Verlag: Knaur eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Karwoche - Andreas Föhr

Autorennen am Achenpass: Mit 150 km/h rauschen Polizei­obermeister Kreuthner und sein Spezl Kilian Raubert den Pass Richtung Tegernsee hinab. Bei einem halsbrecherischen Überholmanöver fegt Kreuthner fast ein entgegenkommendes Auto von der Straße – am Steuer ausgerechnet sein Chef, Kommissar Wallner. Kreuthner versucht, die Wettfahrt als dienstliche Aktion zu tarnen, und führt spontan eine Straßenkontrolle durch. Dabei bietet sich den Polizisten ein schockierendes Bild: Im Laderaum von Rauberts Lkw kniet eine Tote, das Gesicht zu einer grotesken Fratze verzerrt … »(…) das macht den Charme des Krimis aus, dass die Charaktere gut geerdet und meist mit trockenem Humor ausgestattet sind.« Süddeutsche Zeitung

Meinungen über das E-Book Karwoche - Andreas Föhr

E-Book-Leseprobe Karwoche - Andreas Föhr

Andreas Föhr

Karwoche

Kriminalroman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Der soll sich warm anziehen! Als sein Spezl Kilian Raubert Polizeiobermeister Kreuthner zu einer Wettfahrt herausfordert, lässt der sich nicht lumpen. Mit 150 km/h rauschen sie den Pass runter, bei einem riskanten Überholmanöver fegt Kreuthner fast ein entgegenkommendes Auto von der Straße – am Steuer ausgerechnet sein Chef, Kommissar Wallner. Kreuthner versucht, das Autorennen als dienstliche Aktion zu tarnen und hält den Wagen seines verdutzten Freundes zu einer Straßenkontrolle an. Als der Kommissar dazukommt, bietet sich den Polizisten ein schockierendes Bild: Im Laderaum des Lkw kniet eine Tote, das Gesicht zu einer grotesken Fratze verzerrt …

Inhaltsübersicht

WidmungPrologGründonnerstagKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15KarfreitagKapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36KarsamstagKapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50OstersonntagKapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66EpilogWolfgang Millruths Geständnis – Auszüge:Kreuthner hingegen gestand gar nichts:DanksagungLeseprobe Schwarzwasser
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Für Damaris

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Prolog

Es war kurz nach sieben, als sie aufstand und das Fenster öffnete. Der Morgen war eisig an diesem ersten Weihnachtstag. Die Kälte der Bergluft, die hereindrängte, überraschte Katharina. Sie hatte unruhig geschlafen. Schlechte Gedanken hatten sie verfolgt. Sie war in Panik erwacht, schweißgebadet. Von unten kam ein Fiepen und Kratzen, das sie schon in ihren Träumen gehört hatte. Es musste der Hund sein.

Sie sah hinunter in den Hof. Gegenüber das ehemalige Wirtschaftsgebäude mit dem Bundwerk im oberen Stock. Im Erdgeschoss der alte Pferdestall, in dem die Antiquitäten standen, die im Haupthaus keinen Platz fanden. Darüber ein blasser, makelloser Himmel eine Stunde vor Sonnenaufgang.

Es war so elend still an diesem Morgen.

Neuschnee.

Othello war unruhig, als Katharina mit Uggs an den Füßen und einem Pullover über dem Nachthemd in die Eingangshalle kam. Er fiepte, hechelte, schabte an der Tür. Als sie öffnete, rannte der Hund hinaus und über den Hof zum ehemaligen Stall, geradewegs, ohne sich im Neuschnee aufzuhalten. Er rannte schnell, als fürchte er, zu spät zu kommen. Die Tür war nur angelehnt und gab nach, als Othello die Pfoten dagegendrückte. Kurz darauf hallte sein verzweifeltes Bellen über den Hof. Die Kälte kroch ihr durch den Pullover.

Leni war tot. Sie lag auf dem Boden, umgeben von alten Möbeln, die auf ihre Renovierung warteten. Die Körpermitte war zerfetzt. Ein Gemenge aus Pulloverwolle, Blut und inneren Organen. Die Lache auf dem Boden war klein. Ein Teil der Schrotladung hatte das Herz der jungen Frau getroffen. Es hatte sofort aufgehört, Blut durch den Körper zu pumpen. Im Fallen hatte sie einen Biedermeierstuhl umgestoßen.

Katharina rang nach Luft und musste sich auf die Holzdielen setzen. Benommen wanderte ihr Blick durch den Raum, über staubige Möbel, die zerbrochene Glühbirne, die an einem Kabel von der Decke hing, blieb kurz an ihren eigenen, fellgefütterten Schuhen hängen, daneben der schwarze Hund, der unablässig an Lenis Hand leckte, als könne er sie wieder zum Leben erwecken. Katharina zwang sich, zu ihrer Tochter hinüberzusehen. Das Mädchengesicht war weiß wie Marmor. Wären die Augen geschlossen gewesen, hätte es den Anschein von Frieden gehabt. Aber sie waren offen und starrten in die Leere zwischen den staubigen Stuhlbeinen. Wen hatten diese Augen zuletzt gesehen?

Katharina versuchte aufzustehen, knickte ein, versuchte es noch einmal, gab auf und kroch auf allen Vieren zu ihrem Kind. Sie scheuchte den Hund fort und drückte Lenis eisige Hand an ihr Gesicht. Jetzt kamen ihr die Tränen. Sie hatte in diesem Augenblick nur einen Wunsch: bei Leni zu sein.

 

Als Katharina aus der Tür trat, nahm ihr die kalte Luft fast den Atem. Sie sah hinüber zum Haupthaus. Dort lag alles im Schlaf, und keiner ahnte, was passiert war. Oder vielleicht doch – zumindest einer? Sie spürte das Verlangen, zum Waffenschrank zu gehen und sich einen Gewehrlauf in den Mund zu stecken. Wie sollte sie nach diesem Morgen weiterleben? Ganz langsam jedoch stieg aus ihrem Inneren, dort, wo ein massiver Klumpen Schmerz gegen die Lungen drückte, ein Gefühl empor, das sie all die Jahre geleitet und überleben lassen hatte: Wenn die Geschehnisse unkanalisiert ihren Lauf nähmen, würde die Familie daran zerbrechen. Nur daran durfte sie jetzt denken. Und sie musste es unter allen Umständen verhindern.

 

»Wie viel Uhr ist es?«

»Sieben. Komm mit. Es ist etwas Furchtbares passiert.«

Wolfgang, Katharinas Schwager, zog eine Holzfällerjacke über und schlüpfte in abgetragene Joggingschuhe. Von der Remise, in der er wohnte, bis zum Stall waren es fünfzig Meter. Genug Zeit, um nachzufragen. Doch Wolfgang kannte Katharina seit fünfunddreißig Jahren und wusste, dass er nicht fragen, sondern mitkommen sollte. Sie gingen schweigend durch den knöcheltiefen Neuschnee.

Als er vor der Leiche seiner Nichte stand, schlug Wolfgang die Hände vors Gesicht und wimmerte: »OGott.« Katharina sagte: »Wir müssen den anderen Bescheid sagen. Deck sie zu. Es reicht, dass wir sie so gesehen haben.« Wolfgang rang nach Luft und weinte. Sie nahm seine Hand, drückte sie. Dann ging er weg, eine Decke holen.

 

Lange standen sie stumm im Raum. Jemand trat versehentlich auf einen Schalter, die Christbaumbeleuchtung ging an. Jennifer fand als Erste Worte. »Was heißt erschossen?«

»Du weißt, was das heißt.«

»Ich meine, wer … wer sollte so etwas …« Jennifer verstummte, sah für einen Sekundenbruchteil zu Katharinas Mann Dieter, dann auf ihre Fingernägel mit den weiß manikürten Spitzen. Henry, Katharinas jüngerer Sohn, schluckte und vermied es, den anderen in die Augen zu sehen. Seine Freundin wusste nicht, wann sie zu schweigen hatte.

Es wurde wieder still. Katharina sah zu ihrem Mann. Dieter nickte. »Wir sollten wohl die Polizei rufen.«

»Natürlich«, sagte Katharina. »Wir rufen die Polizei. Henry, machst du bitte den Christbaum aus?«

Henry trat auf den Schalter, brauchte aber drei Mal, bis die Kerzen erloschen. Alle anderen warteten, was Katharina noch zu sagen hatte. Sie hatte noch nicht angesprochen, was allen durch den Kopf ging. Wer auch immer Leni mit einer Schrotflinte erschossen hatte – er befand sich vermutlich hier im Zimmer.

