Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Kamikatze - Kerstin Fielstedde

Tierische Geheimdienste entlarven Verschwörungen, Drogengeschäfte und Bestechungsskandale auf höchster Ebene. Katzenagentin Indy wird mitten in Berlin entführt: Sie weiß zu viel über geheime Regierungsgeschäfte. Ihr Bruder Ian stellt ein iCats-Elite-Team auf die Pfoten, das sich auf die Suche nach ihr macht. Gemeinsam mit einem arroganten Schoßhund, einer sprengstoffverliebten Ratte und einem halben Regenwurm heften sie sich an die Fersen des schwergewichtigen Unterweltbosses Maulwurf Sumo. Um Indy aus dessen Klauen und der tödlichen Gefahr in einer Tierversuchsanstalt zu retten, zählt jede Sekunde ...

Meinungen über das E-Book Kamikatze - Kerstin Fielstedde

E-Book-Leseprobe Kamikatze - Kerstin Fielstedde

Kerstin Fielstedde beendete ihr Design-Studium an der FH Münster mit Auszeichnung und arbeitete im Anschluss als Art- und Kreativ-Direktorin. Nach leitender Funktion in drei Werbeagenturen wagte sie 1994 mit ihrer eigenen Agentur, profiel Werbemanagement, den Schritt in die Selbstständigkeit. Seit 2014 ist sie zudem geschäftsführende Gesellschafterin des profiel Instituts für identitätsbasierte Markenführung in Bremen. Sechs Monate nachdem sie und ihr Mann Katzenzuwachs bekommen hatten, begann sie, inspiriert von Ian und Indy, ihren ersten Krimi »Kamikatze« zu entwickeln. Neben dem Schreiben und Erfinden gehören Motorradfahren, Tauchen, Squash und Reisen zu ihren Hobbys – und natürlich Katzenkraulen, Katzen-Klickertraining … und wurden eigentlich schon die Katzen erwähnt?

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: istockphoto.com/Hibrida13;

shutterstock.com/Emmeewhite

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Illustrationen: Lilla Varhelyi und Kerstin Fielstedde

Lektorat: Marit Obsen

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-310-3

Ein Katz und Maus Krimi

Originalausgabe

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Wenn du jemandem auf die Brille trittst, erinnere ihn: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Antoine de Saint-Exupéry

AM BODEN

»Nimm deine dreckigen Pfoten von meinem Schwanz!«

Indy war fuchsteufelswild. In nur wenigen Sekunden hatten große Ratten sie im Chefbüro mit Blick auf die Spree umstellt. Sofort ging die bunt gescheckte Maine-Coon-Katze in Angriffsposition. Sie musste aufpassen, der schneeweiße Marmorboden war spiegelglatt. Alles edel eingerichtet – viel Glas, moderne Kunst an den Wänden und schweineteure Designersessel. Allein der unaufgeräumte Schreibtisch störte das Bild. Dahinter eine Reihe von Podesten mit Architektur-Modellen, die von Deckenspots punkterleuchtet wurden.

Im Finanzministerium für Liegenschaften und offizielle Prachtbauten, kurz FLoP genannt, war alles nur vom Feinsten.

Die Ratten rückten näher. Hier auf dem Boden stand die Katzenagentin wie auf dem Präsentierteller. Sie brauchte Rückendeckung. Die größten unter den Nagern hatten bereits zugepackt und versuchten, sie am Schwanz festzunageln. Indy fauchte, drehte sich im Kreis und schnappte nach ihnen. Der Erste, der sie ansprang, wurde noch in der Luft zu ihrer Beute. Wie ein trockener Zweig brach sein Genick in ihrem Maul.

Das hatte er davon! Befriedigt schleuderte sie den Leichnam in hohem Bogen an die blütenweiße Kalkputzwand. Ihr Nahkampf-Ausbilder beim Katzengeheimbund – sprich KGB – wäre stolz auf sie.

Sie nutzte die Schrecksekunde unter den Angreifern und sprang elegant aus dem Stand heraus auf den Schreibtisch. Schnell suchte sie sich oben Munition zusammen. Hier lagen mehrere frisch gespitzte Bleistifte. Perfekt. Präzise schleuderte sie ihre Holzspeere mit Karacho von oben auf die an den glatten Schreibtischbeinen hochkletternden Angreifer. Durchbohrt fielen sie zu Boden und rissen die Nachfolgenden mit sich.

Keine Gnade.

Es tobte ein schlimmes Gemetzel mit schweren Lochern, Geheimakten, Flitschegummis und abgestandenem Kaffee aus einer verwaisten Tasse. Als abgebrühte Geheimagentin konnte Indy alles zur Waffe machen, was ihr in die Pfoten kam. Aber sie konnte nicht an vier Fronten gleichzeitig kämpfen.

Als die Nager schließlich die Platte eroberten, sprang sie weiter auf das nächstgelegene Podest. Nun stand sie weithin sichtbar, voll im Rampenlicht, inmitten weiterer Säulen mit Miniaturen auf dem Modell vom Flughafen BER. Immerhin hatte sie dafür eine ungehinderte Rundumsicht.

Mehr und mehr Ratten strömten aus dem Lüftungsschacht ins Büro und sahen grimmig zu ihr herauf. So viele. Die Bodenfarbe wechselte von Weiß zu Mausgrau. Einige hielten etwas in den Pfoten, das wie ein Blasrohr aus einer Filzstifthülle aussah. Es schienen noch Jungtiere zu sein. Die Katzengeheimbund-Agentin schenkte ihnen keine Beachtung. Zu sehr war sie damit beschäftigt, die großen Angreifer auf Abstand zu halten. Mit kräftigen Bissen riss sie die festgeklebten Flugzeuge von den Landefingern des Gebäudes und nutzte sie als todbringende Bumerangs.

Zack! Und ex. Die Boeing A380 aus solidem Metall hatte gesessen. Guter Flieger. So konnte sie lange weitermachen.

»Miautsch!«

Verdammt, sie hatte nicht aufgepasst. Etwas Spitzes hatte sie in die Flanke gestochen. Doch außer einer feuchten Papierkugel, gespickt mit kleinen Stacheln, sah sie nichts. Sie schnaufte verächtlich. Ein kleiner Piks im Bein war halb so wild. Kinderkram. Schnell zog sie das Ding mit den Zähnen raus und tackerte den nächsten Attentäter, der die Säule hochkam, mit ihren scharfen Krallen am Terminal B fest. Ein riesiger Kerl. »Wage es …«, zischte sie und schnappte zu.

Das heißt, sie wollte zuschnappen. Komisch. Die Ratte war ganz weich im Maul. Wie Watte. Sie bekam den Kiefer nicht richtig zu, um den Nager zu zerbeißen. Ein Sabberfaden lief ihr aus dem Maulwinkel. War die Stachelkugel doch nicht so harmlos gewesen?

