Verlag: Emig, Günther Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Käthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn E-Book

Robert Frankenburg  

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E-Book-Beschreibung Käthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn - Robert Frankenburg

Liebe und Liebesverrat, Haß, Intrige, Giftmord, Entführung und zum Schluß ein Happy End - Frankenburgs Roman läßt kein Spannungselement aus. Das ideale Lesefutter für aufregende Stunden. Dies ist Teil 4 von 8 Teilen (insgesamt über 3.000 Seiten!)

Meinungen über das E-Book Käthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn - Robert Frankenburg

E-Book-Leseprobe Käthchen von Heilbronn / Das Käthchen von Heilbronn - Robert Frankenburg

Inhaltsverzeichnis
Dem Tode geweiht
In die Falle gegangen
Mächtige Fürsprache
Ein vereiteltes Verbrechen
Heimatlos – obdachlos
Verstoßen
Nach siebzehn Jahren
Graf Friedrichs Verlobung
Eis gebrochenes Herz
Der seltsame Gast
In Gottes Schutz
Verratene Liebe
Vergiftet!
Das Letzte verloren!
Zu ihm!
Entschwundenes Glück
Auf, zur Rache!
Den Flammen entrissen
Im schweigenden Wald
Liebet Eure Feinde!
Unter weißen Rosen
Freunde in der Not
Unter Gottes Schutz
An der Totenbahre
Der Ruf des Gerichts
Der Ruf des Gerichts

Robert Frankenburg

Das Käthchen von Heilbronn

Romantische Erzählung

Teil 4 (Kapitel 76-100)

76. Kapitel

Dem Tode geweiht

»In meiner Brust, da sitzt ein Weh, 
Das will die Brust zersprengen, 
und wo ich steh’ und wo ich geh’, 
Will’s mich von hinnen drängen!«

Stolz und ruhig wie ein Schwan teilte das Schiff die Wogen des Ozeans und verfolgte still seine Bahn.

Köstlicher Sonnenschein lag auf dem silbernen Wasserspiegel und verbreitete eine blendende Helle, sodaß der blasse Jüngling, der dort, starr in die Fluten blickend, am Mastbaum lehnte, geblendet die Augen schloß.

Wie lag die Welt, nach der er sich oft in der trostlosen Einsamkeit auf der Toteninsel gesehnt, doch nun so lockend vor ihm – und jetzt graute ihm davor, in das Leben zu treten, das ihm nun wie eine unerträgliche Last erschien; er hätte sich am liebsten mit all’ seinem Leid wieder hingeflüchtet zu den öden Felsen, die sein Glück geschaut und wo er es begraben hatte.

Ein bitteres Lächeln irrte um seinen Mund.

Wie nichtig war doch alles Wünschen und Hoffen des menschlichen Lebens – ein einziges Unglück, ein Fehlschlag seiner Hoffnungen und der stolze Bau erträumten Glückes stürzt in ein Nichts zusammen, unter seinen Trümmern all’ die Gedanken, die Hoffnungen eines Menschenlebens begrabend.

Was blieb ihm nun noch zu hoffen und zu wünschen – nichts!

Und könntet Ihr Berge versetzen – und hättet der Liebe nicht – so wäret Ihr nichts!

Das war’s, was jetztdie Seele des trauernden Jünglings erfüllte und ihn so trostlos elend machte. –

Hinter ihm lag das Grab seiner Hoffnungen, seines höchsten Glückes und vor ihm – ein Leben ohne Liebe!

Aufstöhnend vergrub er sein Gesicht in den Händen.

»Helena«, flüsterten seine zuckenden Lippen.

Da schlich der alte Carol zu ihm heran und erzählte dem Schmerzversunkenen von der herrlichen Welt, der sie jetzt entgegen eilten, von Reichtum und Macht.

Er schilderte ihm das neue Leben in den verlockendsten Farben und pries beredt das Glück, daß sie aus der trostlosen Einöde gerettet worden waren.

Regungslos lauschte der Jüngling des Alten Worten, und als er geendet hatte, hob Roland langsam den müden, todtraurigen Blick zu ihm auf und schüttelte trostlos den Kopf, als wenn er sagen wollte:

»Warum, o warum gibst Du mir statt Brot – einen Stein? Verlange ich nach den Freuden des Lebens? Verkümmert mein Herz nicht ohne den Sonnenschein der Liebe?«

Verstand der alte Mann diesen hoffnungslosen Blick?

Als keine Antwort erfolgte, wandte er sich seufzend ab und der Jüngling starrte wieder düster aufs Meer hinaus.

Was kümmerte ihn die Welt – ihm konnte sie keine Freude bringen!

Mit sorgenvollem Blick betrachtete Carol seinen Schützling von fern.

War der Schleier, der sich über seinen Geist gelegt hatte, noch immer nicht gewichen?

Die Blicke der Schiffsleute hingen voll Scheu an dem blassen, stillen Jüngling, er erschien ihnen fast wie ein höheres Wesen, zumal er nur selten zu ihnen sprach, wie er sich überhaupt fast ängstlich von allen fernhielt.

Geschah es aber, daß er einmal das Wort an sie richtete, dann sah er, wie sie ehrfurchtsvoll sich vor ihm neigten, wie ein Wink seiner Hand oft genügte, daß sie wetteiferten, seinen Willen zu vollführen.

Ehrerbietig traten sie zur Seite, wenn er kam, aller Augen hingen an ihm, als sei er der Führer des Schiffes und dies seltsame Wesen der Leute, das ihm unerklärlich war, ihn befremdete, ließ ihn noch stiller und zurückhaltender werden, ihm war das alles so fremd.

Auch Carol war jetzt anders zu ihm, die frühere Vertraulichkeit war gänzlich geschwunden, auch er bediente sich jetzt eines unterwürfigen Tones, wenn er zu dem Jüngling sprach.

Seitdem sie das Eiland verlassen hatten, war etwas Seltsames über den Alten gekommen, er hatte nirgends Ruh.

Mitten im Gespräch brach er plötzlich ab, sein Gesicht wurde fahl und er senkte lauschend den Kopf, während sich in seinen Zügen geheime, stumme Angst verriet, und gar oft sah ihn Roland heimlich im Kielraum verschwinden und längere Zeit drunten verweilen.

Eines Tages, als Carol wieder einmal neben Roland auf Deck gesessen und auf ihn eingesprochen hatte, ohne von dem Jüngling eine Antwort erhalten zu haben, verfiel er in stilles Grübeln.

Roland betrachtete ihn nachdenklich, wie sehr der alte Ohm sich doch verändert hatte! Er glich einer Ruine, die jeden Tag zusammenzustürzen drohte.

Früher hätte er vielleicht Mitleid mit dem Alten gehabt – doch jetzt empfand er eine innere, geheime Scheu vor ihm, die er sich selbst nicht zu denken vermochte.

Plötzlich schrak Carol empor. Einen scheuen Blick auf Roland werfend, eilte er plötzlich von dannen, wieder in den Kielraum hinab.

Kopfschüttelnd blickte der Jüngling ihm nach – was hatte der Alte nur immer dort unten zu suchen?

Carol war hastig die kleine, nach unten führende Treppe hinabgestiegen und eilte nun durch einen halbdunklen Gang nach den hinteren Räumen.

Dort öffnete er eine kleine Tür und trat in einen dämmrigen Raum, den er sorgfältig hinter sich schloß.

Auf einem Lager ruhte die abgezehrte Gestalt eines jungen Mädchens, das bei seinem Eintritt müde den Kopf hob. Sie ließ ihn gleich darauf wieder sinken und starrte dann gleichgültig vor sich hin.

Carol betrachtete sie aufmerksam und es blitzte seltsam in seinen Augen auf.

Zum Mörder hatte er an ihr nicht werden wollen, obgleich ihr Tod ihn aus aller Angst und Qual befreit haben würde.

Er hatte sie nur Roland aus dem Wege schaffen wollen und ihm gesagt, sie sei tot.

Um sie nicht aus der Toteninsel verhungern zu lassen, hatte er sie heimlich, ehe Roland wieder zur Besinnung gekommen war, nach dem Kielraum bringen lassen und hielt sie nun hier wie eine Gefangene, vor aller Augen verborgen.

Doch was sollte nun aus ihr werden?

Wenn er sie mit nach der Heimat nahm, dann konnte sie doch leicht wieder Rolands Weg kreuzen, und das durfte nie und nimmer geschehen, sie mußte tot für ihn bleiben.

Wo es galt, im Interesse des Meisters zu handeln, da blieb sein Herz kalt und gefühllos, und während jetzt sein Blick starr auf der Leidensgestalt ruhte, jubelte es leise in ihm auf:

»Du wirst bald der Sorge, sie mit Dir nehmen zu müssen, überhoben sein, denn sie ist eine Braut des Todes!«

Als wenn Helena ahnte, welch’ unheilvolle Gedanken die Seele des Alten erfüllten, blickte sie jetzt scheu und furchtsan zu ihm auf.

»O, könnt’ ich doch sterben!« klang es leise, in herzzerreißendem Jammer von ihrem Mund.

Carol zuckte betroffen zusammen und wandte schnell das Gesicht zur Seite, als könne er so seine Gedanken vor ihr verbergen.

»Wozu denn sterben?« sprach er ausweichend. »Bald werdet Ihr die Heimat wiedersehen und wieder Freude am Leben empfinden!«

»Die Heimat – o heilige Mutter Gottes«, stammelte sie entsetzt, während ein Ausdruck irrer Angst in ihren Zügen lag. »Mein Gott«fuhr sie atemlos fort, »was soll ich denn dort, dann wird doch die Verfolgung und der Haß meines Oheims von neuem beginnen!«

Schaudernd vergrub sie das Gesicht in den Händen.

