Karlas Umweg - Hera Lind - E-Book

Karlas Umweg E-Book

Hera Lind

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Beschreibung

»Ich schluckte. Das war das erste Mal, dass Marie mir einen ihrer Liebhaber anbot, leihweise. Und es war ganz eindeutig nicht derjenige, für den mein Herz schlug.« Manche Frauen schreiben begeistert Tagebuch, andere ärgern sich darüber, dass in ihrem Leben eigentlich nichts Aufregendes passiert. So geht es auch der braven Musikstudentin Karla, die davon träumt, eines Tages als Pianistin Karriere zu machen. Doch dann macht sie die Bekanntschaft der ebenso berühmten wie exzentrischen Sängerin Marie– und findet sich kurze Zeit später als Kindermädchen und Putzfrau in deren Luxusvilla wieder. Noch dazu lernt sie den attraktiven Willem kennen, der allerdings einen entscheidenden Fehler hat: Er ist mit Marie verheiratet … Charmant, humorvoll und ein bisschen chaotisch: Der Bestseller von Hera Lind, einer der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsautorinnen aller Zeiten. »Hera Lind schreibt Romane, deren Lästerton die Herzen der stolzesten Frauen trifft. « Die Zeit Jetzt als eBook: „Karlas Umweg“ von Hera Lind. dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 527

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Über dieses Buch:

Manche Frauen schreiben begeistert Tagebuch, andere ärgern sich darüber, dass in ihrem Leben eigentlich nichts Aufregendes passiert. So geht es auch der braven Musikstudentin Karla, die davon träumt, eines Tages als Pianistin Karriere zu machen. Doch dann macht sie die Bekanntschaft der ebenso berühmten wie exzentrischen Sängerin Marie– und findet sich kurze Zeit später als Kindermädchen und Putzfrau in deren Luxusvilla wieder. Noch dazu lernt sie den attraktiven Willem kennen, der allerdings einen entscheidenden Fehler hat: Er ist mit Marie verheiratet …

Charmant, humorvoll und ein bisschen chaotisch: Der Bestseller von Hera Lind, einer der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsautorinnen aller Zeiten.

»Hera Lind schreibt Romane, deren Lästerton die Herzen der stolzesten Frauen trifft. « Die Zeit

Die Autorin:

Hera Lind, geboren 1957 in Bielefeld, studierte Germanistik, Theologie und Gesang. Sie machte sich europaweit als Solistin einen Namen und war 14 Jahre lang festes Mitglied des Kölner Rundfunkchores. Während ihrer ersten Schwangerschaft schrieb sie ihren Debütroman Ein Mann für jede Tonart. Dieser wurde sofort ein Bestseller und erfolgreich verfilmt – eine Erfolgsgeschichte, die sich mit zahlreichen Romanen wie Das Superweib, Die Zauberfrau, Das Weibernest, Kinderbüchern und Tatsachenromanen bis heute fortsetzt. Hera Linds Bücher wurden in 17 Sprachen übersetzt und verkauften sich über 13 Millionen Mal. Die leidenschaftliche Joggerin läuft täglich 15 Kilometer; in „Frauen-Power-Seminaren“ gibt sie ihre Erfahrungen mit Laufen und Pilates erfolgreich weiter. Hera Lind ist Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Die Autorin im Internet: www.heralind.com

Bei dotbooks erscheinen außerdem Hera Linds Romane Ein Mann für jede Tonart, Frau zu sein bedarf es wenig, Das Superweib, Die Zauberfrau, Das Weibernest, Der gemietete Mann, Hochglanzweiber, Mord an Bord, Der doppelte Lothar und Fürstenroman sowie die Geschichten Der Tag, an dem ich Papa war und Rache und andere Vergnügen.

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eBook-Ausgabe Dezember 2012

Copyright © der Originalausgabe 2005 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Copyright © der eBook-Ausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © Hans-Jörg Nisch – Fotolia.com

ISBN 978-3-95520-061-9

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Hera Lind

Karlas Umweg

Roman

dotbooks.

Nebenan klimpert der unmusikalische Kevin. Seit Wochen quält er sich und den Rest der Welt mit der Jäger-Polka in F-Dur. Also, ich finde sowieso, dass jemand, der Kevin heißt, gar nicht Klavier spielen sollte. In die städtische Musikschule zur Klavierstunde geht man als Johannes, Bernhard oder Elisabeth oder Eva-Maria. Saschas, Nadines und Natalies trifft man bei uns eher selten. Kevin ist in gewisser Weise unser Quoten-Prolet. Ich habe schon mehrmals mit dem Ellbogen gegen die Wand gedonnert, und dass Kevin ungerührt weiter in die Tasten haut, beweist zwei Dinge: Erstens ist er es offenbar gewöhnt, dass sein Klavierspiel solchermaßen honoriert wird. Und zweitens: seine Lehrerin ist nicht im Raum. Regina, meine nicht wirklich geliebte Kollegin. Sie steht wie üblich auf dem Flur und quatscht. Über ihre Probleme mit Gernot. Regina hat mir auch dieses Tagebuch hier geschenkt, zum vierundzwanzigsten Geburtstag. Na ja, ein Tagebuch ist es nicht wirklich. Eher eine blöde Kladde, in die ich, laut Regina, nun mein Leben reinschreiben soll. Sie sagt, das Leben fängt jetzt erst an. Sie muss es ja wissen. Regina ist immerhin schon fünfundzwanzig. Es stimmt, ich habe bis jetzt überhaupt noch nichts erlebt, jedenfalls nichts, das sich zu erwähnen lohnte: Gymnasium und Abitur in dieser hessischen Kleinstadt (ich bin immer versucht, »hässliche« Kleinstadt zu sagen, aber Mama meint, ich soll mich nicht versündigen, es gibt noch viel hässlichere Kleinstädte) – nebenher Musikschule mit Klavierstunden, montags katholischer Kirchenchor, mittwochs evangelischer Kirchenchor, samstags Jugendchor und sonntags Bad Orkser Singkreis. Tja. Das war bisher mein Leben. Seit Sommer jobbe ich hier an der Musikschule. So weit, so langweilig. Ich frage mich wirklich, wie ich dieses dicke, goldene Buch füllen soll. Regina dagegen hat viel mehr über sich zu berichten. Das tut sie ja auch. Pausenlos. Unfreiwillige Zuhörer findet sie immer. Reginas Lebensinhalt: Gernot.

