Kein schwuler Land - Kooky Rooster - E-Book

Kein schwuler Land E-Book

Kooky Rooster

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Beschreibung

Zwischen Homophobie und Sehnsucht – schwule Liebe auf dem Land. Johan ist der ungekrönte König der Dorfjugend. Jedes Wochenende führt er seinen Hofstaat von einer Dorfdisco zur nächsten und spielt den homophoben Macho, der gerne Fäuste sprechen lässt. Doch sonntags sitzt er brav mit seinen Eltern beim Seilerwirt und schmachtet heimlich Stefan an, den Sohn des Hauses. Für ihn trägt Johan zum Essen das gute Shirt und absolviert einen vormittäglichen Körperpflegemarathon. Zu seinen Gefühlen stehen kann er jedoch nicht, denn in Johans Heimat ist man nicht schwul …

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Kooky Rooster

Kein schwuler Land

Gay Romance

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1| Sonntagsessen

 

 

I’m a man, you’re a man, let me kiss you, take my hand, don’t be shy, don’t be feared, love is love, that’s not weird …

… tönte es aus den winzigen Boxen in den Ecken des Gastraumes. Der Song kämpfte gegen das Rauschen des Radios, das Gemurmel an den Tischen und das Klappern von Besteck und Geschirr an.

»Oh, hörts …«, die Mutter hob das Messer, blickte andächtig zur Decke, kaute zwei, drei Mal und schluckte runter.

Frank, Vater, Johan und die Großeltern verstummten und starrten auf die blitzende, fettverschmierte Klinge.

»Ich liebe dieses Lied.« Die Mutter seufzte verträumt, wiegte den Kopf lieblich hin und her und sang mit piepsender Stimme an der falschen Stelle: »Love is love.«

Johan verschluckte sich an einem Stück Fleisch, hustete es hoch und spülte es mit einem kräftigen Schluck Bier runter. Sein Hals kratzte und trieb ihm Tränen in die Augen.

»Ift daff nift diefe Tranfe?«, fragte Frank mit vollem Mund und fuhrwerkte mit Messer und Gabel auf dem Teller herum. Noch ehe er vollständig runtergeschluckt hatte, stopfte er den nächsten Bissen nach.

»Consuela«, erklärte die Mutter mit einem stolzen Funkeln in den Augen, als krönte sie eine kosmopolitische Aura, bloß, weil sie den Künstlernamen eines Travestiekünstlers kannte. »Ich finde ihn – sie – es wundervoll.«

»Ihn«, nuschelte Frank. »Ift ein Kerl, der Frauenkleider anpfieht – daher er.«

»Also ich halt davon nix«, murmelte der Vater und schob eine Kartoffel durch die Soße.

»Ist das dieser …«, die Oma simulierte ein gebrochenes Handgelenk, »… Tüdlütü, von dem ihr da redet?«

»Nur, weil er auf der Bühne alf Frau rumrennt, muff er nicht gleich fwul fein«, erklärte Frank.

»Ist er aber«, sagte die Mutter. »War letztens beim Frühstücksfernsehen. Hat einen festen Freund. Schon seit Jahren. Da habens auch gezeigt: Vorher-Nachher. Ein bildhübscher Mann eigentlich. Hätte es gar nicht notwendig, sich als Frau zu verkleiden.«

Die Oma tätschelte Opas Unterarm und lachte. »Der Michel hat mir gar nicht glauben wollen, dass das ein Mann ist.«

»Geh, lass mich in Ruh mit dem«, winkte Opa ab.

I’m a man, you’re a man, let me kiss you, take my hand, don’t be shy, don’t be feared, love is love, that’s not weird …

»… love is love …«, piepste die Mutter mit peinlich verzögertem Einsatz und schwang verträumt das Messer im Fluss der Melodie.

Hinter dem Tresen umfasste Stefan den Griff für den Zapfhahn und füllte einen Bierkrug. Sein Blick war konzentriert, doch seine Lippen bewegten sich kaum merklich. Sang er etwa mit? Johan kniff die Augen zusammen. Doch, ja, Stefans Lippen bewegten sich, und zwar – anders als bei Mutter – synchron zum kompletten Text. Und nun bemerkte Johan auch noch, dass Stefan nicht bloß ungeduldig zappelte, bis sich der Krug füllte – er wippte! Der Schlager ergriff von ihm Besitz! Er tanzte zu einem Song, in dem es um die Liebe zwischen zwei Männern ging. Und anders, als Mutter, wusste er bestimmt auch, wovon der Song handelte.

Plötzlich rempelte ihn Frank mit dem Ellenbogen. »Schläfst du? Mama hat dich waf gefragt.«

»Hm?«

»Wie gefällt dir das Lied, Johan?« So, wie Mutter das fragte, wollte sie eigentlich wissen, was Johan von Consuela hielt.

Stefan stellte den gefüllten Bierkrug auf den Tresen, lächelte, sagte etwas zu einem Gast, pflückte einen Schein vom Tisch, wühlte in der riesigen, tausend Fächer dicken Ledergeldbörse, der Gast winkte ab, Stefan nickte dankend, beide lachten auf, er steckte die Geldbörse weg …

»Sie – er – es nervt«, sagte Johan.

Die Mutter verzog das Gesicht. »Du bist genauso verstockt, wie dein Vater.«

»Der Bub weiß halt, was sich gehört«, meinte der Vater.

»Yeah.« Frank grinste. »Der Bub weif, waf fich gehört.«

»Halts Maul«, knurrte Johan.

»Ihr seids homophobe Spinner«, beschwerte sich die Mutter. »Schämen muss ich mich, für euch.«

Frank prustete los. Johan versetzte ihm unter dem Tisch einen Tritt.

»Schau …«, der Vater legte sein Messer auf den Rand des Tellers. Ohne Hände konnte er nicht sprechen. »… mir persönlich ist das ja wurscht, wenn sich einer in den Arsch budern lassen will. Und wenn er einen Fummel tragen will, soll er, aber daheim, wo ihn keiner sieht, wo er keinen stört. Ich will so einen Kranken aber nicht in meinem Wohnzimmer haben. Radio, Fernsehen, Zeitung – sogar von den Plakatwänden grinst er runter …«, der Vater hämmerte mit dem Zeigefinger auf den Tisch, »… das grenzt für mich an sexuelle Belästigung.«

Die Mutter schnappte nach Luft. »Na aber … sexuelle Belästigung! Spinnst jetzt ganz?« Die Stirn gerunzelt blickte sie zu Frank und Johan. »Sehts ihr zwei das auch so?«

Frank rempelte gegen Johans Schulter und grinste. »Siehst das auch so, Johan? Hm? Siehst das auch so?«

»Hör auf, du Arsch!« Johan versetzte Frank einen so heftigen Stoß, dass der fast auf Oma kippte.

»Jetzt reißts euch zusammen!«, schimpfte der Vater. »Wie alt seids denn!«

»Gehts doch scheißen, alle miteinander.« Johan schob seinen noch halbvollen Teller weg, sprang hoch und eilte durch den Gastraum Richtung Ausgang. Zwei Drittel des Weges marschierte er dabei direkt auf Stefan zu – die Bar befand sich neben der Eingangstür.

