Kein Tag zum Verlieben - Rachel Gibson - E-Book

Kein Tag zum Verlieben E-Book

Rachel Gibson

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Beschreibung

Lexie soll vor Millionen von Zuschauern heiraten, doch in letzter Sekunde flieht sie vom Set der Fernsehserie »Hafen der Ehe«. Noch im Brautkleid steigt sie in einen Flieger nach Kanada, in der Hoffnung, dort für ein paar Wochen untertauchen zu können. Neben ihr sitzt aber ausgerechnet Sean Knox, Star der berühmten Eishockeymannschaft Seattle Chinooks – deren Coach Lexies Vater ist. Kurz darauf taucht ein Foto der beiden im Internet auf, und das Chaos ist perfekt. Die Presse zieht Lexie gnadenlos durch den Schmutz, bis die beiden auf die Idee kommen, der Welt vorzuspielen, sie wären schon lange ein Liebespaar …

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Buch

Lexie Kowalsky dachte, sie wäre bereit für die Ehe, und wollte einem nahezu Unbekannten vor Millionen von Zuschauern das Jawort geben. Doch in allerletzter Sekunde packt sie die Panik, und sie flieht Hals über Kopf vom Set der erfolgreichen Reality-Fernsehserie »Im Hafen der Ehe«. In ihrem Tüllungetüm von einem Brautkleid ergattert sie einen Platz in einem Flieger nach Kanada, wo sie für ein paar Wochen untertauchen will. Doch neben ihr sitzt ausgerechnet der große Seattle-Chinooks-Star Sean Knox. Und Lexie ist nicht nur eine bekannte TV-Persönlichkeit, sondern auch noch Tochter des Coachs der berühmten Eishockeymannschaft. Als ein Foto der beiden im Internet auftaucht, bricht das Chaos aus. Die Presse stellt Lexie als Luder dar, die einen Mann sitzen ließ, um sich mit dem nächsten zu vergnügen. Bis beide gemeinsam auf die Idee kommen, der Welt vorzuspielen, dass sie schon lange ein Liebespaar sind …

Weitere Informationen zu Rachel Gibson

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Rachel Gibson

Kein Tag zum Verlieben

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Nicole Hölsken

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Running in Heels« bei Avon Books, an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2019

Copyright © der Originalausgabe by Rachel Gibson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: © FAVORITBÜRO, München

Umschlagmotiv: © Caiaimage/GettyImages

Redaktion: Susann Harring

MR · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-23628-1V001

www.goldmann-verlag.de

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»Eigentlich bist du ganz okay für eine Braut, die sich nicht traut.«

»Da bin ich aber froh.« Es hatte sarkastisch klingen sollen, kam aber eher atemlos heraus, als fände sie ihn auch ganz okay – vielleicht sogar noch etwas mehr als nur okay.

Er fuhr mit dem Daumen über ihre Unterlippe. »Wie froh?«

»Ein klein wenig.« Sie brandete ihm entgegen, ihre Brüste pressten sich an seinen Oberkörper. Ihre Hände wanderten zu seinen Schultern empor, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen.

Wie schon am Tag zuvor gab er ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Seine Zunge berührte die ihre und erkundete ihren Mund, heiß und so intensiv, dass sich ihre Zehen in den Stiefeln krümmten. Der Kuss fing Feuer, und sie klammerte sich an ihn, den einzig Beständigen in ihrem aus den Fugen geratenen Leben.

»Wenn ich gehen soll, dann sagst du es am besten jetzt.«

»Willst du denn gehen?« Sie leckte sich die Lippen.

»Nein.«

Mary Reed.

Passable Köchin. Meine Schneiderin.

Wundervolle Mutter.

Prolog

Simply Irresistible (Robert Palmer)

»Ooooh, das war übel.« John Kowalsky pfiff durch die Zähne und zuckte zusammen. Man hörte einen Pfiff aus der Soundbar, die an der gegenüberliegenden Wand des Schlafzimmers unter einem 55-Zoll-Fernseher hing. »Georgie, Schatz, hast du die Fernbedienung gesehen?«

Ohne den Blick von der Zeitschrift auf ihrem Schoß abzuwenden, streckte Georgeanne Kowalsky die Hand zum Nachttisch aus. Ihre Finger glitten über das glatte Eichenholz, eine Kleenex-Schachtel, ein Handy, einen Krug mit Eiswürfeln und fanden schließlich die Fernbedienung. »Hier«, sagte sie und reichte sie dem Mann, der neben ihr im Bett lag.

