Kein Lord wie jeder andere - Jennifer Ashley - E-Book

Kein Lord wie jeder andere E-Book

Jennifer Ashley

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Beschreibung

Die junge, reiche Witwe Beth Ackerley ist nach einsamen Jahren endlich wieder verlobt. Doch dann begegnet ihr der attraktive Lord Ian Mackenzie und enthüllt ihr das skandalöse Doppelleben ihres Zukünftigen. Beth löst die Verlobung und geht nach Paris, wo sie MacKenzie wiedertrifft. Dieser stammt aus einer Familie von Exzentrikern, die für ihre Skandale berüchtigt sind, und steht selbst in dem Ruf, wahnsinnig zu sein. Keine ehrbare Frau würde sich freiwillig in seine Gesellschaft begeben. Und dennoch fühlt sich Beth unwiderstehlich zu dem schottischen Lord hingezogen. Da wird dieser von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 461




Jennifer Ashley

KEIN LORD WIE JEDER ANDERE

Roman

1

London, 1881

»Eine Ming-Schale ist wie die Brust einer Frau«, sagte Sir Lyndon Mather zu Ian MacKenzie, der besagte Schale behutsam in den Händen hielt. »Die sanfte Rundung, die zarte Blässe. Finden Sie nicht auch?«

Ian konnte sich keine Frau vorstellen, die von diesem Vergleich angetan gewesen wäre, und sparte sich ein zustimmendes Nicken.

Das filigrane Gefäß aus der frühen Ming-Zeit war mit einer zartgrünen Glasur überzogen und so hauchdünn, dass man das Licht hindurchschimmern sah. Auf der Außenseite jagten drei graugrüne Drachen einander, und den Boden des Schaleninneren zierten vier Chrysanthemenblüten.

Das Gefäß mochte vielleicht eine kleine runde Brust verdecken können, aber weiter wollte Ian diese Assoziation keinesfalls treiben.

»Eintausend Guineen«, sagte er.

Das Lächeln auf Mathers Lippen erstarb: »Aber, aber, Mylord. Ich dachte, wir seien Freunde!«

Ian fragte sich, wie Mather auf diese Idee kam. »Die Schale ist eintausend Guineen wert.« Mit den Fingerspitzen fuhr er über den angestoßenen Rand; auch der Boden war vom jahrhundertelangen Gebrauch abgenutzt.

Bestürzung machte sich in Mathers etwas zu schönem Gesicht breit, die blauen Augen funkelten.

»Ich habe fünfzehnhundert dafür bezahlt. Wie kann das sein?« Aus Ians Sicht erübrigte sich jede Erklärung. Binnen weniger Sekunden hatte er alle Vorzüge und Mängel gegeneinander abgewogen und den entsprechenden Preis ermittelt. Mather sollte kein Porzellan sammeln, wenn er nicht imstande war, den Wert seiner Stücke richtig einzuschätzen. In seinen Glasvitrinen standen mindestens fünf Fälschungen, ohne dass er es ahnte.

Ian sog den klaren, kühlen Duft der Glasur ein, der dem penetranten Geruch nach Zigarrenrauch in Mathers Haus getrotzt hatte. Die Schale war echt, sie war schön, und er wollte sie haben.

»Zahlen Sie mir wenigstens das, was ich dafür hingelegt habe«, drängte Mather. »Der Mann hat mir versichert, dass der Kauf ein gutes Geschäft für mich ist.«

»Tausend Guineen«, wiederholte Ian.

»Verflucht, Mann, ich will demnächst heiraten.«

Ian erinnerte sich an die Bekanntmachung in der Times, und zwar wortwörtlich, denn er hatte von allem, was er las und hörte, stets den genauen Wortlaut im Kopf: Sir Lyndon Mather aus St. Aubrey’s, Suffolk, gibt seine Verlobung mit der Witwe Mrs Thomas Ackerley bekannt. Die Trauung findet am 27. Juni des Jahres um 10 Uhr in St. Aubrey’s statt.

»Meine Gratulation«, sagte Ian.