Stefan straffte die Schultern und lächelte, als glaubte er, Johan wollte zu ihm.

 

Ein lauer Aufwind empfing Johan – die erste zaghafte Umarmung des herannahenden Sommers. Die Karossen der parkenden Autos blendeten. Johan hatte keine Sonnenbrille dabei, also marschierte er um das Gasthaus herum und stellte sich in den Schatten. Ein paar Hühner staksten durch das feuchte Gras neben der Straße und gackerten vor sich hin. Johan ließ den Blick über die Hügel schweifen, in deren Täler sich Häuser drängten, als wären sie durch die Schwerkraft zusammengerutscht; dahinter erhoben sich Berge, scharfkantig wie riesige Glassplitter.

Der schummrige Gastraum wurde bereits zu einem Ort in ferner Erinnerung.

Frank war ein Idiot. Johan hätte es ihm nie sagen dürfen, nun – eigentlich hatte er es ihm nie gesagt. Frank hatte es erraten. Weil Johan, und das war der Witz an der Sache, behauptet hatte, Gerald wäre schwul.

Gerald hatte drei ältere Schwestern und seine Familie kein Geld, also erbte er Mädchenspielzeug, Mädchenschulsachen, Mädchenfahrräder und auch einige Mädchenkleidungsstücke, die die Eltern für unisex genug hielten, um sie ihrem Sohn zuzumuten. Außerdem war Gerald schmächtig und hatte mädchenhafte Locken. Er hatte verdient, für schwul gehalten zu werden, wusste doch jeder, dass ein Junge, der Mädchensachen benutzte und Mädchensachen trug, schwul sein musste. Johan hatte also nichts behauptet, was nicht früher oder später ohnehin jeder vermutet hätte. Er hatte der Sache nur vorausgegriffen. Außerdem hatte er wissen wollen, wie seine Freunde auf ein Outing reagierten. Jetzt wusste er es, und das hatte ihn in der Entscheidung bestätigt, sich sein Leben lang zu verstecken.

Innerhalb eines halben Tages wusste die gesamte Region, dass Gerald Spitz schwul war. Gerald selbst hatte es erst erfahren, als er in der Zehn-Uhr-Pause mit Hilfe der Klospülung getauft worden war. Johan war Zeuge gewesen. Wenn seine Freunde dabei waren, war er es, der am lautesten Schwanzlutscher schrie. Da kommt er ja, der Arschficker. Glotz nicht so, du schwule Sau.

Ja, Johan trieb es am schlimmsten von allen, ritt noch auf dem Thema herum, als es den anderen längst langweilig wurde. Und weil er auch daheim jeden Verdacht von sich lenken wollte, kam er mit immer neuen Geschichten an, was die schwule Sau jetzt schon wieder gemacht hätte. Bis Frank eines Tages sagte: »Wir habens kapiert, du stehst auf ihn.« Johans Herz hämmerte so laut, dass er glaubte, das ganze Haus pulsiere. Er verglühte, schmolz an seinem Stuhl fest, hörte nichts mehr, außer Pfeifen und Rauschen. Er war überzeugt davon, dass es die Eltern jetzt wussten, dass es bald alle wüssten.

Aber die Eltern ignorierten Franks Bemerkung. Frank zog seinen kleinen Bruder doch ständig mit irgendwelchen Gemeinheiten auf, warum sollte diese eine plötzlich etwas bedeuten? Nur Frank bemerkte Johans Verzweiflung, und nach dem Essen suchte er ihn in seinem Zimmer heim und versuchte, ihm ein Geständnis zu entlocken. Er bekam es nie. Lieber wollte sich Johan die Zunge abbeißen, als diese drei Wörter über die Lippen zu bringen. Frank benötigte sie auch nicht, um ihn fortan bei jeder Gelegenheit damit aufzuziehen.

Immerhin hatte Frank all die Jahre dicht gehalten. Seit September lebte er in der Stadt, um zu studieren, also hatte Johan die meiste Zeit Ruhe vor seinen Neckereien. Bis auf ein Wochenende im Monat, wenn er heimkam und auf weltmännisch machte. Zu Weihnachten hatte er sich sogar erdreistet, Johan einen Dildo und ein Buch übers Schwulsein zu schenken – aber erst, als er bereits abgereist war. Er hatte es einfach unter Johans Bettdecke versteckt und mit einem Post-it versehen, auf dem stand: Ein Königreich für deinen Gesichtsausdruck.

Erst war Johan stinksauer gewesen. Was, wenn die Mutter das entdeckt hätte? Aber dann …

Vielleicht hatte Frank ihn nur ärgern wollen, aber nach dem ersten Schock begann für Johan ein neues Zeitalter der Autoerotik. Er selbst hätte sich niemals getraut, einen Dildo zu kaufen, und in selbstmitleidigen Stunden sagte er sich, dass dies der einzige Liebhaber in seinem Leben sein würde. Für Johan stand außer Frage, seine Neigung auszuleben. Nur, weil er auf Männer stand, was er – das war ihm wichtig – niemals selbst entschieden hatte, hieß das noch lange nicht, dass er das auch ausleben musste. Wie sein Vater schon sagte: Das war krank. Das war pervers. Wenn man so etwas an sich feststellte, war man Patient, und kein Star.

Die Ironie an der ganzen Sache: Auch mit achtzehn hatte Gerald etwas abstoßend Mädchenhaftes an sich, war eine bartlose, solariumorange Tunte, die sich sogar Augenbrauen zupfte und Fingernägel lackierte, aber er war stockhetero. Sein Ruf, schwul zu sein, war der reinste Frauenmagnet – allein im Herbst musste er für drei Abtreibungen zahlen. Wohingegen Johan, die echte Schwuchtel, mit seinen neunzehn Jahren aussah wie ein fünfundzwanzigjähriger Handwerker, der nebenbei als Kinnmodel für Rasierklingen jobben könnte, und weiche Knie bekam, wenn er am Wochenende mit Mama und Papa ins Wirtshaus ging und Stefan hinter der Schank Gläser polieren sah. Außerdem war er Jungfrau – sah man von den nächtlichen Orgien mit jenem Lustkolben ab, den er vor dem Hygienefimmel seiner Mutter im Gehäuse seines Computers versteckte.

Johan fühlte sich seltsam kribbelig. Jede seiner Zellen schien unter Strom zu stehen, er konnte es richtig brrrzln spüren. Das lag am Frühling. Nachdem Johans Körper monatelang unter Daunenjacken erstickt worden war, durfte endlich wieder Wind durch die Fasern von Shirt und Sweater greifen und die Haut streicheln. Ohne fünf Schichten Kleidung fühlte sich Johan ungewohnt leicht, beweglich und stark. Beim Skifahren hatte er vermutlich weiter Muskeln zugelegt – auf jeden Fall aber durch die Arbeit im Baumarkt. Seit einigen Wochen durfte er für Kunden Holzbalken zuschneiden, was weit befriedigender war, als herumzustehen und Hobbyhandwerkern zu zeigen, wo die Flügelmuttern zu finden waren. In den ersten Tagen hatte er so heftigen Muskelkater gehabt, dass er bei jeder Bewegung aufgejault hatte – aber seine Form hatte sich eindeutig verbessert. Sein rechter Haken war nun eine richtige Waffe, bei Schlägereien musste er sich neuerdings zurücknehmen. Das war eine ganz eigene Form von Macht.

