Katerminator - Kerstin Fielstedde - E-Book

Katerminator E-Book

Kerstin Fielstedde

5,0

Beschreibung

Nach einer spektakulären Befreiungsmission verfolgen bewaffnete Jäger der Tierversuchsanstalt das iCats-Team. Die Truppe findet Unterschlupf bei der strenggläubigen Freimaunzer Sekte, die von Djann Dark angeführt wird. Die als Göttin verehrte Leitkatze schmiedet dort ihre ganz eigenen finsteren Pläne. Kater Ian und Ziehsohn Schneuzi riechen den Braten und türmen heimlich. Prompt geraten sie in die Fänge der NSA, den Bluthunden der Nachtragendsten Schnüffler Amerikas. Das restliche iCats-Team nimmt den Kampf auf. Kann es die Kater vor brutalsten Verhörmethoden retten?

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Kerstin Fielstedde beendete ihr Design-Studium an der FH Münster mit Auszeichnung und arbeitete als Art- und Kreativ-Direktorin. Nach leitender Funktion in drei Werbeagenturen wagte sie 1994 mit ihrer eigenen Agentur, profiel Werbemanagement, den Schritt in die Selbstständigkeit. Seit 2014 ist sie zudem geschäftsführende Gesellschafterin des profiel Instituts für identitätsbasierte Markenführung in Bremen. Sechs Monate nachdem sie und ihr Mann Katzenzuwachs bekommen hatten, begann sie, inspiriert von Ian und Indy, ihren ersten Krimi »Kamikatze« zu entwickeln. Weitere Infos zur Autorin und den Katzenhelden Indy und Ian finden Sie auf www.icats.de.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2019 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Lilla Varhelyi und Kerstin Fielstedde

Umschlagmotiv: Nina Schäfer

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Lektorat: Marit Obsen

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-9604-1450-6

Ein Katz und Maus Krimi

Originalausgabe

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Die besten Entdeckungsreisen macht man, indem man die Welt mit anderen Augen betrachtet.

Marcel Proust

1

KATERJAMMER

»Leck weiter, bitte«, flüsterte Maxim heiser, »hör nicht auf, Indy.« Er spürte, wie seine Kräfte ihn schnell wieder verließen. Der schneeweiße Norwegerkater lag niedergestreckt auf dem von erstem Raureif überzogenen Boden des Berliner Grunewalds. Sein Blut, das Boden und Fell dunkel gefärbt hatte, wirkte fast schwarz im Licht des aufgehenden Vollmonds. Die Kugel des Heckenschützen hatte ihn kalt erwischt.

Maxim wusste nicht, wie lange er hier gelegen hatte, bewusstlos, allein. Doch als er die Augen aufschlug, waren seine Freunde da gewesen. In einem Halbkreis standen sie um ihn herum. Und Indy, seine Angebetete, seine Göttin, leckte ihm über das Ohr. Welcher Kater konnte sich einen besseren Abgang wünschen? Er wusste, es war so weit. So wie jetzt musste es sich anfühlen, wenn es über die große Regenbogenbrücke ging.

Kraftlos fiel seine rechte Vorderpfote zu Boden. Ein letztes Mal atmete er tief ein und aus. In der abendlichen Kälte bildete sich dabei eine zarte Atemwolke direkt vor seiner Schnauze, und Maxim sah ermattet zu, wie sie langsam nach oben stieg und sich auflöste. Seine Seele verließ den Körper. Die Weissagung des sächsischen Orakels, am Ende fiele ein Schuss, galt ihm – und jetzt war Schluss!

Indy sah dem von Straßenkämpfen narbenübersäten Albino tief in seine roten Augen und schwieg. Sie dachte an die Ausbildung beim Katzengeheimbund KGB, sammelte sich, beurteilte die Lage neu und strich mit der Pfote über ihre Lider. Dann gewährte sie dem Norweger den letzten Wunsch. Mit rauer Zunge leckte sie an seinem Ohr. Der vermeintlich Todgeweihte schloss die Lider, seufzte schwer und …

»Autsch, was soll das?« Vor Schreck riss Maxim die Augen weit auf. Seine Angebetete hatte ihn mit voller Kraft ins Ohr gebissen!

»Stell dich nicht so an, du Weichei!«, knurrte Indy wenig mitfühlend. »Der Scharfschütze hat dein absolut unwichtigstes Körperteil getroffen. An einem Schwanzschuss ist noch keiner gestorben. Und jetzt hoch mit dir, oder es kracht gleich noch mal!« Drohend hob die Maine-Coon-Katze die gespreizten Krallen, bereit zum Zuschlagen. »Der Feind ist im Anmarsch. Deine Wehwehchen kosten uns wertvolle Zeit. Wir müssen weiter!«

Ian, Indys Bruder und Maxims bester Freund, atmete erleichtert auf, als der Kater sich folgsam aufrappelte. Falscher Alarm. Puh! Ausnahmsweise hatte es den Stärksten aus der Truppe erwischt. Sonst war er es, der dauernd zusammenklappte – wegen seiner Schlafkrankheit. Aber wieder einmal waren sie, der Katzengöttin sei Dank, mit dem Schrecken davongekommen. Das hieß, noch nicht ganz. Indy hatte recht, sie mussten schleunigst weiter und sich vor ihren Häschern in Sicherheit bringen. Nur wo? Lange würde er das nicht mehr durchhalten. Die gnadenlose Hetze machte ihn fertig. Er brauchte schleunigst eine Rast.

Da! Ganz in der Nähe war ein Knacken zu hören. Etwas bewegte sich im Wald. Ian spitzte die Ohren mit den langen Luchspinseln und drehte sie zur Peilung dem Geräusch entgegen. Dann war er sicher: Es schlich sich jemand an. Mehrere. Die Gefahr war noch nicht vorüber.

Aufmerksam musterte er die kleine Lichtung, auf der sie standen. Ians überreizte Sinne schufen ein Bild des Horrors. Sein Freund sah aus wie eine schlampig verbundene Mumie, das Fell vom Schwanz bis zu den Pfoten mit dunklen, blutverkrusteten Stellen gesprenkelt. Ein Schwarm gelber Vampir-Schmetterlinge übersäte den Körper.

Wie bitte? Vampir-Schmetterlinge? Hatte er wieder eine Vision? Verwirrt schüttelte Ian den Kopf. Dann sah er klarer. Nein. Das waren nur die Schleifchen am Ende der gelben Chiffonstreifen, mit denen sie notdürftig Maxims Verletzungen aus dem Kampf mit dem Killerpudel versorgt hatten. Rundherum strahlte das Fell des Albinos hell im Licht des Monds.

Das ging nicht! Diese vierbeinige Leuchtboje war meilenweit sichtbar! Und damit alle, die sich in seinem Dunstkreis befanden. Hatten die Verfolger sie bereits entdeckt? Ian fing den Blick seiner Schwester auf und ahnte, was sie dachte. Ohne ihn und Adoptivsohn Schneuzi wäre sie schon längst verschwunden. Auch mit angeknacksten Rippen rannte die schnellste Läuferin von Berlin ratzkatz über alle Berge. Früher jedenfalls, als sie noch Single war. Jetzt trug die Mama wider Willen Verantwortung für einen kleinen Kater. Der struppige Ziehsohn mit Brechdurchfall hing an ihr wie eine Klette, seit sie mit ihm aus dem Tierversuchslabor entkommen war.

