Katakomben - Mark Prayon - E-Book

Katakomben E-Book

Mark Prayon

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Beschreibung

Eine unheimliche Mordserie hält Belgien in Atem. Vor den Kirchen Brüssels liegen die Leichen junger Frauen. Alle Opfer sind gleich alt, und sie alle tragen rätselhafte Brandmale. Kommissar Marc van den Berg und die schöne Psychologin Nicole Vandereycken stehen vor der schwierigsten Aufgabe ihrer Karriere. Denn ihre Gegner sind intelligent, skrupellos und immer einen Schritt voraus.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Mark Prayon

Katakomben

Der Brüssel-Thriller

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Epilog

Impressum neobooks

Inhalt

KatakombenThriller

Prolog

Ihre Augenlider waren wie Blei, die Neonröhren tauchten die Umgebung in ein rotstichiges Weiß. Der Versuch, einen Schritt zur Seite zu machen, scheiterte. Jetzt spürte sie, wie sich die Riemen in ihr Fleisch bohrten. Sie brauchte nicht einmal eine Sekunde, um zu begreifen, in was für einer ausweglosen Lage sie war. Ein noch nie dagewesener Adrenalinstoß jagte durch ihren Körper. Ihre Glieder fühlten sich taub an. Wer waren die Schweine, die ihr das angetan hatten? Sie versuchte sich zu erinnern, an irgendetwas, das ihr helfen konnte, zu begreifen. Aber ihr fiel nichts ein. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das widerliche Licht. Als sie den Kopf zur Seite drehte, spürte sie ein höllisches Stechen im Nacken. Sie war dankbar dafür, dass ihre Hände ein wenig Spiel hatten, aber das Geräusch der Handschellen war unerträglich.

Ihr Blick wanderte unsicher durch den nackten Raum. Sie suchte nach Orientierung, aber sie fand nichts, was ihr helfen konnte – alles um sie herum schien beliebig und austauschbar.

Das Mädchen schwitzte am ganzen Körper, plötzlich ergoss sich ein warmer Harnstrahl über ihre straffen, leicht gebräunten Schenkel. Sie erschrak. Da war ein Klopfen, ein hohles gleichmäßiges Klacken. Kam es vom Fußboden? Sie war nicht sicher. Kam es näher? Ihr Mund war jetzt so trocken, dass sie nicht mehr schlucken konnte. Jetzt war es still. Sie drehte ihren Kopf so weit nach hinten, wie es ging. Ihren Schmerz ignorierte sie. Aber da war nichts außer einer weißen nackten Wand. Ihr Blick fiel auf die Röhren.

Nein, daher kam es nicht, definitiv. Jetzt kam das stakkatohafte Tack-Tack zurück, nur viel schneller! Schlagartig wurde ihr klar, was es bedeutete. Sie war nicht allein.

Eine mächtige Gestalt bäumte sich vor dem Mädchen auf, abwartend, bewegungslos. Das, was jetzt kam, steigerte die Erregung des Mannes ins Unermessliche. Er musterte das weiße Nachthemd, das so dünn war, dass er einen ungetrübten Blick auf ihre schweißnassen straffen Brüste hatte. Der Jäger musterte die weiche Haut ihrer gebräunten Schenkel ganz genau, dann ließ er seine Fingerrücken an ihnen entlang gleiten. Er presste seine dünnen rissigen Lippen zusammen, starrte in ihre verheulten Augen und fuhr herum. Dann riss er ein glühendes Brandeisen aus dem Feuer und drückte es dem Twen ins Fleisch. Das Mädchen schrie wie von Sinnen, sie konnte ihre verbrannte Haut riechen. Das Gesicht des Jägers verwandelte sich in eine lustvolle Grimasse. Eine schier endlose Sekunde war das Eisen in ihr. Das reichte, um den Mann in Ekstase zu versetzen. Der Speichel lief aus seinen Mundwinkeln, mit einer schnellen Handbewegung strich sich er über das nasse Kinn. Als er das glühende Metall aus ihr herauszog, brach das Schreien ab.

Das Mädchen wurde ohnmächtig, der Jäger stöhnte laut auf und drang in sie ein. Niemals hätte ein anderer das Begrüßungsritual übernehmen dürfen. Das Mädchen zu markieren, das waren sein Privileg und seine Leidenschaft. Jetzt gehörte sie ihm, wie die anderen auch.

Der Jäger schaute mit weit aufgerissenen Augen auf den großen Monitor. Es war Zeit Abschied zu nehmen, so hatte er es vor fünf Jahren bestimmt. Alles würde so kommen, wie er es sich gewünscht hatte. Leben und Tod – nur er allein hatte darüber zu entscheiden. Alles war genau geregelt. Dieses Jahr würde er das erste Kapitel schließen und ein neues beginnen.

1

Marc van den Berg hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Langsam musste er sich wohl daran gewöhnen. Er fühlte sich, als hätte er vor ein paar Stunden eine halbe Kiste Stella Artois geleert, was vorkam. Aber das war lange her. Zwei Wochen waren vergangen, seit sich Marie von ihm getrennt hatte. Waren es wirklich erst zwei Wochen? Für ihn war es eher eine Ewigkeit.

Es war das erste Mal, dass nicht er den Schlussstrich gezogen hatte. Sie hatte es gewagt, ihm den Laufpass zu geben, was ihn rasend machte. Es ließ sich schlecht mit seiner Eitelkeit vereinbaren, dass sie ihn in die Wüste geschickt hatte. Er würde nicht lange allein bleiben, soviel war sicher. Aber diese Aussicht konnte seine miese Laune nicht aufhellen, nicht jetzt. Van den Berg kannte seine Neigung zu unkontrollierten Ausrastern selbst am besten. Jetzt war es wieder soweit, er hätte platzen können vor Wut. Der Versuch, ruhig zu bleiben, scheiterte. Ein Bierglas, das halbvoll auf der Spüle klebte, landete mit Karacho auf den Kacheln. Grimmig und doch ein wenig abgekühlt betrachtete er die kleinen Glassplitter, die sich größtenteils um den Abfluss versammelten.

Beinahe zwei Jahre waren sie ein Paar gewesen. Länger als mit Marie hatte er es nie mit einer Frau ausgehalten und das, obwohl er schon 45 war. Er wusste im Grunde, dass er eigentlich zu keiner Beziehung fähig war.

Van den Berg schaute angriffslustig in den Spiegel und fuhr mit seinen kräftigen Händen durch sein dichtes mittellanges blondes Haar, dann über seine Bartstoppeln. Hatte er zugenommen? Wenn, dann nur ein wenig. Sein Sixpack war, zumindest ansatzweise, noch vorhanden.