Der Alte starrte sie ratlos an – gewiß, für sie war der Tod nur eine Erlösung.

Plötzlich stieß Helena einen qualvollen Schrei aus.

Sie sprang, nach Atem ringend, empor und taumelte ein paar Schritte vorwärts.

»Ich ertrag’s nicht mehr«, keuchte sie, »ich muß hier unten ersticken! Laßt mich hinaus, ich will Luft und Licht haben, sonst muß ich elend verkümmern!«

Sie hatte die Tür aufreißen wollen, doch schon im nächsten Augenblick stand Carol mit angstverzerrten Zügen neben ihr und riß sie zurück.

»Seid Ihr von Sinnen«, rief er zornig, »Ihr müßt hierbleiben!«

Sie starrte ihn entsetzt, fassungslos an.

»Und weshalb haltet Ihr mich hier gefangen? Weshalb soll ich nicht das Tageslicht schauen? Carol«, stieß sie plötzlich jäh emporfuhrend hervor, indem sie den todesgeängstigten Blick auf ihn heftete, »wie, wenn Ihr mich täuschtet – wenn Roland nicht tot, sondern am Leben wäre –«

Wie von einer Natter gebissen, taumelte der alte Mann zurück.

Da umklammerte sie voll heißer Angst seinen Arm–

»Sprecht, redet – was verheimlichet Ihr mir – ist Roland wirklich tot?«

»Er ist tot, sage ich Euch«, klang es dumpf von seinem Mund.

Sie taumelte mit angstvollem Schrei zurück.

»Weshalb haltet Ihr mich dann zurück, daß ich meiner Qual ein Ende mache?« rief sie mit irrglühendem Blick. »Der Schmerz um Roland bringt mich noch von Sinnen, ich fühle mich elend und krank, mir graut vor der Heimkehr, o Himmel, so laßt mich doch sterben!«

Mit einer Kraft, die man ihrer zarten Gestalt gar nicht zugtraut hätte, stieß sie den Alten zurück und flog der Tür zu.

Beinahe wäre es ihr geglückt, den Riegel zurückzuschieben, aber schon war Carol hinzugesprungen und hielt sie mit eiserner Umklammerung fest.

»Zurück«, keuchte er; schon der Gedanke, daß sie hinaufeilen könnte und Roland sehen, machte ihn vor Angst fast sinnlos – »Ihr bleibt hier!«

Er wollte sie zurückreißen, doch die Verzweiflung trieb das arme Geschöpf zum Äußersten.

Sie suchte sich seiner Umklammerung zu entringen und die Tür doch noch zu erreichen.

Ihre Qual war so groß, daß sie nur noch einen Gedanken hatte – den Tod in den Wellen zu suchen.

Ein wildes Ringen begann.

Es kostete den Alten furchtbare Anstrengung, das zarte Mädchen zurückzuhalten, das sich wie eine Rasende geberdete.

Sie stieß einen geltenden Schrei aus, als sie, nach längerem Ringen, nicht von ihm loskommen konnte, und sank endlich, aufs Äußerste ermattet, einer Ohnmacht nahe, zu Boden.

Carol stutzte, er hörte im gleichen Augenblick auf Deck lebhaftes Hin– und Herlaufen.

Sollte man Helenas Schrei gehört haben?

Angstschweiß trat auf seine Stirn.

Noch einen düsteren Blick auf die Unglückliche am Boden werfend, trat er hinaus und schloß die Tür hinter sich ab.

Er eilte den Gang zurück und eben im Begriff, die Treppe hinaufzusteigen, sah er plötzlich – Roland vor sich stehen.

Mit einem leisen Ruf der Bestürzung fuhr er zurück.

»Wo kommt Ihr her, Ohm, was war das für ein seltsamer Schrei dort unten?« fragte er in herrischem Ton, den er bisher noch nie gegen den alten Mann gebraucht hatte.

Carol starrte ihn totenbleich an, die Zunge schien ihm gelähmt zu sein.

Er schlug die Augen vor Rolands durchdringendem Blick scheu zu Boden.

»Kommt, laßt uns nachsehen, was es gewesen ist!« sprach der Jüngling gebieterisch.

Da kam plötzlich Leben in Carols Gestalt.

Jenem hastig den Weg vertretend, stieß er heiser hervor:

»Die Mühe kannst Du Dir sparen, hier unten ist nichts geschehen! Einen Schrei hab’ ich nicht gehört, vielleicht ist’s eine Seemöve gewesen, die übers Wasser flog!«

Dabei drängte er hastig vorwärts, daß Roland die Treppe hinaufsteigen sollte, doch dieser blieb noch immer lauschend stehen.

»Nein, nein«, murmelte er erregt, »das war nicht der Schrei eines Vogels, sondern eines Weibes Stimme, die kläglich um Hilfe rief. Wir wollen doch lieber unten nachsehen, Ohm, ruft den Kapitän, er soll sofort die unteren Räume öffnen lassen, ich will mich selbst davon überzeugen!

Dem Alten standen die hellen Schweißtropfen auf der Stirn.

Es lag etwas so Gebieterisches in dem Tone des Jünglings, das keinen Widerspruch duldete.

Er mußte sich fügen!

Während die Angst ihm fast der Sinne beraubte, eilte er auf Deck, nur um Zeit zu gewinnen und eine Ausrede ersinnen zu können.

Er stöhnte laut auf bei dem Gedanken, daß Helena aus ihrer Ohnmacht erwachen und abermals um Hilfe rufen könnte.

Und Roland befand sich unten in dem Gang, ihr so nahe – o Himmel, jeden Augenblick konnte das Gefürchtete eintreten.

Oben stieß er auf den Kapitän, der atemlos daherkam.

Er wollte ihn um Rat bitten, doch der alte Seemann war zu sehr erregt, um auf ihn zu hören, und rief ihm atemlos zu:

»Gott sei uns gnädig – ein furchtbares Unwetter naht, ein schwerer Sturm ist im Anzug!«

Dabei eilte er auch schon an ihm vorüber, seine Vorbereitungen gegen die drohende Gefahr zu treffen.

Der alte Carol stand wie gelähmt – was nun?

Ein Gedanke durchzuckte ihn plötzlich.

Er stieg die Treppe hastig wieder hinab und fand Roland richtig schon den halbdunklen Gang entlangtastend.

Als dieser ihn kommen hörte, kehrte er schnell um und fragte:

»Nun, Ohm, bringt Ihr die Schlüssel? Wo ist der Kapitän?«

»Roland«, rief der Alte keuchend, »komm’ schnell mit hinauf – ein furchtbares Unwetter ist im Anzug. Der Kapitän ist in großer Unruhe, er kann nicht herunterkommen, er muß jetzt auf seinem Posten bleiben!«

Das lenkte den Jüngling in der Tat sogleich ab.

»Ein Sturm, sagt Ihr, Ohm? Das muß ich sehen!«

Dabei eilte er auch schon die Treppen hinauf.

Carol triumphierte, diesmal hatte er gewonnen.

Hastig schlüpfte er wieder in den Gang hinein und wälzte mehrere große Ballen von den aufgestapelten Waren vor die Tür der Unglücklichen, damit der Eingang nicht gleich zu sehen war.

Den Schlüssel trug er ja bei sich in der Tasche und nun stieg er ruhiger die Treppe hinauf.

In dieser kurzen Zeit hatte sich das Bild hier oben vollständig verändert.

Der Tag schien zur Nacht zu werden, so sehr verdunkelten die Wolkenmassen den Himmel.

Dazu brauste jetzt ein orkanartiger Sturm daher, unheimliches Sausen und Brausen erfüllte die Luft und auch das Wasser hatte eine unheimlich dunkle Farbe angenommen.

Carols erster Blick suchte seinen Schützling.

Er sah Roland drüben an dem Mastbanm lehnen, mit ernsten Augen das seltsame Naturschauspiel betrachtend.

Wie viel älter und gereifter er in der letzten Zeit geworden war!

Mit Absicht hielt sich der Alte von ihm jetzt fern.

Die Aufregung der nun folgenden Stunden ließ auch jedweden anderen Gedanken zurücktreten vor dem einen – wie würde dieser furchtbare Sturm vorübergehen?

Immer gewaltiger türmten sich die Wogen auf, immer mächtiger brauste der gewaltige Sturmwind daher und warf das Schiff wie eine Nußschale auf der großen Wasserfläche hin und her.

Die ersten Wellen wälzten sich über Bord, so heftig stürmten die Wassermassen daher und bald sah es die Mannschaft an dem ernsten, bleichen Gesicht ihres Führers, daß ihre Lage gefährlich zu werden drohte.

Der dichte Nebel, der sich noch zu dem Sturm gesellte, machte die Gefahr noch größer. Wie leicht konnte man dabei auflaufen oder mit einem anderen Schiff zusammenstoßen!

Roland starrte unbeweglich in das Unwetter hinaus – das Deck hatte geräumt werden müssen, nur der Jüngling stand unbeweglich an dem Mastbaum und beobachtete mit Spannung die Vorbereitungen der Matrosen.

In ihm wohnte keine Angst, denn Furcht war ihm fremd, ihm war ja der Tod ein willkommener Freund.

Doch die Schiffsleute, die sich da im Schweiße ihres Angesichts mühten und quälten, die Befehle ihres Kapitäns auszuführen, sie jammerten ihn.

Mit hoffnungsvollen Blicken schauten sie noch ins Leben, noch mancher von ihnen mochte sein Glück von der Zukunft erwarten – um ihretwillen wünschte er, daß dies Unwetter ohne Gefahr vorübergehen möchte.

