Kai & Annabell 1: Von dir verzaubert - Veronika Mauel - E-Book
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Beschreibung

**Verliebt und verloren**
Sie gehen schon seit Jahren auf dieselbe Schule und haben noch nie miteinander gesprochen: Annabell, die behütete Arzttochter, und Kai, der jede Nacht mit seiner Gang um die Häuser zieht. Doch was sie voneinander trennt, ist letztendlich, was sie verbindet. Während Annabell ihre wahre Familiengeschichte hinter einer Sonnenbrille versteckt, verbirgt Kai sein Leben hinter einem abgewetzten Punk-Look und einer Null-Bock-Einstellung. Dass ihn gerade die blonde Schulschönheit um Hilfe bitten würde, hätte er sich niemals träumen lassen. So wenig wie Annabell jemals geglaubt hätte, dass sie gerade beim Bad Boy der Stadt Zuflucht finden würde. Wie sehr sie einander brauchen, merken sie jedoch erst, als sich die ganze Welt gegen sie stellt…

//Textauszug:
Aus den Augenwinkeln kann ich verfolgen, wie er erneut aufsteht und auf mich zugeht. Mein Herz beginnt augenblicklich zu galoppieren. Was will er bloß von mir? Verunsichert nage ich an meiner Unterlippe und zucke zusammen, als sich seine Hand auf meine Schulter legt. »Und deine, Prinzesschen?«, murmelt er. »Welche Farbe haben denn deine Augen?« Er legt mir zwei Finger unter das Kinn und hebt es an. »Sind sie von einem kalten Blau? Kalt und eisig wie ein Bergsee?« Ich stehe stocksteif da. »Du meinst wohl, du bist was Besseres, Kleine ... Aber merk dir, Hochmut kommt immer vor dem Fall.« Mein Herz rast, und ich frage mich, was er eigentlich von mir will und was ich ihm getan habe, dass er mich so einschüchtert. Meine Lider flattern und ich bin froh um die Sonnenbrille, die meine Augen vor ihm abschirmen. Ich wette, dass mir jeden Moment die Tränen in die Augen schießen. »Ja, wahrscheinlich ein kaltes Blau, wie die Augen der Schneekönigin«, sagt er leise, und ich sehe erschrocken, wie sich seine andere Hand auf meine Sonnenbrille zubewegt. Blitzschnell fährt mein Arm in die Höhe, doch der Junge ist noch schneller und zieht mir mit einem Ruck die Brille von der Nase. Im gleichen Augenblick fällt ihm buchstäblich das arrogante Grinsen aus dem Gesicht.//

//Alle Bände der romantischen Liebes-Reihe:
-- Kai & Annabell 1: Von dir verzaubert
-- Kai & Annabell 2: Von dir besessen
-- Ben & Helena. Dir für immer verfallen
-- Kai & Annabell: + Ben & Helena (Alle Bände und der Spin-off in einer E-Box)//

Die »Kai & Annabell«-Reihe ist abgeschlossen.

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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2015 Text © Veronika Mauel, 2015 Lektorat: Ulrike Schuldes Umschlagbild: shutterstock.com / © coka Umschlaggestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral

Ein Tag wie viele andere auch, ein Morgen wie Dutzend andere. Ein Haus in einer der vornehmsten Siedlungen dieser Stadt. Die Sonne scheint warm und bricht sich an dem reinen Glas der Fensterscheiben. Die Vögel zwitschern in den Bäumen und der laue Sommerwind lässt die Blätter leise rascheln wie ein sanftes Flötenspiel.

Idylle pur. Wer würde hinter den Fassaden der schmucken Häuser und in den gepflegten Gärten anderes vermuten als grenzenlose Harmonie, friedliches Familienleben und glückliche Kinder?

1. Kapitel

Annabell

Es ist ein Morgen wie viele andere auch, im Haus des renommierten Allgemeinarztes Dr. Manfred Beck – der mein Vater ist.

Wie in Zeitlupe gehe ich in die Knie und ziehe den Rucksack zu mir heran. Mit zittrigen Händen öffne ich den Reißverschluss und spüre den ungeduldigen Blick meines Vaters. Groß und breitschultrig steht er neben mir, er hat sich zu seiner vollen Größe aufgebaut. Dabei kommt er mir wie ein hungriger Löwe vor, stets bereit, die Zähne in seine Beute zu schlagen. Nervös nestele ich an den einzelnen Mappen in meinem Rucksack herum und weiß doch, dass ich es nicht länger hinauszögern kann. Ich weiß ganz genau, wo das steckt, was er sehen will. Ein weißes Blatt, in einer blauen Mappe.

Die Mathearbeit. Schwer wie ein Stein liegt sie in meinem Magen.

Ich hatte auf eine Drei gehofft, eine Vier erwartet und eine Fünf befürchtet. Leider ist die Befürchtung wahr geworden.

Es ist nicht nur eine Note. Es ist wie ein Todesurteil für mich. Hingekritzelt mit signalroter Farbe. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, warum Lehrer sich ausgerechnet die Farbe Rot zur Korrektur ausgesucht haben. Wieso nicht Grün oder Lila?

Rot wie Blut, als würden sie die Klassenarbeiten mit dem Blut der Schüler korrigieren. Ich hasse Rot!

Im Zeitlupentempo ziehe ich die Schulaufgabe aus der blauen Mappe. Im gleichen Moment trifft mich die Hand meines Vaters mit voller Wucht im Gesicht. Mein Kopf fliegt zur Seite und knallt mit der Schläfe hart gegen die Tischkante. Vor meinen Augen tanzen helle Punkte, der Schmerz schießt wie ein Blitz durch meinen Kopf und mir wird augenblicklich übel. Ein Wimmern entschlüpft meinem Mund. Ich presse die Hand auf meine Schläfe und krümme mich nach vorne. Nur mit Mühe kann ich ein Aufschluchzen unterdrücken.