Gernot passt total gut. Zu Regina, und überhaupt. In dieses freudlose Musikschul- und Kleinstadt-Dasein. Regina hat nämlich gern Not mit ihrem Gernot. Sie leidet gerne, das füllt ihr jämmerliches Leben mit Inhalt. Sie ist seit Jahren Klavierlehrerin an diesem kleinstädtischen Institut – und da braucht man schon einen Gernot als Dreingabe.

Ausgerechnet Regina hat mir also die goldene Kladde geschenkt, auf der in geschwungenen Lettern steht: Mein Tagebuch. Wenigstens kann ich meinen Ärger über sie da hinein schreiben. Sie ist der spießigste und engstirnigste Mensch, der mir je begegnet ist, und leider begegnet sie mir täglich. Stündlich. In schlimmen Phasen sogar alle zehn Minuten. Auf dem Flur der Musikschule. Oder sie stürmt einfach nach kurzem herrischem Anklopfen in meinen Unterrichtsraum. Egal, wer da erwartungsvoll an meinem Klavier sitzt: ihr Auftritt ist immer wichtiger. Sie platzt vor Mitteilungsdrang.

Und ich weiß doch schon alles! Obwohl ich Gernot noch nie gesehen habe, kenne ich den Mann besser als er sich selbst. Ich weiß sogar von dem nässenden Ekzem hinter seinen Ohren. Na danke, Leute.

Heute hat mich Regina gefragt, ob ich das Tagebuch schon fleißig benutzt habe, und mich dabei am Ärmel festgehalten. Ich hasse es, wenn sie mich so am Weitergehen hindert, aber so ist sie nun mal. Besitzergreifend und rechthaberisch. Als ich ihr sagte, ich hätte schon drei Seiten geschrieben, hat sie höhnisch gelacht: »Drei Seiten?! Ich habe schon drei dicke Bände in sieben Jahren voll geschrieben! Das musst du mir erst mal nachmachen!« Ich habe ärgerlich auf den Boden geguckt, der vom Bohnerwachs glänzte. Typisch Regina! In allem ist sie ungleich besser, ausführlicher, erfolgreicher. In allem!!

»Was hast du denn da so alles reingeschrieben?«, habe ich höflichkeitshalber gefragt, und sie hat spöttisch gelächelt und gesagt: »Das möchtest du wohl gerne wissen, was?« Aber dann hat sie mir doch bereitwillig Auskunft erteilt. Ihre drei Kladden sind voll gekritzelt mit ihren Problemen mit Gernot. Währenddessen spielte drinnen ihre Schülerin eine der Moll-Etüden von Czerni. Pausenlos und sehr abgehackt. Es war eine großartige Geräuschkulisse. Zum Glück kam dann die Mutter von dem kleinen Neuen mit den roten Haaren und schleifte ihr unwilliges Kind hinter sich her – ich hatte den berechtigten Eindruck, es will überhaupt nicht Klavier spielen lernen –, sodass ich Regina mit ihren Gernot-Problemen auf dem Flur stehen lassen konnte. Es ist doch erstaunlich, wie ausgesprochen wenig ich Regina leiden kann.

Wochenende. Draußen regnet es, wie es sich für einen Novembersonntag gehört. Ich habe mich etwas an der Kunst der Fuge vergangen und anschließend das Klo geputzt, mit meinem neuen praktischen Hausfrauenset, das mir die Mütter von der vierten Klavierschulklasse zum Geburtstag geschenkt haben. Eigentlich ist damit mein Schaffensdrang erschöpft. Ich gerate ins Nachdenken. Früher war Nachdenken nicht so zeitaufwendig, als ich noch nicht die goldene Kladde ins Vertrauen ziehen musste. Da konnte ich Tonleitern dreschen, Etüden klimpern oder sogar Choräle singen, und immer habe ich dabei nachgedacht, mehr oder weniger. Aber jetzt? Die Kladde fesselt mich, fordert meine ungeteilte Aufmerksamkeit, hält mich am Ärmel fest. Sie ist wie Regina. Ich kann sie nicht leiden. So, jetzt reicht es.

Ich schmeiße das Ding in den Ofen.