»Gestern Abend ist viel gesagt worden. Dinge, die jetzt im Raum stehen und sich nicht mehr ändern lassen. Leni ist tot. Sie kann nichts mehr zurücknehmen. Nicht mehr sagen, ich hatte zu viel getrunken, ich habe das alles nicht so gemeint. Vielleicht hat sie es gemeint. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat sie sich auch einfach nur geirrt. Wir wissen, dass Leni … Probleme hatte. Den einen Tag war sie euphorisch und wollte die Welt umarmen. Am andern war sie verzweifelt und wollte nicht mehr leben. Oder sie sagte den Menschen, die sie liebte, Dinge ins Gesicht, die sie kurz darauf bereute. So war sie, und dafür haben wir sie geliebt – und manchmal gehasst.« Katharinas Kinn zuckte, Tränen liefen über ihre Wangen, sie wischte sie mit zwei Fingern weg. Wolfgang reichte ihr ein Papiertaschentuch.

»Was willst du uns sagen?«, fragte Henry. »Natürlich hat es nichts zu bedeuten, was Leni gestern Abend … ich meine, sie war sehr aufgeregt und hatte viel getrunken. Aber verdammt – jemand hat sie erschossen. Irgendjemand hat meine Schwester mit einer Schrotflinte erschossen!«

»Lass Mama doch einfach mal ausreden«, sagte Adrian. Er war Henrys älterer Bruder.

»Ja, das ist grauenhaft.« Katharina schneuzte in das Papiertaschentuch und wischte mit einer trocken gebliebenen Ecke weitere Tränen fort. »Wir waren bis heute Morgen eine glückliche Familie. Jetzt liegen schwere Zeiten vor uns. Aber dafür ist eine Familie da. Um schwere Zeiten gemeinsam zu bestehen. Ihr versteht, was ich meine.«

»Ich verstehe es, ehrlich gesagt, nicht ganz. Du willst irgendetwas sagen, aber sprichst es nicht aus.«

»Henry – du bist sehr ungeduldig. Jetzt gilt es, in aller Ruhe nachzudenken.« Sie zog die Nase hoch und schluckte. Der Tränenfluss wollte nicht enden. »Was ich sagen will ist, dass wir nicht noch mehr Unglück über unsere Familie bringen dürfen. Was gestern Nacht in diesem Haus passiert ist, betrifft die Familie. Und nur die Familie. Es geht niemanden sonst etwas an.«

»Aber die Polizei wird Fragen stellen. Die wollen Erklärungen. Und sie werden keine Ruhe geben, bis sie den Täter haben.«

»Ja, die Polizei wird Fragen stellen. Deswegen sollten wir uns gut überlegen, was wir darauf antworten. Es ist die Aufgabe der Polizei, den Täter zu finden. Wir sollten ihr dabei helfen.«

Katharina sah in die Runde. Jennifer gehörte nicht zur Familie. Sie popelte an ihren manikürten Fingernägeln. Würde sie Schwierigkeiten machen? Oder Henry? Oder Dieter? Auf Adrian war Verlass. Zumindest in diesen Dingen. Andererseits – man wusste nie …

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Gründonnerstag

Kapitel 1

Es ging auf fünf zu an diesem Gründonnerstag im April. Die Sonne stand über den Bergen im Westen und warf ihr Licht auf die noch schneebedeckten Gipfel von Guffert und Halserspitze. An den Apfelbäumen trieben die ersten Knospen, und in den Fallrohren der Regenrinnen gluckste das Schmelzwasser, das jetzt reichlich von den Dächern floss. Nach einem langen Winter war der Frühling in die Berge gekommen.

Der Transporter raste mit furchterregendem Tempo den Achenpass hinab Richtung Tegernsee. Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner würde eine Weile brauchen, um ihn zu überholen. Was bedeutete, dass während des Überholvorgangs längere Zeit niemand entgegenkommen durfte. Kreuthner wartete ab, bis nach einer Kurve eine lange, gut einsehbare Gerade vor ihnen lag. Er zog nach links und setzte sich neben den Laster. Quälend langsam und röhrend schob sich der alte Passat am Laderaum des Transporters vorbei. Kreuthner drückte das Gaspedal bis zum Boden, sein Oberkörper lehnte vor Anspannung fast auf dem Lenkrad. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Der Blick stur nach vorn. Niemand kam entgegen. Noch. Aber die Gerade wäre bald aufgebraucht und würde dann in eine lange Linkskurve übergehen. Kreuthner blickte nach rechts aus dem Fenster. Der Spalt zwischen Führerhaus und Laderaum des Transporters zog im Schneckentempo von links nach rechts am Beifahrerfenster des Passats vorbei, endlich war er auf Höhe der Fahrertür des Lkw. Ein Blick nach vorn. Das Ende der Geraden war in wenigen Sekunden erreicht. Die Nadel des Tachos stand auf einhundertfünfundvierzig. Kreuthner war unbegreiflich, wie Kilian Raubert den Diesel-Laster so hatte hochfrisieren können. Noch beunruhigender war freilich der Umstand, dass der Spalt zwischen Führerhaus und Laderaum erneut im Beifahrerfenster des Passats auftauchte. Dieses Mal wanderte er von rechts nach links. Kreuthner fiel zurück. Er sah nach vorn. Die Gerade war zu Ende. Die beiden Fahrzeuge schossen Seite an Seite in eine langgestreckte Linkskurve, die man etwa hundert Meter weit einsehen konnte. Der Tacho des Passats zeigte jetzt einhundertachtundvierzig Kilometer pro Stunde, nun wieder geringfügig schneller als der Transporter. Wenn nichts dazwischenkam, würde Kreuthner seinen Gegner in vielleicht zwanzig Sekunden überholt haben. Die Chancen standen freilich schlecht. Es war lange kein Fahrzeug entgegengekommen. Irgendwann musste es passieren. Kreuthner hatte keine Ahnung, was er dann machen würde. Im Augenblick galt es, sich auf das eine entscheidende Ziel zu konzentrieren: vor Kilian Raubert am Bräustüberl in Tegernsee anzukommen!

Angefangen hatte es beim Skifahren in Christlum. Auf der letzten Abfahrt war es zwischen Kreuthner und Raubert um einen Jägertee gegangen. Kreuthner war der bessere Skifahrer, hatte aber die schlechtere Kondition. Nach einer halben Minute Abfahrtshocke brannten ihm die Oberschenkel derart, dass er sich aufrichten musste. Das nutzte Raubert erbarmungslos, um an Kreuthner vorbeizuziehen und dabei zu lachen, dass man es noch an der Talstation hören konnte. In dynamischer Eihocke nahm er die nächste Kuppe und staunte nicht schlecht, als hinter der Kuppe eine Skilehrerin und in ihrem Gefolge ein Dutzend fünfjähriger Kinder durch den Schnee pflügten und die Piste auf halber Breite versperrten. Trotz veitstanzartiger Verrenkungen konnte Raubert Kollisionen nicht ganz vermeiden. Drei Skizwerge riss er mit in den Schnee, bevor er selbst in einer weißen Wolke versank. Als sich der Schneestaub legte, stand Kreuthner neben Raubert, grinste und sagte, man sehe sich unten zum Jägertee. Dann verschwand er Richtung Talstation, und auch Raubert musste schauen, dass er wegkam, denn die Skilehrerin, die jetzt neben ihm stand, machte einen erregten Eindruck und wollte seinen Namen wissen.

Auf dem Parkplatz forderte Raubert eine Revanche und bot ein Wettrennen zum Bräustüberl in Tegernsee an, in dem man traditionell die Skiausflüge ausklingen ließ. Die Sache erschien Kreuthner geradezu lächerlich eindeutig. Mit seinem Passat war er allemal schneller als Raubert mit dem Transporter. Raubert durfte deshalb zuerst losfahren. Doch der Transporter war aus unerfindlichen Gründen weit schneller, als Kreuthner gedacht hatte.

