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Michael Krinzeßa

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2001 im Fachbereich Pädagogik - Allgemein, Note: gut, Universität Karlsruhe (TH) (Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften), Sprache: Deutsch, Abstract: Karl May wurde als Sohn blutarmer Webersleute in Hohenstein - Ernstthal geboren. Das Leben am Rande des Existenzminimums bedeutete eine enorme physische, als auch psychische Belastung für den Jungen, prägte jedoch im Endeffekt sein inneres Wesen entscheidend. Tief in seinem Innersten hegte er die Sehnsucht nach der Erlösung seiner Qualen (= Edelmenschentum!). Seit dieser Zeit befand sich der Schriftsteller stets auf der Suche nach der Verwirklichung seines Ideals - den barmherzigen und selbstlos, d.h. ohne materiellen Zweck oder egoistische Motive agierenden Edelmenschen. Die Eltern legten dem kleinen Karl ihre gegensätzlichen Charaktereigenschaften praktisch „in die Wiege“, so daß er im Endeffekt, vermutlich genetisch bedingt, als „seelisch labil“ be-zeichnet werden kann. Karl May erblindete kurz nach seiner Geburt. Diesem Umstand verdankte er die Befähigung, den Menschen und seine Umgebung „seelisch“, also von innen heraus zu beurteilen. Mays ausgeprägte Sensibilität für prekäre Situationen im Alltagsleben wurde durch seine musikalische Ausbildung Mays noch gesteigert. Die Großmutter hatte in diesem Zeitraum den intensivsten Einfluß auf Karls inneres Wesen, da sie ihm während seines unfreiwilligen Lebens in der Dunkelheit praktisch das Au-genlicht ersetzte. Sie übermittelte dem Jungen ihre positiven Charaktereigenschaften, die aus ihrer Lebenserfahrung resultierten. Außerdem war die alte Dame eine ausgezeichnete Märchenerzählerin. Auf diese Weise erfuhr Karl May sinnbildlich die eigentliche Bedeutung der „menschlichen Vollkommenheit“, ohne den Sachverhalt zu diesem Zeitpunkt wirklich zu begreifen. Diesbezüglich sei noch einmal ausdrücklich festgestellt, daß der Verzicht auf jegliche irdische Versuchung eine unerläßliche Voraussetzung, für die Loslösung der menschlichen Psyche von der weltlichen Knechtschaft ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2007

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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Die Kindheit des Schriftstellers - Gründe für dessen Introversion
4. Die Welt der Erzählungen des Schriftstellers
III. Zusammenfassung - ein kurzes Fazit zum Schluß

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Lies nicht die Worte nur; erforsch den Sinn;

als Taucher sollst du tief hinuntersteigen, Und wenn dann ‚ich’ dir klar geworden bin, dann wird sich auch dein eigenes ‚Ich’ dir zeigen1.

I. Einleitung

Karl May ist Umfragen zufolge einer der bekanntesten, aber auch gleichzeitig der umstrittenste Schriftsteller Deutschlands. Schon zu Lebzeiten sah er sich einer beispiellosen, unbarmherzigen Hetze gegen seine Person einschließlich seiner Werke ausgesetzt2, die dann in der Berufungsverhandlung von Berlin-Moabit am 18. Dezember 1911 gipfelte, in der der gefährlichste seiner Gegner, der Journalist und Herausgeber diverser zeitkritischer Lektüre, Rudolf Lebius, endgültig zum Schweigen gebracht werden konnte.3

Auch in der Literaturwissenschaft fand Karl May wenig Beachtung. Existierte er doch, mit Ausnahme einer Dissertation in den dreißiger Jahren, als Forschungsobjekt überhaupt nicht.

Das aufopferungsvolle Engagement der im Jahre 1969 gegründeten Karl-May-Gesellschaft, führte im wesentlichen zu einer Akzeptanz des Autors und seiner Arbeiten als eine wissenschaftliche Disziplin.

