Verlag: GRAFIT Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Kalte Wahrheit E-Book

Jan Mehlum  

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E-Book-Beschreibung Kalte Wahrheit - Jan Mehlum

Rechtsanwalt Svend Foyn erhält eine ungewöhnliche Anfrage: Die vierzehnjährige Elvira Widerberg bittet ihn herauszufinden, wer ihrer älteren Schwester Johanna regelmäßig Nacktfotos auf ihr Handy sendet. Der Anwalt, der den Eindruck hat, dass Elvira ihn eigentlich wegen etwas ganz anderem aufsucht, darf jedoch von Minderjährigen keine Aufträge annehmen, sodass er sie unverrichteter Dinge wieder wegschickt. Wenige Tage später wird das Mädchen tot in der Badewanne aufgefunden, alles deutet auf Selbstmord hin. Foyn allerdings kommen Zweifel: Würde Elvira noch leben, wenn er sie nicht einfach abgewiesen hätte? Sein schlechtes Gewissen wächst, als Johanna spurlos verschwindet. Dann wird Elviras Tagebuch entdeckt und Foyn gerät plötzlich selbst ins Visier der Ermittler. Er versucht unter Hochdruck, seine Unschuld zu beweisen, und tritt dabei eine Entwicklung los, die er nicht mehr stoppen kann …

Meinungen über das E-Book Kalte Wahrheit - Jan Mehlum

E-Book-Leseprobe Kalte Wahrheit - Jan Mehlum

Jan Mehlum

Kalte Wahrheit

Kriminalroman

Aus dem Norwegischen vonGabriele Haefs und Andreas Brunstermann

Die norwegische Originalausgabe »Ren samvittighet« erschien 2014 bei Publicom forlag AS

Copyright © 2014 Publicom forlag AS     Die Übersetzung wurde gefördert von NORLA.

Deutsche Erstausgabe © 2015 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Away (Fjord), Evannovostro (Steg), andrey_I (Frau)

eBook-Produktion: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-194-9

Der Autor

Jan Mehlum, 1945 in Tønsberg/Norwegen geboren, ist Diplom-Ökonom und Soziologe. Er hat u.a. als Lehrer, Auslandsexperte, Gesellschaftsforscher und Dozent für Soziologie an der Universität Vestfold gearbeitet.

1

Ich weiß nicht, wieso ich die Schritte im Flur so deutlich hörte. Die Bürotür war geschlossen und die Schritte waren nicht schwer. Ich hatte mich darauf konzentriert, an gar nichts zu denken – eine schwierige Übung, die ein gewisses Training erfordert. Trotzdem hörte ich langsame Schritte im Flur, die schließlich vor meiner Tür verstummten.

Meine Hündin Hulda hingegen merkte anscheinend gar nichts, während sie auf dem Sofa lag und vor sich hindöste.

Dann wurde es still. Ich warf einen Blick auf die Wanduhr. Sie würde gleich fünf schlagen, sofern sie überhaupt funktionierte, was derzeit das einzige Spannungsmoment im Büro ausmachte. Es war Freitag, wir schrieben das Jahr 2013, und seit dem letzten Frühjahr war ich nicht jünger geworden. Klüger auch nicht.

Nichts geschah.

Ich überdachte verschiedene Möglichkeiten. Alice könnte den infolge der Trennung von ihrem Mann erzwungenen Zölibat aufgegeben und sich entschlossen haben, mich unbedingt treffen zu müssen, ungeachtet der Konsequenzen. Allerdings erschien mir das nicht sehr wahrscheinlich, da der Drecksack den kompletten juristischen Apparat angeworfen hatte, um sich das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu erkämpfen, die er kaum sah. – Wilhelm Mørk könnte sich zu einem Übergang von handgenähten italienischen Schuhen mit Ledersohle zu leichten Joggingschuhen entschlossen haben. – Meine Tochter war plötzlich aus Berlin zurück nach Hause gekommen. – Oder wahrscheinlicher: Meine Steuerberaterin hatte die Situation als derart ernst eingeschätzt, dass sie mir die düsteren Aussichten höchstpersönlich schildern wollte. Doch ich verwarf auch diese Möglichkeit. Es hätte sich um Überstunden gehandelt. Auch wenn sie ein Herz aus Stein besaß, würde sie es doch nicht wagen, mich mit zusätzlichen Ausgaben zu belasten.

Vielleicht waren die Schritte ja nur ein Traum, der unterdrückte Wunsch nach einem aufmunternden Schreiben von der norwegischen Lottogesellschaft oder einer Benachrichtigung über das gewonnene Preisausschreiben beim Verein der Jaguarfahrer oder nach dem Brief einer unbekannten Verehrerin, die darauf brannte, mir ihre Liebe zu erklären. Ich hatte ein ganzes Semester Psychologievorlesungen besucht, ehe ich die Versuche mit Ratten endgültig leid war. Soweit ich mich erinnerte, hätte der letzte Wunsch die Vorstellungen dieses Fachbereichs über unser inneres Leben bekräftigt.

Das Klopfen an der Tür war leicht, nahezu unmerklich. Federleicht, dachte ich.

»Herein«, sagte ich und schwang die Beine vom Schreibtisch. »Es ist offen«, fuhr ich fort, als nichts passierte. Langsam wurde ich neugierig.

Vorsichtig wurde die Tür geöffnet. Nie zuvor war mir aufgefallen, dass sie knarrte. Was daran liegen konnte, dass meine Besucher in der Regel schlechte Manieren hatten und die Tür aufrissen, ohne eine Aufforderung zum Hereinkommen abzuwarten. Ich beschloss, die Angeln zu ölen.

Das Mädchen, das sich in der Türöffnung zeigte, war groß und dünn. Sie mochte vielleicht vierzehn oder fünfzehn sein, noch immer ein Kind, aber auf dem besten Weg, zu einer jungen Frau heranzureifen. Dass ihr Gesicht von Sommersprossen übersät war und sie rote Haare hatte, ließ vermuten, dass ihre Kindheit keine leichte gewesen war.

Ich persönlich fand ihr Aussehen charmant. Ihre zarte Gestalt war in einen langen militärgrünen Anorak gehüllt, auf dem Kopf trug sie eine farbenfrohe Strickmütze und an den Füßen schwere schwarze Stiefel. Wenn die Klamotten nicht gewesen wären, hätte sie als eines dieser Kindermodels durchgehen können, die so aussahen wie Frauen. Sie strahlte etwas beunruhigend Sinnliches aus.

»Komm doch rein«, wiederholte ich, »und mach bitte die Tür hinter dir zu.«

Zögernd trat sie näher.

»Ich beiße nicht«, sagte ich. »Für sie da«, fügte ich hinzu und deutete auf das Tier, das jetzt die Augen geöffnet hatte und den Neuankömmling anstarrte, »kann ich allerdings keine Garantie übernehmen.«

Das Mädchen nahm Hulda in Augenschein. »Ist der gefährlich?« Sie hatte eine feine, deutliche Aussprache.

»Nur wenn du dich nicht ordentlich benimmst.« Ich lächelte, um den Schaden etwas abzumildern. Kinder zu erschrecken, war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. In der Regel mochten sie es.

»Das ist doch Blödsinn«, sagte sie streng. »Sind Sie Rechtsanwalt Svend Foyn?«

»Hast du nicht das Schild an der Tür gesehen?«

»Glauben Sie vielleicht, ich könnte nicht lesen?« Ihre Stimme hatte einen Hauch von Aggressivität.

»Aber ja doch.« Ich winkte ab. »Und wo ist Herr Nilsson?«

Es brachte sie einen Augenblick aus dem Gleichgewicht, doch sie reagierte elegant. »Den gibt es nur in den Büchern. Sie lesen wohl gern Kinderbücher?«

Die Kleine war auf Draht. »Du hast recht«, sagte ich. »Ich bin wohl ein bisschen kindisch. Womit kann ich dir helfen?«

Sie hatte sich auf dem Besucherstuhl niedergelassen. Jetzt blickte sie zu mir auf. Ihre Augen waren knallgrün. »Was für eine Art Anwalt sind Sie? Einer, der Leuten hilft?«

Die Frage überraschte mich. »Kommt darauf an«, gab ich zurück. »Wie heißt du?«

»Elvira.«

»Also nicht Pippi.«

»Elvira Widerberg.« Sie blickte mich gereizt an. »Es gehört sich nicht, jemanden aufzuziehen.«

»Pippi Langstrumpf war eine meiner Heldinnen«, sagte ich. »Aber du hast recht, es gehört sich nicht, jemanden aufzuziehen.«

Ich selbst hatte Eltern, die mich Svend getauft hatten, obwohl sie gewusst haben mussten, dass dieser Name für ein in Vestfold aufwachsendes Kind gewisse Qualen bedeuten würde. Der alte Walfänger Svend Foyn war in der Erinnerung der Tønsberger noch immer sehr präsent. Ich dachte nach, während ich das Mädchen mit neuem Interesse betrachtete. Elvira Widerberg? Der Name klang wie schiere Poesie. 1967 hatte Bo Widerberg den Film über Elvira Madigan gedreht, basierend auf dem Drama über die unmögliche Liebe zwischen der jungen Seiltänzerin Elvira Madigan und dem älteren, verheirateten Leutnant Sixten Sparre. Die Geschichte musste natürlich böse ausgehen.

»Bist du Schwedin?«, fragte ich. »Kommen deine Eltern vielleicht aus Schweden?«

»Ich bin genauso norwegisch wie Sie. Aber mein Großvater stammte aus Schweden.«

»Nun, denn.« Ich richtete mich in meinem Chefsessel auf und starrte auf sie herunter. »Wenn du aufstehst und den Stuhl ein paarmal herumdrehst, kommen wir auf dieselbe Höhe.« Mein letzter Mandant hatte eine Vorstellung von seinem Ego, die so gar nicht mit der Realität übereinstimmte, dass ich mir den Spaß erlaubt hatte, den Stuhl abzusenken, ehe er zu mir gekommen war.

