Kein schönes Land in dieser Zeit - Mehmet Daimagüler - E-Book

Kein schönes Land in dieser Zeit E-Book

Mehmet Daimagüler

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Beschreibung

Auf der Suche nach einem Platz zwischen den Kulturen

Er spricht besser Deutsch als viele Deutsche und war der erste Deutsch-Türke im Bundesvorstand einer deutschen Partei. Er hat es als Beinahe-Sonderschüler und als Hauptschüler bis nach Harvard und Yale gebracht, und trotzdem: Als ungebrochene Erfolgsgeschichte sieht Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler sein Leben in Deutschland nicht.

Mit seinem Buch bietet Mehmet Gürcan Daimagüler einen spannenden und durchaus selbstkritischen Blick in das Innenleben eines türkischstämmigen Mannes in Deutschland. In provokativen Schlaglichtern erzählt er aus seinem Leben und schlägt den Bogen von seinen persönlichen Erfahrungen zu gesellschaftspolitischer Relevanz. Bei ihm ist das Persönliche politisch und das Politische persönlich.

Mehmet Gürcan Daimagüler schont niemanden, auch nicht sich selbst. Er erzählt von seinen Depressionen und von Gewalt, die er als Opfer und Täter erlebt hat. Dabei bietet er mehr als die Worthülsen, mit denen gegenwärtig oft in Deutschland über Einwanderung und Integration debattiert wird. Und er ist ein deutsch-türkischer Patriot im besten Sinne, dem eine gute Zukunft seiner Heimat, der alten wie der neuen, am Herzen liegt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 291




Dieses Buch widme ich dem ältesten und dem jüngsten Mitglied meiner Familie: meiner Mutter Cemile Kaĝba und meinem Großneffen Ilyas. Meine Mutter hatte 1963 den Mut, ihre Heimat zu verlassen und eine neue zu suchen, damit es uns, ihren Kindern, einmal besser gehen würde. Was wäre aus uns ohne ihren Mut geworden?

Ich widme dieses Buch auch meinem Großneffen Ilyas, der 2009 zur Welt kam; fast ein halbes Jahrhundert, nachdem meine Mutter zum ersten Mal deutschen Boden betrat. Ilias wird viele der Debatten unserer Tage um Einwanderung, Integration und Identität gar nicht mehr verstehen, so albern werden sie ihm vorkommen, wenn er erwachsen ist. Das ist meine Hoffnung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

»Mein einziges Bestreben ging dahin, mich, der nichts in den Händen und den Taschen hatte, durch Arbeit und Glauben zu retten. Ohne Ausrüstung und Gerät machte ich mich mit Haut und Haar ans Werk, um mich mit Haut und Haar zu retten. Was bleibt? Ein ganzer Mensch, gemacht aus dem Zeug aller Menschen, und der so viel wert ist wie alle und so viel wert wie jedermann.«

Jean Paul Sartre aus »Die Wörter«

Inhaltsverzeichnis

InschriftWarum ich dieses Buch geschrieben habeEinleitungCopyright

Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Richte nie über einen Menschen, solange du nicht zwei Monde lang in seinen Schuhen gelaufen bist, heißt es in einem indianischen Sprichwort. Dieser Satz kommt mir immer in den Sinn, wenn ich den Integrationsdebatte genannten täglichen Wahnsinn verfolge. Es fängt schon damit an, mit welcher Selbstverständlichkeit noch von »Wir« und »Ihr« gesprochen wird. »Wir Deutsche«. »Ihr Ausländer«. Es sind bald 50 Jahre her, seit meine Mutter nach Deutschland aufbrach. Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich träume auf Deutsch. Ich habe keine andere Heimat und möchte auch keine andere. Ich bin gerne Deutscher – eigentlich … Aber dennoch fragen mich wohlmeinende Deutsche, wie es denn in der Heimat so ginge und ob ich denn an Rückkehr denke. Mit »Heimat« meinen sie dann die Türkei. Andere, weniger gutmeinende Stimmen begnügen sich mit dem Ausruf: »Türken raus«.

