Kein Ruhestand - Irene Götz - E-Book

Kein Ruhestand E-Book

Irene Götz

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Beschreibung

Frauen sind im Alter oft von Armut bedroht, besonders in Städten mit hohen Mieten. Wie kommen sie mit wenig Geld zurecht? Welche Strategien entwickeln sie, um dennoch am sozialen und kulturellen Leben teilzuhaben? Davon erzählen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, und die Analyse dieser Berichte macht deutlich, wie dringend notwendig eine politische und gesellschaftliche Veränderung unserer eingespielten Sozialsysteme ist. Die 85-jährige Hausmeisterin Maiana D. lebt von 222 Euro Rente, zuzüglich Grundsicherung. 600 Euro Rente hat die ehemalige Lagerarbeiterin Jovana F., die sie mit Zeitungsverkauf aufbessert. Auch Walburga K., Verlagsangestellte, muss zu ihrer Rente von 1170 Euro noch dazu verdienen. Fünzig Frauen zwischen 63 und 85 Jahren aus unterschiedlichen sozialen Milieus wurden für das DFG-Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Irene Götz interviewt. Aus dieser exemplarischen Bestandsaufnahme wird deutlich, welche Ursachen zur Altersarmut besonders von Frauen führen und wie Frauen damit umgehen, lebenspraktisch und emotional. Auch wenn Frauen ihren Ruhestand wohl verdient haben, reichen die bescheidenen Renten kaum zum Nötigsten. Zum Glück haben sie, als Kriegs- und Nachkriegskinder, noch gelernt, zu sparen und mit dem Mangel zu wirtschaften. Armut im Alter muss auch nicht den Verlust von Lebensqualität bedeuten: Frauen sind erfinderisch, sozial kompetent und oft auch gut vernetzt und, Autonomie steht für sie bis zum Schluss ganz oben. Ein Buch, das die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnisse in den Blick nimmt, das erzählt und analysiert und in einem Anhang notwendige Informationen bietet, wo Frauen Unterstützung kriegen, die sie so dringend benötigen.

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Seitenzahl: 383

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Zum Buch

Frauen sind im Alter oft von Armut bedroht, besonders in Städten mit hohen Mieten. Wie kommen sie mit wenig Geld zurecht? Welche Strategien entwickeln sie, um dennoch am sozialen und kulturellen Leben teilzuhaben? Davon erzählen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, und die Analyse dieser Berichte macht deutlich, wie dringend notwendig eine politische und gesellschaftliche Veränderung unserer eingespielten Sozialsysteme ist.

Die 85-jährige Hausmeisterin Maiana D. lebt von 222 Euro Rente, zuzüglich Grundsicherung. 600 Euro Rente hat die ehemalige Lagerarbeiterin Jovana F., die sie mit Zeitungsverkauf aufbessert. Auch Walburga K., Verlagsangestellte, muss zu ihrer Rente von 1170 Euro noch dazu verdienen.

Fünfzig Frauen zwischen 63 und 85 Jahren aus unterschiedlichen sozialen Milieus wurden für das DFG-Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Irene Götz interviewt. Aus dieser exemplarischen Bestandsaufnahme wird deutlich, welche Ursachen zur Altersarmut besonders von Frauen führen und wie Frauen damit umgehen, lebenspraktisch und emotional.

Auch wenn Frauen ihren Ruhestand wohl verdient haben, reichen die bescheidenen Renten kaum zum Nötigsten. Zum Glück haben sie, als Kriegs- und Nachkriegskinder, noch gelernt, zu sparen und mit dem Mangel zu wirtschaften. Armut im Alter muss auch nicht den Verlust von Lebensqualität bedeuten: Frauen sind erfinderisch, sozial kompetent und oft auch gut vernetzt und Autonomie steht für sie bis zum Schluss ganz oben.

Ein Buch, das die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnisse in den Blick nimmt, das erzählt und analysiert und in einem Anhang notwendige Informationen bietet, wo Frauen Unterstützung kriegen, die sie so dringend benötigen.

Über die Herausgeberin

Irene Götz, geb. 1962, studierte Volkskunde/Europäische Ethnologie und Germanistik und lehrt als Professorin für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München. Sie ist Verfasserin und Herausgeberin von Publikationen u.a. über die Prekarisierung von Arbeit und neuen Nationalismus. Derzeit erforscht sie in einem DFG-Projekt die Lebensverhältnisse von Frauen im Alter.

 

KEINRUHESTAND

WIE FRAUENMIT ALTERSARMUT UMGEHEN

Herausgegeben von Irene Götz

Unter Mitarbeit vonEsther Gajek, Alex Rau, Marcia von Rebay, Petra Schweiger,und Noémi Sebök-Polyfka

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Teil I: Altersarmut – Ein lange vernachlässigtes Problem

von Irene Götz

unter Mitarbeit von Esther Gajek, Alex Rau, Marcia von Rebay, Petra Schweiger und Noémi Sebök-Polyfka

1.  Vom wohlverdienten zum prekären Ruhestand

Armutszuwachs in Deutschland

Objektive prekäre Lagen und subjektive Sichtweisen

Weibliches Altern in seiner Vielschichtigkeit

Das Forschungsprojekt »Prekärer Ruhestand«

Die Altersrente als Armutsfaktor in Großstädten

Eineinhalb-Ernährer-Familie und Teilzeit-Falle

Gender Pay Gap – Gender Pension Gap

Zuarbeit in »Frauenberufen« und die Folgen

Scheidung als Risikofaktor

Arm durch Care-Arbeit

Migration und (De-)Qualifizierung

2.  Strategien und Praktiken des Wirtschaftens

Kindheit in einer Mangelgesellschaft

Der Einfluss der 68er-Liberalisierung

Verrentung und Minijob – Einfach weiterarbeiten?

Frauen mit sozialem und kulturellem Kapital

Existenzielle Einschränkungen

3.  Die Angst vor Kontrollverlust und Abhängigkeit

Hohes Alter als das andere Alter

Sterben und die letzten Dinge

»Nicht zur Last fallen«

Sich Arrangieren: Sorge und Zufriedenheit

Strategien der Anpassung und Vorsorge

4.  Thesen zur Prävention weiblicher Altersarmut

Teil II: Porträts – Weibliche Lebenslagen im Alter

Dagmar Berger: Was kostet der Tod? Ein Leben mit Schulden

von Alex Rau

Dawina Bublica: »Ein Leben lang gearbeitet« – Und jetzt keine Wohnung

von Irene Götz und Petra Schweiger

Sofija Djukic: Auf der Beratungsstelle – Im Alter nirgends angekommen

von Esther Gajek

Maiana Dovan: Vom großbürgerlichen Gut zur Sozialwohnung

von Alex Rau

Jolanda Fischer: »Ohne Hilfe vom Sozialamt« – Arbeiten, lebenslang

von Alex Rau

Beate Flossmann: Verrentung als Einschnitt – Der allmähliche Verlust der Sorglosigkeit

von Esther Gajek und Petra Schweiger

Heidi Grujau: »Jetzt geht nichts mehr« – Allmählich abhängig werden

von Petra Schweiger

Traudel Heller: Nicht (mehr) dazugehören. Überschuldung nach Scheidung

von Esther Gajek

Mária Jakubová: Wenn ältere Frauen Hochaltrige pflegen – Eine Arbeitspendlerin zwischen Deutschland und der Slowakei

von Noémi Sebök-Polyfka

Regina Kirchhoff: Prekär? – »Ich bin rundum zufrieden«

von Alex Rau

Elisabeth Koch: Krautwickel aus Kohlrabiblättern, Schuhe vom Flohmarkt – »Hundertprozentig bin ich arm«

von Esther Gajek

Walburga Kratzer: Kampffelder in patriarchalischen Verhältnissen oder wie frau im Alter wirtschaftet

von Irene Götz und Petra Schweiger

Hilde Meyer: Warum keine Rentenpunkte für gesellschaftliche Arbeit? – Ein Leben für die Frauenbewegung

von Irene Götz und Alex Rau

Dorina Rubenbauer: »Solange ich krabbeln kann« – Wie körperliche Einschränkungen durch soziale Taktiken bewältigt werden

von Petra Schweiger und Irene Götz

Ulla Scheibler: »Man darf nicht zu Hause sitzen« – Wie man seine Ressourcen im Alter nutzt

von Irene Götz

Monika Tegt: Wenn die Rente nicht reicht: Kämpfe mit den Behörden – sowie mit traditionellen Rollen- und Altersbildern

von Alex Rau

Klara Träger: »Es hat sich zum Guten gefügt« – »Wiedergeburt« nach schwerer Krankheit

von Esther Gajek

Maria Zöllner: Von der Last, selbst zur Belastung zu werden

von Alex Rau und Marcia von Rebay

Teil III: Was tun, wenn die Rente nicht reicht? Kontakte und Tipps

von Alex Rau

Vorbemerkung

1. Finanzcheck: Aufstocken, Hinzuverdienen, Schulden tilgen

2. Wohnen in einer teuren Stadt: Unterstützungsangebote

3. Grundbedürfnisse stillen: Essen, Kleidung, tägliche Gebrauchsgegenstände

4. Gutes Leben: Soziale Teilhabe trotz knapper Mittel

5. Wenn die körperlichen Kräfte schwinden: Gesundheit und Pflege finanzieren

6. Weitere Hilfsnetzwerke: Beratungsstellen, Clearingstellen, Wohlfahrtsverbände, kommunale Einrichtungen und sonstige Vereine