Die Gefahr, ihn dadurch noch mehr zu reizen, ist zu groß. Den Kopf zum Boden gewendet, die langen Haare wie einen schützenden Vorhang vor dem Gesicht, bleibe ich auf dem Boden knien. Ich kämpfe mit den Tränen und versuche krampfhaft den dicken Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Ich höre, wie er heftig atmet und mit energischen Schritten vor mir auf und ab geht. Mein Vater ist völlig außer sich.

»Wie oft muss ich dir das noch sagen! Ich dulde solche Noten nicht. Du machst mich zum Gespött der ganzen Stadt!«, brüllt er. »Sieh bloß zu, dass du das irgendwie wieder ausbügeln kannst, sonst lernst du mich erst richtig kennen.«

Als ich höre, wie die Haustür hinter ihm ins Schloss knallt, verliere ich den Kampf gegen die Tränen. Wie ein heißer Strom laufen sie über meine Wangen.

Vorsichtig hebe ich den Kopf und mein tränenverschleierter Blick sucht den meiner Mutter.

Sie lehnt mit starrer Miene an der Küchenzeile, in den Händen einen Teller und das Geschirrtuch. Sie sieht mir ins Gesicht und schlägt dann die Augen nieder, als könne sie meinem Blick nicht standhalten. Sie dreht sich um, und während sie weiter das Geschirr abtrocknet, murmelt sie leise: »Warum reizt du deinen Vater auch ständig? Du weißt doch, wie wichtig ihm gute Noten und unser Ruf sind! Wieso lernst du nicht mehr?«

Dabei habe ich diesmal so viel gelernt. Täglich mehrere Stunden, bis die Zahlen in meinem Matheheft vor meinen Augen zu tanzen begannen. Ich kapiere diese Aufgaben einfach nicht!

Ich weiß, dass meine Mutter nicht wirklich eine Antwort von mir verlangt. Sie versucht nur das Verhalten meines Vaters zu rechtfertigen.

Ich stütze mich am Stuhl ab und ziehe mich nach oben. Auf wackeligen Knien stakse ich ins Bad und drehe den Schlüssel herum. Sobald ich vor dem Spiegel stehe, verschwimmt alles vor meinen Augen. Meine Schläfe tut immer noch weh. Ich halte mich mit einer Hand am Waschbecken fest, um nicht zu taumeln. Mit der anderen streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht. Mit leerem Blick starre ich in den Spiegel. Meine Schläfe und die Wange leuchten flammend rot und vom Haaransatz bis zum Oberlid ist alles dick geschwollen. Ich kann mein Auge nur noch zur Hälfte öffnen.

Angst packt mich, als mir bewusst wird, dass ich so unmöglich in die Schule gehen kann und dass mein Vater ausflippen wird, wenn er erfährt, dass ich schwänze.

Aber wie soll ich den Lehrern mein Aussehen erklären? Niemals würde ich es wagen, ihnen von meinem Martyrium zu erzählen. Was das für Folgen hätte, will ich mir gar nicht vorstellen. Wahrscheinlich wäre ich danach Dauerpatientin auf der Intensivstation.

Ein vorsichtiges Klopfen holt mich aus meinen düsteren Gedanken. Vor der Tür steht meine Mutter und hält mir die riesige Designer-Sonnenbrille, die ich im letzten Mallorca-Urlaub bekommen habe, und eine Krankschreibung entgegen.

»Sag einfach, dass du eine schlimme Augenentzündung hast und dass du deine Augen deshalb für die nächsten Tage gegen Licht schützen musst. Sport und Schwimmen kommen natürlich nicht in Frage.« Ich sehe im Spiegel, wie ihr Blick den meinen sucht und für kurze Zeit festhält, ehe sie die Augen niederschlägt.

»Streng dich an, Annabell! Wenn du in der nächsten Arbeit eine gute Zensur bekommst, wird er unendlich stolz auf dich sein.« Sie schenkt mir ein schmales Lächeln und deutet auf die Sonnenbrille. »Um dieses Teil werden dich deine Freundinnen heute sicher beneiden.« Mit diesen Worten dreht sie sich um und verlässt den Raum.

»Und frisier dir die Haare ins Gesicht!«, ruft sie noch, ehe sie wie jeden Morgen nach oben geht, um die Betten aufzuschütteln.

Resigniert werfe ich einen Blick auf die Entschuldigung, ausgestellt von meinem Vater. Wie praktisch es doch ist, einen Arzt in der Familie zu haben, denke ich voller Bitterkeit und schnaube verächtlich. Die Formulare für eine Krankschreibung liegen im obersten Regal in der Küche und es ist nicht das erste Mal, dass ich der Schule eine vorlegen muss.

Ich hole tief Luft, stopfe die Entschuldigung in meinen Rucksack und verlasse ohne ein Wort des Abschieds das Haus. Es ist erst kurz nach sieben, als ich den Weg zur Bushaltestelle einschlage. Es bleibt mir noch über eine halbe Stunde, bis der Bus abfährt, und der Weg dorthin ist kurz. Heiß sticht die Julisonne vom Himmel, worüber ich sehr dankbar bin. Zumindest mache ich mich hier draußen mit der übergroßen Sonnenbrille nicht lächerlich.

Bei jedem Schritt pocht der Schmerz in meinem Kopf aufs Neue. Ab und an streicht mir der warme Sommerwind übers Gesicht, fast als wolle er mich trösten und meine Verletzung vorsichtig kühlen.

Nur noch wenige Meter, dann kann ich mich auf die kleine Holzbank setzen und ein wenig entspannen, durchatmen und einen einigermaßen klaren Kopf bekommen, bevor meine Freundinnen eintreffen. Ich werde ihnen fröhlich lächelnd entgegensehen, plaudern und mit ihnen Witze reißen. Ich werde das brave Arzttöchterchen sein, wie es von mir erwartet wird. Niemand wird einen Blick hinter meine sorgfältig aufgebaute Fassade erhaschen. Ich schäme mich abgrundtief für das, was mir zu Hause widerfährt. Das Einzige, was ich bei einem Geständnis von meinen Freundinnen ernten würde, wäre Bedauern, und auf das kann ich gerne verzichten. Außerdem ist die Angst, dass mein Geheimnis die Runde macht und mein Vater davon erfährt, grenzenlos. Für meine Freundinnen bin ich das adrette Arzttöchterchen, dessen Leben makellos ist, und genau so soll es auch bleiben.