Nicht alle Ur-Deutschen kennen einen echten Ausländer oder Deutsch-Türken oder einen Deutschen mit Migrationshintergrund – nennt es, wie ihr wollt, ihr wisst, was ich meine. Mit kennen meine ich mehr als nur das nebenher leben. Das ist kein Vorwurf. Es gehören ja immer zwei zum Tango. Aber ich finde es problematisch, dass fast alle Ur-Deutschen eine feste, oft von Fakten unbeschwerte Meinung über uns Neu-Deutsche haben. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn diese Meinung nicht zumeist brutal schlecht ausfallen würde. Früher, vor dem 11. September 2001, musste ich mich immer für die Türkei und ihre wirklichen oder vermeintlichen Missstände rechtfertigen. Was macht ihr mit den Kurden? Wieso wird bei euch gefoltert? Wieso hat dein Militär geputscht? Ein einziger Kugelhagel von Vorwürfen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Nach 9/11 wurde alles schlimmer. Das früher nur sporadisch abgeschossene Trommelfeuer erlebe ich mittlerweile täglich, zudem mit schwerer Artillerie. Die Vorzeichen haben sich etwas geändert: Anstatt ihr Ausländer oder ihr Türken heißt es jetzt ihr Moslems. Ihr unterdrückt Frauen, ihr seid Terroristen, ihr seid demokratieunfähig. Früher musste ich mich für die türkischen Putschisten rechtfertigen, heute für Al-Qaida-Terroristen. Eine fantastische Entwicklung. Der alte Rassismus im neuen Gewand.

Zwei Monde lang in den Schuhen eines anderen laufen? Ich kann nur allen eingeborenen Deutschen sagen: Seid heilfroh, dass ihr nicht in unseren Schuhen laufen müsst. Wenn wir über euch so sprechen würden, wie ihr es über uns zu tun pflegt, würde es sich ungefähr so anhören:

Ich kann euer Integrationsgequatsche nicht mehr ertragen. Ihr wisst ja noch nicht einmal, was ihr damit meint. Wenn mit Integration gemeint wäre, Deutsch lernen zu müssen und die Werteordnung des Grundgesetzes halbwegs verinnerlicht zu haben, dann wäre es ja akzeptabel. Aber das reicht vielen von euch nicht. Wir sollen uns auch eurer Leitkultur anpassen. Dazu muss ich aber erst einmal fragen: Was ist das denn überhaupt? Wie sieht die aus? Ich lehne es ja nicht grundsätzlich ab, am deutschen Wesen zu genesen.

Ich habe den leisen Verdacht, dass jene, die lauthals nach der Leitkultur schreien, gar nicht wissen, wonach sie eigentlich schreien. Hauptsache schreien. Doch ich soll die Katze im Sack kaufen? Mein Eindruck ist: Nach der Nazi-Diktatur, einem mörderischen Weltkrieg und einer schier unendlichen Nabelschau ist den Deutschen jegliches Verständnis für die eigene Natur abhandengekommen, sodass man sich kollektiv auf das Naheliegende, das Fressen und Saufen als Sinnersatz verlegt hat. Jetzt, wo die Leber schmerzt, im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn, besinnt man sich auf die Leitkultur. Zu blöd, dass man sie nicht kennt … Der Einfachheit halber fordert man sie von uns Dunkeldeutschen ein – wir sollen die Antwort liefern. Wir sind doch bloß eine Projektionsfläche, mit Hoffnungen und Wünschen, wie der brave Michel gerne wäre, aber wohl nicht ist. Auf dem »Leitfaden Einbürgerungsinterview« aus dem baden-württembergischen Innenministerium wurde der ebenso einbürgerungswillige wie schnauzbärtige Ali früher gefragt:

Wie würden Sie reagieren, wenn ihr Sohn sich als schwul outen sollte?

Antwort a):

Ich würde ihn persönlich kastrieren.

Antwort b):

Ich würde ihn mit seiner ebenso schnauzbärtigen Cousine zwangsverheiraten (beim Küssen müsste er sich gefühlsmäßig nicht groß umstellen).

Antwort c):

Ich würde vor lauter Glück Lambada tanzen und ihm eine Familienpackung Gleitgel schenken.