Nein, das wäre doch Papierverschwendung. Papa in seiner nicht mehr zu steigernden Sparsamkeit würde die Seiten des Buches wenigstens noch zum Ausstopfen seiner nassen Wanderschuhe verwenden. Papa ist so genügsam, dass er sogar die Tropfen, die beim Schälen einer Apfelsine entstehen, noch mit einem Blatt Papier auffängt. Gestern hat er mir gestanden, dass er nicht mal zur Kategorie der Geschenkpapier-exakt-Zusammenfalter gehört, sondern viel radikaler ist: Er lehnt Geschenkpapier generell ab! Es sei absolute Papierverschwendung, ein Geschenk erst ein- und dann wieder auszuwickeln, sinnlos und überflüssig! Letztens hat er Tante Käthe zum Fünfzigsten eine Flasche Piccolo und eine Schachtel Weinbrand-Pralinen in einem Aldi-Karton überreicht. Und zwar mit erhobenem Kopf.

Und zu Mama hat er am Silberhochzeitstag gesagt, den ganzen überflüssigen Firlefanz mit dem Juwelen-Geschenke wolle er ihr nicht zumuten, aber da drüben am Garderobenhaken hinge sein Jackett, und in der linken Innentasche müssten noch zwölf Mark sein, davon könne sie sich gerne einen großzügigen Blumenstrauß kaufen. Wobei er sie darauf hinweise, dass es bei Eduscho jetzt die Thermoskannen gäbe, die den Kaffee so wünschenswert lange warm hielten. Da müsste sie nicht das ganze Geld ausgeben für Blumen, die nach einer Woche schon wieder hin wären. Die Thermoskanne wäre eine Investition für ihre zweiten fünfundzwanzig Ehejahre.

Auch wenn ich Papas Sparsamkeit – man könnte sie auch als manischen Geiz bezeichnen – nicht ganz übernommen habe, so bringe ich es doch nicht übers Herz, so eine dicke, goldene Kladde einfach zu verbrennen.

Ich gebe zu, dass ich wahrscheinlich nicht viel Interessantes in diese Kladde schreiben kann, zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Entwicklung meines höchst durchschnittlichen Lebens. Wir schreiben das Jahr 1985. Seit meiner Geburt hocke ich nun in dieser hessischen Kleinstadt, unterrichte die mehr oder weniger musikalische Brut anderer Leute im Klavierspielen, Notenschreiben und Rhythmusklopfen, spiele auch dann und wann im örtlichen Musikschulkonzert eine Mozart-Sonate, singe nach wie vor treu in allen Chören der Umgebung (Mama sagte vor Jahren, vielleicht lernst du dort mal einen Mann kennen) und lebe ansonsten so vor mich hin. Papa und Mama wohnen in einem grauen Reihenhaus in der Nähe, und wenn ich Hunger oder Wäsche zum Waschen habe, dann schaue ich immer gern bei ihnen vorbei. Mama sagt, auf diese Weise lerne ich nie einen Mann kennen! Papa meint, ich solle viel mehr an mein berufliches Weiterkommen denken als daran, einen Mann kennenzulernen. Ich selber bin der Meinung: Theoretisch geht beides. Aber eben nur theoretisch.

Regina erlebt natürlich ungleich mehr: Sie hat eine Beziehung! Und was für eine! Eine komplizierte dazu! Ja, wenn sie darum nicht zu beneiden ist! Erst mal hat sie jeden Tag neuen Stoff zum Quatschen. Gernot hier. Gernot dort. Gernot gestern, heute, morgen. Gernots schwieriges Elternhaus. Gernots gestörte Beziehung zu Katzenhaaren. Gernots Allergien gegen Fertiggerichte. Gernots fanatische Leidenschaft für diesen aufreibenden Sport, der sich Minigolf nennt. Gernot ist nämlich ein Perfektionist. Und von krankhaftem Ehrgeiz getrieben. Gernot kann nicht verlieren, und wenn doch, dann kriegt er Ausschlag in den Armbeugen. Er ist von dem manischen Zwang getrieben, seinen Minigolfball ohne Umwege in das Minigolfloch zu schlagen. Selbst Fehlschläge, die nur ein oder zwei Zentimeter am Hindernis vorbei zielen, treiben Gernot in Depressionen. Gernot trainiert deshalb dreimal in der Woche mit seinem Minigolfverein im Kurpark! Er besitzt zwei Dutzend verschiedene Schläger, von der Anzahl der Minigolfbälle erst ganz zu schweigen! Und wer muss die alle sauber halten und darf sie trotzdem nicht anfassen? Regina. Wenn das nicht Stoff für ganze verregnete Nachmittage auf dem Flur der Musikschule ist.