Anmerkungen

Literatur

Dank

 

 

Teil I:

ALTERSARMUT – EIN LANGEVERNACHLÄSSIGTES PROBLEM

von Irene Götz

unter Mitarbeit vonEsther Gajek, Alex Rau, Marcia von Rebay,Petra Schweiger und Noémi Sebök-Polyfka

1. Vom wohlverdienten zum prekären Ruhestand*

Ich schaue halt und suche. Aber du kriegst nichts mehr, keine Chance. Weil die Jüngere wollen. Ja, klar. Mit 68, da sagen sie ›die ist zu langsam, die kann das nicht, bis die einlernt‹ […]. Also in der Telefonakquise da kriegst immer was, weil da sieht dich ja keiner, musst halt stundenlang telefonieren. Aber das geht natürlich schon an die Substanz. Da gehe ich raus, da bin ich fertig.

Die hier interviewte ehemalige Versicherungsangestellte Monika Tegt1 (68) muss nach 40 Jahren Berufstätigkeit abends in einem Callcenter wie im Akkord telefonieren, weil ihre Rente von – im Jahr 2015 – rund 900 Euro nicht zum Leben ausreicht. Die 85-jährige ehemalige Hausmeisterin Maiana Dovan hat kein Geld, um ihre aufgetragenen Winterschuhe reparieren zu lassen – und ihren kleinen Balkon, früher ihre ganze Freude, begrünt sie schon lange nicht mehr, das ist zu teuer. Traudel Heller, frühere Bürokraft, Anfang 70, geriet trotz einer Pension von 1460 Euro nach Scheidung und Aufbau eines eigenen Haushalts in die Schuldenfalle – ihre neu bezogene Wohnung allein frisst schon 700 Euro Miete. Alle ihre Rücklagen sind aufgebraucht, »jetzt muss ich knausern und sparen«. Diese Beispiele verweisen auf die Lebensbedingungen vieler Menschen im Rentenalter, insbesondere von alleinstehenden Frauen in teuren Städten, um die es in diesem Buch geht.

Wir wissen noch wenig darüber, wie Ältere ganz konkret in ihrem Alltag mit niedrigen Renten zurechtkommen, weil Altersarmut oft sogar im engeren Familienkreis im Verborgenen bleibt. Diese Interview-Studie will mit ihren mikroskopischen Einblicken in die Lebensführung von Frauen der heutigen Rentnerinnengeneration zu differenzierten Sichtweisen anregen, die sowohl deren Leistungen der Selbstsorge wertschätzend herausstellen als auch ihre Sorgen ernst nehmen. In diesem Sinne – im Sinne der Interessen und Bedürfnisse der Frauen – soll die Politik im Großen wie auf kommunaler Ebene durch überfällige Einblicke in bestehende Bedürftigkeiten handlungsfähiger gemacht werden. Vor allem aber will dieses Buch dazu beitragen, dass Rentnerinnen ihre Situation nicht als individuelles, womöglich noch selbstverschuldetes Schicksal begreifen, sondern als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Problematik. Und es will dazu ermutigen, die eigene prekäre Situation zu verbessern, zum Beispiel, indem bei einschlägigen Beratungsstellen Unterstützung geholt wird (siehe die Informationen im letzten Teil des Buches). Vielleicht überzeugen die Befunde auch die Jüngeren, soweit möglich, früh für ihr Alter Lebensformen und Lösungen anzudenken, was jedoch nicht heißen soll, dass nicht gerade die Politik angehalten ist, für die nächsten Generationen präventive und vor allem nachhaltigere Alterssicherungen zu entwickeln.2

Im ersten Teil des Buches wird auf der Basis der geführten Interviews das vielschichtige gesellschaftliche Problem der Altersarmut skizziert. Welche gesellschaftlichen und biografischen Faktoren führten (und führen oft weiterhin) dazu, dass heute im Alter vor allem Frauen von Armut bedroht sind? Welche Strategien und Praktiken haben sie entwickelt, wenn sie noch dazu allein in einem Haushalt wirtschaften müssen? Was unternehmen sie derzeit noch an Zusatzarbeit (z.B. Minijobs, Selbstständigkeit bis ins hohe Alter, Hilfsdienste für andere)? Inwieweit stellen diese Tätigkeiten eher eine Bereicherung oder vor allem eine ökonomische Notwendigkeit dar? Welche Strategien des Sparens und Umgangs mit knappen Mitteln entwickeln die Frauen darüber hinaus, um sich ihren Verbleib in der vertrauten Wohnung so lange wie möglich leisten zu können? Welche Sorgen – insbesondere vor der Zukunft – müssen sie bewältigen, und auf welche Unterstützung (Familie, Nachbarn, Kollegen, Ämter) können sie dabei zurückgreifen (oder eben auch nicht)? Welche sozialen und kulturellen Ressourcen helfen diesen Frauen der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder, sich mit ihrer Situation zu arrangieren?

Im zweiten Teil kommen die Frauen selbst zu Wort, in einem dritten Teil wird dann darüber informiert, wo man sich gegebenenfalls finanzielle oder soziale Unterstützung holen und damit weiterhin trotz finanzieller Engpässe im Alter am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben kann.

Armutszuwachs in Deutschland

Wie können Frauen über die Runden kommen, wenn ihre Rente oft kaum reicht, um die Miete aufzubringen, und Sozial- oder Genossenschaftswohnungen rar sind? Diese Frage stand am Anfang unserer Untersuchung, und sie ist ihr Leitmotiv. Auch einschlägige Studien verweisen in den letzten Jahren darauf, dass das Problem der Altersarmut, das durch »gesicherte« Renten ja aus der Welt geschafft schien, im »reichen« Deutschland wieder drängend geworden ist. Alleinstehende Frauen, gering Qualifizierte im Niedriglohnsektor, in dem sich übrigens vielfach die Frauen finden, und Langzeitarbeitslose sind besonders gefährdet.3 Insbesondere in den Großstädten wird die Altersarmut weiter zunehmen. In Prognosen, die sich auf statistische Daten beziehen, wurde beispielsweise für München hochgerechnet, dass im Jahr 2035 »mehr als jede dritte Person ab 65 Jahren« unterhalb der Armutsschwelle leben wird.4 »Wir haben es hier mit einem armutspolitischen Erdrutsch zu tun«, warnte der Leiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider 2015 und verwies auf den Befund, dass generell in Deutschland – nicht zuletzt angesichts der sukzessive abgesenkten Renten – der Armutszuwachs bei Neurentnerinnen und Neurentnern seit 2006 im Vergleich zu anderen Altersgruppen am stärksten zugenommen hat.5 Daran änderten auch die Rentenerhöhungen der letzten Jahre nichts. Demnach ist deutschlandweit etwa jede sechste Person im Rentenalter mittlerweile von der sogenannten relativen Einkommensarmut bedroht.6 Ein solches relatives Armutsrisiko ist nach offizieller statistischer Bemessung gegeben, wenn eine Person mit 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens auskommen muss. Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes belief sich diese Armutsgefährdungsschwelle für Deutschland 2006 noch durchschnittlich auf 746 Euro, 2016 angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten bereits auf 969 Euro. In urbanen Zentren, wo Wohnen und Leben besonders teurer ist, liegt die Schwelle zur Armut für einen Einpersonenhaushalt deutlich höher: bei 1100 Euro oder für besonders teure Großstädte wie München sogar mittlerweile bei 1350 Euro.7 Angesichts dieser Befunde ist leicht nachzuvollziehen, dass die Armutsgefährdung bei den über 65-Jährigen als ein inzwischen alltägliches Phänomen auch in den bürgerlichen Milieus angekommen ist und soziale Teilhabe schwer macht. »Mit Freundinnen treffen? Das ist Luxus, das geht nicht«, stellt die von uns interviewte Traudel Heller fest. Die Münchnerin ist angesichts ihrer Lebenslage bitter geworden: »Das Leben ist eigentlich gelaufen. Ich sehe kein Highlight mehr für mich.«

