Gürtel geschnallt hatte, und holte die beiden kleinen Schachteln mit Salz und Pfeffer heraus. »Tu ein bisschen was davon dran.«

Als das Essen fertig war, holte Hillbilly seine Tasse aus der Tasche, und der Mann mit der geflickten Kleidung goss ihm etwas Suppe hinein. Als Nächstes goss er ein bisschen in die Dose, die der Schwarze dabei hatte, dann in den Metallteller des anderen Manns, und er selbst trank aus der Dose, in der das Essen gekocht hatte.

Während sie so dasaßen und aßen, redeten sie über dies und jenes. Wo man Almosen bekommen konnte, und wer oben an der Straße leichte Beute war. Der mit den Flicken sagte: »Da drüben, in der Nähe von Tyler, wohnt eine Frau, die keinen Mann hat. Wenn du’s ihr besorgst, gibt sie dir was zu essen. Allerdings weiß ich nicht, ob sie mit nem Nigger vögeln würde, Johnny Ray.«

Johnny Ray schüttelte den Kopf. »Mit so was will ich nix zu tun haben. So’n Ärger kann ich nicht brauchen.«

»Wie sieht sie aus?«, fragte der besser gekleidete Mann.

»Wenn man sie genauer ansieht, könnte man sich in einen Stein verwandeln«, antwortete der mit den Flicken. »Und ihre Schamhaare sind völlig grau. Wenn du lange keine Muschi mehr gehabt hast, ist es nicht ganz so übel. Und sie hat was zu essen. Aber küss sie bloß nicht. Ihr Mund schmeckt nach Sünde.«

»Wenn sie so aussieht, käme ich gar nicht erst auf die Idee, sie zu küssen«, sagte der Gutgekleidete. »Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Aber wer weiß, was ich in diesen Zeiten noch alles anstellen würde.«

»Ich brauch unbedingt Arbeit«, sagte Hillbilly. »Und eine Gitarre. Meine ist kaputtgegangen.«

»Du spielst Gitarre?«, fragte der mit den Flicken.

»Darum brauch ich ja unbedingt eine. Ich singe auch. Ohne Gitarre bin ich nur ein halber Mensch. Und ich hab das Gefühl, die übrig gebliebene Hälfte ist nicht meine Bessere.«

»Mann, ich spiele auf den Löffeln«, sagte der mit den Flicken.

»Ich hab ne Maultrommel und ne Mundharmonika«, fügte der Farbige hinzu.

»Da kann ich auch drauf spielen, wenn nichts anderes da ist«, erwiderte Hillbilly. »Aber am liebsten spiel ich Gitarre.«

»Ich kann gar nichts spielen«, ließ sich der Gutangezogene vernehmen. »Ich war mal Lehrer. Könnt ihr euch das vorstellen? Und von all den Dingen, die mir jetzt weiterhelfen würden, weiß ich rein gar nichts. Gottverdammte Wirtschaftskrise. Gottverdammter Hoover.«

»Du hörst einfach zu«, entgegnete der mit den Flicken. »Johnny Ray und ich, wir spielen ziemlich gut zusammen. Wenn ich mit den Löffeln loslege und er mit der Maultrommel oder mit der Mundharmonika dazukommt, dann klingt das gar nicht schlecht. Wär schon prima, wenn du dazu singen würdest. Johnny Ray und ich klingen wie zwei alte quakende Frösche.«

»Ich kann wirklich singen«, versicherte Hillbilly.

»Kennst du ›Red River Valley‹?«

»Fang einfach an, ich steig dann schon ein.«

KAPITEL 4

Petes Vater und ein Farbiger namens Zack Washington brachten Pete zurück. Sie fuhren zu Petes Haus, oder besser gesagt zu dem, was davon noch übrig war, und fanden ihn so, wie Sunset es ihnen beschrieben hatte. Im ersten Moment hatte Zack im fahlen Mondlicht den Eindruck, dort läge ein Schwarzer, aber als sie näherkamen, flog das Schwarze auf ihm mit wütendem Kreischen auf und davon.

Petes Hose war heruntergezogen, der Kopf am Boden, der Hintern im Wind. In der Falte seines Hinterns hing ein Brocken Scheiße, der ihm rausgerutscht war, als Sunset ihn erschossen hatte. Das Blut, das sich über sein ganzes Gesicht bis hinunter in den Mund und auf den Boden verteilt hatte, war inzwischen getrocknet. Zack hielt die Laterne nah an Petes Gesicht und fand, dass er ein wenig überrascht aussah, als hätte er in seinem Frühstücksbrei gerade einen Käfer entdeckt. Ein Auge wirkte überraschter als das andere. Zack hob ihn hoch, wobei das Blut in Petes Gesicht und auf dem Boden ein Geräusch machte, als würde jemand Sandpapier zerreißen.