Ian mochte keine Katerwelpen. Jungs wurden schnell groß und spielten sich auf. Taten so, als ob ihnen das Revier gehörte. Und dieser hier war obendrein ziemlich hässlich. Er besaß viel zu große Pfoten und eine seltsam lange Schnauze. Angewidert schüttelte Ian die Vorderpfote. Was hatte seine Schwester sich bloß dabei gedacht?

»Wir müssen eine Zuflucht finden, sonst enden wir als Hundefutter«, ermahnte Indy ihn und die anderen. »Die Jäger werden gleich hier sein.«

Betretenes Schweigen war die Folge. Niemand kannte sich in dieser Gegend aus. Bis auf Kilo Foxtrott, ihren Luftaufklärer. Zögernd hob der Spatz seinen unverletzten Flügel. »Es gibt ein Versteck nicht weit von here.«

Wenn er nicht aufpasste, rutschten Kilo Foxtrott wegen seiner afrikanischen Abstammung beim Reden immer noch ein paar Englischbrocken heraus. Nervös räusperte er sich. »Ich kenne ein Camp ganz in der Nähe. Musste den Bewohnern damals schwören, den Standort niemals zu verraten, beim Leben meiner Kinder.« Er seufzte traurig. »Jetzt sind sie tot. Gefressen in Simbabwe.« Traurig sah er gen Himmel. »Aber ich schweife ab. Was ich sagen wollte: Der Ort ist streng geheim. Er liegt ganz oben in den Bäumen und ist nur aus der Luft zu sehen. Dort lebt ein religiöser Katzenclan. Oder vielleicht muss man eher sagen, eine von diesen In-Sekten … Haha, der ist gut, muss ich mir merken«, kicherte er nervös in seine Federn. »Egal. Ihr werdet sehen, was ich meine, wenn ihr Hunger kriegt. Diese Typen sind sehr … ähm, sagen wir … speziell. Und fremdenfeindlich. Yup. Mit ein bisschen Glück werden wir einfach ignoriert – oder abgemurkst, wie Tontauben auf dem Schießstand.«

Das war Maxims Stichwort! »Ich möchte nur mal dran erinnern, dass man heute schon einmal auf mich geballert hat. Ich bin fix und fertig und blute wie ein Schwein. Mein Schwanz hat gebrannt, bevor er zerschossen wurde. Das tut echt weh! Und jetzt schmerzt auch noch mein Ohr. Bei meinem Glück wird es sich garantiert entzünden.«

Keiner der Anwesenden zuckte auch nur mit der Wimper. Minensuchratte Xplode ließ ein leises »Pffft« hören, während Hundeagent Honeyball damit begann, sich ausgiebig hinter dem Ohr zu kratzen. Regenwurm Dreipunkteins zog sich flink in den Anhänger zurück, den der Papillon am Halsband trug, um nicht herausgeschüttelt zu werden.

»All das halte ich nur aus, weil ich hart im Nehmen bin«, fügte Maxim theatralisch hinzu.

Indy verdrehte die Augen. Es juckte sie, gleich noch einmal ordentlich zuzubeißen.

»Schsch. Was war das?« Ian stellte die Ohren auf und lauschte.

Jetzt vernahm Indy das Geräusch ebenfalls. Ganz nah. Ein Ast brach dumpf unter dem schweren Gewicht eines Menschen. Fast klang es wie der Schuss aus einer Pistole mit Schalldämpfer. »Hört ihr das? Zweibeine!«, maunzte sie. »Die Spezialeinheit aus der Tierversuchsanstalt ist hier. Lauft, so schnell ihr könnt, bevor sie uns entdecken!«

ERINNERUNGEN

Für die Katzenagentin ging alles viel zu langsam. Das war beileibe keine Flucht, eher ein Schneckenrennen. Kilo Foxtrott saß auf Honeyballs Rücken, um seinen verletzten Flügel zu schonen. So verlangsamte er das Tempo nicht. Doch Ian stützte den angeschlagenen Maxim. Gemeinsam torkelten sie durch den abendlichen Wald, nach hinten und zu den Seiten abgesichert von Honeyball, Xplode und Schneuzi. Immer wieder lief Indy ein Stück voraus. Dann wartete sie schwanzschlagend auf die Truppe.

»Mama, wie weit ist es noch?«, fragte Schneuzi. »Ich muss mal!«

Sie seufzte. So eine Kinderkacke. Der Brechdurchfall war hartnäckig. Als Mutter musste sie sich darum kümmern. »Gleich sind wir da, Schneuzi. Still jetzt! Sonst hören dich die Jäger.«

Die Maine Coon wollte die ruhigen Minuten ihrer Flucht nutzen, um nachzudenken. Im Moment war sie ziemlich klar im Kopf. Ein gutes, wenngleich seltenes Gefühl. Noch immer wüteten in ihrem Hirn die Drogen, die man ihr bei den Tierversuchen verabreicht hatte. Sie musste dringend etwas Ordnung in das Durcheinander bringen. Indy holte tief Luft. Alles war anders als noch vor ein paar Tagen. Wie war es nur so weit gekommen, dass Menschen, ihre erklärten Freunde, auf sie schossen?

Die Agentin erinnerte sich, dass sie im Auftrag des Katzengeheimbundes nach ihrem Kollegen Bondy gefahndet hatte. Im Berliner Finanzministerium für Liegenschaften und offizielle Prachtbauten, kurz »FLoP« genannt, war sie den Machenschaften von Maulwurf Sumo auf die Spur gekommen. Eher zufällig hatte sie dessen Drogendeals und Großbauskandale aufgedeckt. Ein heißes Eisen, wie sich herausstellte. Um zu verhindern, dass Indy seine Pläne verriet, hatte ihr der König der Unterwelt die Kanalratten auf den Hals gehetzt. Unerwartet erfolgreich. Indy sträubte sich das Fell, als sie daran dachte. Die Nager hatten sie betäubt und auf Nimmerwiedersehen in die Tierversuchsanstalt verschleppt. Als Versuchskaninchen. Sie versuchte, sich im Detail an die Geschehnisse dort zu erinnern, doch die Gedächtnislücken waren zu groß. Sie hatte alles, was mit ihrem Auftrag zusammenhing, sicher in ihrem Langzeitgedächtnis abgespeichert. Darauf war sie in der Ausbildung wieder und wieder gedrillt worden, das saß. Nur das Drumherum machte ihr zu schaffen. Was war passiert, und wie war sie genau entkommen? Als sie es mit Schneuzi auf das Außengelände geschafft hatte, waren auf einmal ihr Bruder und seine Freunde dort gewesen, und sie hatten den wütenden Wissenschaftlern durch einen von Honeyball und Maxim gegrabenen Fluchttunnel entwischen können. Woher hatten ihre Freunde aber gewusst, wohin Sumo sie verschleppt hatte?