Eigentlich war er aus dem Alter heraus, die Sonntage mit Mama und Papa im Stammwirtshaus zu verbringen. Die wussten seine Kraft nicht zu schätzen, die begriffen nicht, dass er jemand war, dass man zu ihm aufblickte, dass er ein Mann war, den man respektierte, der sich verteidigen konnte – ach, vor dem sich andere verteidigen mussten; der jeden unter den Tisch saufen konnte. Ohne ihn war ein Freitagabend kein Freitagabend und eine Samstagnacht keine Samstagnacht. Ohne ihn war eine Party ein lahmes Mädchenkränzchen und eine Disco bloß ein Sammelbecken für Loser. Man schätzte an ihm, dass er sich zu Schade für eine dieser gepiercten Zicken war, die ihn doch nur an die Leine legen würde, und verlangen, dass er halblang machte, weil er fit für die Arbeit sein musste, um einen Wandschrank für die gemeinsame Genossenschaftswohnung kaufen zu können.

An diesen beschissenen Sonntagen war er immer noch der Bub, und obwohl ihm noch schlecht von der letzten Cola-Rum war, die er irgendwann gegen fünf in irgendeiner Disco gekippt hatte, während er mit ein paar Kumpels ein hochelastisches Männerthema diskutiert hatte, fühlte er sich bei diesen Essen wieder wie dreizehn. Selbst Frank, der in einer WG in der Großstadt lebte und bald sein erstes Studienjahr hinter sich hatte, verhielt sich wie der Fünfzehnjährige, der vor wenigen Tagen hinter die Homosexualität seines kleinen Bruders gekommen war. Manche Traditionen hielten jeder Rebellion stand.

Nein. Das stimmte nicht. Johan war kein Opfer der Tradition. Er müsste nicht mitkommen. Die Rebellion war erfolgreich gewesen, von ihm wurde nicht erwartet, den braven Sohn zu mimen. Er war freiwillig hier – das war die wahre Niederlage. Und es kam noch schlimmer: Er freute sich auf diese Mittagessen. Manchmal befiel ihn sogar schon unter der Woche eine ganz eigenartige Aufgekratztheit, wenn er an das Sonntagsessen beim Seilerwirt dachte. Und gelegentlich – es kam nicht immer vor, aber doch bemerkenswert häufig in letzter Zeit – machte er samstags früher Schluss mit Party. Er wollte nicht zu fertig aussehen, nicht wie ein Cola-Rum-Zombie herumlaufen, der nur einen Rülpser vom Erbrechen entfernt war. Er ertappte sich dabei, Samstagnacht nicht das gute Shirt anzuziehen, weil er es lieber Sonntagmittag tragen wollte, und seit einigen Wochen war die Dusche am Sonntagmorgen obligat.

»Was stehst hier herum, Kleiner, komm wieder rein.« Frank kam um die Ecke, der Kies knirschte unter seinen Sohlen. Er sagte Kleiner, dabei war Johan größer als er. Ganze fünf Zentimeter.

»Keinen Bock«, murmelte Johan.

»Bist ang’fressen?«

»Ja … nein … keine Ahnung. In letzter Zeit bin ich einfach nur …« Johan seufzte und bemerkte einen Falken, der in der Luft stand.

»Verliebt?«, riet Frank.

Der Falke stürzte abwärts. Johan fuhr zu Frank herum. Sein Bruder lächelte zwar, aber er grinste nicht.

Johan zischte abfällig. »Quatsch.«

»Woher willst das wissen? Warst schon mal verliebt?«

Belustigt schüttelte Johan den Kopf. »Idiot. Du weißt genau, dass das nicht geht.«

Frank hob die Augenbrauen. »Ach! Können sich Schwule nicht verlieben, oder was?«

»Schschscht!« Johan schaute sich panisch nach allen Seiten um. »Bist deppert? Du kannst doch nicht … Scheiße, wenn das wer …«

»Jetzt krieg dich wieder ein, da ist keiner, außer uns.« Besorgt runzelte Frank die Stirn. »Bist ein bisserl paranoid, ha?«

»Du weißt genau, wie das hier läuft.«

»Ich wollt nur wissen, wie es meinem kleinen Bruder geht«, beschwichtigte Frank. »Seit ich weg bin, reden wir überhaupt nimmer miteinander.«

»Wir haben auch vorher nicht viel geredet.«

»Aber sicher.«

»Du hast mich aufgezogen, wann immer es dir eingefallen ist. Das ist nicht das gleiche wie reden.«

»Na, dann reden wir eben jetzt.«

»Ich will aber nicht. Es ist zu spät.«

Frank nickte und ließ den Blick ebenfalls über die Hügel und Berge schweifen. Er atmete ein paar Mal tief durch. »Ein bisserl vermissen tu ich das alles hier schon.«

»Ich wüsst ja nicht einmal, in wen«, sagte Johan leise. »Also falls …«

Frank grinste schief. »Wen lügst denn jetzt an? Mich oder dich?«

»Wie meinst das?«

»Das schöne Shirt. Die gemachten Haare. Riechen tust, als wärst ins Rasierwasser gefallen … und das alles nur, weilst mit uns essen gehst. Johan, ich bin nicht auf den Kopf gefallen – aber bei dir bin ich mir nicht sicher. Also stellst dich so blöd, oder bist so blöd?«

»Glaubst, ich bin in dich verknallt, oder was?«, spöttelte Johan.

»Okay, dann bist so deppert.«

Johans Bauch kitzelte. Natürlich wusste er, auf wen Frank anspielte, aber er gestattete sich nicht, es auch nur zu denken. Außerdem, ja, außerdem war er ein wenig wild darauf, es von einem anderen zu hören. Die Spekulation aus fremdem Mund würde die fast berstende Bodenklappe zum Keller öffnen, in den Johan seit Wochen jedes Gefühl stopfte und stopfte und stopfte. Unterirdisch, verborgen selbst vor den eigenen Gedanken, durfte brodeln, was brodeln musste. Aber wenn davon irgendetwas hochkroch und von einem Gedanken entdeckt wurde, würde dieser damit spielen, würde es den anderen Gedanken zeigen, und dann würden die Gedanken wissen wollen, was noch alles im Keller verborgen lag und dann würde er immer mehr Raum einnehmen, er, der am Ende aber doch bloß Hirngespinst bleiben würde. Flausen säßen in Johans Seele, würden ihm zuflüstern, was er wollen könnte, was er kriegen könnte, was er aber niemals wollen durfte und noch weniger kriegen konnte – doch dann wäre die Büchse der Pandora geöffnet und es gäbe keinen Weg zurück. Er würde leiden, er würde seines Lebens nicht mehr froh, er würde seine Kraft verlieren, könnte nichts mehr tun, ohne dass es von ihm eingefärbt würde.