Und erst die Vereinskollegen! Alle so komplizierte, eigenwillige Naturen! Und natürlich muss Regina ihnen nach dem nervenaufreibenden Training, wenn die Jungs durchgeschwitzt und mit vor Konzentration hervorquellenden Augen nach Hause kommen, Schnittchen schmieren! Aber mit fettarmer Leberwurst, wegen der Kalorien. Und ohne Konservierungsstoffe, damit sie keine Allergien bekommen. Und wie sie dann fachsimpeln! Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, sagt Regina. Nicht im Entferntesten. Und was das alles für interessante Menschen sind. Kein einziger Durchschnittstyp ist dabei. Alles ausgesucht komplizierte, schwierige Naturen, feingliedrig, hochsensibel und jeder auf seine Art eigen. Aber Gernot ist am eigensten von allen. Schon sein Elternhaus, so schwierig und kompliziert. Diese körperfeindliche Erziehung. Na ja. Daran arbeiten sie, aber das geht nicht alles von heute auf morgen. Dazu gehört Einfühlungsvermögen, und viel Geduld! Wenn Gernot seine Klammer-Phase hat, sagt Regina, dann kann er schon sehr anstrengend sein. Aber noch schlimmer ist die Loslass-Phase. Da kann er dann keine körperliche Nähe ertragen, hat sein Analytiker gesagt. Er soll das zulassen, hat er gesagt. Und Regina hat gesagt, Gernot hat gesagt, sein Analytiker habe gesagt, sie, Regina, müsse damit fertig werden, dass Gernot jetzt lernt, zu seinen Loslass-Gefühlen zu stehen. Wo er doch gerade gelernt hat, seine Mutter loszulassen. Und seine schwierige Psyche mit Hilfe des Minigolf-Sportes umleitet in so genannte Übersprungshandlungen nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Der Minigolfball ist sozusagen sein Blitzableiter, sagt Regina. Allerdings teilt Gernot seine Geheimnisse weder mit Regina noch mit seinen Minigolffreunden, sondern ausschließlich mit seinem Psychoanalytiker. Und der hat echt den Durchblick, sagt Regina. Aber das kostet! Nicht nur das ganze Geld, das Gernot und Regina so mühsam an der Musikschule verdienen – Gernot unterrichtet Klarinette und Tenorhorn – und natürlich auch Saxophon, in frivolen Phasen sogar Jazz!! –, sondern auch Energie, das kann sie mir sagen.

Gerade wieder. Eine Stunde, auf dem Flur. Kevin klimperte das Klavier zu Kleinholz. Aber das stört Regina nicht. Gestern gab’s wieder Spannungen in ihrer Beziehung, zog sie mich weinend ins Vertrauen. Wie sehr doch Gernot unter ihren Etüden leidet. Er hat auch eine Allergie gegen Tonleitern, Dreiklänge und schwarze Tasten. Aber er bemüht sich sehr. Schon mehrmals ist es ihm gelungen, minutenlang im Raum zu bleiben, wenn sie gespielt hat. Echt feinsinnig, der Mann, und so tolerant. Jedenfalls ist Regina um ihre Beziehung echt zu beneiden. Sie wollen ja auch ganz bald heiraten. Vielleicht kriegt sie dann viele Allergie-befallene Kinder und kann hier nicht mehr unterrichten. Das wäre schön.

Der Direktor, dessen Geburtstags-Buschwindröschen inzwischen in meinem Unterrichtszimmer vor sich hin welken, hat mich in sein Büro gebeten. »Fräulein Umweg!«, hat er mich begrüßt, »ich hätte da vielleicht etwas Interessantes für Sie!«

Nun mag ich es nicht besonders, wenn mich einer »Fräulein« nennt, und möchte immer mit Goethe antworten, »bin weder Fräulein, weder schön«, aber er hat ja nicht behauptet, dass ich schön sei, und so wollte ich ihn nicht unnötig verbal in die Irre führen. Mama und Papa wissen schon, was sich ziemt, und derlei Dreistigkeiten wären mir nie über die Lippen gekommen, schon gar nicht einem Kleinstadtmusikschulleiter gegenüber, der mich Fräulein nennt, weil er es eben nicht besser weiß. Kurz und ungut, der Direktor hieß mich mit großzügiger Geste neben seinem angestaubten Gummibaum Platz nehmen und schob mir eine Broschüre zu:

»Hochschule der Künste nimmt noch begabte Studenten auf« stand da zu lesen. »Aufnahmeprüfungen für Kurzentschlossene finden Ende November statt. Schriftliche Bewerbungen mit allen erforderlichen Unterlagen richten Sie bitte an … usw.« Ich fragte den Direktor stirnrunzelnd, ob ich etwa meinen hochmusikalischen Bernhard oder sonst jemanden aus meiner Klasse an die Hochschule der Künste schicken sollte, damit er den letzten Rest des guten Rufes unserer Musikanstalt im Hessischen ruinieren möge, aber der Direktor hatte gemeint, ich, Karla Umweg, sollte mich selbst dort bewerben.

Ich guckte ein bisschen auf den aschgrauen, staubigen Direktor und den aschgrauen, staubigen Gummibaum. »Wieso denn ich?«, fragte ich dann bescheiden.

»Nun ja, weil Sie hier im Lehrerteam die Jüngste und, wenn ich sagen darf, auch mit Abstand die Begabteste …«, äußerte der Direktor und putzte sich mit seinem aschgrauen Taschentuch die Brille. »Es wäre schade, wenn Sie hier auf Dauer versauern!«

»Aha«, sagte ich und betrachtete die soeben entstandenen Schlieren auf der Brille. »Und was ist mit Fräulein Kanisius?« Ich betonte das »Fräulein« etwas, obwohl Regina ja wahrscheinlich rein biologisch-sportmedizinisch kein eigentliches Fräulein mehr ist.