Sie musste ihren Bruder fragen. Indy wartete, bis er mit Maxim herangetorkelt kam. »Wie hast du mich eigentlich gefunden?«, fragte sie. Ihr Tonfall klang härter, als sie es beabsichtigte. »Du hast ein ganzes Rettungsteam auf die Pfoten gestellt, und das in deinem kranken Zustand.«

Ian hatte die heimische Wohnung wegen seiner Katerplexie, einer seltenen Schlafkrankheit, seit Jahren nicht mehr verlassen. Immerhin trug er seinen Notfallgürtel mit den für ihn überlebenswichtigen Medikamenten. Doch selbst mit dieser Ausrüstung grenzte es an ein Wunder, dass er es bis hierher geschafft hatte.

Ian sah sie müde an und erzählte kurzatmig, wie er ihren Verehrer, die berüchtigte Kreuzberger Kiezgröße Maxim, gesucht und um Hilfe gebeten hatte, wie sie sodann auf der Suche nach ihr nach und nach den anderen begegnet und mit ihnen gemeinsam in die Unterwelt bis zu Sumos Zentrale vorgedrungen waren. »Dort haben wir die Beweise für die Verbrechen des Maulwurfs auf einen USB-Stick kopiert und sind geflohen. Ich habe außerdem eine goldene SIM-Karte mitgehen lassen. Scheint aus Sumos Handy zu stammen. Da könnten wertvolle Informationen drauf sein. Seine gesamten Kontakte«, japste er. »Sie lag in seinem Privatklo, das Xplode in die Luft gejagt hatte.«

Indy legte die Ohren an und stellte die Schnurrhaare nach vorn. Volltreffer! Mit diesen Daten könnten sie vielleicht Sumos gesamtes Netzwerk aushebeln. Ein vernichtender Schlag für die Unterwelt! »Gut gemacht, Ian«, lobte sie. »Hat der Maulwurf nichts gemerkt?«

»Doch«, gab ihr Bruder zögernd zu. »Wir sind aufgeflogen, als der Daten-Kopierschutz in seiner Kommandozentrale losging. Tierischer Großalarm mit Giftgaseinsatz. Sumos Killerpudel Bruce und Lee haben uns quer durch den Untergrund gehetzt. Unter dem Tiergarten hindurch bis zum großen Abwasserfall. Es gab einen schlimmen Kampf. Lee hat Maxim fast umgebracht. Deshalb die lächerlichen gelben Verbände. Er hat stark geblutet, aus einer Vielzahl von Wunden. Irgendetwas Schreckliches muss dort auch mit mir passiert sein. Ich bin wohl völlig ausgetickt, kann mich aber an nichts erinnern. Totaler Blackout.« Ians Schwanz stand bei dem Gedanken daran steil nach oben. »Wir flohen, die Pudel kamen hinter uns her. In den Sümpfen habe ich Bruce eine Falle gestellt. Während er im Treibsand versank, hat er mir deinen Aufenthaltsort verraten. Aus Versehen.«

»Wahnsinn«, stellte Indy fest. »Und dann seid ihr mir zu Hilfe geeilt?«

Ian nickte, stützte den stolpernden Maxim und berichtete keuchend weiter. »So schnell es ging. Die letzte Hürde war die Autobahn.« Er holte tief Luft. »Es gab ein finales Gefecht mit den Pudeln, Mann gegen Mann. Kilo Foxtrott hat Lee ausgeschaltet. Der Preis war sein verstauchter Flügel. Fast hätte ihn ein Auto erwischt. Ich kümmerte mich um Bruce. Der klebt vermutlich jetzt noch am Kühlergrill des Lkws. Maxim und Honeyball sind unterdessen zur Anstalt, um den Elektrozaun kurzzuschließen. Machte am meisten Sinn. Der Norweger ist Experte für Sicherheitssysteme, wie du weißt.«

Indy nickte. Maxim galt als der vierbeinige Assange der Hackerszene. Extrem fit im Netz. Im echten Leben leider des Öfteren vom Pech verfolgt.

Verfolgt? Natürlich! Daran konnte Indy sich erinnern: Sie hatte bei ihrem Ausbruch einen oder zwei Typen in der Anstalt verletzt. Riesenameisen erledigten den Rest. Daraufhin war ein Mob von Zweibeinen aufgetaucht und hatte sie und Schneuzi einzufangen versucht. Das komplette Sicherheitspersonal jagte jetzt hinter ihr her. Aufgebracht. Bewaffnet. Schießwütig. »Die Menschen tun gerade so, als hätte ich die Maul- und Klauenseuche«, murmelte sie. »Warum diese Überreaktion?«

Indy zermarterte sich das Hirn. Die Antwort musste in der Anstalt zu finden sein. Sie wusste bloß noch, dass sie dort unter Drogen gesetzt worden war – für militärische Experimente. Es ging dabei wohl um die Optimierung von Soldaten. Seit der letzten Injektion bekam sie immer wieder Halluzinationen. Sie, die kühl und kalkuliert operierende Agentin mit der Lizenz zum Töten, griff dann aus heiterem Himmel Freund und Feind an. Es war zum Verzweifeln. Indy konnte es nicht kontrollieren – genauso wenig wie ihr kleiner Bruder seine Schlafanfälle. Fiel ständig um, wenn er sich aufregte. Besonders, seit er selbst mal für längere Zeit verschwunden gewesen war. Ein seltsamer Zufall, wenn sie es recht bedachte.

»Was läuft hier ab?«, fragte Indy ihren Bruder erregt. »Drogen. Militär. Illegale Tierversuche. Wie geht das zusammen?«

Ein Gedanke blitzte durch ihr Hirn.

»Verdammt! Soll mich doch der Pitbull holen!« Mitten auf dem Weg blieb sie stehen. Stocksteif, wie vom Donner gerührt. War das etwa die Lösung? Lag da die Verbindung?

»Bist du verrückt?«, schnauzte Schoßhund Honeyball. Fast hätte er sie über den Haufen gerannt. »Willst du ’ne Kugel in die Rippen oder was? Ich dachte, du wärst Profi?«

Der BND-Agent hatte recht, das hätte ihr nicht passieren dürfen. Als Mitglieder des Bundes Neugieriger Dobermänner waren er und sein Kollege Kilo Foxtrott ebenso spionagegeschult wie Indy, die Top-Agentin des Katzengeheimbundes. Sie musste sich zusammenreißen und in diesem Zustand besonders aufpassen. Ein einziger Fehler konnte für sie alle schlimme Folgen haben …

Mist, der Gedanke war weg.

»Keift euch später an, nicht jetzt«, rügte sie der Spatz und reckte den Hals in Richtung einiger vor ihnen liegender Baumwipfel. »Wir sind gleich da.«

Bei seinen Worten hob Maxim trotz sichtlicher Erschöpfung hoffnungsvoll den Kopf und seufzte erleichtert auf. Kilo Foxtrott hingegen runzelte die Stirn. »Freut euch bloß nicht zu früh. Die Freimaunzer sind extrem streng, was fremde Tiere und Ansichten betrifft. Das wird kein herzlicher Empfang!«

DIE FREIMAUNZER

Kilo Foxtrott sträubte die Federn. Ihn schauderte. Das würde Ärger geben, verdammt großen Ärger. Die Freimaunzer nahmen Geheimnisverrat nicht auf die leichte Schulter. Ihre größte Stärke war die Arbeit im Verborgenen. Tatsächlich wusste fast niemand, dass sie existierten. Die Katzensekte war extrem speziell. In Agentenkreisen munkelte man, dass die Fanatiker ausgebildete Katzenpsychologen einsetzten, um sich bei Menschen in Führungspositionen als Kuscheltiere und Vertraute unentbehrlich zu machen und sie nach eigenen Vorstellungen zu lenken. Dunkle Geheimnisse umrankten ihre Hohepriesterin, eine schwarz befellte Jungfrau, der in jungen Jahren in Frankreich die Katzengottheit Bastet erschienen sein sollte. Ihr Name war Djann Dark. Mit dieser Katze war nicht zu spaßen.