Die Kathedrale St. Michel war in ein mattes Licht getaucht. Nichts deutete darauf hin, dass irgendwas anders war, als an jedem anderen Tag. Der kleine, mit dünnen Bäumen bepflanzte Park, der vor der Kirche lag, war beinahe menschenleer. Nur ein Clochard hielt sich in der Nähe des Gotteshauses auf, drei Stunden hatte er auf einer Bank gelegen. Es war der 25. November, der erste Advent kündigte sich an. Seit Tagen regnete es in der Stadt, die Temperaturen hatten stark angezogen.

Der Stadtstreicher hatte vor einer Weile damit begonnen, eine Flasche mit billigem Wodka zu leeren und war dabei eingeschlafen. Der Nieselregen wurde jetzt stärker. Der Alte hatte sich in eine dicke zu große Tarnjacke gewickelt, wie man sie beim Militär hat, dazu trug er eine schmutzige lilafarbene Hose, die grotesk aussah. Die dünne Decke, die er bis ins Gesicht gezogen hatte, war längst zu einem kalten nassen Lappen geworden. Plötzlich drang ein Knall durch die ruhige Nacht, so, als hätte jemand eine Autotüre zugeschlagen, aber es klang heftiger. Es war ein blechernes Geräusch, auf das sich der Penner keinen Reim machen konnte. Er hörte, wie ein Wagen beschleunigte. Das war kein gängiger Benzinmotor, eher schon ein Diesel. Der Alte wunderte sich über den Lärm, denn er wusste, dass der Bereich vor der Kirche für Autos gesperrt war. Dann wurde es still. Mit seiner zittrigen Hand riss der Obdachlose den wasserdurchtränkten Fetzen beiseite, stand auf und taumelte ein paar Meter durch den Regen.

Es dauerte eine Weile, bis er es schaffte, sich zu orientieren. Der Mann hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten, stolperte mehr in Richtung der Kirchentreppen, als dass er lief. Es ärgerte ihn, dass die Beine nicht gehorchen wollten. Nun stand er vor den schmalen Stufen, die ihm unendlich vorkamen. Er hatte noch immer Probleme, die Balance zu halten, immer wieder kippte er nach vorn. Sein Magen fing an zu rebellieren. Der Mann stützte sich mit seinen erfrorenen Händen auf einer Stufe ab, dann kotzte er den Wodka und das bisschen Linsensuppe auf seine rissigen Hände, die von der Kälte bläulich schimmerten.

Der Clochard war zäh, und an den Gestank von Erbrochenem hatte er sich in den Jahren auf der Straße gewöhnt. Langsam aber zielstrebig tapste er die Stufen hinauf. Auf der Hälfte verließen ihn die Kräfte, die Knie zitterten auf dem kalten Stein. Dieses Scheiß Rheuma, dachte er. Er richtete seinen Blick nach oben und sah durch die Bindfäden, dass etwas vor dem Eingang der Kirche lag. Was es war, blieb ihm verborgen - seine müden Augen kämpften mühsam gegen das künstliche Licht und die feinen Tropfen. Der Mann holte tief Luft und schaffte es auf allen Vieren bis an die Pforte. Mit dem Ärmel wischte er sich das Nass aus den brennenden Augen und blickte auf ein Mädchen, das hilflos auf dem Rücken lag. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Miene ein einziger Hilfeschrei.

Der Clochard erhob sich, während er das Mädchen fixierte. „Was ist mit ihnen?“, lallte er. Keine Reaktion. Der Alte schüttelte sich, in der Hoffnung so seine betäubten Sinne schärfen zu können. Er legte seine kräftigen Arme um den Körper der jungen Frau und rüttelte sie so heftig er konnte. Der Vagabund war auf einmal wieder ganz klar. Sein Magen zog sich zusammen, als er begriff, dass das Mädchen tot war.

Das blasse, ungeschminkte Gesicht der jungen Frau war zu einer schiefen Grimasse verzerrt, aber der Clochard sah, dass sie unglaublich schön war. Er fixierte ihre braunen sanften Augen und die makellose weiche Haut. Er schätzte sie auf achtzehn oder neunzehn Jahre. Was sie anhatte, erschien ihm merkwürdig, nicht nur, weil es viel zu dünn war für die Jahreszeit. Die junge Frau trug einen weißen Umhang, der einem Nachthemd ähnelte, sonst nichts. Ihre dunklen Haare waren streng zu einem Zopf zusammengebunden. Ihm wurde speiübel, er kotzte die Reste, die er noch im Magen hatte, neben die Pforte.

Keine Menschenseele verlor sich auf dem Boulevard de Berlaimont, der direkt an der Kathedrale vorbeiführte. Der patschnasse Alte ging langsam die Stufen herunter. Er vernahm den Dieselmotor eines Autos, das sich mit zügiger Geschwindigkeit näherte. Es war ein Taxi, das in Richtung De Brouckére unterwegs war. Der Clochard sprang auf die Straße, ruderte wild mit den Armen und stellte sich dem heranbrausenden Fahrzeug beschwörend in den Weg. Der Fahrer stieg kräftig in die Eisen und stoppte wenige Zentimeter vor den zittrigen Knien des Hilfesuchenden. Der Chauffeur, ein fast kahler Türke in den Dreißigern, riss die Türe auf und trat auf den nassen Asphalt. Der Fahrer brüllte die traurige Gestalt an, schrie etwas von irre und bescheuert. Der Penner deutete wortlos zur Kirche.

Van den Berg zuckte kurz zusammen, als sein Handy schellte - jetzt wurde ihm klar, wie übernächtigt er war. Am Klingelton erkannte er, dass der Anruf aus dem Präsidium kam. Wenn die Kollegen dran waren, warnte ihn die Titelmelodie der „Bourne“-Reihe, bei allen anderen Anrufern erklang ein beruhigender altmodischer Ring-Ring.

Eric Deflandre war dran. „Was gibt’s denn?“, fragte van den Berg gereizt. „Ein totes Mädchen“, antwortete der junge Polizist gehetzt. „Na, klasse!“ Van den Berg sparte sich langes Nachfragen und beeilte sich. Im Bad bearbeitete er seinen kräftigen Schopf mit einem Spezialwachs, das dafür garantierte, dass seine Haare ein wenig abstanden. Er zog ein eng sitzendes schwarzes T-Shirt aus dem Schrank und nahm eine dazu passende Lederjacke vom Sofa, die einen leichten Biker-Touch hatte. Keine fünf Minuten später saß der Polizist in seinem MG Cabrio, Typ MGB, Baujahr 84, und raste die Rue de la Loi hinauf zur Kathedrale St. Michel.

Zur gleichen Zeit bahnte sich ein schwarzer BMW den Weg durch den Wald. Andere hätten Mühe gehabt, das Anwesen zu entdecken, uralte Eichen und Tannen reichten dicht an die imposante Villa heran. Die schmalen kurvigen Wege waren schlecht asphaltiert und erschwerten die Orientierung, zumal sie immer nur ein Stück weit einzusehen waren. Der Fahrer, der sich in dieser Nacht auf das dunkle Haus zu bewegte, kannte die Strecke. Zielstrebig raste er den Weg bis zum Hauptportal des alten Bauwerks.