Deswegen erlaubte sich Johan nicht, selbst zu spekulieren. Aber wenn ein anderer es täte, wenn ein anderer es ausspräche, dann war da vielleicht etwas dran. Dann … dann war zumindest Johan nicht schuld. Er könnte, wenn es ihn denn vernichtete, Frank die Schuld zuschieben – immerhin hätte er damit angefangen. Andererseits … wenn Frank, der bisher als Einziger Johans Homosexualität entdeckt hatte, etwas witterte, dann hatte das etwas zu bedeuten. Vielleicht.

Nein … vergiss es … Johan schüttelte den Kopf und drängte die aufwallenden Gefühle in den Keller zurück.

»Hast gewusst, dass es ums Wirtshaus echt schlecht steht?«, fragte Frank.

Fast. Er hatte fast an der Bodenklappe gerüttelt.

»Ja. Sie kämpfen schon eine ganze Weile«, bestätigte Johan und dachte an ihn, wie er – weißes Hemd, aufgekrempelte Ärmel, schwarzes Samtgilet – hinter der Schank stand.

»Der Seiler hat vorhin erzählt, dass sies jetzt mit Themenabenden versuchen. Samstagabend immer. Er will die Jugend kriegen. Achtzigerjahre-Party, Karaoke, Fete Blanche.« Frank runzelte die Stirn.

»Ich weiß. Ich seh die Plakate immer. Ziemlich peinlich, wennst mich fragst.«

»Ja …« Frank blickte gedankenschwer ins Nichts. Schließlich holte er Luft: »Ich hab mir gedacht …«, er seufzte, als gefiele ihm selbst nicht, was er gleich sagen wollte. »Die anderen folgen dir ja überall hin …«

»Vergiss es!«, stieß Johan aus. »Ich schlepp die nicht hierher. Das kannst vergessen.«

»Es tät dem Seiler echt helfen. Ihr seids eine Partie von … dreißig, vierzig Leut …«

»Ausgeschlossen! Hast eine Vorstellung davon, wie … wie … trostlos das wär? Erinnere dich an den Vierziger vom Pauli. Nach so einem Elend steuern mir die Leut freiwillig den nächsten Baum an. Nein, kommt nicht in Frage.«

Frank blickte Johan streng an. »Ein bisserl ein Arschloch bist schon, gell?«

»Ich bring die nicht alle her …«, wiederholte Johan. Das Herz stolperte über einen Gedanken. Was, wenn einer sieht, wie du ihn anschaust? »Nein, Frank, echt … bei aller Freundschaft mit dem Seiler …«

»Und der Stefan?«, fragte Frank und funkelte Johan wissend an.

Wums. Der Magen kitzelte und mit einem Moment wurde Johan die Luft knapp. »Was ist mit dem?«, krächzte er. Seine Wangen begannen zu brennen. Scheiße. Johan wandte den Blick ab. Genau deswegen will ich die nicht hier haben!

»Das ist ja auch seine Zukunft. Wenn der Seiler zusperrt … Der Stefan soll doch das Wirtshaus von seinem Vater übernehmen, aber wenn das alles die Bank kriegt …«

»Und du glaubst, wenn wir einmal hierherkommen, dann reißen wir ihn raus aus den Schulden?«

Frank grinste. »Kommst halt öfter.«

Johans Herz galoppierte los. Etwas in ihm fand diese Idee fan-tas-tisch. »Das machens mir nicht mit. Ein Mal geht vielleicht, aber …«

»Schau an«, Franks Grinsen wurde noch breiter, »auf einmal verhandeln wir, wie oft dass du hierher kommst.«

Johans Kiefer klappte runter.

»Scheiße, dich hats echt erwischt, ha?«, meinte Frank und lachte.

»Nein«, kiekste Johan und räusperte sich. »Lass mich in Ruh mit dem Scheiß. Das ist nicht witzig.«

»Hast recht, ich hör schon auf.« Frank kontrollierte auf seinem Handy die Uhrzeit. »Tät mir aber gefallen.«

»Was tät dir gefallen?«

»Na du und der Stefan. Ihr täts ein liebes Paar abgeben.«

Eine Bemerkung wie ein Faustschlag. Johan wankte rückwärts, stolperte fast über seine eigenen Füße. Paar.Liebes Paar. So hatte Johan über sich und Stefan noch nie gedacht. Das zündete ein Bild, das entfachte eine ganze Welt. Tät mir gefallen. Ein liebes Paar, das mit der Familie sonntags mittagessen ging. Klappe zu, Klappe zu, Klappe zu. Drauftrampeln. Bleibt unten, das ist ein ganz gefährlicher Gedanke. »Du spinnst ja!«

»Ich sag nur, wie es ist.« Frank steckte das Handy wieder weg.

»Aber der … Stefan ist nicht …« Die Gedanken schlichen um die berstende Bodenklappe herum. »Ist er doch nicht, oder?« Wusste Frank vielleicht etwas?

»Vielleicht«, meinte Frank. »Fragst ihn halt. Lass uns reingehen. Mein Kaffee ist sicher schon kalt.«

Fragst ihn halt … Ha, ha, sehr lustig. Wie stellte sich Frank das vor? Dass Johan zu Stefan hinging und fragte: Hey, bist du schwul? Die Stadtluft tat ihm wohl nicht gut. Andererseits … würde er solche Andeutungen machen, wenn er hundertprozentig sicher wäre, dass da nichts laufen könnte?

Laufen … Seit wann dachte Johan in Kategorien wie: Etwas laufen haben? Da lief nichts. Da würde nie etwas laufen.

Johan betrat hinter Frank das Lokal. Stefan stand hinter der Schank und stopfte gerade ein Geschirrtuch in einen Bierkrug. Erwartungsvoll blickte er hoch – neue Gäste? – dann erkannte er Frank und Johan und nickte zum Gruß. Johan wurde heiß. Fragst ihn halt. Plötzlich stolperte er über eine nullkommanullnulldrei Millimeter hohe Bodendiele und fing sich im letzten Moment. Scheiße. Hundert Schweißtröpfchen quollen aus seinem Rücken. Wieso auch immer suchte er Stefans Blick.

Stefan zuckte alarmiert, als sähe er Johan bereits zu Boden stürzen, dann entwich ihm ein erleichtertes Lächeln. »Aufpassen.«

Johan verzog den Mund, und als er hastig weiterlief, sah er im Augenwinkel, wie sich Stefan das Geschirrtuch ins Gesicht warf. Zu Recht.

»Wo warst denn?«, fragte die Mutter, als sich Johan zu Tisch setzte.

»Auf den Bahamas«, murmelte Johan.

