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Als José, ein verarmter Student, Ende 1518 Andalusien verlässt, um in der Neuen Welt sein Glück zu suchen, lebt der junge Azteke Xopil, noch unberührt von den merkwürdigen Erscheinungen, die bei den Bewohnern der Hauptstadt Tenochtitlán große Sorge auslösen, in einem abgeschiedenen Bergdorf. Während der eine später neben Hernán Cortés mit einem Korps wagemutiger Spanier ins mächtige Reich der Mexica vordringt, ist der andere bereit, an der Seite des Königs Cuauhtemoc bis zum Äußersten gegen die Eroberer zu kämpfen. Die Geschehnisse zwingen sie als erbitterte Gegner in einen Strudel von Gewalt, Heimtücke und ärgster Gefahr. Es scheint, als drohe ihnen unausweichlich der Tod. Können Apacueye und Chimalman, die sie aus Liebe retten wollen, das Schlimmste verhindern?
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Stefan Schoblocher
Kampf um Tenochtitlán
Zwei historische Romane
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Inhaltsverzeichnis
Titel
ERSTES BUCH
Ich war bei Cortés Capitán
Der Entschluss
Aufbruch
Auf Gedeih und Verderb
Strafgericht
Beförderung
Wartezeit
Zwischenfall
Kraftprobe
Vor der Stadt
Einzug
Der Schatz
List und Tücke
Der Handstreich
Das Todesurteil
Zwiespalt
Die bösen Omen
Ruhe vor dem Sturm
Ein neuer Gegner
Nachtangriff
Hiobsbotschaft
Angst und Sorge
Zugzwang
Unerwarteter Auftrag
Auf Leben und Tod
Der Aufstand beginnt
Gewissensnot
Verhängnisvoller Versuch
Sturz der Götter
Montezumas Tod
Die schreckliche Nacht
Sehnsucht
Rückkehr an den Texcocosee
In der Falle
Befreiung
Flucht
Am Ziel
ZWEITES BUCH
Xopil, Kämpfer für den letzten aztekischen König Cuauhtemoc
Die Nachricht
Gefangen
In Tenochtitlán
Die Flucht
Empfang beim König
Auf dem Teocalli
Im Calmecac
Versuchung
Atlacols Tod
Der erste Auftrag
Chimalman
Im feindlichen Lager
Zwischen Zweifel und Hoffnung
Unterwegs nach Xoloco
Begegnung mit Cortés
Untergang
GLOSSAR
Impressum neobooks
Ehre und Geld
gehen nicht in
den gleichen Sack.
Spanisches Sprichwort
Der Roman erschien erstmals 2007
Ich war bei Cortés Capitán. Wenn ich heute, zwölf Jahre nach den Ereignissen, die mich erhöht und erniedrigt, beglückt und gepeinigt haben, daran denke, kommt es mir manchmal fern und unwirklich vor. Meist aber entsinne ich mich so deutlich, als wäre es gestern gewesen. Dann muss ich nur die Augen schließen, um vor mir zu sehen, was hoffnungsvoll in Andalusien anfing und ganz anders als erwartet in Tenochtitlán endete.
Auch jetzt, am frühen Morgen des 5. Juli Anno Domini 1533, bedrängen mich die Eindrücke. Darum beginne ich aufzuschreiben, was seinerzeit geschehen ist. Die cochenillerote Tinte, mit der ich meine Feder tränke, erinnert mich an das viele Blut, das wir vergossen haben, um unsre selbstsüchtigen Ziele zu erreichen. Unsre maßlose Gier, die mir jetzt unverständlich ist, hat uns zu erbarmungslosen Mördern gemacht. Es fällt mir schwer, all die schreckliche Schuld einzugestehen, die wir auf uns geladen haben. Wieder und wieder versucht eine verlogene innere Stimme, die Missetaten abzuschwächen. Doch ich werde ihr kein Gehör schenken. Ich verspreche, mich streng an die Tatsachen zu halten, nichts zu beschönigen, nichts zu verschweigen, auf Ehre und Gewissen, so wahr mir Gott, der Allmächtige, helfe.
Bei meinen frühen Jahren will ich nur kurz verweilen: Geboren wurde ich in einem kleinen, nördlich von Sevilla gelegenen Dorf. Meine Eltern, der Weinbauer Pedro Udillo und seine Frau Luisa, ließen mich auf den Namen José taufen. Ich verbrachte eine unbeschwerte, erlebnisreiche Kindheit. Oft spielte ich mit Gleichaltrigen auf den Uferwiesen des Huelva, der mitten durchs Dorf fließt, oder in den Tälern der nahen Berge, wo es an heißen Tagen angenehm schattig war. Unsre Unternehmungen weckten manchmal heftiges Fernweh in mir. Meine Mutter, eine gütige, kluge Frau, die der Allmächtige leider nur mit einer schwachen Gesundheit bedacht hatte, verstärkte diese Sehnsucht noch, ohne es zu beabsichtigen. Befreundet mit der Tochter des Alkalden, war ihr die Gunst gewährt worden, an den Stunden eines Hauslehrers teilzunehmen. Da er beide Mädchen mit der gleichen Sorgfalt unterrichtete, lernte Mutter sehr gut lesen und schreiben. Später nutzte sie die erworbenen Fähigkeiten und eignete sich Wissen an, wie es für eine Frau ihres Standes äußerst selten war.
Mit großem Geschick gab sie ihre Kenntnisse an mich weiter, und es gefiel ihr, dass ich mich ehrgeizig und aufnahmefähig zeigte. Von ihr erfuhr ich Besinnliches, Erstaunliches und Atemberaubendes über Könige, Staatsmänner, Heerführer und Abenteurer. Während ich mit erhitztem Gesicht ihren Erzählungen lauschte, vertiefte sich in mir der Wunsch, eines Tages etwas zu vollbringen, was niemand vorher geschafft hatte.
Als Mutter an einer fiebrigen Erkrankung starb, war ich noch keine siebzehn Jahre alt. An ihrem Grab spürte ich, dass nun alles anders sein, mir fortan ihr liebevolles Verständnis fehlen würde.
Obwohl mein Vater, ein rechtschaffener, wortkarger Mann, selbst arg unter dem harten Schicksalsschlag litt, bemühte er sich, mir über die schwere Zeit hinwegzuhelfen. Als er mir später riet, nach Sevilla zu gehen, um meiner Neigung zu folgen und das durch Mutter vermittelte Wissen an der noch jungen Universität zu erweitern, bedeutete es für einen Mann seiner Herkunft und Lebensweise einen ungewöhnlichen Schritt, und ich wusste, dass er ihn große Opfer kosten würde. Trotzdem nahm ich seinen Vorschlag an, weil ich glaubte, mein geheimer Wunsch ließe sich so leichter erfüllen. Die große Stadt, in der ich eine preiswerte Bleibe bei einer älteren Offizierswitwe fand, verwirrte mich anfangs. Erst als ich Isabel, die schlanke, schwarzhaarige Tochter eines Magisters, kennenlernte, gewann ich mein inneres Gleichgewicht zurück. Das erste Mal sah ich sie, als sie ihren Vater nach einer Vorlesung abholte. Ich war sogleich von ihrer Anmut bezaubert, verliebte mich bei den nächsten Begegnungen heftig in sie und glaubte, dass auch sie mir mit der ganzen Kraft ihres Herzens zugetan sei. Sie wurde so wichtig für mich, dass ich, in Gedanken meist mit ihr beschäftigt, bei den seltenen Besuchen, die ich meinem Vater abstattete, nichts von seinen Sorgen und Nöten bemerkte.
Erst die Kunde von seinem Tod ernüchterte mich. Durch das durchtriebene Ränkespiel einer Familie, die auf unsre ertragreichen Weinberge aus war, hoffnungslos ins Elend getrieben, hatte er seinem Leben ein Ende gesetzt. Vom alten Camillo, dem langjährigen treuen Freund, der ihm bis zuletzt beistand, erhielt ich seinen Abschiedsbrief. Er war mit den von Mutter erlernten, ungelenken Buchstaben verfasst und hatte folgenden Wortlaut:
Mein lieber Junge!
Da sie es geschafft haben, mich mit List und Tücke an den Bettelstab zu bringen, ist mein Leben sinnlos geworden. Versuche nicht, die Schmach zu rächen. Es würde auch Dich ins Verderben stürzen. Am meisten quält mich, dass ich Dich mittellos zurücklassen muss. Ich kann bloß unsren Herrgott bitten, dass er Dich beschützt und mir meinen Schritt vergibt.
Leb wohl!
Dein unglücklicher Vater.
Der Brief trieb mich in einen tiefen Zwiespalt. Bis heute ist mir unerklärlich, wie ich es schaffte, meinen Vergeltungsdrang zu unterdrücken. Sicher weiß ich nur, dass ich hoffte, bei Isabel Trost zu finden. Doch als ich mich ihr, nach einem scharfen Ritt auf meinem Falben in die Stadt zurückgekehrt, arglos offenbarte, musste ich erkennen, wie sehr ich mich getäuscht hatte. Vom verarmten Sohn eines Selbstmörders wollte sie nichts mehr wissen! Wahrscheinlich war sie mir nie so innig verbunden gewesen wie ich ihr. Sonst hätte sich ihr Sinn selbst unter dem Einfluss ihres Vaters nicht derart gewandelt.
Ich fühlte mich elend und empfand zum ersten Mal, wie dicht Himmel und Hölle beieinanderliegen. Meiner Wirtin verdanke ich, dass ich nicht jeden Glauben verlor. Sie riet mir, in die Neue Welt zu ziehen, wo ich die schlimmen Geschehnisse vergessen und vielleicht mein Glück finden könnte. Ihr Vorschlag belebte mein Verlangen, etwas Außergewöhnliches zu vollbringen, und ich hielt es für möglich, dass der Allmächtige mich so hart prüfte, um meine Tatkraft zu wecken.