Sie zogen Pete die Hose hoch und setzten ihn dann im Lastwagen zwischen sich. Mr. Jones hielt Pete aufrecht, während Zack fuhr und sich dabei so gut wie möglich auf die Straße konzentrierte, damit ihn der Geruch von Kot und verwesendem Fleisch nicht überwältigte. Wegen der Hitze war Pete inzwischen eine Beleidigung für jede Nase, obwohl die Fahrt bis Camp Rapture nicht lange dauerte und die Temperatur inzwischen gesunken war. Sie waren noch nicht weit gefahren, da waren die Ameisen, die in Petes Kleidung gekrochen waren, schon zu Zack hinübergekrabbelt und hatten ihn in Handgelenke, Hände und Knöchel gebissen.

Zack hatte nicht von sich aus angeboten, Petes Leiche zu holen, sondern Jones, der von den farbigen Arbeitern Captain genannt wurde, hatte ihn dazu verdonnert. Wäre er nicht mitgegangen, hätte er mit Sicherheit seinen Arbeitsplatz verloren und wieder für einen Apfel und einen Furz Baumwolle pflücken, Unkraut hacken oder Säcke schleppen können, also hatte er nicht lange überlegt.

Insgeheim war Zack froh, dass Pete tot war. Pete hatte ihm mal eins mit der Pistole übergezogen, weil er ihn nicht Mister genannt hatte. Zack hatte den Constable, wie es die Weißen um ihn herum machten, mit Pete angesprochen.

»Vergiss ja nicht, wo dein Platz ist, Nigger«, hatte Pete gesagt, die Pistole herausgezogen und zugeschlagen. Glücklicherweise waren es nur ein paar Hiebe gewesen, anders als bei Drei-Finger-Jack. Wenn er solche Prügel bezogen hätte wie der, könnte er längst die Radieschen von unten betrachten und den Würmern als Nahrung dienen.

Daher fand Zack es verdammt witzig, Mr. Pete so vorzufinden, mit der Hose um die Knöchel, dem blöden Gesichtsausdruck, dem vollgeschissenen Hintern, im Kopf eine Kugel aus seiner eigenen Waffe, abgefeuert von einer kleinen rothaarigen Frau.

Jones und Zack brachten Pete ins Haus und bauten eine der Schranktüren aus, um sie als Bahre zu verwenden. Sie legten sie über zwei Stühle und hoben Petes Leiche hinauf. Zack sprach sein Beileid aus und machte sich aus dem Staub. Mr. Jones sagte weder »Danke« noch »Bitte« noch »Leck mich am Arsch«.

Als ob das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre, kam Karen, Petes Tochter, von ihrem Angelausflug zurück, kurz nachdem Mr. Jones die Leiche hereingebracht hatte. Sie öffnete die Tür mit einem Lächeln und einer Lüge auf den Lippen. Sie war vierzehn, und es war nicht ihre erste Lüge. Nach dem Sturm hatte sie ein paar Fische eingesammelt, um so zu tun, als hätte sie sie gefangen.

Statt mit Freunden angeln zu gehen, war sie mit einem Jungen zusammen gewesen, Jerry Flynn. Sie waren zum Fluss hinuntergegangen, um zu schmusen, aber dann war der Sturm aufgezogen. Statt die Zeit mit Küssen zu verbringen, hatten sie mit dem Gesicht nach unten am Boden gelegen, während der Sturm über sie hinwegtobte.

Sobald der Tornado vorbei war, hatten sie sich sofort auf den Weg nach Hause gemacht, was für Karen in dem Fall das Haus der Jones’ bedeutete, wo sie zu Besuch bei ihren Großeltern war.

Kaum stand Karen im Zimmer, war die Lüge vergessen. Sie sah ihren Vater mit heraushängender Zunge auf der Bahre liegen, das Haar im Gesicht, die Kleidung nass vom Sturm. Das linke Auge wölbte sich vor, als säße jemand in seinem Kopf und würde es aus dem Schädel herausdrücken. Karen ließ die Fische fallen und schrie: »Daddy, Daddy, Daddy.«

Sunsets Lebensgeister waren allmählich wieder erwacht, und sie hatte sich ein Kleid von ihrer Schwiegermutter geborgt, das ihr viel zu groß war. Den Revolver hielt sie immer noch in der Hand. Als sie ihre Tochter schreien hörte, stürzte sie herbei, packte sie und zog sie nach draußen.