»Mit dem Geld aus dem Verkauf möchte ich meiner Verlobten ein Geschenk machen.«

Ian wandte keinen Blick von der Schale. »Warum schenken Sie sie ihr dann nicht einfach?«

Mather lachte dröhnend. »Mein lieber Freund, Frauen haben doch keine Ahnung von Porzellan. Sie wird eine Kutsche und das passende Gespann dazu haben wollen und eine Schar Dienstboten, die ihr all den Flitter nachtragen, den sie kauft. Und genau das soll sie auch bekommen. Sie ist die Tochter von irgend so einem adeligen Franzmann und eine recht ansehnliche Person, wenn auch nicht mehr die Jüngste und zudem verwitwet.«

Ian gab keine Antwort. Er hätte das Gefäß nicht für zehn Kutschen hergegeben. Und eine Frau, die die Schönheit einer Ming-Schale nicht erkannte, war eine Närrin.

Mather rümpfte die Nase, als Ian mit der Zungenspitze die Schale berührte, um sich auf diese – für ihn sicherste – Methodevon der Echtheit der Glasur zu überzeugen. Er wusste, dass Mather eine Originalglasur selbst dann nicht erkennen würde, wenn man ihn damit von Kopf bis Fuß einpinselte.

»Meine Verlobte bringt eine verdammt stattliche Stange Geld mit in die Ehe«, fuhr Mather fort. »Die alte Barrington hat es ihr vermacht, eine reiche Lady, die mit ihrer Meinung nie hinter dem Berg gehalten hat. Mrs Ackerley war ihre Gesellschafterin und hat das ganze Vermögen geerbt.«

Und warum in aller Welt will sie dann dich heiraten? Ian drehte die Schale in den Händen, während er darüber nachdachte. Wie sagte man doch so treffend? Wie man sich bettet, so liegt man. Wenn Mrs Ackerley also ihr Bett mit Lyndon Mather teilen wollte, sollte sie das doch tun. Nur dass es in diesem Bett etwas eng werden könnte. Mather unterhielt insgeheim ein Haus für seine Mätresse sowie andere Damen, die ihm zu Diensten waren. Er hatte sich vor Ians Brüdern oft und gern damit gebrüstet. Ich kann genauso dekadent sein wie ihr, schien er damit sagen zu wollen. Doch nach Ians Dafürhalten verstand Mather von den fleischlichen Genüssen ebenso wenig wie von Porzellan.

»Bestimmt überrascht es Sie, dass ein eingefleischter Junggeselle wie ich sich die Flügel stutzen lassen will«, sagte Mather jovial. »Aber falls Sie sich fragen, ob ich in Zukunft auf meine kleinen Freuden verzichten werde, so ist die Antwort: nein. Sie können gern jederzeit vorbeikommen und sich an dem Spaß beteiligen. Die Einladung gilt selbstverständlich auch für Ihre Brüder.«

Mit Mathers Damen hatte Ian schon Bekanntschaft gemacht. Es waren Frauen mit abgestumpftem Blick, die gegen entsprechende Bezahlung Mathers Neigungen bedienten.

Mather griff nach einer Zigarre. »Heute Abend gehen wir in die Oper. Kommen Sie doch auch dorthin, dann stelle ich Ihnen meine Verlobte vor. Ihre Meinung über sie interessiert mich. Alle Welt weiß, dass Sie bei Frauen einen ebenso erlesenen Geschmack haben wie beim Porzellan.« Er kicherte.

Ian schwieg. Er musste die Schale vor diesem Banausen retten. »Eintausend Guineen.«

»Sie sind ein harter Brocken, MacKenzie.«

»Eintausend Guineen, und ich komme in die Oper.«

»Also schön, auch wenn Sie mich damit ruinieren.«

Das hatte Mather wohl eher selbst zu verantworten. »Von dem Verlust werden Sie sich schon erholen. Ihre Zukünftige ist doch reich.«

Mather lachte, und sein schönes Gesicht strahlte. Mit diesem Lächeln brachte er Frauen jeden Alters zum Erröten oder dazu, sich verlegen hinter ihrem Fächer zu verbergen. Mather beherrschte wahrhaft meisterlich die Kunst, ein Doppelleben zu führen.

»Wohl wahr, und schön ist sie auch noch. Ich kann mich glücklich schätzen.«

Mather klingelte nach seinem Butler und nach Curry, Ians Diener. Curry brachte eine mit Stroh ausgelegte Holzkiste, in die Ian die Drachenschale bedachtsam legte.