Sie tat wie geheißen und sah mich währenddessen mit einem seltsamen Blick an. In diesem Moment glaubte ich, sie vorher schon einmal gesehen zu haben. Aber ich wusste weder wo noch wann.

»Also«, fuhr ich fort, »du weißt, dass ich Anwalt bin, und du bist keine Schwedin. Gibt es etwas, wobei ich dir helfen kann?«

»Ich hab über Sie gelesen«, erwiderte sie prompt. »In der Zeitung. Ich hab Bilder von Ihnen gesehen.«

»Redest du von Tønsbergs Blad?« Das lokale Orakel wusste meine ungewöhnlichen Methoden im Rechtswesen nicht eben zu schätzen, allerdings war ich auch schon in überregionalen Blättern aufgetaucht.

»In Aftenposten. Als Sie dem Richter ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet haben.«

»Er war kein Richter«, sagte ich. »Er war Staatsanwalt. Das ist was völlig anderes. Außerdem ist das lange her. Und etwas solltest du dabei wissen.«

»Das wäre?«

»Es war kein ganzes Glas, nur ein kleiner Schluck. Noch dazu war es ein Unfall.« Es stimmte schon, dass der arrogante Drecksack ein bisschen Wasser auf den Schlips bekommen hatte, ein unglaublich geschmackloser Schlips, nebenbei bemerkt. Aber es war nicht mit Absicht geschehen. Ich hatte lediglich das Glas ein wenig zu schnell angehoben. Ich hatte einen Jungen vertreten, in einem Sorgerechtsstreit, den wir verloren hatten. Recht zu haben ist nicht dasselbe wie Recht zu bekommen. In dieser Sache waren allerdings weder vom Richter noch vom Staatsanwalt irgendwelche weisen Worte zu hören gewesen.

»Ich möchte, dass Sie Johanna helfen.« Jetzt klang sie sehr ernst.

»Und wer ist das?«

Die Kleine wirkte mit einem Mal seltsam erwachsen. »Meine große Schwester.«

»Aha«, sagte ich und musterte sie nachdenklich. Ich konnte nicht sagen, was es ganz konkret war, aber es gab irgendetwas an dem Mädchen, was mich bekümmerte.

»Sie ist siebzehn, fast achtzehn.«

»Warum kommt deine Schwester nicht selbst?«

»Weil sie wohl nicht will.« Die Kleine sah mich resigniert an. Mit dem Blick einer erwachsenen Frau.

»Und wieso will sie nicht?«

»Sie weiß nicht, dass ich hier bin«, beeilte sie sich zu sagen. »Sie wäre stinksauer auf mich.«

»Und was ist mit deinen Eltern?«

Sie senkte den Blick und verdrehte die Hände. Ihre Nägel waren abgekaut. »Ich kann Ihnen nichts davon erzählen, verstehen Sie das nicht?«

Als der Ärmel ihres Pullovers ein wenig hochrutschte, sah ich die Narben. Kreuz und quer. Rote, leuchtende Narben. Schnell zog sie den Ärmel wieder herunter.

Die Stille im Büro wurde nur von Huldas Keuchen unterbrochen. Zeit zum Gassigehen.

»Und warum kannst du das nicht?«, fragte ich schließlich.

Eine saublöde Frage, die zu stellen wohl nur Erwachsenen einfiel. Ich begriff es zu spät.

Sie sah auf ihre Hände. »Die reden nicht über so was.«

Ich konnte nicht anders, als ihre Hände zu betrachten. Sie zitterten leicht. »Was ist so was?«

Sie sagte nichts, starrte mich bloß an.

»Hör zu«, fuhr ich fort, so rücksichtsvoll wie möglich, »was immer deine Schwester für Probleme hat: Wenn sie noch so jung ist, müssen deine Eltern informiert werden.«

»Sie ist doch schon fast erwachsen.«

Sie hatte natürlich recht. Viele in ihrem Alter benahmen sich, als wären sie erwachsen. Viel zu erwachsen, wenn Sie mich fragen.

»Wo liegt das Problem?«

Elvira öffnete ihre Schultertasche und zog ein Handy hervor. Sie fummelte daran herum, legte es dann auf den Schreibtisch und schob es zu mir herüber. »Hier, sehen Sie.«

Wenn die Sommersprossen nicht gewesen wären, hätte ich geglaubt, dass sie rot wurde. Es war schwer zu erkennen.

Ich griff nach dem Handy, ein Smartphone mit großem Display. Das Bild darauf war nicht schön. Ich hatte schon immer Probleme damit, Leute zu verstehen, die ihre Geschlechtsorgane fotografierten und diese Herrlichkeiten dann an andere schickten. Der glänzend rote Pullermann, der den Bildschirm ausfüllte, war erschreckend groß. Ein Foto kann natürlich lügen, was die Dimensionen angeht, aber er wirkte enorm. Der reinste Leuchtturm.

»Herrgott«, sagte ich. »Was in aller W… W… Welt ist das denn?«

»Nun ja, ein Ständer«, sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erstaunte. »Sehen Sie das nicht?«

Ich mochte die Art nicht, wie sie mich ansah. Plötzlich kam ich mir uralt vor. In meiner Kindheit trugen kleine Mädchen solche Bilder jedenfalls nicht mit sich herum.

»Wer stottert, der lügt.«

»Wo hast du das denn her?«

»Kalle sagt das. Aber er ist ein Idiot.«

»Ganz meine Meinung«, sagte ich. »Wenn jemand stottert, dann, weil das, was er sagen will, wichtig ist.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte sie. »Sie haben doch nichts Wichtiges gesagt.«

Die Kleine war gut verdrahtet, daran bestand kein Zweifel. »Woher hast du das Foto?«

»Ich hab’s von ihrem Handy. Jemand hat es ihr geschickt.«

»Vom Handy deiner Schwester?«

»Ja, sie weiß nichts davon, und wenn, dann würde sie mich totschlagen.«

»Du hast also im Handy deiner Schwester rumgeschnüffelt?«

»Ich hab’s in ihrer Jacke gefunden und das Bild dann an mein Handy weitergeleitet.« Ihre Worte klangen alltäglich, doch die Stimme erzählte etwas anderes.

Ich legte das Telefon weg und schaute aus dem Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel. Ich mochte den Frühling. Doch das Wetter war unvorhersehbar. Als ich mich wieder zu der Kleinen drehte, sah ich etwas in ihren Augen blitzen. Vermutlich waren es Tränen, weswegen ich ihr behutsam die Schachtel Papiertaschentücher zuschob.

»Hier«, meinte ich bloß. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um sie zu trösten. »Möchtest du etwas? Vielleicht ’ne Limo?« Zu spät fiel mir ein, dass ich nur etwas schwerere Rauschmittel auf Lager hatte.

Hulda war zum Leben erwacht. Aufmerksam betrachtete sie meinen Gast. Hunde haben einen Radar, mit dem wir Menschen nicht ausgestattet sind; sie spüren, wenn eine Situation knifflig wird.

»Nein, danke«, erwiderte Elvira erstaunlich ruhig. »Können Sie mir helfen?«

»Das würde ich gern tun«, sagte ich. »Aber hier müssen dir wohl deine Eltern helfen.« Ich musterte sie erneut. So jung, so schlau, so verletzlich. Das schlechte Gefühl in mir verstärkte sich. »Hat sie einen Freund, deine Schwester? Könnte ja gut sein, dass er ihr das Bild geschickt hat?«

»Sie hat keinen Freund.«

»Nein? Na gut. Hast du ein Bild von ihr?«

Widerwillig nahm sie das Handy und klickte sich zu einem Bild ihrer Schwester durch.

Ich beugte mich vor.

Dass die beiden verwandt waren, war kaum zu übersehen. Rötliches Haar und vereinzelte Sommersprossen, ein prägnantes, leicht verhärtetes Gesicht. Sie sah viel älter aus als ihre jüngere Schwester. Keine von beiden brauchte Fotos von der Sorte, wie ich es eben gesehen hatte.

»Ihr ähnelt euch«, sagte ich. »Ist sie genauso jähzornig wie du?«

»Ich bin nicht jähzornig!«

»Natürlich nicht. Hast du mit deiner Schwester über das Bild gesprochen?«

»Nein, verdammt. Ich will mir doch keine Prügel einhandeln.«

»Aber du machst dir Sorgen«, konstatierte ich.

»Sie ist schon länger so.« Elvira drehte das Handy zwischen den Fingern.

»Wie ist sie denn?«

»Zickig, irgendwie. Schwänzt die Schule, haut ab, schließt sich ein und behauptet, sie wäre krank. Aber ich weiß, dass sie lügt, sie ist nicht krank.«

»Und was sagen deine Eltern?«

»Die kapieren gar nichts!«, platzte sie heraus. »Die reden bloß über ’nen Psychologen und Pillen und so was, die wissen nichts über uns.«

»Über uns?«, sagte ich. »Hast du denn auch solche Bilder bekommen?«

»Hab ich nicht!« Ich erahnte kleine rote Flecken zwischen den Sommersprossen. »Ich meine, die reden nicht über so was.«

»So was wie das hier?« Ich nahm das Handy und sah mir noch einmal das Foto an. Es wurde nicht schöner. »Weißt du, wer das ist?«

»Sind Sie blöd, oder?«

»Oder?«, erwiderte ich. Sie hatte meine Frage nicht beantwortet.

»Die glauben, wir sind bloß dumme Blagen.«

Ich ließ es unkommentiert. »Kann sie das Bild vielleicht selbst aufgenommen haben?«

»Nein! Ich hab doch gesagt, es kam als MMS.«

»Von wem?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich hob abwehrend die Hände. »Okay. Weißt du, wann?«

»Irgendwann im Sommer. Sie hat’s inzwischen bestimmt gelöscht.«

»Soso«, sagte ich nachdenklich. »Hat sie noch andere Bilder dieser Art bekommen?«

»Weiß ich doch nicht.«

Ich bekam plötzlich Lust auf ein Zigarillo, schaffte es aber, mich zu beherrschen. »Was soll ich deiner Meinung nach tun, Elvira?«

Sie sah mich lange an, ohne etwas zu sagen. »Können Sie ihn finden?«, fragte sie schließlich.