Die letzten Meter, die letzte Biegung. Und ich will gerade erleichtert aufatmen, als ich wie erstarrt stehenbleibe. »Meine« Bank ist bereits besetzt. Ein Junge, den ich schon manchmal auf dem Pausenhof gesehen habe, lümmelt gemütlich darauf. Eine Kippe in der einen, eine Bierflasche in der anderen Hand – und das morgens, um Viertel nach sieben!

Ich schaue unsicher in seine Richtung und bleibe unschlüssig stehen. Der Typ wirkt düster, wie von einer dunklen Aura umgeben. Er sieht ungepflegt aus, als hätte er die letzten Nächte in seiner speckigen Lederjacke, den Springerstiefeln und der zerschlissenen Jeans verbracht. Unter seinen schwarzen langen Haaren, die ihm strähnig ins Gesicht fallen, blitzen seine Augen, als wäre er auf Ärger aus.

Ich blicke scheu zu Boden und starre auf die Spitzen meiner weißen Designerschläppchen, die hervorragend mit meinem dezent ausgeschnittenen Top und der hellen Jeans harmonieren.

Mein Vater legt ungemeinen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Es soll alles perfekt in das Bild passen, das jedem sofort durch den Kopf schießt, der an eine Arztfamilie denkt. Die adrett gekleidete Tochter, die perfekt gestylte Ehefrau, die nicht nur optisch besticht, sondern auch noch einen hohen Grad an Intelligenz vorweisen kann, und ein imposantes Haus mit akribisch gepflegtem Garten. Nur meine schulischen Leistungen, seine Wutanfälle und Ausraster und meine Misshandlungen passen nicht zu der Vorzeigefamilie, die sie nach außen hin zu sein scheint.

»Na, auf der Suche nach einer Staubflocke?« Eine tiefe Stimme holt mich aus meinen Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.

Zögernd hebe ich den Kopf. Der Junge auf der Bank grinst mich herausfordernd an.

»W…w…was?«, stottere ich und spüre, dass eine feine Röte meine Wangen überzieht.

»Staub! Schon mal von gehört? Sammelbezeichnung für allerfeinste feste Teilchen. Staubflocken oder Staubflusen bestehen meist aus organischem oder anorganischem Material.«

»Hä?« Ich zucke die Schultern. Worauf will der Kerl eigentlich hinaus?

Mit scheinbar geübter Lässigkeit schnippt der Junge die Kippe weg, stellt die Bierflasche zur Seite, steht auf und schlendert betont locker auf mich zu.

Direkt vor mir bleibt er stehen und mustert mich mit solch unverhohlener Offenheit, dass ich mich unter seinem Blick förmlich winde und vorsichtig zurückweiche.

»Pennst du noch oder bist du immer so schwer von Begriff? Ich habe gefragt, ob du wohl ein Staubflöckchen auf deinen Hundert-Euro-Tretern gefunden hast.«

Wenn der Kerl meint, mich dumm anmachen zu können, hat er sich geschnitten.

Ich blicke wieder nach unten, hebe einen Fuß nach dem anderen, drehe und wende ihn und sehe mir meine Schuhe ganz genau an.

»Nein, sie sind absolut sauber«, stelle ich achselzuckend fest. »Woher weißt du eigentlich, wie viel sie gekostet haben? Interessierst du dich etwa für Schuhe?«

Der Kerl vor mir presst jetzt verärgert die Lippen aufeinander und runzelt die Stirn. Er tritt noch einen Schritt näher, so dass sein Gesicht unmittelbar vor meinem schwebt.

»Sag mal, bist du dämlich, oder was?«, zischt er. Sein heißer Atem weht mir um die Nase, und ich wundere mich, warum er gar nicht nach Alkohol stinkt. Immerhin steht die Bierflasche als Indiz seines frühmorgendlichen Alkoholkonsums nach wie vor auf der Holzbank.

Seine Worte legen bei mir einen Schalter um. Es reicht schon, zu Hause niedergemacht zu werden. Wörter wie dämlich, blöd oder minderbemittelt verwendet mein Vater ständig, wenn er mit mir redet. Das muss ich mir außerhalb unseres Hauses nicht auch noch geben.

Ich balle die Hände zu Fäusten. »Ich bin nicht dämlich! Aber du anscheinend!«, stoße ich wütend hervor. Mein Herz klopft heftig.

Dem Jungen schnellen vor Verblüffung die Augenbrauen in die Höhe.

»Heißt das, du hast mich eben verarscht?«, fragt er lauernd.

Ich verdrehe die Augen. »Du glaubst doch nicht wirklich, ich hätte angenommen, dass sich jemand wie du für Schuhe interessiert!«

Die Brauen des Jungen ziehen sich zu einem einzigen bedrohlichen Balken zusammen. Mit zusammengekniffenen Augen steht er vor mir.

»Pass auf, was du sagst, Prinzesschen! Pass verdammt noch mal auf!«, zischt er schlangengleich.

Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass ich den finsteren Kerl vor mir überhaupt nicht einschätzen kann, wispere ich ein leises »Sorry«.

Der Junge nickt zufrieden, dreht sich um und geht zurück zur Bank. An Lässigkeit nicht zu überbieten, fläzt er sich wieder hin, lässt mich jedoch nicht aus den Augen.

Ich nestele nervös an der abstehenden Nagelhaut meines Zeigefingers herum. Immer wieder schiele ich unsicher in seine Richtung und wünsche mir sehnsüchtig meine plappernden Freundinnen herbei, die es heute absolut nicht eilig zu haben scheinen.

»Hast dich wohl in meine grünen Augen verliebt, weil du ständig rüberglotzt?«

Mein Blick zuckt in seine Richtung. Der Junge hat es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, mich zu provozieren. Erneut werde ich knallrot. Arschloch!

»Ich guck doch gar nicht.«

»Klar, und ich bin der heilige Nikolaus!«

Der Typ geht mir so was von auf die Nerven.