Er hasste es, eine solche Schönheit zu verhüllen, und berührte die Schale noch einmal. Ian ließ keinen Blick von ihr, bis Curry die Kiste mit einem Deckel verschloss.

Inzwischen hatte Mather seinen Butler angewiesen, Cognac auszuschenken. Ian nahm das angebotene Glas und setzte sich an Mathers Schreibtisch, auf dem Curry das Heft mit den Wechselformularen bereitgelegt hatte. Er stellte sein Glas ab und tauchte den Federhalter in die Tinte. Als er sich zum Schreiben vorbeugte, bemerkte er den schwarzen Tintentropfen, der in perfekter kreisrunder Form an der Feder hing.

Beim Anblick dieser makellosen Kugel, die durch die Oberflächenspannung der Tinte an der Federspitze gehalten wurde, erfüllte ihn eine tiefe Begeisterung. Diese Perfektion, dieser Glanz, ein Wunder.

Unendlich lange hätte Ian so dasitzen und diese Vollkommenheit bestaunen mögen, doch er wusste, dass der Tropfen bald von der Feder fallen und für immer verloren sein würde. Könnte doch sein Bruder Mac etwas so Erlesenes und Schönes malen, Ian würde es wie einen Schatz hüten.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als er Mather sagen hörte: »Hol mich der Teufel, aber er ist tatsächlich verrückt!«

Der Tropfen fiel, fiel, fiel, bis er auf dem Papier zerspritzte und in der schwarzen Tinte seinen Tod fand.

»Soll ich für Sie schreiben, M’lord?«

Ian blickte in das freundliche Gesicht seines Dieners – ein Bursche aus London, der sich in seiner Jugend als Taschendieb durchgeschlagen hatte.

Ian nickte bedächtig und überließ Curry den Federhalter. Der Diener tauchte die Feder in die Tinte und hielt sie so, dass Ian die Spitze nicht sehen konnte. Dann stellte er den Wechsel sorgfältig aus.

Während Ian akribisch seine Unterschrift unter den Wechsel setzte, spürte er Mathers Blick auf sich lasten.

»Macht er das häufiger?«, fragte Mather, nachdem Ian sich erhoben hatte, um Curry das Ablöschen der feuchten Tinte zu überlassen.

Die Wangen des Dieners färbten sich rot. »Es ist alles in Ordnung, Sir.«

Ian trank rasch sein Glas leer und nahm die Holzkiste. »Wir sehen uns heute Abend in der Oper.«

Er reichte Mather nicht die Hand, was dieser zwar mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm, sich aber dennoch leicht verneigte. Lord Ian MacKenzie, Bruder des Herzogs von Kilmorgan, stand gesellschaftlich über ihm, und Mather war sich dessen sehr bewusst.

In der Kutsche stellte Ian die Kiste neben sich auf die Bank. Er spürte die Schale in ihrem Behältnis, rund und vollkommen, und ihre Perfektion füllte eine Leere in ihm.

»Es steht mir ja nicht zu, das zu sagen«, bemerkte Curry, als die Kutsche mit einem Ruck auf dem regennassen Pflaster anfuhr. »Aber der Mann taugt nichts. Der wär nicht mal als Stiefelabtreter gut genug für Sie. Warum machen Sie mit dem Geschäfte?«

Zärtlich strich Ian über die Holzkiste. »Ich wollte diese Schale unbedingt haben.«

»Sie bekommen immer, was Sie wollen, M’lord, so viel steht fest. Aber werden wir die Verabredung in der Oper einhalten?«

»Ich werde in Harts Loge sitzen.« Ian ließ den Blick kurz über Currys unschuldiges Engelsgesicht gleiten und schaute dann auf die samtbezogene Wand der Kutsche. »Versuch, alles über diese Mrs Ackerley herauszufinden. Den Bericht erwarte ich heute Abend.«

»Oho! Was hat denn Ihr Interesse an der Braut des Halunken geweckt?«

Vorsichtig strich Ian mit den Fingerspitzen über die Holzkiste. »Ich möchte wissen, ob sie echt oder eine Fälschung ist.«

Curry zwinkerte ihm zu. »Schon recht, Sir. Werd zusehen, was ich ausbaldowern kann.«

In Lyndon Mather vereinten sich Charme und gutes Aussehen, deshalb wandten sich auch alle Köpfe nach ihm um, als er, mit Beth Ackerley an seinem Arm, die Oper in Covent Garden betrat.