Sie verdrehte die Augen und wandte sich an Oma. »War er …«, sie deutete auf den Vater, »… in dem Alter auch so schwierig?«

»Der ist noch immer schwierig.« Die Oma lachte auf. »Mannsbilder halt.«

»Und wie hältst das aus?«

»Bringst ihn unter die Haube und schaust zu, wie sich seine Frau mit ihm abplagt.«

Mutter und Oma gackerten drauflos. Auf dem Tisch vor ihnen standen einige leere Schnapsgläser. Alles klar. Opa und Vater schüttelten den Kopf. Frank grinste. Eine Frechheit lag ihm auf den Lippen. Johan funkelte ihn düster an. Untersteh dich!

»Darfs noch was sein?« Eine flaschengrüne, knöchellange Schürze wand sich um schmale Hüften. Stefan streckte sich über den Tisch und sammelte leere Gläser ein. Johan wich dem Ellenbogen mit dem aufgekrempelten Hemdsärmel aus, der Duft von Spülmittel, Bier und Schweiß drang in seine Nase. Stefan stand direkt neben ihm, seine Oberschenkel drückten gegen die Tischplatte, als er weiter entfernte Gläser einsammelte. Die dünnen Bänder der Schürze waren am unteren Rücken fest verknotet und betonten die schön geschwungene Rückenpartie darüber und den knackigen Hintern in Jeans darunter. Stefan war so nah, dass Johan, ohne seine Position zu verändern, die Arme um seine Hüften hätte schlingen können. Das Verlangen, genau das zu tun, bekam er kaum noch in den Griff. Verschwinde. Verschwinde. Verschwinde. Bleib.

»Mah, ’tschuldige«, Stefan legte eine Hand auf Johans Schulter. »Hab ich dir mit dem Ellenbogen ins Gesicht …?«

»Nicht so schlimm«, platzte Johan heraus. Nicht so schlimm? Stefan hatte ihn doch überhaupt nicht erwischt. Wieso dachte er das überhaupt? Er hätte das doch selbst spüren müssen.

»Kriegst was aufs Haus«, brabbelte Stefan sofort los. »Was willst denn? Bier? Schnaps? Was anderes? Kaffee?«

»Nein … ich … äh … Bier.« Johans Ohren spielten Meerestosen.

»Bring ich dir gleich«, sagte Stefan, hob das mit leeren Gläsern gefüllte Tablett an und eilte davon.

Oh, diese elegante Haltung, diese Körperspannung, dieser Arsch!

»Äh … Bier«, äffte Frank Johan nach und lachte.

»Du bist echt deppert.«

»Na, das ist aber nett vom Seilerbub«, meinte Oma.

»Jetzt weißt, warum dass’ Pleite gehn, wenn er ständig irgendwas verschenkt«, brummte Opa.

»Hast schon gesehen, Johan, nächsten Samstag machens da einen Karaokeabend.« Die Mutter deutete auf ein Plakat. »Wär das nicht mal was für dich und deine Leut?«

»Bemüh dich nicht, der Frank hat mich schon überredet«, sagte Johan. Und es ist doch eine schlechte Idee.

»Ach so?«, verwundert blickte die Mutter zu Frank.

»War total schwer, ihn zu überzeugen«, behauptete Frank fröhlich und zwinkerte Johan zu.

Geht es noch auffälliger?

Johan drehte sich nach Stefan um. Der kam bereits auf ihn zu, in der Hand ein einzelner Bierkrug. Schaum lief über den Rand und tropfte zu Boden.

»Bitteschön.« Stefan schob einen Pappuntersetzer zurecht und stellte den Krug darauf ab, dann lächelte er Johan an und legte wieder kurz eine Hand auf seine Schulter. »Tut mir leid, gell.«

Es ist überhaupt nichts passiert. »Passt schon«, brummte Johan und trat unterm Tisch vorsorglich gegen Franks Knöchel.

»Der Johan kommt euch nächstes Wochenende besuchen«, sagte die Mutter zu Stefan.

Stefan runzelte irritiert die Stirn und blickte Johan fragend an. »Besuchen?«

»Zum Karaokeabend«, erläuterte die Mutter.

Johan verglühte. Frank kicherte in sich hinein.

»Ach so! Okay …« Stefan wirkte ein wenig ratlos, dann zuckte er mit den Schultern.

»Mit der ganzen Partie kommt er«, ergänzte Frank. »Dreißig, vierzig Leut Minimum.«

Johan fuhr zu Frank herum und starrte ihn wild an.

»Ah ja … Na … freut mich …«, sagte Stefan ohne die geringste Freude in der Stimme. Die Information schien ihn entweder zu überfordern – oder er glaubte sie nicht – und Letzteres packte Johans Ehrgeiz. Er war doch kein Schwätzer! Auf ihn war Verlass! Doch noch ehe er etwas versprechen konnte, eilte Stefan zur Schank und stolperte an derselben Stelle, wie Johan vorhin.

Aufpassen, dachte Johan und musste grinsen.

 

2| Karaokeabend

 

 

I’m a man, you’re a man, let me kiss you, take my hand, don’t be shy, don’t be feared, love is love, that’s not weird …

Die Discokugel warf Lichtkonfetti durch den Raum. Auf der Tanzfläche traten sich die Mädels gegenseitig mit den Hacken auf die Zehen. Bei love is love grölten sie mit und grinsten sich ekstatisch an.

Johan schnaubte. Offensichtlich verstanden sie den Text ebenso wenig wie seine Mutter. Um die Tanzfläche herum, betont cool, mit über die Schultern hochgekrempelten Ärmeln und die Fäuste um Bierflaschen gekrallt, standen die Jungs und glotzen auf das Meer aus Beinen und Brüsten und geschminkten Lippen und gefärbten Haaren und gezupften Augenbrauen und Piercings und Heels. Sie waren nicht die ganze Zeit so tanzfaul, aber zu ConsuelasLove Is Love tanzten sie aus Prinzip nicht. Weil sie nicht schwul waren. Weil sie keine Männer waren, die Männer küssten.

Sie hatten mal mitgetanzt. Ganz am Anfang, als der Hit gerade in die Hitparaden gespült worden war und sie zwar wussten, wer Consuela war, nicht aber, dass dieser Song von ihr war. Wie die Frauen sprangen sie auf die eingängige Hookline auf, grölten love is love, und kümmerten sich um die anderen Textzeilen herzlich wenig. Love is love, was brauchte man schon, um eine Dorfdisco zum Brodeln zu bringen? Alle wollten love, und besonders jene, die sich einseitig verknallt hatten oder irgendwelche eingebildeten Hindernisse zwischen sich und ihrer Angebeteten sahen. Dass das Hindernis in diesem Song das Geschlecht des anderen war, begriffen sie erst, als jemand genauer hinhörte.

»Das ist ein Schwuchtelsong«, hieß es plötzlich. Wollte erst keiner glauben, dann horchten sie genauer hin, dann betonten alle, dass sie diesen Song eigentlich eh nie richtig gemocht hatten und nur wegen der Mädchen mitgetanzt hätten, weil die so verrückt danach waren, nur deswegen. Seitdem vereisten sie wie Skulpturen, sobald das Intro des Songs ertönte – so schnell bekam man keine Tanzfläche männerfrei, wie mit diesem Lied.