Immer drohender wurde der Sturm – immer gewaltiger die Wassermassen, die sich über das Schiff ergossen – die Segel drohten zu zerreißen – des Unwetters Wüten wurde immer ärger.

Das Schiff gehorchte dem Steuer nicht mehr, der Orkan trieb es vor sich her, es war ihm vollständig preisgegeben.

Plötzlich – ein gewaltiger Stoß – dann ein furchtbares Krachen, als wolle das Schiff auseinanderbersten, dann erfüllte ein vielstimmiger Entsetzensschrei die Luft.

Das Schiff war auf eine Sandbank aufgefahren.

Eine unbeschreibliche Verwirrung folgte.

Das Schiff war verloren!

Durch das infolge des heftigen Anpralls entstandene Leck würde das hereinströmende Wasser gar bald alle Raume überfluten und es endlich hinab in die Tiefe ziehen.

Vor allem galt es, das Leben der Mannschaft zu retten.

Die Rettungsboote wurden herabgelassen und im Nu waren sie gefüllt, jeder suchte so schnell wie möglich aus dem sinkenden Schiff fortzukommen.

Der alte Carol und Roland gehörten zu den Letzten, die das Schiff verließen.

Da stürzte der Alte plötzlich noch einmal zurück.

Einer höheren Eingebung folgend, nicht dem eigenen Triebe, stürzte er, der Gefahr nicht achtend, nach dem Kielraum hinab.

Dort stand schon das Wasser in ziemlicher Höhe.

Wenige Minuten später und der ganze Raum befand sich unter Wasser.

Barmherziger Gott, das unglückliche Weib, es sollte durch seine Schuld nicht sterben!

Wie ein Rasender, in sinnloser Angst, stürzte er vorwärts und watete durch die hereinbrechenden Fluten.

Jetzt stand er vor der Tür.

Alle Kräfte zusammenraffend, stieß er die Ballen beiseite und riß die Tür auf.

Ein wilder, verzweifelter Schrei drang ihm entgegen; neben ihrem Lager stand die Unglückliche, sich mit letzter Kraft an einem Balken festhaltend, da das Wasser in dem kleinen Raum schon sehr hoch gestiegen war.

Als sie ihn erblickte, verließ sie die Kraft, ohnmächtig brach sie zusammen.

Carol sprang noch rechtzeitig hinzu, um sie vor dem Untersinken zu retten.

Er nahm sie in seine Arme und trat mit seiner Bürde den Rückweg an.

Doch als er in den Gang hinauskam, fluthete das heranströmende Wasser ihm entgegen und warf ihn beinahe nieder.

Mit aller Macht hielt er sich aufrecht und kämpfte sich nun, die Ohnmächtige hoch emporhebend, durch das Wasser hindurch.

Er fühlte plötzlich, daß es ihn wie eine Lähmung überkam, seine Kräfte gingen zu Ende.

»Herr, Herr, steh’ mir bei«, stöhnte er qualvoll auf, »ich muß doch zum Meister!«

Noch einige Schritte kam er vorwärts – immer tiefer und tiefer sanken seine Arme mit der schweren Last herab, ihm begann es dunkel vor den Augen zu werden – ein lauter Schrei –

77. Kapitel

In die Falle gegangen

»Es brach schon manch ein starkes Herz, 
Da man sein Lieben ihm entriß, 
Und manches duldend wandte sich 
Und wurde voll Haß und Finsternis.«

Wie ein Kranker ging Graf Ottokar seit einiger Zeit umher, seitdem ihm seine Maria auf so sonderbare Weise für immer Lebewohl gesagt hatte.

Er konnte es ja nicht fassen, was die Geliebte bewogen hatte, sich von ihm loszureißen, und das Herz war ihm so voll von Leid und Kummer.

Nur eine hatte er, der er all’ seine Kümmernisse klagen durfte – seine Mutter, und die feinfühlende Frau verstand es so vortrefflich, im Herzen ihres Sohnes zu lesen, und sie nahm innigen Anteil an seinem Mißgeschick.

Nach Kräften versuchte die edle Frau ihn zu trösten, doch umsonst – selbst ihren herzlichen Worten wollte es nicht gelingen, den düsteren Schatten von der Stirn ihres Sohnes zu verscheuchen.

Graf Rupert zog sich jetzt noch mehr von den Seinen zurück, die Gräfin sah ihn nur noch selten.

Entweder blieb er lange draußen auf der Jagd oder er unternahm mit seinen Rittern und Reisigen kleine Streifzäge, kurz, er war sonst überall zu finden, nur nicht daheim auf seiner Burg.

Wer in das schmale, blasse Leidensantlitz der Gräfin blickte, dem war es ein Leichtes, darin zu lesen, wie die arme Frau unter diesen Verhältnissen litt und wie sie sich nach und nach in ihrem Gram verzehrte.

In diesem Unglück hielt Ottokar nur noch treulicher zu seiner Mutter, war es ihm doch, als müsse er an ihr wieder gut machen, was der Vater durch sein rauhes Wesen verschuldete, fühlte doch auch er, daß der lieblose, hartherzige Mann diesen Engel an Sanftmut und Güte nicht verdiente.

Eines Tages, als Ottokar eben von einem Gang durch den Park, den er mit seiner Mutter unternommen hatte, heimkehrte, trat plötzlich ein Diener zu ihm heran und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.

Dunkle Röte überflutete sein Gesicht, er schrak heftig zusammen und verabschiedete sich unter einem Vorwand hastig von seiner Mutter, die ihm kopfschüttelnd und erstaunt nachblickte.

Als die Gräfin ihn verlassen hatte, eilte er hinunter auf den Hof, wo ein Knappe seiner harrte und ihm mit ernster Miene ein Schreiben überreichte.

»Von wem kommt es – hörte ich recht,. von Maria?« flüsterte Graf Ottokar in atemloser Hast zu sich selbst, indem er das Schreiben in Empfang nahm und damit erregt nach seinem Zimmer stürmte.

Droben löste er mit zitternder Hand die Schnur, welche die Rolle zusammenhielt, und als er die wenigen Zeilen überflogen hatte, brach sich ein leiser Jubelschrei von seinem Mund und er drückte das Schreiben voll leidenschaftlicher Inbrunst an seine Lippen.

»Ist’s möglich – Maria sehnt sich, mich wiederzusehen, sie ruft mich – also kann auch sie das Leid der Trennung nicht ertragen? Ich soll sie morgen im Wald an dem Muttergottesbild, das am Fichtenwege steht, treffen? Ihre Mutter ist krank, sie wallfahrt hinauf nach der kleinen Kapelle, um dort ein Bittgebt für ihre Mutter zu sprechen, in Begleitung nur einer Dienerin, die sie auch unter irgendeinem Vorwand zurückhalten will, um mich ungestört zu sprechen. O, Maria, wenn Du wüßtet, welche Himmelsbotschaft Du mir heute sandtest! Ob ich der Mutter davon sage?«

Er schwankte einige Zeit mit einem Entschluß, dann eilte er doch hinüber zu der Vertrauten seines Herzens, ihr die Freudenbotschaft zu verkünden.

Die Gräfin küßte ihn bewegt auf die Stirn.

»Sprich zu Maria und beschwöre sie in meinem Namen, daß sie Dir endlich enthülle, wer sie ist, denn nimmer kann und darf Euer Verhältnis so fortbestehen! Sage ihr, daß es mein Herzenswunsch ist, sie kennenzulernen, und daß ich alles daran setzen will, des Vaters Zustimmung zu Eurem Bund zu erlangen.«

In stürmischem Jubel küßte der junge Graf die Hand seiner Mutter und konnte dann kaum den anderen Tag erwarten, der ihm das ersehnte Glück des Wiedersehens mit Maria bringen sollte.

Wie langsam strich doch eine Stunde nach der anderen dahin, ihm dünkte jede einzelne eine Ewigkeit.

Während der Nacht fand er keinen Schlummer, immer und immer wieder stand das Bild der Geliebten vor seiner Seele und er breitete ihr voll heißer Sehnsucht seine Arme entgegen.

Endlich erschien der nächste Tag und schon früh rüstete sich Graf Ottokar zu seinem Ritt nach dem Wald. –

Spät am vorhergehenden Abend war noch Graf Rupert von einem Jagdausflug heimgekehrt.

Ohne auf den leidenden Zustand seiner Gemahlin irgendwelche Rücksicht zu nehmen, stampfte er durch die weite Halle, erteilte dem Diener mit lauter, herrischer Stimme noch einige Befehle, sodaß die Gräfin entsetzt aus ihrem Halbschlummer emporfuhr, und schritt dann mit rücksichtslosem Gepolter an ihrer Tür vorbei.

Die unglückliche Frau preßte die Hände auf das wildklopfende Herz, Tränen brannten in ihren Augen, sie fühlte, daß ihr Gatte ihr vollständig entfremdet war und daß es ihr nicht mehr gelang, wie früher irgendwelchen Einfluß auf ihn auszuüben.

Am anderen Morgen schlief der Graf lange, bis in den hellen Tag hinein, er war wohl von seinen Streifereien und den langen, wilden Gelagen sehr ermüdet, und als ihn die Gräfin am Vormittag erblickte, erschrak sie über sein bleiches, verstörtes Aussehen.

Er hatte nur wenige Worte für seine Gemahlin und zog sich dann schnell wieder in seine Gemächer zurück.

Als er, in Gedanken versunken, in seinem Zimmer auf– und niederschritt, klopfte es plötzlich an die Tür und ein Diener trat herein.

