Kaviar zum Nachtisch - Norbert Sandmann - E-Book

Kaviar zum Nachtisch E-Book

Norbert Sandmann

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Beschreibung

Dieses Buch erzählt die Biografie von Stefan Fuhrmann, einem Jungen der unter zum Teil schlimmsten familiären Verhältnissen aufwachsen musste. Es zeigt die Perversitäten des Lebens und die Hilflosigkeit gegenüber seinen Peinigern auf. Die Ignoranz der Nachbarn, Verwandten und Bekannten gegenüber dem was sich hinter verschlossenen Türen abspielte. Hier zeigt sich wie die Seele eines Kindes systematisch zerstört wird und wie die ersten Jahre den weiteren Weg im Leben beeinflussen können. Der Blick in die Zeit als Erwachsener, als Vater und Ehemann beschreibt die Auswirkungen auf die Betroffenen. Es zeigt allerdings auch die Wege, die sich Jahrzehnte später auftaten, um die verschiedenen Verhaltensmuster zu durchbrechen. Ihm das permanente schlechte Gewissen zu nehmen und seine Interessen erfolgreicher durchzusetzen und um das Erlebte zu verarbeiten und einzuordnen. Neben den Erlebnissen, denen Stefan ausgesetzt war, gibt dieses Buch einen Einblick in verschiedene gesellschaftlichen Epochen. Der Autor und Herr Fuhrmann lernten sich über eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexualisierter Gewalt auf Facebook kennen. Da beide aus der gleichen Stadt kamen, trafen sie sich zu einem persönlichen Gespräch auf einen Kaffee. Beide waren sich sofort sympathisch, so entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen. Als Stefan von seinem Martyrium erzählte, entstand die Idee seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. In endlosen Stunden interviewte ihn Norbert Sandmann. Stefan gab bereitwillig Auskunft. Bei manchen Passagen fiel ihm das Erzählen zum Teil sehr schwer, so schrecklich waren die Erinnerungen an das Geschehene. Während der Vorbereitungen für diese Lektüre, die eineinhalb Jahre dauern sollten, musste auch der Autor Norbert Sandmann oft genug ein Déjà-vu erleben. Wenn durch dieses Buch auch nur ein sexueller Missbrauch verhindert, ein Kind weniger misshandelt wird, dann haben Stefans Leiden und dieses Schriftwerk seinen Sinn erfüllt.

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Kaviar zum Nachtisch

TitelImpressumWidmungPrologCharaktereVor seiner ZeitAußer Spesen nichts gewesenVati liebte den LedergürtelPeinliches ZeltlagerRichtig oder falsch.MigräneMau MauGeburtstagsgeschenk für MuttiEine Apfelsine für ZweiEingesperrt bei Wasser und BrotVergewaltigt mit achtPrügelstrafeGute Zeiten bei OmiDer DiebSeit 25 Jahren dort in der ErdeVon Kopf bis Fuß kohlrabenschwarzAuf WanderschaftFrondienstEine Blutlache auf dem KissenStefan bekam StielaugenGeschmack von Freiheit und AbenteuerWohlgeformte RundungenBomben für SchweinfurtAbschiedsbriefHerr über die MörtelmischmaschineStefan wehrte sichWenn man nicht fahren kannZucht und Ordnung beim BundLiebe BlickeFeigheitEndlich, eine FreundinSag bloß, ihr kommt aus dem WestenEntscheide dichVenedig adeVier Wochen übertragenIm Stich gelassenWenn die Panik aufkommtBeide Körper bebten vor ErregungEin KäffchenKir RoyalHinab ins Tal der RhoneÜber die Hochebene von ToledoNur die besten FahrerNotoperationVersagerIhre Mutter eine MessiNeue ZeitrechnungStefan hält die Türe angelehntFreund und VertrauterEs knisterte die Luft vor ErotikI wonder whyDas GeständnisDu kannst nicht kochenErotik purBandscheibenvorfallWieder andere Leute wichtigerGesprengte KettenMobbingEin fröhlicher MenschPsychosomatikSchmerzbehandlungEpilogLiteraturverzeichnis

Norbert Sandmann

Kaviar zum Nachtisch

Hineingeboren in eine sch… Familie

Sachbuch / Biografie

Impressum

Texte:

© 2021 Copyright by Norbert Sandmann

Umschlag:

© 2021 Copyright by Heike Sandmann

Lektorat:

Wilma Kreßmann; Heike Sandmann

Verantwortlich für den Inhalt:

Norbert Sandmann

Von-Steinau-Str. 8

D-97502 Euerbach

[email protected]

Druck:      

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Widmung

 Dieses Buch ist all den Kinderseelen gewidmet deren Leben bereits seit jungen Jahren unter dem sexuellen, psychischen und physischem Missbrauch leiden. Es richtet sich unter anderem an Menschen, die noch immer glauben, Kinder wollten den Sex mit ihnen, den Erwachsenen. Es richtet sich an die Konsumenten der Kinderpornos, deren Nachfrage den Nährboden für den Missbrauch bereiten. Es richtet sich ebenso an Nachbarn, Verwandte und Freunde die ihre Augen vor dem Offensichtlichen verschließen.

Prolog

 Dieses Buch erzählt die Biografie von Stefan Fuhrmann, einem Jungen der unter zum Teil schlimmsten familiären Verhältnissen aufwachsen musste. Es zeigt die Perversitäten des Lebens und die Hilflosigkeit gegenüber seinen Peinigern auf. Die Ignoranz der Nachbarn, Verwandten und Bekannten gegenüber dem was sich hinter verschlossenen Türen abspielte. Hier zeigt sich wie die Seele eines Kindes systematisch zerstört wird und wie die ersten Jahre den weiteren Weg im Leben beeinflussen können. Der Blick in die Zeit als Erwachsener, als Vater und Ehemann beschreibt die Auswirkungen auf die Betroffenen. Es zeigt allerdings auch die Wege, die sich Jahrzehnte später auftaten, um die verschiedenen Verhaltensmuster zu durchbrechen. Ihm das permanente schlechte Gewissen zu nehmen und seine Interessen erfolgreicher durchzusetzen und um das Erlebte zu verarbeiten und einzuordnen. Neben den Erlebnissen, denen Stefan ausgesetzt war, gibt dieses Buch einen Einblick in verschiedene gesellschaftlichen Epochen.

  Der Autor und Herr Fuhrmann lernten sich über eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexualisierter Gewalt auf Facebook kennen. Da beide aus der gleichen Stadt kamen, trafen sie sich zu einem persönlichen Gespräch auf einen Kaffee. Beide waren sich sofort sympathisch, so entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen. Als Stefan von seinem Martyrium erzählte, entstand die Idee seine Lebensgeschichte niederzuschreiben.