Genauso furchteinflößend war Anarchristos, ihr Kommandant. Der im Gebirge von Kreta aufgewachsene Partisanenkater metzelte gnadenlos alles Unbekannte nieder, was sich dem Sektenstandort auf zwei oder vier Beinen näherte. Dabei spielte es keine Rolle, dass er selbst nur noch drei Pfoten hatte. Der alte Kämpfer war wie der Sturm in den Bergen: unerbittlich und nicht zu fassen.

Kilo Foxtrott würde sein ganzes Verhandlungsgeschick benötigen, um den Bruch des einst geschworenen Eides unbeschadet zu überleben. Aber er musste es einfach schaffen. Die Not war zu groß. Sein lahmpfotiger Haufen konnte keiner weiteren Hatz mehr standhalten.

Vor ihnen schälte sich die alte Hutewaldeiche aus der Dunkelheit. Der Methusalem unter den Bäumen wirkte unnahbar und abweisend. Dies war kein gastlicher Ort. Garantiert hatten die Baumkatzen sie bereits im Fadenkreuz. Jetzt war äußerste Vorsicht angesagt, die Abwehr machte kurzen Prozess mit allen Fremden.

Kilo Foxtrott ließ halten. Aus dem Stand pfiff er eine Tonfolge. Einmal. Zweimal. Er war nicht zu überhören.

»Halt den Schnabel, du elender Verräter! So sieht also dein Versprechen aus, nie wiederzukehren«, hörte er den Kommandanten fauchen.

»Anarchristos, alter Freund und Attentäter«, flötete Kilo Foxtrott geschmeidig und flatterte trotz seiner höllischen Flügelschmerzen der Stimme entgegen, die weit über ihnen erschallte.

Er umflog die jüngeren Bäume, die den uralten Riesen umstanden. Im Laufe der Zeit aus dessen abgeworfenen Eicheln gekeimt, bildeten sie fünf Meter über dem Boden ein verflochtenes Netzwerk aus Zweigen und Blättern. Das dichte Blattwerk versperrte den Blick auf das, was sich darüber befand. Lediglich zwei irisierende Katzenaugen schauten grimmig aus einer Lücke im Grün zu ihm herab.

»Erlaube mir ein Wort zur Verteidigung, bevor du uns verurteilst«, bat der Vogel.

»Hau ab!«, knurrte Anarchristos, fletschte die Zähne und lugte mit abgespreiztem, drahtigem Schnurrbart aus der Deckung. »Und nimm deine Bagage mit, wenn euch das Leben lieb ist.« Mit einem Rascheln im Blattwerk verschwand sein Kopf wieder in der Deckung.

Doch Kilo Foxtrott ließ sich nicht abweisen. »Hilf uns bitte«, zwitscherte er eindringlich. »Sonst sind wir geliefert. Die Zweibeine aus der Tierversuchsanstalt jagen uns. Sie haben es auf diese zwei Ausbrecher hier abgesehen.« Er deutete mit dem Schnabel auf Indy und Schneuzi. »Die Truppe ist völlig erschöpft.«

Ein langes Schweigen war die Antwort. War der Kommandant noch da?

»Kämpfen wir!«, zischte Indy angewidert. »Ich rieche Katzenschiss. Wenn die Freimaunzer zweibeinige Jäger unterstützen, sind das keine Freunde. Wir sind nicht aus der Anstalt entkommen, um uns von Angsthasen, die sich auf Bäumen verstecken, anknurren zu lassen.«

Foxtrott erstarrte und stürzte fast ab vor Schreck.

»Wen nennst du hier einen Angsthasen?«, fauchte Anarchristos und fuhr die Krallen aus. »Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst, Katze!«

Ein Machtkampf! Das Letzte, was sie jetzt brauchen konnten. Foxtrott sah zu, dass er aus der Beißlinie flatterte. Knurrend bleckten Anarchristos und Indy die Reißzähne und starrten einander tief in die Augen. Der Gipfel der Provokation, wenn auch aus halbwegs sicherer Entfernung. Der Kater strahlte Autorität aus. In seinem Rücken regten sich dunkle Schatten. Die Wächter machten sich bereit zum Angriff, und es schien, als gewänne Anarchristos die Oberhand.

Indy fühlte, wie das durch die Droge geborene und nun erneut zum Leben erwachende Biest an der löchrigen Kontrolle in ihrem Inneren zerrte. Etwas von ihrem während der Flucht mühsam in Schach gehaltenen Wahnsinn brach sich Bahn. »Wage es, eine Pfote gegen meine Truppe zu erheben, und ich rotte deinen ganzen Stamm aus«, knurrte sie mit flackerndem Blick. Feuriges Rot umgab ihre Pupillen. Der Ausdruck in ihren Augen kippte ins Unberechenbare.

Anstelle einer verbalen Antwort schlug Anarchristos geräuschlos mit der Pfote nach vorn: Er war bereit zu morden.

Im Wald wurde es still. Kein Blatt raschelte. Als befänden sie sich in einem Vakuum. Da fiel der Blick des Kommandanten auf den am Boden hockenden Hund. Honeyball wirkte gänzlich unbeteiligt. Ein kurzer Blickkontakt zwischen Hund und Kater schien das Blatt jedoch zu wenden.

Der Freimaunzer wandte sich ab. »Ich kann euch nicht hochlassen. Djann kann Fremde nicht ausstehen. Und Hunde erst recht nicht. Wenn ihr nicht abhaut, werdet ihr die Zweibeine direkt zu unserem Hauptsitz führen. Das wäre die mit Abstand größte Katastrophe. Wir sind ein Geheimbund, wenn dir das was sagt.«

»Klar, ich arbeite für den KGB«, meinte Indy trotzig und leckte sich die Pfote eine Spur zu hektisch. »Ich bin genau genommen sogar deren Top-Agentin. Aber mein Team macht schlapp. Sieh sie dir an. Die Jungs sind fertig und können nicht mehr weiter. Ich natürlich schon. Locker.«

Ein wenig Übertreibung konnte nicht schaden, um ihre Gefährlichkeit zu betonen. Gleichzeitig spürte sie, dass sie dem Gegner etwas anbieten musste, wenn sie wollte, dass er einlenkte. »Wenn du uns reinlässt, erzähle ich dir vielleicht, was wir auf unserer Mission herausgefunden haben.« Sie drehte ein Ohr nach hinten. Von dort hörte sie das Zurückschnellen von Zweigen und schweres Schnaufen. Die Zweibeine kamen. Schon geisterten die ersten Taschenlampen-Lichtkegel durch den Wald. »Oder frag doch die Sicherheitstypen da, die uns auf den Pfoten folgen«, schlug Indy vor. »Wir bleiben solange einfach mal sitzen und schauen, wie das für dich und dein Camp so läuft.«

Anarchristos erkannte den Ernst der Lage. Er zog sich in den Baumwipfel zurück und fauchte seine Untergebenen an: »Lasst sie hoch, alle!«

Fassungslos protestierte ein Kater: »Aber wir nehmen keine Fremden auf, niemals! Und da unten ist sogar ein Hund! Der bringt Unheil über das Camp. Wenn Djann das erfährt, macht sie dich einen Kopf kürzer.«

Der Kommandant kniff die Augen zusammen und pirschte sich drohend ein Stück näher an ihn heran. »Du verweigerst einen direkten Befehl?« Er zog die Lefzen hoch und schlug peitschend mit dem Schwanz.