»Den Mann auf dem Foto?«

»Wenn Sie ihn finden, können Sie ihn doch wohl aufhalten, nicht? Ihm vielleicht Angst einjagen oder so?«

»Das ist Aufgabe der Polizei und der Gerichte«, erwiderte ich. »Das weißt du doch wohl.«

»Aber Sie können doch dafür sorgen, dass er so was nie wieder macht?«

»Vielleicht«, sagte ich. »Solche Bilder zu verbreiten, verstößt möglicherweise gegen das Gesetz.«

»Gegen das Gesetz?« Ihr Blick war ganz direkt. »Und wieso gibt’s dann überall solche Bilder?«

»Da ist was dran«, gab ich zurück. »Aber das Verbot betrifft Minderjährige. Und zu dieser Gruppe gehörst du auf jeden Fall. Deine Schwester ist dem Gesetz nach nicht minderjährig, die Strafmündigkeit beginnt mit fünfzehn. Und für sexuelle Beziehungen liegt die Grenze bei sechzehn Jahren.«

»Aber alle sehen sich doch solche Bilder an.«

»Nicht alle, will ich hoffen.« Allerdings hatte sie recht. Ein durchschnittlicher Teenager hatte mit fünfzehn wohl schon mehr pornografische Bilder und Filme gesehen, als ich es in einem langen Leben geschafft hatte. »Wohnt ihr hier in Tønsberg?«

»Knarberg«, sagte sie schnell, als wollte sie nicht, dass ich das wüsste. »Papa ist Pastor und Mama Lehrerin.« Sie griff nach ihrer Tasche. »Ich habe Geld.« Sie zog ein rosa Portemonnaie hervor. Immerhin passend für ein Kind. »Ich hab ’ne Bankkarte.« Triumphierend sah sie mich an.

»Es kostet nichts. Du hast ja nichts bekommen, und somit musst du auch nichts bezahlen.«

»Wollen Sie uns denn nicht helfen?«

»Uns?«

»Mir, meine ich.«

»Es ist ja nicht so, dass ich nicht wollte«, sagte ich und kam mir dabei nicht sonderlich heldenhaft vor. »Es ist eher so, dass ich nicht viel tun kann, um euch zu helfen.«

»Und wieso?«

»Du bist ein Kind«, erwiderte ich.

»Ich werde bald fünfzehn.« Ihre grünen Augen verrieten irgendetwas, das ich nicht verstand. »Ich bin kein dummes Kind.«

»Das habe ich schon verstanden«, sagte ich. »Aber da du vor dem Gesetz noch ein Kind bist, kannst du mich nicht als deinen Anwalt anheuern. So was müssen deine Eltern machen, verstehst du das?«

»Das ist idiotisch.«

»Mag sein, aber so ist es eben.«

»Das hätte ich wirklich nicht von Ihnen gedacht.« Sie wirkte traurig. »Sie dürfen aber niemandem sagen, dass ich mit Ihnen geredet habe.« Sie fixierte mich mit ihrem direkten Blick. »Versprochen?«

»Hoch und heilig«, gab ich zurück. »Aber du solltest das mit deiner Schwester klären.« Ich zeigte wieder auf das Handy. Die Fotografie war glücklicherweise schon wieder ausgeblendet.

»Sie will nicht mit mir sprechen.«

»Dann solltest du deinen Eltern davon erzählen.«

»Wenn ich das mache, wird Johanna nie wieder ein Wort mit mir reden.«

»Normalerweise geht so was vorbei«, sagte ich. »Wenn sie Hilfe bekommt. Außerdem ist es bestimmt nicht so schlimm, wie du glaubst. Und wenn ihr dann später immer noch Unterstützung braucht, könnt ihr zu mir kommen.«

Sie blieb wortlos sitzen und sah sich um. Als ihr Blick auf das Foto meiner Tochter fiel, stand sie auf, trat ein paar Schritte auf das Bild zu und betrachtete es lange. Dann drehte sie sich wieder zu mir. »Ist das Mari? Ihre Tochter?«

»Ja«, erwiderte ich, ohne näher darüber nachzudenken, woher sie den Namen kennen könnte. »Als das Bild aufgenommen wurde, war sie ungefähr in deinem Alter.«

»Sie ist hübsch.«

»Findest du?«

»Eigentlich meine ich eher, dass sie witzig aussieht.«

»Da sagst du was«, entgegnete ich. »Sie ähnelt dir ein bisschen.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Sie wohnt in Berlin«, sagte ich. »Studiert da.«

»Vermissen Sie sie?«

»Ja«, sagte ich. Die Kleine hatte die erstaunliche Fähigkeit, wesentliche Fragen zu stellen. »Aber nicht die ganze Zeit.«

Sie setzte sich wieder. »Arbeiten Sie dauernd?«

»Seh ich so aus?«

»Ja.«

»Dann stimmt es wohl«, sagte ich. Nicht nur ihr Mundwerk funktionierte. Sie hatte auch eine scharfe Beobachtungsgabe. Teenager wurden unterschätzt.

Sie schwieg. Wir saßen still da, doch die Stille wirkte nicht bedrückend. Es war so, als kannten wir uns schon lange. Plötzlich vermisste ich meine Tochter.

Zögernd erhob sie sich. Als hätte sie keine große Lust zu gehen.

Ich war auch aufgestanden. »Vielleicht möchtest du ja einen Spaziergang mit uns machen«, versuchte ich es.

Das Wort ›Spaziergang‹ ließ das Tier fit werden.

»Darf ich?«

»Ja«, sagte ich. »Wir machen nur eine kleine Tour hinüber zum Slottsfjell, das ist nicht weit.« Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen, immer noch lagen vereinzelt kleine Flecken herum.

Als wir an meiner Wohnung vorbeikamen, zeigte sie auf den Jaguar, der draußen stand. »So ein Auto hätte ich auch gern«, sagte sie und schenkte mir ein fast unmerkliches Lächeln.

Ich hätte es kapieren müssen, doch ihr Lächeln hatte mich entwaffnet.

Schweigend ging sie neben mir den steilen Weg hinauf. Ich hatte ihr angeboten, ihre Tasche zu tragen, wurde aber abgewiesen. »Sie sind doch hier der Ältere.«

Oben auf dem Hügel blieben wir stehen und sahen Hulda zu, die mit der Nase auf dem Boden ihre rituelle Jagd nach irgendetwas vollzog.

»Was macht er denn jetzt?«, fragte Elvira.

»Nicht er. Sie«, sagte ich.

»Ja gut, dann eben sie.«

»Jagt Katzen nach, die es nicht gibt«, sagte ich. »Sie glaubt nur, dass es welche gibt.«

»Was für’n Glück.«

»Was meinst du damit?«, fragte ich.

»Nichts.« Sie hatte die Hände tief in die Taschen ihres Anoraks geschoben.

»Sag mir mal eins«, fuhr ich fort. »Gibt’s da noch irgendwas, das du mir erzählen möchtest?«

»Was denn?« Wieder dieser ferne Blick.

»Sag du’s mir«, gab ich zurück. »Übrigens, musst du nicht bald nach Hause?«

»Da ist niemand«, sagte sie.

»Was ist mit deiner Schwester?«

»Weiß nicht.« Sie sah mich an. »Herr Foyn?«, sagte sie.

»Ja?«, sagte ich.

»Wenn ich Ihnen das Foto schicke, können Sie dann nicht doch was machen?«

»Ich dachte, wir hätten die Diskussion schon beendet«, sagte ich, änderte aber sofort meine Meinung. »In Ordnung, ich kann mich ein bisschen umsehen. Aber erwarte dir nicht zu viel.« Ich zog eine Visitenkarte aus der Brieftasche und reichte sie ihr. »Hier ist meine Nummer. Du kannst es dahin schicken.«

»Danke«, sagte sie leise. »Wollen wir zurückgehen?«

Der Abend war kalt. Doch die Kälte, die ich verspürte, kam aus dem Innern. Ich rief Hulda, die widerwillig ihre Jagd einstellte. »Soll ich dich nach Hause fahren?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich nehme den Bus.«

Gemeinsam liefen wir den Hügel hinunter. Wenn uns jemand gesehen hätte, wären wir ihm wie Vater und Tochter vorgekommen, beim Gassigehen mit dem Familienhund.

Ich begleitete sie zum Busbahnhof. Als sie hineinging und sich zu mir umdrehte, sah ich Tränenspuren in ihrem Gesicht. »Sicher, dass du mir sonst nichts zu erzählen hast?«, fragte ich.

»Nein«, sagte sie so leise, dass ich es fast nicht gehört hätte. Dann drehte sie sich um und lief schnell auf den Bus zu. Ich blieb stehen und betrachtete ihren schmalen Rücken, als sie die Busstufen hinaufkletterte. Während sie nach hinten lief, drehte sie sich halbwegs zu mir um und hob eine Hand. Ich winkte zurück. Dann war sie verschwunden.

Auf dem Weg nach Hause hörte ich mein Handy piepsen. Sie hatte Wort gehalten.

2

Das Wochenende wurde genauso ruhig und friedlich, wie ich befürchtet hatte. Nichts passierte. Als ich darüber nachdachte, erschien mir das nicht weiter erstaunlich. Das Leben besteht aus ewigen Wiederholungen. Ich weiß nicht, wo ich diese weisen Worte herhatte, ging aber davon aus, dass sie einer qualifizierten Quelle entstammten. Das Einzige, was mir missfiel, war der Begriff ewig. Ich war skeptisch, was die Idee der Ewigkeit betraf. Ich fand es schon schwierig genug, hier und jetzt an das Leben auf der Erde zu glauben.