»Außerdem sind deine Augen nicht grün, sondern eher schlammfarben«, füge ich schnippisch hinzu. Aber kaum sind mir diese Worte über die Lippen gerutscht, hätte ich mich furchtbar gerne geohrfeigt. Wie doof bin ich eigentlich? Warum lasse ich ihn nicht einfach links liegen? Am liebsten hätte ich dem Kerl sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht geschlagen.

»Ach, lass mich doch in Ruhe«, murmele ich stattdessen und sehe demonstrativ zur Seite.

Aus den Augenwinkeln kann ich verfolgen, wie er erneut aufsteht und auf mich zugeht. Mein Herz beginnt augenblicklich zu galoppieren. Was will er bloß von mir?

Verunsichert nage ich an meiner Unterlippe und zucke zusammen, als sich seine Hand auf meine Schulter legt.

»Und deine, Prinzesschen?«, murmelt er. »Welche Farbe haben denn deine Augen?«

Er legt mir zwei Finger unter das Kinn und hebt es an.

»Sind sie von einem kalten Blau? Kalt und eisig wie ein Bergsee?«

Ich stehe stocksteif da. Der Kerl macht mir mittlerweile Angst.

»Du meinst wohl, du bist was Besseres, Kleine … Aber merk dir, Hochmut kommt immer vor dem Fall.«

Mein Herz rast und ich frage mich, was er eigentlich von mir will und was ich ihm getan habe, dass er mich so einschüchtert. Meine Lider flattern und ich bin froh um die Sonnenbrille, die meine Augen vor ihm abschirmt. Ich wette, dass mir jeden Moment die Tränen in die Augen schießen.

»Ja, wahrscheinlich ein kaltes Blau, wie die Augen der Schneekönigin«, sagt er leise und ich sehe erschrocken, wie sich seine andere Hand auf meine Sonnenbrille zubewegt.

Blitzschnell fährt mein Arm in die Höhe, doch der Junge ist noch schneller und zieht mir mit einem Ruck die Brille von der Nase.

Im gleichen Augenblick fällt ihm buchstäblich das arrogante Grinsen aus dem Gesicht und er keucht laut vor Überraschung. Seine Mimik ist ein einziges Fragezeichen.

Peinlich berührt schlage ich die Augen nieder und stehe wie angewurzelt da. Meine Gedanken überschlagen sich. Fieberhaft suche ich nach einer Ausrede.

Ich zucke zusammen, als ich die Hand des Jungen, leicht wie den Flügelschlag eines Schmetterlings, an meiner Wange spüre.

»Was ist passiert?«, flüstert er besorgt.

Was soll ich ihm erzählen? In welche Ausreden könnte ich mich flüchten?

In diesem Augenblick durchschneidet Gekicher und Gekreische die morgendliche Stille. Mein Kopf schnellt nach oben. Wenige Meter entfernt sehe ich meine drei Freundinnen, die kichernd und albernd auf die Bushaltestelle zukommen.

Ihre Ankunft verleiht mir Mut und die Kraft, mich aus der unangenehmen Situation zu befreien.

»Nimm deine dreckigen Pfoten von mir!«, fauche ich und reiße dem Jungen die Sonnenbrille aus der Hand, schiebe sie mir auf die Nase und renne auf das Dreiergespann zu.

»Hey, da seid ihr ja endlich!«, rufe ich in einem übertrieben gut gelaunten Tonfall und lasse mich von meinen Freundinnen umringen.

»Na, Bella, alles fit?«, begrüßt mich Luise und umarmt mich kurz.

Ich lehne mich dankbar an meine beste Freundin.

»Sag mal, was wollte der denn von dir?«, fragt Luise und nickt mit dem Kinn in Richtung des Jungen, der wieder neben der Bank steht.

Ich wende langsam den Kopf und sehe noch einmal zu ihm hin. Der Kerl mustert mich so unverschämt, dass es fast einer Belästigung nahekommt. Trotzdem bilde ich mir ein, dass die Arroganz aus seinem Blick verschwunden ist. Jetzt liegt ein anderer Ausdruck auf seinem Gesicht.

Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mitleid! Er betrachtet mich eindeutig mitleidig.

Und genau das kann ich so gar nicht gebrauchen. Es wird mir in meiner Lage eher schaden, als nutzen. Nicht auszudenken, wenn er mich vor meinen Klassenkameradinnen auf mein entstelltes Gesicht anspricht.

Und um genau dem vorzubeugen, antworte ich Luise mit lauter Stimme: »Dieser hässliche Freak hat versucht mich anzugraben.«

Ich lache und gebe mir Mühe, es besonders gehässig klingen zu lassen. »Aber wer glaubt der denn, wer er ist?«

Luise und der Rest der Mädchen stimmen ein albernes Gelächter an und damit scheint die Sache für sie erledigt.

Evas neustes Smartphone liefert weitaus interessanteren Gesprächsstoff als ein heruntergekommener Kerl, der an der Straße steht. Ich heuchele eifriges Interesse und lasse mir von ihr die Menüführung des brandaktuellen Geräts erklären. Evas Schickimicki-Getue geht mir oft gehörig auf die Nerven. Das Anwaltstöchterchen protzt ständig mit den neuesten In-Geräten und ihren Designerklamotten. Ich vermute, dass Eva täglich mehr Zeit vor dem Spiegel verbringt als der Rest der Menschheit in einer ganzen Woche. Auch heute fällt ihr kinnlanger, brauner Bob aalglatt und perfekt frisiert. Sie hat jeder auch noch so kleinsten Locke den Garaus gemacht. Doch an diesem Morgen danke ich Eva insgeheim für ihr niemals versiegendes Plappermaul. Es lenkt meine tristen Gedanken in eine andere Richtung. Weg von meinen Eltern, von der nach wie vor pochenden Schläfe und dem aufdringlichen Frühaufsteher.