»An Fräulein Kanisius habe ich auch schon gedacht«, sagte der Direktor und hob seine Aktentasche an, die wahrscheinlich nichts als Leberwurststullen enthielt. Er entnahm ihr mit förmlicher Miene ein weiteres Flugblatt. »Sie ist zwar nicht ganz so begabt wie Sie und will, soviel man sich hier erzählt, bald in den Stand der Ehe treten, aber selbstverständlich möchte ich sie nicht übergehen. Wenn Sie ihr das bitte bei passender Gelegenheit überreichen möchten!«

Man merkte dem armen Direktor förmlich an, wie froh er wäre, wenn er Regina auf diese Weise loswerden könnte.

»Klar«, sagte ich und faltete das Blatt klitzeklein zusammen. »Mache ich. Bei passender Gelegenheit.«

Damit war die Sitzung beendet, der Direktor reichte mir seine schlaffe Hand, die noch feucht von dem aschgrauen Taschentuch war, und wünschte mir einen »segensreichen Entschluss«. Mein Entschluss ist dahingehend segensreich, als dass ich meiner ungeliebten Kollegin Regina niemals dieses Blatt von der Hochschule aushändigen werde, damit sie in dieser hessischen Anstalt des Staubes für immer verschimmelt. Der Direktor sagte, ich möge ihn bitte auf dem Laufenden halten, denn im Falle meines Dahinscheidens müsse er einen anderen Klavierlakaien einarbeiten.

»Ist klar«, sagte ich. »Ich denke drüber nach.«

Nun habe ich was zum Grübeln, kaum, dass ich ein Tagebuch besitze. Wenn das kein Zufall ist.

Regina grübelt weiterhin über Gernot nach und neuerdings darüber, dass sie ihm niemals eine ebenbürtige Partnerin sein könne, wo sie doch der hohen Kunst des Minigolfes nicht mächtig ist. Sie hat lange auf dem Flur mit unserer Flötenlehrerin darüber gesprochen. Ich kam nur zufällig vorbei und schnappte einige Wortfetzen auf.

»Sie sollten eben auch einen Sport treiben«, sagte die Flöte. »Ja, aber welchen?«, presste Regina in höchster Not hervor.

»Es wäre wahrscheinlich unklug, wenn Sie auch Minigolf spielen würden«, analysierte die Kollegin nachdenklich. Ich musste dann unterrichten, aber als ich nach einer Stunde wieder aus meinem Zimmer kam, überlegten sie gerade, dass das Tennisspielen ein gesellschaftlich und auch rein vom finanziellen Aspekt her sehr überschätzter Sport sei. Regina heizte die Diskussion noch dahingehend an, dass sie sich in ihrem Beruf als Pianistin keinen Tennisarm oder auch nur etwaige Muskelverzerrungen leisten könne. Sie waren also am Punkt Null angekommen. Ich hatte keine Lust, mich beratend oder auch nur sorgenvoll nickend an dem Gespräch zu beteiligen, und eilte vorbei. Der zusammengeknüllte Zettel von der Hochschule für Schnellentschlossene steckt immer noch in der Gesäßtasche meiner Jeans. Wahrscheinlich wird er noch ein, zwei Vierzig-Grad-Wäschen bei Mama im grauen Reihenhaus überleben, tja, und dann, gute Nacht, Hochschulzettel. An Regina ist ja kein Rankommen.

In all meiner Teilnahme an Reginas düsterem Schicksal sollte ich mal darüber nachdenken, ob ich Lust habe, selber ein Pianistenschicksal zu durchleiden. Ich stelle mir vor, dass man da täglich viele Stunden in einer kahlen, fensterlosen, übel riechenden Zelle sitzt und die schweren und freudlosen Etüden spielt, die Mozart, Chopin, Beethoven, Schubert und Brahms sich im Wahn, Liebeskummer, Alterstaubheit oder kurz vor dem Selbstmord ausgedacht haben, während die Klavierprofessoren auf dem Flur stehen und rauchen und die Probleme mit ihren Gernots besprechen. Ich weiß ja nicht, ob ich zum Spielball solcher Willkür werden will. Und dann, nach mühevollen Jahren der Fingertechnik, des Schweißes und Vorspielstresses, wer oder was bin ich dann? Karla Umweg, Klavierspielerin aus Bad Orks. Eintritt frei, um angemessene Beiträge beim Verlassen des Saales wird gebeten.

Ach nein, ich denke, das Selbstverwirklichen überlasse ich anderen. Mir geht es doch hier gut, in Bad Orks. Papa und Mama wohnen in der Nähe, so kann ich ab und zu mal einen guten, würzigen Gemüse-Hackfleisch-Eintopf essen, ich verdiene meine Kröten mit schöner Regelmäßigkeit, sonntags spiele ich manchmal im Kurhaus Mozart, und alltags kann ich ausschlafen, bis die ersten Musikschulkinder aus der Schule kommen. Ich wüsste nicht, warum ich mein Leben ändern sollte.