»Verzeihung, gnädigster Herr, ich bringe eine Botschaft, die ein Fremder drunten für Euch abgegeben hat.«

Erstaunt nahm der Graf das Schreiben in Empfang, riß die Schnur auseinander, die es zusammenhielt, und kaum hatte er die wenigen Zeilen, welche es enthielt, überflogen, da verzerrte wilder Grimm sein Gesicht und wütend stampfte er den Boden.

»Was stehst Du noch hier und gaffst mich an?« herrschte er den Diener an, sodaß dieser erschrocken zurück prallte und in eiliger Flucht das Zimmer verließ.

Nun tobte der Graf wie ein Wahnsinniger, er schleuderte das Schreiben zu Boden und trat mit dem Fuß darauf, während er laute Verwünschungen ausstieß.

»Ha, wenn es wahr wäre, was der Unbekannte mir schreibt, daß mein Sohn, mein einziger Sohn, ein Verhältnis mit der Tochter meines Todfeindes, des Grafen Sylvester, hätte!«

Grimmiges Hohnlachen klang durch das vornehme Gemach und der Graf schlug mit der geballten Hand so heftig auf den Tisch, daß der mit Wein gefüllte Humpen umstürzte und das edle Naß sich über die Tischplatte ergoß.

»Ha, wenn es wirklich so wäre –zermalmen könnte ich die beiden mit meiner eigenen Hand! Wie kann Ottokar es wagen, hinter meinem Rücken mit einer aus jenem Hause anzubinden? Lieber sähe ich ihn tot zu meinen Füßen, als daß ich ihn in Gemeinschaft mit dieser verhaßten Sippe weiß!«

Wie ein wütender Eber stürmte der Graf in seinem Zimmer auf und nieder.

»Und heute Nachmittag hat er eine Zusammenknnst mit diesem Mädchen beim Muttergottesbilde am Fichtenweg? Hahaha«, lachte er hämisch auf, »ich werde das Liebespärchen dort überraschen, und wehe dem Buben –wehe ihr – wenn der Unbekannte mir die Wahrheit verkündet!«

Die Gräfin schüttelte verwundert den Kopf, als ihr Gemahl bei der Mittagstafel nicht erschien und sie mit ihrem Sohn allein speisen mußte.

Sie klagte nicht mehr, sie war ja an diese Rücksichtslosigkeit des Grafen längst gewöhnt und doch schmerzte sie dieselbe tief.

Nach der Tafel ließ Graf Ottokar sein Roß satteln und nahm herzlichen Abschied von seiner Mutter, die ihm noch tausend Grüße für seine Maria auftrug.

Mit stürmisch klopfendem Herzen jagte er nun hinüber nach dem Wald, während Graf Rupert am Fenster stand und drohend die Hand hinter ihm ballte.

»Wahrhaftig, er reitet dem Wald zu – ha, wenn es doch wahr wäre«, knirschte er in wildem Grimm. »Elender Bube, das solltest Du mir furchtbar büßen!«

Nunmehr befahl der Graf, daß sofort auch sein Roß gesattelt werde, und kurze Zeit darauf sah die Gräfin ihren Gemahl im Galopp in der Richtung nach dem Wald zu fortsprengen und eine heiße Angst krampfte unwillkürlich ihr Herz zusammen; sie wußte selbst nicht, weshalb auf einmal Tränen ihren Augen entstürzten.

»O heilige Jungfrau, schütze Du mein Kind, meinen einzigen, geliebten Sohn«, hauchte sie, die Hände flehend zum Himmel aufhebend. –

***

Ohne innezuhalten, hatte Graf Ottokar den ziemlich weiten Weg zurückgelegt, und erst als er seinem Ziel nicht mehr fern war, zügelte er sein Roß und ließ es nun langsamer gehen.

Seine sehnsüchtigen Gedanken flogen ihm voran – was mochte Maria ihm Besonderes zu sagen haben, weshalb hatte sie ihn heute hierher gerufen? Vielleicht war sie doch anderen Sinnes geworden und gewillt, ihm endlich Klarheit zu geben?

Jauchzende Freude erfüllte sein Herz bei dem Gedanken, daß sein heißes Sehnen nun vielleicht doch noch in Erfüllung gehen, daß die Geliebte einwilligen könnte, sein Weib zu werden.

Immer höher stiegen seine Hoffnungen, sein Glück – der Mutter Segen war er schon gewiß und vielleicht würde es ihm auch noch gelingen, die Einwilligung des Vaters zu erlangen!

Wonnige Zukunftsträume umgaukelten den schönen Jüngling, während er jetzt langsamer durch den Wald dahinritt, ein seliges Lächeln verklärte sein Gesicht.

Als er den Fichtenweg erreicht hatte, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und näherte sich nun vorsichtig dem Muttergottesbild.

Sie war noch nicht da!

Seufzend ließ er sich in das weiche Moos nieder und stützte den Kopf in die Hand.

Einige Zeit verstrich – der Jüngling blieb mit seinen Träumen allein.

Da vernahm er plötzlich Hufschläge – kam sie endlich, die Ersehnte?

Und jetzt sah er drüben am Waldweg eine schlanke Reiterin auftauchen – ein lauter Jubelrnf entfuhr seinem Mund, als er die Geliebte erkannte.

In namenlosem Jubel richtete er sich auf, und ohne auf das Gefolge zu achten, das hinter ihr kam, eilte er ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Jetzt sah sie ihn; mit einem heftigen Ruck zügelte sie ihr Roß und gleich darauf klang ein lauter, banger Schrei durch den stillen Wald.

»Barmherziger Gott – Graf Ottokar!«

Auch er war stehen geblieben, seine erhobenen Arme sanken schlaff herab – was hatte dieser furchtbare Schreck, was ihr jähes Erblassen zu bedeuten, hatte sie ihn nicht hierher bestellt und ihm versprochen, ihr Gefolge zurückzuhalten?

Inzwischen hatte Maria ihre Fassung wiedergewonnen. Sie wendete sich, freundlich bittend, an die Damen und Herren, die sie geleiteten und bat diese, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen, da sie mit dem Grafen allein zu sprechen habe.

Maria stieg vom Pferd, reichte die Zügel einem der Knappen und wartete nun, bis das Gefolge hinter den Bäumen verschwunden war.

Starr, wie gelähmt, stand Ottokar, und als sich Maria ihm nun langsan zuwendete und die großen, ernsten Augen so vorwurfsvoll auf ihn richtete, da konnte er nicht länger an sich halten und trat erregt auf sie zu.

»Maria, was soll das heißen, wie soll ich Euer Tun verstehen? Eure Botschaft rief mich hierher, an das Muttergottesbild, Ihr wolltet mich heute ohne Zeugen sprechen, und nun Eure Bestürzung, Euer Schreck , als Ihr mich saht – löst mir dies Rätsel!«

Maria wich erbleichend vor ihm zurück und starrte ihn fassungslos an.

»O heilige Jungfrau, was sagt Ihr – ich hätte Euch hierher bestellt, Graf Ottokar? Von mir wollt Ihr Botschaft erhalten haben? Nein, nein – Ihr irrt, Graf, wenn Ihr solche erhieltet, so kam sie doch nicht von mir.«

»Nicht – nicht von Euch?« rief Ottokar erbleichend. »Wer aber sollte –«

Kopsfchüttelnd hielt er inne und blickte in maßloser Verwunderung auf die Geliebte.

Maria schüttelte düster den Kopf.

»Man hat Euch getäuschet, Graf Ottokar! Nie und nimmer würde ich Euch hierher gerufen haben«, fuhr sie tiefschmerzlich fort, während sich ihr Blick umflorte, »denn ich weiß ja, daß ich von Euch lassen muß und daß es das Beste ist, wenn wir uns niemals wiedersehen!«

Sie wandte hastig das zuckende Gesicht zur Seite.

»Maria«, stöhnte er leidenschaftlich auf, »um aller Barmherzigkeit willen, sagt das nie wieder – wollt Ihr meinem Herzen nicht den Todesstoß geben! Geliebte, nimm dies entsetzliche Wort zurück, sage mir, daß Du mich liebst, daß Du helfen willst, die Schatten zu beseitigen, die unserem Glück im Wege stehen – sage mir, daß Du mein Weib werden willst, nur sprich nicht zu mir von Trennung!«

Sie schluchzte krampfhaft auf, sie wagte es nicht, ihn anzusehen, denn sie fühlte wohl, daß dann ihre Kraft zu Ende war, daß sie seinem Flehen nicht widerstehen konnte.

»Maria«, fuhr er atemlos fort, »Du weißt, wie ich Dich liebe, daß ich kein höheres Glück kenne als Deinen Besitz! Und auch Du liebst mich wieder, das sagt mir Dein Auge – und trotzdem wendest Du Dich von mir, willst nichts mehr von mir wissen? O sprich. Geliebte, weshalb das – weshalb so namenlose Pein für mich und auch – für Dich?«

Sie antwortete nicht, aufschluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen.

Da wich seine mühsam bewahrte Ruhe dahin, mit dem Schrei tiefster Verzweiflung stürzte er ihr zu Füßen.

»Maria, meine Mutter sendet Dir ihre Grüße, sie läßt Dich anflehen, mir endlich Deinen Namen zu nennen und mir das Recht zu geben, um Dich zu werben. Maria, meine Mutter liebt Dich, ohne Dich zu kennen, sie sehnet sich danach, Dich an ihre Brust zu ziehen, weil ich Dich so innig liebe.«

Mit bangem Schrei blickte Maria zur Seite – barmherziger Gott, woher sollte sie die Kraft nehmen, diesem heißen Flehen zu widerstehen?