Ein Blick auf die entblößten Fangzähne reichte, da wusste der Untergebene, dass er verloren hatte. Ängstlich machte er sich klein, langte mit der Pfote nach oben und ließ ein glänzendes Tau zu Boden. »Berührt ja nicht den Baumstamm, das ist lebensgefährlich«, maunzte er den unten Wartenden zu.

Schneuzi machte als jüngstes Teammitglied den Anfang, dicht gefolgt von Ian. Anarchristos musterte jeden Ankömmling mit Argusaugen und schnupperte ihn von oben bis unten ab. Bei Schneuzis untypischem Gestank zuckte er zurück und schubste ihn angewidert weiter. Zum Ausgleich filzte er Ians Notfallgürtel besonders gründlich. Die erbeutete SIM-Karte behielt er kommentarlos ein. Ian war zu ausgelaugt, um sich deshalb mit ihm anzulegen. Die Karte würde er schon zurückbekommen. Erst einmal war er heilfroh über diesen unverhofft aufgetauchten kätzischen Zufluchtsort.

Jetzt war Maxim an der Reihe. Nach halber Seilstrecke verließen ihn die Kräfte. Als Indy das erkannte, eilte sie von unten hinzu, um den Kater vor dem Absturz in die Tiefe zu bewahren. Allein konnte sie den Koloss jedoch nicht halten. Widerwillig streckte sich Anarchristos, packte in letzter Sekunde mit seinen mächtigen Fangzähnen zu und wuchtete Maxim wie einen übergroßen Welpen am Genick hoch ins dichte Blattwerk. Bei der Gelegenheit riss er sich auch gleich dessen Glücksbringer-Kette samt USB-Stick unter die Kralle. Was in der Hektik einzig Ian auffiel, der um des lieben Friedens willen vorerst weiter die Schnauze hielt.

Fehlte nur noch Honeyball. Mist! Unauffällig war anders. Der Schoßhund baumelte ganz unten am Seil und veranstaltete einen wahren Affentanz: Immer wieder rutschte er mit seinen korallenrot lackierten Krallen nach unten ab. Er schaffte es einfach nicht. Die bewaffneten Zweibeine näherten sich ihrem Zufluchtsort derweil bedrohlich schnell. Es war eine Frage von Sekunden, bis die Jäger ihn entdeckten.

»Zur Hölle, ich wusste es! Der Kläffer bringt uns alle in Gefahr!«, zischte der seilführende Kater. »Am liebsten würde ich den Köter fallen lassen.« Kurz sah es so aus, als wollte er mit seinen scharfen Krallen das Seil auf einen Schlag durchtrennen. Dann fluchte er den Befehl nach oben, das Tau samt Hund einzuholen.

Zwei wunderschön gefleckte, hochbeinige Savannahs, die es an Größe locker mit Ian und Maxim aufnehmen konnten, erschienen im Geäst. Sakima und ihr Bruder Sikari hievten den Gedemütigten, aber für sein Leben zutiefst Dankbaren in Windeseile hinauf ins Laub. Das Seilende verschwand just in dem Moment in der Baumkrone, als ein Zweibein mit Nachtsichtgerät hinter einem nahen Baum hervortrat und sich suchend umsah.

Einen Katzensprung weiter links raschelte etwas im Unterholz: Xplode, der Deserteur aus Sumos Unterweltarmee, war nicht mit ihnen gekommen. Der Nager war keinesfalls lebensmüde. Ein Katzencamp als Zufluchtsort war nicht sein Ding. Nur einen letzten Liebesdienst wollte er den Freunden noch erweisen: Er griff sich einen großen, dürren Zweig und zerrte ihn durch das Buschwerk. Dabei machte er so viel Radau wie möglich.

Der Jäger pfiff folgsam nach seinen Kumpanen und winkte sie mit großer Geste hinterher.

Xplode kicherte still in sich hinein. Der Überlebenskünstler liebte es, wenn ein Plan funktionierte. Er rannte kreuz und quer durch den Wald, und die Menschen folgten ihm. Bald wussten sie nicht mehr, wo sie waren. In sicherer Entfernung zur Hutewaldeiche überließ er sie wieder sich selbst. Sein Team befand sich außer Gefahr. Und ein erfahrener Kriegsveteran wie er fand immer irgendwo ein Mauseloch, in das er sich verkriechen konnte.

Später würde er zum Camp zurückkehren. Wenn die Luft rein war – und vor allem, wenn ihm danach war.

DER MEDIZINKATER

»Stopp!« Anarchristos hielt Honeyball, Dreipunkteins und Kilo Foxtrott mit ausgestreckter Pfote auf. »Das Camp ist nur für Katzen. Und auch die brauchen für höhere Stufen eine Genehmigung.« Gebieterisch zeigte er auf eine Plattform am äußersten Ende des Astes. Durch einen lichten Palisadenzaun sah man dort zwei Hütten, die aus Zweigen geflochten waren. »Ihr werdet solange da drin warten. Klettert keinesfalls über den Zaun! Der ist nicht etwa dazu da, euch einzusperren. Nein. Er dient eurem Schutz. Indem er euch die Wächter vom Leib hält. Die riechen nämlich, was eine Katze ist und was nicht. Außerhalb der Begrenzung würdet ihr in meiner Abwesenheit keine zehn Sekunden überleben.« Er warf einen prüfenden Blick auf den Papillon und seine außerkätzischen Gefährten. »Was mit euch passiert, wird noch beraten.«

Mit dem Spatz auf der Schulter und dem Wurm im Anhänger seines Halsbands trottete Honeyball müde durch das Tor der Umzäunung. »Leute! Mir ist das so was von egal. Ich will nur noch schlafen.«

Anarchristos sah Honeyball weiterhin eindringlich an und knurrte: »Wir sprechen uns noch. Solange bleibst du in dem Gebäude da.« Er wies mit dem Schwanz auf die größere der Hütten. Dann wandte er sich den erschöpften Katzen zu. »Ihr folgt mir auf der Pfote. Keiner weicht auch nur eine Schnurrhaarbreite von meiner Fährte ab, verstanden? Das wäre euer sicheres Verderben.«

Schneuzi hörte gar nicht zu. Er starrte mit offenem Maul nach oben in das gigantische Baumgeflecht. Ein Kratzbaum-Paradies sondergleichen. Kreuz und quer verliefen die Äste der Eichen und bildeten ein Labyrinth aus unzähligen Möglichkeiten. An vielen Kreuzungen waren Plattformen entstanden, die ganz natürlich aussahen. Und überall in den Zweigen hingen lustige, mit Misteln verkleidete Kugeln. Wozu die wohl gut waren?