Gerade in den Städten kommt man mit einer durchschnittlichen gesetzlichen Erwerbsrente als Alleinstehende/r kaum zurecht. In München beispielsweise lag der Durchschnittswert der Bestandsrente für Männer im Jahr 2016 laut der Deutschen Rentenversicherung bei 1100 Euro, bei den Frauen lediglich bei 785 Euro, auch wenn Neurentnerinnen inzwischen gegenüber den Neurentnern aufholen, da zumindest in den Städten die jüngeren Frauengenerationen häufiger berufstätig waren.8

Die Renten können je nach Bedarfslage des Einzelfalls, der vom Sozialamt geprüft wird, zwar durch Grundsicherung aufgestockt werden – in München in einem Einpersonenhaushalt bis zur durchschnittlichen Höhe von derzeit etwa 1100 Euro. Dass nur ein Viertel der Menschen ab 65, die von einem Armutsrisiko betroffen sind, in dieser Stadt Grundsicherung bezieht,9 hat auch mit der Lücke von circa 200 Euro zu tun, die zwischen Grundsicherung und Armutsgefährdungsschwelle klafft. Diese nicht ausreichende Höhe des Regelbedarfes – wobei München hier nur ein eindrückliches Beispiel ist – wird von Sozialverbänden und Kommunen schon einige Zeit kritisiert.10

Auch wenn die Prognosen düster sind und die unzulänglichen Sicherungssysteme immer mehr in die Kritik geraten, hat sich die Bundespolitik dem Thema der Armutsgefährdung im Alter erst in jüngerer Zeit und zögerlich angenommen. Im siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, vorgelegt im Frühjahr 2017, wird das Thema noch, wie generell die zunehmende gesellschaftliche Spaltung, kleingeredet, so als ob die boomende Wirtschaft doch wirklich allen zugutekäme.11

Das Thema der Altersarmut tauchte, wenn überhaupt, auf politischer Ebene lange Zeit vor allem im Zusammenhang mit dem Drohszenario der alternden Gesellschaft und dem demografischen Wandel auf, der zum Mangel an Facharbeitskräften führe und schon jetzt und mittelfristig die Sozialkassen über Gebühr belaste. »Altenlast« wird hier als volkswirtschaftliches Problem verhandelt – es geht um die Belastung der Gesellschaft durch die Älteren; die Belastungen der Älteren selbst standen dagegen lange im Hintergrund. Die offiziellen Altenberichte der Bundesregierung zeichneten vielmehr das einseitige Bild einer neuen Generation »aktiver« und »fitter« älterer Mitbürgerinnen und -bürger, die ihr Alter selbst absichern können und sich weiter nützlich machen sollen. Auf einem Arbeitsmarkt, der um Fachkräfte ringt, werden einerseits die »Potenziale des Alters«12 als Ressource entdeckt. Andererseits ist die Eigenaktivität über die Renten hinaus in der Realität für immer mehr Ältere weniger eine Frage freiwilligen gesellschaftlichen Engagements als primär des Überlebens angesichts ihres prekären Ruhestandes. Flaschensammler13 und Rentnerinnen, die Regale in Supermärkten einräumen, prägen als neue Sozialfiguren der Altersarmut das Bild insbesondere der Städte. So bildet sich die gesellschaftliche Spaltung auch im Alter ab. Wohlsituierte »Best Ager« als neue Konsumentinnen und Konsumenten, die an den sonnigen Plätzen der Welt ihren Ruhestand genießen, hoch qualifizierte Senior-Berater in Betrieben, Vorleserinnen in Grundschulen oder Studierende im Hochschul-Seniorenprogramm auf der einen Seite. Auf der anderen Seite diejenigen, bei denen es chronisch knapp ist und für die gesellschaftliche Aktivierungsappelle und Selbstvorsorge bisweilen sogar zynisch klingen mögen.

Objektive prekäre Lagen und subjektive Sichtweisen

Den »wohlverdienten Ruhestand«, in Zeiten des »Wirtschaftswunders« und der prosperierenden Jahre ein Privileg und eine Erwartung für viele, können sich inzwischen nur noch wenige leisten. Insbesondere Frauen sind von Altersarmut bedroht. Auch wenn die Ursachenanalyse für die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im Alter weit gediehen ist und auf überlieferte Rollenbilder sowie auf rentenpolitische Unzulänglichkeiten verweist, ist ganz offensichtlich immer noch wenig darüber bekannt, wie Betroffene damit umgehen.

Hier setzt dieses Buch an; es leuchtet mit biografischen Interviews und Fallgeschichten tief in diese Lebensrealitäten älterer Frauen hinein. Es zeigt, wie die Interviewten trotz ihrer vergleichsweise niederen Alterseinkommen, dank ihrer Findigkeit und Fertigkeiten, in einer teuren Stadt mehr oder weniger zurechtkommen. Die Strategien und Praktiken ihrer Lebensführung14 stellen sich dabei allerdings als wesentlich vielgestaltiger dar, als es die oft stereotypen Bilder und statistisch errechneten Zahlen über das Alter vordergründig nahelegen. In der jeweiligen biografischen Gemengelage gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß: für die einen die Last des Minijobs als Notbehelf und für die anderen, die gut betuchten Ruheständlerinnen, dafür Müßiggang, die Lust am Ehrenamt und Anerkennung. Die ehrenamtliche Seniorenbegleiterin Ulla Scheibler ist ein Beispiel, das zeigt, wie sich im Tätigsein oft Notwendigkeit und Job einerseits mit Engagement und Sinnerfahrung andererseits mischen. Die Mitsiebzigerin ist so beschäftigt, dass wir kaum einen Interviewtermin fanden. So muss sie ihre Rente von rund 1100 Euro mit teilweise durch Aufwandsentschädigungen honorierten »Ehrenämtern« unbedingt aufbessern. Sie machen ihr aber auch Freude und bringen sie in Kontakt mit Menschen, die sie unterstützen kann, und auch angesichts des engen Verhältnisses zu Tochter und Enkel würde sie sich nie als »arm« bezeichnen.

Die Alltagsbewältigung von allein in einem Haushalt wirtschaftenden Älteren ist überaus unterschiedlich wie auch deren Selbstsichten und Haltungen. Bei unserer explorativen Spurensuche in München fanden sich tatsächlich wenige Frauen, die sich selbst als arm verstanden, viele nahmen sich jedoch sehr wohl als prekär wahr, das heißt, als von Abstieg und Mangel bedroht, als verwundbar, etwa auch durch nachlassende Kräfte, und in den Möglichkeiten im Vergleich zu anderen eingeschränkt. Eine vordergründige objektive Lage und die subjektive Sicht auf diese gehen dabei nicht immer zusammen. Und viele Faktoren wie Gesundheit, Bildung oder vorhandene Netzwerke spielen eine bedeutende Rolle. Doch auch hier waren unsere Befunde überraschend. So fanden wir nicht wenige vor, wie etwa die gesundheitlich sehr belastete Heidi Grujau, die ausgesöhnt sind mit einem Leben, das schon lange nur mithilfe von Grundsicherung und Haushaltshilfe durch die Tochter noch halbwegs selbstständig möglich ist. Auch der soziale Abstieg nach der Verrentung oder aufgrund persönlicher Schicksalsschläge wurden oft aus einer großen Gelassenheit heraus bewältigt. Diese verbreitete optimistische Grundhaltung15 darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle Frauen, mit denen wir sprachen, immer wieder in kritischen Situationen und schwachen Momenten von Ängsten heimgesucht werden: allen voran vor dem Verlust der nicht mehr finanzierbaren Wohnung und des gesicherten Alltags oder vor Krankheit und Abhängigkeit. Ihre fragile Lage macht sie regelrecht wütend; so hat sich das Versprechen der »sicheren Rente« als Illusion erwiesen. Einzelne verglichen sich neidvoll mit bessergestellten Nachbarn. Manche hadern mit ihrer Abhängigkeit von den Ämtern. Alle fürchten sie sich vor der Zukunft. Selbstständig zu bleiben und sozial eingebunden – wie kann das mit geringen Alterseinkommen jetzt und in Zukunft gelingen? Diese zentrale Frage16 trieb die Interviewten als Motor ihrer alltäglichen Bemühungen und Kämpfe um. Den meisten gelang es bislang, Strategien des Zurechtkommens zu entwickeln, wie lange können sie aber noch aufrechterhalten werden?