Als der Mann aus seinem Fahrzeug stieg, wurde es hell. Selbst aus der Nähe waren die Konturen des Gebäudes nur schemenhaft zu erkennen, so dicht standen die Bäume. Der Besucher war Mitte 30 und wirkte gediegen in seinem dunkelgrauen Kaschmirmantel. Die schwere schmiedeeiserne Tür öffnete sich und fiel überraschend leise ins Schloss, nachdem der Besucher eingetreten war.

„Sie werden erwartet, Monsieur Hugo“, sagte der kleine unscheinbare Mann, der im Entree gewartet hatte, mit ausgesuchter Höflichkeit.

Hugo verzichtete darauf, seinen Mantel abzulegen und eilte am Butler vorbei die breite Holztreppe hinauf. Im ersten Stock befand sich ein weitläufiger Raum, der sich fast über die gesamte Etage erstreckte. An den Wänden hingen alte Ölbilder und Zeichnungen. Einige von ihnen zeigten Wappen, die auf Papier oder Stoff geprägt waren. Im Raum standen schwere Eichenmöbel und herrschaftliche alte Sofas. In der Mitte des ovalen Zimmers wartete ein Mann, der Anfang 60 war. Er machte ein paar Schritte auf den Besucher zu. „Es gibt ein Problem“, sagte Hugo. Dabei wanderten seine Augen unruhig hin und her. Er bemerkte sofort, dass sich der Blick des anderen verfinsterte.

Van den Berg nahm seine coole schwarze Beanie vom Beifahrersitz, zog sie über sein Haar und trabte den kurzen Weg zur Kathedrale. Es regnete noch immer. Deflandre kniete völlig durchnässt bei dem toten Mädchen.

Van den Berg beugte sich zu der Leiche herunter. Sein Blick fiel auf das Nachthemd, das die grazile Figur des Mädchens betonte. „Ein schönes Mädchen“, flüsterte er wie in Trance. Der Kommissar wandte seinen Blick von der Toten ab und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Sexualverbrechen, soviel war wohl klar. „Der Penner da drüben hat sie gefunden“, unterbrach ihn Deflandre und deutete auf den Clochard, der zerstreut in seinen Plastiktüten kramte.

Van den Berg hatte in seiner Polizeilaufbahn schon viele Leichen gesehen, die meisten ließen ihn kalt. Aber dieses tote Mädchen hier rührte ihn von der ersten Sekunde an, so sehr, dass es ihm schwerfiel, klar zu denken. Der Anblick dieses toten Engels schnürte seinen Hals zu, er zwang sich, tief Luft zu holen. Ein paar Meter weiter hockte Thomas Verschacht mit einem Notizblock in der Hand. Der Polizeiarzt winkte van den Berg zu sich. „Ich kann dir noch nichts sagen“, sagte er ernst. Das faltige Gesicht des Mediziners schien eingefroren. „Eine schöne Scheiße ist das. Äußerlich ist sie unversehrt, jedenfalls soweit ich das bis jetzt sehen kann.“ Das Mädchen lag noch immer auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, so wie sie der Clochard gefunden hatte. „Beeil dich, ich brauche Informationen“, fuhr van den Berg den Mediziner an. „Sehe ich aus, als mache ich hier ein Picknick?“ Van den Berg fasste dem Doc entschuldigend an die Schulter – ihm war klar, dass er sich wieder mal im Ton vergriffen hatte.

Das Mädchen war ungewöhnlich schön. Van den Berg betrachtete ihre weichen Gesichtszüge, die rehbraunen Augen, die zarte Figur. Er konnte jetzt nicht viel tun, erstmal waren die Pathologen dran. Und die Kollegen mussten herausfinden, wer die Tote war. Er fühlte sich wie ein Wasserkühler, der zu heiß gelaufen war. Es war definitiv das Beste, nach Hause zu fahren.

„Da ist noch etwas“, rief ihm Verschacht zu, als er auf dem Weg zum Wagen war. „Sie ist sozusagen tätowiert.“ Der Mediziner hob den Arm des Mädchens an und drehte ihn so, dass van den Berg das Zeichen sehen konnte. Auf der Innenseite war ein Kreis eingebrannt. Exakt in dessen Mitte befand sich eine Zahl: die Acht. „Ein eigenwilliges Motiv für ein Mädchen“, bemerkte van den Berg fragend. „Was ist heute schon noch eigenwillig? Manche lassen sich einen Totenkopf stechen oder die Schamlippen piercen“, erwiderte Deflandre grinsend. „Da ist so was doch ziemlich normal.“ „Normal ist das hier sicher nicht - das ist keine Tätowierung, das ist ein Brandmal“, widersprach der Arzt entschieden.

Van den Berg war das Teil gleich komisch vorgekommen. „Ein Brandmal also, so was verpasst man doch normalerweise nur Tieren …“ „Bei Pferden werden Brandzeichen gesetzt, zum Beispiel, um die Rasse zu markieren“, erklärte Verschacht. Van den Berg konnte sich keinen Reim darauf machen. In seinem Gesicht spiegelten sich gleichermaßen Ekel und Ratlosigkeit wider - er wollte nur noch weg.

Der Kommissar verabschiedete sich eilig von seinen Kollegen, aber nicht ohne ihm vorher noch einmal einzubläuen, schnell Ergebnisse zu liefern. Als er die Chaussée d´Ixelles entlangfuhr, schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Als er an Marie dachte, war er wieder auf 180.

Es war kurz nach Mitternacht. Vor den meisten Fenstern in der Rue de la Prairie am Gare du Nord waren die Rollläden bereits heruntergelassen. Nur wenige Huren warteten noch auf Kundschaft. Wenn um diese Zeit Freier in die schmuddeligen Straßen hinter dem Bahnhof kamen, dann waren es meist Männer, die aus den Kneipen am belebten „De Brouckére“ herüber schlenderten.

Die Gegend war ziemlich heruntergekommen, auf den Bürgersteigen waren Kondome und Bierdosen verstreut. An der Ecke standen zwei Gestalten, denen man von weitem ansehen konnte, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Ein älteres Touristenpaar aus Dänemark, das in der Gegend ziemlich fehl am Platz wirkte, winkte hektisch nach einem Taxi. An einem der Fenster hing die Jalousie auf halber Höhe, das Zimmer war leer. An der Scheibe klebte ein alter Zettel mit einem Foto: „Vermisst! Dorothee Lerisse.“

Der schwarze BMW bahnte sich zügig den Weg zurück durch den Wald. Hugo warf einen Blick auf das Stück Papier, das ihm der Mann gegeben hatte. Auf dem Blatt fanden sich handschriftliche Notizen, die in einer Art Tabelle geordnet waren.