Ich hebe den Kopf. Die Haltestelle füllt sich zusehends mit verschlafenen, lachenden, großen und kleinen Schülern. Ich werfe einen Blick auf meine hellblaue Ice Watch und frage mich gerade, wo der Bus bleibt, als dieser mit quietschenden Reifen in die Haltestelle einfährt. Ich erkämpfe mir in dem völlig überfüllten Bus einen Stehplatz neben Luise, der es auf unerklärliche Weise gelungen ist, einen Sitz zu ergattern.

»Also, als hässlich würde ich den Vogel jedenfalls nicht bezeichnen«, sagt Luise und rempelt mich mit dem Ellbogen sanft in die Seite.

»Hä? Was? Welchen Vogel?«

»Na, den Vogel!« Luise nickt den Gang hinunter. Unwillkürlich blicke ich in die gleiche Richtung.

Mr. Dunkel & Gefährlich schiebt sich, auf dem Weg in den hinteren Teil des Busses, langsam durchs Gedränge.

Sein Pony fällt ihm dabei über die Augen und ich frage mich, wie er überhaupt noch etwas sehen kann.

Mit den langen, dunklen Haaren und der schwarzen Lederjacke wirkt er wie einer der gefallenen Engel aus den Fantasybüchern, die ich so gerne lese.

Mein Blick gleitet gerade von seinen Lippen über die markanten Wangenknochen, als er sich plötzlich mit einer lässigen Bewegung die Haare aus dem Gesicht wirft und mir direkt in die Augen sieht.

Ich spüre sofort, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

Hastig wende ich mich wieder Luise zu und sage mit fester Stimme: »Ich weiß nicht, was du meinst. Ich finde ihn jedenfalls widerlich.«

Luise zuckt mit den Schultern. »Na ja, ich würde den Bad Boy jedenfalls nicht von der Bettkante stoßen.«

In diesem Augenblick hat er unsere Sitzreihe erreicht und ich bete, dass er Luises letzten Satz nicht gehört und nicht gemerkt hat, dass er damit gemeint war.

Sachte schiebt sich sein Körper an meinem vorbei, und obwohl mehrere Lagen Kleidung seine Haut von meiner trennen, stellen sich die feinen Härchen auf meinen Armen auf und ich fröstele leicht.

Idiot, Idiot, Idiot.

»Deine Sonnenbrille ist einfach wow!«, sagt Luise da plötzlich interessiert. »Kann ich die mal aufsetzen?«

Ich schrecke auf. Unwillkürlich zuckt meine Hand zur Brille und ich weiche ein Stück zurück, soweit das in dem völlig überfüllten Bus möglich ist.

»N…n…nein«, stottere ich. »Das g…geht nicht. Meine Augen … Infektion.«

Ich suche krampfhaft nach weiteren Ausflüchten, doch Luise hebt beschwichtigend die Hände.

»Schon gut, nicht dass ich mir mit dem Teil noch Bakterien in meine Strahleaugen hole.« Luise grinst anzüglich und fährt sich betont langsam durch ihre langen, braunen Haare. »Ich brauche meine Äuglein am Samstag schließlich noch zum Flirten.«

»Am Samstag?«

Luise stößt die Luft aus.

»Sag mal, was geht denn mit dir heute? Samstag, Party, Ben … klingelt's?«

»Ach ja, sorry.«

Luise verdreht die Augen. »Ich glaub, du solltest erst mal richtig wach werden!« Mit diesen Worten zieht sie ihr Smartphone aus der Tasche, schießt ein grinsendes Selfie und postet es auf ihrer Facebook-Seite. Anschließend scrollt sie sich durch die aktuellen Beiträge.

Den Rest der Busfahrt begnüge ich mich damit, abwesend auf Luises Handy zu starren. Wenigstens kann ich so den Blick des Jungen hinter mir ignorieren, der sich förmlich in meinen Rücken brennt.

Kai

Warum kann ich meinen beschissenen Blick nicht von der Kleinen abwenden? Sie ist eindeutig ein reiches, schnöseliges Püppchen. Eigentlich so gar nicht mein Geschmack. Doch irgendetwas reizt mich an ihr und das ärgert mich, vor allem, da mir klar ist, dass sie mich ohnehin für einen hässlichen Freak hält. Das hat sie jedenfalls deutlich zu ihrer Freundin gesagt.

Ich starre aus dem Fenster und versuche mich auf andere Gedanken zu bringen, was leider nicht so recht klappen will. Woher hat sie diese Verletzung im Gesicht? Wenn ich sie mir so anschaue, kann ich mir kaum vorstellen, dass sie in ihrer Freizeit Kickboxen betreibt oder dass sie sich mit ihren Freundinnen prügelt. Mädchen wie sie stehen eher auf … Klamotten und … Klamotten und … vielleicht noch Klamotten? Der Horizont dieser reichen Schnepfen reicht meistens nur von ihrem Kleiderschrank bis zum Badezimmerspiegel und wieder zurück. Also wer zum Geier hat sie so zugerichtet? Ich beschließe, ihr kleines, dreckiges Geheimnis aufzudecken. Natürlich nur aus dem einen Grund. Mir gefällt es, so eine Möchtegerntussi vorzuführen.

Stöhnend lehne ich meinen Kopf an eine der Haltestangen. Ich bin todmüde. Es war eine lange Nacht. Erst in den frühen Morgenstunden bin ich mit meinen Jungs zurück zum Treffpunkt gekommen. Beim Bruch in diese Bonzenvilla am Stadtrand haben wir gründlich abgesahnt. Die anschließende Party im Abbruchhaus, unserem geheimen Gangquartier, war der Hammer. Ich habe keine Ahnung mehr, wie oft ich es mit Lil getrieben habe. Die anderen haben sich volllaufen lassen. Genau das Richtige nach unserer nächtlichen Aktion. Damit ich nicht als verfickter Loser dastehe, hab ich mir auch eine Bierflasche geschnappt und den Inhalt dann heimlich gegen Wasser getauscht. Immerhin brauche ich für die Schule einen klaren Kopf. Die Schule und die Gang sind die einzige Zuflucht in meinem ansonsten so abgefuckten Leben. Ich hoffe, ich überstehe den heutigen Tag, ohne einzupennen.