Nur Gerald gab sich die volle Show, zuckte wie unter Elektroschocks, und wurde von gleich drei Mädels umringt. Es war nicht undenkbar, dass er sie heute Nacht alle drei kriegen würde – gleichzeitig. Er hatte es drauf, und wenn die Jungs klug wären, schauten sie sich von seiner Methode ein wenig ab. Aber so wichtig waren ihnen die Mädels dann auch wieder nicht, um auch nur den leisesten Verdacht auf sich ziehen zu wollen, schwul zu sein.

In dieser Sache war sich Johan mit ihnen einig. Es gab nichts Schlimmeres.

Johan lehnte mit einem Ellenbogen am Tresen und drehte ein Glas Cola-Rum mit seinen Fingern hin und her. Die Nervosität kitzelte von den Zehen bis zum Scheitel – ein Kreislauf aus Bauchschmerzen, weichen Knien, rasendem Herzen, dröhnendem Kopf. Der Seilerwirt war sieben Kilometer Luftlinie von hier entfernt, aber in Johans Kopf war er näher als die Disco, in der er stand. Mittlerweile musste der Karaokeabend begonnen haben und niemand hier ahnte, was ihnen Johan im weiteren Verlauf des Abends noch zumuten würde.

Die ganze Woche über hatte er gegrübelt, mit welchen Argumenten er seinen Leuten dieses Event schmackhaft machen könnte. Ironie rangierte sehr weit vorne, aber das würden vermutlich die wenigsten kapieren. Aufmischen würde schon eher funktionieren, aber Johan hatte nicht vor, in Stefans Gegenwart eine Schlägerei anzufangen, auch wenn die Idee verlockend war, ihm so zeigen zu können, was er draufhatte. Vielleicht stellte er seine Leute einfach vor vollendete Tatsachen, lotste den Discokonvoi kommentarlos zum Seilerwirt und hielt es für eine lustige Idee, beim Karaokeabend mitzumischen.

Johan warf einen Blick auf seine Cola-Rum. Wenn er es so machen wollte, musste er besoffener sein, damit sie ihm das abnahmen. Er hatte schon so bescheuerte Ideen gehabt, wenn er in der Dunkelkammer des Vollrausches selbst eine Raufasertapete für einen Blockbuster hielt. Wenn er jetzt drei oder vier Cola-Rum hintereinander auf Ex kippen würde, könnte er sich in ein Stadium saufen, in dem alles erlaubt war. Auch, eine Karaokeparty beim Seilerwirt lustig zu finden.

Allerdings wollte er nicht stockbesoffen bei Stefan aufkreuzen.

Einige hatten bemerkt, dass er sich heute besonders schick gemacht hatte, dabei hatte er seine Bemühungen wieder ein wenig zurückgeschraubt, um eben nicht aufzufallen. Jetzt glaubten sie, er wollte sie heute Abend zu einem ganz besonderen Event lotsen, einem, das diesem Aufputz gerecht wurde. Einige Mädchen waren sogar wieder heimgefahren, um sich schnell umzuziehen. Scheiße. Die würden noch staunen, wenn er sie ins abgehalftertste Lokal der Region schleppte, um dort mit ein paar Stammsäufern und kichernden Bäuerinnen einen Karaokeabend mit alten Schlagern zu zelebrieren.

Er würde sehr besoffen sein müssen. Johan leerte das Glas in einem Zug. So geil, wie er das Gesöff mit fünfzehn gefunden hatte, schmeckte es auch nicht mehr. Leider vergaß er das nur immer, wenn er in einer Disco ein Getränk bestellte. Da zündete irgendein Reflex, und erst, wenn er die Bierflaschen in den Händen der anderen Jungs sah, kam ihm, dass das eine Alternative gewesen wäre.

I’m a man, you’re a man, let me kiss you, take my hand, don’t be shy, don’t be feared, love is love, that’s not weird …

Johan lehnte sich über den Tresen und deutete auf sein leeres Glas. Noch einmal das gleiche. Der Barkeeper nickte und zwanzig Sekunden später stand die Cola-Rum vor ihm. Johan zahlte und leerte auch dieses Glas in einem Zug.

»Packts eure Mädels, wir fahren woanders hin!«, rief er den Jungs zu und warf einen Blick auf sein Handy. Die Karaokeparty müsste jetzt seit rund einer Stunde laufen und es war nicht anzunehmen, dass sie die ganze Nacht dauern würde.

»Wohin gehts denn?«, fragte Thomas.

»Das überleg ich mir noch.« Feige Sau.

»Okay! Cool!«

Beim Hinausgehen registrierte Johan, wie unter den Mädels Hektik ausbrach. Jene, die gerade nicht, oder noch nicht, mit jemandem verbandelt waren, aber große Hoffnung hegten, dass sich das noch heute oder in den nächsten Wochen ändern würde, suchten panisch nach Mitfahrgelegenheiten.

Johan hockte sich in seine Kiste, die er mit seinem schmalen Budget zumindest optisch gepimpt hatte – Tribal auf der Motorhaube, Heckspoiler, kobaltblaue Unterbodenbeleuchtung – und suchte den Wechsel-CD-Player nach einem passenden Song für seine Stimmung ab. Im Fußraum des Beifahrersitzes fand er eine Mineralwasserflasche, deren Kohlensäure bereits verraucht war, und nahm davon ein paar kräftige Schlucke. Irgendwo im Handschuhfach mussten Kaugummi … ah, da waren sie.

Im Rückspiegel beobachtete Johan, wie sich zu viele Leute in zu wenige Autos zwängten. Mädchen kraxelten auf den Schoß von Jungs – alle Bedenken, begrapscht zu werden, waren in der Not dahin –, und die Jungs, die noch keine auf ihren Knien hocken hatten, lockten sie, indem sie auf ihre Schenkel klopften. Auf manchen Rückbänken drängten sich bis zu sechs Personen.

Plötzlich klopfte jemand gegen die Scheibe. Drei Mädels zappelten herum und kicherten blöd durchs Fenster. »Der Thomas hat gesagt, dass wir mit dir mitfahren können!«

Scheißkerl. Johan schnaubte genervt und nickte mit einer betont gnädigen Geste auf die Rückbank seines Wagens. »Na steigts ein.«

Im nächsten Moment wurde die Beifahrertür aufgerissen und Thomas plumpste schnaufend auf den Sitz. Er blickte aufgekratzt nach hinten, wo sich die drei Mädels zusammendrängten und den Geruch von mindestens drei Fruchtcocktails versprühten. Binnen Sekunden roch der ganze Wagen nach widerlich süßen Bonbons, dagegen konnte nicht einmal die Minze des Kaugummis etwas ausrichten.

Deswegen hasste Johan Mädchen. Sie stanken. Sie waren laut. Sie waren unhygienisch. Er hatte mal eine Reportage gesehen, wo eine Klofrau berichtete, dass die Damenklos immer weit verdreckter wären als die Herrenklos. Sie beschrieb sogar, dass sich manche Mädchen zum Pinkeln auf die Spülkästen setzen würden, sodass die Klobrillen Abdrücke von Schuhsohlen hätten, und dass der ganze Boden besudelt wäre, weil sich die Frauen aus Angst vor Keimen nicht hinsetzen würden, aber zu wenig Kraft in den Schenkeln hätten, um anständig zu balancieren und zu treffen. Aber die Kerle mussten sich hinsetzen, damit sie nichts vollspritzten. Elende Weiber. Und jetzt würde Johans Auto zwei Tage lang nach Gummibärchen und Pina Colada stinken.