In den letzten Jahren erschien eine Fülle von Dissertationen und anderen akademischen Abhandlungen. Darüber hinaus wurde eine fast unüberschaubare Anzahl von Jahrbüchern und diverser Sekundärliteratur veröffentlicht.4Die gesamte Auflage der Karl May-Bücher weltweit belief sich bis 1996 auf zirka 130-140 Millionen Stück.5Doch auch im öffentlichen Leben erfuhr die Person Karl May und seine Werke eine erhebliche Aufwertung.

Die nationalsozialistische Führung des Deutschen Reiches von 1933-1945 hielt große Stücke auf den Volksschriftsteller. Karl May galt als Adolf Hitlers Lieblingsautor. Er

1Zitiert nach Karl May, Gerechtigkeit für Karl May!, hrsg. von Ludwig Gurlitt, in: Lothar Schmid, „ICH“.

Karl Mays Leben und Werk, Bamberg 1995/39, S.506.

2Karl May, Mein Leben und Streben, Freiburg 1910, S.232-298.

3Claus Roxin, Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970, Hamburg 1970, S.11-46.

4Lothar Schmid, „ICH“. Karl Mays Leben und Werk, Bamberg 1995/39, S.9-12.

5Lothar Schmid in: Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Uta Kolano, mdr/Arte 1996.

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empfahl unter anderem seinem Neffen, Winnetou als Vorbild zu sehen.6Der deutsche „Führer und Reichskanzler“ besuchte den schon legendären Vortrag des Schriftstellers „Empor ins Reich der Edelmenschen“ am 22. März in Wien und soll sowohl von der Person Karl May, als auch von dem Vortrag selbst, überaus begeistert gewesen sein7. In den Augen des Reichsbauministers Albert Speer, galt Winnetou als „Musterbeispiel eines Kompanieführers“8. Karl Mays Figuren erinnerten an die Theorie des Übermenschen. Das Pflichtbewußtsein und der Heldenmut der Protagonisten seiner Werke waren gute Voraussetzungen für Soldaten. So mußte sich Karl May in der folgenden Generation posthum den Vorwurf gefallen lassen, er sei, ähnlich wie Nietzsche und Wagner ein „Wegbereiter des Faschismus“ gewesen.9Berühmte Dichtungen wie z.B. „Der Mir von Dschinnistan“ oder „Winnetou IV“, sprechen allerdings eindeutig gegen eine faschistische Tendenz in Mays Werken. Deren Inhalt ist offensichtlich von einer stark pazifistischen Absicht des Autors geprägt.10In seiner Reiseerzählung „Old Surehand. Erster Band“ betont der Schriftsteller leidenschaftlich die Gleichheit einer jeden Menschenrasse im Angesicht des Schöpfers11.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte, vor allem in der Bundesrepublik Deutsch-land, eine enthusiastische Karl-May-Begeisterung.

Im Jahre 1964 meldete die Deutsche Wochenschau, daß in Essen, „unter einem Publi-kumsandrang, der sonst nur in Bundesligaspielen gilt“, eine Filmpreisverleihung statt-fand. Der Hauptdarsteller des Filmes „Winnetou I“, Lex Barker, empfing die „goldene Leinwand“ für drei Millionen Kinobesucher, ausgezeichnet durch die Deutschen Filmtheaterbesitzer. Des weiteren wurde von einem Phänomen gesprochen, daß die Anziehungskraft des Filmes auch zukünftig ungebrochen bliebe.12In der DDR galt Karl May zwischen 1945 und 1981 als „Unperson“ und wurde geächtet.13Es war nicht nur der Druck der Kriegsfolgen, der dem Schriftsteller ein Totalverbot der SED-Zensur eingebracht hatte14. May stellte in den Augen der dortigen Parteifunktionäre eine „Gefahr für das öffentliche Leben“ im sozialistischen Einheitsstaat dar. Christian Heermann, ein Publizist aus dem Osten, begründete dies wie folgt. Die Person

6George L. Mosse, Der nationalsozialistische Alltag, Frankfurt am Main, 1993/3, S.10

7Ekkehard Bartsch, Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1970, Hamburg 1970, S.50,51.

8Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Uta Kolano, mdr/Arte 1996.

9Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Ute Kolano, mdr/ Arte 1996.