Am nächsten Morgen kaufte ich Proviant, sattelte den Falben und brach auf. Es fiel mir trotz allem schwer, die Stadt zu verlassen, ohne Isabel noch einmal zu sehen. Ich wünschte, dass es mir gelänge, ihr eines Tages wohlhabend gegenüberzutreten.
Der Traum, den ich lange nährte, bildete einen wesentlichen Antrieb für mein Handeln. Drängt es nicht viele, einem Menschen, durch den man sich schuldlos gedemütigt fühlt, irgendwann zu beweisen, verkannt worden zu sein?
Ich ritt südwärts und bemühte mich, meiner Lage die beste Seite abzugewinnen. Auf halbem Weg zur Küste ereignete sich ein Vorfall, der mir wie ein Wink des Schicksals erschien.
Als der Falbe durch ein Dorf trabte, hörte ich aus einer Seitenstraße Schreie und Flüche. An die Einmündung gelangt, sah ich einen Mann vor drei Verfolgern fliehen. Zwei waren ihm dicht auf den Fersen. Ich hatte den Eindruck, sie würden ihn bald einholen. Was meinen Entschluss bestimmte, weiß ich bis heute nicht. War es der verzweifelte Gesichtsausdruck des Flüchtlings? Glaubte ich, in seinen Augen einen Hoffnungsschimmer zu entdecken, als sich unsre Blicke begegneten? Oder wollte ich ihm einfach aus seiner Bedrängnis helfen?
Ich zügelte das Pferd und rief: „Spring auf!“
Der Verfolgte zögerte. Traute er mir nicht?
„Los!“, drängte ich und streckte ihm meine Hände entgegen.
Da eilte er heran und schwang sich, von mir unterstützt, vor mich auf den Falben. Sofort begann das treue Tier zu traben, und die Häscher blieben rasch zurück. Eine Weile vernahmen wir noch ihre Verwünschungen, schließlich verhallten auch sie.
Erst kurz vor Sonnenuntergang stiegen wir in einem buschbestandenen Tal ab und suchten einen geschützten Platz für die Nacht. Der Flüchtling war etwas kleiner als ich, hatte aber breite Schultern und sehr kräftige Arme. Ich bemerkte es, als er den rechten Ärmel hochstreifte, um die feuerrote Wunde zu betrachten. Während er sie vorsichtig berührte, verzerrte sich sein schmales, von langen, braunen Haaren teilweise verdecktes Gesicht. Ich schätzte, dass er so alt wie ich sein mochte.
„Hab Dank, Fremder“, sagte er, als wir an dem entfachten Lagerfeuer hockten und von seinem Proviant aßen. Er hatte eine tiefe, etwas heisere Stimme. „Das war Rettung aus höchster Not. Der Allmächtige hat dich im rechten Augenblick geschickt.“
„Scheint so“, erwiderte ich.
„Ganz sicher“, beharrte er, „und weil ich mich in deiner Schuld fühle, sollst du wissen, wem du geholfen hast.“
Er heiße Pablo, sagte er, und derweil seine Augen die Flammen beobachteten, die das Dunkel ungleichmäßig aufhellten, erzählte er mit schlichten Worten seine Geschichte, die mich sehr berührte.
Mit zwölf Jahren verwaist, war er ins Haus eines verwandten Schmieds gekommen. Dessen drei Söhne kühlten ihr Mütchen an ihm und ließen ihn spüren, wie sehr er ihnen ausgeliefert war. Früher als sie musste er den Blasebalg betätigen, glühende Eisen mit einer Zange auf dem Amboss festhalten und beim Beschlagen der Pferde helfen. Für gutes Arbeiten hörte er nie ein freundliches Wort, doch unterlief ihm ein Fehler, wurde er jedes Mal beschimpft und geschlagen. Mehrfach wollte er davonlaufen, aber immer wieder schreckte ihn die Ungewissheit, in die er hätte fliehen müssen. Später ließen ihn die großen, scheuen Augen einer Nachbarstochter ausharren. Eifersüchtig auf die Gunst des Mädchens, drangsalierten ihn die Schmiedesöhne noch ärger. Damit überschritten sie die äußerste Grenze. Als Pablo schließlich von dem Ältesten mit einem glühenden Hufeisen versengt wurde, schlug er, rasend vor Schmerz, so hart zurück, dass der Getroffene zusammensackte. Aus Furcht, von dessen Brüdern überwältigt zu werden, stürzte er ins Freie, wo ich, von unsrem Herrgott geleitet, einzugreifen vermochte.
„Ich wünschte“, schloss er, „ich könnte dir deinen Beistand vergelten.“
„Vielleicht kannst du’s“, entgegnete ich.
„Wie denn?“
Ich erzählte ihm, was mir widerfahren war und wohin ich wollte. „Möchtest du mich begleiten?“, fragte ich.
„Warum nicht“, sagte er nach kurzem Zögern. „Schlimmer als bisher wird’s kaum werden.“
„Eher besser“, versprach ich. „Schlag ein!“
Wortlos reichte er mir die Hand. Froh, einen Gefährten gefunden zu haben, drückte ich sie kräftig.
Im Morgengrauen brachen wir auf. Bis Cádiz ereignete sich außer der Tatsache, dass Pablos Wunde rasch heilte, nichts Erwähnenswertes mehr. Auf dem Markt gelang es mir, den Falben zu verkaufen. Ein Kapitän, der nach Kuba segeln wollte, nahm uns für den erzielten Erlös an Bord.
Als die Karavelle den Hafen verließ, blickten wir von der Reling zur Stadt, deren Umrisse mehr und mehr verschwammen.
Ich spürte, dass unser Aufbruch endgültig war.
Auf offener See erfasste das Schiff eine steife Brise, und wir trieben rasch westwärts. Nach Kolumbus, der fast drei Jahrzehnte vorher den Ozean überquert hatte, waren viele in die gleiche Richtung gesegelt, weil sie hofften, in den entdeckten Gebieten ihr Glück zu finden. Würden wir nicht schon zu spät kommen?
Trotz der Bedenken schmiedeten wir, während wir oft zum scheinbar endlosen, gleichförmigen Horizont spähten, hochfliegende Pläne. Doch auf Kuba, wo überall bereits Tausende auf eine Gelegenheit warteten, zum Festland zu gelangen, fühlten wir uns jäh ernüchtert. Von Tag zu Tag wurden wir mutloser, bis wir, fast schon verzweifelt, in einem Wirtshaus von Santiago durch Cortés’ Leute angeworben wurden. Die erste Begegnung mit dem damals etwa fünfunddreißigjährigen, entschlossen wirkenden Mann, den man bereits zum Generalkapitän für ein viel versprechendes Unternehmen ernannt hatte, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei mir. Ich spürte, dass er fähig sein würde, sein Vorhaben zu meistern.
Als wir am 10. Februar anno Domini 1519 mit 617 Mann, 16 Pferden und 14 Geschützen auf 11 Schiffen von Havanna in See stachen, wähnte ich mich durch eine göttliche Fügung auserwählt und glaubte fest daran, dass sich mein Kindheitstraum erfüllen würde. Mir war bewusst, dass wir einen waghalsigen Vorstoß ins Ungewisse begannen, der zunächst ohne Zwischenfälle verlief. Vor der Küste Cozumels brachten uns schwere Stürme in ziemliche Bedrängnis, und was uns an Land erwartete, begannen wir spätestens bei den blutigen Auseinandersetzungen mit den Mayas in Tabasco zu ahnen. Wer Furcht oder Reue empfand, konnte sich damit trösten, dass die Möglichkeit umzukehren bestand. Erst als Cortés, um uns auf Gedeih und Verderb an ihn zu binden, vor Veracruz die Schiffe versenken ließ, begriffen wir, dass es keinen Ausweg mehr gab.
Die Entschlossenheit, mit der er seinen Plan zu verwirklichen trachtete, nötigte mir größte Achtung ab. Ich fühlte mich ihm geistig verwandt und hielt das, was er sagte, für wahr. Heute denke ich, dass er gelogen hat, als er behauptete, für Gott und unsren König aufgebrochen zu sein. Gelüstete es ihn nicht schon damals vor allem nach Reichtum und Macht? Schließlich war sein Ziel von Anbeginn die sagenhafte, von dem berühmten Herrscher Montezuma regierte Hauptstadt Tenochtitlán, über deren Glanz, der unermessliche Schätze vermuten ließ, Kunde bis nach Kuba gedrungen war. Obwohl sich die Bewohner meist Mexica nannten, werde ich die seltenere Form Azteca benutzen, da sie mir mehr zusagt und für meine Niederschrift geeigneter ist.
Auf dem Weitermarsch, der uns vom dicht bewaldeten Tiefland in die Berge führte, erschien mir das Unternehmen, obwohl uns die ungewohnte Witterung und hartnäckige, fiebrige Erkrankungen erheblich zusetzten, noch lange wie eine gewaltige Verheißung, da wir ohne große eigene Verluste Sieg um Sieg errangen. Auch Pablo ließ sich zunächst durch die Erfolge beeindrucken. Unsre Reiter, die von den Gegnern für Fabelwesen, die mit ihren Pferden verwachsen waren, gehalten wurden und unsre Geschütze, deren verheerende Wirkung überall Angst verbreitete, verschafften uns neben der besseren Kampfweise entscheidende Vorteile. Aber noch wichtiger für den Eroberungszug wurde Malinche. Sie gehörte zu den zwanzig Mädchen, die uns der Kazike von Tabasco nach seiner Niederlage geschenkt hatte. Sicher nahm Cortés sie zur Geliebten, weil sie ihm am besten gefiel. Vielleicht aber erkannte er auch sofort ihre Klugheit, die es ihr ermöglichte, rasch spanisch zu lernen. Da sie sich durch ihre Herkunft mühelos mit den Bewohnern des Hochlands in Nahuatl verständigen konnte, wurde sie zur unentbehrlichen Übersetzerin, die immer zu unsren Gunsten handelte. Ich glaube nicht, dass sie sich nur Cortés zuliebe so verhielt. Größeren Anteil hatten wohl andre Gründe.