Marilyn fragte sich, wohin Sunset und Karen wohl gegangen sein mochten, aber sie war zu schwach und zu traurig, um nachzuschauen. Sie hoffte, es ging ihnen gut da draußen in der Dunkelheit.

Sie wusste, dass ihr Mann froh war über Sunsets Verschwinden. Er hatte damit gedroht, seine Schrotflinte zu holen und ihr die langen Beine unter dem Hintern wegzuschießen, wenn sie ihm das nächste Mal über den Weg lief. Und Marilyn wusste, dass er es wahrmachen und vermutlich auch noch ungestraft davonkommen würde.

Erst in dem Moment fiel ihr neben all den anderen Gedanken, die sie beschäftigten, plötzlich wieder ein, dass sie sich während des Sturms fürchterliche Sorgen um ihre Enkelin gemacht hatte, aber für diese Sorgen war kein Platz mehr gewesen, als Sunset nur mit einem Hemd bekleidet und mit der Waffe in der Hand hereingeplatzt war und gesagt hatte, sie habe Pete umgebracht. Doch jetzt musste sie wieder an Karen denken und auch an Sunset.

All das ging ihr durch den Kopf, während sie schlaflos im Bett lag. Vor ihrem geistigen Auge liefen immer wieder dieselben Szenen ab, vor allem die von ihrem Sohn mit dem kleinen Loch im Kopf. Als sie ihn im Wohnzimmer auf die Bahre gelegt hatten, war sein Kopf auf die Seite gerollt und die plattgedrückte blutige Kugel aus seinem Mund auf den Boden gefallen. Sie sah das Bild immer noch vor sich, hörte immer noch die Kugel zu Boden fallen.

Während sie so dalag, wurde ihr noch etwas anderes klar. Es tat ihr weh, es sich einzugestehen, aber sie wusste, dass es stimmte, und hatte es auch schon ziemlich lange gewusst. Mit Pete hatte es irgendwann so weit kommen müssen.

Pete war genau wie sein Vater. Schon seit Jahren hielt Jones, wie Marilyn ihren Mann nannte, jedes seiner Worte für der Weisheit letzten Schluss, selbst wenn er manchmal nichts als Stuss verzapfte.

Pete war genauso.

Jones hatte ihr mehr als einmal ein blaues Auge verpasst – und dabei war es oft nicht geblieben. Er hatte sie getreten. Geschlagen. Und vergewaltigt. Bis zu diesem Tag war sie überhaupt nicht auf die Idee gekommen, es als Vergewaltigung zu bezeichnen. Sie hatte geglaubt, das sei einfach seine Art, und Ehemänner verhielten sich nun mal so.

Aber jetzt dachte sie über das nach, was Sunset gesagt und getan hatte, und ihr wurde klar, dass sich ein Ehemann nicht so aufführen musste, und wenn er es doch tat, dann war das nicht in Ordnung.

Sie spürte, wie ihr schweißüberströmter Rücken an den Laken festklebte, dachte daran, wie viel angenehmer es auf der Veranda sein musste, und fragte sich, warum sie heute Nacht nicht dort schliefen. Sie setzte sich auf und betrachtete ihren Mann. An diesem Abend hatte er sich nicht auf sie gestürzt, aber das war nur wegen Pete. Nur deswegen hatte er kein Blei mehr in seinem Stift.

Morgen würde er sie wieder schlagen, das wusste sie genau. Würde an ihr auslassen, was mit Pete passiert war. Und irgendwie würde er es so hindrehen, dass alles ihre Schuld war. »Siehst du, wozu du mich getrieben hast?«, sagte er dann immer.

Marilyn stand leise auf, schlich auf nackten Sohlen zur Kommode, nahm aus der Schublade eine große Nadel für die Singer-Nähmaschine, glitt leise ins Wohnzimmer und starrte auf ihren aufgebahrten Sohn.

Sie hatte ihn gewaschen und ihm ein paar Sachen von seinem Vater angezogen, hatte sich sogar dazu überwunden, ihm das Auge in die Höhle zurückzudrücken, ihm die Lider nach unten zu schieben und das Einschussloch mit Kerzenwachs zu verschließen.

Eine Zeit lang stand sie einfach da und sah ihn an. Dann richtete sie ihm das Haar, damit es frisch gekämmt aussah. Anschließend ging sie nach draußen und suchte unter der Veranda nach dem Angelkasten ihres Mannes. Sie zog eine dicke Angelschnur heraus und kehrte wieder ins Haus zurück. Dort fädelte sie rein nach Gefühl im Dunkeln die Schnur in die Nähmaschinennadel ein, ging ins Schlafzimmer, zog äußerst vorsichtig die Decke vom Bett und nähte dann rundum das Laken an der Matratze fest, auf der Jones lag.