10z.B. Roland Schmid, Der Mir von Dschinnistan, Bamberg 1967, S.500, bzw. Roland Schmid, Winne-

tous Erben, Bamberg 1960, S.263, 264.

11E. A. Schmid, Old Surehand. Erster Band, Bamberg 1949, S.199, 200.

12TV-Mitschnitt der Deutschen Wochenschau(1964).

13Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Uta Kolano, mdr/Arte 1996.

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und die Werke, des aus dem kleinen erzgebirgischen Weberstädtchens Ernstthal stammenden Autors, konnten in der fernsehlosen Zeit ein Individuum voll in Anspruch nehmen. Außerdem paßten die Helden Karl Mays nicht in die sozialistische Welt. Sie reisten wohin sie auch wollten, waren frei und ungebunden, fuhren durch ferne Länder, wollten nichts von gesetzlichen Ordnungen wissen und richteten sich dementsprechend auch nicht danach. Zudem wollte die DDR eine eigene Abenteuerliteratur schaffen.15Doch unter dem Druck der Volksstimmung, mußte die Ächtung, des im östlichen Teil Deutschlands sehr beliebten Schriftstellers, wieder aufgehoben werden.16Bekannte west- bzw. gesamtdeutsche Politiker würdigten die Arbeit Karl Mays. Der Altbundeskanzler Helmut Kohl, derzeit im Rahmen der CDU - Spendenaffäre sehr umstritten, wird wie folgt zitiert. „Die Erde sehnt sich nach Ruhe, heißt es in Ardistan und Dschinnistan, die Menschheit nach Frieden. Und die Geschichte will nicht mehr Taten des Hasses, sondern Taten der Liebe verzeichnen. Das entsprach den Vorstellungen, mit denen ich als Schüler Karl May gelesen habe.“ Der ehemalige Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende der SPD Oskar Lafontaine, der im Jahre 1999 durch seine spektakulären Veröffentlichungen über parteiinterne Angelegenheiten bei seinen sozialistischen Fraktionsgenossen in Verruf geraten ist, äußert sich folgendermaßen über den Autor: „Karl May, das ist ein Volksklassiker, der klassenlose deutsche Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Fangemeinde ist riesig, seine Lesebücher gehören zum gemeinsamen emotionalen Bestand der Nation.“17

Der folgende Abschnitt soll dem Leser der vorliegenden Abhandlung als Einführung in die Thematik dienen und nachweisen, welchen Stellenwert die Arbeiten Karl Mays hinsichtlich ihrer pädagogischen Effizienz einnehmen.

Der Schriftsteller bekannte sich zum sogenannten Edelmenschentum, das ohne Bedenken als eine praktizierende Form des Humanismus bezeichnet werden kann. May versuchte mit Erfolg, wie die nachfolgenden Statistiken zeigen werden, dem Konsumenten seiner Romane spannende und fesselnde Abenteuergeschichten zu präsentieren, die dennoch nicht nur rein unterhaltenden Charakter besitzen, sondern darauf bedacht sind, den humanistischen Gedanken der „Edelmenschlichkeit“ zu vermitteln um somit einen positiven Einfluß auf den jeweiligen Leser auszuüben. Insbesondere die noch formbare Jugend kann durch den Konsum dieser Lektüre noch moralisch beeinflußt werden, um

14Lothar Schmid,“ICH“. Karl Mays Leben und Werk, Bamberg 1995/39, S.9.10.

15Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Uta Kolano, mdr/Arte 1996.

16Lothar Schmid, “ICH“. Karl Mays Leben und Werk, Bamberg 1995/39, S.10, 11.

17Karl May - Eine unendliche Geschichte. Ein Film von Uta Kolano, mdr/Arte 1996.

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ihren Charakter zu festigen und das sittliche Empfinden zu stärken, wie die folgende Darstellung zeigt.

