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Kee ist ein kleiner Indianerjunge, vom Volk der Navajo. Als Soldaten auftauchen, um sie aus der Heimat zu vertreiben, verändert sich sein Leben für immer. Hintergrund: 1864 wurden die Navajo-Indianer durch die U.S. Kavallerie gezwungen, ihre angestammte Heimat in Arizona zu verlassen. Sie wurden zu einem Gewaltmarsch in ein Internierungslager der Regierung gezwungen, das 300 Meilen entfernt war. Der lange Marsch der Navajo ist die Geschichte des jungen Navajos Kee, der diese lange, anstrengende Strecke mit seiner Mutter, Großmutter, der kleinen Schwester und einigen Haustieren bewältigt. Während dieser 4-jährigen Trennung von seiner Heimat gelingt es ihm, sich an diese unwirtliche Umgebung anzupassen. Endlich kommt der Tag, an dem die überlebenden Navajo in ihr Heimatland zurückkehren dürfen. Kee erkennt, wie sehr sein Volk unter der Kontrolle der weißen Soldaten leidet - und dass sie einen Weg finden müssen, mit dem weißen Mann auszukommen, wenn sie als Volk überleben wollen. "DIE WUNDEN DIESER ZWANGSUMSIEDLUNG SIND BIS HEUTE NICHT VERHEILT" Spannend und authentisch für Kinder ab 9 Jahren – und für Erwachsene geeignet. Ein Buch im Programm des "Council for Indian Education Series"
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der lange Marsch der Navajo
Nancy M. ArmstrongÜbersetzt von Ursula Maria Ewald und Kerstin Groeper
Illustrationen vonPaulette Livers Lambert
Ein Roberts Rinehart Buch/Taylor Trade Publication –In Kooperation mit dem Council for Indian Education
Impressum
Kee – Der lange Marsch der Navajo, Nancy M. Armstrong
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2021
1. Auflage eBook Januar 2022
eBook ISBN 978-3-948878-08-5
Lektorat: Michael Krämer
Übersetzung: Ursula Ewald und Kerstin Groeper
Satz / Bildbearbeitung: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: Alfredo Rodriguez
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,Hohenthann
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Hogan der Navajo
Der Bildungsrat für Indianer ist eine gemeinnützige Organisation, die sich um die Ausbildung von Lehrern kümmert und das notwendige Material zur Unterstützung der Bildung der Indianer bereitstellt. Alle Bücher werden von einem Redaktionskomitee gewählter Indianer ausgesucht und mit Kindern einer Prüfung unterzogen. Der Robert Rinehart Verlag publiziert Materialien zur Auswahl für den Bildungsrat und unterstützt ihn bei der Verteilung der Bücher zu anderen Märkten – somit ihrer landesweiten Produktion – und hilft, das Ausbildungsprogramm des Bildungsrates umzusetzen.
Redaktion fürNavajo Long Walk
Hap Gilliland – Chairman, Rosalie BearCrane – Crow,Linda Limberhand – Cheyenne, Esther Peralez – Azteke,Therese Woodenlegs – Northern Cheyenne,Elisabeth Clark – Secretary of the Board,Robert LaFountain – Chippewa, Marie Reyhner – Navajo,Elaine Allery – Chippewa-Cree, Sally Old Coyote – Crow,Kay Streeter – Sioux, Joe Cooper – Yurok,Gary Dollarhide – Cherokee, William Spint – Crow,Jerry Cox – Chippewa, Sharon Mana Beads Bowers – Assiniboine-Haida,Julia Minoz Bradforf – Hispanic/Lakota,Juanita Sloss – Blackfeet, Mary Therese One Bear – Cheyenne,Gail TallWhiteMan – Northern Cheyenne
Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika war seit 1860 durch Viehzüchter, Farmarbeiter und verschiedene Indianerstämme Arizonas und New Mexicos unter Druck geraten, den Überfällen der Navajo endlich Einhalt zu gebieten, die in gewohnter Weise von ihren Feinden das Vieh stahlen und auch kein Problem darin sahen, dies bei den Weißen zu tun. Die Navajo waren ansonsten eher ein sesshaftes Volk, das Schafe züchtete, Felder anlegte, Pfirsichbäume züchtete und in festen Hogans lebte. Ihre Frauen waren berühmt für wunderschöne Töpferarbeiten und waren Meisterinnen darin, Decken und Teppiche zu weben. Die Männer verstanden sich darauf, schönen Silberschmuck herzustellen. Trotzdem ritten die Männer immer wieder auf Raubzüge, um Vieh und Pferde von ihren Nachbarn zu stehlen – auch den weißen Nachbarn. Als die Überfälle zunahmen, kam die Armee den Siedlern schließlich zu Hilfe.