Die in ihren Schmerz Versunkenen sahen den großen, stattlichen Mann nicht, der dort, halb verborgen, hinter einer Tanne hervorlugte und das junge Paar mit unheimlichen Blicken betrachtete.

Und jetzt klang ein lauter Wutschrei durch den Wald; noch ehe die beiden auseinander fahren konnten, stand plötzlich, drohend wie ein Gespenst – Graf Rupert neben seinem knienden Sohn.

»Bube, ungehorsamer Bube, was wagst Du hinter meinem Rücken?«

Erschrocken war Graf Ottokar emporgesprungen und starrte seinen Vater mit weitgeöffneten Augen an.

Keiner dieser drei bemerkte dort hinter dem Muttergottesbild das verzerrte, schadenfroh lächelnde Gesicht, in dem die Augen haßerfüllt funkelten und die die sich abspielende Szene in atemloser Spannung verfolgten.

»Ungehorsamer!« donnerte der Graf von neuem, während Maria mit bangem Schrei sich an einen Baum anlehnte und mit einer Ohnmacht rang.

»Weißt Du, wer jenes Mädchen ist, dem Du eben kniend Deine Liebe gestanden? Die Tochter unseres Todfeindes – des Grafen Sylvester!«

Ein qualvoller Schrei entstieg der Brust des jungen Grafen und er griff sich mit beiden Händen nach dem Kopf, als empfinde er dort einen wahnsinnigen Schmerz; ihm war es, als sei der Tag plötzlich zur Nacht geworden, als sei das Sonnenlicht erloschen und stöhnend entstieg es seiner Brust:

»Vater, barmherziger Gott, was sagt Ihr – sie, des Grafen Sylvester Tochter!«

»Ja, die Tochter unseres Todfeindes, die Tochter dessen, der Deinen Bruder morden ließ –«

Mit verzweifeltem Schrei hatte Maria sich emporgerichtet und vor den Grafen hintretend, sprach sie voll hoheitsvoller Entrüstung:

»Sprechet nicht weiter, Herr Graf, Ihr habt kein Recht, meinen greisen Vater zu schmähen, ich, seine Tochter, dulde es nicht! Mein Vater ist ein edler Mann, nie und nimmer würde er sich so weit erniedrigen, gegen einen Menschen den Mordstahl zu zücken, und Gott im Himmel wird es dereinst noch offenbar werden lassen – wer der Schuldige ist!«

Betroffen starrte Graf Rupert auf das schöne Mädchen hin, das voll edler Begeisterung und stolzen Mutes ihm so entgegentrat und den Vater verteidigte.

Dann aber klang ein rauhes, bitteres Lachen von seinem Munde.

»Hahaha, Agnes von Schroffenstein, gebt Euch keine Mühe, es wäre vergebens, es wird Euch nimmer gelingen, mich von der Schuldlosigkeit Eures Vaters zu überzeugen.«

Indessen hatte Graf Ottokar seine Fassung wiedergewonnen.

Er sah die Geliebte schwanken, sah ihr tränenüberflutetes Gesicht, und plötzlich auf sie zueilend, schlang er voll leidenschaftlichen Schmerzes den Arm um die wankende Gestalt.

»Wohlan denn, wenn diese Stunde es offenbar werden ließ, daß Maria – Agnes von Schroffenstein ist, so ändert das dennoch an dem, was ich für sie empfinde nichts.

Hier, auf derselben Stelle, wo mir diese Offenbarung ward, bitte ich Euch, Herr Vater, frei und offen, mir Eure Einwilligung zu meiner Vermählung mit Agnes von Schroffenstein zu geben!

Vater«, fuhr er in weichem, flehendem Ton fort, »denkt daran, daß durch diesen Bund all’ die Feindschaft ausgelöscht würde, daß er die Brücke zur Versöhnung bilden würde zwischen Graf Sylvester und Euch! O, weist mein Flehen nicht zurück, Vater, vergeßt nicht, daß all’ mein Glück jetzt in Eurer Hand liegt und daß ich niemals eine andere lieben werde als Agnes, meine Braut.«

Ein Wutschrei entrang sich dem Mund des Grafen Rupert, sein Aussehen glich kaum noch dem eines Menschen, wilder Haß verzerrte sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit.

Mit keuchendem Atem stürzte er auf seinen Sohn zu, riß ihn mit Gewalt von dem schönen Mädchen hinweg, das ächzend zurücktaumelte und das Gesicht in den Händen vergrub.

»Unseliger«, donnerte er mit wuterstickter Stimme, »wage es nicht noch einmal, die Tochter des Mannes zu berühren, den ich hasse als meinen ärgsten Feind! Verwegener«, fuhr er ergrimmt fort, »hast Du Deinen Schwur vergessen, den Du in jener Nacht an dem Sarg Deines hingemordeten Bruders mir gabst – daß Du nicht eher ruhen wollest, als bis das Haus jenes Elenden dem Erdboden gleich gemacht, bis die Glieder desselben ihr Ende durch unsere Hand gefunden haben?

Und Du wagst es noch, elender Bube, mit dreister Stirn vor mich hinzutreten und um jene dort zu werben?«

Mit dumpfem Schrei taumelte Graf Ottokar zurück.

Er dachte an jenen furchtbaren Schwur, den ihm der Vater an der Leiche seines Bruders förmlich abgerungen hatte, und schaudernd vergrub er das Gesicht in den Händen.

Eine peinvolle Pause entstand.

Mit verzerrtem Gesicht blickte Graf Rupert noch immer auf seinen Sohn, er hätte ihn zermalmen mögen, so groß war seine Erbitterung.

Und drüben der Mann hinter dem Muttergottesbild rieb sich mit hämischem Lachen die Hände; nun hatte er es dahin gebracht, daß Unfriede und Hader in das Haus des Rossitzers einzogen, er würde seinen Haß und seine Rache schon noch befriedigen!

Nach kurzem, aber schwerem Kampf richtete Graf Ottokar sein Haupt empor und sprach, den Vater ruhig anblickend, in feierlichem Ernst:

»Wohl habe ich damals dem Hause Warwand den Untergang geschworen, weil ich fest von der Schuld des Grafen Sylvester überzeugt war und ihn für den Mörder meines Bruders hielt! Seitdem ich aber diese da kennen gelernt habe«, fuhr er mit aufstrahlendem Blick fort, »seitdem ich weiß, welch’ eine Tochter Graf Sylvester besitzt, seitdem glaube ich nicht mehr an seine Schuld, denn nimmer ist der Mann einer solchen Schurkerei fähig, der sein Kind in solcher Gottesfurcht erzogen hat!«

»Verruchter – hüte Deine Zunge!«

»Nein, Vater, ich muß jetzt zu Ende reden, denn das Glück meines Lebens hängt ab von dieser Stunde!« fuhr Graf Ottokar mit fliegendem Atem fort. »Vater«, rief er, noch einmal zu dem Grafen herantretend, in bewegtem Tone, »denkt daran, daß ich Euer einziger Sohn noch bin, macht mich nicht unglücklich, indem Ihr mir das Teuerste raubt! Gebt uns Euren Segen und aller Groll und Haß, der Euer Herz so tief verbittert, wird beim Anblick unseres Glückes schwinden!«

»Schweig’!« fuhr der Graf zornig auf, »kein Wort mehr davon, ich will nichts mehr hören! Meinen Willen kennst Du und ich verlange von Dir, daß Du Dich nach ihm richtest!«

Mit flammendem Blick sich an Maria wendend, die noch immer das Gesicht in den Händen verborgen hielt, fuhr er in gehässigem Tone fort:

»Zieht heim, Gräfin Agnes, und sagt Eurem Vater das, was ich meinem Sohn soeben geboten! So lange ich lebe, wird der Groll und Haß gegen Euren Vater niemals aus meinem Herzen schwinden und bis zu meinem letzten Atemzug werde ich nur einen Gedanken kennen: Untergang dem Hause Warwand!«

Mit leisem Schrei fuhr das junge Mädchen empor und streckte abwehrend die Hände gegen den Grafen aus.

»Ihr tut meinem Vater bitter Unrecht«, klang es bebend von ihrem Mund, »er ist edel und gut und wer ihn kennt, weiß, daß Ihr ihn schuldlos schmäht!«

Der Graf schleuderte ihr einen finsteren, zornigen Blick zu und faßte seinen Sohn jetzt mit hartem Griff am Arm.

»Komm’, Ottokar«, sprach er rauh, »Du hast hier nichts zu suchen, Dein Platz ist an meiner Seite und auf der Stelle begleitest Du mich heim!«

Graf Ottokar rang nach Atem, sein Gesicht war totenbleich.

Plötzlich riß er sich von seinem Vater los und auf Maria zueilend, stieß er voll heißer Angst hervor:

»O höre nicht auf meinen Vater, vergiß es nicht, daß wir uns Liebe und Treue geschworen haben bis in alle Ewigkeit, daß ich Dein Wort habe, Maria, und daß Du mir gehörst, mir allein! Nichts aus der Welt soll mich von Dir trennen«, rief er, die Hand wie zum Schwur erhebend, »selbst nicht der Haß unserer Väter soll uns auseinanderreißen – Dein bin ich und Dein bleibe ich, Maria!«

»Barmherziger Gott«, stammelte das zitternde Mädchen, »geht heim, Ottokar, folgt Eurem Vater, vergeßt nicht, was Ihr ihm schuldig seid!«

»Das sagst Du zu mir, Maria, Du? Gilt Dir der Wille meines Vaters mehr als unser Treuschwur?«

»Ottokar«, klang es jetzt drohend von der anderen Seite her, »willst Du gehorchen?«

Der junge Graf erbebte unter dem drohenden Ton seines Vaters, er kannte dessen jähzornigen Charakter und wußte, was seiner daheim wartete, wenn er ihm nicht folgte.