Mather hatte ein klassisches Profil, einen schlanken, athletischen Körper und einen goldenen Haarschopf, durch den die Damen nur allzu gerne mit den Fingern gefahren wären. Zudem bezauberte er jeden mit seinen tadellosen Manieren und seinem jungenhaften Charme. Mather verfügte über ein beträchtliches Einkommen, besaß ein weitläufiges Haus in der Park Lane und wurde in den höchsten Kreisen empfangen. Er war eine ausgezeichnete Wahl für eine Dame, die unerwartet zu einem Vermögen gekommen und auf der Suche nach einem neuen Gatten war.

Denn auch eine Dame, der unvermutet ein Erbe zugefallen ist, wird es irgendwann leid, allein zu sein, dachte Beth, während sie nach Mathers ältlicher Tante und deren Gesellschafterin die luxuriöse Loge betrat. Sie kannte Lyndon Mather schon seit Jahren; seine Tante und Mrs Barrington, bei der sie in Stellung gewesen war, hatten sich sehr nahegestanden. Mather war nicht unbedingt der aufregendste aller Männer, aber Beth wollte es auch gar nicht aufregend haben. Keine Aufregungen mehr, hatte sie sich gelobt. Denn die hatte es in ihrem Leben weiß Gott genug gegeben.

Behaglichkeit, das war es, wonach sich Beth jetzt sehnte. Sie hatte gelernt, einen Haushalt mit Bediensteten zu führen, und vielleicht war es ihr sogar vergönnt, die Kinder zu bekommen, die sie sich immer gewünscht hatte. Es war jetzt neun Jahre her, dass sie Witwe geworden war. Ihre erste Ehe war kinderlos geblieben, denn der arme Thomas war schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit dahingeschieden. Er war so krank gewesen, dass sie nicht einmal richtig Abschied voneinander hatten nehmen können.

Die Vorstellung begann, kaum dass sie ihre Plätze in Sir Lyndons Loge eingenommen hatten. Die junge Frau auf der Bühne hatte eine wunderbare Sopranstimme und den passenden fülligen Leib, um ihr die nötige Resonanz zu geben. Schon bald war Beth ganz von der Musik gefangen genommen. Mather hatte die Loge kurz nach ihrer Ankunft wieder verlassen. Er hielt es immer so, denn für ihn war ein Opernbesuch die Gelegenheit, wichtige Leute zu sehen und mit ihnen gesehen zu werden. Beth kümmerte das nicht. Sie hatte sich daran gewöhnt, bei den Matronen zu sitzen, und überdies war ihr das bei Weitem lieber, als mit den Damen der Gesellschaft Nichtigkeiten auszutauschen. Meine Liebe, haben Sie schon gehört? Der Spitzensaum an Lady Marmadukes Kleid ist mehr als fünf Zentimeter breit! Hat man je etwas so Vulgäres gesehen? Und das Kleid war nicht einmal richtig aufgebügelt, denken Sie nur, Liebes. Wie unglaublich wichtig.

Beth fächerte sich Luft zu und genoss die Musik, wohingegen Mathers Tante und ihre Gesellschafterin versuchten, über die Geschichte von La Traviata ein Streitgespräch zu führen. Für die beiden Damen war ein Opernbesuch nichts Besonderes, ganz anders als für Beth, die im East End aufgewachsen war. Beth liebte die Musik und sog sie auf, wo sie nur konnte. Sie schätzte ihre eigenen musikalischen Talente eher mittelmäßig ein, was sie aber nicht davon abhielt, dem Spiel anderer zu lauschen und es zu genießen. Und da Mather gern ins Theater und in die Oper ging, würde es in ihrem neuen Leben reichlich Musik geben.

Mathers lärmende Rückkehr unterbrach jäh ihr Vergnügen. »Meine Liebe«, sagte er laut, »ich möchte Ihnen meinen sehr engen Freund Lord Ian MacKenzie vorstellen. Geben Sie ihm die Hand, Darling. Sein Bruder ist der Herzog von Kilmorgan, müssen Sie wissen.«

Beth sah zu dem hochgewachsenen Mann auf, der hinter Mather in die Loge getreten war, und ihre Welt stand auf einmal still.