»Ist eh okay, dass die mit uns mitfahren, oder?«, fragte Thomas.

Uns. Thomas war doch mindestens ebenso eine Landplage wie die Mädchen. Buhlte den ganzen Abend wie ein Weltmeister, und bekam am Ende doch nie eine ab. Er wollte zu sehr. Das merkten die Gören und zockten ihn am frühen Abend ab, aber wenn es dann darum ging, Farbe zu bekennen, waren sie eine Wolke – und er hatte nicht einmal mehr genug Kohle, um sich volllaufen zu lassen. Damit war er immerhin meistens fahrtauglich genug, um Johan nach Hause zu fahren, der aus Angst, sein eigenes Auto vollzukotzen, den Kopf aus dem Fenster streckte und sich den Fahrtwind um die Ohren blasen ließ. Er konnte sich allerdings nicht immer erinnern, wie er nach Hause kam.

Statt zu antworten, seufzte Johan nur ergeben.

»Wo gehts denn hin?«, fragte eins der Mädels und, aus welchem Grund auch immer, fanden die anderen beiden das saukomisch und sie begannen, zu dritt loszugackern.

Thomas machte das ganz wuschig. Mit dem Kopf zur Rückbank gedreht hockte er da und grinste wie jemand, der aus der Psychiatrie entkommen war.

»Seilerwirt«, sagte Johan.

Abrupt wurde es still. Selbst Thomas rutschte das Grinsen aus dem Gesicht.

»Zu dem Seilerwirt?«, fragte eins der Mädels.

»Nein, zum anderen«, knurrte Johan.

»Ach so!« Das Mädchen seufzte erleichtert, dann begannen die drei wieder, hysterisch loszulachen.

»Ernsthaft?«, fragte Thomas. »Wieso?«

»Da ist heut Karaokeabend.«

Thomas grinste schief. »Das ist ein Scherz, oder?«

»Lacht hier jemand?«, fragte Johan, und um das klarzustellen: »Die da hinten zählen nicht.«

»Karaokeabend beim Seilerwirt«, wiederholte Thomas.

Deswegen, oder wegen etwas anderem, prusteten die Mädchen wieder los.

»Im Dominic ist heut Schaumparty«, schlug Thomas vor.

»Weiß ich.«

»Wolln wir nicht lieber dort hin?«

Johan setzte den Blinker und fuhr rechts ran. Die Kolonne hinter ihm tat es ihm gleich. Acht Autos, die darauf harrten, was er als Nächstes tun würde.

»Wenn dir der Seilerwirt nicht passt, steig aus. Und nimm die Schnepfen mit.«

Thomas bekam große Augen und klappte den Mund auf und zu. »Nein, ist eh okay … ich hab mir nur gedacht … Aber Karaokeparty beim Seilerwirt ist auch super.« Hilfesuchend blickte er zur Rückbank. »Oder, Mädels?«

Sie ergossen sich in einem eruptiven Lachanfall und grölten »Jaaaa. Voll super.«

Die Fahrer der anderen Autos steckten die Köpfe aus den Fenstern, winkten, riefen sich Frotzeleien zu.

Johan setzte den Blinker, lenkte wieder auf die Straße und nahm Fahrt auf. Die Hände im Schoß gefaltet hockte Thomas da und sagte nichts mehr. Die Mädchen tuschelten, lachten los, tuschelten, lachten los. Johan war nur Haaresbreite davon entfernt, sie aus dem Auto zu schmeißen. Andererseits: Sie waren drei weitere Gäste, die Stefans Erbe sichern konnten. Auch wenn sie ihre Drinks nicht selbst zahlten, so würde ihretwegen zumindest Thomas den Inhalt seiner gesamten Brieftasche beim Seilerwirt lassen.

Als Johan auf den Parkplatz vor dem Wirtshaus lenkte, rammte das Auto hinter ihm fast die Stoßstange. Reifen quietschten, dann die des nächsten und des übernächsten Wagens. Offensichtlich rechnete niemand damit, hier zu halten.

In einem Walzer aus rangierenden Autos, aufblitzenden Brems- und Rücklichtern, Hupen und blinkenden Fernlichtern, sortierte sich der Konvoi Stoßstange an Stoßstange auf dem Parkplatz. Autotüren wurden zugeknallt, Mädchen kullerten, den Hintern voran, aus den Wägen, Handtaschen schwangen, Knöchel knickten. Erst in der zweiten Welle rutschten die Jungs aus den Wägen, rülpsten, scharrten mit den Sohlen im Kies, riefen sich über die Autodächer hinweg irgendetwas zu – und irgendwie klang alles wie: Horst!

Immerhin. Der Ärger über die Gören auf dem Rücksitz und Thomas hatte Johan von seiner Nervosität abgelenkt. Selbst als er die Eingangstür des Seilerwirts aufstieß und ihm stickige Luft entgegenschlug – und grässliches Geheul aus blechern klingenden Boxen –, dachte er nicht daran, gleich Stefan zu sehen. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich darüber klarzuwerden, dass er gerade seine Reputation aufs Spiel setzte. An den Blicken konnte er ablesen, dass niemand ernsthaft auch nur einen Teil des Abends hier verbringen wollte. Sie waren ihren Elternhäusern entflohen, um einem Ambiente, wie es der Seilerwirt verströmte, zu entgehen.

Johan konnte sich keine Zeit in der Geschichte vorstellen, in der diese Einrichtung hätte als schick oder geschmackvoll gelten können. Sie war zweckmäßig, in ihrer Anschaffung kaum dekadent. Vermutlich legte man früher nicht viel Wert auf ein ansprechendes Ambiente, Hauptsache, man konnte sitzen und es war beheizt. Ein wenig erinnerte der Gastraum an Fotos aus Chroniken von Arbeiterparteien, wo sich Mitglieder mangels politischer Hingabe die Zeit mit Kartenspielen vertrieben. Einige dieser Veteranen hockten noch immer an der Bar und träumten von einem Bauernhof für jeden.

Nur zaghaft tröpfelten die Jungs und Mädels in den Gastraum und blieben in Grüppchen stehen. Setzen wollte sich vorerst keiner. Auf einer kleinen Plattform in der Ecke, wo sich bei Feiern ein Alleinunterhalter mit Ziehharmonika oder Keyboard durch den Abend quälte, standen ein Mikrophon, Boxen, ein Fernseher, und eine Frau im bäuerlichen Arbeitskittel, die zu Pretty Belinda abrockte, und dabei zuverlässig jeden Einsatz und jeden Ton verfehlte.

»Was machen wir hier?«, fragte jemand neben Johan.