Antwort C wäre natürlich der einzig richtige Weg zum deutschen Pass. Die Fragen und Antworten (die Frage ist original, die Antwortmöglichkeiten habe ich als Jurist zum besseren Verständnis aus Verwaltungskauderwelsch ins Deutsche übersetzt) sagen nicht so viel darüber aus, wie der Ali-Normal-Verbraucher so tickt, sondern darüber, wie der Deutsche gerne wäre: weltoffen und supertolerant. Ist er aber nicht. Wie schon gesagt: Der Deutsche weiß nicht so Recht, wer oder was er ist, erhofft sich aber von uns Mehmets und Fatmas den Weg ins Licht. Das wird aber nicht funktionieren. Nicht nur, weil wir Südländer ein penetrant bequemer Haufen sind, sondern weil wir das Gefühl haben, dass einiges im Staate Deutschland faul ist.

Also, was ist denn nun die tolle deutsche Leitkultur? Kommt mir jetzt nicht mit dem christlich-jüdischen Erbe des Landes. Das wäre einfach nur schäbig! Erst Millionen Juden in die Gaskammern zu treiben und nur ein paar Jahrzehnte später die Überlebenden zu missbrauchen, um sich gegenüber einer anderen Minderheit abzugrenzen und sich selbst als gut zu definieren.

Solange ihr Ur-Deutschen nicht in der Lage seid, ein Gesellschafts-und Menschenbild zu beschreiben, an dem wir ahnungslosen Schwarzköpfe uns orientieren sollen, sage ich mal, worauf ich keine Lust habe. Der Umkehrschluss hilft vielleicht:

Wenn Integration bedeutet, euer Familienleben zu übernehmen, sage ich: Nein danke! Bei uns steckt man nicht Oma und Opa bei der erstbesten Gelegenheit ins Altersheim, wo sie auf den Tod warten dürfen. Bei uns sieht man sich nicht nur an den Feiertagen einmal im Jahr, besäuft sich und streitet sich dann unter dem Weihnachtsbaum wie die Kesselflicker.Wenn Integration bedeutet, eine durch und durch pornographierte Gesellschaft anzunehmen, in der noch nicht einmal für eine Tüte Milch geworben wird, ohne dass sich eine Frau ausziehen muss, dann sage ich: Nein Danke! Wenn Integration bedeutet, es toll zu finden, dass eine junge Frau zum Jugendidol wird, weil sie sich vor laufender Kamera die Brüste vergrößern lässt, dann sage ich: Nein danke!Wenn Integration bedeutet, dass Tausende und Zehntausende Kinder Opfer sexueller Gewalt durch Priester werden, und die Gesellschaft so lange wie möglich die Augen davor verschließt, dann sage ich: Nein danke!Wenn Integration bedeutet, ein ungerechtes Bildungssystem zu akzeptieren, das zwar nach außen Chancengleichheit suggeriert, in Wirklichkeit aber genau das Gegenteil befördert, weil Arbeiterkinder bei der erstbesten Gelegenheit benachteiligt und aussortiert werden, dann sage ich: Nein danke! Ihr beschwert euch doch gerne über manche unserer Jungs, die manche eurer Mädchen für Schlampen halten. Aber wisst ihr was? Manche eurer Mädchen benehmen sich wie Schlampen. In manchen Ländern der Welt wartet man bis zur Ehe, bevor man zum ersten Mal Sex hat. In anderen Ländern der Welt, wie beispielsweise in den USA, muss man wenigstens drei Dates gehabt haben, bevor es zur Sache geht. In Deutschland streichelt man manchen Mädels über den Arm und schon knöpfen sie sich die Bluse auf. Ich empfehle einmal die Lektüre des Buches vom Gründer des Jugendzentrums »Arche« in Berlin.1 Er hat seine Erfahrungen mit Jugendlichen und deren Eltern aufgeschrieben. Da schauen sich Mütter und Töchter gemeinsam Pornos an. 13 oder 14 Jahre alte Jungs und Mädchen haben keinen Schimmer davon, wer Goethe war, wissen aber genau, kennen sich aber bestens mit Begriffen wie Fisting oder Gang Bang aus. Und dann wird einem diese sexuelle Verwahrlosung auch noch als »liberal« verkauft. Auch hier sage ich: Nein danke!Deutschland ist ein Land, in dem die Krankenkassen Abtreibungen bezahlen, aber kinderlose Paare die hohen Kosten für eine künstliche Befruchtung aus eigener Tasche finanzieren müssen. Im Jahr 2010 gaben die Deutschen dreimal soviel Geld für Haustierfutter aus als für Babynahrung.2 Liebe Deutsche: Von mir aus liebt eure Hunde mehr als Kinder, aber erwartet nicht auch noch, dass wir uns euch anpassen.Mein Freund Ernst von Münchhausen und seine Frau sind Eltern von Drillingen geworden. Die einzigen Passanten auf den Straßen Berlins, die sich über den Anblick der drei Babys freuen würden, seien Türken. Die Deutschen würden immer gleich ausrufen: »Oh Gott! Drei auf einmal? Schrecklich!« Eine Gesellschaft, in der viele den Kindersegen als Fluch begreifen, kann kein Vorbild sein. Wir Türken freuen uns über Kinder. Nehmt euch doch mal zur Abwechslung ein Vorbild an uns.Ihr beschwert euch, dass manche unserer Jungs manche eurer Jungs für Schlappschwänze halten. Aber wisst ihr was? Manche eurer Jungs verhalten sich wie Schlappschwänze. Die haben zwar eine große Klappe gegenüber den eigenen Eltern – ein 17-Jähriger nannte seine Mutter ohne jede Konsequenz in meiner Gegenwart »alte Fotze«. Aber wenn es um Konflikte Manngegen-Mann geht, dann sind sie plötzlich ziemlich kleinlaut. Ganz tolle Leitkultur!Wenn Leitkultur bedeutet, dass ich die systematisch zum Teil in Gesetzesform gegossene Benachteiligung ganzer Menschengruppen hinnehmen soll, dann kann ich das nicht akzeptieren. Wieso haben Homosexuelle in unserem Land noch immer nicht die gleichen und vollen Bürgerrechte wie die Heterosexuellen? Wieso dürfen die einen Kinder adoptieren und die anderen nicht? Ist das vielleicht auch unser »christlich-jüdisches Erbe«? Wieso werden Frauen im Berufsleben noch immer systematisch benachteiligt? Wieso verdienen sie bei gleicher Arbeit viel weniger Geld? Na klar, es ist viel weniger anstrengend, sich über die wirkliche oder unterstellte Benachteiligung von zwei Millionen Muslima in Deutschland zu echauffieren, als sich für die Gleichberechtigung von 40 Millionen deutsche Frauen einzusetzen. Leit-Kultur? Von wegen.Ständig höre ich von deutschen Politikern, Deutschland sei ein weltoffenes und tolerantes Land. Das nervt. Wieso überlasst ihr es nicht den Betroffenen einzuschätzen, wie weltoffen und liberal ihr seid? Ihr attestiert euch Weltoffenheit und Toleranz, weil ihr einmal im Jahr nach Mallorca fliegt oder beim Italiener an der Ecke eure Pizza esst. Ich verrate euch ein Geheimnis: Es gehört mehr dazu als das. Ein türkischer Mandant führte einen Schnellimbiss in Rostock. Die gleichen Typen, die tagsüber nett und freundlich seine Döner kauften, spuckten ihm des Nachts besoffen ins Gesicht. Sogar das schlimmste Kapitel deutscher Geschichte, die Shoa, schlachtet ihr für eure Bedürfnisse aus. Ihr habt euch eine Art Täterarroganz zugelegt. Auf dem hohen Ross sitzend erteilt ihr aller Welt ungefragt euren Rat unter dem Motto: »Wir Deutschen haben aus der Vergangenheit gelernt und unsere Vergangenheit bewältigt. Deswegen wissen wir ganz genau, was getan und gelassen werden muss, damit es euch besser geht.« Die Wahrheit ist doch, dass dieses Land den Juden den Holocaust nie verzeihen wird. Ihr habt euch einige Gedenktage und Gedenkorte geschaffen, wo einmal im Jahr großflächig Kränze abgeworfen werden. Doch was ist mit dem alltäglichen Antisemitismus ? Der ist euch völlig wurscht. Wenn überhaupt, dann diskutiert ihr ausschließlich über den Antisemitismus jugendlicher Muslime. Wenn 30 Prozent der jungen Muslime in antisemitischen Stereotypen denken, dann kann man zynisch von einem Fall geglückter Integration sprechen: Pi mal Daumen trifft diese Zahl auch auf eure Jugendlichen zu. Auf diese Verlogenheit habe ich keine Lust.Dass heute viele von euch über Muslime sprechen und urteilen wie vor kurzer Zeit noch über Juden, spricht nicht gerade für eure Lernfähigkeit aus der Geschichte. Nach 60 Jahren Sendepause kategorisiert ihr ganz ungeniert nach »Deutschen« und »Deutschen mit Migrationshintergrund« – oder aber ihr nennt uns gleich Papierdeutsche. Nürnberg lässt grüßen.Ihr zeigt euch ganz besorgt über »Ehrenmorde« bei uns, aber ihr schweigt schamlos über eure eigenen »Ehrenmorde«. Ja, die gibt es bei euch auch, sogar viel öfter als bei uns! Nur seid ihr geschickter in der Öffentlichkeitsarbeit. Ihr nennt eure »Ehrenmorde« verniedlichend Familientragödie. Ein weiterer Unterschied: Eure Männer machen kurzen Prozess und knallen nicht nur die Frau, sondern gleich auch die Kinder ab.