Ihr Opfer wand sich frei und griff an. Das war anscheinend das Signal für die anderen, die unter dem Schreibtisch versteckt abgewartet hatten und nun geschlossen nach oben drängten. Unter dem geballten Ansturm der Rattenarmee fing Indys Säule an zu schwanken und kippte.

Dang. Dang. Dang. Dang. Wie Dominosteine fielen die Säulen mit den Modellen ineinander und krachten auf den harten Untergrund. Im letzten Moment sprang Indy ab, machte eine Judorolle und kam, wenn auch wacklig, auf ihren Pfoten zum Stehen. Pech. Nun befand sie sich mitten im Heer des Feindes – ungeschützt.

Sofort nutzten die Angreifer ihren Schwachpunkt: Das lange, ungepflegte Fell der KGB-Agentin wurde ihr zum Verhängnis. Die Ratten sprangen daran hoch und klammerten sich an den verfilzten Strähnen fest. Erst nur ein paar. Dann mehr und mehr. Bis die schlanken Beine der Katze das Gewicht kaum noch tragen konnten.

Doch Indy würde sich nicht unterkriegen lassen. Nicht von diesen dreckigen Ratten! Erhobenen Hauptes stand sie, steifbeinig und stolz, gleich einem kätzischen Ehrendenkmal da. Ihre Beine zitterten, sie wankte immer stärker. Um nicht zu fallen, suchte sie sich einen Fixpunkt: die kläglichen Reste des Flughafens. Sie hatte den Grund für das Scheitern des Projektes gefunden. Und für die Probleme der vielen anderen Großbauvorhaben, die in Deutschland Ärger machten. Doch sie hatte gestümpert und einen Moment lang nicht aufgepasst. Dadurch hatten die Ratten die Oberhand gewonnen. Konnte sie ihr Wissen je weitergeben?

Sie wusste: Wenn sie nicht heimkam, würde sich ihr kleiner Bruder Sorgen machen. Fand er den versteckten Hinweis? Doch. Sicher fand er ihn! Ian war schlauer als alle, die sie kannte – auch wenn er ziemlich durch den Wind war. Traurig dachte sie an das Handicap ihres Bruders. Ian lebte als Hauskater, weil er sich nicht mehr unter seinesgleichen traute. Er brauchte ihre Hilfe. Was würde mit ihm passieren, wenn sie verschwand? Sie beide waren die einzige Familie, die sie noch hatten.

Der Gedanke daran raubte ihre letzte Kraft. Indys Pfoten knickten weg. Wie in Zeitlupe brach sie zusammen. Es machte ihr Angst, dass diese grauen Aasfresser jetzt frei und ungehindert über sie hinwegliefen. Doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte ihre Kampfkraft und Klugheit überschätzt.

Hilflos wie Gulliver in Liliput lag sie auf dem kalten Steinboden, an ihren eigenen Haaren von Ratten niedergerungen und festgezurrt. Sie wollte sich aufbäumen, aber sie hatte keine Kontrolle mehr über ihre Glieder.

Zig kleine Pfoten zerrten ihren schlaffen Katzenkörper über den polierten Marmor in Richtung Ausgang. Die übrigen Ratten entsorgten ihre gefallenen Kumpane und wischten fieberhaft alles sauber. Die Säulen wurden wieder aufgerichtet, die Modelle notdürftig zusammengeklebt und an ihren alten Platz gestellt. Profis. In ein paar Minuten würde nichts mehr an den Kampf erinnern, der heute hier stattgefunden hatte.

Die Sieger tanzten hämisch vor Indys Nase herum und wetzten drohend ihre langen gelben Schneidezähne. Säbelrasseln vor dem Feind.

»Das war’s für dich, meine Hübsche«, flüsterte ihr der Anführer ins Ohr, der dem Tod zuvor nur knapp entronnen war. »Schöne Grüße von Professor Sumo. Du hättest dich nicht mit ihm anlegen sollen, Dummchen. Jetzt kommst du an einen Ort ohne Wiederkehr!«

»Geh weg!«, wehrte sie geschwächt ab. Es klang wie ein Seufzen. Irgendjemand musste das Licht ausgemacht haben.

So dunkel.

Sie glitt ins Nichts.

TOTENTANZ

Kalt. Ian schüttelte die rotblonde Löwenmähne. Herbstbeginn in Berlin. Draußen vor dem Fenster herrschte fahles Zwielicht. Es wurde bereits früher dunkel, und die Temperaturen sanken. Langsam machte er sich wirklich Sorgen.

Im Stillen verfluchte er seine Schwester. Das ganze Haus hatte er schon abgesucht. Dies war der letzte Platz, den er noch nicht schnurrhaarklein überprüft hatte. Wenn Indy hier nicht war, wusste er nicht mehr weiter. Dann war Schluss für ihn. Der Maine-Coon-Kater wollte nur noch schlafen gehen.

Müde schlich er unter dem Glasschreibtisch seines Menschen entlang. Er blickte hoch in das der Wohnung angeschlossene Großraumbüro. Überall das ganz normale Chaos, wie immer um diese Zeit. Keiner nahm sich die Muße, seine Unordnung zu beseitigen. Die Zweibeine waren eilig abgerauscht. Alles verlassen, Totentanz. Inmitten der von gelben Haftnotizen übersäten Papierwüste standen riesige Monitore. Sie wirkten kalt und leblos. Aber an den Kopfleisten befanden sich winzige Kameras. Leuchtdioden signalisierten die Bereitschaft, bei der kleinsten Mausbewegung hochzufahren.

Ian fühlte sich beobachtet und zog den Kopf zwischen die Schultern. Konnten die ihn sehen? Er kannte sie, diese Fenster zur schönen bunten Welt mit ihren Versprechungen und all den tollen Dingen, die man kaufen sollte. Eins neuer, besser und großartiger als das andere. Dinge, die aber am Ende alle nichts bedeuteten. Stattdessen lauerte dahinter die permanente Erinnerung, das elektronische Gedächtnis. Das System merkte sich, was dir gefiel. Es verkaufte den Firmen dein Fell so billig. Bald wusste jeder, wer und wo du warst.

Das abgewetzte Parkett knackte laut. Ian zuckte zusammen und gefror mitten in der Bewegung. Kam da jemand? Unheimlich. Mit erhobener Schnauze schnupperte er, öffnete leicht das Maul und atmete mit seinen Extra-Sinneszellen tief durch.

Der Geruch! Ein Mief nach altem Menschenstress und neuer Technik. Aber … da war noch etwas. Etwas Schlechtes.

Ian war einfach zu müde, er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Zeit zum Abbruch der Suchaktion. Er drehte seine Ohren mit den kleinen Luchspinseln ein letztes Mal in alle Richtungen und hörte durch die geschlossenen Fenster leise, gedämpfte Verkehrsgeräusche. Daneben gemahnte ein unerbittliches Ticken nahezu ohrenbetäubend laut an die Vergänglichkeit allen Seins.