Die Armee beschloss, die Navajo in eine Reservation zu bringen und ihnen die Lebensweise des Weißen Mannes aufzuzwingen. Das Gebiet im „Bosque Redondo“ am Pecos River im Südosten von New-Mexico wurde als Reservation in der Nähe von Fort Sumner ausgewählt. Die neue Reservation lag 300 Meilen (480 Kilometer) von der jetzigen Heimat der Navajo entfernt – also eine Strecke ungefähr von München bis Leipzig.
Die ersten Erfahrungen zeigten, dass die Navajo nicht freiwillig ihre Heimat verlassen würden; demzufolge wurde Oberst Kit Carson beauftragt, einen Kampf vom Zaune zu brechen, der sie zur Aufgabe zwingen würde. Carson kämpfte mit allen Mitteln, um die Navajo in die Knie zu zwingen: Entscheidend war aber, dass er ihre Ernte, ihr Vieh und ihre Hogans vernichtete.
Die Umsiedlung der Navajo wurde zudem beträchtlich durch Carsons erfolgreichen Feldzug durch den Canyon de Chelly im eisigen Winter 1863/64 vorangetrieben.
Einige Navajo konnten sich der Gefangennahme entziehen, indem sie sich in unzugänglichen Höhlen und Schluchten im Navajo-Land versteckten, doch mehr und mehr Navajo gaben 1864 auf. Ungefähr 8000 Navajo begaben sich auf den ‚Long Walk´ – den Langen Marsch nach Bosque Redondo. Dieser Gewaltmarsch über 300 Meilen von Arizona nach New Mexico sowie die vier Jahre Gefangenschaft in Fort Sumner bleiben den Navajo bis zum heutigen Tag in bitterster Erinnerung.
Am 1. Juni 1868 wurde den Navajo schließlich ein Teil ihres Heimatlandes durch einen Friedensvertrag mit der Regierung der Vereinigten Staaten zurückgegeben – etwa 14.164 km2 entlang der Grenzregion zwischen Neu-Mexiko und Arizona – ein Gebiet ungefähr so groß wie Schleswig-Holstein.
Kee, ein Navajo-Junge, und seine Familienmitglieder erzählen aus ihrer Sicht die Geschichte dieser überaus schwierigen Jahre während des ‚Langen Marsches´ und der vierjährigen Gefangenschaft. Der liebevolle Umgang innerhalb der Familie, einschließlich mit ihren Tieren, die Stärke und Widerstandskraft der Diné, das athabaskische Wort für ‚Volk‘, werden anschaulich – auch für Kinder – wiedergegeben.
Durch das Rauchloch des Hogans konnte Kee sehen, dass der Sonnenträger gerade begonnen hatte, den Himmel erstrahlen zu lassen. Sein Vater Strong Man war längst dabei, sein Frühstück einzunehmen. Strong Man bedeutet „Starker Mann“, denn er war ein mutiger Krieger. Kees Großmutter hieß Wise Woman – Weise Frau, weil sie schon so viel in ihrem Leben erlebt hatte. Sie unterhielt sich beim Essen leise mit dem Vater. ‚Er wird sich wohl wieder auf einen Raubzug begeben, um endlich unsere Mutter zurückzubringen’, dachte Kee voller Hoffnung.