Zugegeben, es passiert nicht viel. Zugegeben, ich bin jetzt über zwanzig. Zugegeben, einen zweiten Gernot hat Bad Orks mir nicht zu bieten. Die Jungs aus dem Kurorchester kommen altersmäßig nicht in Frage, die Mitglieder des Minigolfclubs sind mir zu vergeistigt, und die Kollegen von der Musikschule sind entweder verheiratet oder gehören zur Kategorie der Feinrippträger, die man im Kirchenchor trifft. Die ihrem Hund vor dem Betreten der Wohnung mit einer Bürste, die vor der Haustür an einer Schnur befestigt ist, die Pfoten reinigen. Und Mutti für die beste Köchin halten. Sonst gibt es hier keine Männer. Mama sagt, damals nach dem Krieg gab es auch keine, und man könne sich gut an solche Zustände gewöhnen.

Aber ich brauche ja auch keinen. Wozu denn. Damit ich mich in seelische und körperliche Abhängigkeit begebe, wie Regina? Kommt ja nicht in Frage.

Nein, nein. Ich gehe nicht in die Großstadt, nur um etwas Fragwürdiges zu erleben. Ich bleibe, was ich bin. Eine geachtete, durchaus bei Kindern und Müttern nicht unbeliebte Klavierlehrerin mit einem sehr durchschnittlichen Durchschnittseinkommen, Weihnachtsgeld und immerhin fünfzehn Wochen Ferien im Jahr. Mehr Ferien kann man in Bad Orks sowieso nicht brauchen, weil man dann vor Langeweile stirbt.

Der Direktor hat mich auf dem Parkplatz angesprochen und mich gefragt, wie es mit meinen Zukunftsplänen aussähe. Unglücklicherweise stand Regina dabei, die mir gerade seit anderthalb Stunden Begebenheiten aus der freudlosen Kindheit von Gernot schilderte. Sie fragte verblüfft, ob ich etwa heiraten wolle. Der Direktor lachte herzlich und sagte, dass es sich im Leben einer Frau nicht immer um Heirat handeln müsse, wenn sie über ihre Zukunft nachdächte. Nicht wahr, Frau Kanisius? Das war ausgesprochen klug und druckreif formuliert. Regina war sprachlos. Was ich denn dann um alles in der Welt vorhätte? Daraufhin erwiderte der Direktor, ich trüge mich mit dem Gedanken, die Pianistenlaufbahn einzuschlagen und ein Hochbegabten-Stipendium in Berlin anzustreben. Dazu müsse ich mich nur in Berlin zu einem Vorspiel durchringen, und er sei sicher, dass ich dieser Aufnahmeprüfung sehr wohl gewachsen sei. Mein letztes Klavierkonzert im Kurhaus sei doch schließlich Beweis genug, dass es sich bei mir um ein verborgenes Kleinod handele. Er meine das rein musikalisch, eine Beurteilung meiner Persönlichkeit stehe ihm nicht zu, leider. Dann nickte er mir in inniger Vertrautheit zu, rückte seine Baskenmütze über den widerborstigen Vorderhauptsträhnen zurecht und befestigte im Weggehen zwei Metallklammern an den Hosenbeinen, um kurz darauf vorschriftsmäßig ausgerüstet vom Schulhof zu radeln. Ich verborgenes Kleinod stand ganz schön bescheuert da mit meinen Zukunftsplänen und blickte ihm ratlos nach.

Regina war, wie sie sagte, sehr betroffen. Warum ich ihr denn nichts gesagt hätte von meinen Plänen, wo wir doch ein so vertrautes Verhältnis hätten? Sie sei wirklich schwer gekränkt. Womit sie das verdient hätte, wo sie doch schon seit vielen Jahren so um Offenheit bemüht war, und selbst kein Geheimnis aus ihrer Mördergrube machte oder so ähnlich. Dabei drehte sie sich um und wischte sich die Augenwinkel, im Weggehen natürlich. Regina geht immer weg, wenn sie weinen muss. Das macht sie ungern vor Kollegen, da ist sie diskret, alles was recht ist. Jedenfalls bot sich mir keine Gelegenheit, ihr meine äußerst vagen und eigentlich schon wieder verworfenen Zukunftspläne zu erörtern, und der Direktor ist ein saublöder Trottel, der überhaupt kein Taktgefühl hat.

Heute ist der nervende kleine Detlef mit der frühkindlichen Notenlesestörung nicht gekommen, da hatte ich eine Stunde Zeit, in meinem Musikzimmer zu sitzen und mal wieder eine Beethoven-Sonate zu spielen. Es ist doch ein außerordentlich befreiendes Gefühl, so in die Tasten zu hauen und selbstvergessen den scheppernden Klängen eines morschen Musikschulflügels nachzulauschen. Ich weiß nicht, ob mich die Sehnsucht ereilt hat, meine Fingerfertigkeit weiter auszubauen, oder ob es nur die aufkeimende Hoffnung ist, Regina nie wieder sehen zu müssen: Der Gedanke, an die Hochschule der Künste nach Berlin zu gehen, erscheint mir auf einmal nicht mehr so abwegig wie gestern oder vorgestern noch.