Tick. Tack. Tick. Tack.

An der hohen weiß gekalkten Wand hing eine moderne Kuckucksuhr, deren Dach von kleinen Megafonen überwuchert war. So was von scheußlich. Zweibein-Bling-Bling.

Kurz vor sieben, und noch immer keine Spur von Indy. Sie war nicht hier. Ganz hinten registrierte er noch etwas Leben: Der Rechnerpark gab Wärme ab. Die Computer liefen den ganzen Tag und waren erst vor Kurzem heruntergefahren worden. Ausgepowert, so wie er. Fahrig glitt sein Blick weiter.

Da! Da war etwas! Direkt hinter dem Server ragte eine steife Pfote hervor. Ian blieb fast das Herz stehen. Das war der Geruch: Es roch nach altem Tod! Er wollte nicht näher herangehen und der Wahrheit ins Auge blicken, doch er brauchte Gewissheit. So sank er tiefer und aktivierte den lautlosen Schleichmodus. Wie ein Schatten pirschte sich der Kater an den Rechner heran. Ihn quälten die schlimmsten Befürchtungen. Sein Herz raste. Er spähte um die Ecke und …

»Mauuuh!« Ein Stoßseufzer entwich seiner Kehle. Mit der Kralle machte er drei Kreuze ins Parkett. Das war nur Indys Lieblingsspielzeug, eine abgewetzte Hasenpfote, die sie ständig mit sich herumschleppte. Passte überhaupt nicht zu seiner sonst so toughen Schwester. Sie bestand darauf, die schäbige Pfote brächte Glück.

Hmm. Nachdenklich musterte er das Ding. Irgendwas war merkwürdig an der Art, wie es dort lag.

Stopp! Sein Puls war trotz der Erschöpfung zu hoch. Ruhig atmen und putzen. Das heilige Mantra.

Ian versuchte zu entspannen. Beruhige dich. Keinesfalls durfte er sich noch mehr aufregen. Er wusste nur zu gut, wo das bei seinem Gesundheitszustand endete.

Der kranke Kater war fix und fertig. Er sollte die Suche wirklich abbrechen! Nur noch eben prüfen, wohin die Pfote zeigte, bevor sie der Putzfrau zum Opfer fiel.

Er stellte sich hinter den Glücksbringer und peilte die Richtung, in die er wies.

Der Papierkorb! Ian lief näher, stellte sich auf die Hinterbeine und schaute hinein. Mist. Gerade geleert. Falls sich darin eine Botschaft befunden hatte, war sie jetzt Geschichte. Aber seine Schwester war clever. Sie hätte etwas Bleibendes hinterlassen. Denk nach, Sherlock!, befahl er sich. Was blieb, auch wenn der Papierkorb geleert wurde? Natürlich, der Behälter!

Ian umschlich den weißen Plastikeimer in Knitteroptik und scannte ihn von oben bis unten. Da durchschnitt aus heiterem Himmel ein trötender Fanfarenstoß die Stille im Büro. Vor Schreck sprang er mit allen vieren gleichzeitig in die Luft und prallte dabei mit dem Hintern gegen den Papierkorb, der polternd umfiel.

»Kuckuck!«

Ians Herz schlug Purzelbäume. Er hatte die verdammte Uhr vergessen. Das Plastikvögelchen plärrte weitere sechsmal »Kuckuck«. Dann verstummte es. Immerhin war der Kater jetzt wieder voll da.

Und da sah er es, auf dem Boden des Plastikeimers, eingeritzt in uralter Katzenkeilschrift. Die hatten sie als Rassekätzchen auf Wunsch ihrer strengen Mutter lernen müssen. Sie entstammte einem kanadischen Adelsgeschlecht mit beeindruckendem Stammbaum und hatte großen Wert auf eine klassische Ausbildung ihrer Kitten gelegt. Was hatten sie gemurrt, dass sie das staubtrockene Zeug lernen mussten! Keilschrift war so ewig gestrig. Keine moderne Katze brauchte das – und niemand beherrschte sie mehr außer den alten Gelehrten. Und ihnen natürlich.

Mühsam entsann sich Ian seiner eingerosteten Fertigkeiten und entzifferte die Symbole. Ständig fielen ihm dabei die Augen zu. Mit überkätzischer Anstrengung riss er sie immer wieder auf.

Da stand …

Da stand …

Vorbei. Die Linien verschwammen vor seinen Augen. Er fiel in ein schwarzes Loch und war weg. Wie im Traum schwebte er durch einen düsteren Tunnel und hörte von Weitem das aufgebrachte Knurren seiner Schwester: »Lass mich los, verdammter Abschaum, ich geh da nicht rein!«

Wütendes Fauchen und entfernte Kampfgeräusche.

Dann herrschte Stille.

Ian wusste nicht, wo er war. Unendlich lange irrte er umher. Er sah nichts, fühlte sich fremd und einsam ohne die Stimme seiner Schwester. Die Kälte kroch ihm bis in die Knochen. Es roch nach … Medizin. Ein unangenehmer Geruch nach schweren Chemikalien und Blut biss ihn in die Nase, und etwas Großes, Gemeines ganz in Weiß kam drohend auf ihn zu. Ian schlug wild mit den Pfoten um sich. Er wollte weg! Nur weg!

Strampelnd kämpfte er sich zurück ins Bewusstsein und hatte Probleme, sich zurechtzufinden. Er lag noch immer auf den alten Eichendielen neben dem umgekippten Papierkorb, doch inzwischen dämmerte der Morgen. Stunden waren vergangen. Ein sehr langer Blackout. Schon wieder. Das passierte zu oft in letzter Zeit. Exakt seit Anfang des Monats. Da fehlten ihm gleich mehrere Tage. Vorher hatte er nur Abseits-Phasen von höchstens zehn Minuten gekannt.

Auch diesmal fehlte ihm jede Erinnerung an die Zeit der Ohnmacht. Er blickte auf Indys Botschaft. Nicht nur Katzenkeilschrift. Nein, dahinter verbarg sich zu allem Überfluss ein Code. Der KGB ließ grüßen. Ians fotografisches Gedächtnis speicherte die Buchstabenfolge automatisch ab. Er würde die Bedeutung entziffern, sobald er klar im Kopf war.

Der Kater stemmte sich hoch und sah in die aufgehende Sonne über den Dächern von Berlin. Scharf gezeichnete Rauten aus Licht fielen durch die Scheiben der Fensterkreuze und eroberten langsam den Raum. Über Nacht war es wieder wärmer geworden, fast zu warm für diese Jahreszeit. Staubkörnchen flimmerten wie Goldflitter in der Luft und reizten ihn zum Niesen. Einpfotig putzte er sich die Nase. Draußen zwitscherten die ersten Vögel. Eine genervte Zweibein-Mutter schimpfte mit ihrem heulenden Nachwuchs.