Hugo schloss die Wohnungstür auf, warf den Mantel über das italienische Ledersofa, nahm sich einen Martini Bianco aus der Bar und gab zwei Eiswürfel dazu. Er lächelte, als er sich auf einen der schweren Sessel fallen ließ. Der elegante Mann ließ seinen Zeigefinger zärtlich über den goldenen Ring kreisen, der eine dezente Gravur trug, die eine Flamme darstellte. Hugos Wohnung war beinahe steril, die Regale leer und die strahlend weißen Wände völlig nackt. Die Einrichtung entsprach der eines repräsentativen Büros, modern und auf das Wesentliche reduziert. Während Hugo an seinem Glas nippte, studierte er aufmerksam die Liste, in der ein Dutzend Mädchennamen aufgeführt waren.

Wie immer sah er aus wie aus dem Ei gepellt: olivfarbener eleganter Anzug, graues Seidenhemd, teure Schuhe – alles nach Maß gefertigt. Entschlossen griff er nach seinem Notebook. Eigentlich hatte er für moderne Kommunikationsmittel nicht viel übrig, aber man konnte halt nur schlecht auf sie verzichten. Der Computer stand neben einem ultraflachen Smartphone auf dem frisch polierten Glastisch. Wichtige Dinge besprach Hugo nicht am Telefon. Seine Angst, abgehört zu werden, war zu groß, auch wenn es keinerlei Anhaltspunkte dafür gab, dass man ihn schon einmal angezapft hatte. Hugos E-Mail bestand aus nur einem einzigen Satz. „Morgen, 20 Uhr.“

Van den Berg hatte in der Nacht wieder nicht viel geschlafen. Um acht Uhr saß er in seiner großen, geschmackvoll eingerichteten Altbauküche und schob zwei Scheiben Weißbrot in den schicken Toaster. Er hatte die Elektrogeräte vor ein paar Jahren günstig bei einem Lagerverkauf erworben. Die modernen weißen Einbauelemente hatte er geschickt mit alten provenzalischen Schränken und einem massiven Holztisch kombiniert.

Er überlegte, ob er rausgehen und sein Frühstück bei Renard holen sollte. Das Traditionsgeschäft an der Chaussee d`Ixelles hatte den Ruf, die besten Torten und das feinste Gebäck in Ixelles herzustellen. An diesem Morgen konnte sich der Kommissar nicht dazu aufraffen. Verbissen knabberte er an trockenen Toastscheiben und spülte sie mit Kaffee herunter, den er schwarz mit ein wenig Zucker trank. Der Polizist ließ sich auf das alte Chesterfieldsofa fallen und legte die Smiths auf: „Bigmouth Strikes Again“.

Er dachte zurück an die wilden Achtziger, in denen er mit seinen Freunden durch die Straßen Gents gezogen war. Nie im Leben hätte er damals daran gedacht, Polizist zu werden. Auf Gesetze hatten er und seine Kumpels gepfiffen. Sie kifften so oft es ging und sie sprühten Graffiti mit den Namen ihrer Lieblingsbands an graue Fabrikmauern. Nachts fuhren sie zugedröhnt und ziellos durch die Gegend.

Der Dienst bei der Armee hatte van den Berg gründlich umgekrempelt. Da hatte er sich vorgenommen, sein Leben zu ändern, Gas zu geben. Und er wollte Macht haben. Als Polizist konnte er die Hebel bewegen, wie es ihm beliebte, wenn er böse Jungs jagte. Aber er musste sich unterordnen, was er hasste. In seinen ersten Jahren bei der Polizei war er regelmäßig mit seinen Vorgesetzten aneinandergeraten. Aber er hatte mächtige Fürsprecher im Präsidium, die sein kriminalistisches Talent erkannten und ihn förderten. Vor allem Henk Wouters, ein Kommissar der alten Schule, hatte van den Berg nach Kräften gefördert, auch wenn der ihm immer eine Spur zu eitel war. Keiner der anderen jungen Polizisten hatte van den Bergs Spürnase und schon gar nicht dessen Willen. Mittlerweile ließ sich van den Berg nicht mehr herumkommandieren. Er fand immer irgendeinen Weg, seinen Kopf durchzusetzen. Was hatten ihn die Schreiberlinge von den bluttriefenden Boulevardblättern genervt, die keine Gelegenheit ungenutzt ließen, ihn zu einem Versager zu stempeln. Denn er weigerte sich, mit ihnen zu kooperieren. Die langatmigen Diskussionen mit Kollegen und Staatsanwälten hatten ihn beinahe zermürbt. Doch inzwischen kannte er die Spielregeln. Er wusste, wie er alle nach seiner Pfeife tanzen lassen konnte.

Vor drei Jahren hatte van den Berg zum letzten Mal großen Ärger bekommen, als er bei einem Verhör nach einer sehr speziellen Methode vorging. Eine ganze Nacht lang hatte er den Mordverdächtigen mit grellen Scheinwerfern geblendet. Das so erreichte Geständnis hatte das Gericht nicht zugelassen und der Kommissar musste es sich gefallen lassen, dass ihn der Polizeipräsident verbal in den Boden rammte. Seitdem war er wachsam und überschritt die hausinternen Grenzen nur noch dann, wenn man ihm nichts nachweisen konnte.

Das tote Mädchen weckte seine Kampfeslust, während er auf die Straße herunterschaute. Amüsiert beobachtete er eine junge Frau, die versuchte, ihren alten VW-Golf in eine Parklücke zu manövrieren und nach fünf Versuchen entnervt aufgab. Van den Berg schlüpfte in ein khakifarbenes T-Shirt, nahm seine braune Kapuzenlederjacke vom Sofa und sprang in seinen MG. Er trug fast immer Bluejeans, seine 44er-Füße steckten wahlweise in schwarzen Sneakers oder rustikalen braunen Lederschuhen.

2

Im Kommissariat wartete man schon. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel seines Kollegen, der den Kommissar in Großbuchstaben aufforderte, sich schnell bei ihm zu melden. Eric Deflandre stammte wie van den Berg aus Flandern, allerdings nicht aus Gent, sondern Antwerpen. Er war im Gegensatz zu seinem Partner ein leidenschaftlicher Frühaufsteher und schon seit zwei Stunden eifrig bei der Arbeit.