Als Tochter des Kaziken von Paynala in der Provinz Coatzacoalco an der südöstlichen Grenze des mexikanischen Reichs geboren, hätte sie ein ansehnliches Erbe erwartet. Doch ihr Vater starb, als sie noch sehr jung war. Ihre Mutter heiratete einen andren Häuptling und gebar ihm einen Sohn. Um dem Jungen sämtliche Rechte zu sichern, gab man Malinche umherziehenden Händlern aus Xicalango mit, die sie dem Kaziken von Tabasco verkauften. Als der sie uns schenkte, mag sie anfangs befürchtet haben, vom Regen in die Traufe gelangt zu sein. Doch sobald Cortés sich ihr zuwandte, sie auf den christlichen Namen Marina getauft und Donna genannt wurde, erkannte sie, welche Gelegenheit sich ihr bot, sich mit unsrer Hilfe an ihren Landsleuten, von denen sie sich gedemütigt und verraten fühlte, zu rächen.
Ich gestehe, dass ich den Generalkapitän um das schöne Mädchen beneidete, und ich litt unter der wachsenden Einsicht, dass er mir an Tatkraft, Wendigkeit und Durchsetzungsvermögen deutlich überlegen war. Dennoch bereute ich keinen Augenblick, mich ihm angeschlossen zu haben, wenn ich auch sah, dass ich meinen Kindheitstraum ein wenig zurücknehmen musste, wie es häufig geschieht, wenn Wunsch und Wirklichkeit zu keinem Einklang führen. Ich redete mir ein, dass es schon eine Gnade sei, im Korps eines solchen Mannes zu dienen. Und wäre es nicht das Höchste, durch auffallende Verdienste an seine Seite zu rücken?
Aber so tapfer ich in den zahllosen Gefechten, die dem Scharmützel von Tabasco folgten, auch kämpfte, mein Bemühen blieb lange Zeit unbelohnt, und als wir nach fast einem dreiviertel Jahr in Cholula einzogen, war ich immer noch ein unbeachteter kleiner Landsknecht, der sich wie in Veracruz, Cempoala oder Tlaxcala Abend für Abend neben Pablo zwischen den erschöpften, verschwitzten und oft mürrischen Soldaten lagerte. Dem Gefährten verdankte ich, dass ich in den vielen Monaten nicht verzagte. Von unsrem Herrgott mit großer Kraft und erstaunlicher Ausdauer beschenkt, stand er mir manches Mal bei, wenn es im Kampfgetümmel gefährlich für mich wurde. Seine ruhige, ausgeglichene Art gab mir immer wieder Rückhalt, und da er über seine Empfindungen erst sprach, als er seiner Sache ganz sicher war, ahnte ich nicht, dass er sich schon damals gegen unser Vorgehen zu sträuben begann.
Noch beseelt von dem Verlangen, Isabel eines Tages wohlhabend gegenüberzutreten, und getrieben vom Ehrgeiz, an die Seite des Generalkapitäns aufzusteigen, sah ich die Gewalttaten, die wir unter dem Zeichen des Kreuzes begingen, in einem andren Licht als Pablo.
Selbst in Cholula, wo wir am 18. Oktober jenes schreckliche Blutbad anrichteten, das uns für immer auf die Seite des Unrechts stellt, geriet ich noch nicht in Gewissensnot, da der Erfolg mich blendete.
Cortés hatte erfahren, dass ein Angriff auf das Korps geplant sei. Der Überfall sollte während des für den frühen Morgen vorgesehenen Abmarschs beginnen.
Ausgesandte Späher entdeckten unweit unsrer Unterkünfte mit Pfählen gespickte und durch Blattwerk getarnte Gruben. An verschiedenen Stellen waren Barrikaden errichtet und auf den flachen Dächern Wurfgeschosse angehäuft worden. Von den verbündeten, außerhalb der Stadt lagernden Tlaxcalteken, die sich uns nach ihrer Niederlage angeschlossen hatten, weil sie, ähnlich wie Malinche, damit rechneten, für die ihnen jahrzehntelang durch die Azteken zugefügte Schmach Vergeltung üben zu können, wurde uns gemeldet, dass sie in den nahen Bergen eine große Anzahl der verhassten Adler- und Jaguarkrieger gesichtet hätten. Sollte es Montezuma nach seinem langen Zaudern tatsächlich wagen, uns überfallen zu lassen?
Noch in der Nacht rief Cortés die Hauptleute zum Kriegsrat zusammen. Man einigte sich, den Angriff durch einen Gegenschlag zu vereiteln. Er sollte mit äußerster Härte geführt werden, um den Feind für immer abzuschrecken.
Ein Bote schlich ins tlaxcaltekische Lager und übermittelte dem Heerführer, sich mit seinen Kriegern bereitzuhalten und auf ein vereinbartes Zeichen in die Stadt einzudringen.
Ehe es dämmerte, ließ Cortés uns wecken. Pedro de Alvarado, einer der Hauptleute, kam in den Tempelsaal, wo wir dicht gedrängt auf Matten lagen. Während ich hoch taumelte, hörte ich ihn sagen, dass ein unausweichlicher Kampf bevorstand. Wortlos eilte ich hinter Pablo auf den geräumigen Innenhof, der größtenteils von Gebäuden und an den übrigen Stellen von einer hohen Mauer begrenzt wurde. Wir verteilten uns zielgerichtet. Neben den Eingangstoren wurden starke Wachen gruppiert, und die Kanoniere postierten sich so geschickt außerhalb der Umfassung, dass sie die Zugänge unter Feuer nehmen konnten.
Ohne Argwohn passierte der cholultekische Zug die Tore. Drei in farbenprächtige Mäntel gehüllte Kaziken führten die für unsren Weitermarsch versprochenen Träger in den Tempelhof. Cortés erwartete sie an der Spitze seiner Hauptleute. Als sie in gemessenem Abstand verharren wollten, bedeutete er ihnen, näher zu kommen. Neben seiner Fuchsstute, flankiert von zwei Soldaten, die ihre Schilde schützend bereithielten, stand Malinche. Sie wartete darauf, dass er zu reden begann.
„Ich weiß, dass ihr uns arglistig überfallen wollt“, rief er, dass es über den Platz hallte. „Da unsrem allmächtigen Gott nichts verborgen bleibt, ist uns jede Einzelheit eures schändlichen Plans bekannt.“
Ich sah, wie die Kaziken, nachdem Malinche übersetzt hatte, unruhig wurden. Da ich rechts von der Reiterabteilung in der ersten Reihe des Fußvolks stand, konnte ich sie gut beobachten. Mein Herz schlug hart wie vor jedem Kampf. Unbändiger Einsatzwille erfüllte mich. Würde es mir diesmal gelingen, mich so sehr auszuzeichnen, dass Cortés es bemerken musste?
„Wir sind als Freunde zu euch gekommen“, fuhr er fort. „Um unsre ehrliche Gesinnung zu beweisen, waren wir sogar bereit, unsre Verbündeten auf euren Wunsch außerhalb der Stadt zu lassen. Doch ihr hattet nur im Sinn, unsre Gutmütigkeit mit Heimtücke zu vergelten. Dafür müssen wir euch hart strafen!“
Die Kaziken standen stumm vor Schreck.
„Es ist wahr, was du sagst“, bekannte schließlich der Älteste. „Montezuma, der so mächtig ist, dass er jeden von uns verderben kann, hat befohlen, euch zu vernichten. Nun sehen wir, dass unsre Absicht töricht gewesen ist und bitten euch, uns zu verzeihen.“
„Eure Einsicht kommt zu spät“, erwiderte Cortés kalt. „Verrat lässt sich nur durch Blut sühnen!“
Als er den Degen hob, wurde ein Geschütz abgefeuert. Es war das Signal zum Angriff.
Unsre Musketiere und Armbrustschützen richteten ihre Waffen auf die Cholulteken. Bereits im ersten Geschosshagel brachen viele zusammen. Während sie stürzten, versuchten die Unverletzten zu fliehen. Aber wir schnitten ihnen den Weg ab und setzten erbarmungslos unsre Degen ein.
„Santiago!“, schrie Cortés. “Auf sie! Nieder mit ihnen!“
Die Cholulteken rannten nach allen Seiten. Doch es gab kein Entkommen. Wer die Mauern überklettern wollte, wurde von Musketenschüssen niedergestreckt, wer verzweifelt zu den Ausgängen drängte, lief in die langen Pieken der Wachsoldaten. Auch von außen gelang es nicht, den Eingeschlossenen zu helfen, da die Geschütze auf alle Zugänge gerichtet waren. Ihre Geschosse rissen Lücke um Lücke in die gegnerischen Reihen. Wenn nachgeladen werden musste, schlug Cortés die Angreifer mit seinen Reitern zurück.
Ich merkte, wie die Cholulteken beim Krachen und Blitzen der Feuerwaffen zusammenzuckten, vom Schnauben und Wiehern der Streitrosse in höchste Angst versetzt wurden. Trotzdem stürmten immer mehr Krieger, die nicht wehrlos sterben wollten, auf uns zu, um die Gefallenen zu ersetzen.
Ohne das Eingreifen der Tlaxcalteken wären wir vielleicht noch in Schwierigkeiten geraten. Mit um die Köpfe gewundenen Schilfkränzen, durch die sie sich vom Gegner abhoben, eilten sie herbei und stießen jenes gellende Pfeifen aus, mit dem sich die Völker des Hochlands ins Gefecht werfen. Durch die neuen Angreifer entmutigt, begannen die Cholulteken zurückzuweichen. Es geschah mehr und mehr ungeordnet. Kopflos geworden, versuchten schließlich viele Krieger, sich in nahe Gebäude oder Tempel zu retten.