Ian riss sich zusammen. Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Nüchtern betrachtete er die Lage: Laut innerer Uhr vermisste er Indy seit mehr als achtundzwanzig Stunden. Er musste davon ausgehen, dass ihr etwas passiert war. Sonst hätte sie sich gemeldet. Das tat sie selbst dann, wenn sie in geheimer Mission unterwegs war. Denn bei all ihrer Abenteuerlust war seine Schwester überaus zuverlässig. Sicher wurde sie irgendwo festgehalten. Das bedeutete, er musste raus, um sie zu finden. Raus in die Stadt. Dabei hatte er sich geschworen, sie nie mehr zu betreten. Draußen würde er auf Spötter treffen. Auf Freigänger, die ihn für sein Problem verlachten. Die ihn trotz seiner antrainierten Selbstbeherrschung wütend machen würden. Und die er dafür nicht mal hassen durfte.

Er machte sich nichts vor. Als reinrassiger Wohnungskater war er trotz seiner stattlichen Erscheinung nicht straßentauglich. Auch wenn er sich durch tägliches Klickertraining in Topform hielt – das Hängebäuchlein blieb.

Okay, er war schlau. Seine analytische Kombinationsgabe konnte sich sehen lassen. Indy nannte ihn Sherlock, wenn sie ihn aufziehen wollte, und das nicht ohne Grund. Er hatte schon als Kätzchen immer alles ganz genau wissen müssen. Doch bei Ermittlungen hielt er nicht mehr lange durch.

Es sei denn … Er dachte an das Notfallgeschirr. Eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme, wenn er auf die Dachterrasse ging. Bestückt mit Vitaminpasten, Medikamenten und Riechsalz.

Vielleicht. Vielleicht ginge es. Mit Vollausrüstung und einem starken Kameraden. Zumindest für eine gewisse Zeit. Er hatte aber keine Freunde außer seiner Schwester. Indy hingegen schon. Unwiderstehlich zog sie unzählige Bewunderer an. Obwohl sie sich schlecht pflegte, war sie auf eine wilde Art wunderschön. Durch ihren intensiven Blick hatte sie schon viele Zweibeine das Fürchten und diverse Kater das Schmachten gelehrt. Ian ging die Verehrer einen nach dem anderen durch. Dann hatte er die Lösung: Maxim!

Erstens war der athletische Norweger riesig und womöglich stärker als er selbst. Er könnte ihn im Ernstfall tragen. Zweitens war der Kater seit Langem schwer in Indy verliebt. Und drittens galt er in Berlin als der »Assange« der Katzenszene. In Sachen Internetrecherche machte ihm so schnell niemand etwas vor.

Der Albino konnte ihm bei der Suche nach Indy sicher helfen. Allerdings munkelte man, sein weißer Pelz ziehe das Unglück an wie Pech und Schwefel den Teufel …

EIN GROßER FAN

Je länger Ian darüber nachdachte, desto einleuchtender erschien ihm seine Wahl. Norweger Waldkatzen waren die größte bekannte Hauskatzenrasse. Noch vor seiner Familie, den Maine Coons. Und obwohl der Straßenkampfexperte mit den vielen Narben extrem gefährlich aussah und gern den starken Kater markierte, wusste Ian um Maxims weiches Herz. Er musste das große Raubein nur ins Boot holen. Wenn er richtiglag, reichte dafür ein Zauberwort: Indy.

Er legte das vollgepackte Geschirr an, hebelte mit der Pfote die schwere Balkonschiebetür auf und zwängte sich durch das Geländer über dem Carport. Zweieinhalb Meter bis aufs Dach. Das war zu schaffen. Dann auf die Mülltonnen und weiter runter auf die Straße.

Das Kopfsteinpflaster fühlte sich feucht an und dampfte leicht in der Sonne. In der Nacht musste es geregnet haben. Alles sah sauber und neu aus. Straßen und Bürgersteige lagen vor ihm wie leer gefegt.

Nun war er also zurück in freier Wildbahn. Fühlte sich gar nicht so schlecht an. Verwirrt nahm Ian gleich mehrere Dutzend Gerüche gleichzeitig wahr. Nach der langen Zeit im Haus musste er seine Sinne für die Natur erst wieder trainieren. Vorsichtig trabte er an.

Das Notfallgeschirr scheuerte beim Laufen leicht an der Achsel. Egal. Er lief weiter. Sein creme-rot gestreiftes Fell glänzte wie Bronze in der Sonne. Er war ein Tiger. Na gut, ein Stubentiger. Doch er beherrschte die Straße. Ian wagte es, ließ los. Vergaß alle Einschränkungen und gab Gas. Er rannte, was das Zeug hielt. Wind umwehte seine Schnauze. Der Asphalt flog unter seinen Pfoten dahin. Er fühlte sich so frei und leicht wie nie zuvor. Wie eine Kater-Morgana tauchte das Revier des Norwegers vor ihm auf: Kreuzberg.

Maxim war nicht zu übersehen und überall zu riechen. Sein weißes Fell strahlte pieksauber in der Sonne, während er einen Stromkasten markierte. Ian bremste in leichten Trab ab. Verunsichert fragte er sich, wie er sein Anliegen am besten vorbringen sollte. Seit ihrem letzten Treffen war eine lange Zeit vergangen. Damals war er auch noch jünger und gesund gewesen.

Schließlich versuchte er es einfach mit dem, was er für Straßensprache hielt: »He, Meister Proper.«

Maxim hielt inne.

Ian bleckte die Zähne zu einem Grinsen. »Hält dein Zweibein dich immer noch für ein Mädchen?«

Autsch, der wunde Punkt. Der große Weiße war kastriert worden, bevor er zu seinem Menschen kam. Dieser meinte bis heute, es handele sich bei Maxim um eine – wenn auch sehr hässliche – weibliche Katze. Sehr zum Leidwesen des Macho-Katers.

Dem riesigen Norweger entfuhr ein leises, aber tiefes, grollendes Schnurren. Er sah aus wie eine Hyäne kurz vor dem Zubeißen. »Wer bist du denn? Mir scheint, du möchtest dein Aussehen neu überdenken, Plüschpfote. Da bist du bei mir aber genau richtig!« Drohend erhob er die Tatze und machte einen Buckel, was ihn noch größer wirken ließ.

Ian merkte, dass er sich im Ton vergriffen hatte. Kleinlaut ruderte er zurück. »’tschuldigung. Ist mir so rausgerutscht. Ich bin’s, Ian, der Bruder von Indy.«

»Der kleine Ian, na, so was.« Maxim ließ die Pfote sinken, als er Indys Namen hörte. »Du bist nicht oft auf der Straße, oder? Ich hätte dich fast nicht erkannt in dem Aufzug. Ist schon wieder Karneval?« Interessiert musterte er Ians Geschirr mit dem Military-Muster.