Kreuthner versuchte zu erkennen, ob zwischen den Stämmen der Fichten, die ihm in der Linkskurve die Sicht versperrten, ein Fahrzeug aufschien. Soweit er feststellen konnte, war da nichts. Kreuthners Wagen war jetzt am Führerhaus des Transporters vorbeigezogen. Nur wenige Sekunden, und er könnte nach rechts einscheren. Da sah er im linken Augenwinkel, dass sich etwas zwischen den Fichten bewegte. Ein Schweißtropfen lief Kreuthner die Schläfe hinab. Er hoffte, sich getäuscht zu haben. Doch kaum, dass er diesen Wunsch zu Ende gedacht hatte, kam ein Wagen aus der Kurve geschossen – auf der gleichen Fahrbahn wie Kreuthner, nur in entgegengesetzter Richtung. Das andere Fahrzeug war zum Zeitpunkt seines Erscheinens über hundert Meter entfernt. Aber das war unter Berücksichtigung der Geschwindigkeiten, die gefahren wurden, beängstigend wenig. Kreuthner hatte hundertfünfzig auf dem Tacho, der andere vielleicht hundert. Die beiden Autos rauschten also mit zweihundertfünfzig Kilometer pro Stunde aufeinander zu und hatten keine Möglichkeit auszuweichen. Selbst bei beiderseitiger Vollbremsung würde es Stunden dauern, bis man die Leichen aus den zusammengefalteten Fahrzeugen herausgeschweißt hätte. So oder so blieb nur eine Sekunde, um überhaupt zu reagieren. Das Letzte, was Kreuthner sah, war das Gesicht des entgegenkommenden Fahrers. Auch wenn es in der gegebenen Situation letztlich egal war, musste Kreuthner denken: ausgerechnet der!

 

Just zu dem Zeitpunkt, als Kreuthner und Kilian Raubert sich ein erbarmungsloses Wettrennen vom Achensee zum Tegernsee lieferten und die beiden Kontrahenten Seite an Seite mit bedenklichen einhundertfünfzig Kilometern pro Stunde die Landstraße hinabschossen, waren Kriminalhauptkommissar Wallner und Vera auf der gleichen Landstraße unterwegs, in entgegengesetzter Richtung und mit einer den Verhältnissen angepassten Geschwindigkeit von neunzig Kilometern pro Stunde.

Wallner war in euphorischer Laune, denn er war verliebt. Ganz unvorsichtig und ohne Kompromisse hatte er sich im Herbst auf die LKA-Kollegin mit den kastanienbraunen Locken eingelassen. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass er sich zu einer Frau so ohne Vorbehalte bekannte. Jetzt waren sie auf dem Weg in ihren ersten gemeinsamen Urlaub an den Gardasee.

Auf der Straße zum Achensee war weniger Verkehr, als Wallner befürchtet hatte. Das Tal lag schon im Schatten. Weiter oben brannte die Nachmittagssonne dieses ersten Frühlingstages Löcher in den Schnee. Endlich ging es dahin mit dem Winter, der dieses Jahr kein Ende hatte nehmen wollen. Während er Veras Hand hielt und sie darüber sprachen, an welcher Raststätte hinter dem Brenner sie den ersten Cappuccino trinken sollten, fuhr Wallner in eine langgezogene Rechtskurve. Die Straße vor ihm war leer, soweit man sie einsehen konnte. Mit einem Mal vermeinte Wallner, das Geräusch von Motoren mit hoher Drehzahl zu hören. Gleich darauf sah er einen weißen Lieferwagen mit atemberaubender Geschwindigkeit entgegenkommen. Neben dem Lieferwagen, auf Wallners Spur, ein roter Passat, wie Kreuthner einen fuhr. Adrenalin überschwemmte Wallners Körper. An Wallners Seite schrie Vera mit ungewohnt schriller Stimme: »Pass auf!« Aber selbst mit einer Vollbremsung hätte Wallner den Zusammenstoß, der vernichtend sein würde, nicht verhindern können.

Kapitel 2

Mach die Tür auf!«, sagte Kreuthner mit um Festigkeit bemühter Stimme. »Sonst mach ich sie selber auf.«

Statt einer Antwort schnappte und ratschte es. Der gedrungene Mann in grauer Skihose vor dem Heck des Lieferwagens hatte mit einem Mal ein Messer in der Hand. »Versuch’s!«, sagte der Mann mit versagender Stimme. Er zitterte, Schweiß stand ihm auf der Oberlippe, die dunkelblonden, talgigen Haare klebten an den Schläfen, unter den Achseln seines langärmligen Skiunterhemds hatten sich pizzagroße Schweißflecken gebildet. Er war untersetzt, halslos, bauchig. In den Augen: Angst und Wut.

»Kilian! Tu das Messer weg. Tickst jetzt aus oder was?«

Kilian Raubert starrte Kreuthner voller Hass an.

»Jetzt mach halt die Kist’n auf, verdammt! Was soll denn das?«

»Ich lass mich einfach nimmer verarschen von dir. So schaut’s aus.«

»Ich fordere dich ein letztes Mal auf, den Laderaum zu öffnen!«

»Sonst …?«

Kreuthner wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er trug ebenfalls eine Skihose mit Hosenträgern, einen farbenprächtigen Fleecepullover und Adiletten. Kreuthner musste schnell entscheiden. Die Verhältnismäßigkeit abwägen, auch ein bisschen, dass er die Situation mitverursacht hatte. Ein Messer (scharf, wie es schien), ein aggressiver Mann, vollgepumpt mit Testosteron, Adrenalin und Empörung – unberechenbar. »Na gut.« Kreuthner hob beide Handflächen langsam in Richtung Raubert. »Ist ja net so wichtig. Zeigst mir halt das nächste Mal, was du im Wagen hast.«

»Das meinst du hoffentlich nicht im Ernst«, mischte sich Wallner ein. Der stand zwei Meter von Kreuthner entfernt mit Vera an seinem Wagen und trug trotz des milden Wetters wie gewohnt seine Daunenjacke. Noch war er nicht am Gardasee in der Wärme, nach der er sich so sehnte. Und selbst am Gardasee konnten die Abende um diese Zeit so kühl werden, dass einer, der wie Wallner an innerer Kälte litt, seine Daunenjacke brauchte. Kreuthner drehte sich verunsichert zum Kommissar.

»Du kannst doch bei einer Kontrolle nicht verhandeln. Wenn du sagst, er soll den Wagen aufmachen, dann macht er den Wagen auf.«

»Dann mach du doch weiter«, schlug Kreuthner vor.

»Ich denk ja gar nicht dran. Du hast den Mann angehalten. Jetzt zieh’s durch.«

»Komm, hör auf. Das schaukelt sich doch nur unnötig hoch.« Vera streichelte Wallner beschwichtigend über den Arm.

»Eben!«, sagte Kreuthner. »Ich tu und mach, dass ich hier eine Deeskalation hinkrieg. Und er macht einen auf Rambo.«

»Wenn kontrolliert wird, wird kontrolliert. Sonst machen wir uns unglaubwürdig. Das hat überhaupt nichts mit Hardliner zu tun.«

»Der Mann is nimmer bei sich. Der hat a Messer in der Hand!«

»Seh ich selber. Schon mal was von unmittelbarem Zwang gehört?«

»Ja wie denn? Ich hab doch net amal a Pistole dabei.«

»Das muss man sich halt überlegen, bevor man die Maßnahme einleitet.«

Vera zog an Wallners Arm. »Clemens, komm! Lass uns weiterfahren.«

»Abgesehen davon«, ignorierte Wallner die Bitte seiner Freundin, »fragt sich doch, warum der Mann partout nicht seinen Wagen öffnen will.«

Kreuthner wandte sich an den Mann mit dem Messer. »Kilian – da hat er recht.« Kilian Raubert schnaubte, schluckte, war den Tränen nahe. »Mann! Mach einfach den Wagen auf und gut is.«

Der Angesprochene wischte sich mit der messerbewehrten Hand den Schweiß von der Oberlippe, schlitzte sich dabei um ein Haar den linken Nasenflügel auf und schüttelte den Kopf.

»Irgendwann is mal Schluss. Ich lass mir net alles gefallen.« Geräuschvoll zog er den Rotz hoch.

»Übertreib halt net so! Ich mach a Straßenkontrolle, und?«

»Und?! Wer war denn das mit der Glasscheibe? Das war doch deine Idee.«

Kreuthner wollte sich gegen den Vorwurf verwahren, aber Raubert schnitt ihm das Wort ab. »Ja freilich warst es! Ich bin doch net blöd!!«

»Was meint er mit Glasscheibe?«, wollte Wallner wissen.

»Das tät jetzt zu weit führen.«

Wallner wartete, doch mehr kam nicht.