Mein Blick fällt erneut auf die seidigen blonden Haare der kleinen Schickimicki-Braut. Sie sehen so weich und glänzend aus. Wie sie sich wohl in meiner Hand anfühlen würden? Fuck! Wüsste ich nicht, dass ich nur Wasser getrunken habe, würde ich denken, ich wäre besoffen und würde vor mich hin fantasieren. Aber vielleicht kann ich einfach vor lauter Müdigkeit nicht mehr klar denken.

2. Kapitel

Annabell

Kaum erreicht der Bus die Schule und lässt die Türen aufschnappen, springe ich schon aus dem Fahrzeug, rücke prüfend die Sonnenbrille zurecht und halte erwartungsvoll nach Luise Ausschau.

»Erst siehst du so aus, als ob du noch halb pennen würdest, und dann kannst du gar nicht schnell genug in die Schule kommen.«

Ich grinse. »Mir war es nur zu eng da drin.«

Und ich will aus seinem Blickfeld verschwinden, bevor er einen blöden Spruch wegen meiner Verletzung loslässt. Ungeduldig ziehe ich Luise am Ärmel.

»Komm schon. Ich will endlich rein. Hier draußen ist es viel zu heiß.«

Luise schüttelt meine Hand ab. »Jetzt lass mich doch wenigstens mein Handy noch in den Rucksack packen.«

Entnervt warte ich, bis meine Freundin den Reißverschluss wieder zuzieht, als der Bus auch schon Mr. Lederjacke vor der Schule ausspuckt.

Ich werde immer hektischer und weiß selbst nicht, warum.

»Komm jetzt! Ich krieg hier gleich 'nen Hitzekoller!«

Luise runzelt die Brauen. »Sag mal, stehst du unter Drogen oder was? So heiß ist es jetzt auch wieder nicht.« Sie scannt mich misstrauisch von oben bis unten. »Aber wenn das Zeug, das du genommen hast, einem auch beim Denken hilft, dann kannst du mir gerne was davon abgeben. Ich weiß nämlich nicht, wie ich diese Englischarbeit heute durchstehen soll.«

Ich tippe mir an die Stirn. Eher wird ein Löwe zum Vegetarier, als dass Luise sich Drogen reinpfeift.

»Du hast doch einen Knall!«

»Mich wundert bloß, wie so einer es überhaupt aufs Gym geschafft hat«, wirft Luise ein und deutet auf den Jungen mit der schwarzen Lederjacke, der jetzt vor uns die Treppe zur Eingangstür hinaufgeht.

»Sag mal, was hast du andauernd mit diesem blöden Typen? Das nervt langsam!« Ich werfe mir den Rucksack auf die Schulter und stapfe energisch davon.

Nach wenigen Metern holt Luise mich ein.

»Ich würde echt gerne wissen, was mit dir heute abgeht. Ist doch verwunderlich, wieso jemand, der so aussieht, aufs Gym geht, oder etwa nicht?«, sagt sie kopfschüttelnd.

Ich stoße gereizt die Luft aus. »Der Kerl geht schon ewig hier zur Schule und bis jetzt hat er dich nie interessiert. Wahrscheinlich hat er am PC sein Zeugnis gefälscht oder er hat dem Rektor damit gedroht, seine schwarzen Teufelsbrüder auf ihn zu hetzen, wenn er ihn nicht aufnimmt.« Ich ernte einen verständnislosen Blick.

»Was denn? Du hast doch eben selbst gesagt, dass er nicht so aussieht, als ob er hierhergehören würde.«

»Ja, aber …«

»Mensch, Lui, können wir jetzt endlich aufhören, über diesen dämlichen Kerl zu reden?«

Es ist unübersehbar, dass Luise die nächste Frage unter den Nägeln brennt. Doch schließlich ringt sie sich ein halbes Lächeln ab und nickt.

»Danke.« Ich seufze erleichtert.

»Du, sag mal«, frage ich, als ich wenig später eingehakt am Arm meiner Freundin zum Klassenzimmer trödele. »Kann ich in Englisch bei dir abschreiben? Ich habe wirklich gelernt, aber diese blöden Vokabeln … ich kann sie mir einfach nicht merken. Und dann auch noch die Grammatik … Das ist doch alles zum Kotzen!«

Ich stecke mir den Finger in den Mund und tue so, als müsse ich würgen.

Luise zuckt die Schultern. »Von mir aus. In Grammatik bin ich auch nicht so fit, aber die Vokabeln hab ich einigermaßen drauf.«

Ich nehme meine Freundin in die Arme und drücke sie. »Was würde ich nur ohne dich machen!«

»Schon gut«, brummt Luise gutmütig.

Im Klassenzimmer lege ich dem Schmidt unaufgefordert die Entschuldigung vor. Der Lehrer akzeptiert sie wortlos, was mich fast ein wenig wundert. Die dummen Kommentare meiner Mitschüler, ob ich wohl zum Vampir mutiert sei, weil ich in geschlossenen Gebäuden eine Sonnenbrille tragen müsse, bringe ich mit der Schilderung meines vorgetäuschten Krankheitsbildes zum Verstummen.

Die ersten beiden Schulstunden verlaufen im alltäglichen Trott.

»Lass uns draußen in die Sonne setzen, ich muss noch etwas für meinen Teint tun«, schlägt Luise zu Pausenbeginn vor, und ich habe dem nichts entgegenzusetzen.

Wir lassen uns auf einer Bank nieder und Luise streckt ihr Gesicht der Sonne entgegen. Ich schlage das Englischheft auf und versuche krampfhaft, mir noch die eine oder andere Vokabel einzubläuen. Doch als kurz darauf die schwatzhafte Eva samt ihrem Anhang Charlotte hinzukommt, lasse ich das Heft kampflos sinken. Bei Evas Gegiggel ist es selbst dem größten Streber nicht möglich, sich auch nur das kleinste bisschen zu merken.

»Die Party bei Ben wird der Hammer!«, ruft Eva aufgeregt.

»Aber ich weiß noch gar nicht, was ich anziehen soll.« Charlotte zieht einen Flunsch.