Zu diesem Zeitpunkt war die Auseinandersetzung entschieden, und Cortés hätte die Feindseligkeiten beenden können. Doch in einen wilden Kampfrausch geraten, wollte er das Strafgericht noch ausdehnen.
Ich verfolgte mit Pablo und zwei Dutzend Soldaten einen Trupp, der von mehreren Priestern geführt wurde. Die Cholulteken zogen sich zum großen, auf einem künstlichen Hügel errichteten Teocalli zurück. Während eine Gruppe von Kriegern uns mit Speeren und Schwertkeulen aufhielt, erklommen die andren über steile Treppen den Tempel. Einer Legende zufolge sollte, wenn man aus dem Plattformrand Steine brach, eine Sturzflut einsetzen, die den Feind vernichtete. Durch die Schreie der Priester angetrieben, gelang es mehreren Kriegern, zwei Quader zu lockern und hinabzustoßen. Erwartungsvoll starrten alle auf die entstandene Lücke. Doch nichts geschah, ihr Gott ließ sie in der ärgsten Not allein!
Als wir die Plattform erreichten, entfachten die Priester ihre Mäntel am ewigen Feuer, das in einer großen Steinschale brannte, und stürzten sich kopfüber in die Tiefe.
Gebannt verfolgte ich das grausige Schauspiel. Mir schien, als sei mit den Todessprüngen die letzte Gegenwehr erloschen. Schon wollte ich meinen Degen senken, als ich merkte, dass sich uns ein Häuptling entgegenwarf. Dicht hinter ihm jagten seine Krieger heran. Durch den Angriff überrumpelt, wichen unsre Leute zurück. Von Wurfspießen, Steinen und Pfeilen getroffen, brachen einige zusammen.
„Santiago!“, schrie ich. „Auf sie. Nieder mit ihnen!“
Der Schlachtruf spornte meine Gefährten an. Mit kraftvollen Hieben und Stichen eroberten wir den verlorenen Boden zurück, trieben den Feind über die Plattform. An den Rand gedrängt, stürzten sich die Cholulteken wie ihre Priester in die Tiefe.
Betäubt von dem Erlebten, hastete ich vor Pablo die Tempeltreppen hinab. Unten wurde mir bewusst, dass die Geschütze schwiegen. Nur hin und wieder knallte noch ein Musketenschuss. Die Schlacht schien beendet. Überall lagen Tote und Sterbende. Viele Gebäude brannten. Vom Wind geschürt, griffen die Flammen gierig um sich. Weithin warf die geschundene Stadt ihren blutroten Widerschein an den Himmel.
Unsre Männer begannen zu plündern. Sie fielen in Häuser und Heiligtümer ein. Ich beobachtete, wie mehrere aus einem hohen Gebäude Goldgerät trugen. Die Kameraden neben mir wurden unruhig und eilten in Grüppchen fort, um sich ebenfalls ihren Beuteanteil zu sichern. Ehe Pablo und ich uns einem Trupp anschließen konnten, sprengte ein Reiter heran. Ich erkannte Cortés, der ein Stück entfernt seine Fuchsstute zügelte und die Soldaten zurückrief, weil er ahnte, dass die Gefahr nicht völlig gebannt war.
In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sich ein Tempeltor öffnete und etwa zwanzig Cholulteken ins Freie drängten. Sie wurden von einem großen, kräftigen Häuptling angeführt und stürmten auf Cortés zu.
Ich stieß einen Warnruf aus, der fast im schrillen, gellenden Pfeifen der Angreifer unterging. Ehe der Generalkapitän seine Fuchsstute herumreißen konnte, umklammerten zwei Gegner die Hinterbeine des Tiers. Es wieherte und bäumte sich auf. Cortés krallte sich mit der linken Hand in die Mähne, mit der Rechten focht er. Kaum hatte er einige Feinde abgewehrt, drangen die nächsten auf ihn ein.
Da eilte ich ihm bereits zu Hilfe. Einen Cholulteken, der gerade seinen Wurfspieß schleudern wollte, streckte ich nieder. Gleich darauf fielen mehrere Krieger über mich her, und ich hatte Mühe, mich zu verteidigen. Erst als Pablo eingriff, ließen etliche von mir ab. Ich erkannte, dass sich Cortés in höchster Gefahr befand. Während ihn drei Krieger angriffen, holte der Häuptling zu einem wuchtigen Hieb auf die Halsschlagader des Pferds aus. Ich stieß einen der Kämpfer beiseite und sprang vor den Anführer. Seine Schwertkeule streifte meinen Degen und prallte hart auf die Sturmhaube. Ein heftiger, dumpfer Schmerz durchfuhr mich. Wie ich stürzte, merkte ich nicht mehr.
Als ich erwachte, war mir übel und mein Kopf schmerzte. Nur mühsam konnte ich mich erinnern, was sich ereignet hatte.
Ich stellte fest, dass ich in einem kleinen Raum auf einer Maislaubmatte lag. An der Stirnwand hing eine Pinienholzfackel und verbreitete schwefliges Licht. Befand ich mich in Gefangenschaft?
Während ich den Kopf hob, erschrak ich. Rechts von mir hockte zusammengesunken eine Indianerin. Erst nach einer Weile erkannte ich Chimalman, die Zofe Malinches. Sie drückte mich sanft auf das Lager zurück und tastete behutsam über meinen Kopfverband. Dann stand sie auf und huschte hinaus.
Mich verunsicherte, dass ich allein im Raum war. Weshalb hatte man mich nicht zu den andren gelegt?
Nach einer Weile erklangen Schritte, und wenig später trat Cortés an mein Lager. Als er sich herabbeugte und meine Schulter berührte, spürte ich, wie mir das Herz schlug.
„Ich bin Euch zutiefst verpflichtet“, sagte er. „Ohne Euer wagemutiges Eingreifen würde ich vielleicht schon vor unsrem höchsten Richter stehen. Der Schlag, den ihr abgefangen habt, hätte meine wackere Stute niedergestreckt, und was danach geschehen wäre, möchte ich mir nicht vorstellen. Auch so stand es eine Weile auf des Messers Schneide. Erst eine Schar Tlaxcalteken, die der Allmächtige rechtzeitig schickte, brachte die endgültige Rettung.“ Er richtete sich auf und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Uns ist ein überwältigender Sieg gelungen. Die Heiden haben begriffen, dass sie machtlos gegen uns sind. Nun flehen sie um Gnade und wollen uns wie liebe Freunde beherbergen, bis wir nach Tenochtitlán weiterziehen.“ Einen Augenblick sah er mich prüfend an, dann fügte er hinzu: „Ihr werdet die Stadt anders verlassen, als Ihr sie betreten habt. Wer sich so mannhaft für mich einsetzt, verdient es, belohnt zu werden. Außerdem kann es kaum schaden, wenn junges Blut in meine Umgebung kommt. Wie alt seid Ihr eigentlich?“
„Zweiundzwanzig.“
Er fragte noch, woher ich käme, und was ich gelernt hätte. Als ich die Zeit in Sevilla erwähnte, erfuhr ich, dass er in jungen Jahren ebenfalls sein Studium abgebrochen hatte.
„Man kommt auch ohne die Weisheit der Magister aus“, meinte er. „Andrerseits ist’s vielleicht nützlich, wenn man seinen Geist anregen lässt. Das meiste wird von Männern erreicht, die nicht nur den Degen führen, sondern auch ihren Kopf gebrauchen können. Das Erstere habt Ihr bereits bewiesen, vom zweiten dürft Ihr mich bald überzeugen. Seit heute wartet ein herrenloses Pferd auf Euch. Der Platz im Sattel ist frei, weil nicht jeder einen Schutzengel hat, der ihn vor dem Ärgsten bewahrt.“
Ich war so überwältigt, dass ich fast nicht merkte, wie Cortés hinausging. Erschöpft schloss ich die Augen. Die Freude hetzte meinen Puls und betäubte den Schmerz. Ich hatte es geschafft, befördert zu werden. Wer unter solchen Umständen ein Pferd bekam, war Capitán. Wog das nicht sämtliche Mühen und alle durchgestandenen Gefahren auf?
Ich meinte, neben Cortés zu reiten. Die Berge wichen auseinander, der Blick auf ein weites, sonniges Hochtal öffnete sich. In der Ferne ließ sich die Silhouette einer großen Stadt erkennen. Tenochtitlán! Die Tempel und Paläste ragten weit empor und wirkten ganz nah. Bald würden wir dort sein. Nichts und niemand konnte uns mehr aufhalten!
Als ich erneut Schritte hörte, öffnete ich die Augen. Pablo trat neben mich, und mir wurde bewusst, dass ich ihn in meinem Glückstaumel vergessen hatte. Wie würde er aufnehmen, dass ich befördert worden war?
Ich hielt es für besser, nicht gleich darüber zu reden. „Wie sieht’s draußen aus?“, erkundigte ich mich deshalb. „Ist alles wieder ruhig?“
„Die Stadt brennt noch“, erwiderte er, „und unsre Verbündeten halten sich schadlos. Sie schleppen Frauen und Kinder in die Sklaverei.“
„Ist’s ihnen nicht zu gönnen?“, fragte ich. „Sie haben heldenmütig gekämpft und die Schlacht zu unsren Gunsten entschieden. Ohne sie könnte ich mich jetzt wahrscheinlich nicht freuen.“
„Worüber?“
„Es beginnt ein neuer Abschnitt für mich“, entgegnete ich und richtete mich etwas auf. „Seit vorhin bin ich Capitán!“
Pablo blickte mich ungläubig an.
„Du denkst, ich fantasiere? Keine Sorge! Der Hieb hat meine Sinne nicht verwirrt. Ich bin bei klarstem Verstand. Wenn wir aufbrechen, werde ich neben Cortés reiten. Und das kann auch für dich von Vorteil sein.“
Ich merkte, dass sich sein Gesicht verschloss. Neidete er mir den Aufstieg? An unsrem Verhältnis würde sich doch nichts ändern!