Angesichts der vielschichtigen und ambivalenten Befunde ist dies kein Buch ausschließlich über Altersarmut im engeren Sinn geworden, sondern behandelt die vielen Formen einer prekären, also verwundbaren Lebensführung vor dem Hintergrund der spezifischen biografischen Dispositionen insbesondere von Frauen, die bis auf Ausnahmen zwischen 1940 und 1950 geboren sind (zwei Interviewte sind in der ersten Hälfte der 1930er und zwei 1954 bzw. 1955 geboren). Von Frauen aus der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder17 handelt dieses Buch, wenngleich viele der Probleme auch jüngere (und ältere) Geschlechtsgenossinnen und sicher teilweise auch Männer im Alter betreffen mögen.

Die Babyboomer kommen in den nächsten Jahren in Rente, und für diese geburtenstarken Jahrgänge der späten 1950er- bis mittleren 1960er-Jahre werden die in diesem Buch aufscheinenden Fragen und Probleme ebenfalls zunehmend relevant. Die auf diese folgenden, noch jüngeren Generationen wiederum sind durch vielfach nicht oder nur gering versicherungspflichtige Tätigkeiten auf einem deregulierten Arbeitsmarkt bezüglich Altersarmut ohnehin gefährdet. Es bleibt zu hoffen, dass der »Generation Praktikum« einmal reformierte Alterssicherungssysteme zur Verfügung stehen. Gegenwärtig könnten sie, zumal in den vielfach projektförmigen Tätigkeiten auf Zeit, mit keiner auskömmlichen staatlichen Erwerbsrente mehr rechnen.

Weibliches Altern in seiner Vielschichtigkeit

Die Armutsgefährdung von Frauen ist deutschlandweit gegenüber der von Männern über 65 Jahren im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen.18 Die durchschnittliche deutsche Rentnerin erhält stets, bei allen regionalen und erwerbsbiografischen Unterschieden im Einzelfall, noch immer eine weitaus geringere eigene Erwerbsrente als der durchschnittliche männliche Rentner.19 Diese Altersrenten ergeben sich aus den weiblichen Erwerbsorientierungen der älteren Generationen: Die heutigen Rentnerinnen wurden noch in der Zeit des Nationalsozialismus – oder wie die von uns Interviewten dann in der Adenauerzeit mit ihrer restaurativen Familienpolitik – erzogen und ausgebildet. In die Bildung dieser Kriegs- und Nachkriegskinder, insbesondere in die Mädchen, wurde entsprechend meist wenig investiert (hier liegt ein Unterschied zu den späteren Generationen, etwa bereits zu den Babyboomern, die von der Bildungsoffensive der späten 1960er-Jahre unmittelbar profitierten). Erwerbsarbeit bis zur Familiengründung, Teilzeitarbeit und Erwerbslücken während der Erziehungszeiten – dies sind, kurz gesagt, die Stichworte, die auf die Gründe für die Rentenlücken vieler Frauen verweisen.

Diese weiblichen Erwerbsbiografien, denen die meisten unserer Gesprächspartnerinnen zunächst bis ins mittlere Erwachsenenalter auch folgten, sind hier ein wichtiger, aber nicht der einzige Grund für eine Altersarmut. Die Lage verschärft sich, wenn weitere Faktoren hinzukommen. Eine Scheidung etwa oder eine chronische Erkrankung steigern das Armutsrisiko zusätzlich. Auch Alleinerziehende sind (bereits in jüngeren Jahren zusammen mit ihren Kindern) bis heute, statistisch gesehen, einem solchen deutlich erhöhten Risiko ausgesetzt.20

Frauen – und zwar aus allen Milieus – sind von einem prekären Ruhestand besonders bedroht, wenn sie im Alter von nur einem Haushaltseinkommen leben. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sie im letzten Lebensdrittel allein übrig bleiben und nicht über Ersparnisse, eine Erbschaft oder zumindest eine Zusatzrente verfügen. Frauen leben, statistisch gesehen, länger, pflegen häufig ihre Partner, haben aber am Ende selbst oft keine solche partnerschaftliche Unterstützung zu erwarten.21 Zudem wiederverheiraten sich Witwer sehr viel häufiger als Witwen. Es leben daher bereits heute signifikant mehr ältere Frauen als ältere Männer in Singlehaushalten, eine Tatsache, die sich noch weiter verstärken wird.22 Frauen sind, trotz teilweise vorhandener zusätzlicher Witwenrenten, häufig bezüglich ihrer gesamten Lage (z. B. auch bezüglich Wohnungsbesitzes und angesparten Vermögens) nicht nur finanziell schlechter gestellt als Männer, sondern auch stärker Individualisierungstendenzen ausgesetzt und müssen ihr Leben primär selbst gestalten. Sie sind im höheren Alter häufiger als Männer von Einsamkeit betroffen, sind häufiger chronisch krank, müssen familiäre Leistungen erbringen, die ihrer gesundheitlichen Situation nicht mehr angemessen sind, und müssen häufiger dazuverdienen. Anders ausgedrückt: Ältere Männer leiden seltener und weniger intensiv unter sozialen Problemen als Frauen. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung bringt jedoch auch mit sich, dass Männer schlechter mit Veränderungen und Verlusten umgehen können.23

Trotz der genannten erwerbsbiografischen Prägungen und Tendenzen sind die Lebens-, Familien- und Arbeitsverhältnisse von Frauen (wie natürlich auch die von Männern) sehr unterschiedlich. Entsprechend lässt sich auch eine Pluralität der (weiblichen) Lebenslagen und Lebensstile im Alter ausmachen. Das Soziologen-Team rund um Silke van Dyk und Stephan Lessenich identifizierte in einem Forschungsprojekt sechs verschiedene »typische« Sozialfiguren des Ruheständlers, die sich insbesondere darin unterschieden, wie aktiv sie ihren Ruhestand gestalten, ob sie diese Aktivitäten freiwillig erbringen oder durch ihre monetäre und familiäre Situation erzwungen, wie zufrieden sie dabei sind und wie ihre Einstellung zur Produktivität ist.24 Als typisch weibliche Figuren gelten dabei »Die verhinderte Ruheständlerin« und »Die Gebremste«. Erstere begreift den Ruhestand als verdiente Ruhephase, kommt jedoch aufgrund helfender Aktivitäten insbesondere in Betreuung und Pflege nicht dazu, sich »auszuruhen«. Letztere ist ihr Gegenpart: Sie besitzt eine hohe Produktivitätsorientierung, deren Erwartung auf sie erfüllende Aktivitäten sich aber unter anderem aufgrund finanzieller Prekarität, Ausgrenzungserfahrungen im ehrenamtlichen Kontext und Einschränkungen durch den Ehemann nicht erfüllt. Bezüglich Ehrenämtern häufen sich im Alter für Männer nämlich die Vorteile. Durch hohe Qualifizierung und kontinuierliche Beschäftigung sowie potente Netzwerke und ein entsprechendes professionelles Selbstbild erhalten sie auch nach der Verrentung leichter ein prestigeträchtiges Ehrenamt, wohingegen Frauen im Alter häufig weiter im häuslichen Bereich oder öffentlichen Pflegeeinrichtungen bei kraftzehrenden Tätigkeiten im Hintergrund aktiv bleiben.25