Oh ja, auch Strong Man hoffte sehr, Kees Mutter wiederzufinden! In den letzten zwei Jahren war es ohne sie so einsam im Hogan gewesen – seit sie von den Ute-Indianern gefangengenommen und entführt worden war.
Die Mutter hieß „Gentle Woman“, Sanfte Frau, und sie fehlte ihnen so sehr. Strong Man hatte viel Zeit damit verbracht, mit anderen Navajo-Männern loszureiten, um nach ihr zu suchen. Wenn er sie je finden würde, wäre das bestimmt der glücklichste Tag in Kees Leben.
Ein Hogan ist die rundförmige Behausung der Navajo, die aus Holzstämmen und Ästen gebaut – und mit Erde und Lehm eingedeckt wird. Viele Navajo leben noch heute in ihren ‚Hogans‘. Hogan bedeutet ‚Heim‘.
Als Kee sich unter seinem verschlissenen Schaffell streckte, lächelte Strong Man auf ihn herab und sagte: „Mein Sohn, pass gut auf unsere Schafe, deine Schwester und deine Großmutter auf, während ich unterwegs bin. Ich werde versuchen, ein Pferd von diesem Raubzug mitzubringen, denn es ist langsam Zeit, dass du ein eigenes Pferd bekommst.“
Ein breites Lächeln huschte über Kees Gesicht. Er konnte seine Begeisterung kaum zügeln. Er wusste, dass die Navajo das Pferd als ‚jenes, das mit den Menschen lebt´ bezeichnen, und er träumte davon, endlich auch eines zu besitzen.
Beim Klang nahender Hufschläge rollte Kee sich rasch aus seinem Schaffell. Schon stürzte sein Onkel Red Cloud, Rote Wolke, in den Hogan und wandte sich an Kees Vater:
„Komm, wir müssen schnell losreiten. Es gibt Ärger. Soldaten vom Fort Defiance haben einige Navajo gefangengenommen und ins Fort verschleppt.“
Nachdem Strong Man und Red Cloud sich entfernt hatten, kroch auch Hasba, Kees kleine Schwester, aus ihren Schaffellen, und die beiden genossen ihr Frühstück aus Maismehl und Ziegenmilch.
„Warum sollten Soldaten die Navajo angreifen? Warum können sie uns nicht in Ruhe lassen?“, fragte Kee.
Fort Defiance – Festung des Widerstandes, wurde 1851 als militärischer Stützpunkt gegen die Navajo gegründet, damals noch Neu-Mexiko, auf dem 2084 m2 hohen Defiance Plateau – eine Hochebene von einer Länge von 150 Kilometern und einer Breite von 70 Kilometern – das Herzstück des Navajolandes, in dem sich auch der Canyon de Chelly befindet, eine Zufluchtsstätte der Navajo.
Großmutter zuckte die Schultern. „So handeln eben Soldaten. Keiner kann sagen, was sie vorhaben. Wir wollen hoffen, dass sie nicht bis hierher kommen, aber haltet die Augen offen, wenn ihr die Schafe und Ziegen hütet.“
„Vielleicht sollten wir heute mal hierbleiben? Es scheint draußen richtig gefährlich zu sein“, schlug Hasba vor.
Kee stieß ein etwas gezwungenes Lachen aus. Er versuchte überzeugend und ohne Furcht zu klingen, als er sagte: „Die Schafe und Ziegen brauchen doch Futter. Aber hab‘ keine Angst, Schwesterchen, ich bin ja bei dir.“
„Geht lieber nicht so weit weg. Ihr müsst nicht beweisen, wie mutig ihr seid“, sagte Wise Woman. „Und nehmt Burro mit.“ Burro war ihr kleiner Esel.