„Es ist schön für dich“, sagte er schließlich, und seine Stimme klang noch heiserer als sonst. „Ich aber würde am liebsten umkehren, wenn’s möglich wäre.“
„Warum?“
„Was wir heute angerichtet haben, stellt alles andre in den Schatten“, antwortete er. „Macht’s dir gar nichts aus, wenn ohne Notwendigkeit so viel Blut vergossen wird?“
Sonst hätten mich seine Worte wahrscheinlich nachdenklich gestimmt. Aber in der Stunde meines Erfolgs berührten sie mich so wenig wie die Tatsache, dass ich den Platz im Sattel nur einnehmen konnte, weil ein andrer gefallen war.
„Wir stehen vor einer Gelegenheit, die nicht wiederkehrt“, entgegnete ich eindringlich. „Überleg doch, was für kostbare Geschenke uns Montezuma geschickt hat, um uns zur Umkehr zu bewegen. Wie viel Gold und Edelsteine muss es erst in seiner sagenhaften Hauptstadt geben!“ Ich richtete mich noch mehr auf, griff nach Pablos Hand und fuhr in beschwörendem Tonfall fort: „Es wird alles gut, weil der Allmächtige mit uns ist. Würde er uns sonst von Sieg zu Sieg führen? Was wir auf der Überfahrt erträumt haben, geht in Erfüllung. Das Ziel ist nah. Es heißt Tenochtitlán!“
Pablo sah mich traurig an. Aber ich nahm es, trunken vor Freude, kaum wahr.
Wir blieben in Cholula, um die Verletzten zu schonen und sorgsam zu planen, wie weiter vorgegangen werden sollte. Durch die guten Aussichten beflügelt, erholte ich mich rasch. Was geschehen war, erschien mir wie eine neuerliche Verheißung, und ich glaubte, nun sogar mehr erreichen zu können, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Bloß Pablos Stimmung, die mir immer gedrückter schien, betrübte mich etwas. Aber noch hoffte ich, dass sie sich wieder bessern würde.
In der Stadt kehrte nach und nach der Alltag ein. Die Überlebenden bestatteten ihre Toten, besserten die beschädigten Häuser aus, belieferten die Märkte, übten ihre Ämter und öffentlichen Dienste aus. Durch ihre Niederlage entmutigt, erlaubten sie, dass wir ein Kreuz auf dem Tempelhof errichteten, und manche schienen sogar bereit, sich taufen zu lassen.
Als Cortés am dritten Tag die Hauptleute zusammenrief, durfte ich zum ersten Mal an der Beratung teilnehmen. Erwartungsvoll setzte ich mich auf den mir zugewiesenen Platz. Ich hatte das Gefühl, dass einige Offiziere mich argwöhnisch beobachteten. Doch die Fähigkeit des Generalkapitäns, seine Gedanken zwingend darzulegen und die Vorschläge der andren geschickt für seine Absichten zu nutzen, nahm mich so gefangen, dass ich die missgünstigen Blicke bald nicht mehr spürte.
Verunsichert durch die Tatsache, dass die aztekischen Heerführer ihre Truppen zwar weiter in die Berge zurückbeordert hatten, aber nicht mit ihnen abgezogen waren, beschlossen wir, Unterhändler nach Tenochtitlán zu senden. Sie sollten Montezuma berichten, wir seien im Auftrag unsres Kaisers unterwegs, hätten das Meer befahren und zahlreiche Länder durchzogen, um ihm, dem weithin bekannten Herrscher, unsre Aufwartung zu machen. Wir seien befremdet darüber, dass er die Cholulteken gegen uns aufgewiegelt und seine Truppen in die Berge geschickt habe, um uns beim Weitermarsch heimtückisch zu überfallen. Die üble Absicht sei misslungen, da wir alles, was gegen uns geplant werde, rechtzeitig erführen. Wenn es zum Kampf käme, würden wir jeden Gegner schlagen, ganz gleich, wann und wo wir angegriffen würden. Noch hofften wir aber, dass eine friedliche Begegnung möglich sei. Deshalb würden wir uns bald in Marsch setzen, um Montezuma die Botschaft unsres Kaisers persönlich zu überbringen.
Als der Herrscher unsre Abgesandten angehört hatte, fastete er mit seinen Priestern, opferte auf dem großen Teocalli den Göttern und erflehte ihren Rat. Das Orakel, das schon mehrfach zum Kampf geraten hatte, wiederholte, dass es möglich sei, uns zu vernichten. Um sicher zu gehen, solle man uns in die Hauptstadt locken und dort unvermutet angreifen.
Doch Montezuma blieb schwankend, wie er es seit unsrem Auftauchen vor der Küste Yukatans gewesen war. Für ihn sah es wohl so aus, als ob uns wirklich alles gelänge, nichts uns schaden könnte. Die Teufelskunst seiner Zauberer, die er in unser Lager geschickt hatte, war wirkungslos geblieben. Wir hatten arglistigste Pläne durchkreuzt, schlimmste Gefahren gebannt, schwierigste Hindernisse überwunden und befanden uns nur noch wenige Tagesmärsche von seinem Palast entfernt.
Das alles musste den König verwirren. Er änderte dreimal seinen Entschluss, ehe er sechs Würdenträger mit Geschenken im Wert von zweitausend Piastern nach Cholula schickte.
Malinche übersetzte, was ihr Wortführer Cortés ausrichtete.
„Montezuma, unser Herr und Gebieter“, begann er, „sendet dir diese Gaben und bittet dich, sie wohlwollend anzunehmen. Er bedauert die Vorkommnisse in Cholula außerordentlich. Von nun an kannst du fest auf unsre Freundschaft bauen. Besuche unsre Hauptstadt, wann es dir beliebt. Montezuma wird euch als tapfere Männer und Botschafter eures mächtigen Kaisers mit allen Ehren empfangen. Es tut ihm leid, dass er eure Tafel vielleicht nicht so bestellen kann, wie er es wünscht; denn Tenochtitlán liegt in der Mitte eines Sees, und die Versorgung der großen Stadt ist schwierig. Unser Gebieter hat alle Ortschaften verständigt, durch die euer Weg führt. Sie werden euch liefern, was ihr braucht.“
Cortés bedankte sich erfreut für das unerwartete Angebot und die wertvollen Geschenke. Er umarmte die Würdenträger und ließ ihnen Glaswaren überreichen. Drei Abgesandte bat er, als Führer beim Korps zu bleiben. Den Übrigen trug er auf, Montezuma mitzuteilen, dass wir seiner Einladung bald folgen würden.
Das Gehörte stimmte mich zuversichtlich. Würde die günstige Aussicht auch Pablos Sinn wandeln?
Als wir aufbrachen, begann ich zu ahnen, dass meine neue Stellung das Verhältnis zu dem Gefährten doch ändern würde. Während ich neben Cortés ritt, marschierte Pablo wie früher weit hinten im lang gezogenen Tross. Ich vermute, dass er sich allein gelassen fühlte, wenngleich er nie ein Wort darüber verlor. Oder hielt er meinen Aufstieg gar für Verrat an dem, was wir uns in jener ersten gemeinsamen Nacht versprochen hatten?
So weit freilich dachte ich auf dem Weg nach Tenochtitlán noch nicht. Ich verdrängte den Eindruck, dass wir uns nicht nur räumlich voneinander entfernt hatten, und genoss es, nach den entbehrungsvollen Monaten wieder in einem Sattel zu sitzen. Der Rappe erwies sich als prächtiges Tier, das mich sogleich anerkannte. Es war ein erhabenes Gefühl, von seinem Rücken den gewaltigen Zug zu betrachten, und die sichtbare Erhöhung verstärkte den Anschein der Macht, über die ich fortan zu verfügen glaubte.
Noch ganz mit meinen Empfindungen beschäftigt, ereignete sich auf dem trockenen Hochland, ein gutes Stück von der Sierra Madre mit den steil aufragenden vereisten Gipfeln des Popocatepetl und Iztaccihuatl entfernt, ein Zwischenfall, den wir schnell, zu schnell vergaßen. Von der Sonnenglut erhitzt, verzehrten wir, um unsren Durst zu löschen, bei einem Halt die rötlichen erfrischenden Früchte der Nopalkakteen, die streckenweise wie eine bizarre, stachlige Wand unsren Weg säumten. Als ich bei der nächsten Rast mein Wasser abschlug, erschrak ich. Es strömte wie Blut! Im ersten Augenblick fürchtete ich, dass nur mich ein Unheil getroffen hätte. Aber gleich darauf hörte ich ringsum beunruhigte Ausrufe: Den Kameraden erging es wie mir!
Der unerklärliche Vorgang versetzte uns in große Angst. Strafte uns der Allmächtige für das Vorgehen in Cholula? Waren uns die Venen gerissen, so dass wir elend zugrunde gehen mussten? Einige sanken auf die Knie, beteten verzweifelt und versprachen sofortige Umkehr, wenn uns noch einmal verziehen würde. Doch als uns die tlaxcaltekische Nachhut erreichte, von der wir erfuhren, dass die Färbung des Urins durch den Genuss der Nopalfrüchte verursacht worden war, verlor sich mit der Furcht auch die Reue. Die Gier nach Gold, die uns seit Monaten geleitet hatte, trieb uns unerbittlich vorwärts.
Hätten wir dem drängenden Verlangen doch widerstehen können! Sehr viel Schreckliches wäre dann nicht geschehen.