Das Foto, das Elvira mir geschickt hatte, war immer noch auf meinem Handy gespeichert. Unbesehen. Es widerstrebte mir, es eingehender zu studieren. Allerdings hatte ich einen meiner inoffiziellen Assistenten angerufen. Arthur war ein junger Mann mit umfassenden Kenntnissen über die digitale Welt und nicht minder deutlichen Ansichten über geltendes Recht und Gesetz. Sein Urteil war klar. Ich kann vielleicht, und ich betone vielleicht, herausfinden, von welchem Handy dieses Foto stammt. Aber du kannst darauf wetten, dass es eine anonyme und nicht registrierte Nummer ist. Sogar Idioten wie du benutzen ja jetzt diese Micky-Maus-Telefone. Besorg dir so ein gebrauchtes Ding, geh spät am Abend zu irgendeinem 7-Eleven-Kiosk, gib irgendeinen dämlichen Fantasienamen an und du bekommst eine Prepaidkarte. Selbst die klügsten IT-Spezialisten können dann allenfalls die Basisstationen lokalisieren, in deren Umgebung du dich bewegt hast.

Er hatte natürlich recht. Es gab nichts, was ich tun konnte. Und dennoch nagte die Begegnung mit Elvira an meinem Unterbewusstsein.

Ich verdrängte die Sache und konzentrierte mich stattdessen darauf, dem Rat meiner Steuerberaterin zu folgen.

Die Tage für einen privat praktizierenden Anwalt in der Kleinstadt Tønsberg unterschieden sich gar nicht mal so sehr vom Dasein eines Staranwalts in den Romanen John Grishams. Hier wie dort wurden dramatische Kämpfe im Gerichtssaal ausgefochten, mit dem Ergebnis, dass die Bad Guys auf dem Schlachtfeld zurückblieben, während die Guten mit ihrem auserwählten Schatz in den farbenfrohen Sonnenuntergang ritten.

Dieser Donnerstag war keine Ausnahme. Am Frühstückstisch bereitete ich mich mental auf die bevorstehende Verhandlung vor. Der Streit um einen wenige Meter langen Wegabschnitt hatte ganze zwei Sippschaften, unzählige Rechtsanwälte und den kompletten Justizapparat involviert. Marx hatte Weitblick bewiesen. Das Eigentumsrecht war die Wurzel allen Übels.

Als ich nach dreiminütiger Lektüre zu den in Tønsbergs Blad abgedruckten öffentlichen Bekanntmachungen kam, warf ich einen Blick auf die Todesanzeigen.

Später habe ich mir des Öfteren vorzustellen versucht, was geschehen wäre, wenn ich mich an diesem Tag nicht in die Zeitung vertieft hätte. Ich hätte es eilig haben oder verschlafen können, wäre vielleicht nach einem Abend in einer der wenigen übrig gebliebenen Eckkneipen mit dröhnenden Kopfschmerzen erwacht oder zusammen mit Alice, ohne das geringste Interesse für die Lokalzeitung – was auch immer hätte mich von der Lektüre der Zeitungsspalten abhalten können. Vielleicht hätte ich dann niemals erfahren, was ich jetzt schwarz auf weiß sah.

Aber so war es nicht. Und vermutlich hätte es auch nicht geholfen. Ich wäre so oder so in die Sache hineingezogen worden.

Die Tasse glitt mir aus der Hand, färbte die Zeitungsseiten kaffeebraun und fiel krachend zu Boden. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Unsere innig geliebte Tochter Elvira Widerberg hat uns heute plötzlich und unerwartet verlassen. Sonntag, 28.April 2013. Ich konnte nicht weiterlesen.

Verfluchte Dreckscheiße.

Als mich der Schlag der Wirklichkeit traf, riss das beinahe unmerkliche Zerren an meinem Unterbewusstsein zu einer offenen Wunde auf, voll mit Salz und Niedertracht.

Ich zwang mich weiterzulesen. Eltern, Schwester, Großeltern, Onkel, Tanten, Vetter und Kusinen, alle verspürten Ohnmacht, Trauer und Verwirrung. Auch Jesus wurde erwähnt, als trüge der friedliebende Zimmermann die Verantwortung für das Unfassbare.

Ich ließ die Zeitung sinken und versuchte nachzudenken. Ein junges Mädchen wie Elvira starb nicht ohne Weiteres. Krankheiten waren ausgeschlossen, Anzeichen dafür wären mir aufgefallen. Ein Unfall war nicht wahrscheinlich, sonst hätten die Medien darüber berichtet. Und definitiv kein Mord, aus demselben Grund. Vielleicht eine Überdosis. Oder Selbstmord. Das waren die einzigen realistischen Möglichkeiten.

Sie war nicht einmal fünfzehn geworden. Aber ich wusste, dass so etwas passierte. Nicht oft, nur ein paar Selbstmorde pro Jahr. Keiner davon hätte geschehen dürfen, sie alle waren das Resultat von Unterlassungssünden, auf allen möglichen Ebenen. Ich hatte einige dieser Tragödien erlebt und konnte keine weiteren ertragen.

Mit einem Mal erschien mir der Tag schwarz und düster. Der Gedanke an das bevorstehende Verfahren widerstrebte mir derart, dass ich mich körperlich krank fühlte. Doch nach eingehender Überlegung resignierte ich. Vielleicht war es am besten, mich in die Arbeit zu stürzen und das Schuldgefühl auf diese Weise zu verscheuchen.

Ich schaffte es, die Übung des Tages zu absolvieren, ohne dass meine distanzierte Haltung gegenüber den Interessen meiner Mandanten irgendeine messbare Reaktion hervorrief. Anscheinend erwarteten sie nicht mehr.

Erst am Nachmittag, als die Verhandlung vorbei war, musste ich der Realität ins Auge blicken. Die Kleine war zu mir gekommen, weil sie Hilfe brauchte. Obwohl ich begriffen hatte, dass irgendetwas faul war, hatte ich ihr nicht mehr als einen Spaziergang am Slottsfjell anbieten können. Jetzt war sie tot.

Ich musste mit Alice reden. Der starke Verdacht ihres Mannes, oder besser gesagt Exmannes, dass sie ein Verhältnis mit mir unterhielt, hatte zu einem Bruch zwischen uns geführt. Ich verließ mich darauf, dass dieser Bruch vorübergehender Natur war, eben so lange, bis das Gericht den Sorgerechtsstreit entschieden hatte. Es war unfassbar, dass ein einzelner Mann so viel Angst innerhalb einer Familie bewirken konnte, zu deren Zerstörung er selbst beigetragen hatte. Alices Mann war Rechtsanwalt, ein richtig gewiefter Kerl mit sehr viel Erfahrung. Ich glaube nicht, dass er an Eifersucht litt, auch wenn er es gern so darstellte. Jemand anderes hatte sich an seinem Eigentum vergriffen, sein maskulines Selbstbild untergraben und seine Domäne bedroht. Allein die Tatsache, dass er seine Frau verdächtigte, ein Verhältnis mit einem Kleinstadtanwalt zweifelhaften Rufs zu haben, machte ihn gefährlich. Zu allem Überfluss stimmte es ja. Falls es ihm gelingen sollte zu beweisen, dass dieses Verhältnis fortbestand, solange der Kampf um das Sorgerecht für die beiden Töchter noch nicht beendet war, würde es ihm gute Chancen einräumen, vor Gericht zu gewinnen. Ich hatte solche Fälle schon früher erlebt. Alice hatte das vor mir erkannt und entsprechende Maßnahmen getroffen. Er hat ein Detektivbüro engagiert, Svend. Die überwachen mich. Ich bin sicher, dass sie auch mein Telefon angezapft haben. Sogar eine Ermittlerin bei der Kripo konnte kaltgestellt werden, wenn der Druck stark genug wurde. Das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren, war ihr größter Albtraum.

Wir mussten eine Pause einlegen, selbst ich hatte das begriffen.

Ich rief sie im Büro an. Es war kurz nach vier.

»Hier Anderson.« Ihre professionelle Stimme klang kurz angebunden und präzise. Aufgrund ihres amerikanischen Backgrounds hatte sie eine gute Schule durchlaufen, auch wenn die kleine, norwegisch geprägte Stadt Fargo, unsterblich geworden durch den Film der Gebrüder Cohen, keine sehr großen Herausforderungen geboten hatte. Aber sie hatte gelernt, eine Waffe zu benutzen.

»Ich bin’s«, sagte ich.

Erst blieb es still. Wir hatten seit zwei Wochen nicht miteinander gesprochen.

»Ja«, antwortete sie dann leicht unterkühlt. »Wie geht’s dir?«

»Nicht gut«, gab ich zurück. »Überhaupt nicht gut.«

»Was ist passiert?«

»Ich hab mir Probleme eingehandelt.«

»Ich dachte, du würdest was Neues erzählen«, sagte sie ironisch, besann sich aber. »Was ist los?«

»Ein Selbstmord«, sagte ich. »Zumindest nehme ich das an.« Ich gab ihr die Kurzversion. »Theoretisch könnte es sich auch um Krankheit oder einen Unfall handeln, aber ich habe kein gutes Gefühl. Sie ist nicht mal fünfzehn geworden und ich fühle mich verantwortlich.«

»Warum ist sie denn zu dir gekommen?«

»Ich weiß nicht genau«, sagte ich. »Aber sie hat mir das Bild eines Penis gezeigt, das sie auf dem Handy ihrer Schwester gefunden hatte. Sie wollte, dass ich herausfinde, wer dahintersteckt.«

»Ein Penisbild?«

»Ja«, sagte ich. »Von einem erwachsenen Mann, zumindest sah es so aus.«

»Du glaubst also, es hat irgendwas mit einem sexuellen Übergriff zu tun?«

»Ist es nicht naheliegend, so was zu vermuten?«

»Dafür, dass du nicht mehr weißt, ziehst du voreilige Schlüsse.«

»Mag sein«, sagte ich. »Aber es gab da irgendetwas an ihr, das mich beunruhigt hat.«

»Verstehe. Kannte sie die Missbrauchsfälle, an denen du gearbeitet hast?«

»Nicht dass ich wüsste.« Ich erzählte Alice von den Narben auf Elviras Arm. »Es ging ihr nicht gut. Ich hatte das Gefühl, dass es da etwas gab, womit sie nicht so recht rausrücken wollte.«