Lord Ian war ein sehr großer, muskulöser Mann, und die Hand, die er ihr reichte und die in einem Kalbslederhandschuh steckte, war riesig. Sein Brustkorb war breit, seine Schultern noch breiter, und in der schummrigen Beleuchtung glänzte sein dunkles Haar rötlich. Sein Gesicht wirkte so hart wie sein Körper, und seine Augen … noch nie zuvor hatte Beth solche Augen gesehen.

Zunächst nahm sie an, sie wären hellbraun, aber nachdem Mather ihn auf den Platz neben Beth gedrängt hatte, sah sie, dass seine Augen golden schimmerten. Nicht etwa haselnussbraun, sondern cognacfarben mit goldenen Sprenkeln, als würden Sonnenstrahlen darin tanzen.

»Das ist meine Mrs Ackerley«, sagte Mather. »Was sagen Sie nun? Ich habe Ihnen ja gesagt, dass sie die schönste Frau Londons ist.«

Lord Ian warf Beth einen raschen Blick zu, dann fixierte er einen Punkt irgendwo in der Ferne. Noch immer hielt er ihre Hand, sein Griff war fest, beinahe schmerzhaft.

Weder hat er Mather zugestimmt noch ihm widersprochen, ein wenig unhöflich ist das schon, dachte Beth. Selbst wenn sich Lord Ian nicht ergriffen an die Brust fasste oder Beth zur schönsten Frau seit Elaine of Camelot erklärte, war er ihnen doch wenigstens eine höfliche Antwort schuldig.

Stattdessen schwieg er eisern. Nach wie vor hielt er ihre Hand und zeichnete mit dem Daumen die gestickten Muster auf dem Rücken ihres Handschuhs nach. In schnellen, kurzen Bewegungen rieb er mit dem Daumen wieder und wieder darüber, und der Druck sandte Beth Hitzeschauer durch den Körper.

»Ich fürchte, er hat Sie getäuscht, wenn er Ihnen versichert hat, ich sei die schönste Frau Londons«, sagte Beth schnell. »Ich möchte mich dafür entschuldigen.«

Lord Ian sah kurz zu ihr herüber und runzelte die Stirn, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach.

»Nun zerschmettern Sie die arme Frau doch nicht, MacKenzie«, rief Mather aufgeräumt. »Sie ist so zerbrechlich wie Ihre kostbaren Ming-Schalen.«

»Oh, interessieren Sie sich auch für Porzellan, Mylord?« Beth griff das Thema dankbar auf. »Sir Lyndon hat mir seine Sammlung gezeigt.«

»MacKenzie ist eine Autorität auf diesem Gebiet«, erklärte Mather mit einem Anflug von Neid.

»Sind Sie das wirklich?«, fragte Beth.

Lord Ian bedachte sie mit einem weiteren Blick. »Ja.«

Er saß ihr nicht näher als Mather, dennoch spürte sie seine Anwesenheit überdeutlich: Sein Knie drängte gegen ihre Röcke, sein Daumen presste sich in ihre Hand, und der Blick, mit dem er sie nicht ansah, wog schwer.

Mit diesem Mann würde sich keine Frau wohlfühlen, dachte sie schaudernd. Eine Aufregung würde die nächste jagen. Das erkannte Beth am Druck der großen, warmen Hand, die ihre fest umschlossen hielt, und las es in den Augen, die ihren Blick um jeden Preis mieden.

Sollte sie die Frau bedauern, auf der dieser Blick schließlich ruhen würde? Oder sie beneiden?

Beth plauderte munter weiter. »Sir Lyndon hat eine ganz wunderbare Sammlung. Wenn ich ein Stück berühre, das einst ein Herrscher vor hundert Jahren in den Händen gehalten hat, habe ich das Gefühl … ich weiß auch nicht. Als wäre ich ihm nahe. Es ist eine Ehre.«

Goldene Funken tanzten in Ians Augen, als er sie für einen kurzen Moment ansah. »Sie müssen sich unbedingt meine Sammlung ansehen.« Er sprach mit einem leichten schottischen Akzent, seine Stimme klang tief und rau.