Sich vorzustellen, morgens aufzustehen, sich ans Klavier zu setzen und stundenlang zu spielen! Einfach so, für mich selber! Große weite Welt schnuppern! Auf den Brettern, die in jenen Glücksrausch versetzen, der süchtig macht! In der Zeitung zu stehen, mit Bild. Und Lebenslauf. »Die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Karla Umweg erlernte schon früh den Umgang mit den schwarzen und weißen Tasten. Nachdem sie zunächst in einer hessischen Kleinstadt als einfühlsame Musikpädagogin tätig war, gelang ihr der sensationelle Sprung ins internationale Konzertleben. Heute Abend debütiert die junge begabte Pianistin in der Kölner Philharmonie. Restkarten für Stehplätze erhalten Sie beim Kartenbüro.« Und neben mir, auf einem schwarzen Hocker, sitzt Regina Kanisius, zum Umblättern meiner Noten …

Am Wochenende war ich mal wieder bei Papa und Mama. Beide Eltern freuten sich sehr, dass aus mir nun doch noch was Besonderes wird, und Papa war sofort bereit, mich in der ersten Zeit finanziell ein wenig zu unterstützen, falls meine Konzertgagen mich nicht sofort über Wasser halten könnten. Mama sagte gerührt, ich sei zu Hause immer willkommen und für mich gäbe es immer Gemüseeintöpfe der würzigsten Sorte, wenn ich zwischen zwei Konzerten mal Zeit hätte, meine armen, alten, kleinbürgerlichen, aber stolzen Eltern im hessischen Bad Orks zu besuchen. Dann konnte sie sich aber nicht verkneifen, noch zu bemerken, dass es mir vermutlich ganz gut tun würde, nicht mehr ständig warme Mahlzeiten zu bekommen, denn durch das viele Sitzen auf dem Klavierhocker sei ich doch ganz schön in die Breite gegangen in letzter Zeit. Für meine Konzertkarriere wäre es wahrscheinlich von Vorteil, wenn ich etwas figurbewusster leben würde. Vielleicht könnte ich sogar etwas Sport treiben, wenn ich in gesellschaftlich höhere Kreise käme? Ich sollte doch auf jeden Fall meine Tennisausrüstung mitnehmen. Auf diese Weise würde ich vielleicht sogar mal einen Mann kennenlernen …? Papa schüttelte nur den Kopf und schaufelte stirnrunzelnd den Eintopf in sich rein. Er fand es offensichtlich unnötig, mich mit so etwas zu belasten, schließlich sollte ich doch jetzt an mein berufliches Fortkommen denken und nicht daran, auf welchem Sportplatz ich einen Mann kennenlernen könnte.

Papa kratzte missbilligend seinen Teller leer und wischte ihn mit Brot trocken. Wenn es nach Papa ginge, müsste nie wieder ein Teller gespült werden. Papa ist ein Resteverwerter, darauf ist er stolz. In seinen 58 Lebensjahren hat er noch nie auch nur ein Fitzelchen Lebensmittel weggeschmissen. Mama sagt, manchmal wirft sie heimlich einen Teebeutel weg, der erst in drei Tassen gehangen hat, aber das darf Papa nie erfahren. Papa ist in der Lage und bewahrt ein angebissenes Gummibärchen in Stanniolpapier im Kühlschrank auf. Wobei er das Stanniolpapier selbstverständlich für das Aufbewahren von zwei Ohren-Wattebäuschchen für windige Kurparkspaziergänge wiederverwertet. Papa wirft nichts weg. Nichts.

Mama resümierte noch weiter vor sich hin, dass sie es schon immer für unklug gehalten habe, das Kind, nämlich mich, ein Tasteninstrument lernen zu lassen, weil das Tasteninstrument zur Einsamkeit verdamme und damit weit und breit kein Mann kennenzulernen sei. Indirekt machte sie auch die Beschaffenheit eines Klavierhockers dafür verantwortlich, dass mein Hintern so in die Breite gegangen sei. Sie sei ja dafür gewesen, dass ich ein »weibliches Blasinstrument« lernen sollte, nämlich Oboe. Das übe man oft genug im Stehen aus, und außerdem sei es ein geselliges Instrument. Papa guckte irritiert über seine randlose Brille. Woher sie denn den Unfug mit dem weiblichen Blasinstrument habe, ob sie das etwa auch auf dem Wochenmarkt aufgeschnappt hätte. Ich habe ziemlich laut und unweiblich gelacht, aber Mama hat ihren eigenen Witz sowieso nicht verstanden. Mama verteidigte sich, sie habe schon alle ihre Gedanken wohl durchdacht, nicht nur Papa sei das Denken vorbehalten, auch wenn er den Deutsch-Leistungskurs am städtischen Gymnasium leite, dass das mal klar ist! Wenn Karla Oboe spielen könnte, säße sie jetzt in einem Orchester und wäre von männlichen Kollegen nur so umgeben, im wahrsten Sinne des Wortes! Da böte sich viel leichter die Chance, einen anständigen Mann fürs Leben kennenzulernen, es brauche ja kein Schönling zu sein. Schönlinge taugten sowieso nichts, die seien nur eitel und selbstverliebt und nicht gediegen. Für Mama ist es wichtig, dass ein Mann gediegen ist, und sonst nichts.

Ich stelle mir unter »gediegen« eigentlich nur »langweilig« vor, aber Mama funkelte mich böse an und sagte, ich solle sie nicht provozieren.

Am Schluss sagte sie noch, dass mein Weggehen aus Bad Orks ja sicherlich den Johannes recht traurig stimmen würde.