»Komm endlich!« Indy riss ihn aus seinen Gedanken und wies ihn eng an ihre Flanke.

Sie nahmen nicht den geraden Weg, sondern folgten dem Kommandanten auf verschlungenen Pfaden durch die Wipfel. Es ging auf und ab, auf und ab. Ian wurde schon ganz schwindelig. Er fühlte sich wie auf der Achterbahn. Die Aufstiege verlangten ihnen die letzten Kräfte ab. Ständig mussten sie verschnaufen. Anarchristos schlug ungeduldig mit dem Schwanz. Als der Mond auf einmal hinter schwarzen Wolken verschwand, wurde es urplötzlich stockdunkel. Vereinzelt glomm in den Baumkronen ein diffuses, grünes Licht auf. Hatten die Freimaunzer etwa Strom in den Wald gebracht? Unauffällig prüfte Ian den Stamm auf der Suche nach verdeckt verlegten Kabeln.

Huch, was war das? An der Grenze zur Hörbarkeit lockte ein leises Wispern und Raunen die Spitzen seiner Hörnerven. Begleitet von feinen Klickgeräuschen, die einander überlagerten. Ian öffnete das Maul und flehmte. Es roch nach Insekten. Spinnen, um genau zu sein. Die Baumrinde sah aus, als hätte eine Horde Heavy-Metal-Spechte hier ein mehrtägiges Rockkonzert gegeben. Zwischen den Löchern verliefen nadelfeine Linien, die wie winzige Wege aussahen, sich aus nächster Nähe aber als eingeritzte Leitsprüche entpuppten. Er las beim Weiterlaufen einige mit:

»Bastets Kinder sind eins.«

»Fremder bringt Leid.«

»Technik ist Teufelswerk.«

»Spinnen sind Leben.«

»Hund bellt, Wind weht.«

Es ging immer höher hinauf. Der Weg wurde gerader und steiler. Dafür drohten nun weniger Stolperfallen. Ian und Indy schleppten Maxim zwischen sich her. Den Norweger hatten seine Kräfte erneut verlassen. Die Geschwister keuchten schwer unter dem Gewicht, als Anarchristos schließlich vor einem luftigen Bau im Geäst mit mehreren Kammern haltmachte.

»Hier wohnt unser Heiler. Er wird sich um euch kümmern und checkt euch gründlich durch, damit ihr keine gefährlichen Sachen bei uns einschleppt. Konfusius entgeht keine Schnurrhaarspitze, auch wenn er nicht so aussieht … Ah, da ist er ja.«

Aus dem Bau schlurfte ein uralter chinesischer Mao, der sich kurzsichtig umschnupperte.

»Darf ich vorstellen: Konfusius, unser Heiler.« Anarchristos verbeugte sich leicht vor dem Medizinkater. Er brachte dem alten Zausel sichtlichen Respekt entgegen.

»Hao, Hao«, maunzte Konfusius. »Welch seltene Freude. Neue Opf… äh, Krank… ähem, Besuch sagen wollen. Kommen, kommen, kleine Versuchskaninchen.« Er kicherte fröhlich und zwirbelte seine lang herabhängenden dünnen Schnurrhaare. »Sehen ja wirklich schrecklich aus.«

Einen nach dem anderen ließ er die Neuen an seiner Nase vorbeispazieren. Als Schneuzi an der Reihe war, zuckte er zurück. »Whuo! Stinkender kleiner Drache. Haben doch wohl nicht den Hintern von lâo taìtaì gefressen? Oder doch?« Er lachte meckernd wie eine Ziege und schnupperte genauer an Schneuzis Popo. »Mal gehabt ähnliche Fall. Junge sein sechs Tage mit Leiche von Oma eingesperrt. Sie gewesen gemeine Giftspritze, aber er mögen sie … Meinen, sie nach Hühnchen geschmeckt. Kleiner Kerl darüber leider verrückt geworden.« Konfusius schüttelte bedauernd den Kopf. »Tse, Tse. Großer Mao, wie lange her? Glauben, Junge landen in Kochtopf bei Shanghai. Aber können auch irren. Essen das hier!«

Bevor Indy protestieren konnte, schob er dem Kleinen irgendein getrocknetes Zeugs in die Schnauze, das aussah wie eine hundertjährige Rattenmumie. Vermutlich war es genau das. »Müssen Gleiches mit Gleichem bekämpfen«, murmelte Konfusius, grinste seine fassungslosen Zuhörer zahnlos an und mümmelte versonnen an seinem weichen Zahnfleisch. Dann war er urplötzlich wieder bei der Sache und ließ seine Vorderzehe an der Schläfe kreisen. »In Menschenjahren sein jetzt hundertfünfundzwanzig. Vielleicht auch hundertzweiundfünfzig? Wissen Buddha … äh, Bastet. Klar. Klar. Junger Drache, erst kauen, dann schlucken!«

Indy war hin- und hergerissen. Der Alte lag mit seinem Verdacht verdammt nahe an der Ursache von Schneuzis Beschwerden. In der Tierversuchsanstalt hatte man dem kleinen Kater verdorbenes Rattenfleisch zu fressen gegeben und dadurch den ekligen Brechdurchfall verursacht, mit dem sie sich jetzt herumschlagen mussten. Es wäre wirklich gut, wenn Konfusius da Abhilfe schaffen könnte. Andererseits wollte sie ihren Welpen nicht von diesem Verrückten behandeln lassen. Wer wusste denn, was Schneuzi jetzt schon wieder fraß?

»Und wir, Ninja-Kätzchen?« Konfusius sah tief in Indys Augen und unterbrach ihre düsteren Gedanken. Schon wollte sie böse zurückstarren, als sie sich in seinem sanften Blick verlor. Wie eine Nickhaut glitt das Zerstreute in seinen Augen beiseite und wich einem klaren, klugen Blick. Sie fühlte sich in Wärme und Verständnis aufgenommen.

Indy wusste nicht, wie ihr geschah. Sie wurde weich und ließ los. Zeigte sich so, wie sie war. Der Geist des Alten drang vorsichtig in ihr Innerstes, ortete das Biest in ihr und verweilte dort. Es fühlte sich an, als ob er es sanft streichelte. In der Tiefe seiner Güte fand sie die lang vermisste Ruhe und Geborgenheit, fühlte sich wieder heil, verspürte Freude und Erleichterung.

Bis Konfusius sich zurückzog und seufzend nickte. »Schwer. Sehr schwer. Vielleicht zu alt. Muss man mal sehen«, murmelte er in seinen Bart. Er strich sacht und liebevoll über ihren Kopf wie über den einer lang vermissten Enkeltochter. Dann wandte er sich ab.

Indy wünschte sich nur eins: Er sollte bleiben. Sie wollte schreien, betteln, dass er blieb, sie wieder ganz machte. Aber der Moment war vorbei. Verzweifelt biss sie die Zähne zusammen, während der Mao sich tattrig der Diagnose des nächsten Patienten widmete.