»Ich werde ihn begleiten«, murmelte er, nur Maria verständlich, »doch bevor ich von Dir scheide, schwöre ich Dir’s noch einmal zu, daß keine Macht der Welt mich in meiner Treue zu Dir wankend machen soll! Lebe wohl, Maria – vergiß nicht, daß Du mir gehörst!«

Mit totenbleichem Gesicht, aus dem leidenschaftlicher Schmerz sprach, trat er jetzt auf den Vater zu und sprach mir dumpfer Stimme:

»Ich bin bereit!«

Der Graf nickte, warf noch einen letzten, haßerfüllten Blick hinüber auf das schöne, zitternde Mädchen, das, von der Angst seines Herzens überwältigt, zu Boden gesunken war und aufschluchzend das Gesicht in den Händen vergrub.

Mit wuchtigen Schritten eilte Graf Rupert der Stelle zu, wo er sein Roß angebunden hatte, und schweigend, den Blick starr zu Boden gesenkt, folgte ihm sein Sohn.

Als die beiden hinter den Bäumen verschwunden waren, richtete sich das unglückliche Mädchen langsam empor und einen Blick voll heißer Angst zum Himmel werfend, stammelte es in trostlosem Weh:

»O heilige Jungfrau, warum mußte ich ihn lieben, gerade ihn, den Sohn unseres Feindes! Ottokar, für uns beide wäre es besser gewesen, wir hätten uns niemals gesehen! Leb’ wohl, Geliebter! Ich will kämpfen und ringen mit meiner Liebe – doch ob ich Dein Bild werde aus meinem Herzen reißen können, das weiß nur Gott allein!«

Mühsam erhob sie sich, doch war sie von der eben erlebten Szene noch zu sehr erregt, und stützte sich, leise ächzend, auf einen Baumstamm.

Da eilte auch schon ihr Gefolge herbei, das, durch Graf Ruperts donnernde Stimme aufmerksam gemacht, hinter den Büschen hervorgelugt und die furchtbare Szene mit beobachtet hatte.

Sie sahen ihre junge Herrin wanken und eilten schnell auf sie zu, um sie zu stützen.

Wie geistesabwesend ließ sich Gräfin Agnes zu ihrem Pferd zurückführen, und als das Gefolge nun zum Aufbruch rüstete, sprach sie mit matter Stimme:

»Laßt uns heimkehren, ich fühle mich so schwach und krank, ich kann nicht nach der Kapelle wallfahrten.«

Schweigend fügte man sich ihrem Willen; es hätte ihrer Erklärung nicht erst bedurft, sie alle sahen es an dem bleichen Gesicht der Herrin, daß diese Furchtbares erduldet haben mußte, und begriffen, daß sie sich nach Ruhe und Frieden sehnte.

Schweigend setzte sich der kleine Zug wieder in Bewegung; Gräfin Agnes ritt an der Spitze, ihre Augen hafteten starr und glanzlos am Boden, als suche sie dort – ihr verlorenes Glück.

78. Kapitel

Mächtige Fürsprache

»Wohl klingt’s in solchen Stunden, 
Wie Sang im Lenzrevier. – 
Du hast ein Herz gefunden; 
Der Himmel hüt’ es Dir!«

Der Fürst ließ den Präsidenten von Werning zu sich bescheiden, um mit ihm in der Angelegenheit des Grafen Rolm–Hallberg zu beraten.

Geheimer Triumph malte sich in den Zügen des Präsidenten, als er den Gemächern des Fürsten zuschritt; endlich war es in seine Macht gegeben, dem verhaßten Grafen einen Streich zu spielen.

Mit der Miene des tiefgebeugten Vaters trat er zu dem Fürsten ein.

Dieser eilte ihm besorgt entgegen:

»Wie steht es mit Eurem Sohn, Exzellenz – sein Zustand ist doch nicht gefährlich?«

»Durchlaucht«, stammelte der geriebene Schurke mit angstvollem Blick, »der Heilkünstler fürchtet das Schlimmste – es ist mein einziger Sohn, der auf dem Schmerzenslager ruht, o mein Gott, warum muß mich Deine Hand so schwer treffen?«

Er bedeckte die Augen mit der Hand, als wollte er die aufsteigenden Tränen verbergen.

»So schlimm steht es?« murmelte der Fürst erschüttert. »Der Hauptmann, Euer Sohn, hat sehr oft Händel, mir ist von seinem wüsten Treiben gar häufig zu Ohren gekommen – doch jedenfalls war diese Strafe zu hart für ihn!«

»Und was gedenken Durchlaucht nun zu tun?« fragte der Präsident mit lauerndem Blick. »Graf Rolm–Hallberg hat ein Bubenstück an meinem Sohne vollführt, daß er ihn so gefährlich verwundete; nicht allein im Namen der Gerechtigkeit flehe ich Euch an, den Grafen für diese Tat zu strafen – sondern auch der tiefgebeugte Vater bittet, daß jener seine Schuld auch sühne!«

Der Fürst schritt erregt in dem Gemach auf und nieder.

»Dieser Zwischenfall ist mir höchst peinlich«, murmelte er, »daß es gerade dieser Graf sein muß, der in die Sache verwickelt ist.«

»Durchlaucht«, fuhr der Präsident mit schadenfrohem Blick fort, »Ihr ahnt noch nicht, welche Folgen diese Tat des Grafen hat. Als ich hierher eilte, durch die Straßen, sah ich das Volk in Haufen daherströmen und laute Hochrufe auf den Grafen Rolm klangen mir entgegen. Sie zogen hin vor sein Haus und ruhten nicht eher, als bis er auf den Altan heraustrat und zu ihnen redete. Wie zu einem Märtyrer blickten sie zu ihm auf und keiner versteht es so wie er, sich in die Gunst des Volkes einzuschmeicheln. Durchlaucht, ich fürchte, wir gehen ernsten Zeiten entgegen, denn ich habe so mancherlei erfahren, was mir schwere Sorgen macht!«

Voll Erregung blieb der Fürst vor dem Präsidenten stehen.

»Sprecht offen, Exzellenz, ich will klar sehen!«gebot er hastig.

»Durchlaucht, ich will durchaus niemanden verdächtigen, das liegt mir fern! Aber – da Durchlaucht alles wissen wollen, so darf ich nicht schweigen! Ich fürchte, mein allergnädigster Herr– daß der Graf Rolm in geheimer Verbindung mit dem Prinzen Arnulf steht!«

Mit einem Ruf der Bestürzung wich der Fürst erbleichend zurück.

»Unmöglich, Exzellenz – Ihr müßt Euch irren, das tut Graf Rolm nimmermehr!«

»Wenn Durchlaucht ihm mehr vertrauen als mir, dann bedaure ich, das gesagt zu haben!« sprach der Präsident gekränkt. »Vielleicht wird die Zeit lehren, ob ich wahr gesprochen habe!«

»Bringt mir Beweise, Exzellenz«, sprach der Fürst unwillig, »eher glaube ich nicht an die Schuld des Grafen, glaube ich nicht, daß er ein Verschwörer ist! Ihr wart damals auch einer von denen, die seinen Vater des Hochverraths beschuldigten – und leider zu spät mußte ich erkennen, daß der edle Mann unschuldig verbannt worden war! Doch genug von dieser Sache – was ratet Ihr mir jetzt zu tun, Exzellenz?«

»Das Beste ist, wenn Durchlaucht ihn vor eine Kommission von Offizieren stellen, welche die Sache streng untersuchen und ihn dann ohne Gnade bestrafen!«

Der Fürst zögerte mit der Antwort, ein geheimer Kampf spiegelte sich in seinen Mienen wider, während er sinnend auf– und abschritt.

Er wußte wohl, daß sein Jawort den Grafen vollständig in die Hände des Präsidenten lieferte, und obwohl ihn Alinda gegen den Angeklagten sehr erbittert hatte, fühlte er doch ein leises Mitleid mit ihm.

Doch es mußte sein, er durfte es nimmer dulden, daß seine Edelleute auf offener Straße sich niederstachen.

»Es sei«, sprach er nach schwerem Kampf, »wählt die Kommission aus, Exzellenz, und teilt mir dann das Resultat mit!«

Frohlockend eilte Werning von dannen – jetzt hatte er den gefürchteten Feind in seiner Hand, nun wollte er ihn mit einem Schlag vernichten.

Als er den Fürsten verlassen hatte, wurde diesem seine Schwester, Prinzessin Beate, gemeldet.

Verwundert eilte der vornehme Herr ihr entgegen.

»Ah, Beate – Du kommst zu mir? Fürwahr, das ist wohl das erste Mal, daß Du den Bruder aufsuchst!«

Die Prinzessin war außergewöhnlich bleich und konnte nur mit Mühe eine innere, geheime Unruhe verbergen.

»Ja, Maximilian, es ist auch das erste Mal, daß ich komme, um Dich um etwas zu bitten!«

»Du – Beate – zu bitten? Wahrhaftig, ich bin gespannt, Dich zu hören!« rief der Fürst erstaunt.

»Maximilian, ich komme des Grafen Rolm wegen!« stammelte sie atemlos.

»Graf Rolm?«

Es erfolgte eine Pause.

Der Blick des Fürsten ruhte voll Verwunderung auf dem schönen, stolzen Antlitz der Schwester, das sich jetzt mit glühender Röte bedeckte.

Zum ersten Mal schlug sie vor ihm die Augen zu Boden.

Der Fürst schritt ein paar Mal im Zimmer auf und nieder und blieb dann neben dem Sessel stehen, auf welchen die Prinzessin sich niedergelassen hatte.