»Missbrauch und Selbstverletzung. Was glaubst du, was kommt zuerst?«

»Gute Frage. Weißt du, ich mochte das Mädchen wirklich, eine kleine Persönlichkeit. Sie kam zu mir, weil sie Hilfe wollte, und ich habe nicht einen Finger gerührt. Das ist die ganze beschissene Wahrheit.«

»Kann ich irgendwas tun?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Du könntest ein bisschen rumschnüffeln, dich mal umhören, was die Ermittler in Tønsberg im Zusammenhang mit dieser Geschichte so treiben, ob sie da überhaupt irgendwas machen.«

»Was ist mit Mørk?«, fragte sie. »Kannst du dich nicht an ihn wenden?«

»Davon gehe ich aus. Aber da ist noch was, worum ich dich bitten möchte.«

»Ich ahnte es schon.«

»Guck doch mal nach, ob du ähnliche Fälle findest. Junges Mädchen, fast noch ein Kind, von einem Erwachsenen missbraucht. Ihr hattet in letzter Zeit doch mehrere solcher Fälle, oder?«

»Es gab ein paar«, erwiderte Alice knapp. »Willst du etwa andeuten, wir hätten da so eine Sache wie damals in Vågå, als der Bürgermeister dieses Mädchen missbraucht hat?«

»Keine Ahnung. Aber vielleicht gibt es einen Modus Operandi, irgendwas, nach dem ich suchen sollte.«

»Du willst den Fall also weiterverfolgen?«

»Ich glaube schon«, sagte ich. »Würdest du das nicht auch tun? Und überprüf doch bitte auch ihre Familie, ja?«

»Ich sehe mal, was ich tun kann. Ach, und Svend?«

»Ja?«

»Der Termin für die Verhandlung wird bald festgesetzt.«

»Das ist gut«, sagte ich. »Du wirst gewinnen. Soll ich als Zeuge aussagen?«

Schon bei unserer allerersten Begegnung hatte mir ihr Lachen gefallen.

Nachdem ich in einem der hochgejubelten Tønsberger Hafenrestaurants eine Mahlzeit verschlungen hatte, traf ich meine Entscheidung.

Elvira Widerbergs sommersprossiges Gesicht wollte nicht verschwinden. Es wurde ständig deutlicher.

Als ich Wilhelm Mørk anrief, ging er ungewöhnlich schnell ans Telefon. »Ich bin’s«, sagte ich.

»Das höre ich«, erwiderte er. »Ich habe schon darauf gewartet, dass du dich meldest.«

»Wieso? Haben wir eine Verabredung?«

»Wenn du nicht angerufen hättest, wären wir wohl gezwungen gewesen, dich herzubringen.«

»Ach ja?«, sagte ich beunruhigt. »Worum geht es denn?«

»Du solltest hierherkommen. Sofort.«

Sein Ton gefiel mir nicht. »Möglicherweise«, sagte ich.

»Um deiner selbst willen«, fuhr Mørk unbeirrt fort.

»Ich werde mal sehen, ob ich noch einen Termin dazwischenquetschen kann.«

Abendliche Stille hatte sich im Präsidium ausgebreitet, als ich das Gebäude betrat. Auf dem Weg nach oben zu Mørk begegnete ich einer der neuen, jungen Polizeijuristinnen. Dass sie schon eine qualifizierte Anwältin war, erschien mir wie ein Wunder. Ich hätte einen Monatslohn darauf verwettet, dass sie gerade mal die Vorprüfungen an der Uni absolviert hatte. Mich beschlich das unangenehme Gefühl, taxiert zu werden, als wir einander auf der Treppe entgegenkamen.

Die Tür zu Mørks Büro war geschlossen, ungeachtet dessen klopfte ich nicht an.

Er telefonierte, als ich die Tür öffnete. Ich befreite den Besucherstuhl von einem Papierstapel und machte es mir bequem, während ich Mørk von der Seite anblickte. Im Gegensatz zu uns anderen war er dem normalen Alterungsprozess anscheinend nicht ausgesetzt. Elegant bis in die Fingerspitzen saß er da und hielt eine schlanke französische Zigarette in der Hand. Er führte ein Gespräch mit einer Person, bei der es sich vermutlich um die neue Rechtsmedizinerin des Krankenhauses handelte, eine junge Frau, zu der Mørk eine Beziehung unterhielt, wie ich fürchtete. Um ihretwillen.

Lächelnd beendete er das Gespräch und drehte sich dann zu mir. »Was hattest du mit dem jungen Mädchen zu schaffen?«

Mir fiel beinahe das Handy aus der Hand. »Wovon redest du?«

»Elvira Widerberg. Ziemlich besonderer Name, nicht wahr?«

»Voller Poesie«, entgegnete ich. »Woher weißt du das?«

»Was denn?«

Die Wortklauberei begann mich zu langweilen. »Vielleicht könntest du mir mal verraten, was los ist?«

»Du wirst in ihrem Tagebuch erwähnt. Als Letzter«, fügte er lakonisch hinzu.

»Im Tagebuch?«, fragte ich tonlos. »Was ist mit ihr passiert?«

»Am Sonntagmorgen wurde sie tot im Badezimmer ihres Elternhauses gefunden.«

»Aber wie ist sie gestorben?«

»Wir haben nur ein vorläufiges Untersuchungsergebnis. Sie wurde mit mehreren Schnitten im Arm in der gefüllten Badewanne gefunden, aber es sieht aus, als sei sie ertrunken.«

»Wie bitte?«

»Auf dem Fußboden haben wir ein leeres Pillenröhrchen gefunden. Tolvon. Das Schlafmittel der Mutter. Wir glauben, dass sie im Laufe des Abends, während ihre Eltern nicht da waren, die Badewanne füllte, eine nicht unbeträchtliche Menge Pillen schluckte und sich mit einem Rasiermesser den Arm aufschlitzte, während sie in der Wanne lag.«

»Ich glaube, sie hat das gemacht«, sagte ich. »Sich zu ritzen, meine ich.«

»Woher weißt du das?« Seine Stimme klang scharf.

»Ich hab die Narben gesehen.«

Mørk gab keinen Kommentar. »Nun, also«, fuhr er schließlich fort, »der Blutverlust war erheblich, aber anscheinend nicht groß genug, um den Tod herbeizuführen. Die Schlafmitteldosis allein war wahrscheinlich auch nicht ausreichend, aber da streiten die Gelehrten.«

»Du meinst, sie ist eingeschlafen?«

»Ja, die Pillen und der Blutverlust haben sie möglicherweise so geschwächt, dass sie eingeschlafen sein kann. Es sieht so aus, als sei sie einfach ertrunken.«

»In ihrer eigenen Badewanne? Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Sie wurde erst am Sonntagmorgen gefunden. Aufgrund des warmen Wassers ist es schwierig, den genauen Todeszeitpunkt zu bestimmen. Wir reden hier von einer Zeitspanne von mehreren Stunden.«

Ich brauchte ein wenig Zeit, um diese Informationen zu verdauen. »Also, was glaubt ihr jetzt? War es ein Unfall?«

»Was glaubst du?«

Die Frage überraschte mich. »Keine Ahnung. Ich kannte sie nicht.«

»Ach so.«

Unmut vermischte sich mit Schuldgefühlen. Eine elende Kombination. »Wieso wurde sie erst am nächsten Tag gefunden?«, fragte ich. »Waren ihre Eltern nicht zu Hause?«

»Elvira und ihre Schwester hatten ein eigenes Badezimmer im Untergeschoss. Als die Eltern gegen Mitternacht nach Hause kamen, haben sie nicht nachgesehen. Sie sind gleich zu Bett gegangen.« Mørk machte eine vielsagende Pause. »Das behaupten sie jedenfalls. Und ehe du fragst: Die Schwester war in der Nacht nicht zu Hause.«

»Nicht zu Hause? Sie ist doch erst siebzehn.«

»Wie ich sehe, bist du gut informiert.«

Ich ignorierte den ironischen Tonfall. »Wo war sie denn?«

»Angeblich bei einer Freundin.«

»Angeblich?«

»Wir untersuchen das noch«, erwiderte Mørk knapp. »Der Großvater war da, aber der ist am frühen Abend wieder nach Hause gefahren. Er wohnt in Oslo. Was weißt du eigentlich über Elvira Widerberg?«

»Nicht viel«, sagte ich. »Bearbeitest du den Fall?«

»Es gibt keinen Fall. Vorläufig nicht«, fügte er betont hinzu. »Es gibt noch eine andere Erklärung, die wir nicht ganz ausschließen können.«

»Wovon redest du?« Mein Bauchgefühl sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Nichts stimmte. Kleine Mädchen durften nicht auf diese Weise sterben. Sie sollten groß werden und ein langes Leben führen. Ich hätte irgendetwas unternehmen müssen und es nicht einfach so beiseiteschieben dürfen. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.

»Es ist ungeklärt, ob die Wohnungstür verschlossen war. Die Schwestern haben einen separaten Eingang.«

»Und wieso ist das unklar?«

»Der Notruf ging um 09.13Uhr ein. Polizei und Rettungswagen waren um 09.27Uhr vor Ort. Der Vater hat am Treppenaufgang auf sie gewartet, dann sind sie gleich hinein. Zu diesem Zeitpunkt war die Eingangstür zum Untergeschoss unverschlossen, wobei der Vater aber behauptet, dass er die Tür aufgeschlossen hätte.« Mørk legte eine Pause ein. »Angesichts der Umstände kann man eben nicht ganz sicher sein, ob seine Erinnerung korrekt ist, wenngleich er erstaunlich gefasst schien.«

»Er ist Pastor«, sagte ich.

»Das wusstest du also?« Mørk sah mich nachdenklich an. »Die Mutter hat einen Schock erlitten. Sie erinnert sich an gar nichts.«

»Habt ihr irgendwas gefunden, was darauf hindeutet, dass die Kleine an dem Abend Besuch hatte?«

»Keine interessanten Spuren, nein.«

»Was meinst du mit interessant?«, fragte ich.