Kee nickte und rang sich ein Lächeln ab. Als sie gerade aus dem Hogan traten, um mit den täglichen Aufgaben anzufangen, sprang Grey Dog, der graue Hütehund, unter dem Wacholderbusch hervor. Übermütig hüpfte er an Kee hoch, um sein Guten-Morgen-Leckerli in Form eines Stückes zähen Fleisches zu bekommen, dann raste er zur Koppel vorweg. Kee und Hasba lösten die Stützpfeiler am Tor, und sofort stürmten die Schafe und Ziegen ins Freie, um quer über die Mesa zum Wasserloch zu gelangen.
Eine Mesa ist ein Tafelberg, das heißt ein Berg mit einer flachen Hochebene – meist mit steilen Hängen.
Hasba löste auch die Stangen am Eselstall, schnalzte mit der Zunge und rief nach Burro: „Nun komm schon, du Faulpelz.“
Aber der Esel rührte sich nicht vom Fleck. Kurz darauf erschien Wise Woman am Tor, schnalzte ebenfalls mit der Zunge – und siehe da: Burro, der kleine Esel, erhob sich und rannte zu Wise Woman, um an ihrer Schulter zu schnüffeln. „Wie kann der bloß dein Zungenschnalzen von meinem unterscheiden, Großmutter?“, fragte Hasba.
Wise Woman lachte nur. „Nun, ich habe seit dem Tag seiner Geburt stets auf diese Weise mit ihm gesprochen. Er weiß genau, dass er zu mir gehört.“ Sie kraulte seine Ohren und befahl: „So, nun sei brav und trabe los mit den Kindern.“ Gehorsam trottete Burro nun hinter den Schafen her.
Um sich die lange Zeit beim Viehhüten zu vertreiben, mussten die Kinder ihre eigenen Spiele erfinden. Manchmal war es nämlich ziemlich langweilig. Dann fielen den beiden nur noch Dummheiten ein. Am späten Nachmittag trottete eine Ziege dort vorbei, wo Kee gerade die Schafe hütete. Er wusste, dass diese Ziege ziemlich störrisch sein konnte, wenn man sie ärgerte. Trotzdem stand er auf und schubste die Ziege, um zu sehen, wie sie darauf reagieren würde. Die Ziege senkte den Kopf, dann drehte sie sich wütend um und ging auf den Jungen los. Kee suchte lieber das Weite. Als Hasba sah, dass die Ziege hinter Kee herrannte, stellte sie sich ihr furchtlos entgegen. Doch nun stürmte sie nicht mehr auf Kee, sondern auf Hasba zu! Das Mädchen sprang geschickt zur Seite – die Ziege raste vorbei, drehte jedoch schnell um – und jagte nun beiden Kindern hinterher.
Hilfe! Die Kinder versuchten verzweifelt, Burro zu erreichen. Wenn sie auf den Esel klettern könnten, würde sich die Ziege hoffentlich wieder davontrollen. Aber die Ziege war klug und versperrte ihnen den Weg. Also rannten die Kinder in Richtung des Hogans. Schnaufend erreichten sie einen kleinen Hügel, der aus großen Felsbrocken bestand. Zwischen den Felsbrocken war eine Höhle, und flugs krochen die Kinder hinein, um sich dort zu verstecken. Die Ziege aber kletterte hinauf zum Eingang und versuchte, in die Füße der Kinder zu beißen, die noch aus der Höhle herauslugten.
Schreiend und tretend versuchte Kee, die Ziege zu vertreiben. Da erschallte plötzlich Hufgetrappel und die Ziege suchte das Weite. Erleichtert krochen Kee und Hasba aus der Höhle und schauten sich um. Ein weißer Mann in einer blauen Uniform saß auf einem wunderschönen Pferd und lachte sie kräftig aus.