Hans-Henning Gerlach schildert in seinem Vorwort zu dem, die Reiserouten der Helden Mays beschreibenden Karl-May-Atlas, eindrucksvoll, wie ihn der Schriftsteller und seine Werke in den Jugendjahren begleiteten und im positiven Sinne nachhaltig beeinflußten. Sein Leben war durch und durch geprägt von den fast übermenschlich erscheinenden Protagonisten der Mayschen Erzählungen. Er verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit draußen in der Natur, eine Tatsache, die er auch den Büchern des deutschen Volksschriftstellers zu verdanken hat. Dieser legte großen Wert auf die Schilderung einer noch reinen, sauberen und zauberhaften Wildnis. Damit sprach er besonders die Jugend an, da diese die Reinheit der Natur (gleichzusetzen mit der Unbeschwertheit und dem kindlichen Gemüt) im Gegensatz zum Erwachsenen, noch nicht verloren hat, sondern diese erst zu umfassen und kennenzulernen sucht. Auf einem ihrer „Beutezüge“ erlegte der junge Hans-Henning und seine Freunde eine Taube. Doch die in zahlreichen Kämpfen mit Gleichaltrigen abgehärtete Clique war von dem Tod des Tieres im Endeffekt so betroffen, daß sie es beerdigte und den Grabhügel mit einem Weidenkreuz schmückte. Im Gegensatz zu vielen ihrer Altersgenossen, die erfahrungsgemäß eher dazu geneigt gewesen wären, dem Vogel vor seinem Ableben noch große Qualen zu bereiten, wandte sich das durch die Lektüre Karl Mays geschulte sittliche Empfinden an die Jugendlichen und ihr moralisches Gewissen machte ihnen vermutlich sehr zu schaffen. War es denn nötig dieses Lebewesen völlig sinnlos, nur so zum Spaß, zu töten?18Diese Frage werden sich die Kinder wohl gestellt haben, denn die Helden Mays erlegten das Wild auch nicht ohne Zweck, sondern nur um sich notwendigerweise ernähren zu können.19Anhand dieses Beispiels wird einwandfrei der erzieherische Charakter der Werke Karl Mays deutlich.

Der erst siebzehnjährige Tischlerlehrling Rainer Gagelmann, seines Zeichens Karl May-Enthusiast, startete im Jahre 1965 eine Umfrage unter zeitgenössischen Schriftstellern, wie z.B. Ingeborg Bachmann oder Friedrich Georg Jünger, und erhielt eine größtenteils positive Resonanz hinsichtlich seiner an die Autoren gerichtete Umfrage „Soll die Jugend Karl May lesen?“. Die überwältigende Mehrheit der Befragten befürwortete die

18Lothar und Bernhard Schmid, Karl-May-Atlas, Bamberg 1998/2, S.14, 15.

19E. A. Schmid, Old Surehand. Zweiter Band, Bamberg 1949, S.419.

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Lektüre der Werke Mays und befand diese als durchaus „geeignet“ zum Studium durch Heranwachsende.20

Eine repräsentative Befragung der Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrganges 1999 im Lise-Meitner-Gymnasiums des Bildungszentrums in Königsbach/Baden, ergab, daß 42% der männlichen Jugendlichen im Alter von 8-15 Jahren Karl May gelesen haben. 63%(!) der Gymnasiasten und 36% der weiblichen Jugendlichen betonten, daß Karl-May-Filme von ihnen bevorzugt konsumiert wurden.

In der Reihe der Lieblingsbücher rangiert, der Umfrage zufolge, der Volksschriftsteller ebenfalls ganz vorne.21