Summa summarum: Im Alter verstärken und verschränken sich nach Erkenntnissen der Sozialwissenschaften soziale Unterschiede und Geschlechtsunterschiede, Einkommensunterschiede, Bildungsunterschiede und Unterschiede in Quantität und Qualität sozialer Netzwerke, wobei hier Bildung ein besonders relevanter Faktor ist. Auch ethnische Diskriminierungen und Migrationserfahrungen können sich im Alter belastend auswirken.26 Die Soziologin Gertrud Backes konstatiert entsprechend eine Kumulation von Benachteiligungen bei Arbeiterwitwen mit nur geringfügiger Qualifikation, mit diskontinuierlichem Erwerbsverlauf und mit Mehrfachbelastung. Unter unseren Interviewpartnerinnen ist zum Beispiel Maiana Dovan (die nicht weiß, wie sie ihre Schuhreparatur finanzieren soll) in diesem Sinne mehrfach belastet: Ihr Ehemann, mit dem sie aus Rumänien geflohen ist, arbeitete wie sie selbst nach der Migration in prekären Verhältnissen. Nach seinem Tod, eigener Erkrankung und der Aufgabe der Hausmeisterinnenstelle musste sie in eine kleinere Wohnung umziehen. Dass ihre Arbeitgeberin sie nicht ganz regulär angemeldet hatte, wurde ihr, die als Migrantin mit der deutschen Bürokratie zunächst wenig vertraut war, erst gewahr, als sie mit einer Rente von 100 Euro (plus Witwenrente von 122 Euro) zum Sozialamt musste. Migrantinnen und Migranten sind, insbesondere in den Großstädten, überdurchschnittlich häufig unter den Grundsicherungsempfängerinnen im Alter vertreten.27

Die Möglichkeiten, Armut und sozialen Abstieg nach der Verrentung abzufedern, sind somit unterschiedlich vorgeprägt. Hier kommt der Soziologe Pierre Bourdieu mit seinen Analysen der »feinen Unterschiede« ins Spiel.28 Am Beispiel der französischen Gesellschaft zeigte er, wie sich die Praktiken des Alltags und die jeweiligen subjektiven Weltsichten und Haltungen aus einer kollektiven und objektivierbaren gesellschaftlichen Lage ergeben. Diese spezifischen Praktiken und Haltungen, der »Habitus«, sind nicht einfach nur vordergründig »schichtabhängig«, sondern ergeben sich aus einer je nach Stellung im »sozialen Raum« sehr spezifischen Verteilung von »Kapitalsorten« in den sich in der Gegenwart weiter ausdifferenzierenden gesellschaftlichen Milieus und Gruppen.29 Die jeweilige Zusammenstellung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals prägt gruppenspezifischen Geschmack und Einstellungen, Stil und Sozialbeziehungen, Handlungsmöglichkeiten und ihre Begrenzung. Für unser Feld stellt sich also die Frage, ob ein Mangel an ökonomischem Kapital zum Beispiel von den bürgerlichen oder avantgardistischen Milieus durch ein Mehr an kulturellem Kapital (Wissen, Bildung) und sozialem Kapital (Familie, Freundeskreis) unter bestimmten Umständen ausgeglichen werden kann. Wer also Bildung im Alter noch zu kapitalisieren versteht oder über hauswirtschaftliche Versorgungs- und Spartechniken verfügt (kulturelles Kapital) sowie über ein wohlhabendes oder zumindest intaktes Umfeld als Unterstützung (soziales Kapital), kann finanzielle Engpässe besser abfedern. Wirklich arm sind dann diejenigen, die an allen drei Kapitalsorten Mangel haben.

Das Forschungsprojekt »Prekärer Ruhestand«

Mit dieser Ausgangsthese über die unterschiedlichen soziokulturellen Voraussetzungen der alltäglichen Kämpfe von Frauen im Alter – wobei auch das bürgerliche Milieu von Altersarmut bedroht ist, diese jedoch unter Umständen besser abfedern kann – startete im Jahr 2014 ein Forschungsprojekt über »Prekären Ruhestand« an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Ergebnisse liegen diesem Buch zugrunde. Es basiert im Wesentlichen auf mehrstündigen Interviews mit betroffenen Frauen in dieser Stadt und führte uns, ein Team von Kulturwissenschaftlerinnen,30 auf der Suche nach Gesprächspartnerinnen in unseren weiteren Bekanntenkreis, dann auch in die Einrichtungen der offenen Altenhilfe, etwa in die Alten- und Service-Zentren als Münchner Nachbarschaftszentren für Ältere, in Schuldnerberatungen, in eine Kleiderkammer und in kirchliche Einrichtungen. Wir sprachen mit allein wirtschaftenden Frauen; wir sprachen mit ihnen nach Möglichkeit in ihren Wohnungen, oft stundenlang und mehrfach, über ihre wirtschaftliche Situation und ihre Sparstrategien, über ihre Erwerbsbiografien und Familiensituation. In biografischen Interviews versuchten wir herauszufinden, wie sie in ihre jeweilige prekäre Lage gekommen waren. Wir hörten viele ähnliche Geschichten, von für sie ungünstig ausgegangenen Scheidungen und folgendem spätem Einstieg in den Arbeitsmarkt, von Teilzeitanstellungen in als weniger qualifiziert geltenden Berufen, aber auch von Enttäuschungen, nach 45 Jahren hochqualifizierter Erwerbstätigkeit in Vollzeit nur eine Rente von rund 1200 Euro zu erhalten und damit in München unter der Armutsgefährdungsgrenze zu liegen. Wir hörten von Schicksalen wie der langjährigen Pflege eines Familienangehörigen, die zur frühen Aufgabe der Erwerbsarbeit führten, oder von sozialem Abstieg nach einer Migration oder nach dem Ende einer Ehe, die eine bürgerliche Existenz einmal in jungen Jahren versprochen hatte, ein ganzes Leben lang abzusichern. Wir erfuhren viel über die Sorgen der Frauen, aber genauso viel über Mut machende Autonomie und ein Zurechtkommen, das man sich selbst erarbeitet hat.

Das Gros der Frauen, die wir zwischen 2014 und 2017 interviewten, war zum Zeitpunkt der Gespräche zwischen 60 und 75 Jahre alt; zwei Frauen waren bereits über 80. Die meisten waren geschieden, wenige verwitwet, einzelne hatten neue, aber getrennt wirtschaftende Partner oder in zwei Fällen auch Partnerinnen. Wir suchten unsere Interviewpartnerinnen in unterschiedlichen Milieus und Berufen. So befragten wir ehemalige Reinigungskräfte, Kellnerinnen, Kosmetikerinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Büroangestellte, Buchhändlerinnen, Facharbeiterinnen, Geschäftsfrauen, Lektorinnen, Künstlerinnen, Therapeutinnen. Die Frage, welche Ausschlusskriterien wir in einem Projekt über »prekären Ruhestand« anlegen sollten, etwa die Höhe der Rente beziehungsweise ihres Alterseinkommens oder die Frage, ob es noch eine gewisses angespartes Kapital gibt, ließ sich nicht pauschal beantworten. In einzelnen Fällen nahmen wir auch Frauen in unser Sample auf, die eine kleine selbstbewohnte Eigentumswohnung besitzen, die sie aber kaum noch bewirtschaften können, weil die Nebenkosten zu hoch sind, oder Frauen, die jetzt ein für den Fall der Pflege aufgespartes Kapital zum Lebensunterhalt bereits verbrauchen müssen. Entscheidend schien uns das jeweilige Gesamtarrangement einer »prekären«, das heißt vulnerablen Lebensführung. Prekär bezieht sich eben nicht nur auf die objektive materielle Situation, sondern auch auf die subjektiv empfundene Verwundbarkeit31 oder die Antizipation, dass das aufgebaute Alltagsgerüst jederzeit zusammenfallen kann, wenn zum Beispiel die Wohnnebenkosten weiter steigen, ein Minijob aufgegeben werden muss oder die Gesundheit stark nachlässt.

Angesichts dieser sozial breit gestreuten Gruppe von Interviewpartnerinnen zeigten sich einerseits generationstypische Ähnlichkeiten bezüglich der Lebensläufe. Andererseits waren die sozialen und regionalen Herkünfte und die gegenwärtigen Lebenslagen sehr unterschiedlich. Dabei beschäftigte alle die Angst vor Kontrollverlust und Abhängigkeit, die es auch erschwerte, sich Unterstützung bei den Ämtern oder bei den Familien zu holen. Die Kinder und Enkelkinder sollten nicht belastet werden; gelegentlich waren auch keine Familienangehörigen in der Nähe, oder sie waren selbst aus verschiedenen Gründen nicht belastbar. Altersarmut erwies sich als Tabu, nicht nur lange Zeit in der Öffentlichkeit, sondern auch weiterhin innerhalb der Familien.