Der junge Polizist war bei den Kollegen anfangs als Streber verschrien, als Besserwisser, als Neunmalkluger. Seine dunklen Haare trug er vorn und an den Seiten kurz, dafür aber bis in den Nacken, zudem hatte er ein Faible für auffällige Goldkettchen. Deflandre wusste von den Frotzeleien seiner Kollegen und war clever genug, cool zu bleiben. Van den Berg hatte ihm ein paar Mal tüchtig den Kopf gewaschen. Mittlerweile zeigte Deflandre ab und an sogar soziale Züge. „Du wirst es nicht glauben, das Mädchen ist vergiftet worden.“ Van den Berg blickte seinen Kollegen überrascht an. „Vergiftet?“ „Warum auch nicht? Ist doch eine saubere Art, jemanden um die Ecke zu bringen. Es steht ja nicht jeder drauf, seinem Opfer die Kehle durchzuschneiden.“ Van den Berg nickte nachdenklich und strich über seinen Dreitagebart. Seine Halsschlagader sah nun furchterregend aus. „Link und feige, jemanden so zu töten. So ein Dreckskerl!“

Der Kommissar rief den Pathologen an, der versprach, umgehend in sein Büro zu kommen. Franz De Coster genoss ein hohes Ansehen unter den Polizisten, zumindest was seine Fähigkeiten als Mediziner betraf. Sein lehrerhaftes gestelztes Auftreten dagegen ging allen auf die Nerven. De Coster trug einen kunstvoll rasierten Kinnbart und war wie immer akkurat gescheitelt. Die rundliche Brille mit Goldrand wirkte seltsam in dem schmalen Gesicht.

„Curare“, begann De Coster wichtig. Er genoss die unwissenden Blicke der beiden Kollegen. „Spann uns nicht auf die Folter“, raunte van den Berg genervt.

„Curare ist ein kompetitiver Blocker des nikotinergen Acetylcholin-Rezeptors.“ De Coster lächelte überlegen in die Runde. Van den Berg holte tief Luft. „Komm auf den Punkt, Mensch!“ „Ein Pflanzengift“, erklärte De Coster. Die beiden Polizisten schauten sich ratlos an. Van den Berg sinnierte. Ein Pflanzengift also …

De Coster schien van den Bergs Gedanken zu lesen. „Selbstmord können wir vergessen und aus Versehen schluckt man so was ganz bestimmt nicht“, sagte der Doc, während er seine irritierende Brille abnahm. „Dieses Gift kommt in Europa praktisch nicht mehr vor. Es wird in Südamerika zur Jagd verwendet und aus den Blättern von Lianen gewonnen. Das Mädchen hat das Zeug sicher nicht besessen, aber das ist ja euer Job.“

„In Belgien gibt es das überhaupt nicht?“ De Coster schüttelte weise den Kopf. „Offiziell jedenfalls nicht mehr.“ „Was heißt nicht mehr?“ „Curare ist Anfang des 20. Jahrhunderts in Krankenhäusern bei verschiedenen Krankheitssymptomen eingesetzt worden, unter anderem bei Tollwut und Epilepsie. Heute ist Curare im Prinzip überflüssig, es wird durch synthetische Stoffe ersetzt.“

Die Polizisten wurden unruhig. Deflandre wippte auf seinem Stuhl herum wie ein unkonzentrierter Schuljunge. „So ein Mädchen zu vergiften, das ist echt krank.“ Van den Berg dachte nach. „Was für ein Mensch tut so was?“ De Coster setzte wieder sein wichtiges Gesicht auf. „Das Gift ist gespritzt worden, genauer gesagt in den linken Arm. Im Verdauungstrakt hätte es keinen allzu großen Schaden angerichtet, in der Blutbahn ist es allerdings absolut tödlich.“ Die beiden Cops schauten sich fragend an. „Welche Menge braucht man?“, raunte van den Berg ungeduldig. „Das kommt ganz darauf an. Bei unserem Mädchen dürften 30 Milligramm ausgereicht haben. Freiwillig nimmt so was niemand, selbst dann nicht, wenn man sich umbringen will. Curare bewirkt Atemstillstand – ein widerlicher Tod.“ De Coster mimte theatralisch einen Sterbenden. Van den Berg verzog sein Gesicht. Die zynische Art des Pathologen kotzte ihn an. „Noch etwas: Das Mädchen hatte Sex, unmittelbar vor dem Tod.“ „Was heißt das?“, fragte der Kommissar gespannt. „Längstens eine Stunde vor dem Exitus – das Sperma hat es uns verraten.“ Van den Berg kräuselte die Nase, dann fiel ihm noch etwas ein. „Was ist mit diesem Brandzeichen? Kannst du sagen, wie lange sie das Ding schon auf dem Pelz hat?“ „Frisch ist das hübsche Stück nicht - ich bin sicher, die Süße hatte das schon ein paar Jahre drauf.“ Van den Berg kratzte sich den Hinterkopf. „Womit ist es gemacht worden?“ „Sieht mir ganz nach einem stinknormalen Brandeisen aus. Ich habe so was schon mal bei einem Rindviech gesehen, das hat genauso schick ausgeschaut. Aber ich checke das natürlich gerne für dich“, sagte der Pathologe grinsend.

Es konnte dauern, bis die Identität der Toten klar war, das Mädchen trug keinerlei Dokumente bei sich. „Wir müssen herausfinden, wer sie ist und die Kirche überprüfen“, sagte van den Berg, während er Deflandre herausfordernd anblickte. Die beiden rasten zur Kathedrale. Die Polizei hatte das Bauwerk bereits weiträumig abgeriegelt. Die mächtigen Säulen der gotischen Kirche beeindruckten den Kommissar, ihm fiel auf, dass Stühle aus Plastik aufgestellt worden waren, die er noch nie dort gesehen hatte. Die Spurensucher der Polizei untersuchten jeden Zentimeter Boden, um etwas Brauchbares zu finden. Sie suchten in der Kirche und draußen davor. Paul Renquin war der Leiter der Spürnasen - van den Berg kannte ihn seit Jahren. „Das ist eine Scheißarbeit hier“, rief Renquin zum Kommissar herüber. „Dann lohnt es sich wenigstens. Du liebst doch Herausforderungen“, erwiderte der giftig. „In der Kirche haben wir bislang nichts Auffälliges gefunden. Draußen gibt es einen Haufen Fußspuren, aber in diesem Matsch sind die nicht zu gebrauchen“, meinte Renquin schulterzuckend.

Van den Berg hätte das Gutachten der Autopsie am liebsten in die Ecke gepfeffert, aber er beherrschte sich. Als er an die letzten Minuten des Mädchens dachte, hielt er einen Moment inne. Er versuchte, die Höllenqualen nachzuempfinden, die das Mädchen in den letzten Minuten seines Lebens durchmachen musste. Er sah ein, dass das völlig unmöglich war.

Van den Bergs Wut war jetzt so groß, dass sie ihn zu zerreißen drohte. Er empfand nicht nur einen tiefen Hass für den Mörder des Mädchens, auch die Trennung von Marie arbeitete in ihm.

Sie hatte die Beziehung von heute auf morgen beendet, ihm Egoismus und Gefühllosigkeit vorgeworfen. Wie lächerlich! Sie hatten doch ständig über ihre Probleme diskutiert, stundenlang gestritten und Giftpfeile aufeinander abgefeuert. Inzwischen wusste er, dass er viel Zeit verschwendet hatte.