Diese empirischen Nachforschungen sprechen wohl für sich und stellen eindeutig den hohen Stellenwert Karl Mays bei den Jugendlichen heraus, in einer Zeit, die geprägt ist von Technologie, zunehmendem Leistungsdruck in Schule, Beruf und Gesellschaft und einer stetig ansteigenden Aggressions- bzw. Gewaltbereitschaft der Teenager. Generell sollte für die derzeitige Generation von Heranwachsenden folgendes Motto gelten: „Weg von der ‚Straße’ - mit Karl May durch eine unbeschwerte und lehrreiche Jugend, ohne den immerwährenden Anforderungen der heutigen ‚Leistungsgesellschaft’ ausgesetzt zu sein.“ Der Weg zum Edelmenschentum, den der Volksschriftsteller in seinen Werken beschreibt, bietet den Betroffenen die Möglichkeit, sich das nötige Quantum an Moralität und Sittlichkeit anzueignen, um der bestehenden Gefahr der Verwahrlosung und Verrohung zu entgehen, die derzeit unter den Jugendlichen herrscht. Die Lektüre der Werke Mays bietet außerdem eine ausgezeichnete Abwechslung vom täglichen Alltagsstreß, wodurch dem Leser persönliche Freiräume geschaffen werden, in denen er sich, angeregt durch den Inhalt des Lesestoffes, kreativ entfalten kann. So ist der Konsument der spannenden Erzählungen in der Lage, sich von der monotonen, tristen Gegenwart, in eine ereignisreiche Phantasiewelt zu versetzen, die ihm die Möglichkeit bietet, ganz neue, geistige, respektive seelische Erfahrungen zu erleben, von denen er in der Realität niemals in Kenntnis gesetzt wird. Einen weiteren Einsatzbereich für die erzieherisch-pädagogische Arbeit mit dem Schrifttum Karl Mays, stellt die Resozialisierung von Strafgefangenen, einsitzend in den zahlreichen Justizvollzugsanstalten dieses Landes, dar. Verschiedene Lockerungsmaßnahmen während des „geschlossenen Vollzugs“, bei einer „guten Führung“ des Gefängnisinsassen sind z.B. der Freigang über das Wochenende, oder die Überweisung

20Roland Schmid, Soll die Jugend Karl May lesen?, Bamberg 1967.

21Abitur-Jahrgang 1999 LMG Königsbach, Abicalypse Now ‘99, Königsbach-Stein 1999, S.228, 229.

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des Kriminellen in ein sogenanntes „Freigängerhaus“. Der Insasse hat dann die Möglichkeit einer geregelten Arbeit in „Freiheit“ nachzugehen, muß sich aber nach Dienstschluß wieder in der o.g. Örtlichkeit einfinden. Nach Aussagen eines ehemaligen Freigängers, der dem Autor dieser Arbeit persönlich bekannt ist, stellen diese sogenannten Freiräume aber keine besonders gute Möglichkeit zur Resozialisierung dar. Der ständige Kontakt mit Gleichgesinnten während des „Einschlusses“, abends oder in der Nacht, verhindert eine Loslösung des Inneren eines Betroffenen von dem unsäglich negativen Gedankengut eines Verbrechers. Er wird somit nie die moralische und sittliche Gesinnung eines „normalen“ Mitgliedes der Gesellschaft erreichen. Damit ist er aber keinesfalls fähig, nach der Abbüßung der Strafe ein geregeltes Leben in der „Zivilisation“ zu führen. Persönliche Umfragen in diesem Milieu bestätigen eine enorm hohe Rückfallquote bei ehemaligen Strafgefangenen.

Um nun die „verdorbene“ Psyche eines solchen kriminellen Individuums moralisch und sittlich zu „stärken“, besteht die Möglichkeit, den Insassen einer JVA. durch das intensive Studium der gefängniseigenen Bibel zur Läuterung zu führen, in diesem speziellen Fall durch die Vermittlung des christlichen Gedankengutes. Die Idee ist im Allgemeinen nicht schlecht und außerdem sehr lobenswert. Jedoch ist zu befürchten, daß der Gefangene, für diese Maßnahme der positiven, geistigen und seelischen Beeinflussung, nur sehr schwer zugänglich ist.