Hier kamen wir ins Spiel – das Forscherinnenteam, dem von der eigenen Lage erzählt wurde, sei es, weil wir besonders fremd oder teilweise doch bereits durch ein Bekanntschaftsverhältnis vertraut und vertrauensvoll erschienen. Manchmal sprachen die Frauen ausführlich und mehrfach – wie befreit – mit uns, weil man sich bekanntlich gegenüber Fremden bei manchen Themen bereitwilliger öffnet als gegenüber der eigenen Tochter oder Enkelin, in deren Rolle wir dennoch immer wieder als Zuhörerin unmerklich gesteckt wurden. Manchmal kamen unsere Gespräche in den Wohnungen, im Café oder einem Nachbarschaftstreff allerdings nur zögerlich in Schwung. Nicht alle Frauen wollten oder konnten uns Einblicke in ihre Geschichten geben. Einzelne Frauen waren regelrecht sprachlos. Bestimmt blieb auch manches ungesagt – »darüber will ich jetzt nicht sprechen« –, es war zu schmerzhaft und wohl schambesetzt. Dies war zum Beispiel der Fall, wenn es um intime Konflikte bei Trennungen vom Ehemann ging oder in einzelnen Fällen um erlebte Suchterfahrungen, die im Gespräch eher indirekt angedeutet wurden. Starke körperliche und finanzielle Einschränkungen wurden gelegentlich wohl auch in ihren Auswirkungen kleingeredet; manche Frauen wollten sich uns, dem gesellschaftlichen Leitwert der Unabhängigkeit und Selbstverantwortlichkeit gehorchend, auch als weiterhin potent und autark präsentieren. Schließlich geht es bei Armut und Bedürftigkeit auch sehr um verlorene Würde. Anstatt über den Mangel zu sprechen, zeigten uns manche Frauen demnach lieber, wie sie mit ihren ausgeklügelten Strategien des Wirtschaftens und Haushaltens bemüht sind, diese Würde und einen gewissen eigenständigen Lebensstil so lange wie möglich zu bewahren und die Situation nach außen nicht sichtbar werden zu lassen.

Über drei Jahre hinweg suchten wir Frauen auf, die alleinlebend in der teuren Stadt München meist ohne größere Ersparnisse nur von ihrer Rente leben müssen, manche stocken diese durch Grundsicherung auf, andere verdienen noch dazu. 50 davon nahmen wir in unser Sample auf, knapp 20 haben wir am Ende ausführlich für dieses Buch porträtiert. Die in diesem Buch vorgestellten Porträts zeigen die Vielfalt eines zu lange vernachlässigten Problems, der drohenden oder bereits eingetretenen Altersarmut von Frauen aus deren eigener Alltagsperspektive. Unsere »Sozialreportagen«32 vermögen es, Tiefenschärfe sowie Differenzierung in die alltägliche Lebensführung im Alter hineinzubringen und damit zu einem besseren Verstehen beizutragen, was Altersarmut im jeweiligen konkreten Fall für die einzelne Betroffene bedeutet.

Die Altersrente als Armutsfaktor in Großstädten

Allein im Alter leben und wirtschaften erscheint besonders in den urbanen Zentren an sich schon als Armutsrisiko. Eine aussagekräftige Statistik: In München beispielsweise lebten 2012 nahezu 90 Prozent der Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung im Alter in Einpersonenhaushalten.33 Laut dem Münchner Armutsbericht von 2017 sind Personen im Rentenalter zunehmend gezwungen, ihre Rente durch Minijobs aufzubessern.34 Dass wir alle Gesprächspartnerinnen in München (in einem Fall im Umland) suchten und uns hier vor allem auf allein in einem Haushalt lebende Frauen konzentrierten, hatte genau damit zu tun: München steht als Stadt mit hohen Mieten und Lebenshaltungskosten für entsprechende urbane Zentren, die einerseits gerade auch die für Ältere besonders wichtigen Infrastrukturen – Einkaufsmöglichkeiten, öffentlicher Nahverkehr, Fachärzte, Altenzentren, Ämter – gut erreichbar bereit halten. Andererseits bedrohen solche Städte jedoch all jene mit Ausschluss aus dem kulturellen und sozialen Leben, die sich dieses Leben hier nicht mehr leisten und auch nichts mehr dazuverdienen können. Hier besonders haben die Renten eine geringere Kaufkraft als anderswo; hier finden sich für die Rentnerinnen und Rentner oder Geringverdienende keine Wohnungen, die für sie im Alter nach Auszug der Familie vielleicht passender und bezahlbar wären. Wir wollten wissen, wie man mit Erwerbsrenten, die sich bei den interviewten Frauen zwischen rund 400 und 1500 Euro bewegten, in einer besonders teuren Stadt in einem Singlehaushalt überleben kann und inwiefern Teilhabe unter den jeweiligen Bedingungen überhaupt möglich bleibt.

Eine Rente von 400 Euro oder 1500 Euro – dies macht einerseits einen großen Unterschied, und dennoch sind auch mit einer Rente von 1500 Euro in einer Großstadt die Möglichkeiten, zumal unter den Bedingungen des Alters, beschränkt, wenn etwa eine Wohnung bereits, sofern man einen alten Mietvertrag hat, »nur« beispielsweise 700 Euro kostet, die steigenden Nebenkosten noch dazukommen und überdies Versicherungen, Telefon- und Internet- sowie Rundfunkgebühren zu entrichten sind. Dann sind die Tickets für den öffentlichen Nahverkehr zu bezahlen, sofern man kein Sozialticket beantragen kann (siehe dazu Teil III), ferner kommen Rezeptzuzahlungen und Arzneimittel als Posten hinzu, die nicht mehr vollständig erstattet werden. Gerade im Alter fallen oft höhere Gesundheitskosten an, auch ist, so gesehen, eine solche monatliche Summe von 1500 Euro, von der ein mobiler Studierender im WG-Zimmer noch seine Rucksackreise finanzieren können mag, für Ältere knapp. 1500 Euro hatten überdies nur zwei der befragten 50 Frauen zur Verfügung, die um ihre privilegierte Rentensituation wussten, sich aber nach der Verrentung als finanziellem Einschnitt ebenfalls sehr einschränken mussten.35 Anschaffungen jeglicher Art, eine Waschmaschinenreparatur oder gar ein Urlaub sind auch für sie kaum noch möglich.

Die meisten Interviewten hatten mit etwas über 1000 Euro monatlichem Alterseinkommen auszukommen. Dabei stockten nicht wenige ihre deutlich geringere Rente durch Grundsicherung oder andere soziale Leistungen, zum Beispiel auch Wohngeld, auf, um überhaupt über eine solche monatliche Summe verfügen zu können, die jedoch laut dem aktuellsten Armutsbericht von 2017 immer noch unter der Münchner Armutsgefährdungsschwelle von 1350 Euro liegt. Dass auch die ehemalige Stationsleiterin eines Altenheimes, Dawina Bublica, nach 44 Jahren Vollzeittätigkeit in Deutschland mit rund 1250 Euro unter dieser Armutsgefährdungsschwelle lag, schockierte sie selbst und uns gleichermaßen. Das Gleiche gilt beispielsweise für die ehemalige Lektoratsassistentin Walburga Kratzer, die mit 1170 Euro Rente einen Minijob als Aufstockung gesucht hatte, solange die Gesundheit es erlaubte.

Die Fallporträts machen plastisch, inwiefern die Interviewten objektiv als arm oder jedenfalls armutsgefährdet gelten können. Ihre materiellen Grundlagen und sozialen Einbindungen sind in unterschiedlicher Weise bedroht, auch wenn sie sich, wie oben dargestellt, selbst nicht unbedingt als »arm« eingeordnet wissen wollen. Armut gilt schließlich in einer Leistungsgesellschaft als ein Stigma und persönliches Versagen. Manche mit besonders kleinen Renten kämpfen sich auch deshalb ohne weitere Unterstützungen durch, die ihnen zustehen würden. Laut Münchner Armutsbericht gibt es eine große Dunkelziffer derer, die nicht zu den Ämtern gehen – weil sie sich schämen oder bürokratische Hürden bei der Beantragung von Grundsicherung scheuen oder weil sie aus Unwissen fürchten, das Amt hole sich wieder etwas davon bei den Kindern zurück. Eine dieser geschätzt 10.000 Berechtigten36, die nicht zum Amt gehen, ist unsere Gesprächspartnerin Jolanda Fischer, die betonte, dafür lieber die Straßenzeitung zu verkaufen und ihre Rente selbstständig aufzustocken.