»Das trägt man jetzt.« Ian hatte keine Lust, Maxim gleich das Bauchfell zu zeigen. »Ist der letzte Schrei.«

»So, so.« Der Norweger sah ihn zweifelnd an. »Sag mal … wie geht es eigentlich deiner Schwester?«, schob er möglichst beiläufig nach.

»Deshalb bin ich hier. Ich glaube, gar nicht gut. Sie ist verschwunden. Normalerweise hätte sie sich längst bei mir gemeldet. Stattdessen hat sie mir einen rätselhaften Hinweis hinterlassen, einen Code. Ich brauche deine Unterstützung.«

Der Ehrgeiz des weißen Riesen war sofort geweckt. »Indy in Schwierigkeiten? Was stehen wir hier noch rum? Komm mit zu mir. Das müssen wir nicht auf der Straße besprechen. Daheim habe ich alle Möglichkeiten.« Mit hochgerecktem Schwanz machte er auf der Pfote kehrt, lief los und überließ es Ian, mit ihm Schritt zu halten.

In einem übel heruntergekommenen Hinterhofeingang erklomm Maxim behände die steile Treppe in den dritten Stock. Ian keuchte hinterher, setzte sich neben einen Stapel Pakete und hielt sich die Seite, als er oben war. Er musste dringend sein Klickertraining verschärfen.

Maxim feixte. »Warte hier, ich muss eben die Alarmanlage ausschalten.« Er verschwand durch eine chipgesteuerte Katzenklappe. Kurz darauf wurde die alte Holztür von innen knarzend aufgezogen. »Sorry wegen der Umstände. Aber mein Zweibein ist Programmierer und etwas neurotisch, seit er als Hausbesetzer zweimal zwangsgeräumt wurde.«

Ian besah sich misstrauisch die Überwachungstechnik im Eingang. Neueste Kamerageneration mit Nachtsicht-Optimierung.

Der Albino bemerkte seinen Blick und lächelte bescheiden. »Wunder dich nicht, mein Mensch steckt jeden Cent, den er nicht hat, in die Technik. Dafür holt er sich die Möbel von der Straße. Besserer Sperrmüll, wie man sieht.«

Tatsächlich. Ian stellte fest, dass die Einrichtung aus einem wilden Stilmix bestand, der aber sehr gemütlich wirkte. Hier ließ es sich aushalten: Sämtliche Holz- und Polsterelemente waren von Maxim sauber markiert und ordentlich zerkratzt worden. Überall standen große, nicht ganz ausgetrunkene Kaffeebecher in unterschiedlichen Formen. Aus Kneipen gestohlene Ascher mit Werbeaufdruck und ausgedrückten Selbstgedrehten darin schienen sie zu umkreisen wie Satelliten die Sonne. Ergänzt wurde das Stillleben von kleinen Figürchen aus Überraschungseiern. Für eingeschworene Sammler vermutlich hochinteressant. Für alle anderen eine Flut von Plastikmüll.

Die Wände waren tapeziert mit Filmplakaten. Verknickte Star-Trek-Poster zeugten von Forscherdrang und der Faszination für fremde Zivilisationen. Dieser Mensch war ein Trekkie. Ian warf einen kurzen Blick in die Küche. Sie glänzte durch halb leere Colaflaschen neben unordentlich gestapelten Tellern mit angetrockneten Essensresten und Türmen aus fettigen Pizzakartons. Überall auf dem Boden lag Beschäftigungs-Spielzeug für den Norweger herum.

»Das Paradies auf Erden«, bekannte Ian staunend. »Hier wird’s einem so schnell nicht langweilig.«

»Tja, und das ist erst der Anfang. Die wirklich spannenden Sachen findest du auf meinem Tab.«

»Du hast deinen eigenen Tablet-PC?«

»Sicher, wir haben vier davon. Mein Zweibein ist als App-Entwickler immer auf dem neuesten Stand. Seiner hat sogar Spracherkennung.«

Ian war wider Willen beeindruckt. »Nicht schlecht. Du kennst dich damit aus?«

»Sicher, wenn du etwas wissen willst, frag mich nur. Ich finde es im Nullkommanichts für dich raus.«

Ian zögerte. »Ich nenne dir den Code, den Indy hinterlassen hat. Aber den gibst du niemandem weiter! Verstanden?«

»Alles klar. Leg los.« Maxim lief zu seinem Tablet, aktivierte es per Pfotendruck und tippte ein Passwort ein. »Also: Wonach müssen wir suchen?«

Ian buchstabierte ihm die Formel.

PR OF SB HH KS ?

»Kannst du damit was anfangen?«

»Mal schauen. Klingt einfach. Ist aber gerade deshalb schwer zu knacken.« Maxim tippte rasend schnell auf dem Tablet-Computer herum. »Das könnten Abkürzungen für alles Mögliche sein. ›Public Relations‹ für PR, gefolgt von OF, das englische Wort für ›von‹. Oder OF ist einfach das Kürzel für ›Offenbach‹.«

Ian dachte nicht lange nach. »HH ist jedenfalls das Kennzeichen der Hansestadt Hamburg.«

»Korrekt ermittelt.« Maxim kam in Schwung. »Dann bedeuten SB und KS folgerichtig Saarbrücken und Kassel.«

»Oder Stuttgart, Berlin und Köln«, widersprach Ian. »Meine Schwester hat die Codierung paarweise vorgenommen. Was jedoch nicht heißen muss, dass die Buchstaben tatsächlich zusammengehören.« Er schlug erregt mit seinem langen Schwanz, obwohl er ansonsten äußerlich völlig ruhig wirkte. »Allerdings würde dann auf Stuttgart, Berlin und Köln noch mal Stuttgart folgen. Das scheint mir auch unwahrscheinlich. Zumal das Fragezeichen ungeklärt ist. Es muss noch eine andere Lösung geben.«

Maxim nickte. »Ich suche mal nach Hinweisen, ob und wie die Städte miteinander in Verbindung stehen.«

Er recherchierte auf dem Tablet nach Zusammenhängen und wurde rasch fündig: »Kamaunz, Volltreffer! Da gibt es Gemeinsamkeiten. Hör zu! Hier: ›Sicherheit war gestern. Verzehnfachung der Kosten beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie. Justiz ermittelt unter reger Anteilnahme der Politiker.‹ Oder hier: ›Finanzministerium für Liegenschaften und offizielle Prachtbauten setzt Millionen in den Sand. Erneuter Baustopp für Katastrophenprojekt Flughafen Berlin-Brandenburg.‹ Und hier: ›Skandal bei Bauvorhaben Stuttgart 21. Wütende Bürger fordern Transparenz von der Regierung. Kosten ohne Ende. Steuerzahler investieren in ein schwarzes Loch.‹«