Aber jetzt nutzt mein Bedauern nichts mehr. Mir bleibt bloß, ehrlich zu berichten, was sich danach ereignete, und nichts von dem zu verschweigen, was uns ewige Schande gebracht hat. Mit jeder Zeile, die ich niederschreibe, erfülle ich eine notwendige Pflicht. Nur so werden später Geborene erfahren, was wirklich geschehen ist, weshalb wir trotz unsrer Stärke versagt haben. Vielleicht können unsre Fehler andren helfen, menschlicher zu sein. Ich hoffe sehr, dass einmal Zeiten kommen werden, in denen es keine solch grausamen Auseinandersetzungen mehr gibt, die Menschen sich wirklich lieben und achten, wie es die Heilige Schrift verlangt.
Am folgenden Tag näherten sich uns, kaum dass wir den ersten Höhenzug erklommen hatten, erneut aztekische Botschafter mit reichen Geschenken.
„Dies alles sendet euch unser Herr und Gebieter“, sagte der Älteste. „Er bedauert, dass ihr so viele Mühseligkeiten auf euch nehmen müsst. Gern möchte er euch wenigstens den Weg über die unwirtlichen Berge ersparen. Er ist ohne eure persönliche Vorsprache bereit, große Tribute in Gold, Silber und Edelsteinen an euren Kaiser zu entrichten. Auch euch will er nochmals großzügig bedenken. Alles soll an den Ort gebracht werden, wo ihr die schwimmenden Berge besteigt.“
„Es verwundert mich, wie oft Montezuma seinen Sinn wandelt“, erwiderte Cortés. „Trotzdem danken wir ihm für die Geschenke. Seinem Wunsch, uns zurückzuziehen, können wir allerdings nicht entsprechen. Was sollte unser Kaiser denken, wenn wir so nah vor dem Ziel umkehren würden, ohne seine Botschaft an Ort und Stelle vorgetragen zu haben? Um seinen Willen zu erfüllen, müssen wir in eure Hauptstadt!“
Die Würdenträger traten bedrückt den Rückweg an. Auch unsre Männer wirkten nicht mehr so unbeschwert wie vorher. Was würde geschehen, wenn wir weiterzogen?
Cortés schien keinen Augenblick zu erwägen, seinen Plan zu ändern. Einfallsreich, wie er war, befahl er, seine Standarte zu entfalten, die er seit unsrem Aufbruch in Havanna bei sich führte. Sie war aus schwarzem Samt, mit Goldstickereien versehen und trug als Wappen ein rotes Kreuz, das von blauen und weißen Flammen umzüngelt wurde. Durch einen Reiter hochgehalten, war auch der Wahlspruch zu erkennen, der in lateinischen Worten forderte:
Freunde, lasst uns
dem Kreuze folgen!
Unter seinem Zeichen
werden wir siegen,
wenn wir gläubig sind.
Mir kam es vor, als ob mich die Losung nicht wie sonst beflügelte. Lag es daran, dass ich, durch Montezumas Sinneswandel verunsichert, Pablo in meiner Nähe vermisste?
Als sich der Himmel eintrübte, kam Wind auf. Je höher wir stiegen, desto mehr verstärkte er sich. Er fegte über die Gipfel, schüttelte Bäume, krümmte Büsche, knickte Zweige und peitschte uns körnigen Staub ins Gesicht, dass es schmerzte, als stächen uns Hunderte von Nadeln. An Stellen, die wenig Schutz boten, traf er uns so wuchtig, dass wir uns mit aller Macht gegen ihn stemmen mussten, um nicht von den schmalen, holprigen Pfaden in die Tiefe zu stürzen. Obwohl wir dicke Baumwollharnische trugen, begannen wir immer ärger zu zittern, und voller Sorge beobachteten wir, wie die Beine der Pferde mehr und mehr erstarrten. Ich war froh, als Cortés anordnete, uns in die gewundenen Schluchten zurückzuziehen. Aber selbst dort blieb es eisig, und mehrmals gingen so dichte Hagelschauer nieder, dass alles um uns versank, wir uns wie blind fühlten und erneut fürchteten, von unsrem Herrgott für das Blutbad, das wir in Cholula angerichtet hatten, bestraft zu werden.
Als wir uns bereits darauf einstellten, die Nacht, vom Frost gepeinigt, im Freien zu verbringen, erreichten wir, noch ehe es dämmerte, unverhofft etliche Steingebäude, die, von aztekischen Handwerkern errichtet, für Kaufleute, Steuereinnehmer und Eilboten als Unterkünfte dienten. Während ich mich freute, den Unbilden der Witterung entronnen zu sein und in den menschenleeren Häusern noch sicheres Obdach gefunden zu haben, ahnte ich nicht, dass mir eine weitere Kraftprobe bevorstand.
Pedro de Alvarado verlangte sie mir ab. Mir war aufgefallen, dass er mich seit meiner Beförderung bei jeder Gelegenheit beobachtete, doch ich konnte seine Blicke nicht deuten. Der große, ungefähr dreißigjährige Mann hatte eine scheinheilig-freundliche Art, mit der er die Azteken später so sehr täuschte, dass sie ihn – wohl auch wegen seiner blonden Haare – Tonatio, Sohn der Sonne, nannten. Doch hinter seinem heiteren Aussehen verbarg sich ein heimtückisches, grausames Wesen, wie es, glaube ich, kein Zweiter im Korps besaß.
An jenem Abend erhielt ich einen ersten Vorgeschmack. Kaum hatte ich mich im Gemeinschaftsraum an einen Tisch gesetzt, trat Alvarado heran und fragte: „Erlaubt Ihr, dass ich neben Euch Platz nehme?“
„Ich hab keinen Grund, es Euch zu verwehren.“
„Da kann ich ja froh sein.“
„Weshalb?“
Ich spürte, dass er etwas im Schilde führte, vermochte mir aber nicht vorzustellen, was es sein könnte.
„Es wäre nicht schön, wenn unser jüngster Offizier etwas gegen mich hätte. Auch so kommt mir, um ehrlich zu sein, an Euch nicht alles geheuer vor.“
„Wollt Ihr nicht deutlicher werden?“
„Mich verwundert, wie rasch Ihr vom einfachen Soldaten zum Hauptmann aufgestiegen seid.“
„Glaubt Ihr, es ist nicht gerechtfertigt?“
„Keineswegs. Ich frage mich nur, wie Euch zumute sein mag, wenn Ihr an die Zukunft denkt. Den Sprung in den Sattel zu schaffen, ist nämlich das Leichtere. Die Erwartungen zu erfüllen, die der Generalkapitän in Euch setzt, dürfte weit schwieriger werden.“
Obwohl mir noch immer unklar blieb, was er beabsichtigte, spürte ich eine wachsende Abneigung.
„Lasst das getrost meine Sorge sein“, entgegnete ich.
„Ich möchte sie Euch nicht abnehmen, und es liegt mir auch fern, Euch zu bedrängen. Erlaubt Ihr mir trotzdem noch eine Frage?“
„Stellt sie!“
„Wie kommt Ihr eigentlich mit dem Rappen zurecht?“
„Vortrefflich.“
„Für den Beobachter wirkt es nicht so“, meinte er lächelnd. „Ich vermisse die Eleganz des Hidalgos. Aber Ihr seid ja wohl auch keiner. Oder irre ich mich?“
Darauf also wollte er hinaus! Ihn störte nicht bloß mein Aufstieg, mehr missfiel ihm anscheinend, dass ich keine adligen Vorfahren besaß. Mein Zorn, der in mir aufstieg, wurde so heftig, dass ich ihn kaum bezähmen konnte.
„Ihr irrt Euch nicht“, erwiderte ich. „Trotzdem bin ich stolz auf meine Herkunft, und ich fühle mich Euch durchaus ebenbürtig.“
„In jeder Beziehung?“
„Jeder!“
Ich sah, dass seine Hand wie spielerisch zum Degengriff glitt. Die Ruhe, die ringsum eintrat, bewies mir, dass wir beobachtet wurden.
„Soll das eine Beleidigung sein?“, fragte er mit immer noch heiterem Gesicht.
„Betrachtet es, wie’s Euch beliebt!“
Ich sprang erst auf, als er schon stand und seinen Degen zog. Doch wir kamen nicht dazu, unsre Klingen zu kreuzen.
„Haltet ein!“, rief Cortés, der unsre Auseinandersetzung vom Nebentisch verfolgt haben musste. „Ich will keine Händel unter meinen Leuten. Und ich dulde nicht, dass angefochten wird, was ich entschieden habe!“
„Es war doch nur ein Scherz“, versuchte sich Alvarado herauszureden, „um zu prüfen, wie gut unser junger Freund gewappnet ist.“
„Solche Späße gefallen mir nicht!“, herrschte ihn Cortés an. „Wartet, bis Ihr Euer Mütchen nutzbringender kühlen könnt. Vielleicht ergibt sich die nächste Gelegenheit schneller, als uns recht ist.“
Es dauerte lange, bis ich auf meinem Lager, wohin ich mich alsbald zurückzog, Ruhe fand. Aufgewühlt von dem Erlebten, blieben meine Empfindungen zwiespältig. Einerseits freute es mich, von Cortés verteidigt worden zu sein. Andrerseits ahnte ich, dass die Gefahr nicht endgültig gebannt war.
Am Morgen gerieten wir in einen Schneesturm, der mir Sicht und Atem nahm. Die dicken Flocken wirbelten über Menschen und Tiere, bedeckten Helme, Schultern und Arme, hefteten sich an Nase, Lippen und Kinn, verkleisterten die Augen. Der Frost, der mich noch grimmiger dünkte als am Vortag, vereiste die ungeschützten Gesichter, ließ sämtliche Glieder erstarren und versteifte unsre Finger an den bloßen Händen, so dass ich kaum noch die Zügel halten konnte.
Doch auch jetzt dachte Cortés nicht daran, wieder umzukehren. Woher wusste er, wie viel wir aushalten konnten? Oder überschaute er, dass wir das Schlimmste bereits hinter uns hatten?