»Es nimmt mich Wunder, Beate«, sprach er leise, »daß gerade Du für ihn bittest, wo doch alle, die ich bis jetzt gehört, gegen ihn sind! So gern ich Dir Deine erste Bitte erfüllte, Beate – ich kann es nicht – ich darf den Grafen nicht begnadigen, auf keinen Fall!«

Ein leiser Schrei tiefster Bestürzung entfloh ihren Lippen.

Ihr schönes, edles Gesicht wurde totenbleich und ihre dunklen Augen blickten voll heißer Angst zu ihm auf.

»Du kannst nicht – o heilige Jungfrau, wie soll ich das verstehen, mein Bruder? Wer könnte Dich daran hindern?«

»Meine eigene Sicherheit, Beate! Graf Roltn beginnt mir gefährlich zu werden, er steht mit dem Prinzen Arnulf in geheimer Verbindung –«

»Wer hat Dir das gesagt– wohl Werning?« fuhr die Prinzessin empört auf.

»Ob Werning, ob ein anderer, Beate – jedenfalls muß ich die Augen offen halten und jeder Gefahr vorbeugen!«

»Hat der Präsident Dir Beweise gebracht?«

»Nein, das nicht, aber es sind so manche Dinge, die auffallen müssen, zum Beispiel, wie kommt die Bürgerschaft dazu, den Grafen heute wie einen Helden zu feiern!«

»Ist das ein Wunder, mein Bruder?« rief die Prinzessin begeistert mit aufstrahlendem Blick. »Muß ihm das Volk nicht zujubeln, weil er so ritterlich ein Mädchen aus niederem Stand beschützte? Ist es nicht für die jungen, leichtlebigen Edelleute am Hof ein Faustschlag ins Gesicht, daß Graf Rolm einen von ihnen, dem nicht einmal die Ehre eines schutzloscn Mädchens heilig ist, so schwer gezüchtigt hat?

Der Hauptmann Werning hat diese Strafe wohl verdient und ich bewundere den Grafen, der sich so ritterlich der Schutzlosen angenommen hat! Und für diese Tat soll er so schwer nun büßen? Wo das Volk ihm zujubelt, willst Du ihn strafen? Sag’, Maximilian, ist das wohl gerecht?«

Der Fürst war erregt im Gemach auf– und niedergeschritten.

Es war doch eine leise Stimme in seinem Innern, die der Schwester recht gab, und doch wagte er es nicht, ihr dies offen zu bekennen, sondern erwiderte zögernd:

»Aber was sollte der Präsident wohl für einen Grund haben, den Grafen verdächtigen zu wollen? Daß er jetzt auf ihn erbittert ist, weil er ihm den Sohn verwundete, das kann ich sehr wohl begreifen, doch deshalb würde er nicht falsche Klage gegen ihn erheben?«

Die Prinzessin war sehr bleich geworden, in ihren Augen blitzte es unheilvoll auf.

Zu dem Fürsten herantretend, sprach sie erregt:

»Doch, Maximilian, der Präsident haßt den Grafen und will ihn um jeden Preis von hier verdrängen. Sein böses Gewissen läßt ihm nimmer Ruh’! Denk an das, was hinter uns liegt, mein Bruder, an den Fluch, der noch immer über unserem Hause und unserem Haupt schwebt und der sich noch nicht ganz erfüllt hat! Vergrößere Du nicht die Macht der Vergeltung durch neue Ungerechtigkeit!

Denk’ daran, daß der Präsident damals geholfen hat, jene, die Dir nahe standen, unglücklich zu machen, und daß selbst sein Haß nicht davor zurückscheute, den Vater des Grafen unschuldig zu verdächtigen! Und da fragst Du noch, weshalb der Präsident auch den jungen Grafen mit seinem Haß verfolgt?«

Eine, Pause folgte.

Der Fürst war sehr bleich geworden und starrte düster zu Boden.

Dann schritt er in ratloser Unruhe auf und nieder, denn er fühlte sehr wohl das Wahre in den Worten seiner Schwester.

Keiner hätte ihm das so vorhalten dürfen wie sie, er fühlte, daß Beate in ihrer Seelengröße weit über ihm stand, und mußte sich ihr bewundernd beugen. Als er noch immer nicht antwortete, fuhr sie bittend und eindringlich fort:

»Sag’ selbst, hast Du den ritterlichen, jungen Grafen mit dem offenen, klaren Blick, aus dem eine reine Seele sprach, nicht geliebt? O, ich weiß es wohl, Du sahst ihn immer gern kommen und weißt so gut wie ich, daß er keiner unedlen Tat fähig ist. Warum also willst Du ihn strafen wegen einer Tat, die jeder Gute nur loben wird, wenn sie auch dem Wortlaut des Gesetzes widerspricht?

Ich achte ihn darum noch höher und wünsche, daß jedem frechen Wüstling wie dem Hauptmann von Werning ein Richter erstehe wie Graf Rolm! Und nun laß’ Gnade walten, Maximilian, ich, Deine Schwester, verbürge mich dafür, daß Graf Rolm kein Verräter ist!«

Tiefe Bewegung malte sich in den Zügen des Fürsten.

Jetzt blieb er vor seiner Schwester stehen und ließ den Blick voll und ernst auf ihrem vor Erregung glühenden Antlitz ruhen.

»Und was veranlaßt Dich dazu, Beate, eine so warme Fürsprecherin des Grafen zu sein? Ich habe Dich noch niemals so erregt gesehen!«

Glühendes Rot ergoß sich abermals über ihr Gesicht, doch diesmal schlug sie die Augen nicht vor ihm nieder.

»Das Gerechtigkeitsgefühl und die Bewunderung für den Grafen trieb mich zu Dir, mein Bruder«, sprach sie stolz und es lag etwas in ihrem Blick, was seinen Argwohn entwaffnete.

»Nun wohl«, nickte er jetzt freundlich, »da der Graf solch’ warme Fürsprache hat, werde ich ihn wohl begnadigen müssen!«

»Maximilian«, jubelte Beate leise auf, doch gleich darauf bezwang sie sich und reichte ihm dankbar die Hand.

»Noch eins, mein Bruder«, sprach sie leise, »der Graf soll es nie und nimmer erfahren, wer ihm die Freiheit erwirkt hat!«

»Wohl«, lächelte der Fürst mit seltsam forschendem Blick, »so werde ich es verschweigen!« –

Nachdem Beate ihn verlassen hatte, sandte er sofort einen schriftlichen Befehl an den Präsidenten, das Verfahren gegen den Grafen Rolm sofort einzustellen und ihn wieder in seine Ämter und Würden einzusetzen.

Dann schritt er gedankenvoll auf und nieder.

»Was wird Alinda sagen«, murmelte er, »sie wird mir zürnen, daß ich ihn freigab? Ich habe vielleicht nicht recht getan, doch ich konnte Beate diese Bitte nicht abschlagen!«

***

Indessen war die Prinzessin mit vor Glück jauchzendem Herzen nach den Gemächern ihrer Schwägerin geeilt.

»Nun?« rief ihr Fürstin Adelgunde gespannt entgegen.

»Er ist frei!«

Mehr sagte sie nicht und doch lag in ihrem edlen Antlitz eine Himmelsfreude, die Adelgundc tief ergriff.

Sie zog Beate schweigend in ihre Arme – sie ahnte das keusche Geheimnis dieser stolzen Seele.

Nach einer Weile, als die Prinzessin ruhiger geworden war, blickte sie angstvoll in das blasse, verhärmte Antlitz der unglücklichen Frau.

»Wie, Du hast wieder geweint, Adelgunde?« sprach sie leise, tieftraurig.

Die Fürstin wendete schnell ihr zuckendes Gesicht zur Seite.

Da schlang Beate zärtlich ihre Arme um die Unglückliche.

»Willst Du mir nicht Dein Leid klagen, Adelgunde?«

Krampfhaftes Schluchzen hob die Brust der Fürstin.

Erst stockend und scheu, dann aber immer hastiger kamen die Worte jetzt von ihrem Mund.

»Beate, o heilige Jungfrau, warum muß mich Schmach auf Schmach treffen? Vor einigen Tagen erschien der alte Goldschmidd aus dem Städtchen, ganz im Geheimen ließ er sich melden und fragte mich, welche Edelsteine mir die liebsten seien. Ich blickte ihn verwundert an, konnte ich mir doch seine seltsame Frage nicht erklären.

Da teilte er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß mein Gemahl bei ihm einen Schmuck bestellt habe, dem er eine von dem Fürsten selbst ersonnene originelle Fassung geben solle.

Die Wahl der Edelsteine fiel dem Fürsten sichtlich schwer, da der Schmuck eine Überraschung sein solle und er nicht recht wisse, welche Steine wohl der Dame am liebsten seien, und so habe er schließlich dieselbe dem Goldschknied überlassen. Diesem verursachte die Wahl aber viel Kopfzerbrechen und schließlich machte er sich heimlich auf, um mich darum zu befragen, da er sicher glaubte, daß der Schmuck für mich angefertigt werden solle.

O Beate«, rief die hohe Frau erschüttert , während eine dunkle Blutwelle in ihr bleiches Gesicht stieg, »Du kannst Dir wohl denken, wie mein bekümmertes Herz aufjauchzte bei dieser frohen Botschaft! Mein Gemahl dachte daran, mir eine Freude zu bereiten. So war also doch nicht alles Gefühl für mich in seinem Herzen erloschen und voll Stolz und Glück hob ich in freudiger Hoffnung mein Haupt.