  In endlosen Stunden interviewte ihn Norbert Sandmann. Stefan gab bereitwillig Auskunft. Bei manchen Passagen fiel ihm das Erzählen zum Teil sehr schwer, so schrecklich waren die Erinnerungen an das Geschehene. Während der Vorbereitungen für diese Lektüre, die eineinhalb Jahre dauern sollten, musste auch der Autor Norbert Sandmann oft genug ein Déjà-vu erleben.

  Wenn durch dieses Buch auch nur ein sexueller Missbrauch verhindert, ein Kind weniger misshandelt wird, dann haben Stefans Leiden und dieses Schriftwerk seinen Sinn erfüllt.

Charaktere

Vater Johann war ein ekelhafter Choleriker, der immer Angst und Schrecken in der Familie verbreitete. Wer noch die Seifenoper „Ein Herz und eine Seele“ mit dem Hauptdarsteller „Ekel Alfred“ kennt, die in den 1970er Jahren im Fernsehen lief, kann sich ungefähr vorstellen wie sehr die Sippe unter ihm zu leiden hatte. Nur mit einem entscheidenden Unterschied, es gab in der Fernsehserie keine Gewaltexzesse. Er hatte zwei Gesichter, das Eine war sein Outdoorface, mit ihm zeigte er sich außerhalb der Wohnung als liebevoller Familienvater. Es gab noch das andere Gesicht. Seine wahres Fratze kam immer dann zum Vorschein, wenn er seine Maske ablegte. Diese legte er in seinen vier Wänden beinahe immer ab.

 Mutter Helma war eine lieblose Frau deren eigene Interessen über denen ihrer Kinder stand. An erster Stelle, so erlebte Stefan seine Mutti, war das Ansehen, welches irgendwelche Menschen auf sie und ihre Familie haben könnten. Wenn sie sich auch um die materiellen Dinge kümmerte, so konnte sie die Nestwärme welche Kinder eben zur Entwicklung brauchen, nicht geben. Sie schaffte es, ihrem Sohn Stefan ein schlechtes Gewissen von frühester Kindheit bis in die Gegenwart zu vermitteln.

 Onkel Edwin war ein Mensch, der immer wusste, was richtig war, richtig war immer das was seiner Meinung entsprach, diese musste er alle anderen aufdrängen. Wehe dem, der seinen Ansichten widersprach. In den frühen Jahren von Stefans Leben war er irgendwo auch ein Ersatzvater, er konnte immer zu ihm kommen und auch in späterer Zeit, wenn er praktische Hilfe benötigte. Am besten fuhr seine Gegenüber, wenn sie nicht groß Widerrede gaben und sich stattdessen ihren Teil dachte. Mit Kritik konnte er noch nie umgehen, da reagierte er schnell ungehalten und war oft genug tagelang gekränkt wie ein kleines Kind.

 Am allermeisten musste Tante Odilie seine Frau darunter leiden. Auch als Onkel Edwins betagtes Auto ein Teil verlor. Es war ein BMW der 7er Reihe, ein ehemaliges Chauffeur-Fahrzeug. Es hatte schon bessere Zeiten gesehen, der durchgerostete vordere rechte Kotflügel hatte ein großes Loch auf der Oberseite. Onkel Edwin, der Bastler hatte das Ganze mit einem angepassten Alublech repariert. Dazu wurde es entsprechend mit dem Hammer gebogen und mit Nieten befestigt, Farbe drüber und fertig.

 Nun fuhr Tante Odilie mit dem Auto als sie von einem Klirren irritiert wurde. Was war geschehen? Vom linken Außenspiegel hatte sich das Spiegelglas gelöst und fiel mit Gescheppere auf die Straße, nun es war danach gesplittert und somit nicht mehr zu reparieren. Tante Odilie wusste was los sein würde, wenn sie nach Hause kommt, da war es auch egal, ob sie etwas dazu konnte oder nicht. Onkel Edwin fing an zu toben und beschuldigte seine Ehefrau mit den Worten „wie kann man nur so blöd sein und den Spiegel verlieren“. Er sprach eine Woche nichts mehr mit Tante Odilie.

 Oder als seine Lesebrille zu Bruch ging, er hatte sie selbst auf einem Stuhl abgelegt. Tante Odilie, sie war bereits Dement setzte sich schier auf diesen Platz und ein Knacken verriet, dass das Nasenfahrrad zerbrach. Wieder war das Geschreie und die tagelange Missachtung groß. Ein anderes Mal fuhr er rückwärts aus seiner Garage heraus und übersah das auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkte Fahrzeug von Stefans Mutter Helma. Er sprach mehrere Wochen kein Wort mehr mit ihr, denn wie dreist konnte sie sein, ihren Mercedes dort abzustellen. Hätte er genauso reagiert, wenn statt dem Auto ein kleines Kind dort gestanden hätte?

 Einmal schmiss er Stefan aus seinem Haus, er hatte sich für Tante Odilie eingesetzt. Zum Bruch zwischen den beiden kam es, als er Stefans damalige Verlobte Julia beim Gassigehen abfing, sie maßregelte und beschimpfte. Erst die Einschaltung eines Rechtsanwaltes konnte für Ruhe sorgen.

 Ludwig, Stefans Bruder hatte als Kind unter dem Vater sehr zu leiden, trotzdem oder vielleicht auch deshalb entwickelte er sich zu einem Menschen mit stark übersteigertem Geltungsbedürfnis. Er wollte von allen bewundert werden, darum entwickelte er sich zum Angeber mit Heiligenschein. Seine erste Schwiegermutter brachte es immer auf den richtigen Punkt. Sie pflegte zu sagen, wenn sie über ihn sprach, „mehr Schein als Sein“, wie recht sie hatte.

 Er kaufte sich liebend gerne Getreue, die, wenn der Geldfluss versiegte sich nicht mehr blicken ließen. Seine in „Freunde“ taten es ihrem Gönner gleich, denn auch er ließ nichts mehr von ihm sehen oder hören, wenn seine Mutter ihn am meisten gebraucht hätte.

 Menschen die ihm nahe standen, erniedrigte er leidenschaftlich gerne, am liebsten in Anwesenheit Unbeteiligter. So auch, Stefan war dabei, als er seine erste Frau eine zierliche Person mit einem knabenhaften Körper vor der Familie demütigte.

 Stefan konnte sie gut leiden, sie solle mal Frau Müller mit dem großen Busen ansehen, sie wäre ein richtiges Eheweib für einen Mann, nicht so wie sie mit den Minibrüsten. Es ging ihm dabei nicht wirklich um ihre Figur, sondern einzig und alleine um die Demütigung.