»Das tut wirklich nix zur Sache. Es war a kleiner Spaß.«

»Gut. Wenden wir uns der aktuellen Frage zu. Warum dürfen wir nicht sehen, was im Laderaum Ihres Wagens ist?«

Kilian Raubert atmete schwer, seine Rechte hielt das Messer so fest, dass die Knöchel sich weiß färbten, seine Stimme klang gepresst. »Is a prinzipielle G’schicht.«

»Aha«, sagte Wallner. »Für uns auch.«

»Für mich nicht«, wandte Kreuthner ein. »Und du stirbst auch nicht, wennst net erfährst, was in dem Wagen ist.«

»Das glaubt er aber«, mischte sich Vera ein. »Komm, Clemens. Sei einmal im Leben kein Kontrollfreak. Lass uns zum Gardasee fahren.«

»Gleich. Ich muss grad noch dem Kollegen Kreuthner beim Vollzug seiner Maßnahme helfen.«

»Ich glaube, der Kollege möchte gar nichts vollziehen.«

»Das sieht nur so aus. Und vielleicht glaubt er es in diesem Moment. Aber wenn er auch nur einen Meter weiterdenkt, wird ihm klarwerden, dass er hier im Landkreis ausgeschissen hat, wenn er seinem Spezl das jetzt durchgehen lässt.«

»Der Kollege Kreuthner ist erwachsen und weiß, was er tut. Hier geht es offenbar darum, dass sich der Herr mit dem Lastwagen privat über Herrn Kreuthner ärgert und sich gerade ziemlich aufregt. Herr Kreuthner wird das schon regeln. Und jetzt komm endlich.« Vera ging zur Beifahrertür zurück.

»Macht euch der Föhn zu schaffen, oder was ist los?« Wallner wurde eine Idee lauter, was selten vorkam. »Der Mann fährt hundertfünfzig auf der Landstraße, wird gestoppt, weigert sich, seinen Laderaum zu öffnen, und bedroht einen Polizisten mit einem Messer. Und ihr sagt: Vergessen wir die Sache?«

Vera war stehen geblieben und hatte sich umgedreht. »Ich sage nur, es geht dich nichts an. Und dass wir Urlaub haben.«

»Es geht mich aber was an!« Wallner ging an Kreuthner vorbei zum Lastwagen und baute sich unmittelbar vor Kilian Raubert auf. »Sie öffnen jetzt den Laderaum. Ich gebe Ihnen fünf Sekunden.«

Raubert schüttelte den Kopf und versuchte verzweifelt, entschlossen auszusehen. Wallner schubste ihn mit einer Hand zur Seite und betätigte den Hebel der Laderaumtür.

»Vorsicht! Der hat a Messer!«

»Das wird er nicht benützen.«

»Na ja, bei dir vielleicht nicht«, konzedierte Kreuthner.

Wallner hatte recht. Raubert benutzte sein Messer nicht, sondern warf es weg und sprang Wallner auf den Rücken, als der ansetzte, die Laderaumtür aufzuziehen. Rauberts kurze Arme würgten Wallners Hals wie ein Schraubstock, die Beine umklammerten seine Hüften. Der kleine Mann klebte wie ein Pickel auf Wallners Rücken, der einen gewundenen Tanz aufführte, mit den Händen Rauberts Unterarme packte und versuchte, sie von seinem Hals zu lösen. Freilich ohne Wirkung. Kreuthner kam von hinten, steckte seine Arme zwischen Rauberts Brust und Wallners Rücken, zerrte an dem Zwerg, der nicht losließ, brachte beide Männer zu Fall, bekam jedoch, als sie zu Boden gingen, Rauberts Hinterkopf an die rechte Schläfe und torkelte über den Parkplatz. Am Boden ließ Raubert von Wallner ab. Der kleine Mann war behende und schon wieder auf den Beinen, als Wallner noch auf den Knien nach seiner Brille suchte. Raubert nutzte seinen Vorsprung für einen Tritt gegen die linke Kommissarsniere, Wallner stöhnte auf und sank vor Schmerz benommen auf die Seite. Raubert huschte den Wagen entlang zur Fahrerkabine. Dort trat ihm Vera in den Weg, das linke Bein vorgestellt, die linke Handfläche abwehrend nach vorn gestreckt. Raubert ignorierte das Signal und setzte seinen Weg zum Führerhaus fort, bereit, die Frau nötigenfalls mit Gewalt aus dem Weg zu schaffen. Veras rechte Hand, bis jetzt hinten in Reserve gehalten, schnellte vor, rasanter, als Raubert schauen konnte, ein Knacksen, und ihr Handballen hatte sein Nasenbein gebrochen. Raubert rumpelte gegen seinen Lastwagen. Wallner und Kreuthner eilten, leidlich erholt, herbei, warfen sich auf den wankenden Mann und drückten ihn zu Boden. Der wehrte sich und zappelte trotz blutender Nase. Sie mussten ihn zu zweit bändigen und sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den Gnom werfen, um seine Hände auf den Rücken zu biegen.

»Holst du bitte das Ladekabel aus dem Kofferraum?«, sagte Wallner vor Anstrengung ächzend zu Vera.

»Kommt ihr immer noch nicht alleine klar?«

»Vielen Dank, Schatz, dass du uns geholfen hast. Aber es wäre super, wenn du das Maß der Güte übervoll machen und uns das verdammte Ladekabel bringen könntest.«

Zwei Minuten später lag Kilian Raubert auf dem Bauch neben seinem Lkw. Die Hände waren auf dem Rücken mit einem roten Starthilfekabel zusammengebunden und solchermaßen daran gehindert, Wallner und Kreuthner weiteren Schaden zuzufügen. Die beiden klopften sich den Dreck von Händen und Kleidung. Kreuthner hatte ein blaues Auge, das er mit schmutzigem Schnee kühlte.

»Ich hab dir gesagt, der macht Ärger«, sagte Kreuthner und trat Raubert unauffällig in die Rippen. »Das ist so ein nachtragender, kleiner Dreckhammel, der Bursche.« Kreuthner stellte seinen rechten Fuß auf Rauberts Rücken. »Glasscheibe! Du spinnst doch wohl. Das ist ewig her. Außerdem ist da nichts Unrechtes geschehen. Das war Brauchtum.«

Raubert war offensichtlich nicht mit Kreuthners Ausführungen einverstanden, konnte das aber nur mit an menschliche Sprache nicht heranreichenden Mumpf-Lauten zum Ausdruck bringen. Kreuthner hatte im Kofferraum noch eine Rolle Gaffer-Tape gefunden.

»Entschuldige, aber du stehst auf Herrn Rauberts Rücken.« Wallners Miene drückte keine übermäßige Missbilligung aus. Er hatte den Hinweis eher nebenbei fallenlassen, während er etwas in einen kleinen Computer tippte. »Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung, Straßenverkehrsgefährdung und noch ein paar Ordnungswidrigkeiten. Da kommt ja was zusammen.«

»Da musst du dich aber nicht drum kümmern, oder?« Vera machte einen zunehmend ungeduldigen Eindruck.

»Ich … na ja, ich bin natürlich Zeuge. Aber das hat sicher Zeit bis Dienstag.«

»Das will ich mal hoffen.«

»Aber natürlich, Schatz. Wir fahren jetzt an den Gardasee.« Er gab Vera einen Kuss.

»Also, Leo. Bringen wir’s hinter uns.« Wallner gab Kreuthner ein Zeichen, den Laderaum zu besichtigen.

»Ja, schauen wir uns gründlich den Laderaum an! Deswegen der ganze Scheiß!« Kreuthner schüttelte fassungslos den Kopf, während er die Tür aufzog.

»Ich würde eher sagen, weil ihr zwei Hornochsen unbedingt Autorennen fahren müsst«, sagte Wallner und wurde sichtlich ungehalten. »Wenn da nicht zufällig diese Parkplatzeinfahrt gewesen wär, dann würden sie uns jetzt alle vier aus unseren Autos kratzen.«

Kreuthner sagte nichts. Er sah so aus, als hätte er etwas erwidern wollen, sei jedoch just in jenem Augenblick schockgefroren worden, der Mund offen, eine Hand halb erhoben. Sein starrer Blick wurde im Inneren des Lkw von etwas festgehalten. Etwas, das ihn von einer Sekunde auf die andere gelähmt, ihn zur Momentaufnahme seiner selbst gemacht hatte. Wallner wurde unruhig. Kreuthner hatte schon viel gesehen. Was vermochte einen wie ihn in diesen Zustand zu versetzen?

»Was ist los?«, fragte Wallner.

Kreuthner hörte ihn nicht.