Für viele der „schweren Jungs“ wird die Lektüre des „Wortes Gottes“ wahrscheinlich nur langweilig sein. Der Hauptdarsteller der biblischen Geschichte, Jesus, wird in dem größten aller Werke zumeist als eine unscheinbare, eher schwächliche Person dargestellt, die niemals irgendwelche spektakulären Heldentaten verübt. Auch die Anstaltspfarrer haben zumeist nur im Rahmen ihres Theologiestudiums am Schreibtisch „gekämpft“. Gerade aber das Gegenteil dieser Attribute ist es, was die ehemals Kriminellen anspricht. Jetzt existiert da in den Werken Karl Mays aber ein breitschultriger Zeitgenosse namens Old Firehand, ein „harter Bursche“, wie der Großteil der Gefangenen selbst. Dieser Held der Erzählungen des Volksschriftstellers sieht sich in seinen Abenteuern einer Vielzahl von Gefahren ausgesetzt. Er muß auf dem Territorium der „dark and bloody grounds“ in erbitterten Kämpfen gegen ihm feindlich gesinnte Indianer oder verbrecherische Tramps bestehen. Der Gefangene sieht hier Parallelen zu seinem eigenen Überlebenskampf „auf der Straße“. Er ist von diesem „Westmann“ begeistert, genau so stellt er sich sein Vorbild vor. Der Unterschied des ehrlichen Trappers zu dem unbarmherzigen, skrupellosen Straßenkämpfer besteht aber in dem humanen Gedan-

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kengut, das Karl May seinen Protagonisten vermittelt. Old Firehand ist zwar, wenn es sein muß, ein unerbittlicher Fighter, tötet aber niemals sinnlos uns schont seine Gegner, soweit er sein eigenes Leben nicht bedroht sieht oder es die Situation nicht anders zuläßt (vgl.: Notwehr!).

Dem Leser wird hier ein sittlich einwandfreies Ideal geliefert, das gerade auf den Strafgefangenen beispielhaft wirkt. So kann die Lektüre der Werke Mays dem Kriminellen eine positive moralische Gesinnung vermitteln, um dadurch im Umgang mit der Gesellschaft, außerhalb der Gefängnismauern, zu bestehen. Ein erneutes Auftreten der Straffälligkeit bei dem Betroffenen, kann auf diese Weise erheblich gemindert werden. Daß diese Behauptung in die Praxis umgesetzt wird, bestätigt die Tatsache, daß sich z.B. in der Gefängnisbibliothek des „Musterknastes“ Waldeck bei Rostock „der komplette Karl May“ befindet. Somit sind die Werke des Autors jedem JVA-Insassen zugänglich, der sich wiederum von der pädagogischen Wirkungskraft der schriftstellerischen Inhalte Mays beeindrucken lassen kann.22

Roderich Haug bestätigt auf die Anfrage vom 30. Juni 1998, im Auftrag des Lektorats des Karl May Verlages in Bamberg, die Vermutung, daß positive Erfahrungen mit der Lektüre von Karl-May-Romanen als pädagogisches Hilfsmittel in Erziehungsanstalten und dergleichen, schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gesammelt wurden23. Im nun folgenden Hauptteil dieser Abhandlung soll die ereignisreiche Lebensgeschichte Karl Mays interpretiert werden. Ein Schwerpunkt ist hierbei die Erfassung erkennbarer, humanistischer Tendenzen in der Entwicklungsphase des Schriftstellers. Die Entfaltung des „Edelmenschentums“ im Inneren Mays, zieht sich durch die gesamte „Laufbahn“ des gebürtigen Ernstthalers, auch während existentiell schwieriger Phasen. Seine Herkunft und diverse, den Geist, bzw. die Seele des jungen Karl Friedrich prägenden Erlebnisse in der Kindheit und als Heranwachsender zeigen auf, wie ein „Nährboden“ für Mays spätere enthusiastische Hinwendung zum seelischen „Innenleben“ (= Introversion) seiner eigenen Person, aber auch das Interesse für die Psyche fremder Individuen, geschaffen wurde. Diese Entwicklung hatte aber nicht nur positive Konsequenzen für den Weberssohn. Eine sehr zweifelhafte Verurteilung des Ernstthalers auf-grund eines Diebstahls, führte zu einer Kette weiterer Straftaten. In diesem Zeitraum erlebte er eine krankhafte Persönlichkeitsspaltung, die durchaus schizophrene Züge annahm. Der Verlauf dieser Krankheit und deren Hintergründe werden speziell erörtert.

22Zur Strafe fernsehen, in: FOCUS 15(1997), S.119.

23Roderich Haug, Antwortbrief vom 08.Juli1998, auf die Anfrage vom 30.Juni1998, Bamberg 1998.