Der Kater wischte mit der Pfote über das Tablet und überflog weitere Einträge. »Was Offenbach, Saarbrücken und Kassel angeht, ist fast nichts in der Richtung zu finden. Aber hier: ›Zerfall der Kölner U-Bahn. Endloses Chaos bei der Unfallklärung am Stadtarchiv. Wird der Dom die nächste Fallgrube? Sand im Getriebe der Bauträger. Politiker schaufeln sich ihr eigenes Grab.‹«

Ian kalkulierte messerscharf. »Maxim, das sind alles gescheiterte Bauprojekte der Regierung, um die es in den Berichten geht. Wie passt das zu Indys Verschwinden? Und was hat das mit Public Relations zu tun? Oder bedeutet PR was anderes? Ich weiß nur, dass sie einer ganz großen Sache auf der Spur war. Nachdem meine Schwester eine Ratte erwischt hatte, war sie total aufgedreht. Nuschelte was von Regierungsskandalen, Drogen und verschwundenen Agenten. Einer hieß Bondy oder so. Indy wollte über die Details der Mission nicht reden. Anscheinend war das Ganze topsecret. Die Antwort steckt vielleicht im ersten Teil des Rätsels.«

Mit seiner Vorderkralle ritzte Ian nachlässig die ersten Buchstaben des Codes in den schmuddeligen Holzfußboden.

PR OF S

Schlagartig war er hellwach. Natürlich, das war die Lösung: Ihr alter Bekannter war aus der Versenkung aufgetaucht!

VISIONEN IM MÜLL

»Maxim, ich hab’s: PROF ist die Abkürzung für Professor, und ich kenne nur einen, der mit S anfängt. Indy war an Professor Sumo dran, dem König der Unterwelt und meistgesuchten Verbrecher Deutschlands.«

»Typisch! Mit Kleinigkeiten gibt sich das Mädchen nicht ab.« Der bewundernde Unterton in Maxims Stimme sprach Bände. »Sucht sich beim KGB immer die gefährlichsten Aufgaben aus, bei denen andere den Schwanz einkneifen. Aber diesmal hat sie es wohl übertrieben.« Er dachte einen Moment lang nach und sah Ian dann forschend an. »Du willst zu Sumo?«

Ian nickte widerstrebend. »Ich muss wohl. Und du kommst mit. Ich brauche dich.«

Nachdenklich kratzte sich Maxim mit der Hinterpfote am Ohr. »Vor so einem Höllentrip muss ich das Orakel befragen. Ich kann dir nur helfen, wenn es uns grünes Licht gibt.«

Ian biss die Zähne zusammen. Dieser gefährlich aussehende Megakater war allen Ernstes abergläubisch bis in die Schnurrhaarspitzen. Doch er sah ein, dass Vernunft fehl am Platze war, wollte er ihn zur Mitarbeit überreden. Da er Maxims Hilfe brauchte, musste er wohl oder übel dessen Macken akzeptieren. »Was schlägst du vor?«, fragte er beherrscht.

»Kennst du Schlucki und Koma, die siamesischen Fischzwillinge?«

»Du meinst das Orakel des Ostens?« Ian erinnerte sich.

Die Fischbrüder stammten ursprünglich aus Sachsen und lebten im Tümpel einer abgelegenen Autobahnraststätte. Dort entsorgten vorbeifahrende Rowdys ihren Müll und Schlimmeres. Gefährliche Substanzen ließen das Wasser in allen Regenbogenfarben schillern. Das erklärte auch den Zustand der Zwillinge, die in der Mitte zusammengewachsen waren und über insgesamt drei Augen verfügten.

Schlucki litt zeitlebens unter einem bösen Schluckauf. Der entkräftete die beiden dermaßen, dass sein einäugiger Bruder als der Schwächere des Gespanns häufig bewusstlos wurde. Natürlich konnte dabei auch Komas Neugier eine Rolle spielen. Der siamesische Fischzwilling fraß so ziemlich alles, was bunt genug war, um Vergnügen zu versprechen. Sehr zum Ärger seines Bruders, der die zugedröhnte schlechtere Hälfte dann an der Hüfte durch die Gegend schleifen durfte.

Ein besonderer Nebeneffekt ihrer ungesunden Lebensweise war die Synchronisation der Brüder mit dem Universum. In hellen Momenten sahen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im gesamten Raum als Einheit. Das machte sie als Visionäre für viele Ratsuchende unentbehrlich.

Um den Zustrom der Bittsteller in Grenzen zu halten, bediente sich das Gespann allerdings sehr rabiater Umgangsformen. Es kam nicht selten vor, dass man wüst beschimpft und bespuckt wurde, wenn man die falsche Frage stellte. Aber immerhin, man durfte fragen. Und Indy war es wert, dieses vergleichsweise harmlose Risiko einzugehen.

»Lass uns gehen, wenn es für dich wichtig ist.« Ian hatte seine Entscheidung getroffen. »Wir werden die Prophezeiung des Orakels hören. Jetzt sofort. Unsere Mission duldet keinen Aufschub.«

Maxim betrachtete ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Respekt. »Oooookay. Was ist dir lieber? DPD oder UPS?«

Verständnislos blickte Ian dem Albino ins Gesicht.

Maxim lachte. »Siehst du den Haufen Pakete da im Flur?«

Ian sah zur Eingangstür. »Das ist unser Transportmittel?«, fragte er ungläubig.

»Riiiiichtiiiiich. Mein Dosenöffner bestellt ständig elektronische Geräte im Internet und schickt die Hälfte davon wieder zurück. Kostenfrei, versteht sich. Wir ändern einfach den Adressaufkleber eines Paketes. Und zack, bringt uns der Kurier direkt zu Schlucki und Koma.«

»Du meinst, wir beide zusammen in so einer winzigen Kiste eingesperrt?«, fragte Ian entgeistert. »Du und ich?«

Maxim taxierte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Hast du vielleicht eine bessere Idee?«

»Laufen«, meinte Ian.

»Traumtänzer. Hin und zurück sind es über siebzig Kilometer. Das dauert viel zu lange. Denk an deine Schwester.«

»Du hast recht«, gab Ian zu. »Aber dann nehmen wir den Kurierdienst.« Er deutete auf den Paketstapel im Treppenflur. »Eilsendungen!« Durch die transparente Katzenklappe spähte er hinaus. »Auf dem da steht, Abholung ist in einer Viertelstunde.«

Maxim nickte, öffnete die Tür und schubste das Paket hinein. »Mein Dosenöffner wird toben. Das ist eine Kundenlieferung auf Termin. Vorkonfiguriertes Sicherheitssystem. Wird verdammten Ärger geben, wenn das Zeug nicht rechtzeitig ankommt.« Er streckte sich. »Egal, was tut man nicht alles fürs schwache Geschlecht.«

Der weiße Kater druckte den neuen Adressaufkleber aus, während Ian mit chirurgischer Präzision das Paketklebeband an einer Seitenkante mit der Kralle auftrennte. Den schweren Kartoninhalt zerrte er in eine vermüllte Flurecke. Gemeinsam schoben sie das leere Paket vor die Haustür.