Kapitel 3

Sie sah aus wie ein riesiges Insekt. Eine Gottesanbeterin in menschlicher Größe. Die Frau im Laderaum des Lkw war auf Knie und Hände gestützt. Die Oberarme lagen am Körper an, die Rückenlinie wies zum Kopf hin nach unten. Der Kopf im Nacken, die grünen Augen weit aufgerissen. Bis auf das Gesicht war die Frau schwarz. Schwarzes Leder, schwarze Stiefel, schwarze Haare. Die linke Hälfte des Gesichts war geschminkt, dezent, denn es war von Natur aus schön und hatte nicht viel Aufwand nötig. Die rechte Gesichtshälfte hingegen war von Brandnarben entstellt, und es fehlte ein Teil des Haupthaares. Das rechte Ohr war zweifellos von Menschenhand geformt, aus der Haut von anderen Körperstellen, nicht ohne Kunstfertigkeit, aber eben doch künstlich.

Wallner sprach die Frau leise an. Als könnte sie zu Staub zerfallen, wenn er ein lautes Wort an sie richtete. Warum er sie überhaupt ansprach, wusste er später nicht zu sagen. Es war offensichtlich, dass die Frau nicht mehr lebte. Dennoch mochte man es nicht recht glauben. Tote liegen, hängen, sitzen. Aber sie knien nicht wie beim Kotau auf der Ladefläche eines Lieferwagens. Kilian Raubert schrie wie ein kleines Mädchen, als er die Leiche sah, spitz und erstickt. Er presste beide Hände auf den Mund und sagte nichts mehr, bis der Notarzt ihn wegbrachte.

 

Fünfundzwanzig Minuten später kniete Oliver Kaschmann vor der Leiche und stellte Würgemale am Hals fest. Die Leiche lag auf der Seite, immer noch in der Haltung, in der man sie im Laderaum gefunden hatte. Auf dem Rücken war sie nicht stabil gewesen. Es hatte sich herausgestellt, dass es nur zwei Auflagepunkte gab, Gesäß und Hinterkopf, denn die Frau war dünn. Und so kippte sie entweder nach links oder nach rechts weg, sobald man versuchte, sie auf den Rücken zu legen.

Oliver Kaschmann war der neue Kollege im K 3, der Abteilung für Spurensicherung. Er stammte aus Berlin und hatte lange auf eine Stelle im bayerischen Voralpenland gewartet. Er kletterte mit Leidenschaft und hatte ein Auge für Details und Strukturen. Das war eine Eigenschaft, die ihm beim Klettern wie als Spurensicherer von Nutzen war.

Der Gerichtsmediziner aus München würde noch eine Weile auf sich warten lassen. Oliver nutzte die Zeit, um erste Spuren an der Leiche zu sichern. Neben ihm kniete Janette, eine junge Kripokollegin. Soweit Oliver das zu diesem Zeitpunkt beurteilen konnte, war Folgendes passiert: Jemand hatte die Frau, die Hanna Lohwerk hieß, wie aus dem Ausweis in ihrer Handtasche hervorging, erwürgt und sie in den Sessel einer Couchgarnitur gesetzt, die im Laderaum darauf wartete, ausgeliefert zu werden. In dieser Haltung trat die Totenstarre ein, und in dieser Haltung war der steife Körper der Frau während der Fahrt aus dem Sessel gekippt.

»Wieso ist denn die Frau rechts so verbrannt? Weiß das jemand?«, fragte Oliver, während er das Gesicht der toten Frau inspizierte.

»Autounfall. Sie war auf der Fahrerseite eingeklemmt, und der Wagen hat Feuer gefangen. Bis es gelöscht war, war sie auf der rechten Seite völlig verbrannt. Kannst dir vorstellen, wie die damals ausgeschaut hat. Das geht mir heut noch nach«, sagte Kreuthner.

»Wie lang ist das her?«

»Ich war damals Anfang zwanzig. Gut fünfzehn Jahre.«

Oliver drehte die Leiche auf die rechte Seite. Das verbrannte Gesicht verschwand, die unversehrte Hälfte bot sich den Umstehenden dar. Das Monster hatte sich mit einem Mal in eine makellose Schönheit verwandelt. Dieser gespenstische Maskentausch wirkte auf alle Anwesenden beunruhigend.

»Muss brutal sein, wenn du so aussiehst und dann … so.« Janette wies auf die andere Gesichtsseite.

»Klar«, sagte Oliver. »Ick mein, dit is immer Scheiße. Aber et jibt ja ooch Abstufungen, will ick ma sagen.« Wenn Oliver nicht dienstlich sprach, verfiel er ins Berlinerische.

»Es war sogar noch schlimmer«, schaltete sich Kreuthner wieder ein.

»Wie das?«

»Die war Schauspielerin. Tja – mit dem Gesicht war natürlich Schluss damit. Da kannst ja nur noch im Horrorfilm mitspielen.« Kreuthner betrachtete die schöne Seite der Leiche und wurde nachdenklich. »Wie jemand so die Arschkarte ziehen kann. Is schon der Wahnsinn. Gut, andere schauen ihr ganzes Leben lang scheiße aus. Aber wennst mal super ausgeschaut hast …«

»Absolut«, pflichtete Oliver bei. »Dit is ja letztlich ne Frage der Fallhöhe, wa? Wenn de aussiehst wie Arsch und Friedrich und kennst nüscht anderes – dit stumpft ab, wa? Kommt denn uff ’n paar Narben mehr oder weniger ooch nich an. Aber wenn se dir uff der Wie-seh-ick-aus-Skala von zehn uff eins minus runterkloppen – bitter.«

»Nachdem wir die philosophischen Aspekte jetzt profunditer ausgelotet haben: Wie wär’s mit ein paar Fakten zum Tathergang?« Wallner war hinter Oliver getreten.

»Keene Ahnung, wat dich dit interessiert. Ick hab jedacht, du hättst Urlaub. Aber bitte, is ja nich mein Urlaub. Dit Mädel da drüben«, er deutet auf Vera, »macht mir übrigens ’n zunehmend unjeduldigen Eindruck. Zu Recht, wie ick finde. Aber jut, is deine Freundin. Tathergang, wa?«

»Wär super. Und mach dir bitte keine Gedanken über meinen Urlaub und schon gar nicht über meine Freundin.«

»Hast recht, geht mich ’n feuchten Kehricht an. Pass uff: Hier«, er deutete auf eine regelmäßig unterbrochene Linie am Hals, »könnte ’ne Kette oder so was gewesen sein.« Oliver drehte den Kopf der Leiche so gut es ging zur Seite. Am Nacken waren die zwei Linien, die von der Vorderseite kamen, gegeneinander verschoben. »Hier liegen die beiden Kettenstränge übereinander. Das heißt, der Täter hat sie von hinten gewürgt.«

»Geht das überhaupt mit einer so dicken Kette? Da brauchst du doch übermenschliche Kräfte.«

»Richtig«, sagte Oliver. »Aber die Kettenglieder waren vermutlich so groß, dass der Täter eine dünne Eisenstange oder so was reinstecken konnte. Dann musst du nur noch drehen. Wie bei einer Garrotte.« Oliver deutete auf die linke Hand der Frau. Sie hatte lange, schwarz lackierte Fingernägel. Zwei davon waren abgebrochen. »Es hat wohl einen kurzen Kampf gegeben. Vermutlich hat sie nach hinten gegriffen, um die Arme des Täters abzuwehren. Soweit ich sehen konnte, sind keine Hautreste unter den Nägeln. Entweder hat sie die Hände des Täters nicht zu fassen gekriegt, oder er hat Handschuhe angehabt.«

»Spricht also alles dafür, dass der Mord vorbereitet war. Ich meine, sonst hast du weder Kette noch Eisenstange noch Handschuhe dabei.«

»Seh ich ähnlich. Ja.«

»He, Oliver, lass dich net von Passanten anquatschen. Und Ermittlungsergebnisse bitte nur an den zuständigen SoKo-Leiter. Is eh klar, oder?«

Mike Hanke war dazugetreten.

»Oh, ich hab mich rein aus Interesse schlaugemacht«, sagte Wallner. »Immerhin hab ich die Leiche entdeckt. Außerdem bin ich Zeuge.«

»Versteh’s net falsch – ich will nur wissen, wer jetzt welchen Job macht.« Mikes Mimik schwankte zwischen Ironie und ernstgemeinter Frage.