 Dabei stand er, wie sich im weiteren Verlauf seines Lebens zeigen sollte, eben auf Frauen mit knabenhaften Figuren und blankem Intimbereich. Wenn sie dann noch dankbar und unterwürfig rüberkommen, so waren sie wie für ihn gemacht.

 Eine der letzten Partnerinnen von denen Stefan erfahren hatte, war eine junge Frau aus Zentralafrika. Gemäß Ludwigs Aussage seien die Afrikanerinnen besonders „dankbar“. Was Stefan sonst noch von seinem Bruder über die Frau erfuhr, war nichts über Charakter und Wesen, nein das einzige, was er immer wieder ansprach, war das rosa Fleisch in ihrem Intimbereich. Der Kontrast hier war offensichtlich das Einzige für das er sich interessierte. Wie erbärmlich.

 Omi, Stefans Oma mütterlicherseits war eine Frau mit großem Herzen. Er erlebte sie als fürsorgliche und liebevolle Großmutter, der er sich hatte oft genug anvertrauen können. Sie wusste mehr über ihren Enkel als ihre Tochter Helma, seine eigene Mutter. Gerne erinnert er sich an die gemeinsamen Zeiten mit ihr, wenn er als Kind von ihr täglich ein Glas Rotbäckchen Saft bekam oder er immer den Topf mit den Puddingresten ausschlecken durfte. Das macht Stefan übrigens noch heute so und es wird ihm jedes Mal ganz warm um sein Herz, wenn er dabei an seine verstorbene Omi denkt.

 Barbara, seine erste Frau, hatte von beiden Elternteilen die Wesenszüge geerbt. Wenn auch ihr Vater ein Mensch mit Allgemeinbildung war und sich eher ruhig und leise verhielt, so war er dem Alkohol, besonders dem Bier sehr angetan. Die Mutter dagegen streitsüchtig und ansonsten eher einfacherer Natur.

 Nun hatte Barbara von beiden etwas geerbt, von ihrer Mutter hatte sie den Hang zum Streiten und vom Vater das Suchtproblem.

 Julia hat ihr großes Herz an der richtigen Stelle. Sie ist eine sensible Frau und steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Als Tier- und Umweltschützerin weiß sie genau worauf es im Leben ankommt.

Vor seiner Zeit

 Um so manche Verhaltensweisen von Stefans Erzeuger, Jahrgang 1933 und 1934 verstehen zu können, muss ich in deren Vergangenheit, die Zeit, in die sie hinein geboren wurden, näher betrachten. Es war die dunkle Epoche des Nationalsozialismus, eine Periode in der Sprüche gedeihen sollten wie „Was uns nicht tötet, macht uns nur um so härter“ oder „In unseren Augen muss die deutsche Jugend der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“.1)

  So sollte die „Deutsche Elite“ herangezogen werden, so wollten es ein gewisser Herr Adolf Hitler und seine Schergen. Wie konnten die Nazis am besten Einfluss auf den Nachwuchs und Jugendlichen unserer Großeltern und Urgroßeltern nehmen? Ganz einfach und irgendwie genial, sie gründeten die „Hitlerjugend“ und den „Bund Deutscher Mädels“ kurz HJ und BDM zu denen fast alle Kinder beitreten mussten. Alle anderen existierenden Jugendbewegungen wurden verboten. Ausgenommen waren Kranke, Schwache und Juden, also nur wertvolle, starke Kinder im Auge der Nationalsozialisten. Diese Zöglinge konnten spielerisch im Sinne des Nationalsozialismus erzogen werden. So forderte das NS-Regime seine Mütter auf ihre Babys emotionslos und bindungsarm zu erziehen und ihre Bedürfnisse zu ignorieren.2)

  Wie man heute weiß, hatte gerade diese Generation der so erzogenen Kinder, Probleme ihre eigenen Nachkommen liebevoll zu erziehen. Stattdessen wurden die alten Erziehungsmethoden der Nazis weiter angewandt.3)

  Viel ist über die frühen Jahre Stefans Erzeugers, der im vormaligen Schlesien (heute Polen) aufwuchs, nicht bekannt. Nur soviel, dass er im Alter von 12 Jahren mit Mutter und Schwester 1945 vor der herannahenden russischen Front in das Gebiet der ehemaligen DDR floh. Er lernte als Volkspolizist der kasernierten Volkspolizei (KVP) Stefans Mutti Helma kennen.

  Helma wuchs im Sudetenland auf und gerade hier waren die fanatischsten Anhänger der Nationalsozialisten zu finden. Das Sudetengebiet waren nicht zusammenhängende Regionen auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei entlang der Grenze von Deutschland und Österreich. Sie erstreckten sich im Norden von Schlesien über Sachsen und Bayern bis nach Österreich. Als das Areal 1938 durch die Besetzung der Sudetengebiete durch die Deutsche Wehrmacht „heim ins Reich geholt wurde“ (Originalton 1938), lebten hier ca. 3,63 Millionen überwiegend Deutsche, was auch die große fanatische Anhängerschaft der Sudeten zu Hitler offenlegte.

  Das Verhältnis seiner Mutter zu seiner Oma ist so zu erklären. Hier wurde wohl die Doktrin der emotionslosen Erziehung zu genau genommen.

  Dieselbe Erziehungsmethode übertrug sie später auf Stefan. Auch musste sie mit ihrer Mutter, 1945 im Alter von 11 Jahren ihre Heimat von einem Tag auf den Anderen verlassen und wurde ins heutige Sachsen vertrieben. Eigenen Angaben zufolge musste die elfjährige Helma nicht das Schicksal zehntausender anderer Mädchen und Frauen teilen, eine Vergewaltigung durch die neuen Machthaber blieb ihr erspart.

  Nach dem sich seine Eltern kennenlernten und heirateten, kam sein älterer Bruder Ludwig als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zur Welt. Im Herbst 1959, also noch vor dem Bau der Berliner Mauer 1961 bestiegen seine späteren Erziehungsberechtigten den Zug von Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) in die Hauptstadt der DDR nach Berlin. Mit leichtem Gepäck und immer die Angst im Nacken in eine Kontrolle zu geraten. Eine Überprüfung hätte zum Ende der Flucht geführt und die Verhaftung mit einer jahrelangen Zuchthausstrafe bedeutet.

  In Berlin angekommen gingen sie zu Fuß über die Sektorengrenze vom russischem Bereich nach West-Berlin, in den amerikanischen Bezirk. Wie bereits erwähnt stand zu diesem Zeitpunkt der „Antifaschistische Schutzwall“, wie er offiziell in der Deutschen Demokratischen Republik hieß, noch nicht. Allerdings wurden Passanten von DDR-Soldaten kontrolliert. Nach der Registrierung im Berliner Notaufnahmelager Marienfelde ging es direkt zum ehemaligen Flugplatz Berlin-Tempelhof um von hier aus nach Frankfurt a.M. zu fliegen.