Ich weiß, was ihr denkt: Mein Urteil ist zu pauschal, ich übertreibe, ich konzentriere mich auf Negativbeispiele, ich ignoriere alles Gute, ich schere alle über einen Kamm, ich nehme es mit der Wahrheit nicht so genau, ich rede nicht mit, sondern nur über euch, ich will gar nicht aufklären, sondern hetzen, kurz: Ich habe tendenziell etwas gegen Deutsche und mir ist jedes Mittel recht, euch schlecht aussehen zu lassen. Was soll ich dazu sagen? Stimmt! Aber, ich sage auch: WILLKOMMEN IN MEINER WELT! Solche Vorurteile begleiten mich schon mein ganzes Leben – ob deutlich oder subtil: Sie sind stets präsent.

Ich will nicht jammern. Ich hatte großes Glück im Leben, und wie gesagt, ich lebe ja sehr gern in Deutschland. Es ist aber trotzdem ein schlechtes Gefühl, sich ständig wehren zu müssen, immer auf der Hut zu sein. Und es ist auch nicht nur mein eigenes privates Dilemma, dass ich mich so fühle, denn so wie mir geht es vielen Einwanderern. Wenn sich ein Einzelner so fühlt wie ich, ist es persönliches Pech. Wenn sich aber Millionen so fühlen, dann ist das ein gesellschaftliches und sozialpolitisches Problem.

Dabei müsste es gar nicht so sein. Wir haben wesentlich mehr Gemeinsames als Unterschiedliches. Und unsere Differenzen müssen uns nicht zwangsläufig auf immer und ewig trennen. Im Gegenteil. Solange wir eine gemeinsame Basis haben und uns als Gemeinschaft verstehen, ist unsere Unterschiedlichkeit sogar ein Gewinn. Wer möchte schon in einem eintönigen Land leben? Ich vermute, die Nordkoreaner langweilen sich in Nordkorea zu Tode. Die Einwandererquote dort liegt bei Null Prozent. Vielfalt ist gut! Das wissen wir auch aus der Evolutionsbiologie. Vielfalt ist keine Gefahr für Deutschland, sondern zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung unseres Landes. Wir müssen uns zu ihr bekennen und aufhören, sie als Bedrohung für unsere Zukunft zu fürchten. Daran mangelt es leider. Die Integrationsdebatte ist eine Angstdebatte. Sie entzieht sich in weiten Teilen schlüssigen Argumenten und beschränkt sich auf das Emotionale. Ich finde es fast schon müßig, Sarrazin-Anhänger von der Falschheit seiner Thesen überzeugen zu wollen. Zahlreiche Bildungs-, Einwanderungs- und Sprachexperten haben an vielen Stellen die intellektuelle Flachheit seiner Thesen nachgewiesen. Das Problem ist aber, dass Sarazins Fans ihm glauben, weil sie ihm glauben wollen. Wir sind zu einer Angstgesellschaft geworden, die ihre Ängste bedient sehen will. Die Qualität der Belege ist dabei irrelevant.