Kee hatte noch nie zuvor einen Soldaten der Vereinigten Staaten gesehen, aber er wusste, dass es einer war, weil Strong Man ihm beschrieben hatte, welche Kleidung die Soldaten trugen. Kee hatte Angst, denn er befürchtete, dass vielleicht noch mehr Soldaten in der Gegend waren. Dann dachte er daran, dass sicherlich kein Soldat es wagen würde, so ganz allein durch das Navajo-Land zu reiten. Die Diné, wie sich die Navajo selbst nennen, waren schließlich Feinde der Soldaten.
Der Uniformierte zeigte auf die Ziege, die in einiger Entfernung davonrannte. Die Kinder starrten ihn mit aufgerissenen Augen an, bis er – noch immer lachend – davonritt.
Hasba begann zu weinen, und Kee sagte: „Hab‘ keine Angst. Wenn wir noch mehr Soldaten sehen, gehen wir mit Großmutter und einigen unserer Schafe zu unserem Versteck – der Höhle im Canyon. Dort verstecken wir uns, und wenn die Soldaten kommen, rollen wir einfach Felsbrocken auf sie hinab.“
Kee war nicht ganz so mutig, wie es klang, aber er wollte Hasbas Furcht etwas beschwichtigen.
Der treue Hund hatte die Schafe inzwischen sicher in Richtung des Hogans getrieben. Erleichtert bemerkte Kee, dass auch Burro ihnen gefolgt war. Großmutter würde es ihnen niemals verzeihen, wenn ihrem Lieblingstier etwas passiert wäre.
Kee stieg auf den Esel und hob auch Hasba herauf. Dann trieb er mit Rufen und Schnalzen die Schafe vorwärts.
Großmutter wartete bereits am Stall auf sie. „Hast du den Soldaten gesehen?“, fragte sie aufgeregt. „Er kam hierher zum Hogan. Ich glaube, er hat nach Strong Man gesucht.“
Kee wunderte sich, woher Wise Woman wusste, dass der Soldat seinen Vater aufsuchen wollte. Sie verstand doch die Sprache des Weißen Mannes gar nicht.
Als sie den Hogan betraten, stieg ihnen der gute Geruch des Hammeleintopfs zur Begrüßung in die Nase. Wise Woman setzte sich zu ihnen neben die Feuerstelle und füllte ihre Schalen. Sehnsüchtig sagte sie: „Ich hoffe so sehr, dass euer Vater bei diesem Raubzug Gentle Woman findet und zurückbringt. Dann kann er endlich damit aufhören, zu kämpfen und auf Raubzüge zu gehen. Alle Diné müssen damit aufhören. Wenn wir so weitermachen, jagen sie uns bald auf der Straße des Weißen Mannes davon, und die Kojoten sind dann die Einzigen, die noch auf unserem Land leben werden. “
Ein Kojote ist ein nordamerikanischer Präriewolf, oder auch Steppenwolf genannt, der aussieht wie ein kleiner Wolf. Er ist aber schlanker, hat eine längere Schauze und längere Ohren. Er hat die Größe eines mittelgroßen Hundes und wiegt zwischen 14 und 20 Kilo.
Kee dachte, dass es nicht weise sei, wenn seine Großmutter solche Sachen sagte. Er konnte es kaum erwarten, endlich alt genug zu sein, um ebenfalls an Raubzügen teilzunehmen. Wie sonst sollten sie „die Dinge, die zum Überleben notwendig sind“ bekommen? Immer wieder wurden ihnen die Pferde von anderen Stämmen gestohlen. Sollten sie etwa Feiglinge sein und nicht versuchen, im Gegenzug den anderen welche zu stehlen?
Kee konnte in jener Nacht nicht gut schlafen. Er lag wach auf seinem Lager aus Reisig und Decken und beobachtete die Schatten an der Wand, die das Mondlicht durch den Rauchabzug warf. Plötzlich hörte er donnerndes Hufgetrappel. Erschrocken setzte er sich auf. Sein Herz pochte so stark, dass es sich anfühlte, als würden seine Rippen gleich brechen. Dieses Pferd brachte bestimmt einen Soldaten, der sie töten oder gefangennehmen wollte.