  Hier wurden beide bereits von Onkel Edwin erwartet, dessen Familie erst einmal Unterschlupf gewährte. Ein paar Tage vorher reiste seine Omi mit seinem Bruder Ludwig per Interzonenzug und entsprechendem Visum nach Hof in Bayern. Rentner und kleine Kinder durften zu diesem Zeitpunkt aus der DDR in den Westen ausreisen.

  Hintergrund, dass Rentner ausreisen durften, war für die Machthaber in der DDR, auch Ostzone genannt, Ruheständler waren wirtschaftlich wertlos. Im Gegenteil sie kosteten dem Staat nur Geld, wie etwa die Rente. Daher hofften die Kommunisten in der Ostzone, dass möglichst viele Rentner im Westen bleiben würden.

  Nun am Bahnhof von Hof mit Enkel und Koffer angekommen wurden sie auch von Onkel Edwin abgeholt und kamen so in den fränkischen Ort Schoningen im Norden von Bayern. Hier hatte sich bereits eine ihrer Schwestern mit Familie niedergelassen. Jetzt kamen noch seine Eltern dazu, auf engstem Raum wurden sie untergebracht, es war erst einmal ein Provisorium. Nach einigen Monaten fand seine Oma eine kleine Wohnung bei Nachbarn und die Eltern zogen in eine Neubauwohnung in eine andere Ortschaft, ca. 12 km entfernt.

Außer Spesen nichts gewesen

Stefans Vater war im höchsten Maß unberechenbar, ein richtiger Choleriker, jähzornig und sehr leicht erregbar. Er konnte gut gelaunt sein, doch reichte oft ein nichtiger Anlass, um im wahrsten Sinne des Wortes zu explodieren. Er terrorisierte die ganze Familie. Nicht nur das, seine sadistische Ader zeigte sich immer wieder einmal. So zum Beispiel als Ludwig seinem Bruder Stefan ins Gesicht schlagen musste, damit er, der Vater ein gelungenes Bildmotiv von seinem weinenden Sohn hatte.

 Für das Familieneinkommen musste in erster Linie die Mutter sorgen, da der Vater es bei keinem Arbeitgeber lange aushielt und er zudem, sagen wir es mal so, ziemlich faul war.

 Während der Zeit im Westen, so wurde die Bundesrepublik Deutschland genannt, von 1959 bis zu seinem Tod 1972 hatte er so manche Arbeitsstelle inne. Mal war er in einer großen Fabrik beschäftigt, wo er mit dem Stress der Akkordarbeit nicht klar kam, dann versuchte er sich als Vertreter von Versicherungen. Auch als Tankwart verdiente er sein Geld und zum Schluss als Vertreter für Klebefolien.

 Wie erfolgreich er als Vertreter war, konnte man an seinem Lieblingsspruch erkennen, den er nur allzu oft nutzte, wenn er am Wochenende heim kam, „außer Spesen nichts gewesen“. Das sollte heißen, keine Umsätze von Bedeutung, nur Verpflegungsgeld und Übernachtungsgeld. Einer der Hauptgründe warum ihm der Beruf des Vertreters so gut gefiel waren wohl die, dass er leidenschaftlich gerne Auto fuhr und er unterwegs seinem Hobby nachgehen konnte. Sein Steckenpferd waren unter anderem Nutten, Cabarets und ausgefallene Sexspiele, jedenfalls prahlte er oft genug seinen Kindern gegenüber davon, aber davon später mehr.

Vati liebte den Ledergürtel

Die Mutter brachte das Geld zum Leben nach Hause und versorgte so die Familie. Ihr war es immer sehr wichtig was Andere über sie und ihre Angehörigen denken könnten, deshalb musste auch immer der Schein gewahrt sein. Versorgt wurden die Jungs von ihr mit Lebensmittel, Kleidung und all den Sachen die Kinder so brauchen, doch an nötiger Liebe, Nähe und Wärme fehlte es zum Leidwesen ihres Nachwuchses gänzlich.

Wenn die Jungs vom Vater wiedermal verprügelt wurden, verhielt sich ihre Mutter wie immer ganz ruhig damit sie nicht auch noch ihre Schläge abbekam. Stefan musste sich mit heruntergelassener Hose und nacktem Hinterteil bäuchlings auf den bereitstehenden Hocker legen. Wenn der Vater dann seinen Ledergürtel aus seiner Hose zog und ihn knallen ließ, spätestens dann fing der Junge an vor Angst zu zittern. War er der Tyrann wieder einmal besonders pervers drauf, dann ließ er zwischen den einzelnen Hieben eine Weile vergehen bis der nächste Schlag auf Stefans Kinderpopo niederknallte. Zwischendurch ließ er meist einen undefinierbaren Ton aus seinem Mund zischen, der den nächsten Schlag ankündigen sollte. Nun erwartete Stefan den nächsten Hieb, doch der kam nicht. In dieser Zeit bis zum Aufschlag auf dem kleinen Hintern litt der Junge Todesängste. Um das Maß zum Überlaufen zu bringen, musste klein Stefan jeden einzelnen Schlag mitzählen. Wehe dem er brachte die richtige Anzahl vor Schmerzen nicht laut genug aus seinem kleinen Mund, ja dann gab es extra Hiebe. Die gellenden Schmerzensschreie jedes Mal, wenn der Ledergürtel auf den nackten Hintern von Stefan oder Ludwig aufschlug und erneut schmerzende Spuren der Gewalterziehung hinterließ, sollten sich in seinem Gedächtnis förmlich einbrennen. Ob der Peiniger danach Spermaspuren in seiner Feinrippunterhose hatte vermag Stefan nicht behaupten, doch vorstellen kann er es sich heute. Auch die Backpfeifen, bei denen der Kleine durchs Zimmer flog, nahm die Mutter als gegeben hin.

Während andere Mütter sich schützend vor ihre Sprösslinge stellten und Konsequenzen zogen, indem sie die Flucht mit ihren Zöglingen wählten, achtete sie nur darauf so wenig wie möglich selbst verprügelt zu werden. Wenn auch in den 1960er Jahren die Frauen geringere Rechte hatten als heutzutage, hätte gerade sie die Möglichkeit gehabt kurzfristig bei ihrer Verwandtschaft mit den Kindern unterzukommen.