»Wie wäre es mit einer Shoppingtour morgen Nachmittag?« Charlotte wendet sich an Luise und mich. »Kommt ihr auch mit?«

Während Luise begeistert nickt, schüttele ich den Kopf.

»Hä? Wieso denn nicht?«

»Ich hab eine Entzündung an den Augen. Das brennt ziemlich. Ich bin froh, wenn ich nicht in die Sonne muss.«

Wie könnte ich, ohne die Brille abzunehmen, zig Kleider anprobieren? Ein Ding der Unmöglichkeit.

»Wie ist das denn passiert?«, fragt Charlotte neugierig.

Nachdem ich die Lüge von heute Morgen noch einmal für Eva und Charlotte wiederholt habe, wird die weitere Planung des morgigen Nachmittages ohne mich besprochen.

»Ich hole mir mal eben was zu trinken«, murmele ich und stehe auf. Da ich bei der Shoppingtour sowieso nicht mit von der Partie sein kann, langweilt mich das Gespräch über Kleider, Täschchen und Schuhe plötzlich zu Tode.

Ich ziehe eine Flasche Wasser aus dem Getränkeautomaten im Schulflur und lehne mich gegen das Gerät. Das kalte Metall des Automaten kühlt meine von der Sonne aufgeheizte Haut. Meine Gedanken kreisen um die Party am Wochenende.

Mein Vater wird darauf bestehen, dass ich mit auf diese Party gehe. Immerhin ist es die Gelegenheit, seine perfekte Familie vorzuführen. Bens Vater, Chefarzt in der städtischen Klinik, gibt jedes Jahr um diese Zeit eine Sommerparty. Diese Feiern sind legendär. Alles was Rang und Namen hat, versammelt sich dort.

Dabei laufen die Partys stets nach dem gleichen Schema ab. Anfangs Smalltalk, danach das reichhaltige Buffet mit Speisen, deren Geschmack zweitrangig ist, Hauptsache teuer und edel. Und im Anschluss spielt eine Musikband und lädt die Erwachsenen zum Tanzen ein. Die Kids vergnügen sich einstweilen im hinteren Bereich des Gartens am Lagerfeuer oder im Pool.

Bens Party ist stets eines der Sommer-Highlights für mich. Doch wenn ich daran denke, mich mit Sonnenbrille im dunklen Garten amüsieren zu müssen, wird mir schlecht.

Ich werde entweder halb blind durch die Gegend torkeln oder mich darauf beschränken müssen, den Abend einsam an einem Tisch in irgendeiner finsteren Ecke zu verbringen. Tolle Aussichten! Doch es bleibt mir gar nichts anderes übrig: Ich muss mitgehen, denn mein Vater bestimmt und ich habe zu gehorchen.

Ein energisches Räuspern rüttelt mich auf.

Ich zucke zusammen und stoße mich vom Getränkeautomaten ab. Vor mir steht niemand anderes als Mr. Lederjacke.

»Was willst du?«, fahre ich ihn an und umklammere die Wasserflasche wie eine Rettungsboje.

»Willst du eigentlich den ganzen Tag mit der Sonnenbrille herumlaufen?«

»Geht's dich was an?«, fauche ich.

Unbeeindruckt von meiner Biestigkeit fährt er fort: »Hast du die sogar im Unterricht getragen?«

»Stört's dich, oder was?« Ich will nicht mit ihm reden. Zu groß ist meine Angst, dass er die Wahrheit ans Licht bringt.

Er lächelt. »Nein, ich denke bloß, dass du sehr gut im Erfinden von Geschichten sein musst, wenn du damit durchgekommen bist.«

»Ich hatte ein Attest!« Im selben Moment hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen.

»Ein Attest?« Der Junge zieht die Augenbrauen in die Höhe.

»Willst du mir erzählen, dass dir ein Arzt ein Attest ausgestellt hat, damit du die Brille im Unterricht auflassen kannst und niemand sieht, dass dich jemand verdroschen hat?« Er kommt näher. Sein Gesicht schwebt gefährlich nahe vor meinem.

Ich halte unwillkürlich die Luft an.

»Sag mal, willst du mich wieder verarschen?«

Seine körperliche Nähe gibt mir das Gefühl, ersticken zu müssen. Ich stemme ihm die Hände gegen den Brustkorb und schiebe ihn von mir weg. Ich will nichts mit ihm zu tun haben.

»Mein Vater ist Arzt und er hat mir das Attest ausgestellt. Zufrieden?«

Mit diesen Worten lasse ich ihn stehen und renne zurück ins Klassenzimmer, wo die Englischschulaufgabe schon auf mich wartet wie der Henker auf einen Verurteilten.

Ich rücke den Stuhl neben Luise zurecht und schiebe unauffällig die Schultasche, die als Blickschutz dienen soll, ein Stück nach vorne, so dass eine kleine Lücke entsteht. Gerade groß genug, um einen Blick auf das Blatt meiner Freundin zu erhaschen.

»Annabell, wärst du bitte so freundlich, dich nach vorne zu setzen? Vitus ist heute krank und sein Tisch ist ganz frei. Dann haben Luise und du mehr Platz.«

Mir kommt die Galle hoch. Diese blöde Kuh! Als ob wir nicht genug Platz gehabt hätten!

»Aber gerne, Frau Lang.«

»So, die Stifte gezückt und los geht's! Viel Glück euch allen!«

Von wegen Glück, die freut sich doch, wenn sie uns eins reinwürgen kann.

Ich schlage die erste Seite auf und lese den Text, den wir übersetzen sollen. Den kann ich mir noch mit etwas Fantasie zusammenreimen. Doch bei der nächsten Aufgabe versage ich bereits bei der Fragestellung.

»Replace the participles using an adverbial phrase!«

Participles, participles … Was zum Teufel noch mal waren participles?

Ich raufe mir die Haare, kaue den Kugelschreiber hinten kaputt und schicke meine Fingernägel ins Jenseits. Doch es hilft alles nichts. Mein Gehirn ist wie leer gefegt. Eine Wüste, eine verdammte Sahara.

Der Gong läutet zum Ende der Stunde und Frau Lang sammelt gnadenlos sämtliche Tests ein.