»Du machst das. Ich mach meine Aussage und bin weg.«

 

Kilian Raubert hatte man unter Polizeibewachung ins Krankenhaus nach Agatharied gebracht. Dort wurde er wegen des Schocks behandelt, den er beim Anblick der Leiche erlitten hatte – oder vorgab, erlitten zu haben. Mike organisierte inzwischen die Einrichtung einer Sonderkommission. Es war zunächst nicht klar, ob der Aufwand für eine SoKo lohnte. Immerhin war die Leiche im Wagen von Kilian Raubert gewesen, der sich heftig dagegen gewehrt hatte, den Wagen zu öffnen. Es sprach also vieles dafür, dass er – aus welchen Gründen auch immer – den Mord begangen hatte. Wenn er geständig war, konnte man die noch anfallenden Aufgaben mit kleinem Personalaufwand erledigen. Andererseits hieß Rauberts Verhalten nicht, dass er die Tat zugeben würde. Mike entschied sich deshalb für die Sonderkommission, um keine Zeit zu verlieren.

Wallner und Vera waren Zeugen in dieser Sache. Mike bat seinen Chef, mit nach Miesbach zu kommen. Die Sache stank ein bisschen. Da ging es nicht nur um die Leiche, sondern auch um die Frage, warum Kreuthner, der offenbar vom Skifahren kam und eigentlich nicht im Dienst war, einen Bekannten einer Straßenkontrolle unterzogen hatte. Und warum war Wallner dabei gewesen? Wallner zögerte, nach Miesbach zu fahren. Er wollte an den Gardasee. Zumindest musste er mit Vera reden. Er fand seine Freundin im Wagen. Sie telefonierte mit dem Handy. Als sie Wallner sah, machte sie die Tür auf.

»Du, ich brauch noch ein bisschen.«

»Was ist los?«

»Christians Mutter hat mich gerade angerufen. Ich hab den Eindruck, ich sollte mal nach ihr sehen. Sie klang ziemlich verwirrt.«

»Hast du Christian angerufen?«

»Ihm geht’s auch nicht so gut. Ich glaube nicht, dass er sich um sie kümmern kann. Tut mir leid. Ich weiß, es ist nicht mehr meine Sache. Aber wenn sie mich anruft …«

»Nein. Das ist völlig okay. Ich fahr dann mit Mike nach Miesbach. Er will von mir wissen, was genau abgelaufen ist.«

»Lass uns später telefonieren. Dann schauen wir, ob wir heute noch fahren.«

Mike schlug vor, Wallner in seinem Wagen mitzunehmen. Auf dem Weg könne er ihm ja erzählen, was er wisse. Außerdem deutete Mike an, dass auch er Wallner etwas zu sagen habe. Es sei mehr privater Natur. Als Wallner Näheres wissen wollte, sagte Mike, es gehe um Manfred.

Kapitel 4

Wallner berichtete Mike, was bei der Kontrolle von Kilian Raubert im Einzelnen vorgefallen war. Seine eigene Anwesenheit erklärte sich dadurch, dass Kreuthner mit hundertfünfzig vom Achenpass gekommen sei, dabei den Lkw von Raubert überholt und ihn, Wallner, fast totgefahren habe. Das hatte Wallner neugierig gemacht. Er war umgedreht und war Kreuthner und Raubert gefolgt. Kurz vor Kreuth hätten die beiden auf dem Parkplatz gestanden, und Kreuthner hatte bei Raubert eine Fahrzeugkontrolle durchgeführt. Auch Wallner hatte sich gewundert. In Skihosen? Was dem Ganzen vorangegangen war, wusste Wallner nicht, war sich aber mit Mike darüber einig, dass Kreuthner wieder irgendeinen haarsträubenden Mist verbrochen hatte.

Mike hatte entschieden, in Hausham bei Hanna Lohwerks Wohnung vorbeizufahren. Das lag auf dem Weg. Die Spurensicherer sollten, nachdem sie auf dem Parkplatz fertig waren, zunächst die Spedition von Kilian Raubert durchsuchen. Möglicherweise war die Leiche dort auf den Lkw geladen worden. Aber auch in der Wohnung des Opfers würden sich Hinweise finden, und Mike wollte nicht bis morgen warten.

Hausham unterschied sich von den anderen Gemeinden im Landkreis. Hier war einst Industrie gewesen. Bis in die sechziger Jahre sogar ein Kohlebergwerk. Die Haushamer sprachen auch anders als die Leute im übrigen Landkreis, etwas Fremdes hatte sich in die Sprache gemischt. Sudetendeutsche und Menschen aus dem Ruhrgebiet hatten ihre Spuren hinterlassen. Aus irgendeinem Grund gab es hier auch eine kleine finnische Kolonie. Hanna Lohwerk hatte an der Peripherie gewohnt, hinter dem ehemaligen Bergwerk.

»Du wolltest mir was sagen. Wegen Manfred.«

Mike schwieg, sah aus dem Wagenfenster, zum Wendelstein am Horizont. Der verschneite Gipfel mit dem Sendemast lag in der Abendsonne. »Ich weiß gar net, ob ich’s dir überhaupt erzählen soll. Eigentlich is es a Schmarrn.«

»Was heißt das? Muss ich’s aus dir rausprügeln?«

»Ja, ich sag’s dir. Es ist aber was, wo ich selber von wem anders gehört hab. Keine Ahnung, ob’s stimmt.«

»Halt keine Volksreden, komm zur Sache!«

»Es geht, wie gesagt, um deinen Großvater.«

»Richtig. Hattest du schon erwähnt. Was ist mit ihm?«

»Kann das sein, dass der heute bei der Tafel war?«

»Was für eine Tafel?«

»Miesbacher Tafel. Die geben da Lebensmittel für Bedürftige aus.«

Wallner war fassungslos. »Manfred? Bei der Tafel? Wer erzählt denn so was?«

»Die Frau vom Sennleitner macht Helferin bei der Tafel. Die sagt, sie hätt den Manfred heut gesehen.«

»Der gibt zwei Euro bei der Caritassammlung. Wüsste nicht, dass er sich darüber hinaus sozial engagiert.«

»Das hast du, glaub ich, falsch verstanden. Er arbeitet da nicht mit.«

»Sondern?«

»Na, er ist hingegangen, um … um was zu essen zu bekommen.«

»Wie bitte?!«

»Ich hab ja gesagt, es is a Schmarrn. Aber du wolltst es ja unbedingt hören.«

»Ich frage mich, wieso du diesen Käse überhaupt weiterverbreitest.«

»Entschuldige. Ich dachte, es interessiert dich vielleicht. Außerdem – wer weiß. Alte Menschen werden ja oft a bissl komisch. Wobei ich find, dass er im Vergleich zu seinem Enkel …«

Wallner gab Mike einen Klaps auf den Hinterkopf. Mike fuhr fast in den Straßengraben.

»Wann soll das gewesen sein?«

»Was?«

»Dass die Sennleitnerin meinen Großvater gesehen hat.«

»Heut Nachmittag.«

»Da haben wir’s. Manfred ist bei seinem Bruder in Villingen. Ich hab ihn heut Mittag selber in den Zug gesetzt.«

»Ah so?«

»Ja. Der ist gar nicht in der Stadt. Außerdem brauchst du einen Berechtigungsausweis, wenn du bei der Tafel was kriegen willst. Wer weiß, wen die Sennleitnerin gesehen hat. Manfred kann’s jedenfalls nicht gewesen sein.«

»Sag ich doch. Alles Quatsch. Vergiss es einfach.«

Sie bogen in eine Seitenstraße Richtung Osten ab. »Wie kommt die drauf, dass Manfred da war? Das erfindet man doch nicht einfach.«

»Du weißt doch, wie Gerüchte entstehen.«

Wallner starrte aus dem Fenster. Der Straßenrand war grau. Bald würde der erste Frühlingsregen das Grau wegwaschen, und Gras würde wachsen. Wallner dachte darüber nach, dass die Sennleitnerin eine geschwätzige Person war. Aber sie hatte gute Augen und kannte jeden in Miesbach. Wie kam es, dass sie Manfred bei der Tafel gesehen hatte?

 

Das alte Mietshaus war dreistöckig, und die Wandfarbe mochte einst grün oder ocker gewesen sein, hatte im Lauf der Jahre jedoch eine graue Patina angenommen. Pro Stockwerk gab es zwei Wohnungen. Wallner bezweifelte, dass jede ein eigenes Klo besaß. Das Gebäude war als preiswerte Unterkunft für Kleinbürger gebaut worden. Jetzt wohnte niemand mehr darin, genau genommen seit gestern. Die letzte Mieterin war Hanna Lohwerk gewesen.