Konfusius schnupperte an Maxims Nacken. »Sender«, sagte er, »aber gestört. Kein Orten möglich. Gut.« Er hob ein Augenlid des Norwegers und brummte zufrieden über das, was er dort sah.

Maxim kam zu sich, als der Mao ihm kräftig mit der Vorderzehe in die Rippen pikste. »Mau!«

»Pffffft«, machte der Alte verächtlich. »Bloß schlechtes Karma. Brauchen mal jemanden, der gut aufpassen auf Tolpatsch. Blutige Schnitte schon vernarben. Gutes Heilfleisch. Frisches Loch in Schwanz nicht so schlimm.« Fahrig griff er in einen Tiegel und holte mit der Pfote eine grüne Salbe heraus, die er großzügig auf dem Einschussloch verschmierte.

Maxim stutzte, fuhr hoch, fing an zu kreischen und leckte dann hektisch die Salbe ab. Sein Schreien wurde schriller und verwandelte sich schließlich in ein spuckendes Husten.

»Cuo!«, fluchte Konfusius und kontrollierte mit zusammengekniffenen Augen die winzige chinesische Inschrift auf dem Tiegel: »Tigerbalm. Beißende Medizin für Erkältung, Kopf- und Muskelweh«.

Der Mao raufte sich die schütteren Haare. »Falsch, falsch, falsch. Topf daneben richtige Paste mit Honig und Kräutern. Dummer alter Chinese!«, schimpfte er mit sich selbst, rubbelte das ätzende Zeug mit trockenem Moos ab und strich die andere Salbe darüber. Das Ganze deckte er mit einer Lage Spinnenseide ab, die er lang zog und dreimal um Maxims Schwanz wickelte. Das Zeug klebte von selbst. »Große Kostbarkeit! Wie Antibiotikum«, brabbelte er in seinen dünnen Bart. »Hemmt Mehrung von Bakterien. Seide sehr stark und dehnbar ohne Reißen. Muss man mal wissen.«

Er griff sich eine Wurzel, stopfte sie Maxim in den immer noch zum Brüllen aufgerissenen Rachen und befahl barsch: »Bitter, aber Kleinholz machen. Kauen zu Brei!«

Ian hatte genug gesehen. Diesen Katzenpfuscher brauchte er ganz sicher nicht für sein Wohlbefinden. Langsam trat er den Rückzug an und wandte sich dem Ausgang zu, um sich aus dem Hospital zu schleichen. Da spürte er eine knochige, aber erstaunlich kräftige Tatze auf seinem langen Schwanz. Etwas, das er auf den Tod nicht leiden konnte. »Pfote runter, oder es passiert was!«, fauchte er sehr ruhig und beherrscht.

Tatsächlich tat der Alte genau, wie ihm geheißen. Mit vor Schreck geweiteten Augen schüttelte er seine dürre Pranke, als hätte er sich verbrannt. Dann drehte er durch. Der Heiler flüchtete in ein kleines Nebenzimmer und schlug die Tür so laut zu, dass die Wände wackelten. Drinnen zerkratzte er wie ein wild gewordener Handfeger schluchzend und jaulend die Innenseite der Holztür und kreischte irgendetwas auf Chinesisch – von einem »Móguî« der verschwinden sollte.

KÖNIGLICHE AUDIENZ

»Komm mit, Djann will die Leitkatze sprechen. Die bist du ja wohl.« Anarchristos hatte vor dem Hospital gewartet und alles genau mitbekommen. »Wegen euch muss ich mich vor der Göttin verantworten.« Verärgert sprang er voran und nahm keinerlei Rücksicht auf Indy, die ihm auf dem immer steiler werdenden Weg kaum folgen konnte.

Anscheinend nahmen sie eine Art Abkürzung zu Djanns Gemächern, denn es dauerte nicht lange, bis der Kater sie in eine mit prachtvoll geschnitzten Wandreliefs verzierte Höhle im mächtigen Baumstamm der Hutewaldeiche führte. Man hatte Darstellungen wichtiger Begebenheiten von Bastets Wirken plastisch aus dem dunklen Holz hervorgearbeitet. Kampfszenen, lustvolle Feiern, ein blühender Katzenstaat. Wie es aussah, waren sie in Djanns Empfangszimmer für Privataudienzen. Vor einem kunstvoll aus der hölzernen Rückwand gekratzten Thron mit prunkvollen Symbolen am Kopfende gab es zwei weitere Sitzgelegenheiten auf grob gehauenen, harten Baumstümpfen. Wortlos bedeutete ihr Anarchristos, sich auf einem davon niederzulassen, er selbst nahm auf dem daneben Platz.

Indy brannten tausend Fragen unter den Krallen. »Sag mal …«

Mit einer energischen Geste gebot ihr der Kater zu schweigen. »Sei still, wir sind hier im Heiligtum«, flüsterte er.

Angezeckt kniff Indy die Augen zusammen und schnaufte, hielt sich aber an die Anweisung.

Djann ließ sie zappeln. Lange saßen sie in dem dunklen, stickigen Raum unangenehm nah beieinander auf den unbequemen Podesten. Indy rümpfte die Nase. Anarchristos roch vom Schwanz her nach Markierungssekret. Vielleicht war die Analdrüse des ältlichen Katers undicht. Um sich abzulenken, inspizierte sie ihre Krallen. Eine Schmeißfliege summte durch den Raum. Indy folgte dem Geräusch mit gespitzten Ohren und finsteren Blicken – und stockte. Wie aus dem Stamm gewachsen saß auf einmal Djann auf dem dunklen Thron. Die nachtschwarze Orientalisch Kurzhaar glich einem Loch im Dunkel. Woher war sie gekommen? Aus dem Nichts? Zwei irisierende gelbe Augen musterten Indy aufmerksam. Der Blick dieser Katze strahlte unfassbare Macht aus.

Djann wandte sich ihrem Kommandanten zu. »Wie lautet deine Entschuldigung?«, fragte sie leise.

Anarchristos räusperte sich nervös und setzte zu einer Verteidigungsrede an. »Ich …«

»Du«, schnitt ihm Djann das Wort ab, »kannst gehen. Wir sprechen uns später.« Ihr sanfter Tonfall ließ den Kater erschauern. Mit eingekniffenem Schwanz drehte er sich um und schlich ohne aufzumucken aus dem Raum.

Indy indes blieb ungerührt. »Sorry, dass ich die Zweibeine zu dir geführt habe«, sagte sie. »Doch mir blieb keine Wahl. Ein Mitglied aus meinem Team wurde angeschossen, ein paar andere sind ebenfalls verletzt. Ich trage außerdem Sorge für ein Katzenjunges. Und mein Bruder kann nicht mehr. Er ist krank.«

Die oberste Freimaunzerin stützte ihre Vorderbeine auf die Armlehnen und legte geziert die Pfoten zusammen. »Was glaubst du, wo du hier bist? In einer Pension? Rein, was fressen und wieder raus? Du träumst wohl. Der Freimaunzer-Bund lebt von absoluter Geheimhaltung. Warum sollte ich euch nicht sofort alle umbringen?«, fragte sie freundlich. »Nenn mir einen Grund.«

Indy stellten sich die Nackenhaare auf. Provozierend stierte sie der Leitkatze in die Augen. »Weil es dich sicher brennend interessiert, welche Insiderinformationen ich über die nahe gelegene Tierversuchsanstalt habe«, antwortete sie gereizt. »Ich bin die Top-Agentin des Katzengeheimbundes. Da findet man eine Menge raus. Außerdem weiß ich, wie man kämpft! Ich kann dir verdammt nützlich – oder schädlich sein.« Ihre Augen blitzten.