»Es waren natürlich noch andere Personen in der Wohnung. Wir sind gerade dabei, die Spuren zu sortieren. Außerdem«, Mørk legte eine seiner typischen Pausen ein, »gab es einen Extraschlüssel für die Wohnungstür, versteckt an der Mauer hinter der Garage.«

»War der Schlüssel vorhanden?«

»Ja, sicher.«

»Hinter der Garage?« Ich sah ihn skeptisch an. »Könnte ihn vielleicht irgendwer gefunden haben?«

»Das lässt sich nicht ausschließen.« Mit keiner Miene verriet Mørk, was er eigentlich dachte.

»Hatte sie irgendwelche Verletzungen?«, fragte ich weiter. »Habt ihr was Verdächtiges gefunden?«

»Nein.« Mørk blies einen perfekten Rauchring in die Luft. Der schwebte durch den Raum und blieb über meinem Kopf hängen. »Allerdings hinterlässt es nicht unbedingt Spuren, wenn man ein wehrloses Mädchen ein paar Minuten unter Wasser drückt.«

»Glaubst du, dass es sich so abgespielt hat?«

»Ich glaube gar nichts.« Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Eigentlich hätte Mørks Angewohnheit in einem öffentlichen Büro nicht erlaubt sein dürfen, aber der Regelverstoß schien ihn nicht zu quälen. »Es sah auffällig aufgeräumt aus«, sagte er plötzlich.

»Im Badezimmer?«

»Ja.«

»Inwiefern?«

»Tja, ihre Sachen waren ordentlich aufgehängt, die Handtücher zusammengefaltet, die Schuhe exakt nebeneinander, alles war in schönster Ordnung.« Wilhelm Mørks Blick verriet nicht, was er dachte. »War sie ein Ordnungsmensch?«

»Woher soll ich das wissen? Ich kannte sie nicht.«

»Ich hab so was schon erlebt.« Er sah mich nachdenklich an. »Bei Selbstmördern. Sie räumen erst auf, ehe sie den letzten Schritt gehen.«

»Sie war doch noch ein Kind«, sagte ich. »Es muss ein Unfall gewesen sein.«

»Vielleicht«, erwiderte er knapp.

»Was hat sie in ihr Tagebuch geschrieben?«

Mørk antworte nicht sofort. »Das zu hören, würde dir nicht gefallen«, sagte er dann.

»Lass mich das entscheiden.«

»Ich habe das Tagebuch nicht hier, aber ich konnte es lesen.«

Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Mann, der den Kopf ins Zimmer streckte, hatte offenbar nicht den Anstand, um anzuklopfen.

»Ich hörte, dass Sie im Haus gesehen wurden, Rechtsanwalt Foyn«, begann er nicht gerade besonders höflich. Kriminalchef Åsen war ein geplagter Mann. »Wir müssen uns unterhalten.« Er blickte Mørk streng an, der ihn völlig ignorierte, woraufhin Åsen mich barsch anstarrte. »In meinem Büro.« Hustend zog er sich wieder zurück.

Ich stand auf. »Jetzt spuck’s schon aus«, sagte ich.

»Sie hat über dich geschrieben. Allerdings ein wenig speziell für eine Vierzehnjährige, würde ich sagen.«

Ich sank zurück auf den Stuhl. »Was sagst du da?«

»Anscheinend hat sie von dir fantasiert. Es waren doch wohl Fantasien?«

Ich sah ihn angewidert an. »Sie hat mich letzten Freitag in meiner Kanzlei aufgesucht. Das war das einzige Mal, dass ich sie gesehen habe.« Ich war unsicher, ob das die ganze Wahrheit war.

Mørk hob die Hände. »Bleib mal ganz ruhig.« Er wirkte jetzt ernst. »Aber du musst dich darauf einstellen, dass nicht alle das so leichthin akzeptieren. Du hast hier nicht nur Freunde, wie du weißt. Und außerdem«, jetzt schien er wirklich bekümmert, »da gibt es noch mehr.«

»Und das wäre?« Ich war noch immer verwirrt, gar nicht sonderlich ängstlich.

»Laut Obduktionsbericht war sie keine Jungfrau. Oder um genauer zu sein, es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sie sexuelle Erfahrung hatte. Aber so was kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen. Und dieses Bild, das sie dir geschickt hat, was, in aller Welt, sollte das bedeuten? Wir haben ihren Mobilfunkverkehr überprüft«, fügte er erklärend hinzu. »Standardverfahren.«

»Ach ja? Sie hat mir gesagt, dass sie das Foto vom Handy ihrer Schwester hatte. Elvira wollte ihr helfen und hat es an mich weitergeleitet. Sie bat mich, den Mann zu finden.«

»Und darauf hast du dich eingelassen?« Mørk schüttelte den Kopf.

»In einem schwachen Moment«, gab ich zu. »Sie tat mir einfach leid.«

»Dieses Foto kommt nicht von Johanna Widerbergs Handy, das kann ich dir jedenfalls sagen.«

»Ach ja?«, sagte ich. »Und wer hat es dann geschickt?«

»Auf dem Handy der Schwester gab es keine Fotos dieser Art.«

Es war also so, wie ich geahnt hatte. Elvira hatte von sich selbst gesprochen.

»Lass ihn nicht warten.« Mørk zeigte auf die Tür. »Åsen kennt Elviras Vater, und soweit ich weiß, kannte er auch sie. Sie sind Mitglieder in derselben Loge.« Es war kein Geheimnis, dass der Kriminalchef Freimaurer war. Ein natürliches Sammelbecken für Geistliche und Juristen. Bis jetzt hatte ich noch kein Angebot zur Aufnahme in die Loge erhalten.

Kriminalchef Åsen blickte kurz auf, als ich die Tür öffnete. »Setzen Sie sich, wir werden hier ein ganz informelles Gespräch führen.« Mit ausdrucksloser Miene sah er mich an. »Elvira Widerberg. Was hatten Sie mit ihr zu schaffen, Foyn?«

»Sie hat mich in meiner Kanzlei aufgesucht«, sagte ich. »Das ist alles.«

»Letzten Freitag, wenn ich das richtig verstehe?«

»Ja.«

»Und dann starb sie.«

»Ist das eine Frage?«, erwiderte ich.

Er sagte nichts, starrte mich bloß an.

»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte ich. Das schlechte Gewissen hatte mich nicht verlassen, war aber jetzt mit Neugier und wachsendem Unmut vermischt. Was bildete er sich eigentlich ein? Und wieso hatte die Kleine mich in die Sache mit hineingezogen?

»Sie haben recht, Foyn.« Eine Sekunde lang sah ich den Menschen hinter der Maske aufblitzen, dann nahm er wieder seine Angriffsposition ein. »Wie erklären Sie sich das Tagebuch?« Er hielt mir ein rosa Buch unter die Nase. »Es muss doch wohl einen Grund dafür geben, dass ausgerechnet Sie hier eine Rolle spielen?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Es sieht fast so aus, als kannten Sie einander. Was haben Sie dazu zu sagen?«

»Nicht viel«, entgegnete ich. »Sie können gern die ganze Geschichte hören, sie ist nicht lang.« Ich erzählte ihm, was ich wusste. Ich hatte nichts zu verbergen.

»Hm«, sagte er nachdenklich, nachdem ich fertig war. »Anhand ihrer Internetchronik konnten wir sehen, dass sie Sie ein paarmal gegoogelt hat, auch bevor sie zu Ihnen in die Kanzlei kam. Ist es denkbar, dass sie so eine Art Stalker war?« Dass mich irgendwer als Objekt ausgesucht haben könnte, schien mir unbegreiflich. »War sie möglicherweise von Ihnen besessen, ohne dass Sie etwas davon wussten?«

Ich war geradezu beeindruckt von Åsens Fähigkeiten. Auch mir war der Gedanke gekommen. »Das ist natürlich möglich«, sagte ich erstaunt. »Tønsberg ist eine kleine Stadt. Aber weshalb?«

»Eine gute Frage, Foyn.« Åsens Gesicht war unergründlich. »Was glauben Sie?«

Ich wich der Frage aus. »Was wissen Sie über die Probleme der Kleinen?«

»Das können wir Ihnen nicht verraten.« Jetzt war er wieder der Alte.

»Gab es da irgendwelche Kontakte zum Jugendamt?«

»Die gab es nicht, auch wenn sie ein paar Probleme hatte. Die Eltern verstehen überhaupt nichts, aber die sind natürlich in einem Schockzustand.«

»Sie hat von ihrer Schwester gesprochen«, sagte ich. »Aber das war vielleicht eine Art Projektion?«

Erstaunlicherweise schien er mit dem Begriff vertraut zu sein. »Das ist nicht undenkbar, Foyn.«

»Haben Sie vollständig ausgeschlossen, dass es sich um Mord handeln könnte?«

»Keine Anzeichen weisen darauf hin.«

»Was ist mit der Schwester? Haben Sie rausgefunden, wo sie gewesen ist?«

Åsen setzte ein düsteres Lächeln auf. »Die übliche Geschichte. Sie ging aus dem Haus und sagte, dass sie im Laufe des Abends wiederkäme. Doch tatsächlich ist sie mit ein paar älteren Freunden und Freundinnen in ein Wochenendhaus gefahren. Auf Tjøme«, fügte er hinzu. »Sie haben nichts damit zu tun.«

»Sieht nicht so aus, als hätten die Eltern sonderlich viel Kontrolle über ihre Töchter«, sagte ich.