Nicht selten war auch nur sie das Ziel seiner Wutausbrüche und die beiden Kinder hatten dafür ihre Ruhe. Ihren Frieden hatten sie nur in Form von körperlicher Gewalt, die Psyche litt jedes Mal mit. Die Situationen waren mehr als belastend für alle. Stefan zog sich dann immer ängstlich zurück und hoffte auf ein baldiges Ende von Geschrei und Gewalt. Ihre Langzeitschäden an der Psyche waren nachhaltig. Die Angst schwang bei Stefan immer mit, da war es egal wer von den dreien gerade Prügel bezog. Er war sehr lange ein Bettnässer, was zusätzlich die Psyche belastete. Seine Selbstzweifel wurden enorm groß.

An alles in früher Kindheit konnte Stefan sich nicht erinnern. Eines seiner ersten negativen Erfahrungen, die ihm in seiner Erinnerung haften geblieben sind, ist eine Begebenheit im Schwimmbad. Es dürfte im Alter von vier bis fünf Jahren gewesen sein als die Familie an einem heißen Sommertag im örtlichen Freibad zum Baden und Planschen war. Stefan konnte nicht schwimmen und verbrachte daher etwas Zeit mit seiner Mutter am Planschbecken für die Kleinsten. Etwas Zeit deshalb, weil es seiner Mutti dort nicht gefiel, sie legte sich lieber auf die ausgebreitete Decke von wo aus sie das Schwimmerbecken mit seinem 10 Meter Sprungturm und den Springern beobachten konnte.

Stefan hatte leider nicht besonders viel Gelegenheit zum Spielen im Wasser. Sein Vater kam auf die Idee mit seinem Jüngsten zum Nichtschwimmerbecken zu laufen. Stefan gefiel es dort nicht, denn das Bassin war für ihn zu tief, zudem hatte er schon so eine Ahnung. Trotzdem nahm sein Vater ihn den kleinen Mann auf den Arm und ging mit ihm an den Beckenrand, Der Junge schrie bereits wie am Spieß, denn er wusste was kommen würde.

Während sich Stefan am Hals seines Vaters festhielt, löste der die Umklammerung und warf ihn in hohem Bogen ins Wasser. Als sein Sohn ins Nasse klatschte und unterging, bekam er Panik, schluckte noch mehr Wasser, kam wieder an die Luft, schrie erneut und es kam noch mehr Flüssigkeit in die Lunge. Stefan stand Todesängste aus als im nächsten Moment der kleine Körper gepackt und aus dem Schwimmbecken gehoben wurde, es war sein Vati, der ihn vorm Ertrinken gerettet hatte. Es dauerte eine ganze Weile bis sich der kleine Mann wieder beruhigte. Es sollte noch Jahre brauchen, bis Stefan die Angst vorm tiefen Wasser verlor und das Schwimmen trotz zweier Schwimmkurse nicht lernte.

Sein späterer Klassenlehrer Herr Schmidt, der für Stefan wie eine Art Vaterersatz war und der ihn ab der siebten Klasse, da war Stefan dreizehn, positiv beeinflusste. Er nahm sich die Zeit, seinem Schüler das Schwimmen beizubringen und ihm die Angst vorm tiefen Wasser zu nehmen. Durch den positiven Einfluss konnte dank Herrn Schmidt, Stefan langsam lernen was falsch und richtig war. Manchmal schickt das Schicksal zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen.

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis hatte Stefan als er fünf Jahre alt war. Eines Morgens wachte er auf und wusste nicht, wo er sich befand. Ein Bein tat ihm weh und es fühlte sich seltsam schwer an. Vorsichtig langte er unter die Bettdecke, es war etwas Hartes außen am Bein. Was war los, das Bett kannte er nicht und es waren noch andere Kinder im Zimmer. Stefan war verstört, er fing an zu weinen, weil er es mit der Angst zu tun bekam. Es dauerte nicht lange und die Türe zu dem seltsamen Raum öffnete sich und eine Nonne kam auf ihn zu, um ihn zu beruhigen. Als Stefan endlich wieder ruhiger wurde, erklärte die Frau in ihrer blau weißen Tracht, sie hieß Schwester Edelgard, was passiert war. Er hatte einen schweren Autounfall bei dem sein rechtes Bein gebrochen wurde, dass nun vom Fuß bis zum Oberschenkel eingegipst war.

Wie Stefan erst ein paar Tage später erfuhr, wollte er über die viel befahrene Straße vor seinem Haus laufen und rannte genau in ein fahrendes Auto. An den Unfalltag kann er sich bis heute nicht erinnern, er ist aus seinem Gedächtnis gelöscht. Was damals fast noch schlimmer als der Gips am Bein war, dass von seiner Familie niemand in das Krankenzimmer durfte. Den anderen Kindern ging es genauso.

Die Besucher durften nur durch eine kleine Scheibe in der Türe zu ihren Kindern gucken. Von innen sah man dann das jeweilige Gesicht, aber nur dann, wenn sich nicht die Sonne in dem Fenster spiegelte. Wer weiß heute noch warum man das damals den Kindern angetan hatte. Jedenfalls gab es da immer wieder schreckliche Szenen, vor allem wenn Neulinge ins Krankenzimmer kamen. Bei Stefan machte man dann ziemlich schnell eine Ausnahme, da er für mindestens ein viertel Jahr dort bleiben musste. Daher fuhren ihn die Schwestern mit seinem Bett jeweils an den Sonntagen raus auf den Gang, damit er die Besuchszeit mit seinen Eltern, Großeltern und seinem Bruder verbringen konnte. Im Nachhinein betrachtet hatte die Zeit im Krankenhaus auch etwas Gutes, es gab weder Geschrei noch Prügelstrafen.

Peinliches Zeltlager

Hat Stefan in dieser Zeit des Krankenhausaufenthaltes in sein Bett eingenässt? Er kann es heute nicht mehr sagen. Jedenfalls sollte es bei ihm sehr lange anhalten. Das letzte Mal, dass sich seine Blase im Schlaf entleerte war mit zehn Jahren auf einem Jugendzeltlager im Westerwald.

Das war ihm dermaßen peinlich, dass er sich vor lauter Scham nicht aus seinem Schlafsack heraus traute. Erst als alle Anderen das Zelt verlassen hatten, suchte er aus seinem Rucksack frische Klamotten und dabei war er immer auf der Hut, dass ihn niemand dabei erwischte. Entdeckt zu werden, wäre für ihn der Supergau gewesen. Die anderen Kinder im Lager, es waren so an die einhundert, hätten für den Rest der Ferienzeit mit dem Finger auf ihn gezeigt und ihn ausgelacht. Das kannte Stefan zur Genüge von zu Hause.

Da Stefan seinen Schlafsack nicht zum Trocknen aufhängen konnte, dann wäre sein Einnässen allen aufgefallen, machte er seine Bettstätte wie jeden Tag und hoffte, das bis zum Abend alles wieder trocken ist. Zur Nachtruhe zog er den Reißverschluss seiner Penntüte vorsichtig auf, oh Mist, er war immer noch klamm, also musste er noch eine Nacht im feuchten Schlafen. Stefan war dank seines Vaters bereits zum Gespött der Anderen geworden. Was war dieses Mal schiefgelaufen?