Auf dem Kiesparkplatz stand der Wagen der Toten. Daneben ein gelber Golf III mit Spoilern und Niederquerschnittsreifen. In dem Sportwagen wartete ein junger Mann in Lederweste und T-Shirt, der sich als Sohn der Hauseigentümerin auswies. Er öffnete den Kommissaren die Wohnung von Hanna Lohwerk und händigte ihnen den Bund mit den Wohnungsschlüsseln aus. Seine Bestürzung über den Tod der letzten Bewohnerin hielt sich in Grenzen. Das Objekt konnte jetzt saniert werden. Auch bat der junge Mann die Kommissare, seiner Mutter eine Liste mit allen Objekten zu schicken, die die Polizei aus der Wohnung entfernen würde. Wegen des Vermieterpfandrechts. Mike sagte, man werde sehen, und verabschiedete den Sportwagenfahrer an der Türschwelle.

Das Treppenhaus war dunkel und schmutzig. Es roch nach faulenden Früchten, verwesenden Mäusen und – unvermutet – nach Putzmittel. Hanna Lohwerks Wohnung lag unter dem Dach. Hinter der Tür betraten die Kommissare ein anderes Universum.

Kapitel 5

Im Flur hing ein Spiegel mit vier Glühbirnen an jeder Seite, wie er in Theatergarderoben benutzt wurde. Links und rechts davon Kleiderhaken mit historischen Mänteln, unterschiedlichsten Kleidern, Phantasiekostümen. Die Küche war karg möbliert. Das meiste sah unbenutzt aus. Im Kühlschrank eine angebrochene Packung H-Milch, Ketchup, Marmelade, Margarine und zwei Dosen eines Energy-Drinks. Neben dem Kühlschrank ein Korb mit einer Packung Knäckebrot, fast leer. Das Kochen war nicht Hanna Lohwerks Leidenschaft gewesen.

Im Wohnzimmer, klein und durch die Dachschräge zusätzlich beengt, hingen Fotos an den Wänden. Sie zeigten bis auf wenige Ausnahmen alle dasselbe Motiv: Hanna Lohwerk. Mal als Rosenkavalier, mal im Tank-Top, verschwitzt, in Tomb-Raider-Pose mit MP-Attrappe, mal in einem Shakespeare-Kostüm. Die Interpretation all dieser Rollen hatte eines gemeinsam: Hanna Lohwerk war immer von der linken Seite zu sehen. Oder sie hatte, falls frontal aufgenommen, den Kopf nach rechts gewandt. Nie war ihre verbrannte rechte Gesichtshälfte im Bild. Wallner und Mike blieben eine Weile vor den Fotos stehen, auf denen eine zerbrechliche Frau von elfenhafter Anmut in all die Rollen geschlüpft war, die sie hätte spielen können, hätte nicht ein Unfall ihr Gesicht entstellt.

In einem Wandregal standen Videobänder und DVDs. Sie waren mit Jahres- und Monatszahlen beschriftet. Mike legte wahllos ein Video mit der Aufschrift »Mai 2004« in den Rekorder. Es zeigte Hanna Lohwerk in einer Theaterrolle. Die Amateuraufnahme war, wie der Hintergrund offenbarte, hier im Wohnzimmer gemacht worden. Auch auf den anderen Bändern und DVDs waren Aufnahmen der Schauspielerin in bekannten Rollen zu sehen. Immer ohne Partner, immer nur die unversehrte Seite ihres Gesichts zeigend.

»War scheint’s besessen von ihrer hübschen Gesichtshälfte.« Mike stellte das Video ins Regal zurück und ging die vier Schritte bis zur Tür des angrenzenden Zimmers.

»Ist wahrscheinlich so, wenn du nur ein halbes Gesicht hast.« Wallner blätterte in einem Fotoalbum, das ebenfalls nicht den geringsten Hinweis auf Hanna Lohwerks Verbrennung enthielt. »Es gibt Menschen, die können ausblenden, was sie nicht sehen wollen.«

»Frau Lohwerk hat das offenbar nicht getan.« Mike hatte den Nebenraum betreten. Er musste das Licht einschalten, denn das Fenster war mit einem lichtundurchlässigen Stoff verhängt. Ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Nachttisch. Auch hier Fotos an den Wänden, auf fast allen Hanna Lohwerk. Im Gegensatz zu den Wohnzimmerfotos war auf diesen Bildern auch die verbrannte Gesichtsseite zu sehen. Einige der Aufnahmen zeigten sogar nur die verbrannte Seite. Darunter Porträtbilder, die augenscheinlich von einem Profi gemacht worden waren. Die Fotosammlung mutete an wie das Making-of eines Horrorfilms.

Wallner trat hinter Mike in den Raum.

»Mein Gott – hier hat sie geschlafen?«

»Sieht so aus. Ich möchte nicht hier aufwachen.«

»Vielleicht eine Art Therapie. Man gewöhnt sich ja an alles. Irgendwann kommt dir das Gesicht ganz normal vor.«

»Glaubst du? Bei dem Kult, den sie um ihre hübsche Gesichtshälfte gemacht hat?«

Wallner zuckte mit den Schultern. »Wer ist das auf den anderen Fotos?«

An einer Wand hingen etwa hundert Fotografien, auf denen andere Personen zu allen möglichen Jahreszeiten zu sehen waren, oft vor einer Villa im Heimatstil des Gabriel von Seidl. Wallner blieb vor der Aufnahme einer Frau in den Fünfzigern stehen. Schneelandschaft, im Hintergrund die Villa. Der Blick der Frau war ernst, die Augen dunkel, ein Schatten von Verzweiflung lag über dem schönen Gesicht. Eine Momentaufnahme.

»Das ist doch Katharina Millruth, oder?«

»Glaub schon. Im Fernsehen schauen die immer anders aus.« Mike hatte sich neben Wallner gestellt. »Ja, das ist sie. Wahrscheinlich morgens und ungeschminkt.« Mike ging einen Schritt zurück und blickte sinnierend auf das Foto. »Tele.«

»Teleobjektiv?«

»Definitiv. Die steht an der Remise. Das sind bestimmt fünfzig Meter zum Haus. Auf dem Bild schaut’s aber aus, wie wenn sie direkt am Haus steht.«

»Das hast du noch so im Kopf?«

»Wir haben letzte Weihnachten alles vermessen da oben.« Mike hatte Weihnachten Bereitschaft gehabt. Auch Wallner war kurz am Tatort gewesen, hatte sich aber nicht näher mit der Sache befasst. Der Fall war schnell geklärt.

»Was schätzt du, wie weit weg ist die Kamera?«

»Keine Ahnung. Hundert Meter, zweihundert? Du kannst jedenfalls davon ausgehen, dass sie die Millruth heimlich fotografiert hat.«

Wallner nahm das Foto vorsichtig von der Wand. Es war mit einer Stecknadel angepinnt. Auf der Rückseite stand »25.12.2009«. Er zeigte es Mike.

»Der Tag, als die kleine Millruth erschossen wurde.«

»Da stellen sich doch ein paar Fragen.«

»Zum Beispiel: War das, bevor wir da waren, oder danach?«

»Und?«

Mike betrachtete das Foto genauer. »Ich würde sagen: davor.«

»Warum?«

»Der Schnee. An der Stelle da«, Mike deutete auf das Foto, »ist ein Fußabdruck, oder?«

»Ja. Und?«

»Wir sind mit drei oder vier Einsatzwagen da gewesen. Dazu der Gerichtsmediziner und der Staatsanwalt. Danach war der Schnee platt. Muss also vorher gewesen sein.«

»Wann sind wir verständigt worden?«

»Weiß ich nicht mehr auf die Minute. Muss aber so um halb neun gewesen sein.«

»Was macht Frau Lohwerk am ersten Weihnachtsfeiertag um, sagen wir, acht Uhr morgens mit einem Teleobjektiv am Haus der Familie Millruth?«

»Keine Ahnung.«

Sie sahen sich die restlichen Fotos an. Hanna Lohwerk hatte anscheinend über mehrere Jahre hinweg immer wieder Katharina Millruth und andere Mitglieder der Familie fotografiert. Auf einer Aufnahme waren zwei Männer im Alter zwischen sechzig und siebzig Jahren abgebildet.

»Das ist Wolfgang Millruth. Den kennst du ja eh.«

»Der ist wie noch mal mit ihr verwandt?«

»Der Schwager. Und das hier ist ihr Mann Dieter. Der Bruder von Wolfgang. Dieter Millruth ist auch Schauspieler. Hast du bestimmt schon mal im Fernsehen gesehen.«

»Kann sein«, sagte Wallner, konnte sich aber nicht erinnern.