Åsen blickte mich resigniert an. »Haben Sie nicht auch eine Tochter, Foyn?«

»Doch, ja«, erwiderte ich. »Aber sie steht schon längst nicht mehr unter meiner Kontrolle.« Ich unterließ zu erwähnen, dass das sowieso kaum je der Fall gewesen war. Ich wusste, dass Åsen drei Töchter im Teenageralter hatte. »War nicht der Großvater da?«

»Mütterlicherseits, ja«, fügte Åsen kurz hinzu. »Axel Schøtt verließ das Haus gleich nach den Hauptnachrichten im Fernsehen. Laut Aussage der Eltern sollte er eigentlich über Nacht bleiben, aber da Johanna angeblich am Abend wieder zurück sein wollte, hielt er das mit dem Babysitting für überflüssig.«

»Axel Schøtt? Der Richter?« Er war ein bekannter Jurist. Ich war ihm niemals persönlich begegnet, wusste aber genau, um wen es sich handelte. Ein äußerst profilierter Mann in meinem Fachbereich.

»Der Richter a.D.«

»Wie hat er es aufgenommen?«

»Das werden Sie sich ja wohl denken können, Foyn. Wenn er geahnt hätte, dass Johanna vorhatte, woanders zu übernachten, dann wäre er natürlich geblieben. Jetzt macht er sich Vorwürfe. Laut Eltern stand er beiden Mädchen sehr nahe.«

»Hat er überprüft, ob die Türen verschlossen waren, ehe er wieder fuhr?«

»Natürlich hat er das getan. Schøtt ist ein äußerst respektierter Mann.«

»Nun denn.« Ich hatte Probleme zu verstehen, dass das irgendwas mit dem Verschließen der Türen zu tun haben sollte. »Ich hörte, der Schlüssel zum Untergeschoss sei leicht zugänglich gewesen?«

Åsen sah mich entmutigt an. »Ersparen Sie mir bloß Ihre Konspirationstheorien, Foyn.« Er blickte in seine Unterlagen. »Dem Mobilfunkverkehr von Elvira konnten wir entnehmen, dass sie Ihnen ein Foto geschickt hat«, fuhr er mit strenger Stimme fort. »Ein äußerst unpassendes Bild. Warum hat sie das getan?«

»Sie hat es vom Handy ihrer Schwester kopiert und dann an mich weitergeleitet.« Aus irgendeinem Grund hatte ich das Bild nicht erwähnt. Was wohl nicht sehr schlau gewesen war.

»Tatsächlich? Wir haben mit der Schwester gesprochen, sie bestreitet, dieses famose Bildchen überhaupt je gesehen zu haben. Sie meint, Elvira müsse es selbst erhalten haben, vielleicht von einem Unbekannten. Es ist sicher nicht ganz unüblich, dass Teenagermädchen mit derartiger Aufmerksamkeit bedacht werden.«

»Das klingt nicht unwahrscheinlich, abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum Elvira gelogen haben sollte.« Es stimmte nicht ganz. Mir war der Gedanke durchaus schon gekommen, dass sie den Wunsch gehabt hatte, mir etwas Wichtiges über sich selbst zu erzählen, und ihre Schwester dann benutzte, um die Sache zu vereinfachen.

»Teenager leben in ihrer eigenen Welt, Foyn.« Åsen seufzte. »Wer könnte so etwas verstehen?«

»Mich dürfen Sie nicht fragen«, sagte ich und beugte mich zu ihm vor. »Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dass ich dieses Tagebuch zu lesen bekomme?«

Er sah mich skeptisch an. »Nun ja«, sagte er nach kurzer Bedenkzeit, »das sollte sich wohl einrichten lassen.« Er schob das Tagebuch zu mir herüber. Offenbar wollte er meine Reaktion beobachten.

Ich fing hinten an. Die letzten Einträge stammten von Samstag, dem 27.April.

Zuerst hatte sie unsere Begegnung beschrieben. Was ich sagte, wie ich angezogen war, mein Büro, Hulda, der Spaziergang am Slottsfjell, so weit war alles in Ordnung. Dann wurde es schlimmer. Sie sah etwas in meinen Augen, behauptete, mich gut zu kennen, zu wissen, was ich mochte, solche Dinge. An und für sich betrachtet nichts wirklich Ernstes, eher Andeutungen. Aber vor dem Hintergrund, dass sie minderjährig und außerdem kurz danach gestorben war, sah es überhaupt nicht gut aus.

Ich blätterte zu Einträgen, die mehrere Wochen zurücklagen. An einzelnen Stellen tauchte ich erstaunlicherweise auf.

Sie mochte meine Dachgeschosswohnung, ließ aber unerwähnt, ob sie tatsächlich da gewesen war. Möglicherweise hatte sie eine Reportage der Lokalzeitung verfolgt, die mich in meinen vier Wänden interviewt hatte.

Sie wusste genau über bekannte Fälle Bescheid, an denen ich gearbeitet hatte, wusste, wann ich im Gericht gewesen war, viele kleine Informationsfetzen, die für sich betrachtet nicht sonderlich problematisch erschienen, aber alles in allem doch ein erstaunliches Bild abgaben. Dass ich als Rechtsberater in einem Jugendfürsorgefall aufgetreten war, hatte sie ebenfalls registriert und sich genaue Aufzeichnungen gemacht. Der Fall, bei dem es sich um sexuellen Missbrauch und ausgebliebenes Einschreiten der Behörden gehandelt hatte, schien sie offenbar interessiert zu haben.

Åsen beobachtete mich, während ich las. »Und?«, sagte er, als ich aufblickte.

Ich schüttelte resigniert den Kopf. »Das ist seltsam. Sie hatte anscheinend das Bedürfnis, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, und hat aus irgendwelchen Gründen mich ausgewählt.«

Ich war nicht ganz sicher, ob Åsen mich vielleicht verdächtigte, ein unpassendes Verhältnis zu der Kleinen gehabt zu haben.

»Was Sie nicht sagen, Foyn.« Der Kriminalchef sah mich mit düsterem Blick an. »Sie hatte sehr wahrscheinlich schon sexuelle Erfahrung. Und da war sie bei Weitem nicht die einzige Vierzehnjährige, von der man das behaupten könnte.«

Ich verkniff mir die naheliegende Frage, ob er dabei seine eigenen Töchter im Sinn hatte. »Was passiert jetzt? Werden Sie den Fall verfolgen?«

»Welchen Fall?«

»Irgendjemand hat gegen das Gesetz verstoßen. Vierzehnjährige sollten keinen Sex haben und schon gar nicht mit erwachsenen Männern. Für mich sieht es so aus, als wäre der Absender des Fotos ein Erwachsener, und der sollte gestoppt werden.«

»Sie müssen uns nicht erzählen, wie wir unseren Job zu machen haben, Foyn.« Plötzlich war er wieder ganz formell. Vermutlich bereute er sein Entgegenkommen bereits. »Wir werden natürlich ihre Kontakte unter die Lupe nehmen. Sind Sie sicher, dass Sie nicht mehr zu erzählen haben?«

Die Frage gefiel mir nicht. »Absolut.« Einigermaßen verwirrt erhob ich mich. Ich hoffte, dass es damit vorbei war, aber irgendetwas sagte mir, dass es nicht so einfach sein würde. Außerdem quälte mich das schlechte Gewissen. Vielleicht hätte ich Elvira Widerbergs Tod verhindern können.

3

Es überraschte mich, dass die Beerdigung schon am Freitag stattfinden sollte, nur fünf Tage später. Was verdächtige Todesfälle anbetrifft, nahm sich das polizeiliche System in der Regel mehr Zeit. Ich nahm es als Anzeichen dafür, dass die Todesursache festgestellt worden war und man alle Theorien hinsichtlich eines Mordes verworfen hatte.

Ich schaffte es nicht, Elvira aus dem Kopf zu bekommen. Sie begleitete mich am Tage, suchte mich an langen Abenden heim und spukte durch meine Träume. Ein süßes, von Sommersprossen übersätes Gesicht, ein ungelenker, noch nicht ganz reifer Körper. Pippi Langstrumpf. Was war mit dir geschehen?

Begräbnisse waren eine schwere Last. Manchmal, wenn der Verstorbene alt war, des Lebens überdrüssig und bereit, das Jammertal zu verlassen, konnte es schon ganz in Ordnung sein, in einzelnen Fällen sogar beinahe gut.

Aber Kinder sollten nicht sterben. Sie sollten leben, aufwachsen und alt werden. Nicht zu Erde werden und verschwinden, bevor sie überhaupt gelebt hatten. Elvira Widerberg wäre zu einer tollen Frau geworden, einer mit Rückgrat. Sie wäre Journalistin oder Schriftstellerin geworden, hätte all die dummen Kerle einfach überholt und wäre wie viele andere am Ende doch mit einem Typen weit unter ihrem Niveau gestrandet. Ihre Kinder wären Miniaturausgaben von Pippi gewesen, sie hätte an wütenden Demonstrationen gegen Krieg und Ungerechtigkeit teilgenommen, und als Großmutter hätte sie ihren Enkeln davon erzählt, wie es einmal war, in diesem übersättigten Land namens Norwegen zu leben, am Rande der Welt. Aber daraus wurde nichts.

Ich hatte das Gefühl, an der Beerdigung teilnehmen zu müssen, wusste aber auch genau, dass ich nicht erwünscht war. Mørk hatte mich gewarnt. Benutz wenigstens einmal deinen Verstand und halte dich fern.

Ich hörte nicht auf ihn. Ich suchte mir einen Platz ganz hinten in der Kirche von Nøtterøy und wickelte mich fest in meinen Mantel ein, während ich versuchte, mein Gesicht hinter einem Schal zu verbergen.

Die Trauerfeier war viel schlimmer, als ich erwartet hatte, wenngleich sie mit äußerstem Fingerspitzengefühl abgehalten wurde. Die Worte waren passend, die Lieder schön und die Orgelmusik feierlich. Für mich klangen die Worte inhaltsleer. Erwachsene Zuhörer schluchzten, die jüngeren weinten, die Familie war völlig aufgelöst.

Ein paar von Elviras Mitschülern waren gekommen, aber weniger, als ich vermutet hätte.

Elvira zu Ehren hatte ich den Jaguar poliert. Als ich schon wieder auf dem Weg zum Wagen war, tauchte der Kriminalchef wie aus dem Nichts vor mir auf. »Hatten Sie nicht mal den Anstand, sich fernzuhalten, Foyn? Sie sollten an die Familie denken.«

Ich blieb die Antwort schuldig und fuhr schnell davon.