Das Zeltlager war ein Themenlager, das Thema waren die Wikinger, Zelte, Ausrüstung und die Verkleidung sollten in diesem Stil sein. Jeder Teilnehmer musste ein rundes Wikingerschild und ein entsprechendes Schwert aus Holz mitbringen.

Stefans Vater baute für seinen Sohn die entsprechenden Ausrüstungsgegenstände, das Schwert war ja auch in Ordnung und recht gut anzusehen. Doch beim Schild ging sein Erzeuger einen eigenen Weg, anstatt wie angegeben ein rundes Schild zu fertigen, machte er, der Vater es sich einfach. Er nahm ein rechteckiges Sperrholzbrett befestigte auf der Rückseite eine Lederschlaufe, durch die der Unterarm gesteckt wurde und als eigentliche Halterung nutzte er einen Metallgriff, den er anschraubte. Die Griffe waren brauchbar und praktisch, doch die Form des Schildes sollte absolut nicht den Vorgaben entsprechend aussehen. Farblich wurde es Giftgrün ohne jegliche Verzierungen angestrichen und zur Krönung bekam es noch einen Schriftzug, „Stefania“ die weibliche Form von Stefan. Ihm gefiel das überhaupt nicht, doch einen Widerspruch traute er sich aus verständlichen Gründen nicht.

So ging es dann auf Zeltlager, die jeweiligen Zeltbewohner sollten nun ihre Schwerter und Schilder neben den eigenen Zelten aufstellen. Er durfte seines ganz zum Schluss etwas versteckt positionieren, so peinlich war es ausgefallen.

Der Spott über die Zeitspanne von zwei Wochen war mehr als deprimierend, zum einen wegen der Form des Schildes, zum anderen hänselten ihn andere Kinder als Mädchen. Viele Freunde hatte er in der Zeit nicht. „Recht herzlichen Dank lieber Vati, das hast du wieder gut hinbekommen.“

Richtig oder falsch.

Das Schlimmste an der Erziehung, wenn man überhaupt von einer Erziehung sprechen kann, war der Umstand, dass die beiden, Ludwig und Stefan nie wussten, ob das was sie taten richtig oder falsch war. Was heute Lob oder Anerkennung bedeutete konnte schon morgen eine drakonische Bestrafung hervorrufen. Ludwig und Stefan lebten quasi in einem Vakuum zwischen gut und böse, von Strafe und Belohnung.

Stefan verdeutlichte das an einem Beispiel, welches ihm in seinem ganzen Leben in Erinnerung blieb und aufzeigt in welchem Dilemma er sich befand. Er hatte unter den Schulkameraden gerne mal die große Klappe, vor allem wenn seine Freunde in der Nähe waren. Er hatte das Glück, dass ihn seine wirklichen Kameraden immer beschützten. Wenn ihn Andere verkloppen wollten, weil er wieder einmal frech war, so standen seine Kumpels schon bereit, um ihrerseits seinem Gegenüber eine Abreibung zu verpassen. Stefan konnte sich sehr viel herausnehmen.

Allerdings wenn die Gegner ihn dann einmal alleine erwischten, musste er beide Beine in die Hand nehmen und davon rennen. Gut manchmal war er dann zu langsam und bekam die Hiebe ab.

So kam es dann auch dass er auf dem Nachhauseweg von der Schule zwei Schwestern begegnete, die Ältere war, so schätzte er zwei Klassen über ihm und die Jüngere eine Klasse unter ihm. Nun kam es, dass er mutig wurde und die Beiden auf dem Heimweg hänselte und frech wurde. Die Größere der beiden Mädels wollte sich das nicht bieten lassen und drohte ihm Schläge an. Es ging so weit, dass Stefan es doch etwas mit der Angst zu tun bekam und zum Selbstschutz sein Lineal aus der Büchertasche holte. Lineale der damaligen Zeit waren nicht wie heute aus Plastik, nein das waren Holzlineale mit einer Schiene aus Aluminium, was wenn man es als Waffe benutzte recht starke Schmerzen verursachen konnte. Nun drohte er den Beiden seinerseits, doch leider spielte sich das Ganze in seiner Straße ab und zu seinem Unglück war sein Vati zu Hause und ging einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach, dem Leute beobachten. Er schaute aus dem Wohnzimmerfenster heraus auf den belebten Verkehrsweg und beobachtet die Menschen wie sie durch die Gegend hetzten während er sich einen Faulen machte. Stefan sah zu ihm hoch und dann wieder zu den Mädels, während sein Vater sich köstlich über die Situation amüsierte.

Er stand da und wusste nun nicht mehr wie er sich verhalten sollte. Schlug er mit dem Lineal nicht zu, konnte es passieren, dass er vom Gott Vater als Feigling gehänselt würde und somit wieder einmal zu seinem Gespött wurde. Wenn Stefan zuschlug, konnte er im geringsten Fall das Lob des Vaters erwarten oder noch schlimmer, Schläge kassieren, weil er auf die zwei Mädchen eingeschlagen hatte. Wie er es auch anstellte, eine Lösung fiel ihm nicht ein. Stefan entschloss sich das Weite vor den Mädchen zu suchen und hinter seiner Haustüre zu verschwinden.

Oben in der Wohnung angekommen erwartete er schon das Schlimmste, sein Erzieher stand schon hinter der Wohnungstüre und wartete auf ihn. Als er ihn sah, fing er sofort an ihn zu hänseln und über ihn zu lachen, was er doch für ein Weichei sei sich von Mädchen verjagen zu lassen. Seiner Auffassung nach hätte er die Beiden auf offener Straße verdreschen sollen aber so war Stefan in seinen Augen nichts weiter als eine Memme. Wenn dies auch in der Seele weh tat, so war es immer noch besser als von ihm wieder verprügelt zu werden.

Ein anderes Mal, Stefan war in der 2. Klasse, stieg er auf ein Fahrrad eines größeren Schülers, dass im überdachten Ständer stand. Dort waren die Räder in einer Art Schiene. Stefan spielte Radfahren und simulierte wilde Kurvenfahrten, hey, war das eine Freude. Als die große Pause vorbei war, ging er mit seinen Klassenkameraden in den Unterrichtsraum.