»Gerne, alter Knabe«, sagte Mather. »Ich lasse Sie wissen, wann wir Zeit haben.«

Mather hob das Opernglas an die Augen und nahm die vollbusige Sopranistin ins Visier. Lord Ian richtete seinen Blick auf ihn, und Beth stellte überrascht fest, welch unverstellte Abscheu darin lag. Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, beugte sich Lord Ian zu ihr. Die Wärme seines Körpers traf sie wie eine reißende Welle, die den Geruch von Rasierseife und Moschus mit sich brachte. Beth hatte fast vergessen, wie verführerisch der Duft eines Mannes sein konnte, denn Mather ertränkte seinen immer in Eau de Cologne.

»Lesen Sie das, wenn er nicht in der Nähe ist.«

Sein Atem strich über ihr Ohr und weckte Empfindungen in ihr, die neun lange Jahre brachgelegen hatten. Seine Finger glitten in die Handschuhöffnung über ihrem Ellbogen, und Beth spürte ein gefaltetes Stück Papier auf der bloßen Haut. Sie blickte in Lord Ians goldene Augen, die mit einem Mal so nah waren. Seine Pupillen weiteten sich, doch dann entzog er ihr schnell seinen Blick.

Als er sich aufrichtete, war seine Miene wieder vollkommen ausdruckslos. Der ahnungslose Mather wandte sich mit einer Bemerkung über die Sängerin an ihn.

Unvermutet erhob sich Lord Ian. Der warme Druck seiner Hand verschwand, und erst da wurde Beth klar, dass er die ganze Zeit ihre Hand gehalten hatte.

»Wollen Sie etwa schon gehen?«, fragte Mather überrascht.

»Mein Bruder erwartet mich.«

Mathers Augen leuchteten auf. »Der Herzog?«

»Mein Bruder Cameron und sein Sohn.«

»Oh.« Mather wirkte enttäuscht, dennoch erhob er sich und bekräftigte sein Versprechen, mit Beth zu einem Besuch zu kommen, um sich die Sammlung anzuschauen.

Ohne einen Abschiedsgruß verließ Ian die Loge. Beth sah ihm nach, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Unter dem Papier in ihrem Handschuh bildeten sich kleine Schweißtropfen.

Mather setzte sich neben Beth und stieß einen Seufzer aus. »So, meine Liebe, da haben Sie einmal einen echten Exzentriker erlebt!«

Beth krampfte die Finger in ihren grauen Taftrock, ohne Lord Ians wärmende Hand fror sie. »Einen Exzentriker?«

»Der arme Kerl ist vollkommen verrückt. Er hat die meiste Zeit seines Lebens in einer Nervenheilanstalt verbracht, und er läuft nur deshalb wieder frei herum, weil sein Bruder, der Herzog, ihn herausgelassen hat. Aber keine Angst.« Mather ergriff ihre Hand. »Ich werde bei unserer Verabredung immer in Ihrer Nähe bleiben. Übrigens führt sich die gesamte Familie geradezu skandalös auf. Versprechen Sie mir, dass Sie nie mit einem Mitglied dieser Familie verkehren werden, wenn ich nicht dabei bin?«

Beth gab eine ausweichende Antwort. Gehört hatte sie allerdings schon vom MacKenzie-Clan und dem Herzog von Kilmorgan. Denn die alte Mrs Barrington hatte Klatsch und Tratsch aus den Adelshäusern über alles gemocht. Die MacKenzies hatten die Seiten so manches Skandalblättchens gefüllt, die Beth der alten Dame an Regenabenden vorgelesen hatte.

Lord Ian war ihr durchaus nicht verrückt vorgekommen, obgleich Beth noch nie einem Mann wie ihm begegnet war. Mathers Hand war schlaff und kalt, wohingegen Lord Ians warmer kraftvoller Händedruck in ihr ein längst vergessenes Verlangen geweckt hatte. Beth vermisste die Nähe und Zärtlichkeit, die sie mit Thomas verbunden hatte, die langen Nächte im Bett. Natürlich würde sie das Bett mit Mather teilen, doch dieser Gedanke brachte ihr Blut nicht in Wallung. Bislang hatte sie immer geglaubt, dass ihre Liebe zu Thomas besonders gewesen war und sie nicht hoffen durfte, mit einem anderen Mann Ähnliches zu empfinden. Warum aber hatten Lord Ians geflüsterte Worte sie atemlos gemacht, warum hatte ihr Herz schneller geschlagen, als er mit dem Daumen ihren Handrücken gestreichelt hatte?