Die Spurensuche in der Kathedrale und in dem kleinen Park brachte die Ermittler nicht weiter. Van den Bergs Laune verschlechterte sich zusehends. Geduld zählte nicht gerade zu seinen Stärken, aber er ahnte, dass er die für diesen Fall brauchte. Solange der Todeszeitpunkt nicht feststand, war es schwierig, den Mord zu rekonstruieren, zumal sie nichts über das Mädchen wussten. Noch nicht einmal ihren Namen.

De Coster platzte ohne Vorwarnung in van den Bergs Zimmer. „Marc, ich habe die Fotos von den Beißerchen dabei.“ Van den Berg schaute gespannt auf. „Es dürfte aber schwer werden, über den Zahnarzt an ihre Identität zu kommen. Alles tadellos in Ordnung, keine Füllungen oder sonst was.“ De Coster schlug grußlos die Tür hinter sich zu und verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Was bringt uns das jetzt?“, rief der Kommissar De Coster hinterher, der nicht mehr reagierte.

„Habt ihr die Vermisstenlisten durchgekämmt?“, fragte der Kommissar unwirsch, als er in das Büro seines Kollegen trat. Deflandre kramte in dem wirren Stapel Papier, der sich auf seinem Schreibtisch türmte. „Wir haben in den letzten Wochen zwei Anzeigen rein bekommen. Ein junges Mädchen - die ist nach der Disko nicht nach Hause gekommen und da ist noch ein Student, nach einem Ausflug an die Küste verschwunden.“ „Den Studenten können wir schon mal vergessen.“ „Das Diskomädchen wohl auch“, ergänzte Deflandre. „Sie ist zu jung.“ „Und da ist noch dieser Metzger - der hat seine Tochter als vermisst gemeldet- allerdings schon vor fünf Jahren. Das Mädchen hat auf dem Foto eine ziemliche Ähnlichkeit mit der Süßen.“ Van den Berg trommelte mit den Fäusten euphorisch auf den Tisch. Er hoffte, dass jetzt etwas Licht in den mysteriösen Fall kommen würde. „Sie heißt Catherine Bouvier. Der Vater ist 38 Jahre alt, die Mutter ist 40. Die beiden betreiben zusammen eine Metzgerei“, klärte Deflandre auf. „Ich glaube, die sollten wir gleich mal besuchen. Wo wohnen die Herrschaften denn?“ „In Anderlecht, gleich hinter dem Stadion.“

Van den Bergs Augen glänzten. „Da bin ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gewesen“, meinte der Kommissar, der wusste, dass der Royal Sporting Club Anderlecht einst eine echte Größe im europäischen Fußball gewesen war. Schon lange war der Klub nur noch in der belgischen Jupiler League topp.

Hugo war pünktlich. Sie trafen sich immer auf derselben Bank an dem kleinen See gegenüber dem Café Belga. Der andere nannte sich Jorge - sie sprachen spanisch. Der Mann war von imposanter Statur und überaus muskulös, was selbst sein weit geschnittener beiger Pullover nicht versteckte. Das dunkle lockige Haar hatte der Riese mit Gel nach hinten gekämmt. Der Spanier schaute düster drein, seine Augen sahen unheimlich aus. Erst als ihm Hugo das Papier mit den Namen reichte, lächelte er.

Eine Frau in einem schmierigen, abgewetzten Kittel öffnete dem Beamten die Tür. Sie wirkte wie fünfzig und war auffallend fett. „Ihr seid Bullen, nicht wahr? Ihr hättet ruhig mal anrufen können, anstatt einfach so aufzukreuzen“, zischte die Alte resolut. Van den Berg war kurz davor, zu einem verbalen Konter anzusetzen, hielt es aber für besser, die Atmosphäre nicht gleich aufzuheizen. „Madame Bouvier, richtig? Dürfen wir reinkommen?“ fragte er mit aufgesetzter Höflichkeit. Die Frau führte die Polizisten wortlos ins Wohnzimmer. Dem Kommissar fiel auf, dass die braunen lockigen Haare der Frau ziemlich fettig waren und unangenehm rochen. Auf dem rustikalen Eichentisch stand eine beige Plastikkanne, die einige Risse hatte, mit Kaffee. Die Frau stellte ein paar Kunststoffbecher in der gleichen Farbe dazu. „Bedient euch!“ Der Kommissar verzichtete und bedachte das Angebot mit einem angedeuteten Nicken. „Wir haben ein totes Mädchen gefunden.“

Die Frau setzte sich auf einen der speckigen Sessel, während sie die Polizisten irritiert anschaute. „Ist das Ihre Tochter?“ Das Foto zeigte das tote Mädchen vor der Kathedrale. Die Frau starrte auf das Bild, ihre Lippen begannen zu zittern. Erst nach einigen Sekunden nickte sie zaghaft. „Das ist sie!“, stammelte die Frau kaum hörbar. „Es tut mir sehr leid“, meinte van den Berg. Ihm wurde jedes Mal schlecht, wenn er diese Floskel benutzte. Die Polizisten gingen zum Fenster – die Frau sollte einen Moment für sich allein haben. Van den Berg war klar, dass das Überbringen von Todesnachrichten nicht zu seinen Stärken zählte. Er musste sich zusammenreißen, um bei der Befragung nicht allzu schroff rüber zu kommen. „Ist ihr Mann zu Hause?“, fragte er ruhig. „Er ist was einkaufen. Er kommt sicher bald.“ Während die Metzgerin antwortete, wich sie van den Bergs Blick aus – ihre Augen waren auf ein Hirschgeweih gerichtet, das ihr gegenüber von der Wand herabhing. „Ihre Tochter ist seit fünf Jahren verschwunden gewesen. Wir müssen das leider noch einmal in allen Einzelheiten durchkauen“. „Was bringt das jetzt noch? Das habe ich doch schon tausend Mal erzählt“, murmelte die Frau, so als sprach sie mit sich selbst.

„Wir suchen den Mörder ihrer Tochter. Möchten sie, dass der Typ da draußen noch mehr Mädchen umbringt?“, entfuhr es van den Berg. Im gleichen Moment tat ihm sein gereizter Tonfall schon leid. „Ich habe ihr am Abend noch ein Stück Blutwurst rauf gebracht. Es muss kurz nach sieben gewesen sein. Wir hatten gerade den Laden zugemacht.“ Van den Berg wunderte sich über die präzisen Angaben der Frau zu Alltäglichkeiten, die so lange zurücklagen. „Und weiter?“ „Was soll ich ihnen erzählen? Wir haben nicht viel miteinander gesprochen.“

„Ist sie öfters nachts weggeblieben?“ „Fragen sie besser, wann die mal zu Hause war. Morgens ist sie immer zurück gewesen und hat gearbeitet“, erklärte die Frau mit tonloser Stimme.