Am nächsten Tag wollte er das Spiel mit dem Fahrrad fortsetzen, als er von ein paar größeren Jungs gepackt und vom Rad gezerrt wurde. Er wusste nicht wie ihm geschah, riefen doch einige, das ist er, der war es und führten ihn quasi wie einen Schwerverbrecher ab und brachten ihn in ein Klassenzimmer zu einem Lehrer, Stefan kannte ihn nicht. Nun klärte sich alles auf, hatte er doch durch sein Spiel mit dem fremden Rad, die Speichenräder verbogen, es waren wie man sagt Achter drin und somit mussten sie repariert werden. Es wurde der große Bruder Ludwig geholt, die Adressdaten aufgenommen, dann konnte Stefan wieder gehen. Nun hatte er zu Hause schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Als es Ludwig dem Vater erzählte, was sein kleiner Bruder so fürchterliches angestellt hatte, reagierte der ganz anders als erwartet. Er lachte sich einen Ast und die ganze Sache war vergessen. Ja auch das konnte Johann sein Vater sein.

Niemand konnte im Voraus nachvollziehen wie er wann reagieren würde. Am Schlimmsten war es für Stefan, wenn er wusste, dass sein Vater, Erzeuger, Sadist oder wie auch immer zu Hause war. Dann mussten alle dermaßen vorsichtig die Stimmung ausloten, welche Laune der Hausherr hatte. Jedes Mal, wenn Stefan an der Wohnungstür klingelte oder später als er einen Schlüssel hatte, selbst aufschloss, bekam er Herzklopfen und ein ganz schlechtes Gewissen. Wenn er dann merkte, dass sein Vati gut gelaunt war, konnte er erleichtert durchatmen. Aber wehe er hatte schlechte Laune, dann begrüßte Stefan seinen Vater freundlich, um sich dann sofort in das Kinderzimmer zu verdrücken. Selbst dort vermied er alles, was seinen Erzeuger hätte auf die Palme bringen können. Stefan befand sich dann in einer permanenten Angstsituation und dies sollte seine komplette Kindheit durchziehen. War der Vater die ganze Woche unterwegs und nur von Freitag bis Montag zu Hause, hatte Stefan wenigstens an vier Tagen in der Woche etwas seelische Entlastung. Es sei denn er hatte etwas angestellt, dass dann Mutter oder Bruder dem Familienoberhaupt hätten petzen können. Ja dann wurde die innere Unruhe bei Stefan von Tag zu Tag angespannter. Das ging so weit, dass Stefan in den Nächten von Donnerstag auf Freitag vor Angst kaum schlafen konnte. In der Schule konnte er sich in Folge ebenfalls kaum noch konzentrieren.

Die Angstzustände waren wieder permanent anwesend. Selbst wenn es Stefan nicht direkt betraf, so genügte es wenn sein Vater seine Wut an seinem Bruder Ludwig oder seiner Mutter Helma ausließ. Er zog sich dann so weit vom Streitherd zurück wie er konnte, meist im Kinderzimmer ins hinterste Eck und verhielt sich mucksmäuschenstill. Er hoffte dann immer nicht auch noch in den Focus des Vaters zu gelangen. Wenn dies geschah, dann half ihm niemand, keiner der in beschützte oder aus der Schusslinie nahm. Mit seinen Ängsten musste er ganz alleine zurecht kommen. Einmal, so erinnert er sich noch heute geriet sein Vater so in Rage, dass er unter lautem Geschrei das Geschirr aus dem Küchenschrank schmiss. Das Gescheppere und Klirren der zerberstenden Teller und Tassen auf dem Küchenboden erlebte der kleine Stefan wie einen Weltuntergang, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Im Nachhinein betrachtet war diese Ungewissheit schlimmer als wenn er immer gleich reagiert hätte, dann wäre er berechenbar gewesen. Im Rückblick hätte sich niemand über Stefans lange anhaltendes Bettnässen zu wundern brauchen, doch leider sahen seine Eltern den Zusammenhang nicht und so musste er auch dafür Demütigungen und Strafen einstecken.

Migräne

Als Stefan in die erste Klasse ging, bekam er oft sehr starke Kopfschmerzen. Sie hinderten ihn zu lernen, selbst zum Spielen hatte er keine Lust mehr, so sehr quälte ihn das Schädelweh. Als der Zustand nach einigen Wochen immer noch nicht besser wurde, entschloss sich seine Mutter mit ihrem Sohn zum Neurologen zu gehen.

Dort angekommen schilderte Stefan seine Beschwerden, so wie er es altersentsprechend konnte. Danach ging es in einen anderen Raum, dort bekam er eine Art Netz aus Gummi über den Kopf gezogen. Seine Helferin befestigte viele Kabel und Messungen. Es war ein EEG das gemacht wurde. Der Arzt, konnte allerdings damals nichts Außergewöhnliches feststellen.

Aus heutiger Sicht und der medizinischen Weiterentwicklung ist der Auslöser der Kopfschmerzen klar, genauso wie das Bettnässen hatte die Migräne eine eindeutige Ursache. Die psychische Belastung aufgrund der katastrophalen Zustände, die Zuhause herrschten, hatten beides ausgelöst. Die ständige Angst vor Strafe, das Geschreie des Vaters, die Lieblosigkeit der Mutter, die Prügel der alle ausgesetzt waren, alles das hat Stefans Psyche irgendwann nicht mehr verkraftet. Dazu kam noch, dass sein Bruder Ludwig keine Gelegenheit ausließ ihn vor allen Menschen, seinen Freunden und allen Verwandten schlecht zu machen, ihn als lächerlich hinzustellen und ihn herabzusetzen.

Ein Traum verfolgte Stefan damals der bis ins Erwachsenenalter immer wieder auftauchen sollte. Er sitzt in einem größeren Raum auf dem Boden zusammen gekauert, die Wände beginnen sich um ihn herumzudrehen, die Bewegung wird immer schneller, mit jeder Umdrehung wird Stefan kleiner und kleiner. Je schneller sich der Raum dreht, umso winziger wird Stefan. Das geht so lange bis nichts mehr von ihm zu sehen ist. Die psychischen Belastungen sollten noch schlimmer kommen.

Mau Mau

 Es gab eine Zeit, in der spielten Vati und Stefan fast täglich das Kartenspiel Mau-Mau. Stefan wusste nicht mehr, ob er damals an der Tankstelle als Tankwart gearbeitet hatte oder ob er in Periode der Vollbeschäftigung arbeitslos war. Es ist auch egal, jedenfalls saßen die beiden sich wieder gegenüber und spielten Mau-Mau. Zum Aufschreiben der Punkte benutzte er, der Vater einen Kugelschreiber, es war ein Werbegeschenk mit Flugeigenschaften wie ein Spicker.