Nein. Lord Ian bedeutete nichts als Ärger und Aufregung, Mather hingegen Ruhe und Sicherheit. Sie würde sich für die Sicherheit entscheiden. Ganz gewiss.

Mather hielt es noch fünf Minuten neben ihr aus, dann stand er auf. »Ich muss Lord und Lady Beresford noch meine Aufwartung machen. Es macht Ihnen doch nichts aus, meine Liebe?«

»Keineswegs«, antwortete Beth fast schon gewohnheitsmäßig.

»Sie sind ein wahrer Schatz. Ich habe Mrs Barrington gegenüber auch immer wieder beteuert, wie höflich und liebreizend Sie sind.« Mather küsste ihr die Hand und ging.

Die Sopranistin setzte zur Arie an, die Töne füllten jeden Winkel des Opernhauses. Hinter Beth steckten Mathers Tante und ihre Begleitung die Köpfe zusammen und flüsterten hinter vorgehaltenen Fächern.

Vorsichtig schob Beth die Finger unter den Saum ihres Handschuhs und zog das Papier hervor. Sie wandte den beiden alten Damen den Rücken zu, als sie leise den Brief entfaltete.

Mrs Ackerley, stand dort in sorgfältiger Handschrift,

verzeihen Sie die Anmaßung, doch möchte ich Sie vor dem wahren Charakter Sir Lyndon Mathers warnen, mit dem mein Bruder, der Herzog von Kilmorgan, gut bekannt ist. Ich möchte Sie in Kenntnis setzen, dass Mather ein Haus unweit des Strand in der Nähe vom Temple Bar unterhält, in das er sich Frauen bestellt, des Öfteren mehrere zur selben Zeit. Er bezeichnet sie als seine »Zuckerpüppchen« und bettelt darum, von ihnen als Sklave behandelt zu werden. Es sind keineswegs Kurtisanen im herkömmlichen Sinne, sondern allesamt Frauen, die verzweifelt Geld brauchen. Die Namen von fünf Frauen, mit denen er sich regelmäßig trifft, habe ich notiert, sollten Sie eine Befragung wünschen. Andernfalls kann ich auch ein Treffen mit dem Herzog vereinbaren.

Hochachtungsvoll

Ian MacKenzie

Die Sopranistin breitete die Arme aus und ließ die letzte Note zum finalen Crescendo anschwellen, das im donnernden Applaus unterging.

Beth starrte auf den Brief. Doch auch der ohrenbetäubende Lärm konnte die Worte auf dem Papier nicht auslöschen, die schwarzen Lettern hoben sich scharf von dem weißen Untergrund ab.

Als Beth endlich wieder Luft bekam, fühlte sie einen heißen stechenden Schmerz in den Lungen. Rasch drehte sie sich zu Mathers Tante um, doch die alte Dame und ihre Gesellschafterin klatschten und riefen: »Bravo! Bravo!«

Beth erhob sich und schob den Brief zurück in den Handschuh. Die kleine Loge mit den gepolsterten Stühlen und Teetischen schien zu wanken, als sie auf die Tür zuging.

Verwundert sah die Tante ihr nach. »Geht es Ihnen nicht gut, meine Liebe?«

»Ich brauche nur ein wenig frische Luft. Hier ist es sehr stickig.«

Mathers Tante begann, in ihrer Tasche zu kramen. »Benötigen Sie vielleicht Riechsalz? Alice, so helfen Sie mir doch.«

»Nein, nein. Es geht sicher gleich wieder.« Beth öffnete die Tür und verließ die Loge.

Zum Glück war der Gang menschenleer. Die Sopranistin war beim Publikum sehr beliebt, und so harrten die meisten Besucher noch erwartungsvoll auf ihren Plätzen aus.

Während Beth die Galerie entlangeilte, hob die Sängerin erneut die Stimme. Beth fühlte sich schwindelig, und der Brief im Handschuh brannte auf ihrer Haut.