„Catherine wäre jetzt 20, richtig?“ „Ja. Sie hat schon immer gemacht, was sie wollte. Ist mir auch egal gewesen. Solange sie nur im Laden mit angepackt hat.“ „Wohin ist sie gegangen, nachts?“ „Woher soll ich das wissen? Meinen sie, darüber hat sie gesprochen?“ In diesem Moment glaubte van den Berg eine Reaktion bemerkt zu haben, ein ganz leichtes Zucken der Mundwinkel, eine kaum merkliche Unsicherheit.

„Haben sie ein Foto von ihr?“ Die Frau nahm einen vergoldeten Bilderrahmen aus der Vitrine. „Wir haben es vor fünf Jahren aufgenommen, kurz bevor sie verschwunden ist. Das Geschäft ist damals 100 Jahre alt geworden“, sagte die Frau, die endlich anfing zu weinen. Einige Minuten hatte sie es geschafft, ihre Gefühle in Schach zu halten – jetzt schienen alle Dämme zu brechen.

„Macht es ihnen etwas aus, uns Catherines Zimmer zu zeigen?“ Die Frau reagierte erst nach einer gefühlten Ewigkeit, dann blickten ihre verheulten Augen zum Kommissar. „Was wollen sie da sehen? Es ist ein einziger Saustall, das kann ich ihnen sagen. Aber wie sie wollen!“ Ihre Stimme hatte sich verändert – sie klang jetzt geradezu energisch.

Zu dritt stiegen sie die morsche Holztreppe in den zweiten Stock des Hauses, das insgesamt einen maroden Eindruck machte. Die Frau hatte nicht übertrieben. Das Zimmer sah alles andere als einladend aus. Auf dem Sofa lagen abgetragene Jeans und Pullover, auf dem Fußboden waren zerrissene Jugendzeitschriften verstreut. Der Tisch war aus Kunststoff und verdreckt, im Zimmer lag ein fauliger Geruch, obwohl die Fenster auf Kippe standen.

Van den Berg wunderte sich darüber, dass die Mutter in den Jahren nicht auf die Idee gekommen war, das Chaos aufzuräumen. Der Kommissar blickte auf den Schreibtisch, der so gar nicht zum Rest der schäbigen Einrichtung passte. Er war aus Teakholz gefertigt und wirkte als einziges Möbelstück im Raum hochwertig. „Hübscher Tisch“, nuschelte der Kommissar. „Ich weiß nicht, woher sie den hat. Irgendwann stand er hier.“

Die Frau strich sich mit dem Zeigefinger über die Nase. Van den Berg blickte in den Kunststoffspiegel an der hinteren Wand und kontrollierte den Sitz seiner Haare – er stellte fest, dass sie noch immer ein wenig abstanden. „Guck mal hier“, rief Deflandre triumphierend, „ein paar Stadtpläne, da ist einiges eingezeichnet. Scheinen Nachtclubs zu sein.“ „Können wir die mitnehmen?“ Die Frau ignorierte die Frage zuerst, dann machte sie eine Handbewegung, die Zustimmung signalisieren sollte.

Van den Berg hörte, wie unten die Haustür ins Schloss fiel. Er schaute hellwach zu seinem Partner. Pascal Bouvier war nach Hause gekommen. Der Mann sah so aus, wie so viele Metzger, die der Kommissar kennengelernt hatte – kräftig und grob. Der Fleischer entlarvte die Besucher gleich als Polizisten. „Habt ihr meine Tochter endlich gefunden?“, fragte er unwirsch. Van den Berg blickte sein Gegenüber prüfend an. „Wir haben ein totes Mädchen gefunden und nehmen an, dass es sich um ihre Tochter handelt.“ Der Metzger ließ sich wie ein nasser Sack auf das alte, fleckige Wohnzimmersofa fallen.

Der massige Mann weinte hemmungslos, als er das Foto seiner Tochter betrachtete. „Herr Bouvier, ich verstehe, wie ihnen zumute ist. Wir müssen sie allerdings bitten, mit uns zu kommen. Wir müssen Klarheit haben, ob das Mädchen tatsächlich Ihre Tochter ist.“ Der Metzger hörte abrupt auf zu weinen – jetzt schwieg er.

Deflandre wandte sich noch einmal an die Frau, die geistesabwesend auf dem Sofa saß. „Wir hätten gerne noch die Adresse von Catherines Zahnarzt, nur zur Sicherheit.“ Der Blick der Frau war jetzt teilnahmslos, sie verzichtete auf Nachfragen. Die Polizisten sollten einfach nur verschwinden. Die Metzgerin hatte eine Abneigung gegen die Staatsmacht. In diesem Moment wollte sie erst recht keine Schnüffler um sich haben. Die Frau kritzelte eilig etwas auf ein Stück Papier und reichte es dem jungen Polizisten. Deflandre packte noch eine Haarbürste aus dem Kinderzimmer in den Plastikbeutel.

„Bingo!“, flüsterte Deflandre seinem Partner ins Ohr, während der Metzger hinten ins Auto stieg. Wenn van den Berg Opfer identifizieren ließ, wurden normalerweise zunächst zahntechnische Untersuchungen angestellt. Sie hatten gegenüber DNA-Analysen den Vorteil, kostengünstig zu sein. Van den Berg schätzte vor allem, dass er die Ergebnisse deutlich schneller in die Hände bekam. Aber in diesem Fall bekamen sie auch so schnell Gewissheit. Den Zahnarzt würden sie nicht brauchen.

Pascal Bouvier nickte kurz, als er das Gesicht des Mädchens betrachtete. Weinend stürzte sich der Dicke auf das tote Mädchen und legte seine fleischigen Arme um sie. Im gleichen Moment packten ihn die beiden Polizisten an der Jacke und zogen ihn zurück. Sie mussten all ihre Kräfte mobilisieren, um den bulligen Mann stemmen zu können. „Das geht nicht“, rief van den Berg streng. „Herr Bouvier, ihre Tochter hat hier ein sogenanntes Brandmal. Ich nehme an, dass Catherine das vor ihrem Verschwinden noch nicht hatte“, sagte der Kommissar. „Der Fleischer verzog angewidert die Mundwinkel, als er die Stelle betrachtete. „Nein!“ Der Fleischer verlor die Kontrolle. „Das Zeichen enthält eine 8. Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Catherine und dieser Zahl?“ „Was weiß ich?“, polterte der Metzger, dem nicht der Sinn danach stand, irgendwelche Bullen-Fragen zu beantworten.

Den Kommissaren war klar, dass sie schlechte Karten hatten. Das Einzige, das sie bislang wussten, war die Identität der Toten. Ihr Name war Catherine Bouvier, daran gab es wenigstens keinerlei Zweifel mehr.

Der öffentliche Druck ging van den Berg bereits gehörig auf die Nerven. Die Massenmedien stürzten sich begierig auf den Fall und bombardierten die Pressestelle des Präsidiums pausenlos mit Anfragen. Wäre es nach van den Berg gegangen, dann hätte er die Ermittlungen ganz allein mit Deflandre geführt. Doch Staatsanwalt Jean Pierre Vermeulen bestand darauf, eine Sonderkommission zu bilden - der öffentliche Druck machte das unumgänglich.