Später konnte es niemand so richtig erklären. Dass bei der Polizei mitunter Informationen durchsickerten, war keine große Neuigkeit. In diesem Fall allerdings hätte ich erwartet, dass Åsen seine Autorität einsetzte, um es zu verhindern. Elviras Familie vor unangenehmem Gerede zu beschützen, hätte oberste Priorität haben müssen. Doch einige Medien sahen das anders. Und ein paar von ihnen hatten Zugang zu jedweder Ermittlung. Wenn dann noch die Anklagebehörde die Presse benutzte, um ihre zweifelhaften Ziele zu erreichen, machte es die Sache auch nicht besser. Jedenfalls war das Tagebuch jetzt bekannt.

Möglicherweise handelte es sich bei der Quelle auch um die Familie. Aus dem Gleichgewicht geraten, von Trauer, Verlust und Wut überwältigt, könnten sie etwas geäußert haben, kleine Bemerkungen, die weitergetragen wurden und sich der Kontrolle entzogen hatten. Sie hatten das Tagebuch gelesen und falsche Schlussfolgerungen gezogen. Ich hätte sie verstehen können.

Am Samstag, sechs Tage nach dem Todesfall, also am Tag nach dem Begräbnis, brachte VG die Geschichte als Aufmacher. Auf geschickte Weise hatte die Journalistin vermieden, Elvira beim Namen zu nennen, sondern hatte sie lediglich als mögliches Opfer in einer norwegischen Kleinstadt am Oslofjord bezeichnet. Verdächtiger Todesfall war der Ausdruck, dessen sie sich bediente. Der Artikel war voller Spekulationen, entbehrte tatsächlicher Fakten, identifizierte aber einen bekannten lokalen Rechtsanwalt als Figur in diesem Drama. Echtes Geschmiere. Nur die Namen fehlten. Am Tag danach war Dagbladet an der Reihe, die lokalen Medien hielten sich zurück.

Damit war der Schneeball ins Rollen gekommen. Zwar wurde mein Name in den Zeitungen nicht genannt, doch in den sozialen Medien sind die Hemmschwellen niedriger und die Dreckschleusen stets geöffnet. Noch am selben Abend war ich in die Geschichte verwickelt. Auch der Inhalt des Tagebuchs war durchgesickert.

Nicht jede Reklame ist gute Reklame.

Bereits am darauffolgenden Montag, nachdem ich das Gefühl hatte, auf dem Weg ins Büro einen Spießrutenlauf absolvieren zu müssen, traf ich meine Entscheidung.

Mit einer polizeilichen Ermittlung konnte ich nicht rechnen. Nachdem sie festgestellt hatten, dass die Kleine Opfer eines tragischen Unglücksfalls war und sonst nichts, und die Familie in erster Linie ihre Ruhe haben wollte, war stark zu befürchten, dass einer Ermittlung keine höchste Priorität eingeräumt werden würde. Es war eben keine Sensation, dass eine frühreife Vierzehnjährige schon erste sexuelle Erfahrungen gemacht hatte. Solange keine besseren Anhaltspunkte für einen Missbrauch vorlagen als ein nicht identifizierbares Handyfoto, würde die Motivation für eine Verfolgung der Sache nicht sonderlich hoch sein.

Ich wusste, wie man in der Behörde dachte.

Ein Telefonat mit Mørk verstärkte meinen Eindruck. Sie hatten sich die Geschichte von allen Seiten angesehen und mit der Schwester und den Eltern gesprochen, ohne etwas Neues zu erfahren. Johanna wusste nichts von irgendeinem Foto und ihr Handy war jungfräulich rein.

»Die Eltern wussten gar nichts.« Wilhelm Mørk klang resigniert. »Zumindest nicht mehr, als dass die jüngste Tochter psychische Probleme hatte, so haben sie das jedenfalls genannt. Vor ein paar Monaten haben sie sie auf Glückspillen gesetzt. Und von einem möglichen Freund hatten sie nie auch nur das Geringste gehört.«

Auch die Schule hatte keine neuen Informationen beisteuern können. »Sie fehlte oft und hatte Konflikte mit Lehrern und Mitschülern.« Ich fühlte mich an meine eigene Schulzeit erinnert. »Wir haben nichts gefunden«, fuhr Mørk fort. »Schon bald ist alles vergessen, deine Rolle auch.« Es klang alles andere als beruhigend.

Äußerst widerwillig öffnete ich das Foto, das Elvira mir geschickt hatte. Ich glaubte nicht, dass der Leuchtturm zu einem Jugendlichen gehörte, aber meine Erfahrung mit Bildern dieser Sorte war begrenzt.

Irgendwo ganz hinten in meinem Gedächtnis tauchte ein Buchtitel auf. Penisatlas. Ich hatte mich amüsiert über die Idee, die Penisse von Männern zu fotografieren, um so zu beweisen, dass wir alle verschieden waren.

Genau das, was ich brauchte.

Meine Paranoia wurde nicht schwächer, als ich mich an den Bibliothekar wenden musste, nachdem ich das Buch allein nicht finden konnte.

Entweder hörte er schlecht oder er war einfach nur bösartig, als er sich zu mir herüberbeugte und die Frage wiederholte. »Penisatlas, sagten Sie?« Er sprach gerade so laut, dass die Warteschlange hinter mir alles genau mitbekam.

»Ja«, sagte ich. »Ein Buch mit Fotos von Penissen. Die interessieren mich.« Ich drehte mich um und wartete auf Applaus. Vergeblich.

Seltsamerweise war das Buch vorrätig. Andererseits vielleicht auch nicht so erstaunlich, weil es an einer versteckten Stelle stand. Espen Esther Pirelli Benestad war als Redakteur aufgeführt. Einhundert Männer hatten ihre Organe zur Verfügung gestellt.

Wieder im Büro, setzte ich mich hin und studierte die Bilder. Espen, oder vielleicht war es Esther, hatte recht. Die Variationen waren enorm. Alles war normal, das war die Hauptbotschaft. Nach eingehenden Vergleichen kam ich zu dem Schluss, dass die Handyausgabe beschnitten war, was laut Autor darauf hindeuten konnte, dass der Besitzer nicht mehr ganz jung war, da diese Operation bei ethnischen Norwegern immer seltener vorgenommen wurde. Für Juden und Muslime hingegen war dieses Ritual immer noch ein wichtiger Teil ihrer Kultur.

Das half mir nicht viel weiter. Ich musste mit der Schwester reden. Sich ihr aber jetzt zu nähern, so kurz nach der Tragödie, hätte nicht gut ausgesehen. Und zu den Eltern musste ich Abstand halten. Bis auf Weiteres.

Facebook war meine Rettung. Alle Teenager hatten dort eine Profilseite, Johanna war da keine Ausnahme.

Durch zweihundertsiebenundzwanzig Freunde, unzählige Bilder, drei Videos und massenhaft Gruppen und Likes bekam ich eine interessante Einführung in Johanna Widerbergs Dasein. Nicht viel deutete unter der polierten Teenageroberfläche auf dunklere Seiten hin, aber sie wirkte doch reifer, als das Alter vermuten ließ. Die Bilder von ihr waren nicht direkt schamlos, hatten aber einen sinnlichen Unterton, der nicht zu einer siebzehnjährigen Schülerin passte. Wobei das nichts bedeuten musste. In der digitalen Wirklichkeit kann jeder seine eigene Identität konstruieren.

Zu meiner Verwunderung konnte ich Elvira auf Facebook nicht finden. Mein erster Gedanke war, dass die Eltern ihr Profil bereits gelöscht hatten, aber das erschien mir unwahrscheinlich. Vielleicht hatte sie schlicht und einfach zu dieser Minderheit gehört, die ihr Leben nicht mit dem Rest der Welt teilen möchte.

Das Mädchen, das Johannas beste Freundin zu sein schien, war Schülerin am Greveskogen Schulzentrum in Tønsberg. Das Foto zeigte ein süßes blondes Mädchen, das älter als siebzehn aussah. Sara Johnsen. Ich wählte sie aus, nicht nur weil sie in der Nähe wohnte, sondern wegen ihres Interesses für Hunde. Der Boxer spielte eine zentrale Rolle in der Familie.

Saras Klasse und Stundenplan ausfindig zu machen, war einfach. Ein fingierter Anruf – und schon hatte ich alle Informationen, die ich brauchte.

Ich war schon deutlich vor zwei Uhr auf der Hauptstraße vor der Schule zusammen mit Hulda in Stellung gegangen. Das Tier hatte sich seltsamerweise ohne Murren damit abgefunden, an diesem Nachmittag eine völlig neue Strecke zu erkunden. Falls Sara gleich nach Hause wollte, ging ich davon aus, dass sie der Straße bis zu ihrem Haus im Trudvangvei folgen würde, wo sie zusammen mit ihrer Mutter lebte.

Ich ließ Hulda von der Leine, als die Mädchenschar auf mich zukam. Das Tier hatte einen unfehlbaren Instinkt, wenn es darum ging, die Reste von Schulbroten oder andere Leckereien zu ergattern, im schlimmsten Fall auch nur Streicheleinheiten und freundliche Worte. Ein ausgewachsener Bernhardiner erregte eine gewisse Aufmerksamkeit.

Ausgehend von den Facebook-Bildern glaubte ich, Sara Johnsen zu erkennen, wenngleich sie in dicke Wintersachen eingepackt war und sich eine Strickmütze tief in die Stirn gezogen hatte. Ganz sicher war ich dann, als das Mädchen stehen blieb und Hulda anstarrte.

»Sie ist nicht gefährlich«, erklärte ich und trat ein paar Schritte auf sie zu.

»Ich fürchte mich nicht vor Hunden«, erwiderte sie, ohne mich anzusehen.

»Dann hast du wohl selbst einen Hund?«

Jetzt blickte sie auf. »Ja«, sagte sie. »Einen Boxer. Er heißt Rex.«