»Na, Annabell, ich hoffe, dieses Mal sieht es besser für dich aus«, sagt sie, während sie mir das Papier wegzieht. Um ihren Mund zuckt es.

Ich beiße die Zähne zusammen.

Irgendwann, irgendwann werde ich dich … Du doofe, hinterhältige Kuh!

Luise tritt an meinen Tisch und legt mir die Hand auf die Schulter. »Na, wie war's? Ich hätte Schlimmeres erwartet«, sagt sie und lächelt.

»Schlimmeres? Bist du Einstein oder was?«

Luise streicht mir beruhigend über den Rücken. »So schlecht gelaufen?«

»Lass uns bitte von was anderem reden, ja?«

Schwer wie ein Sack Zement lastet die Englischschulaufgabe auf mir, als ob sie darauf wartete, mich jeden Moment in die Tiefe zu ziehen.

Kai

Als die Schule zu Ende ist, wandern meine Augen suchend durch die Menge der Schüler, die aus dem Schulgebäude strömen. Als mir bewusst wird, nach was, oder besser gesagt, nach wem ich Ausschau halte, stoße ich lautlose Flüche aus. Ich weiß, verdammt noch mal nicht, was da auf einmal mit mir abgeht. Wahrscheinlich habe ich einfach Samenstau oder so.

Ich steige in den Bus, ziehe mein Handy aus der Tasche und texte Lil, ob sie Bock auf mich hat. Lil sendet mir umgehend das Bildchen »Daumen hoch« und ich muss grinsen. Lil hat immer Bock auf mich. Sie steht auf mich.

Ich merke, wie mich die Müdigkeit übermannt und mir immer wieder die Augen zufallen. Es war eine beschissen lange Nacht und Lil und ich haben fast durchgehend Hochleistungssport betrieben.

Nur mit größter Mühe überstehe ich diese Busfahrt in einem halbwegs wachen Zustand. Als ich an der Haltestelle aus dem Bus taumle, beschließe ich, dass Lil noch ein wenig warten muss. Ich bin so fertig, dass ich mich erst mal ein paar Stunden aufs Ohr hauen muss. Kurz überlege ich, ob ich ihr eine Nachricht schreiben soll, doch dann entscheide ich mich dagegen. Im Prinzip ist es mir scheißegal, ob sie enttäuscht ist oder nicht. Lil ist für mich einfach nur ein gelegentlicher Fick.

Unsere Haustür steht sperrangelweit offen. Wie fast immer. Aber wenn einer glaubt, bei uns gäbe es etwas zu holen, ist er entweder blind oder geistesgestört. Ein kurzer Blick in den Kühlschrank bestätigt mir, dass meine Mutter wieder nichts eingekauft hat. Den Blick in den Ofen oder in einen der herumstehenden Töpfe kann ich mir sparen. Meine Mutter hat das letzte Mal gekocht, als … verfluchte Scheiße, ich kann mich nicht daran erinnern.

Wütend knalle ich den Kühlschrank zu und versuche das bohrende Grummeln in meinem Magen zu ignorieren.

Als ich kurze Zeit später im Bett liege und die Augen schließe, tanzen Bilder von einem blonden Mädchen mit seidigen Haaren in meinem Kopf herum. Diese beschissene Verletzung hat ihr Gesicht ziemlich entstellt, doch man konnte trotzdem sehen, wie wunderschön sie ist.

Wunderschön? Das habe ich jetzt nicht wirklich gedacht, oder? Ich glaub, ich werde schizophren. Eine Braut ist heiß oder geil, aber doch nicht wunderschön. Verfickte Scheiße, warum mache ich mir nur ständig Gedanken um sie! Ich drücke die Augen fest zu und versuche zu pennen. Wenn ich wieder auf dem Damm bin, werde ich meine innere Unruhe möglichst schnell durch heißen Sex mit Lil loswerden.

3. Kapitel

Annabell

Den Freitag verbringe ich die meiste Zeit lesend in meinem Bett. Da für diesen Tag das Sportfest angesagt ist, schreibt mein Vater mir wieder eine Entschuldigung. Hochsprung, Weitsprung und Sprint bergen immerhin die Gefahr, dass meine Sonnenbrille von der Nase rutschen und die Blessur für alle sichtbar werden könnte.

Ich bin gerade an der Stelle angekommen, als der gefallene Erzengel Michael der schönen Isabella sein dunkles Geheimnis offenbaren will, als die Tür aufgerissen wird und meine Mutter hereinspaziert kommt.

»Welches Kleid ziehst du morgen an?«

Ich schiebe das Buch zur Seite.

»Ich soll also tatsächlich mit zur Party?«

Meine Mutter bedenkt mich mit einem etwas verwirrten Gesichtsausdruck. »Was hast du denn gedacht? Welchen Grund sollte es dafür geben, dass du zu Hause bleibst? Du weißt, dass dein Vater es niemals akzeptieren würde, wenn du nicht mitkommst.«

Wortlos streiche ich mir das Haar aus dem Gesicht und deute auf meine geschwollene Schläfe.

Sie blickt zur Seite, geht auf meinen Kleiderschrank zu und beginnt umständlich darin herumzuwühlen.

»Ach deswegen. Nein, es ist doch schon viel besser geworden. Wir werden dir ein gut deckendes Make-up auflegen und du kannst zusätzlich die Sonnenbrille tragen. Zu späterer Stunde wird die Dunkelheit dann den Rest erledigen.«

Meine Mutter dreht sich um, ein leichtes gelbes Sommerkleid in den Händen.

»Halte dich nur vom Pool fern. Ansonsten besteht fast kein Risiko. Bens Eltern leuchten den Garten bestimmt wie jedes Jahr nur mit Kerzen und kleinen Lampions aus.«

Nach diesen Worten rauscht sie aus dem Zimmer und die Sache scheint für sie erledigt zu sein.

***

Die Party steigt abends um acht. Bereits um fünf Uhr beginnt Mum mit einem enormen Aufwand, sich und mich in die Königinnen des Abends zu verwandeln.