Van den Berg blickte aus seinem Wohnzimmer auf die Kirche, deren Schlichtheit ihn beruhigte, wenn er aufgewühlt war. Aber in diesem Moment konnte ihn nichts besänftigen. Er war es gewohnt, dass sein Leben perfekt lief und dass er alles unter Kontrolle hatte. Den Einfluss auf Marie hatte er völlig verloren und auch der Fall lag in dichtem Nebel. Spontan beschloss er, seine Ex anzurufen. Sie klang verschlafen, als sie sich meldete. Er wartete eine Sekunde mit der Antwort. „Ich bin’s, Marc.“ Marie schien überrascht. „Du bist es … Was willst du?“, fragte sie genervt. „Mit dir reden.“ „Ich weiß nicht, ob es noch Sinn macht“, erwiderte sie gelangweilt. Jetzt musste er sich ins Zeug legen. „Ich verlange gar nicht, dass du mir noch eine Chance gibst. Ich möchte nur, dass du mich anhörst.“ „Nur zu, ich spreche ja mit dir.“ „Ich möchte dich sehen, du weißt, dass wir nie gut miteinander telefonieren konnten.“

Der Kommissar musste sich mächtig anstrengen, um sanft genug zu wirken. „Ich lade dich ein ins Café Leffe am Grand Sablon.“ Mit ihrem Lieblingslokal traf er den Nerv. „Vielleicht hast du recht und wir sollten wirklich mal reden, aber mach dir keine Hoffnungen.“ „Sagen wir heute Abend um acht?“ „Okay!“

Van den Berg kam mit einem Strauß dunkelroter Rosen, er trug ein weißes Hemd, das er leger aufgeknöpft trug, darüber ein granitfarbenes Jackett von Versace. Marie präsentierte sich ganz anders als sonst, nämlich ungeschminkt und im grauen Strickpulli. Der Kommissar lachte ausgelassen und umarmte sie so innig, als sei alles in Butter. Sie bestellten Bier und herzhafte Speckröllchen. Wären sie in allem so ähnlich, wie in ihren kulinarischen Vorlieben, dann hätten sie kaum Probleme gehabt, dachte sich van den Berg, der sich Mühe gab, das Gespräch anzukurbeln.

„Ich habe dich vermisst“, sagte er entschlossen. Marie sah ihn überrascht an, bevor sie ihn mit einem Wortschwall überschüttete. „Ist dir klar, dass es so nicht weitergehen konnte? Hast du mal überlegt, wann wir in letzter Zeit mal zusammen waren? Ich habe ja kapiert, dass du mit deinem Job verheiratet bist. Aber du musstest ja ständig auf deine bescheuerte Rennbahn, und wenn du bei mir warst, ich weiß nicht, an was du da gedacht hast. Weißt du, ich bin einfach nicht mehr an dich rangekommen. Ich habe dir so oft gesagt: Ändere was! Und was kam von dir? Immer nur die gleichen Floskeln! Ich habe das Gefühl, dass ich in deinem Leben nicht mehr wichtig bin.“ Wenn Marie sich einmal in Rage geredet hatte, war sie nur schwer zu stoppen – er begriff, dass sie jedes ihrer Worte ernst meinte. „Das stimmt doch alles nicht“, konterte der Kommissar unwirsch.

„Ich habe dich ins Theater eingeladen, wir sind ans Meer gefahren, ich habe dir Blumen geschenkt.“ Marie musste lachen. „Natürlich hast du das, aber versteh doch! Darum geht es mir nicht. Ich brauche echt keinen Mann, der mich einlädt, der mich beschenkt – ich will einen, der für mich da ist, der Zeit investiert und der zuhört.“ „Du weißt, dass du einen wie mich nicht mehr finden wirst“, sagte der Kommissar ganz cool. „Denke an unsere Pläne – wir wollten Kinder, erinnerst du dich? Ist es dafür zu spät?“

Van den Berg glaubte, dass er Marie umstimmen konnte, auch wenn sie es war, die redete. Er hatte sich vorgenommen, nicht ausfallend zu werden, sich ihre Kritik anzuhören und sachlich darauf zu reagieren. Er wusste, dass er keinen Fehler machen durfte. Als das Essen kam, brach die Unterhaltung ab. Marie konzentrierte sich ganz auf die Speckröllchen, die sie in den großen Stücken in den Mund schob.

Nach dem Essen gähnte sie, um ihm klarzumachen, dass sie nach Hause wollte. Van den Berg spürte, dass es besser war, jetzt zu schweigen. Beim Verabschieden lachten sie. Der Kommissar war sich sicher, dass ihm Marie schon bald wieder aus der Hand fressen würde.

3

Ein Dutzend Polizisten waren in der Sondereinheit. Van den Berg hatte nicht die leiseste Absicht, die Kollegen bis ins letzte Detail in seine Kenntnisse und Pläne einzuweihen. Selbst Deflandre nicht, der sein engster Partner war. Und Vermeulen würde auch nur das zu hören bekommen, war er preisgeben wollte. Van den Berg wusste um sein Image als Einzelkämpfer und das war ihm herzlich egal. Deflandre war der Einzige, dem er vertraute. Manchmal brauchte er ihn, denn es gab Dinge, die nicht einmal van den Berg allein schaffen konnte.

Ich muss Nicole anrufen, dachte van den Berg und griff im gleichen Augenblick zum Hörer. Sie nahm nicht ab - der Kommissar sprach ihr ein paar verbindliche Sätze auf die Mailbox. Nicole Vandereycken hatte bereits einen exzellenten Ruf als Polizeipsychologin, obwohl sie erst 27 war. Es war fast genau ein Jahr her, dass sie zusammen mit van den Berg einen Ritualmord aufklärte, der das ganze Land in Atem hielt. Sie hatten eine 17-jährige in der Badewanne gefunden, der man die Zunge herausgeschnitten hatte. Van den Berg hatte sich in verschiedenen Sackgassen festgerannt.

Seinen Entschluss, eine Psychologin hinzuzuziehen, hatte er spontan gefasst und weil er nicht weiterkam. Nicole hatte keinen Schimmer von Polizeiarbeit, aber sie war klug - das hatte van den Berg schnell verstanden. Nicole war unvoreingenommen, dachte nicht in Konventionen, und sie war radikal. Die Psychologin legte los wie eine Dampfwalze, sie verdächtige jeden im Dunstkreis des toten Mädchens, die beste Schulfreundin, die Eltern, sogar die Großmutter. Die gesamte Verwandtschaft des Opfers war einem gnadenlosen Kreuzverhör ausgesetzt. Der Vater des Mädchens hatte einen Wutanfall bekommen, die Großmutter war in Tränen ausgebrochen, als sie begriffen, dass man ihnen den Mord zutraute.