So kann es nicht weitergehen; so kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen uns einige wesentliche Dinge vor Augen führen, wenn wir unser Land zukunftsfest machen wollen. Es ist nämlich ein Irrglaube anzunehmen, wir seien als Land qua Naturgesetz wohlhabend. Die Welt dreht und entwickelt sich weiter, auch wenn wir auf der Stelle treten. Und ein weiterer banaler wie starker Fakt: Wir haben keine Alternative. Entweder bekennen wir uns zueinander oder wir sehen dabei zu, wie Deutschland sich abschafft. Wir alle tragen die Verantwortung für unser Land und wir sitzen alle im selben Boot. Wir werden gemeinsam schwimmen oder gemeinsam untergehen. Es kommt nicht darauf an, woher man kommt und wie lange man schon hier gelebt hat, ob man Hans oder Ali heißt. Dieses Land ist unser gemeinsames Land.

Das, was uns zusammenhält, ist unsere Sprache. Unsere Sprache ist Deutsch. Wer nach Deutschland kommt und hier bleiben will, muss Deutsch sprechen. Wer das durch sein eigenes Versäumnis nicht tut, darf sich nicht beschweren, nicht dazuzugehören.

Unsere Werteordnung ist nicht exakt zu bestimmen, aber ein grober Rahmen lässt sich aus unserer Verfassung ableiten. Dazu zählen die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Gleichheit aller Menschen und die Trennung von Staat und Religion.

Unsere Verfassungsordnung basiert auf der Idee der Unantastbarkeit der menschlichen Würde. Ausdruck derer ist die Freiheit des Menschen. Jeder Mensch ist frei geboren und lediglich beschränkt durch die Freiheit der anderen. Wenn jemand ein Bauch-Piercing möchte, bitte schön. Wenn jemand ein Kopftuch tragen will, auch bitte schön. Freiheit schafft man nicht, indem man Verbote aufstellt. Viel wichtiger: Was man befreien will, muss man lieben. Was man befreien will, darf man nicht bevormunden.

Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles nichts. Ein Staat, der einem Teil seiner Kinder de facto das Recht auf Bildung verweigert, hat keine Zukunft. Personen, die ihren Töchtern das Recht auf Bildung mit religiösen oder sonstigen Begründungen verweigern wollen, müssen den Druck der Gesellschaft zu spüren bekommen.

Integration ist keine bloße Aufgabe der Politik. Integration ist die Aufgabe von uns allen. Natürlich müssen Einwanderer integrationsbereit sein. Aber das ist nur die eine Seite. Genauso muss die Mehrheitsgesellschaft integrationsbereit sein. Es ist wahnsinnig frustrierend, wenn man trotz aller Bemühungen vor verschlossenen Türen und vor verschlossenen Herzen stehen muss.

Lasst uns hin und wieder stolz sein auf das gemeinsam Erreichte und nicht immer voller Inbrunst die Probleme wälzen. Probleme sind dazu da, gelöst zu werden, nicht um sich daran aufzugeilen.

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig wir voneinander wissen. Ich selber war erst mit Mitte 20 zum ersten Mal auf einer Taufe und mit Ende 20 bei einer kirchlichen Trauung. Ich kenne einige türkischstämmige Landsleute im Rheinland, die noch nie im Kölner Dom waren. Natürlich waren auch die meisten meiner »deutsch-deutschen« Freunde noch nie in einer Moschee, obwohl es mittlerweile doch viele Hundert in Deutschland gibt und einmal im Jahr der »Tag der offenen Moschee« veranstaltet wird.