»Danke.« Ein weiterer Pfiff, gefolgt vom Klatschen der Hockeyschläger und dem schmatzenden Geräusch aufeinanderprallender Körper, erfüllte das Schlafzimmer in ihrem Haus an der Südspitze von Mercer Island.

»Dieser Kelly skatet, als hätte er ’nen Stock verschluckt.«

Georgeanne überflog ein Keksrezept, das in der Southern Living abgedruckt war, während ihr Mann sein allabendliches Ritual genoss, Hockeyspieler zu beschimpfen und sich durch die Sender zu zappen.

Dies war Georgeanne die liebste Stunde des Tages: wenn sie keinen Alltagspflichten mehr nachkommen musste, wenn John neben ihr lag und nicht unterwegs war, wenn sie durchatmen konnte, weil sie wusste, dass ihr Mann und ihre drei Kinder in Sicherheit und genau da waren, wo sie sein sollten. Dann konnte sie sich entspannen, sich von der wohligen Wärme des Abends einlullen lassen, sich an ihren Schatz, besten Freund und Geliebten kuscheln.

»Ach du Scheiße! Nun mach hinne und überhol diesen Hurensohn schon. Was ist nur los mit diesen jungen Burschen?« Er deutete mit der Fernbedienung auf das TV-Gerät und gab sich die Antwort selbst. »Denen ist ihre Haarpracht wichtiger als die Punkte, die sie ergattern können.«

Georgeanne kicherte. John lebte jetzt seit dreißig von seinen sechsundfünfzig Jahren in den Vereinigten Staaten. Er sprach und ging wie ein Einheimischer und neckte sie oft wegen ihres texanischen Akzents, der ihr wie Frischhaltefolie anhaftete. Aber wenn er sauer wurde, klang John noch immer wie ein waschechter Kanadier mit seinen »ous« und »übas«. Gelegentlich warf er sogar ein paar »ehs« ein.

»Die sind dermaßen weichgespült, dass sie keine Eier mehr in der Hose haben und schießen wie Mädchen.«

Georgeanne sah von ihrer Zeitschrift auf. John hatte die Arme vor der nackten Brust verschränkt. Diese Leier hörte sie jetzt schon seit Jahren. Zum ersten Mal im Jahr 1996, als er sich über Jaromír Jágr und dessen »Mädchenlocken« ausgelassen hatte, die unter seinem Helm dahinwehten.

»Gott, was für eine Schwuchtel.«

Sie sah zum Bildschirm hinüber, just als ein New York Ranger die fragliche Schwuchtel gegen die Bande schleuderte. Seine schwarzen Strähnen, die von der Anstrengung schweißnass waren, sahen wie große, lockige Kommata unter seinem Helm hervor. »Habt ihr Pittsburgh nicht zwölf Millionen Dollar für Knox geboten?«

»Ich nicht. Ich bin nicht dafür verantwortlich.« John deutete mit der Fernbedienung auf seine Brust. »Ich hasse den Typen.«

Bevor Georgeanne John »The Wall« Kowalsky gekannt hatte, hatte sie nur wenig über Eishockey gewusst. Aber im Verlauf der letzten einundzwanzig Jahre hatte sie ein, zwei Dinge darüber gelernt. Sie wusste, was ein Sniper und ein Snapshot waren – trotz des ähnlichen Klangs nämlich zwei vollkommen verschiedene Dinge. Sie hatte den Unterschied zwischen einem Restricted Agent und einem Unrestricted Free Agent gelernt, und sie wusste, dass zu Beginn einer jeden Spielsaison die wildesten Gerüchte über Spielerverkäufe und Teamwechsel kursierten. Es war November, und der war dieses Jahr ihrer Ansicht nach nicht anders als sonst. »Ist Pittsburgh darauf eingegangen?«

»Noch nicht, aber das werden sie.« John legte die Hand auf seinen rechten Oberschenkel. »Er hat die letzte Saison mit neunundachtzig Punkten abgeschlossen.«

Sie wusste, dass ihr Mann das Eis und das Spiel, das er liebte, vermisste. Sie befeuchtete ihren Daumen mit der Zunge und blätterte eine Seite in ihrer Zeitschrift um. Er vermisste das Rumalbern mit dem Bully, während er auf den Einwurf des Pucks wartete.