Djann schaute nachdenklich an die mit Hieroglyphen verzierte Höhlendecke, als sähe sie dort Indys Schicksal. Nach einer Weile maunzte sie: »Du bist sehr überzeugend. Selbst wenn ich dich aufnähme und verschonte: Was genau hätte ich davon? Wie steht es mit deiner Begleitung? Mit Ian, Maxim und Schneuzi? Kann ich ihnen trauen? Vom Hund und diesem Verrätervogel ganz zu schweigen.« Ihre Krallen fuhren heraus. »Sein Schicksal ist besiegelt.« Sie bohrte den Blick wieder in Indys Augen. »Was bietest du mir an für das Leben deines Teams?«

Indy richtete sich auf und machte einen Buckel. »Wenn du mein Team verschonst, werde ich für die Dauer eines Einsatzes alles tun, was du von mir verlangst. Ich werde dir treu und bedingungslos dienen. Sogar auf einer Selbstmordmission. Man nennt mich nicht umsonst ›Kamikatze‹. Doch im Anschluss lässt du meine Freunde frei. Auch Kilo Foxtrott.«

Djann Dark schwieg. »Ich werde darüber nachdenken, ob ich Verwendung für dich habe.« Spöttisch fächerte sie ihre Schnurrhaare auf, beugte sich vor und sah die Maine Coon prüfend an. »Wir werden sehen!«

NETZWERKE

Sollte sich der verrückte Alte doch in dem Kabuff austoben. Diesen Zirkus hatte Ian so nötig wie Zahnfleischbluten. Er brauchte Ruhe und einen sicheren Schlafplatz. Mit hängendem Schwanz schlich er in die Nacht hinaus und sah sich um. Alles friedlich. Zwischen den Zweigen bemerkte er hauchfeine Fäden, die sich stellenweise zu großen, zarten Netzen verdichteten. Darin zappelten Insekten. Eine gute Proteinquelle, wie ihm schien. Vorsichtig schlich er näher, krallte sich blitzschnell einen großen Falter aus dem Netz und steckte ihn in seine Schnauze.

Ein warnendes Schnauben erklang hinter ihm. »Lass dich nicht von Big Data erwischen«, riet ihm eine zarte Stimme. »Unser Netzexperte versteht bei so was keinen Spaß. Und seine kleinen Freunde erst recht nicht. Wenn du ohne Erlaubnis Gemeinschaftsfutter frisst, kommst du in Teufels Küche.«

Ian vergaß zu kauen, drehte sich um und sah in kornblumenblaue Mandelaugen. Eine langbeinige Siamkatze hockte in der nächsten Astgabel und beobachtete ihn. Noch eine Asiatin. Silbergrau mit dunklem Gesicht. »Wie heißt du?«, fragte er sie mit vollem Mund.

»Vergiss es. Ich habe keinen Namen, bin Djanns rechte Pfote und Mädchen für alles. In diesem deinem speziellen Fall also diejenige, die dir das Halstuch bringt. Ich muss dich bitten, es außerhalb der Nester ständig zu tragen. Du scheinst gechipt zu sein und könntest senden.«

Der Kater runzelte die Stirn. Irgendwie konnte er sich daran nicht erinnern. Doch er vergaß in letzter Zeit so vieles durch seine Blackouts.

»Trägst du es nicht oder enttäuschst anderweitig unser Vertrauen«, fuhr sie fort, »wanderst du direkt zu deinen Freunden in den Bau. Der ist gegen Strahlung abgeschirmt.«

Sie sprang elegant aus der Astgabel und kam samtpfotig auf ihn zu. »Djann geht kein Risiko ein. Überdies verbietet unser Glaube den Besitz und Einsatz von Menschentechnik bei harter Strafe. Wer länger bei uns bleibt, dem wird der Chip entfernt – wie allen hier. Deshalb hat Anarchristos auch eure anderen Techniksachen konfisziert. Aber beruhige dich, ihr bekommt sie zurück, sobald ihr das Camp verlasst. Falls ihr es verlasst.« Sie lächelte abgründig. »Ah, da kommt ja Big Data, unser Catdroide wider Willen. Er macht seinen nächtlichen Insektenrundgang, wie mir scheint. Wundere dich nicht über die winzige Größe. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion konnte er ganz allein durch die Abflussrohre aus der Tierversuchsanstalt entkommen. Zuvor haben ihm die Menschen aber echt gemeine Hardware in den Schädel implantiert. Macht ihn bei schlechtem Wetter ziemlich RAM-dösig.«

Während sie sprach, hatte Ian ihr mit offenem Mund gelauscht und vergessen zu schlucken. Schnell würgte er den großen Falter hinunter und krächzte Big Data ein höfliches »Chrallo« entgegen. Der Singapura-Kater trug eine silbern glänzende, nackenlange Häkelkappe. Das Ding sah aus wie irgendetwas zwischen cooler Straßenkleidung und schlapper Schlumpfmütze.

Mist! Der Falter steckte in seiner Kehle fest. Ian räusperte sich umständlich. »Hallo, ich bin Ian«, wiederholte er deutlicher.

Big Data blinzelte und verdrehte die Augen nach oben, so als ob er dort etwas ablesen würde. »Ah ja, Konfusius’ Dämon.« Er senkte den Blick wieder und taxierte Ian aufmerksam. »Mich deucht, ich habe dich schon mal gesehen.«

Der Maine Coon schüttelte den Kopf. Unmöglich. »Du musst dich irren. Ich bin Hauskater und gehe sonst nicht vor die Tür. Wegen gesundheitlicher Probleme.«

»Mag sein, aber ich vergesse nie ein Gesicht. Schon gar nicht, wenn ich es in der Anstalt gesehen habe. Vermutlich sind wir uns da … Oh!« Enttäuscht hielt der Winzling inne. »Anders als ich scheinst du jedenfalls keine Probleme mit dem Einschlafen zu haben.«

Ian war ansatzlos auf der Plattform in sich zusammengesunken. Seine Katerplexie hatte wieder eingesetzt. Das hieß, er war bei vollem Bewusstsein, konnte aber keinen Muskel rühren. Er lag einfach da.

Big Data wandte sich um. »Na, dann … vielleicht ein andermal. Hab sowieso noch zu tun. Meine kleinen Freunde warten auf mich.« Er hielt einen Augenblick inne und überlegte. »Ich bin mir sicher, dass wir uns kennen. Fällt mir schon ein«, murmelte er, rückte seine Mütze zurecht, zuppelte fachkätzisch am hauchdünnen Spinnen-Netzwerk zwischen den Zweigen und prüfte so den aktuellen Fang. Leise lobte er jemanden oder etwas, dann setzte er seinen Kontrollgang fort.