Meine Meinung ist: Einwanderer, die keinen Kontakt zu Deutschen haben wollen, sollten umziehen. Zum Beispiel nach Saudi-Arabien. Ur-Deutsche, die in keiner modernen, vielfältigen Gesellschaft leben wollen, sollten umziehen. Zum Beispiel nach Nord-Korea – siehe oben …

Ja, Einwanderung und Eingliederung sind sehr wichtige Themen. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht die Relationen aus den Augen verlieren. Manche hierzulande gehen geradezu obsessiv mit dem Thema Einwanderung um. Denn wir leben in einer Welt, die sich noch ganz anderen Herausforderungen stellen muss: Klimawandel, Energieknappheit, Überbevölkerung, der Aufstieg Asiens, die Vergreisung Europas, die labilen Weltfinanzmärkte. Verglichen damit sind unsere Einwanderungsprobleme überschaubar. Wir hatten ja weder eine gesteuerte Einwanderungspolitik noch eine systematische Integrationspolitik. Trotzdem hat etwa ein Drittel aller Einwanderer gar keine spezifischen Probleme in Deutschland und umgekehrt. Das weitere Drittel kommt so lala zu Recht. Es ist das letzte Drittel, bei dem hinsichtlich Sprache, Bildung, Arbeit etc. Defizite bestehen. Ich will unsere Probleme nicht kleinreden. Wir sollten sie aber auch nicht unendlich aufblasen.

Ich glaube, wir können es schaffen, aus unserer Sprachlosigkeit und unseren Fehlern der Vergangenheit zu lernen, einander zu verstehen, zu akzeptieren und ein gesundes, der Kulturenvielfalt in unserem Lande Rechnung tragendes Menschenbild zu entwickeln. Ich hege die Hoffnung, dass meine persönlichen Erfahrungen, die exemplarisch sind für viele Immigranten, helfen werden, einander besser zu verstehen und sich anzunähern. Genau aus diesem Grund möchte ich Ihnen aus meinem Leben erzählen.

Berlin, im August 2011

Mehmet Gürcan Daimagüler

Einleitung

Bevor ich beginne, möchte ich Sie warnen: Bei mir handelt es sich um einen Hochstapler. Ich habe ein Doppelleben geführt. Nach außen hin war ich der Fleisch gewordene Traum eines jeden Integrationspolitikers : ein türkischer Junge in Deutschland, der Sohn von Gastarbeitern. Mein Klassenlehrer in der Grundschule wollte mich auf eine Sonderschule abschieben. Darauf hatte ich aber keine Lust. Ich habe mich gewehrt. Ich habe gekämpft. Und mich schließlich durchgesetzt. So bin ich zum Kämpfer geworden.

Mein Weg hat mich nach Amerika geführt. Ich wurde Absolvent der amerikanischen Eliteuniversitäten Harvard und Yale, anschließend erfolgreicher Rechtsanwalt und Manager. Ein Tausendsassa, der mit drei Dutzend Bällen gleichzeitig in der Luft jonglieren konnte. Ich war der erste Deutsch-Türke im Bundesvorstand einer deutschen Partei, der FDP, wurde überschüttet mit Preisen und Auszeichnungen. Die japanische Regierung war von einem meiner Wirtschaftspapiere so begeistert, dass sie mich gleich für vier Wochen nach Japan einlud. Der renommierte Elite-Verein »Atlantik-Brücke« ehrte mich als eine junge deutschamerikanische Führungskraft, als »Young Global Leader« des World Economic Forums schüttelte ich in Davos die Hände der Mächtigen dieser Welt und die Harvard University erklärte mich zum »rising star«.

Was für ein Witz, dachte ich mir schon damals. Ich ein »aufsteigender Stern«? Sie waren alle auf meine Hochstapelei reingefallen. Mein wahres Leben war für alle unsichtbar geblieben. Denn meine Geschichte ist nicht die eines Gewinners, sondern die eines Gescheiterten.

Die Hälfte meines Lebens habe ich in der Gewissheit existiert, meinen Vater ins Grab gebracht zu haben. Außerdem war ich ein ein listiger Hochstapler, der nur mit Mühe seine Aggressionen unterdrücken konnte.

Ich wollte kein Sklave sein. Ich wollte nicht das Leben leben, das andere für mich vorbestimmt hatten. Nicht das Leben meiner Lehrer, nicht das Leben meiner Eltern. In der Philosophie gibt es eine Schule, die behauptet, man müsse von Dingen wissen, bevor man sie haben wolle oder machen könne. In meinem Fall ist das Unsinn. Ich hatte keine Vorstellung davon, was das Leben bieten kann. Ich wusste aber, dass ich kein Gastarbeiterdasein fristen wollte, immer auf der Hut vor Deutschland und seinen Gesetzen. Ich träumte nicht von Reichtum, aber ich träumte von meinem eigenen Weg, der mich wegführen sollte aus dem Dorf, dessen Schoß ich entstammte.