Ich bestimmte Perlen zu dem Geschmeide – ich gedachte der verlorenen Hoffnung auf ein Kind, die ich so bitter beweint – und dazu Rubinen, denn Rot ist ja die Farbe der Liebe – und Du weißt es, ich liebe ihn!«

Sie stockte jäh, heiße Tränen entstürzten ihren Augen und aufschluchzend, vergrub sie das Gesicht in den Händen.

»Adelgunde, was ist Dir, willst Du nicht weitersprechen?« bat die Prinzessin, indem sie die Unglückliche zärtlich küßte.

»O«Himmel, Beate, es wird mir so schwer, Dir es zu gestehen – doch – es muß sein! Frohen Herzens ging der Meister heim, hoffte er doch, es gerade so recht gemacht zu haben. In wenig Tagen ist mein Geburtstag und in geheimer Seligkeit blickte ich ihm entgegen, hoffte ich doch, Maximilian würde mich durch sein Geschenk erfreuen!«

»Ah, deshalb sah ich Dich jetzt so froh und heiter«, nickte Beate sinnend.

»Da – gestern Abend bei dem Feste, gewahrte ich die Tänzerin und um ihren Hals sah ich einen Schmuck von Perlen und Rubinen in der herrlichen Fassung, die mir der Goldschmied gezeigt hatte –«

Krampfhaftes Schluchzen erstickte die Stimme der so schwer Enttäuschten.

Beate hatte sie schnell an sich gezogen – o, nun verstand sie alles! In ihren Augen flammte es heiß aus vor Empörung – wie konnte ihr Bruder das Herz dieses edlen Weibes so mit Füßen treten?

War es nicht eine Schmach für sie alle, daß diese Buhlerin in ihrem Kreis erscheinen durfte, sich öffentlich mit der Gunst des Fürsten brüstend?

Sie zog ihre Schwägekin stürmisch in ihre Arme und empfand mit ihr, was man derselben getan; ihr war’s, als habe sie der Unglücklichen im Namen ihres Bruders das Geschehene abzubitten.

***

Ein Offizier trat zu dem Grafen Rolm ins Zimmer.

»Herr Graf, Ihr seid frei – auf Befehl des Fürsten bringe ich Euch Euren Degen wieder!«

Wie ein Träumender starrte Siegwart den Friedensboten an und plötzlich strahlte selige Freude aus seinem Gesicht – er ahnte, wem er das zu danken hatte.

Er wurde zum Fürsten befohlen, der ihn fremd und kühl empfing, weil sein Herz grollte, daß der Graf, wie Alinda ihm gesagt, der Tänzerin nachgestellt hatte.

Der Fürst ließ Graf Siegwart hart an und ermahnte ihn, niemals wieder sich in solche Händel einzulassen.

Aus seinem ganzen Wesen erkannte Siegwart, daß er nur gezwungen seine Freiheit ihm gegeben hatte und daß der Fürst ihm nicht mehr dieselbe Huld bewies wie früher.

Nachdem Siegwart entlassen worden war, schritt er sinnend durch den Schloßpark.

Wie froh war er, daß er die Freiheit wieder erlangt hatte und doch lastete der Gedanke wie ein Alp auf ihm, daß ihm nun der Haß des Präsidenten um so erbitterter folgen würde.

Da vernahm er plötzlich einen leisen Schritt und aufblickend, gewahrte er – die Prinzessin.

Ein leiser Freudenschrei entfuhr seinem Munde,

Jetzt gewahrte sie ihn, dunkle Glut ergoß sich über ihr Gesicht.

»Durchlaucht«, stammelte er beglückt. »ich bin frei!«

Ihr Blick ruhte warm und leuchtend auf ihm, der dunkle Schatten, der sie von einander getrennt hatte, war gewichen, sie hatte das Vertrauen zu ihm wiedergewonnen.

»Wie mich das freut«, sprach sie leise voll Bewegung, »Ihr hattet es auch nicht anders verdient!«

»So verdammt Ihr mich nicht, Durchlaucht?« jubelte er leise auf.

»Verdammen?«

Ihr Blick tauchte tief und leuchtend in den seinen.

»Nein, Herr Graf, ich bewundere Euch und freue mich von Herzen, daß Ihr den Mut gefunden habt, ein Mädchen aus dem Volk vor diesem Lüstling zu beschützen! Schlimm genug«, fügte sie bitter hinzu, »daß unseren Kavalieren die Ehre eines Bürgermädchens so wenig gilt! Ihr aber, Herr Graf, habt ihnen gezeigt, welch’ ein köstlich, unantastbar Gut Unschuld und Ehre eines Mädchens sind! Nehmt meinen herzlichen Dank für diesen edlen Ritterdienst!«

»Beate«, jubelte er, wie berauscht vor Glück, auf, indem er seine Knie beugte und ihre herabhängende Hand stürmisch an seine Lippen zog.

»So zürnt Ihr mir nicht mehr?«stammelte er froh bewegt, »und Ihr habt nun das Vertrauen zu mir wiedergewonnen?«

»Vollständig, Herr Graf«, sprach sie mit helleuchtendem Blick, »ich bin stolz darauf, Euch meinen Freund nennen zu können! Der Himmel erhalte Euch so edel, rein und gut– dann werdet Ihr immer Beates Freundschaft besitzen!«

79. Kapitel

Ein vereiteltes Verbrechen

»Im Dunkel der Nacht das Verderben schleicht – 
Hab’ acht! 
Du lächelst? Ist so fest denn Dein Glaube, 
Daß Gott Dich bewacht?«

Kaum war das Fräulein von Thurneck mit dem verunglückten Junker Hans und mit ihren Begleitern im Wald verschwunden, da richtete sich hinter dem Gebüsch ein zitterndes, blasses Mädchen langsam auf.

»O heilige Jungfrau«, stammelte sie in namenlosem Entsetzen, »nun sind die Ärmsten verloren!«

Der rote Zwerg, der in atemloser Spannung neben Käthchen gestanden hatte, nickte, und in seinen Augen begann es unheimlichzu glühen.

»Das war ein glücklicher Zufall, der uns gerade hier rasten ließ!« sprach er mit spöttischem Lächeln. »So ist es uns doch geglückt, wieder einmal einen Blick in die dunkle Seele dieses edlen Fräuleins zu werfen! Doch sage mir, mein Kind – woher kennst Du die Gefangenen in dem Jagdhäuschen?«

Mit fliegendem Atem berichtete ihm Käthchen, wie der Zufall sie dort hinab in den Keller geführt und daß sie den schönen, blassen Jüngling dort unten erblickt hatte.

Die Augen voll Spannung auf die Erzählerin richtend, hatte sich der Zwerg ihr gegenüber auf das Moos niedergelassen und nickte nun ein paar Mal nachdenklich vor sich hin.

»Seltsam, wenn ich mir das Gesicht dieses Jünglings vorstelle, so wie Du es mir beschreibst – dann steigt eine seltsame Ahnung in mir auf. – Und doch – nein, nein, es kann ja nicht sein, es sind ja schon so viele, viele Jahre vergangen, seitdem der arme Junker spurlos verschwand! Und doch –« fuhr er plötzlich auf, »kann nicht ein seltsames Verhängnis ihn gerettet haben?«

Er blickte düster vor sich hin, während es in seinem hageren, blassen Gesicht leidenschaftlich zuckte.

Käthchen hatte in bangem Aufschluchzen das Gesicht in den Händen vergraben.

Sie dachte an den edlen, blassen Jüngling, der so teilnehmend zu ihr gewesen, und der Gedanke, daß er nun in Kunigundes Hände gefallen war, und diese, wie ihr Gesicht es ja so deutlich verraten, auf sein Verderben sann, brachte sie in namenlose Angst.

Zitternd fuhr sie empor und plötzlich sank sie mit einem bangen Schrei vor dem Zwerg wieder nieder.

»Vielleicht könnt Ihr den Unglücklichen retten?« schluchzte sie flehend auf. »Denkt doch, wenn ihn das Fräulein von Thurneck in ihre Macht bekommt, wird sie ihn verderben und er ist noch so jung, so edel und gut. Wenn Ihr ihn sehen würdet, würdet Ihr Mitleid mit ihm haben! O rettet ihn, bringt ihn fort aus dem Jagdhaus, bevor Kunigunde ihre unheilvolle Hand nach ihm ausstreckt und ihn vernichtet!«

Der Zwerg war bei ihrem Flehen jäh zusammengezuckt und blickte jetzt düster auf sie hin.

»Nein, nein, ich kann ihn nicht retten!«murmelte er in grimmigem Ton. »Ich weiß, er ist ein Thurneck und diesem Geschlecht habe ich Rache und Verderben geschworen! Wär’s ein anderer«, fuhr er düster fort, »dann setzt’ ich wohl alles ein, um ihm die Freiheit zu bringen – doch einem Thurneck helfe ich nie und nimmer!«

Mit bangem Schrei verhüllte Käthchen ihr Gesicht, dann sprang sie zitternd empor und rang voll Verzweiflung die Hände.

»O heilige Jungfrau, wenn Ihr ihm nicht helft, dann ist Hubertus, dann ist auch Kunz verloren! Ich kenne das Fräulein von Thurneck, sie wird ihn nicht schonen. O Gott im Himmel, Du weißt es, was der Unglückliche dort unten im Keller schon gelitten, wie der Gram und die Sehnsucht nach Freiheit ihn verzehrt hat, und nun soll er ein so kläglich Ende nehmen – o Du Allmächtiger, das kannst Du nimmer wollen!«

Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, in ihren Augen leuchtete es hell auf, wie eine Erlösung war er ihr gekomrnen und hastig trat sie zu dem Zwerg heran.