Es gab auch Fotos von jüngeren Personen um die dreißig, die Mike als Kinder des Ehepaares Millruth identifizierte – oder Partner der Kinder. So genau hatte er die Familienverhältnisse nicht mehr im Kopf. Eine Aufnahme zeigte Leni Millruth, die Tochter, die Weihnachten erschossen worden war. Sie stand im T-Shirt an einem Fenster. Es war Winter. Das Mädchen zart, bleich, mit Ringen um die Augen. Sie hatte viel von dem schönen Gesicht ihrer Mutter. Ihr Blick war trüb und in die Ferne gerichtet. An den Armen waren Flecke, Mike erinnerte sich, dass man Brandnarben von ausgedrückten Zigaretten auf der Leiche gefunden hatte.

»Das ist die kleine Millruth?«, fragte Wallner.

»Ja. Muss kurz vorher gewesen sein. Bevor es passiert ist.« Mike nahm das Foto ab. Es trug auf der Rückseite das Datum des vierundzwanzigsten Dezembers 2009.

Wallner inspizierte eines der Fotos aus nächster Nähe. Es zeigte Wolfgang Millruth mit einer Decke, auf dem Weg vom Haupthaus zum ehemaligen Stall; in der Tür des Haupthauses stand Katharina Millruth. Die Aufnahme war am fünfundzwanzigsten Dezember gemacht worden. »War die Leiche unter einer Decke?«

»Ja, sie haben sie zugedeckt. Hat auch schlimm ausgesehen. Warum?«

»Dann muss das ziemlich bald nach der Entdeckung der Leiche gewesen sein.« Wallner deutete auf das Foto.

»Sind das eigentlich digitale Fotos?«

»Schätze schon. Warum?«

»Weil ich hier keinen Computer gesehen hab.«

Sie gingen zurück in das andere Zimmer und suchten nach einem Computer. Vergeblich. Wallner stellte mit seinem Handy fest, dass es eine W-LAN-Verbindung gab. Den Router entdeckten sie im Flur unter dem Theaterspiegel. Der dazugehörige Computer aber blieb verschwunden.

»Da war jemand vor uns da.«

Kapitel 6

Es schneite ohne Unterlass an diesem Vormittag des vierundzwanzigsten Dezember. Katharina Millruth sah die Schneeflocken vor dem Fenster herabschweben, als ihre Augen nach hinten rollten. Dieter war vor einer Stunde beim Schneeschaufeln vom Garagendach gefallen und saß mit geschwollenem Knöchel im Haupthaus. Er würde sich nicht von der Stelle rühren. Der Gedanke gab Katharina Millruth einen Stich und erregte sie gleichzeitig. Wolfgang über ihr atmete schneller, sein Gesicht war angestrengt. Es ging mit großen Schritten aufs Ende zu. Sie musste sich beeilen. Sie kamen fast immer gleichzeitig. Erstaunlich nach über dreißig Jahren, fand Katharina.

Wolfgang war dreiundsechzig. Die Falten hatten ihn älter gemacht, doch seine edlen Gesichtszüge hatten sich gehalten. Das eine oder andere Mal hatte sie daran gedacht, ihren Schwager gegen einen jüngeren Liebhaber auszutauschen. Aber es hätte nur ihre Eitelkeit befriedigt, sich zu beweisen, dass sie auch einen Fünfunddreißigjährigen haben konnte. Und so hatte sie die Dinge gelassen, wie sie waren. Im Grunde war sie eine treue Natur mit Sinn für Beständigkeit. Sie betrog Dieter seit dreißig Jahren mit seinem Bruder, und nie hatte sie mit Wolfgang geschlafen, wenn Dieter im Haus war. Heute war das erste Mal.

Wolfgang presste die Augen zusammen, und die Adern an seinen Schläfen schwollen an. Katharina war unwohl bei dem, was sie gerade tat. Hatte sich ihr Respekt vor Dieter so sehr verflüchtigt? Wolfgang stieß seit einer halben Minute zu, ohne Luft zu holen, sein Gesicht war bedenklich dunkel geworden und glänzte vor Schweiß. Manchmal quälte sie die Vorstellung, dass er tot über ihr zusammenbrechen würde. Endlich ließ Wolfgang mit einem röhrenden Geräusch die letzte Luft hinausströmen, sank schwer atmend auf Katharina nieder und beklagte sich, dass sie nicht bei der Sache sei. Sie müsse an Weihnachten und die Kinder denken, sagte Katharina.

 

Das Mädchen sah billig aus und fühlte sich nicht wohl in dem Salon mit all den Büchern. Der Pullover, die Jeans, die Schuhen – billig. Katharina störte sich an billigen Schuhen. Beim Rest konnte man ein Auge zudrücken, billige Schuhe waren unverzeihlich. Irgendein Vorstadtfriseur aus Laim oder Pasing hatte ihr Strähnchen in die blondierten Haare gefärbt. Sie versuchte zu lächeln und tat Katharina ein wenig leid. Was hatte Henry dazu bewogen, sie mitzubringen?

»Das ist Jennifer. Sie arbeitet bei mir im Krankenhaus.« Er deutete auf Katharina. »Katharina, meine Mutter.«

»Hallo, Jennifer. Willkommen in unserem Haus!« Katharina strahlte und nahm Jennifers Hand herzlich in die ihren.

»Grüß Gott, Frau Millruth.« Jennifer lächelte eingeschüchtert.

»Sag bitte Katharina. Wir duzen uns hier alle. Du bist eine Freundin von Henry, also gehörst du dazu.«

Jennifer versuchte, sich erfreut zu geben. Aber sie spürte, dass keines von Katharinas Worten aufrichtig war.

»Das ist Dieter, mein Vater. Er geht im Winter gern aufs Dach zum Schneeschaufeln. Heute hat er’s ein bisschen eilig gehabt runterzukommen. Sollen wir uns den Knöchel mal ansehen?«

»Lass die Finger von meinem Bein. In diesem Haus heilt so was ohne Quacksalber.« Dieter lag auf einer Chaiselongue. Sein rechter Fuß war bandagiert.

»Ja natürlich. Viel Spaß dabei.«

»Wollt ihr nicht nach oben gehen und euch frisch machen?«, schlug Katharina vor.

»Frisch machen? Die sind doch gerade reingekommen. Draußen hat’s zehn Grad minus.«

»Dann packen sie halt ihre Sachen aus. Du bist heute ein bisschen nörgelig.«

»Überhaupt nicht.« Dieter gab Henry ein Zeichen. »Geht nur und achtet nicht weiter auf mich. Wenn ich Morphium brauche, sag ich Bescheid.« Die beiden waren noch nicht zu Tür hinaus, als Dieter Katharina zu sich zog und nicht besonders leise sagte: »Schlafen die beiden im gleichen Zimmer?«

»Ja … ich denke, das werden sie tun. Henry ist zweiunddreißig«, sagte Katharina gepresst.

»Henry!«, rief Dieter seinem Sohn hinterher, der im Begriff war, die Tür hinter sich zu schließen. »Welcher Art ist denn eure Beziehung? Du verstehst, was ich meine.«

»Dieter!« Katharina gab Henry ein Zeichen, dass er sich nicht provozieren lassen sollte.

»Jetzt mach dir nicht ins Hemd«, röhrte Dieter. »Ich finde, so was klärt man gleich am Anfang. Dann gibt’s keine Missverständnisse.«

»Bei Adrian hast du ja auch nie gefragt.«

»Bei dem war’s klar. Die Mädels hast du nach Weihnachten nie wieder gesehen. Aber er …«, Dieter deutete mit dem Kopf auf seinen Sohn, »… er hat doch noch nie eine mitgebracht. Wie sollen wir da wissen, woran wir sind?«

»Was genau willst du wissen?« Henry klang gereizt.

»Ob du extra Bettzeug für die Couch brauchst. Ist doch nicht so schwer zu verstehen.«

Henry lachte peinlich berührt in Richtung Jennifer. »Wir kommen klar. Danke der Nachfrage.«

»Ihr könnt euch von mir aus die Seele aus dem Leib vögeln«, rief Dieter ihnen hinterher. »Ich will nur nichts davon mitkriegen, okay?«

Katharina schloss die Tür. »Das war nicht nett dem Mädchen gegenüber. Sie ist ohnehin ein bisschen gehemmt. Und dann kommst du noch.«

»Wollt ihr sie in dem Glauben lassen, sie kriegt einen netten Schwiegervater?«