Diese Befunde verweisen auf den immer wieder thematisierten Reformstau des nicht mehr funktionalen Rentensystems, das auf breiter Front durch Sozialleistungen ergänzt werden muss. Die Rentenerhöhungen der letzten Jahre haben daran nicht viel geändert. Folgt man den offiziellen Zahlen des DGB Bayern, dann bedeuten diese, dass drei Viertel aller allein lebenden Frauen im Rentenalter und zwei Drittel aller Rentner dieses »reichen Bundeslandes« unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle leben, sofern sie nur die eigene Rente als Haushaltseinkommen zur Verfügung haben!37

Rentnerinnen und Rentner müssten somit eigentlich aus den wohlhabenden Regionen und besonders aus den Ballungsräumen wegziehen und im letzten Lebensdrittel noch einmal neu in strukturschwächeren, aber preiswerteren Gebieten beginnen. Dies ist teilweise der Fall, obwohl es bedeutet, auf die im Alter besonders wichtigen Netzwerke im vertrauten Nahraum und oft auch auf eine direkt greifbare Versorgung mit zum Beispiel Fachärzten zu verzichten. Die Frauen, die wir interviewten, sind bis auf eine Ausnahme – Jolanda Fischer, der in München die Obdachlosigkeit drohte – aus verschiedenen Gründen bislang in ihrer vertrauten Stadt geblieben. Wie kommen sie zurecht? Wie zeigen sich die im folgenden Abschnitt skizzierten spezifischen gesellschaftlichen Schieflagen als persönliche Miseren? Aufgrund welcher Faktoren sind die Frauen also in eine prekäre Lage geraten?

Eineinhalb-Ernährer-Familie und Teilzeit-Falle

Unter den vorrangigsten Ursachen für die besondere Gefährdung von Frauen im Alter ist zunächst das an lebenslanger Vollzeitarbeit orientierte Rentensystem zu nennen. An kontinuierliche auskömmliche Erwerbsarbeit gekoppelt, begünstigt es damit bis heute die Männer, weil diese nach dem traditionellen Familienmodell in der Nachkriegswirtschaft die Haupternährer waren und dies gegenwärtig vielfach immer noch sind.

Noch in den 1950er-Jahren, zumal nach den Verlusten des Krieges, hatten Rentnerinnen und Rentner als generell arm oder gebrechlich gegolten; gleichwohl war es üblich und notwendig für viele, trotz Verrentung weiterzuarbeiten. Dies änderte sich allmählich nach der Rentenreform von 1957, die das Umlageprinzip einführte. In den Wohlstandsjahren konnte man sich Rentnerinnen und Rentner im »Ruhestand« leisten, weil es zunehmend genügend relativ gut Verdienende als Rentenzahler im mittleren Alter gab. Und in den späten 1960er-Jahren, als die westdeutsche Wirtschaft allmählich zu stagnieren begann, war es dann politisch gewollt, dass nach den Frauen auch die Älteren zugunsten der jüngeren Arbeitsuchenden zu Hause blieben. Vorruhestandsregelungen waren bis in die jüngere Zeit ein beliebtes beschäftigungspolitisches Instrument, das allerdings eine nachhaltige Nebenwirkung zeitigte. So verfestigte sich das Stereotyp vom nicht mehr leistungsfähigen älteren Arbeitnehmer im Zuge der Legitimierung seiner frühen Entpflichtung von Erwerbsarbeit.38 (Die Rente mit 67 und jüngste Neuverpflichtung der Älteren wiederum folgt einer umgekehrten Logik in Zeiten des Fachkräftemangels).

Parallel zu dieser rentenpolitischen Arbeitsmarktsteuerung setzte sich in den 1950ern die Ein-Ernährer-Familie als Leitbild durch, nachdem die Männer aus dem Krieg wieder zurück waren und, traumatisiert im autoritären Habitus Halt suchend, die Frauen aus dem Erwerbsleben zurückdrängten. Die konservative Familienpolitik in Westdeutschland trieb dieses bürgerliche Leitbild in breiteren Kreisen voran. Das Modell familiärer Aufgabenteilung wurde in den 1950er-Jahren historisch erstmals in vielen Familien bis in die Facharbeitermilieus hinein auch tatsächlich umsetzbar. Bis in die 1970er-Jahre hinein sollten die Frauen am Wiederaufbau dergestalt mitwirken, dass sie vor allem im Sinne des Wachstums – und auch als Bollwerk gegen den Kommunismus – Kinder bekamen, diese bei deren Ausbildung unterstützten und dem Ehemann im Übrigen für die Modernisierung der Nachkriegsgesellschaft den Rücken freihielten. Viele Frauen konnten während langer Erziehungszeiten diesem Leitbild nach zu Hause bleiben und sich vorrangig um die Haus- und Pflegearbeit kümmern, weil die Löhne und Gehälter in der prosperierenden Nachkriegswirtschaft zunächst lange Zeit gestiegen waren.

Die Folge für viele Frauen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration war, dass sie nur bis zur Familiengründung berufstätig blieben. Womit diese Frauen neben dem allgemein beschworenen ewigen Wachstum und Wohlstand, nicht zuletzt dank eines gesicherten Erwerbseinkommens des Ehemannes, noch wie ihre Mütter rechnen zu können glaubten, war der fraglose lebenslange Halt der familiären Solidarität – zumindest waren sie so erzogen worden. Scheidungen waren bekanntlich seltener und schwierig, weil sich hier rechtlich »Schuldfragen« und noch bis in die späten 1970er-Jahre auch entsprechend diffizile Fragen der Versorgung stellten. Frauen konnten (und können), wenn sie gemeinsam mit ihrem Ehemann alt wurden (werden), mit einer Witwenrente rechnen, die zwar eine Einbuße bedeutet, aber Altersarmut bis zu einem gewissen Grad vorbeugt.

In Vollzeit erwerbstätige Single-Frauen mittleren Alters und Verheiratete, die nicht zumindest teilweise aus dem Erwerbsleben ausschieden, waren, als die Kriegs- und Nachkriegskinder in ihrer Jugend ihre Vorbilder suchten, in der Minderzahl. Man hatte hier Kriegerwitwen vor Augen, Bürodamen und Fürsorgerinnen, die noch mit Fräulein angeredet wurden, ein paar Lehrerinnen, die Familie hatten, oder Geschäftsfrauen; seltene Ausnahmen waren auch Akademikerinnen, die es geschafft hatten, sich im Studium und dann in einem Betrieb unter Männern durchzusetzen und meist unverheiratet waren; und natürlich gab es die Arbeiterfrauen, die Geld verdienen mussten.

So blieb das Standardmodell lange Zeit die männlich dominierte Ein-Ernährer-Familie, die auch durch diverse Steuer-, Familien- und Sozialgesetzgebungen politisch unterfüttert wurde. Vollzeitarbeit (der Männer) war in diesem Modell in der BRD bis in die 1980er-Jahre der Normalfall. Die Kernfamilie – Vater, Mutter, Kinder –, der dieses Modell der Aufgabenteilung in der Ein-Ernährer-Familie funktional folgte, wurde allerdings bereits im Zuge der Liberalisierung der Gesellschaft in den späten 1960ern durch »Scheidungsfamilien« und andere Lebensformen ergänzt. Ebenfalls wuchsen neue Generationen mit anderen beruflichen Aspirationen heran.