Tatsächlich ließ das Unwetter so plötzlich nach, wie es begonnen hatte, und wir kamen trotz der halsbrecherischen Strecke recht gut voran. Gegen Mittag erreichten wir den Kamm der Sierra von Ahualco. Danach ging es abwärts, und die Luft erwärmte sich. Vereinzelt wuchsen schon Eichen, Zedern und Akazien, die sich später zu kleinen Wäldern gruppierten.
Als der Pfad nach links führte, erblickte ich das Hochtal von Anáhuac. In der dünnen Höhenluft, wo man entfernte Gegenstände erstaunlich farbig und scharf umrissen wahrnimmt, konnte ich alles deutlich erkennen. Umgeben von Wasser, an das Felder und Dörfer, kleinere und größere Städte grenzten, lag Tenochtitlán. Um bis hierher zu gelangen, hatten wir uns in zahllosen Schlachten und Scharmützeln geschlagen, hatten die Mayas an der Küste bezwungen, die Totonaken in Cempoala unterworfen, die tapferen Tlaxcalteken besiegt und zu Verbündeten gewonnen. War nicht selbst das Blutbad in Cholula bloß angerichtet worden, um unser Ziel zu erreichen?
Nun schien es zum Greifen nah.
Wir sahen die gewaltige, sonnenüberflutete Fläche der Bauten, das dunkle Grün der Parks und Wälder, den türkisschimmernden Seenspiegel, die schnurgeraden Dammstraßen, das Geflecht aus Kanälen. Ich hatte erwartet, eine große Stadt vorzufinden, aber nicht damit gerechnet, dass sie Sevilla in der Ausdehnung und – wie sich bald herausstellen sollte – selbst an Schönheit übertreffen könnte. Überwältigt von dem unverhofften, fast märchenhaften Anblick, mussten viele Kameraden, die ich als gefühlsarme Draufgänger kannte, mit Gewalt die Tränen zurückhalten.
Was sich unsren Augen darbot, weckte frische Kräfte und neue Hoffnungen. Zügig setzten wir den Abstieg fort und erreichten gegen Abend Ayotzinco, eine Ortschaft, die halb im Wasser, halb auf dem Land lag, das nach einigen hundert Metern in sanfte Anhöhen überging. Wir wurden reichlich bewirtet und durften vorsorglich hergerichtete Schlafräume beziehen.
Cortés ließ sich durch den freundlichen Empfang nicht in Sicherheit wiegen. Wie gewohnt, wurden Nachtwachen eingeteilt, ehe wir uns mit griffbereiten Waffen niederlegten.
Etwa um diese Zeit trafen wahrscheinlich Montezumas Gesandte im Palast ein und übermittelten die Nachricht des Generalkapitäns. Der Herrscher nahm sie angeblich gelassen auf. Doch als er seine Ratgeber um sich versammelte und sie nach ihrer Meinung befragte, wirkte er wiederum unschlüssig.
Am nächsten Morgen beobachtete unser Vorposten, wie sich waffenlose Azteken näherten. Zuerst erschienen vier hohe Beamte und meldeten, dass Cacama, der Fürst von Texcoco, ein Neffe Montezumas, uns begrüßen wolle.
Der Angekündigte saß in einer mit Quetzalfedern und goldenem Laubwerk geschmückten Sänfte, die von acht Häuptlingen getragen wurde. Nur noch ein Stück von uns entfernt, stieg er aus und bewältigte den Rest zu Fuß. Er begrüßte Cortés, indem er mit der rechten Hand den Boden berührte und sie dann zum Kopf hob.
„Wir sind gekommen, um euch zu empfangen“, sagte er. „Unsre Aufgabe ist es, für alles zu sorgen, was ihr benötigt. Sobald ihr wollt, werden wir euch in unsre Stadt und die für euch hergerichteten Quartiere führen. Wir handeln auf Befehl unsres Gebieters, des großen Montezuma.“
Ich sah, wie der junge Fürst dem Generalkapitän drei funkelnde Perlen überreichte. Betört vom Glanz, den die Abordnung verbreitete, vermutete ich in der Stadt noch viel größere Kostbarkeiten, und ich malte mir aus, wie ich Isabel mit meinem Beuteanteil, den ich schon zu besitzen glaubte, eines Tages in Erstaunen versetzen würde.
Als wir weiterzogen, wurde ich noch in meiner Annahme bestärkt, da alles, was ich staunend wahrnahm, auf unermesslichen Reichtum hinwies. Mitten im See standen Städte und Dörfer, aus dem glitzernden Wasser ragten helle, fest gemauerte Häuser, Türme und Tempel. Ihr Anblick ließ mich die bewältigten Anstrengungen, überstandenen Gefahren und empfundenen Ängste fast vergessen. Selbst die eisigen Stürme, die uns auf den rauen Höhen so übel mitgespielt hatten, begannen in der wohligen Wärme, die uns am Tag umgab, mehr und mehr zu verblassen.
In Iztapalapan bezogen wir zwei Paläste. Die geräumigen Gemächer hatten Decken aus wohlriechendem Zedernholz, und die Wände zierten Baumwolltapeten. Hinter den aus behauenen Quadersteinen errichteten Gebäuden dehnten sich Gärten mit vielerlei blühenden Bäumen, Rosenhecken und Blumenbeeten.
Unterwegs durch die abwechslungsreichen Anlagen mit ihren ver-wirrenden Farben und betörenden Düften, traf ich unerwartet Pablo. Er stand, ganz in den reizvollen Anblick versunken, neben einem kleinen Teich, der durch einen Kanal mit dem See verbunden war.
Als ich neben ihn trat, erschien er mir gelöster als bei unsren letzten Begegnungen.
„Ich bin überwältigt“, gestand er. „Mit solcher Herrlichkeit hätte ich nie und nimmer gerechnet.“
„Morgen werden wir noch Schöneres sehen. In der Hauptstadt soll es prunkvolle Paläste, riesige Tempel, herrliche Parks und eine gewaltige, kunstvoll gebaute Wasserleitung geben.“
„Seit wir im Tal sind, komme ich mir wie verwandelt vor. Mir ist es, als hätten wir die Hölle durchqueren müssen, um ins Paradies zu gelangen.“
„Was hinter uns liegt, ist vorbei“, sagte ich. „Nur das Künftige zählt. Es wird uns bringen, was wir erträumt haben!“
„Langsam fange auch ich an, daran zu glauben.“
Pablos veränderte Ansicht stimmte mich froh. In meine eigene Zuversicht aber mischte sich nachts, als mich die fiebrige Erwartung nicht schlafen ließ, immer wieder Sorge. War das, was wir erlebten, vielleicht bloß die Ruhe vor dem Sturm?
Als es dämmerte, begannen wir, uns auf den Abmarsch vorzubereiten. Wir waren erregt, da wir wussten, wie sehr die nächsten Stunden über unser weiteres Schicksal entscheiden würden. Cortés, der an diesem frühen Morgen seine Unruhe gleichfalls nicht verbergen konnte, versammelte uns unter den Fahnen, die wir seit Havanna mitführten, da er wie bei vielen andren Anlässen auf ihre starke Wirkung baute. Mir gab er seine schwarze Standarte, auf der unter dem roten Kreuz unser Wahlspruch leuchtete. Ich sah in seiner Entscheidung einen Gunstbeweis und begriff, dass auch Pedro de Alvarado, der mir feindselige Blicke zuwarf, es so wertete.
Von den Tempeln Tenochtitláns schimmerten die ewigen Feuer durch den Morgennebel und verrieten, wo das Ziel lag. Als die Sonne im Osten über einen Bergkegel stieg, zerfiel der Dunst, und die Stadtsilhouette wurde sichtbar. Nach drei Trompetenstößen, die weit über den See hallten, setzten wir uns in Bewegung.
Man schrieb den 8. November Anno Domini 1519.
Das eigentliche Korps zählte damals noch etwa 480 Männer. Einen Teil unsrer Leute hatten wir in Veracruz zurückgelassen, die Übrigen waren gefallen, durch Krankheiten oder auf andre Weise umgekommen.
Ich ritt rechts von Cortés in der ersten Reihe. Wahrscheinlich beschäftigten ihn ähnliche Gedanken wie mich: Würde Montezuma sein Versprechen halten und uns friedlich empfangen? Oder hatte er vor, uns in einen Hinterhalt zu locken, aus dem es kein Entrinnen geben würde?
Der Reiterschar folgte das vielfach erprobte Fußvolk, und ihm schloss sich die tlaxcaltekische Nachhut an. Durch unsre besseren Waffen, Malinches Sprachkenntnisse und unsre stetige Zielstrebigkeit begünstigt, hatten wir in allen vorangegangenen Schlachten gesiegt. Doch erwartete uns diesmal nicht eine erdrückende Übermacht? Und hatten wir nicht wiederholt gehört, dass die Azteken äußerst tapfere Krieger sein sollten?
Zuerst blieb unser Zug auf einer schmalen Landzunge. Dann erreichten wir den Damm, der schnurgerade durchs glitzernde Wasser bis zu den Toren der Hauptstadt führte. Die Straße war mit großen Steinen gepflastert und so breit, dass zehn Reiter nebeneinander Platz hatten.
Je näher wir Tenochtitlán kamen, desto häufiger kreuzten Kanus auf dem See. In den meisten Booten schienen sich Krieger zu befinden. Konnten sie nicht plötzlich heranrudern, den Damm erklimmen und über uns herfallen?
Doch es geschah nichts. Nur immer mehr Kanus bevölkerten das Wasser, und in den kleinen Siedlungen, durch die wir kamen, drängten sich überall Schaulustige. Sogar auf den flachen Dächern der Häuser standen Menschen.
Anderthalb Meilen von der Hauptstadt entfernt, nahe dem Ort Xoloco, stießen wir auf einen Querwall. Er war fast vier Meter hoch und wurde an beiden Seiten von Wachtürmen überragt. In der Mitte entdeckte ich einen mit Zinnen versehenen Torweg, den wir erst nach kurzem Zögern betraten.