Als Stefan vertieft in sein Blatt sah und den nächsten Zug überlegte, verspürte er einen heftig stechenden Schmerz in den Genitalien, er schrie auf, krümmte sich vor Schmerzen, die nur allmählich nachlassen sollten. Was war geschehen, sein Peiniger hatte wieder eine seiner perversen Ideen. Er nahm den besagten Kugelschreiber wie einen Spicker in die Hand und warf ihn gezielt in Richtung seines Schrittes wo das Teil mit der Spitze voran eines von Stefans Hoden traf. Während er sich vor Schmerzen krümmte, lachte er, der Haustyrann sich halb kaputt und schlug sich vor lauter Freude auf seine Schenkel. Ob dabei bei Stefan etwas kaputtgegangen war interessierte ihn nicht im geringsten, Hauptsache er hatte wiedermal seinen Spaß auf Kosten anderer.

Es gab allerdings nicht nur Schläge und Bestrafung, so ab und an konnte Vater auch ganz lieb zu seinen Kindern sein, was allerdings recht selten vorkam. Meistens waren das die Zeiten, wenn er mit ihrer Mutti Streit hatte.

Geburtstagsgeschenk für Mutti

Im Jahr als seine Mutter ihren vierunddreißigsten Geburtstag feierte, nein hatte, denn gefeiert wurde nicht, doch nicht für sie, denn sie war ja nur eine Frau.

Die Familie fuhr wie jeden Sonntag zu den Eltern des Vaters und verbrachte wie jede Woche den Nachmittag bei ihnen. Der einzige Unterschied zwischen den Besuchen war, ja was war es denn, genau das Wetter war es. Als sie wie jeden Sonntag, zur selben Uhrzeit und auf der gleichen Straße nach Hause fuhren. Es war ein sonniger, warmer Nachmittag im September, Mutter hatte einen kurzen Rock an, der die Schenkel frei ließ. Vati zeigte sich wieder von seiner liebevollen, zärtlichen Art. Er hob die rechte Hand, mit der Linken hielt er das Lenkrad fest und schlug mit voller Wucht auf den linken Oberschenkel des Geburtstagskindes. Mutti schrie auf vor Schmerz, während der Alte sich köstlich amüsierte und lauthals lachte. Was war das doch wieder für eine nette Geburtstagsüberraschung? Als die Mutter sich wieder beruhigt hatte, setzte er noch ein ganz liebenswürdiges Kompliment obendrauf. Mit den Worten „Zwei siebzehnjährige währen mir jetzt lieber“ zeigte er seine Zuneigung zu seiner Frau. Damals verstand Stefan diese Ironie noch nicht, ein paar Jahre später dafür schon.

Eine Apfelsine für Zwei

Der Samstagabend verlief für Stefan als Siebenjähriger ohne nennenswerte Vorkommnisse. Er spielte für sich alleine im gemeinsamen Kinderzimmer, ihr Vater war recht gut gelaunt, zumindest hatte er keine schlechte Laune, so hätte der Abend auslaufen können. Seine Familie hatte zu Hause eine einzige Orange, die ihr Herr und Gebieter für die beiden Söhne, Stefan und Ludwig aufgehoben hatte. Manchmal dachte auch er an die Seinen, seinem Ältesten zeigte er wieder, wo sein Platz in der Hierarchie war. So schälte er, der Vati die Apfelsine und teilte sie auf demselben Teller in gleich viele Schnipsel auf.

Die eine Hälfte für Ludwig und die Andere für Stefan, nicht ohne seinem Jüngsten klar zu machen wie viele Teile er essen durfte. Da er bekanntlich sein Lieblingssohn war, hatte Stefan die Ehre die erste Hälfte der ihm zugeteilten Schnippel zu verspeisen. Sein Bruder, der von seinem Vater sehr gerne herabgesetzt wurde, musste warten bis der Kleinere seinen Anteil gegessen hatte. Während er so in Gedanken vertieft seine Schnipsel aß, musste Ludwig im Kinderzimmer warten und auch Vati war in einem anderen Raum. Stefan war in dem Moment mit seinen Gedanken ganz woanders und so passierte was passieren musste, er nahm ein Stück zu viel in den Mund. „Oh Mist, was mache ich jetzt“, er nahm das Teil aus dem Mund und sah voller Entsetzen, dass er bereits hineingebissen hatte. Zurück legen ging nun nicht mehr, das hätte jeder gesehen. Ihm lief der eiskalte Schauer über seinen Rücken, der Körper begann vor Angst zu zittern, so hat er vor lauter Schiss das Diebesgut hinuntergeschluckt und hoffte, dass es niemand merken würde. Was hätte er in dieser Situation auch anderes machen können?

Ludwigs Rache über den Betrug machte ihm in diesem Moment die wenigsten Sorgen, denn er wusste ganz genau was vonseiten seines Vaters auf ihn zu kam. Vati kam zur Küche herein und sah sofort die Schandtat. Sofort lief er im Gesicht rot an, was für Stefan allerhöchste Gefahr bedeutete und im selben Moment schlug er mit beiden Händen unter lautem Geschrei auf ihn ein und verdrosch ihn was seine Wut hergab. Unter schrecklichen Schmerzen und Weinen musste er anschließend sofort ins Bett und durfte keinen Ton mehr von sich geben. Auch kam die Mutter nicht mehr zu ihrem Sohn, um ihn zu trösten, das hatte sie eh nie getan. Und das alles, wegen eines Stückchen Orange, doch am nächsten Morgen sprach niemand mehr darüber und die Welt war für ihn und Stefan wieder in Ordnung. Die Welt in Ordnung? Nur vordergründig, tief in ihm ging schon damals jedes Mal ein Teil seiner Seele in die Brüche.

Eingesperrt bei Wasser und Brot

Es war ein Sommer irgendwann in den späten 1960er Jahren, an das genaue Jahr und an den Grund der Strafe konnte sich Stefan nicht mehr erinnern. Was allerdings nie mehr aus dem Gedächtnis verschwinden sollte, war eine neue Perversität von einer Strafe. In dem Sommer war es üblich, dass sich die Familie mit einem befreundeten Ehepaar und deren 2 Kinder an einem ruhigen Uferflecken des in der Nähe fließenden Mains trafen. Die Stelle war am südlichen Mainufer zwischen Schweinfurt und Grafenrheinfeld und hatte einen geeigneten Zugang zum Wasser, man konnte dort gut ein kleines Boot festmachen. Es wurde gegrillt und mit dem Motorboot der Bekannten gefahren und die vier Kinder konnten herrlich in der Natur spielen. An diesem Wochenende sollte alles anders sein. Stefan hatte nicht so funktioniert wie es sich sein Vati vorgestellt hatte, Stefan durfte nicht mit zum Grillen. Er musste zu Hause bleiben. Was an sich für einen Grundschüler schon schlimm genug ist, wenn er aus der Familiengemeinschaft ausgeschlossen wird.