Die Töchter (und natürlich auch die Söhne) der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration, geboren in den späten 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren, waren, kurz gesagt, die Profiteurinnen (und Profiteure) des in ihren Familien erwirtschafteten relativen Wohlstands, sie waren auch die Profiteurinnen der 1968er Modernisierungsbewegung, der zweiten Frauenbewegung und vor allem einer entsprechenden Bildungsoffensive, dem Ausbau höherer Schulen und Universitäten. Vergleichsweise gut ausgebildet und mit anderen Erwartungen an die eigene Berufswahl und -ausübung als die meisten ihrer Mütter versehen (wenngleich oft in der Praxis der Ehe dann nicht mit anderen Geschlechterrollen bezüglich familiärer Arbeitsteilung), strebte diese Generation junger Frauen auf den Arbeitsmarkt. Sie vor allem war es, die in breiter Front seit den 1980er-Jahren dann Vereinbarkeitsansprüche in der Arbeitswelt geltend machte und dafür Teilzeitarbeitsmodelle vorantrieb.39 Für die Kinder und Enkel der 68er wurde es somit zunehmend selbstverständlicher, Familie und Sinnerfüllung im qualifizierten Beruf anzustreben, und sie hatten es hier leichter als ihre Mütter, eben weil diese jüngeren Frauen vielfach besser ausgebildet wurden und überdies von Kindesbeinen an bereits mit einem anderen Selbstverständnis aufgewachsen waren, das sich ihre Mütter aus der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder erst im Erwachsenenalter aneigneten, was auch unsere Interviews zeigten.

Teilzeitarbeit war im Zuge dieser breiteren beruflichen Emanzipationsbewegung der Frauen zunächst im Dienstleistungsbereich, in den viele drängten, seit den 1980ern ein Synonym für weibliche Erwerbsarbeit geworden. Die ausgebauten Teilzeitmodelle werden den Frauen von den Betrieben und der Arbeitsmarktpolitik längst auch als Wohltat für Vereinbarkeitsfragen verkauft. Doch der Umbau ganzer Branchen in Teilzeitstellen – etwa im Verkauf – erwies sich nicht nur als Chance, sondern, karrierestrategisch und rententechnisch gesehen, als Falle, abgesehen davon, dass sich von einer Teilzeitstelle keine Familie ernähren lässt, weshalb diese Jobs ja schließlich in dieser gängigen Logik auch für Frauen geradezu prädestiniert scheinen.

Vor allem durch die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahrzehnte seit der Regierung Gerhard Schröders haben sich diese Midi- und Minijobs, wie auch die Leiharbeit, zu Standardwerkzeugen für die Abfederung von Marktschwankungen entwickelt, die besonders den Betrieben helfen, mit geringen Lohnnebenkosten und einem flexibilisierbaren Arbeitskräftebestand je nach Bedarf zu jonglieren. Passend dazu folgt auch die Familienpolitik, die die Frauen je nach Konjunktur wieder, etwa in der letzten Dekade durch Wiedereinstiegsprogramme, vom Herd weg aktiviert, den Logiken des Marktes mit dem jeweiligen Bedarf an Arbeitskräften.

Der »reflexive Kapitalismus« hat sich, wie es der Soziologe Luc Boltanski und die Ökonomin Eve Chiapello ausgedrückt haben,40 eine emanzipatorische Errungenschaft der Beschäftigten, die Teilzeitarbeit, somit einmal mehr zunutze gemacht. Und dies gereicht in Zeiten von millionenfach eingeführten sogenannten »atypischen« Arbeitsverhältnissen – neben Teilzeitarbeit unter 20 Stunden und Minijobs auch Formen der (Schein-)Selbstständigkeit, Werkvertragsverhältnissen u.v.m. – den Beschäftigten selbst zum Nachteil: Die Kinder der Babyboomer-Generation, welche selbst zunächst von der Teilzeitarbeit als Errungenschaft zu profitieren schien, springen jetzt, zumal in Zeiten der Entwertung akademischer Abschlüsse, als »Generation Praktikum« von Werkvertrag zu Minijob und Zweitjob. Sie können sich eine Familiengründung schwer und oft erst spät leisten und ein Leben mit Kindern in den teuren Städten schon zweimal nicht. Müßig zu spekulieren, wieweit sie nebenher noch für ihre Rente privat vorsorgen können.

In diesen jüngeren Generationen ist das Leitbild der Ein- oder Eineinhalb-Ernährer-Familie weniger wirkmächtig, auch angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten und der Prekarisierung der Lohnniveaus. Andererseits bleibt diese Aufgabenteilung bei verheirateten Paaren noch immer attraktiv, zumal sie steuerlich durch das Ehegattensplitting gefördert wird41 und in vielen Regionen bislang die Kinderbetreuungsplätze nicht ausreichend ausgebaut worden sind. Aus der Ein-Ernährer- ist meist eine Ein-einhalb-Ernährer-Familie geworden. Eine paritätische Aufgabenteilung zwischen beiden Geschlechtern sowohl bezüglich Erwerbs- wie auch Erziehungsarbeit ist in Deutschland noch eher die Ausnahme. So arbeiteten noch vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2012, rund 80 Prozent der Frauen mit Kindern unter 18 Jahren, zumindest im eher konservativen und wohlhabenden Bayern, Teilzeit. 42 Auch nach Einführung der Elternzeit nehmen die noch immer besser verdienenden Ehemänner derzeit in den jungen Familien meist nur kurze Erziehungsmonate, in denen die Familie gemeinsame Zeit verbringt und zum Beispiel reist, anstatt dass die Frau gleich wieder voll in die Erwerbsarbeit einsteigt. Teilzeitarbeit bleibt auch im Jahr 2017 vorwiegend weiblich. Im Bundesdurchschnitt arbeiteten 2017 fast 50 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Frauen Teilzeit; nicht eingerechnet sind hier die Minijobs, die ebenfalls zu einem weit größeren Teil von Frauen ausgeführt werden.43

Für die familienorientierten Frauen sind diese Aufgabenteilung und die Erwerbslücken in Hinblick auf die späteren Rentenbezüge fatal. Tätigkeiten, denen kein Erwerbsstatus zugeschrieben wird, sind bis heute nicht oder nur geringfügig im Rentensystem berücksichtigt. So wird Erziehungsarbeit zwar durch ein paar Rentenpunkte abgegolten, die jedoch nur eine gewisse Kompensation für Renteneinbußen infolge der Erwerbsarbeitslücken während der Erziehungszeiten darstellen.44 Insbesondere die Frauengeneration der heutigen Rentnerinnen stieg nach Phasen von Kindererziehungs- und Pflegezeiten entweder gar nicht mehr ins Berufsleben ein oder unterlag dem Risiko, in geringfügigen Beschäftigungen zu verbleiben.45 Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin Walburga Kratzer, die heute mit Armut kämpft, steht stellvertretend für viele. Sie ist 1944 geboren und hat, während die Kinder klein waren, über zehn Jahre nur ein paar Stunden die Woche »gejobbt«, teilweise in nicht versicherungspflichtigen freiberuflichen Tätigkeiten.

Gender Pay Gap – Gender Pension Gap

In Deutschland verdienen Frauen noch immer durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer. Dieser »Gender Pay Gap« entwickelt sich dann im Alter zum »Gender Pension Gap«, wenn die Frauen nicht privat durch eine Lebensversicherung oder Zusatzrente ihr Alterseinkommen aufstocken, was außer einem entsprechenden Bewusstsein dafür jedoch eine gewisse Einkommenshöhe oder finanzielle Ressourcen voraussetzt. Gerade die Frauen aus den weniger privilegierten Milieus, die wir interviewten, konnten selbst bei Erwerbsarbeit in Vollzeit keinen Cent zurücklegen. So etwa die ehemalige Bedienung Dagmar Berger, die deshalb auch bis zu ihren Herzinfarkten mit 70 Jahren kellnerte, oder die Reinigungskraft Sofija Djukic, die heute auf Grundsicherung im Alter und weitere Unterstützung durch eine kirchliche Sozialberatung angewiesen ist. Hier zeigen sich einmal mehr die sozialen Unterschiede, die sich nach Renteneintritt verstärken.

Diese sozialen Unterschiede werden in politischen Konzepten kaum berücksichtigt, welche in Deutschland seit den Reformen der rot-grünen Bundesregierung 2004 darauf setzen, dass die gesetzlichen Rentenabsenkungen außer durch Betriebsrenten vor allem durch private Zusatzversicherungen selbstverantwortlich abgefangen werden. Dass private Renten oder private Lebensversicherungen von den Zinserträgen des investierten Kapitals abhängen, ist überdies in einer Zeit der Niedrigzinspolitik fatal: Die Finanzierung der vielen hundert Milliarden, die in die Rettung der Banken und Staaten der EU gepumpt wurden, geschah und geschieht bekanntlich über die »Vergesellschaftung« der Schulden