Sie waren berechenbar geworden, sie und John. Ein altes, verheiratetes Paar in den Fünfzigern mit drei Kindern, von denen zwei bereits aus dem Haus waren. Ihre älteste Tochter, Lexie, war auf Shoppingtour in Stockholm, wo sie einige der besten Showrooms der gesamten Modebranche besuchte. Es war verrückt, aber ihre Boutique für Hundemode florierte. Ihre zweite Tochter war mittlerweile im letzten Jahr auf der Villanova University und studierte Politikwissenschaften. Ihr Sohn Jon Jon schlief am anderen Ende des Flures in seinem Bett.

Berechenbar. Der Trost und die Leichtigkeit eines solchen Lebens hatten viel für sich. Die wohlige Wärme, die einen durchflutete, weil man einen Mann so sehr und schon so lange Zeit liebte, dass man sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, wie es vor ihm gewesen war. Einen Mann, den man durch und durch kannte und der einen ebenfalls über alles liebte. Einen Mann, der ihr Fels in der Brandung war – und sie war sein sicherer Hafen.

»Hast du das gesehen?«

»Nein«, antwortete sie, ohne von der Abbildung eines perfekt in Szene gesetzten Picknicks aufzublicken. Das Lifestyle-Programm, das Georgeanne 1996 in einer kleinen Seilbahnstation in Seattle ins Leben gerufen hatte, hatte mittlerweile einige Kapitalgeber und war landesweit bekannt. Sie war vielleicht keine Martha Stewart, aber Life With Georgeanne hatte einen respektablen …

»Der kann noch nicht mal einen Scheiß-Schlag einstecken«, rief John, nur um sich gleich darauf zu entschuldigen. »Sorry«, sagte er. Doch sie bezweifelte, dass ihm seine Wortwahl tatsächlich leidtat. Er deutete mit der Fernbedienung auf den Fernseher. »Unerträglich, wie weibisch der Kerl ist. Das kann ich mir nicht länger ansehen.«

Ein Lächeln umspielte Georgeannes Lippen, während sie erneut umblätterte. John wurde von den verschiedensten Leuten ganz unterschiedlich wahrgenommen. Für Hockeyfans war er John »The Wall« Kowalsky, Stanley Cup Champion und einer der großartigsten NHL-Spieler aller Zeiten. Für die Menschen aus Seattle war er der Head Coach der Chinooks. Für seine Freunde war er der Typ, den man auf seiner Seite haben wollte. Für seine Kinder war er der beste Dad der Welt, und für sie war er John. Beschützend und loyal denen gegenüber, die er liebte. Abweisend und grob zu denen, die er nicht liebte. Er konnte einen manchmal zur Verzweiflung bringen, war bei anderen Gelegenheiten aber wiederum die Ruhe selbst, aber immer war er berechenbar. Vielleicht auch nur für sie, weil sie ihn kannte. Sie kannte sein Herz, seine Seele und sein Abendritual. Er schaute so lange Hockey, bis er die Spieler als Schwuchteln oder Schlimmeres beschimpfen konnte. Dann zappte er weiter, bis er irgendeine Wissenschaftssendung gefunden hatte. »Irgendwas für die Birne«, wie PBS oder National Geographic oder – wie heute Abend – Nova.

»Die Astronomen der Zukunft werden nicht mehr behaupten können, dass unser Universum durch den Big Bang entstanden ist …« Die Fernbedienung blieb lange genug unberührt, dass man ein paar Brocken Wissen aufschnappen konnte. »… die Dunkle Energie selbst wird die Dunkle Energie zerstören …« Als er genug vom Bildungsfernsehen hatte, zappte er weiter, bis er seinem heimlichen Laster frönen konnte: dem Reality-TV. Dabei konnte er nach Herzenslust ablästern.

»Bei dieser ersten Folge unserer Serie Im Hafen der Ehe haben wir zwanzig wunderschöne junge Frauen aus dem ganzen Land hier in unserem Hafen-Haus versammelt, in dem es zur Ehestiftung kommen soll. Alle aufgebrezelt und alle megagespannt auf den heutigen Bachelor … Pete Dalton!«

»Wo kriegen die nur immer ihre Leute her?« Er lehnte sich gegen die Kissen und ließ die Fernbedienung aufs Bett neben sich fallen, während die Heiratskandidatinnen begannen, sich vorzustellen.

»Ich bin Mandy Crumb aus Wooster, Ohio. Ich liebe Chili-Kochwettbewerbe und die Cleveland Indians!«

»Schau dir diese Mandy an. Sieht aus wie ein nuttiges Landei«, höhnte John.