Fachkätzisch überklebte Maxim die alte Adresse. »Augen zu und rein«, befahl er. »Ich hol nur noch fix meinen Glücksbringer.«

Mit einer Kette um den Hals kam er zurück. Daran hingen eine Erkennungsmarke, ein USB-Stick mit der Aufschrift ›Supertalent‹ und eine versilberte Engelsflügel-Muschel. Klimpernd zwängte sich der Riese dicht hinter Ian in die Kiste und trat dem Maine Coon dabei kräftig auf den Schwanz. Ian nahm es schweigend hin und versuchte, sich in der stickigen Enge einzurichten. Wenigstens roch es sehr angenehm nach Pappe. Er schnupperte an der Wand: beste B-Welle mit beidseitiger Kraftliner-Kaschierung. Ein Traum für jede Katze. Er hätte den Karton nur gern für sich allein gehabt.

Es schellte bei mehreren Wohnungen, gefolgt von einem langen Summton. Ein Nachbar hatte den Öffner aktiviert. Unten ging die Haustür auf. Der Kurier polterte herein. Laut rief er den Namen seiner Firma das Treppenhaus hinauf. Als keine Antwort kam, schleppte er sich grummelnd in die dritte Etage. Die Holzstufen ächzten unter seinem Gewicht.

Vor der Wohnungstür legte das anscheinend recht füllige Zweibein kurzatmig eine Pause ein und klingelte schließlich Sturm. Ian und Maxim verhielten sich mucksmäuschenstill. Als keiner aufmachte, fluchte der Kurier, entfernte sich aber nicht. Sicher betrachtete er das Paket. Las den Aufkleber.

Ein piependes Geräusch ertönte, als er die Lieferung mit seinem Handlesegerät einscannte. Dann wuchtete er die schwere Fracht mit Ach und Krach die Treppe runter. Unsanft warf er den Karton ins Kurierauto, das mit laufendem Motor in zweiter Reihe stand, und legte einen Kavaliersstart hin.

Zu Beginn der Fahrt wurden die Kater ordentlich durchgeschüttelt, doch als sie die Autobahn erreichten, kehrte etwas Ruhe ein. Lange lauschten sie dem monotonen Dröhnen des Motors, das von der Pappe nur mäßig gedämpft wurde.

»Wir sollten eigentlich bald da sein.« Maxim wurde langsam ungeduldig. Der schweigsame Ian war ein langweiliger Reisegefährte. Er hob den Deckel an und lugte durch den Schlitz hinaus.

Das Kurierfahrzeug bog gerade von der Autobahn ab. Mit einer scharfen Bremsung blieb es an der Raststätte stehen. Der Fahrer stieg aus und spuckte auf den Boden, als er den gottverlassenen Ort sah. Hier war niemand, dem er das Paket in die Hand drücken konnte.

»Schnell raus«, befahl Maxim, »bevor er kehrtmacht.« Er knuffte Ian in die Seite, zwängte sich aus dem Karton und sprang durch das halb offene Seitenfenster in die heruntergekommenen Rabatten. Ian folgte ihm tattrig auf der Pfote.

»Wo lang?«, fragte er schläfrig. Das gleichmäßige Schaukeln des Wagens hatte ihn eingelullt.

Maxim deutete in Richtung eines überquellenden Mülleimers. »Geh schon vor, ich muss mal das Revier markieren.«

Der Maine Coon verstand. »Kein Problem. Ich erkunde die Gegend, während du deinen Geschäften nachgehst.«

»Tritt nicht in farbige Pfützen und achte auf den Boden. Man weiß nie, was hier alles kreucht und fleucht«, rief ihm Maxim warnend hinterher, als Ian losdackelte.

Unheimlich. Ian schlich auf leisen Pfoten und mit vor angespannter Wachsamkeit zitternden Schnurrhaaren durch die abgestorbene graubraune Vegetation. Es roch nach einer Mischung aus Faulgas und Altöl. Dunkle Lachen glänzten auf der Erde. Ein scharfer Wind pfiff ihm um die Ohren, und er meinte, eine klagende Stimme herauszuhören: »Geeeh niiiicht. Versuuuucher des Schicksaaaals.« Sofort bekam er eine Gänsehaut. Sein Fell stellte sich auf. Der buschige Schwanz sah aus wie eine Flaschenbürste. »Bleiiiiib hiiieer«, zischelte es in seinem Nacken.

Ian machte eine blitzschnelle Kehrtwendung und schaute direkt in die grinsende Visage von Maxim, der gerade wieder dazu übergegangen war, pfeifende Windgeräusche zu imitieren.

»Merkwürdige Art, um Schläge zu betteln«, schnaufte er und gab ihm feste eins auf die Nase.

Maxim zuckte nicht mit dem Schnurrhaar. Als Straßenkater war er Haue gewohnt. »Fühlst du dich jetzt besser?«, fragte er.

Ian zog es vor, nicht darauf einzugehen. »Geh vor, Maxim, du kennst dich hier ja bestens aus, nehme ich an.« Verhalten niesend ergänzte er: »Orakeljunkie.«

Maxim reckte seinen Schwanz steil in die Höhe, streckte die Beine durch und plusterte sich auf. Trittsicher lief er mit federndem Schritt vorneweg. Am Rand eines mit spärlichem Schilf bewachsenen Tümpels ragten trostlos die schwarzen Silhouetten verbogener Gerätschaften aus dem Wasser. Zerfetzte Plastiktüten und alte Kanister schwammen verstreut herum. Dazwischen waberten in unendlicher Langsamkeit farbige Schlieren auf der trägen Teichoberfläche. Ian blickte gebannt hinein. Ihm wurde ganz anders.

»Sieh nicht hin«, ermahnte ihn Maxim. »Hier ist schon manch einer verrückt geworden und nie wieder zu sich gekommen. Beobachte und lerne vom Meister.«

Er schloss die Augen, warf sich in die Brust und fing an zu deklamieren:

»Manta, Manta, Tümpel, Tee,

Schlucki, Koma in dem See,

kommt jetzt raus zum Feiern

und fangt nicht an zu reihern.«

»Was ist das denn für ein Blödsinn?«, empörte sich Ian. »Als Nächstes kommt vermutlich noch ›Ich hab euch bei den Eiern‹ oder was?«

»Schht«, zischte Maxim. »Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Kater. Nie gehört? Die Zwillinge stehen auf Poesie. Sie reagieren nicht auf normale Lockrufe. Weil jeder Depp sie Tag und Nacht anruft und etwas über seine Zukunft wissen will.«

Das faulige Wasser fing an, unheilvoll zu brodeln. Langsam erhoben sich zwei kapitale Köpfe aus der stinkenden Brühe.

»Nu gugge ma da. Ei verbibbsch, zwee Barg-blads-wechdor. Was bab-beld ihr hior für nen Stuss?« Dem Schluckauf nach musste der Redner Schlucki sein.