Sie arbeitete leise, geduldig und entschlossen. Als sie fertig war, lag Jones fest eingenäht da, nur sein Kopf schaute noch heraus. Sie legte die Nadel zur Seite, verließ das Haus und holte den Rechen.

Der Rechen war immer nur dazu benützt worden, den Boden schön gleichmäßig zu harken, und wenn sie sich das jetzt so überlegte, war das eigentlich völlig blödsinnig. Manchmal rechte sie den Boden, um nicht verrückt zu werden beim ewigen Kreischen der Säge, dem Lärm der Männer und Maultiere und dem Dröhnen der Maschinen, während sie sich schon auf die nächste Tracht Prügel gefasst machte.

Schließlich ging sie wieder ins Schlafzimmer und betrachte Jones wiederum eine Zeit lang. Dann hob sie den Rechen und ließ ihn mit voller Wucht auf seinen Schädel krachen, wobei sie sich vorstellte, sie stünde auf einem Wassermelonenbeet und würde eine Melone zerteilen.

Jones erwachte, schrie, und schon ließ sie den Rechen ein zweites Mal auf ihn hinabsausen. Er drehte den Kopf in ihre Richtung, und wieder schlug sie zu. Diesmal legte sie ihre ganze Kraft in den Schlag. Er versuchte, aus dem Bett zu kommen, war aber zwischen Matratze und Laken gefangen.

»Du hast mich zum letzten Mal geschlagen«, sagte sie.

»Du bist verrückt, Weib.«

»Bis jetzt war ich verrückt.«

Sie verdrosch ihn vom Kopf bis zu den Füßen und hörte erst auf, als sie nicht mehr konnte. Während sie sich ausruhte. stieß er einen Fluch aus, und da legte sie erneut los. Wäre sie kräftiger gewesen, hätte sie ihn umgebracht, aber dafür war sie einfach nicht stark genug, außerdem schlug sie ihn die meiste Zeit nicht auf den Kopf. Vor allem zielte sie auf seinen großen Körper, der bei jedem Treffer ächzte. Das Geräusch der Schläge dröhnte durchs Haus, als würde ein staubiger Teppich ausgeklopft.

Als ihre Hände zum zweiten Mal erlahmten, verließ sie das Schlafzimmer, und als sie zurückkam, hielt sie die doppelläufige Schrotflinte ihres Manns in der Hand.

Jones’ Gesicht war rot. Er blutete aus Ohren und Nase, und das Laken war voller Blut. »Du bist verrückt geworden, Weib«, sagte er. »Bei unserem toten Sohn, du bist verrückt geworden.«

Sie richtete die Schrotflinte auf ihn. »Ich sollte dich erschießen.« Während sie ihn so über den Lauf der Waffe hinweg betrachtete und ihr der Geruch des Waffenöls in die Nase drang, überkam sie das Bedürfnis, einfach abzudrücken.

»Was ist bloß in dich gefahren?«

»Ich habe mich dir hingegeben, und dann haben wir Pete bekommen. Und ich habe zugelassen, dass du ihm beibringst, wie man Frauen behandelt, weil ich zugelassen habe, dass du mich so behandelst. Sunset blieb nichts anderes übrig, als ihn umzubringen.«

»Das ist doch wohl nicht dein Ernst.«

»Sie hat ihn aus genau dem Grund umgebracht, aus dem ich dich längst hätte umbringen sollen. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass du so mit mir umspringst. Vielleicht wäre Pete nicht so geworden, wenn ich nicht zugelassen hätte, dass du mich schlägst.« Sie spannte den Hahn.

»Marilyn, tu jetzt nichts, was du später bereust.«

»Es gibt schon genug, was ich bereue.«

Sie ging aus dem Zimmer und kam mit einem Messer in der einen und der Flinte in der anderen Hand zurück.

»Schatz, sei vorsichtig mit dem Ding.«

»Sag ja nicht Schatz zu mir. Sag das nie wieder.« Mit einer einzigen flinken Bewegung zerschnitt sie das Laken, warf das Messer auf den Boden und zielte weiter mit der Waffe auf ihn. »Steh auf. Zieh deine Sachen an und nimm deine Schuhe und Socken. Und komm ja nicht zurück, außer um deine restliche Kleidung zu holen. Aber nicht heute Abend.«