Als Wise Woman die Hufschläge hörte, war sie genauso schnell auf den Beinen. Hastig zündete sie eine Fackel an der Feuerstelle an und stellte sich schützend vor die Kinder. Mit einer heftigen Bewegung wurde die Decke vor der Eingangsöffnung beiseite gestoßen und Kees Vater stürmte herein.
Atemlos sagte Strong Man: „Die weißen Soldaten glauben, dass sie uns aus unserer Heimat Dinétah zu einem Ort namens Fort Sumner vertreiben können. Aber wir werden nicht dorthin gehen! Packt das Nötigste zusammen, aber schnell. Wir müssen von hier weg sein, ehe der Sonnenträger den Himmel erleuchtet. Auch einige unserer Schafe nehmen wir mit! Wir ziehen an unseren alten Platz im Canyon. Dort oben im Hoch-land, wo den ganzen Sommer über unsere Schafe weiden, werden uns die Soldaten nicht so leicht finden. Wir hätten nicht so schnell in unseren Hogan zurückkehren dürfen.“
Wise Woman lief zur Koppel, um Burro zu holen, denn er sollte beladen werden. Aber er seufzte, grunzte, schnaubte und schrie in allen Tonlagen, weil er in seinem Schlaf gestört worden war. Wise Woman schnalzte mit der Zunge und tätschelte ihn, um ihm zu zeigen, wie leid ihr das tat. Auch die Schafe beschwerten sich mit lautem Blöken, als Kee sechs von ihnen aus der Koppel trieb – zusammen mit einer Mutter-ziege, die Wise Woman mitnehmen wollte, damit die Familie genügend Milch hatte.
„Und was wird aus den Schafen, die wir zurücklassen müssen?“, fragte Kee seinen Vater.
„In der Nacht werde ich wiederkommen, sie zur Tränke führen und grasen lassen. Grey Dog kann auf sie aufpassen. Er wird die Kojoten fernhalten.“
„Vater, bitte, Grey Dog kann doch auch die Schafe im Canyon bewachen. Lass ihn mitkommen! Wir haben dort nur einen Zaun aus Zweigen und Unterholz. Grey Dog wird sie für uns bewachen und drinbehalten.“ Kee dachte dabei mehr an seinen Hund – und weniger an die Schafe.
Nach einer kurzen Pause des Schweigens meinte Strong Man: „Mein Sohn, dein Hund kann mitkommen.“
Kee führte die Schafe und die Ziege in Richtung des Canyons. Grey Dog gelang es, sie alle zusammenzuhalten. Strong Man hob Wise Woman, als wäre sie so leicht wie eine Feder, auf sein Pferd. Es hieß Fast Runner, Schneller Läufer, weil es so schnell war. Hinter der Großmutter setzte er Hasba schwungvoll auf den Rücken des Pferdes, die sich an der Großmutter festklammerte. Wise Woman hielt den Strick fest in der Hand, an dem Burro neben Fast Runner her trottete, angetrieben von Großmutters Zungenschnalzen.
Kee und sein Vater folgten zu Fuß. Strong Man sagte: „Tut mir leid, dass es für dich noch kein Pferd gibt, Kee. Wir haben entschieden, jetzt besser keinen Überfall mehr zu wagen. Wir sind nämlich in der Nähe von Fort Defiance auf ein Navajo-Camp gestoßen, wo uns die Leute erzählt haben, dass die Regierung der Vereinigten Staaten befohlen hat, alle Raubzüge einzustellen. Allen Navajo wird befohlen, sich am Fort Defiance zu ergeben. Jene Navajo dort hatten sich bereits ergeben, um ihre Viehherden zu retten, und rieten uns, es ihnen gleichzutun. Aber wir werden uns niemals ergeben!“
Wise Woman stöhnte. „Der Tag wird irgendwann kommen, an dem wir lernen müssen, in Frieden zu leben.“