»Wer ist Johannes«, fragte Papa zwischen zwei Pflaumensteinen, und Mama meinte so leichthin, das sei der nette junge Mann, der in der Kirche immer die Nümmerchen an die Wand schmeißt.

Papa erstarrte schon wieder, und ein Pflaumenkern blieb völlig ungeordnet auf seinem Teller liegen, ohne in die militärisch anmutende Batterie der bereits in Reih und Glied stramm liegenden Steine eingeordnet zu werden. »Wer schmeißt in der Kirche Nümmerchen an die Wand?«, fragte er streng.

»Na, der Johannes, der nette junge Mann, der sich in der Kirche nützlich macht. Wenn der nicht die Nümmerchen an die Wand schmeißen würde, dann würde in der Gemeinde erst recht keiner mehr mitsingen. Er ist ein sehr engagierter junger Mann.«

Ich lachte schon wieder aus vollem Hals. »Ich wusste gar nicht, wie turbulent es neben der Orgel zugeht«, schrie ich begeistert.

Aber Papa fand das überhaupt nicht komisch. Während er mit dem Löffel den verwahrlosten Obstkern in die Reihe seiner Genossen schubste, sagte er: »Mama meint den Zahlenanzeiger für die Lieder aus dem Gesangbuch. Dass der junge Kirchenhelfer Johannes heißt, war mir bislang nicht bekannt.« Damit stand er auf und faltete seine Serviette.

Papa ist ein Serviettenfalter und Serviettenring-Benutzer. Das Wegschmeißen von nur einmal verwendeten Papierservietten ist mit seiner Lebensauffassung nicht vereinbar.

Meine letzte Woche in Bad Orks ist gekommen. Alle bedauern mein Weggehen, finden aber, dass mein Entschluss der einzig Richtige ist, und dass ich bei meiner Jugend und bei meinem Talent hier nicht länger versauern darf. – Ach, ich habe übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass ich die Aufnahmeprüfung bestanden habe. Letzte Woche war ich in Berlin zum Vorspiel und in der ganzen Aufregung habe ich die goldene Kladde vergessen. So ist diese Nebensächlichkeit fast meiner Vergesslichkeit zum Opfer gefallen! Der Professor sagte, eine »Null« sei leider nicht zu vergeben, so müsse ich mich mit einer »Eins plus« begnügen. Das habe ich allerdings Regina nicht erzählt. Es würde sie unnötig verstimmen.

»Ich wünsche dir jedenfalls ein erfolgreiches Leben«, hat sie zerknirscht gesagt. »Mir selbst ist der Erfolg ja nun nicht mehr vergönnt.«

Sie hat die Aufnahmeprüfung nicht bestanden, sie meint, das lag an ihrem Stress mit Gernot. Übrigens haben Papa durch seine guten Beziehungen zum Kirchenvorstand und Mama durch ihre langjährige Mitgliedschaft beim »Christlichen Verein junger Mädchen« ein halbes Doppelzimmer in einem katholischen Mädchenheim für mich ergattert. Weil Berlin so eine schlimme Großstadt ist, mit Drogen und so, sagt Mama, ist das für mich ein wahrer Segen. Da kann ich mich geborgen fühlen, sagt Mama, da bin ich unter meinesgleichen. Schade eigentlich.

Der Sprung ins kalte Wasser ist getan. Ich hocke auf einer kalten schmierigen Fensterbank in einer Schlange von etwa fünfzig jungen Menschen, die alle für zwei Stunden ein Klavier haben wollen. »Übeschlange« nennt sich diese Ansammlung nasser Mäntel. Keiner der Kommilitonen hier nimmt Notiz von mir, niemand hat mich mit ausgebreiteten Armen begrüßt und mich als junge Begabung zu würdigen gewusst. Weder im Sekretariat, wo eine graue Maus vor ihrer Schreibmaschine saß, noch im Studentenheim für ledige katholische Klavierlehrerinnen hat irgendjemand mir mehr als eine hochgezogene Augenbraue gegönnt. Das Studentenheim liegt passenderweise sehr weit weg von der Hochschule der Künste, und dem U-Bahn-Fahren in Berlin fühle ich mich noch nicht gewachsen. In Bad Orks haben wir keine, also wo hätte ich es jemals trainieren können? Ich bin froh, dass mich noch kein Auto überfahren hat! Man könnte zusammenfassend feststellen: alles ist reichlich deprimierend, besonders, wenn ich an meine warme, gemütliche Wohnung im hessischen Bad Orks denke oder an die heimeligen Linoleum-Fußböden der städtischen Musikschule. Mein Zimmer hier teile ich mit einer stummen, griechisch-orthodoxen Haare-Rauferin, die ebenfalls wie ich eine ledige Pianistin ist und unter dem zusätzlichen Handicap leidet, kein Wort Deutsch zu verstehen. Ich schätze, sie würde ihre Beine gern hergeben, wenn sie dafür noch zwei Arme hätte, denn mit zwei Händen spielt sie Klavier, die anderen beiden braucht sie zum gleichzeitigen Haareraufen. Es wird sich wohl keine innige Freundschaft zwischen uns anbahnen, aber eine stumme Griechin, die tagsüber im Bett sitzt und auf ihre Notenbände Fingerübungen trommelt, ist mir noch wesentlich lieber als so eine Art Regina, die nie schweigt. Diese hier schweigt allerdings immer.

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