»Wir lassen die Sau raus.«

»Echt jetzt?«

Stefan kam aus der Küche, bremste ab und schaute sich wie erschlagen um. Dann machte er einen Halbschritt zurück, drückte mit einer Schulter die Schwingtür auf und rief: »Papa, ich brauch dich in der Schank.«

Johan ersoff in Fremdscham. Nicht nur genierte er sich vor seinen Kumpels für die Wahl des Lokals, des grausigen Themas des Abends und Stefans höchst infantilen Hilferufs, er schämte sich auch Stefan gegenüber für die aufgetakelten Mädels, die auf Macho gepimpten Jungs, das gelangweilte Kaugummikauen, die angewiderten Gesichter. Was für ein oberflächlicher, verwöhnter Sauhaufen waren seine Freunde? Sie waren die Scheiße nicht wert, die sie in den Kloschüsseln hinterließen. Keine besonders neue Erkenntnis, aber in diesen Minuten wurde es Johan so unerträglich bewusst, dass er am liebsten das Mikro geschnappt und gesagt hätte: Ich hab mit euch allen nichts zu tun.

Zudem war ihm Stefan noch nie so … gewöhnlich erschienen. Wenn Johan mit den Eltern hier war und sich wie ein Dreizehnjähriger fühlte, kam ihm Stefan nahezu prominent vor, wunderschön, schillernd … die Schank als Bühne, die Wirtstracht eine edle Uniform. Aber jetzt … Johan wünschte, Stefan hätte nie nach seinem Papa gerufen.

Johan fing Stefans Blick auf und sah, dass dieser mindestens ebenso enttäuscht war. Auf einmal war Johan nicht mehr der höfliche, brave Sohn, ein bisschen verhuscht – jetzt stand er hier wie der Oberproll, der Anführer einer motzenden Affenbande.

Okay, da musst du jetzt durch.

Pretty Belinda stolperte von der Bühne, ein wenig eingeschüchtert von der Masse an Neuankömmlingen, die unentschlossen herumstand, sich Locken um Finger wickelte, Kaugummiblasen platzen ließ und darauf wartete, dass sie irgendjemand bespaßte.

Johan marschierte entschlossen zur Bühne, schnappte das Mikrophon und lehnte sich zu Markus, Stefans zwei Jahre jüngeren Bruder, der die Anlage bediente.

»Was hast denn da? Zeig einmal her.«

Markus drehte den Bildschirm und ließ Johan die Playlist durchsehen. Himmel!

»Okaaay«, summte Johan und zeigte auf einen Song.

Markus nickte professionell wie ein Tontechniker beim Soundcheck, dann dröhnte das Intro von In the Ghetto aus den Boxen. Schon bei den ersten Tönen verfluchte sich Johan für diese Wahl, andererseits konnte man die Messlatte nicht tief genug legen, um die anderen zu motivieren. Während er sich mehr schlecht als recht durch den Song jaulte und wimmerte, vermied er jeden Blick zur Schank. Dass ihn Stefan so sehen konnte, blendete er so gut wie möglich aus, und zum Ende des Liedes hin war er immerhin beschwingt genug, um einen völlig überflüssigen Elvis-Hüftschwung hinzulegen und sich durch die gedachte Schmalzlocke zu fahren.

Ein paar Leute lachten. Einige hatten doch noch Stühle gefunden und umklammerten die Lehnen.

»Jetzt seids ihr dran!«, nuschelte Johan ins Mikrophon.

Peinliches Schweigen. Die letzten Töne verstummten.

Irgendjemand sagte: »Mein Gott ist das fad.«

Jemand lachte auf.

»Thomas!«, rief Johan und winkte ihn zu sich. »Zeig den Mädels, was du drauf hast.«

Thomas wurde rot, aber er setzte sich in Bewegung und lief sportlich dynamisch wie ein Showmaster zur Bühne und übernahm das Mikrophon.

Erst jetzt nahm Johan wieder Stefan wahr, der von Gruppe zu Gruppe marschierte und fragte, ob jemand etwas bestellen wollte. Kopfschütteln, Kopfschütteln, interessierte Nachfrage, dann Kopfschütteln. Johan wollte im Boden versinken.

Hinter ihm begann Thomas, irgendeinen Song der Everly Brothers zu jaulen. Unter dem Vorwand, rauchen zu wollen, verließ die Hälfte der Diskotruppe den Gastraum und verschwand ins Freie. Resigniert schaute Stefan ihnen nach.

Scheiße.

Okay. Nächster Anlauf.

»Wer trinkt ein Bier mit mir«, rief Johan auffordernd in die Runde.

»Ich« – »Ich« – »Ich auch.«

Am Ende scharten sich immerhin rund fünfzehn Leute um Johan und ließen sich zu einer weiteren Runde, noch einer und einer vierten überreden, während Thomas an der Bar versuchte, ein paar Mädels mittels Likör gefügig zu machen. Gut die Hälfte des Discokonvois verpisste sich jedoch sang- und klanglos, und da keiner mehr Lust hatte, sich mit dem Mikrophon zum Deppen zu machen, baute Markus die Anlage zusammen und verabschiedete sich. Auch Stefans Vater zog sich bald zurück.

Stefan stand müde hinter der Schank und füllte Likörgläser auf. Nach und nach verabschiedeten sich die Leute rund um Johan. Auch der Mädchenkreis um Thomas schrumpfte auf eins, und es sah tatsächlich danach aus, als hätte er endlich den Jackpot geknackt. Zumindest wich die Frau nicht peinlich berührt zurück, wenn ihr Thomas etwas ins Ohr nuschelte oder eine ihrer Strähnen anfasste.

Johan holte sein Handy aus der Gesäßtasche und prüfte die Uhrzeit. 00:30. Um diese Zeit ging der Abend oft erst richtig los. Vermutlich hatten sich die anderen bereits in irgendeiner Disco zusammengerottet und diskutierten jetzt Johans Geisteszustand, während er allein an der provisorisch zusammengestellten, verwaisten Tafel hockte, auf der sich gebrauchte Biergläser, zerbrochene Zahnstocher, zerpflückte Pappuntersetzer, zerknüllte Zigarettenpackungen oder Servietten und ein paar leere Kaffeetassen tummelten. Anders, als an den Sonntagen, an denen Stefan jedem sich leerenden Glas nachjagte, hatte er es den ganzen Abend über schleifen lassen.

Thomas löste sich von der Bar und wankte auf Johan zu. »Du … ich tät gern mit der Sabrina mitfahren … wir wollen noch ins Dominic. Passt das für dich?«

»Hau ab!«, sagte Johan – und halt sie fest.

»Danke.«

Als wäre ihm eine Last von der Seele genommen, wandte sich Thomas ab und eilte auf Sabrina zu. Sie winkte Johan zum Abschied, er nickte zum Gruß, dann war Johan mit Stefan, dem Gastraum und dem Gedudel aus dem Radio allein.

»Woaaahhhh«, stöhnte Johan, warf den Kopf in den Nacken, streckte sich und rutschte halb von der Sitzbank.

»Schleichst dich auch?«, rief Stefan von der Schank herüber.

»Willst mich loswerden?«

»Ich tät gern zusperren.«

»Sperrst mich halt ein.«