Was hatte Lord Ian nur dazu bewogen, ihr solch einen Brief zu schreiben? Er war ein Exzentriker, hatte Mather gesagt. War das der Grund? Doch wenn die Anschuldigungen nur den wirren Fantasien eines Verrückten entsprangen, warum hatte der Lord dann ein Treffen mit dem Herzog vorgeschlagen? Der Herzog von Kilmorgan war einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer Großbritanniens. Er entstammte einem schottischen Adelsgeschlecht, das bis in das 13. Jahrhundert zurückreichte, und sein Vater war von Königin Victoria in den englischen Adelsstand erhoben worden.

Warum sollte sich ein so vornehmer Mann mit so unbedeutenden Personen wie Beth Ackerley und Lyndon Mather abgeben? Gewiss waren sie und Mather seine Aufmerksamkeit nicht wert.

Nein, der Brief war einfach zu absonderlich. Es konnte nur ein Lügenmärchen sein, ein Hirngespinst.

Und doch … mitunter hatte sie Mather dabei ertappt, dass er sie angesehen hatte, als habe er etwas sehr Cleveres zustande gebracht. Beth war im East End aufgewachsen, und dank der Schule, durch die sie ihres Vaters wegen gegangen war, erkannte sie einen Hochstapler schon auf zehn Schritte Entfernung. Hatte sie die Zeichen bei Sir Lyndon Mather einfach nicht sehen wollen?

Aber nein, das konnte nicht sein. Schließlich hatte sie Mather während ihrer Zeit als Gesellschafterin von Mrs Barrington kennengelernt. Gemeinsam mit Mrs Barrington waren sie in seiner Kutsche gefahren, hatten ihn und seine Tante in der Park Lane besucht, ihn ins Theater begleitet. Immer hatte er Beth mit zuvorkommender Höflichkeit behandelt, so, wie es sich für die Gesellschafterin einer reichen alten Dame geziemte. Und nach Mrs Barringtons Tod hatte er dann um ihre Hand angehalten.

Nachdem ich ihr Vermögen geerbt hatte, höhnte eine innere Stimme.

Was hatte Lord Ian mit Zuckerpüppchen andeuten wollen? Er bettelt darum, von ihnen als Sklave behandelt zu werden.

Ihr Korsett war so eng geschnürt, dass sie kaum noch Luft bekam. Schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen, Halt suchend streckte Beth die Hand aus.

Jemand packte sie fest am Ellbogen. »Kommen Sie!«, raunte ihr eine Stimme mit schottischem Akzent ins Ohr. »Kommen Sie mit mir.«

2

Bevor Beth ablehnen konnte, hatte Lord Ian sie schon eilig die Galerie entlanggeführt. Er riss eine samtbeschlagene Tür auf und schob sie hindurch.

Sie standen in einer geräumigen Loge, die mit dicken Teppichen ausgelegt war. Zigarrenqualm hing in der Luft. Beth hustete. »Ich brauche einen Schluck Wasser.«

Lord Ian drückte sie in einen weich gepolsterten Sessel. Begierig griff Beth nach dem Glas, das er ihr reichte, und begann, den Inhalt hinunterzustürzen.

Beth rang nach Luft, als sie statt des Wassers Whiskey schmeckte. Der Alkohol brannte zwar wie Feuer in ihrer Kehle, doch langsam kehrten ihre Lebensgeister zurück.

Von der Loge hatte man einen direkten Blick auf die Bühne. Der erstklassigen Lage nach zu schließen, musste es sich um die Loge des Herzogs handeln. Alles war äußerst vornehm: komfortable Möbel, polierte Tische mit Intarsien, und die Gaslampen verströmten gedämpftes Licht.

Ian nahm ihr das Glas aus der Hand und ließ sich neben ihr auf den Sessel fallen, viel zu nah. Er setzte das Glas, aus dem Beth gerade noch getrunken hatte, an die Lippen und leerte es. Auf seiner Unterlippe blieb ein Tropfen zurück, und Beth empfand das ungestüme Verlangen, ihn abzulecken.

Um dieses Bild zu verdrängen, zog sie den Brief aus dem Handschuh. »Was hat das zu bedeuten, Mylord?«

Ian würdigte den Brief keines Blickes. »Genau das, was dort steht.«

»Ihre Anschuldigungen sind schwerwiegend und … erschütternd.«

Offenbar war es Ian vollkommen gleichgültig, wie schwerwiegend und erschütternd die Vorwürfe waren, denn er verzog keine Miene. »Mather ist ein Schuft, und Sie täten gut daran, ihn loszuwerden.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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