Ian hielt die Luft an und wies mit der Pfote auf Maxim. Der beugte sich erfreut vor. »Na und, hat doch geklappt. Ihr seid ja aufgetaucht, oder?«

»Dis iss waa! Un mihr sin oochen-blicklich wie-da wech, wennde dich nich aus-märsd.« Drohend entblößte Schlucki ein paar krumm und schief stehende Hauer in seinem Maul.

»Okay.« Maxim kramte ein paar Minzhäppchen hervor. »Ich habe gehört, ihr steht auf so was?«

Das Interesse von Koma war geweckt. »Wasn dis?«, lallte er.

»Probier mal.« Maxim warf ihm eins direkt ins Maul. Koma schluckte gierig. Was folgte, war pure Enttäuschung.

»Gemuddeltes Zeich. Hasde keene härderen Drogn?«

Maxim schaute auffordernd zu Ian, der sich im Ohr rumbohrte, als ob es dort schlimm juckte. Sächsisch war für ihn gewöhnungsbedürftig. Seufzend opferte er eine Amphetamintablette aus seinem Notfallgeschirr.

Koma war begeistert. »Pervitin, voll guud! Schmegg ich aus neunzich Drogn naus.«

»Al-so was wolldn ihr?«, hakte Schlucki nach. Er blickte strafend auf seinen Bruder. »Mach hinne, mihr hamm nisch e-wich Zeid.«

Maxim schilderte ihr Anliegen im Express-Tempo und fragte, ob seine Sterne für die Mission günstig stünden.

»Genuch!«

Koma begann sich in Zuckungen zu winden und die Augen zu verdrehen, bis sie wie gekocht aussahen. Dann griff das Delirium auch auf Schlucki über, und beide singsangten:

»Im Schlossbark Bellevue

währded ihr Freindä findhn.

Achded uff Zerberus,

wohnd Under den Linden.

Seid am Uffor des Hades

wennde ›Tadord‹ beginnd.

Schaffd ihr es nich

Indys Läbn verrinnd.

Gäkige Gaddse schbiehld mit’m Feiorr.

Vorrgoofd ihr Fell irre deier.

Am Ändä fälld een Schuss,

nu is aus und Schluss.

Ob du Glick hasd oder nich,

sachd dir glei die Funnsl.«

Mit den letzten Worten versanken die Zwillinge gurgelnd, umgeben von giftgrünem Licht, in der stinkigen Brühe.

»Wartet!«, schrie Maxim. »Was für ’ne kränkliche Katze spielt mit dem Feuer? Wie, ›Aus und Schluss‹? Aus wie ›Aus die Maus?‹ Verdammt, kommt noch mal zurück!«

»Was war das denn?« Ian rieb sich beide Ohren und kratzte sich verwirrt am Kopf. Nachdenklich blickte er auf die blubbernde Oberfläche. »Schau doch.« Er wies auf das letzte Glimmen unter Wasser. »Du hast grünes Licht.«

Maxim maunzte verhalten. Er wirkte skeptisch.

Für Ian ergab die Reimerei allerdings nach und nach durchaus einen Sinn. »Die haben gesagt, wir sollen zum Ufer des Hades. Das ist die Unterwelt. Achte auf die Wortwahl: ›Ufer‹. Der Einstieg liegt also am Rande eines Gewässers.« Er war selbst überrascht, wie logisch er auf einmal alles fand. »Im Park hinter dem Schloss Bellevue gibt es einen großen Teich. Dort muss es sein. Und wo sonst sollten wir Zerberus, dem Höllenhund, begegnen, wenn nicht am Eingang zur Unterwelt? Das Schloss ist außerdem der Sitz des Bundespräsidenten, und Indy sagte was von Regierungsskandalen. Der ›Tatort‹ läuft immer sonntags um zwanzig Uhr fünfzehn. Also in genau dreiundvierzig Minuten. Dann müssen wir vor Ort sein.« Er erhob sich. »Hör auf zu grübeln und schwing die Pfoten. Vielleicht haben wir ja Glück, und der Kurier ist noch da«, drängte er den unschlüssigen Maxim. »Der fährt bestimmt direkt wieder zurück in die City.«

Maxim sah auf seine Glücksbringer und küsste die silberne Muschel. »Wird schon stimmen …«, sagte er zögernd. Dann straffte er die Schultern und richtete sich auf. »Okay, gehen wir Indy retten.«

Die beiden legten den Turbo ein. Der Kurier, der eben seine Zigarette austrat, stutzte, als er in ihre Richtung sah. Schnell stieg er in den Wagen und orgelte den Motor hoch. Mit durchdrehenden Reifen fuhr er an. Im letzten Moment hechteten die Kater durch das offene hintere Seitenfenster und schlüpften zurück in den Karton.

»Puh, das war knapp.« Ian machte es sich bequem und sah auf seinen Kumpel. »Setz dich, Sonnenschein. Der Fahrer hat dich gesehen. Du müsstest echt mal was tun wegen deiner Fellfarbe. Weiß ist zu auffällig. Das wird dir eines Tages noch zum Verhängnis werden.«

Er ahnte nicht, wie schrecklich recht er mit seiner Prophezeiung behalten sollte.

KÖNIG DER UNTERWELT

Rücksichtslos rechts überholend rauschte der Kurier die Autobahn entlang und schnitt die Fahrzeuge auf der Überholspur. Die Katzen wurden im glatten Karton hin und her geworfen. Ian merkte, dass es Maxim immer mulmiger wurde. Um ihn abzulenken, sah er den Norweger im Dunkeln mit seinen leuchtend grünen Katzenaugen an.

»Du weißt nichts über Sumos Herkunft, oder?«

Maxim schüttelte mit dicken Backen den Kopf.

»Angefangen hat er als ehrgeiziger junger Maulwurf in unserem Garten«, erzählte Ian, »doch der wurde ihm schnell zu eng. Er liebte gutes Essen und wurde fett und fetter. Bald passte er nicht mehr durch seine eigenen Gänge. Also expandierte er in die Kanalisation. Unterwarf dort die überraschte Rattenbrut mit einer Mischung aus brutaler Gewalt und großen Versprechungen. Ihre Anführer hat er einen nach dem anderen ausgeschaltet. Er warf sich einfach auf sie, machte sie mit seiner Körpermasse platt, bis sie keinen Piep mehr sagten. Jimmy, der Kuschelkiller. Kein-Zahn-Patrick. Ed, der Flüsterer. Irgendwann hörte ich auf, mir die Namen seiner Opfer zu merken. Er trieb dieses Mörderspiel so lange, bis sich ihm der führungslose Rattenmob aus Angst, Gier und Schwäche unterwarf.«

Maxim wurde noch blasser. »Und den wollen wir angreifen?«, fragte er gepresst. »In der Kanalisation, auf seinem eigenen Grund und Boden?«