Auf der andren Seite erwarteten uns mehrere Häuptlinge und erklärten, dass sie uns das letzte Stück geleiten würden. Sie trugen Lendenschurze und weite Mäntel aus Baumwolle. Ohren und Unterlippen zierten Edelsteingehänge oder goldene Halbmonde, an Hals und Armen schimmerten mit feinem Federwerk durchsetzte Reife aus Türkismosaik.
Vor den Stadttoren mussten wir eine Zugbrücke passieren. Sie spannte sich über eine Deichlücke, die als Abflussmöglichkeit diente, wenn der See zur Regenzeit anschwoll.
Nun erfasste auch der Letzte, in was für eine unwägbare Gefahr wir uns begaben. Die Azteken konnten uns jederzeit den Rückweg abschneiden. Sollte es geschehen, würde unsre Lage fast aussichtslos.
Aber es war zu spät umzukehren. Auf der breiten, nordwärts führenden Straße näherte sich schon der königliche Zug. Inmitten seines Gefolges, dem drei Würdenträger mit goldenen Stäben voranschritten, wurde Montezuma von vier Edelleuten in einer prunkvollen Sänfte getragen. Als er kaum noch einen Steinwurf entfernt war, verließ er seinen Sitz. Die Fürsten von Texcoco, Iztapalapan, Tlacopan und Coyohuacan führten ihn zu einem mit Quetzalfedern, vergoldetem Schnitzwerk und Perlen geschmückten Thronhimmel. Ein prächtiger, matt schimmernder Tilmatli bedeckte größtenteils seine hohe, schlanke Gestalt, die Füße steckten in mit Jadeiten besetzten Halbstiefeln. Zahlreiche Höflinge begleiteten ihn. Etliche trugen seinen Baldachin, andre breiteten kostbare Tücher vor ihm aus, damit er nicht die bloße Erde betreten musste. Die meisten hielten ihre Köpfe ehrfurchtsvoll gesenkt, nur seine vier fürstlichen Verwandten durften ihn anblicken.
Cortés stieg vom Pferd, ging dem König, von Malinche, Alvarado und mir begleitet, entgegen und legte ihm eine schöne Kette aus mehrfarbigen, auf eine goldene Schnur gefädelten Steinen um den Hals. Als er ihn jedoch umarmen wollte, hielten ihn die Fürsten, die in seiner Absicht einen Mangel an Achtung sahen, entschieden zurück. So konnte er nur versichern, dass er sich geehrt fühle, weil er vom Herrscher persönlich willkommen geheißen werde.
„Ich habe dich erwartet“, erwiderte Montezuma, und es war ihm anzumerken, wie sehr ihn die Begegnung erregte. „Wir wussten, dass du eines Tages heimkommen würdest in deine Stadt, um den für dich gehüteten Platz einzunehmen. Es hat lange gedauert, und die Könige vor mir, die sich bereits auf deine Rückkehr eingestellt hatten, würden staunen, wenn sie sehen könnten, dass ich auserwählt bin, dich zu empfangen. Wovon ich in letzter Zeit so oft geträumt, ist also wahr geworden. Du stehst wirklich vor mir, ich kann dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Sicher bist du müde von der langen Reise, die dich aus den Wolken und Nebeln zu uns geführt hat. Ruhe dich nun aus. Nimm Besitz von deinem Stuhl, deiner Matte. Zieh ein in deinen Palast. Es ist alles vorbereitet.“
Während Malinche den Schluss übersetzte, neigte sich der Herrscher, dem jeder seiner Untertanen mit beispielloser Ehrfurcht begegnete, vor Cortés zur Erde.
Was er gesagt hatte, und wie er sich benahm, bewies mir, dass er den Generalkapitän wohl tatsächlich für Quetzalcoatl hielt, jenen hellhäutigen Gott, der in Urzeiten durch den Zauber Tezcatlipocas, des Schutzherrn der jungen Krieger, über den Ozean vertrieben worden sein sollte, einer alten Legende zufolge aber irgendwann wiederkommen würde, um seine früheren Rechte einzufordern.
Erklärte das gemeinsam mit den seltsamen Zeichen, über die ich erst später Kenntnis erhielt, warum uns Montezuma widerstandslos in seine Hauptstadt ließ? Wagte er nicht, gegen einen Gott und sein Gefolge zu kämpfen? Oder hatte ihm unser Vorgehen in Cholula den letzten Mut zur Abwehr genommen?
Ich kann die Fragen nicht beantworten. Dagegen bin ich fast sicher, dass der König bereits in jenen Augenblicken, als er sich vor Cortés verbeugte, sein Reich verspielte, weil das unterwürfige Verhalten uns zu den weiteren Handlungen ermunterte.
Die Azteken, die dicht gedrängt den Straßenrand bevölkerten, bemerkten die ergebene Haltung ihres Herrschers nicht, da sie ihre Köpfe weiter gesenkt hielten. Nur eine junge Frau stand, wie ich zufällig bemerkte, aufrecht in der Menge und beobachtete, durch ihre Vorderleute fast verdeckt, das Geschehen. Es war Apacueye. Von Neugier erfüllt, missachtete sie das strenge Gebot, in Montezumas Nähe die Augen niederzuschlagen. Sie wollte wissen, was mit dem Schmuck geschah, den ihr Vater, ein angesehener Goldschmied, in den letzten Tagen und Nächten auf Geheiß des Königs hatte fertigen müssen. Es handelte sich um eine schwere Goldkette, die Montezuma gerade aus der ihm von einem Jüngling gereichten Blumenschale nahm. Bereitwillig ließ sich Cortés das kostbare Geschenk mit den funkelnden Gliedern aus fein ziselierten Krebsen um den Hals legen. Danach trat der Herrscher zurück und befahl den Fürsten von Texcoco und Coyohuacan, uns ins Quartier zu führen. Er selbst bestieg seine Sänfte und wurde durch die ehrfürchtige Menge davongetragen.
Noch gefesselt vom Erlebten, erschrak ich, als Bewegung in die Zuschauer kam, sobald der König ein Stück entfernt war. Aber ich erfasste rasch, dass keine Gefahr drohte. Die Männer und Frauen eilten bloß herbei, um uns mit Weihrauch, Blumen und Früchten zu begrüßen, als wären wir lang erwartete Freunde.
Beeindruckt von der unverhofften Geschäftigkeit, verlor ich Apacueye für kurze Zeit aus den Augen. Als ich wieder hinschaute, stand sie an derselben Stelle. Das Treiben ringsum schien sie nicht zu berühren. Doch plötzlich sah sie in meine Richtung. Mir war nicht klar, ob ihr Blick mir oder der Standarte galt, die ich hielt. Genau erkannte ich nur, dass sich ihr Gesicht veränderte, aber ich konnte die Miene nicht deuten.
Als wir weiterzogen, blieb Apacueye rasch zurück. Ich wandte mich mehrmals nach ihr um. Sie stand wie angewurzelt. Bloß ihr Blick verfolgte die Kolonne, und ich redete mir ein, dass es meinetwegen geschah. Erst als ihr Gesicht unscharf wurde und schließlich in der Menge versank, richtete ich mein Augenmerk wieder nach vorn.
Unterwegs zum Hauptplatz, der vom großen Teocalli und mehreren Palästen begrenzt wurde, fragte ich mich, was sich ereignet hatte. War mir Apacueye durch ihre Anmut aufgefallen? Oder nur, weil sie sich anders als die Masse verhielt?
Die mannigfaltigen Eindrücke, die ich in nächster Zeit verarbeiten musste, verdrängten vorübergehend ihr Bild.
Montezuma hatte den ungenutzten Palast seines verstorbenen Vaters Axayacatl für uns herrichten lassen. Alle unsre Männer fanden darin Platz. Nur für die Tlaxcalteken mussten zusätzliche Unterkünfte auf dem Hof erbaut werden.
Die Hauptleute erhielten besonders fürsorglich ausgestattete Räume. Hinter farbigen Vorhängen befanden sich die Schlafstätten aus übereinandergeschichteten Matten, auf denen Kissen und Decken bereitlagen. Der Fußboden war überall sauber gekehrt, die frisch getünchten Wände hatte man mit Bildern und leuchtendem Federwerk geschmückt.
Kaum in mein Zimmer getreten, blieb ich bewundernd stehen. Was ich sah, erschien mir so unbegreiflich wie der herzliche Empfang. Doch durfte man dem Anschein bedenkenlos trauen? Oder spielten die Azteken uns nur etwas vor? Warteten sie auf eine günstige Gelegenheit, um uns zu vernichten? Stellte der weitverzweigte Palast, in dem wir uns verteilten, nicht den besten Ort für einen heimtückischen Überfall dar? Konnten hinter Vorhängen und Türen nicht bereits zu allem entschlossene Krieger auf ein Zeichen zum Angriff lauern?
Als ich Schritte vernahm, fuhr ich herum und griff nach dem Degen. Aber gleich zog ich meine Hand wieder zurück, weil ich Pablo hereinkommen sah. Er wirkte noch gelöster als bei unsrem Gespräch in Iztapalapan. Hatte er seinen Wankelmut völlig überwunden?
„Ein fürstliches Quartier“, stellte er fest, nachdem er sich umgeblickt hatte.
„Und wie wohnst du?“
„Nicht so gut.“
„Vielleicht lässt’s sich ändern.“
„Nein, nein“, wehrte er ab. „Ich in zufrieden.“
„Und sonst?“
„Mein Gefühl ist in Aufruhr“, sagte er. „Ich möchte mich von ihm verführen lassen und glauben, dass wir dicht vorm Ziel sind. Doch eine innere Stimme sagt mir, dass noch längst nicht alles überstanden ist.“
Durch die Zweifel, die wohl alle mehr oder weniger hatten, kam keine Sorglosigkeit auf. Es war in unsrem Sinne, dass Cortés wie bisher seine Maßnahmen traf, um einen plötzlichen Angriff sofort abzuwehren.