Aber vieles ging schief. Am Ende war ich unfreier denn je. Den Kampf gegen die Kontrolle durch andere gewann ich zwar, jedoch verlor ich dabei die Kontrolle über mich selbst. Ich pries öffentlich Freiheit, lebte aber tatsächlich selbst in Unfreiheit und ständiger Furcht vor der Entdeckung meiner wahren Natur. Am Ende musste ich erkennen: Es gibt kein Entkommen, wenn Verfolger und Verfolgter ein und derselbe sind. Diese Erkenntnis ist das ganz persönliche Jüngste Gericht. Ich weiß: Der Sünde Lohn ist der Tod. Jacques Derrida hat einmal gesagt: »Man bittet stets um Vergebung, wenn man schreibt.« Vielleicht stimmt das. In meinem Fall ist der Versuch allerdings vergeblich.

Wäre es mir möglich zu lieben, wäre es mir gar möglich, ein Land zu lieben, ich hätte die Türkei geliebt. Auf Türkisch sprach ich meine ersten Worte. In der Türkei beerdigte ich meinen Vater. Nie wird die Türkei für mich nur irgendein Land auf einer Weltkarte sein wie Burkina Faso oder Argentinien.

Hätte ich diese Fähigkeit der Liebe zu einem Land – ich hätte auch Deutschland geliebt. Auf Deutsch spreche und träume ich. Eines Tages werde ich meine letzten Worte in deutscher Sprache sagen. Bin ich in der Welt unterwegs, fehlt mir Deutschland. Alles, was ich habe – auch wenn es nicht viel ist –, und alles was ich bin, verdanke ich meiner Familie und diesem – meinem? – Land, Deutschland.

Wie hätte sich meine Liebe zur Türkei von der Liebe zu Deutschland unterschieden, wenn ich Länder lieben könnte? Der Unterschied ist: In Deutschland bin ich zu Hause. Deutschland ist meine Heimat, auch wenn ich hier manchmal wie Dreck behandelt werde.

Ein anderer Unterschied: Manchmal hasse ich Deutschland. Dann spüre ich eine Mordswut in mir. Es gibt viele Situationen, wenn mir meine deutschen Landsleute zu verstehen geben, dass ich tun und lassen kann, was ich will, dass mein Unterfangen, hier anzukommen, aussichtlos ist, wenn ich manchmal wie Dreck behandelt werde. Einmal Ausländer, immer Ausländer. Es fällt mir dann schwer, mit dieser Hass-Beinahe-Liebe zu Deutschland und den Deutschen umzugehen. Wie soll man damit leben, wenn man sich so zerrissen fühlt? Nicht zerrissen zwischen alter und neuer Heimat – ich habe ja nur eine Heimat. Sondern zerrissen zwischen zwei Gefühlslagen, die einfach nicht in Einklang miteinander zu bringen sind.

Hass hin, Liebe her, eines ist sicher. Mittlerweile ist es mir egal, ob mich Deutschland akzeptiert oder nicht. Auch wenn es manchen nicht passt: Dies ist auch meine Heimat, mein Land. Auch ich bin das Volk! Ich lasse mich weder vertreiben noch herumschubsen. Wenn es jemand trotzdem versuchen will: Mein Name steht im Telefonbuch. Mal sehen, wer am Ende noch steht.

Niemand soll mich missverstehen. Ich habe die Moral nicht gepachtet. Ich gehöre nicht zu den Guten, sofern es sie geben sollte.

1. Auflage

Copyright © 2011 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

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Foto Klappe: Bernhard Ludewig

Satz: Satz!zeichen, Landesbergen

eISBN 978-3-641-06141-8

www.gtvh.de

www.randomhouse.de

Leseprobe

1

Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher: Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist, Asslar 2010

2

»Der letzte Fraß«, Die Welt, 19.6.2011