»Ich bin Cindy Lee Melton aus Clearwater, Florida.«

»Diese Shorts müssen doch gehörig kneifen, Cindy Lee.«

»Ich liebe heiße Sommerabende und Jazz.«

Georgeanne warf einen Blick auf den Bildschirm. Eine Frau in winzigen, abgeschnittenen Shorts und einem roten Gingham-Shirt, dessen Enden zwischen ihren Brüsten zusammengeknotet waren, kletterte gerade von einem großen Traktor hinunter. Wie gut, dass die Frau kleine Brüste hatte, sonst wären sie aus dem knappen Hemd glatt rausgefallen. Georgeanne hätte so ein Shirt nie tragen können. Jedenfalls nicht mehr, seit sie zwölf war.

»Ich bin Davina Gerardo aus Scottsdale, Arizona.«

»Ich wette, dein Daddy ist mächtig stolz auf dich, Davina Gerardo aus Arizona.« John schüttelte in genüsslichem Ekel den Kopf.

»Ich liebe Golf und den Geruch von frisch gemähtem Gras im We-Ko-Pa-Golfclub.«

Georgeanne richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Keksrezept und antwortete auf Johns erste Frage. »Ich glaube, diese Mädels holen sie sich aus Stripclubs.«

»Ich bin Jenny Douglas aus Salem, Oregon. Ich liebe Regenpfützen und Karaoke.«

»Stripperinnen sind nicht so verzweifelt.« Er schlug auf das Kissen in seinem Rücken und machte es sich wieder bequem. »Nicht dass ich wüsste, jedenfalls.«

»Natürlich.«

»Kaum zu glauben, dass sie so einen Scheiß im Fernsehen senden«, beklagte er sich, schaltete aber nicht um, und Georgeanne lächelte.

»Ich bin Summer Williams aus Bell Buckle, Tennessee. Ich liebe den Blues von Muddy Waters und Schleichwege.«

»Zu leicht. Da fehlt mir die Herausforderung, Summer«, antwortete John gedehnt, ihren Akzent imitierend. »Du hast mir direkt in die Arme geschossen, aber mit deinem beschissenen Tor hab ich nichts zu tun.«

»Ich bin Whitney Sue Allen aus Paducah, Kentucky.«

»Du bist so bleich. Das sieht nach Inzucht aus.«

»John …« Georgeanne seufzte.

»Ich liebe Yoga und Daddys Pfirsichwein.«

»Natürlich tust du das. Dein Daddy ist dein eigener Opa.«

»Das ist nicht nett, John. Vergiss nicht, dass ich aus Texas stamme. Nur weil sie auch aus dem Süden stammt, ist sie noch lange kein Produkt von Inzucht.«

»Aber das würde erklären, warum sie bei dieser Show mitmacht.« Er machte eine Pause, als sei er tief in Gedanken versunken. »Auf jeden Fall Inzucht. Und außerdem ist sie mit Bleifarbe aus giftigen Babyfläschchen gefüttert worden.«

Im Fernsehen sah Georgeanne ein barfüßiges Mädchen vom Traktor hinunterklettern und sich zu den anderen hinzugesellen. »Wahrscheinlich hatten sie einfach alle kein richtiges Elternhaus.« Sie wandte die Aufmerksamkeit wieder ihrem Mann zu, dessen Blick unverwandt auf die Reality-Show gerichtet war. »Die armen Dinger.«

»Ihre Mütter sollte man mit einem Schläger durchprügeln.« Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, griff John nach einer Flasche Wasser auf dem Nachttisch. »Und den Vätern sollte man die Eier abschneiden.« Er gluckste. Niemand lachte herzhafter über seine eigenen Scherze als er selbst. »Mein Gott.« Er setzte sich auf, als hätten ihm die Kissen einen Stoß nach vorn versetzt, und die Flasche schoss quer durchs Zimmer.

»John …«

»Ich bin Lexie Kowalsky aus Seattle, Washington.« Georgeanne spürte, wie ihre Augenbrauen bis zum Haaransatz hinaufschossen, und ihr Kopf wirbelte herum. »Ich liebe die Chinooks und meinen Hund, Yum Yum.«

Beim Anblick ihrer ältesten Tochter, die gerade vom Traktor kletterte, musste Georgeanne blinzeln. Das konnte doch unmöglich wahr sein! Ihre Arschbacken waren unter ihren Shorts deutlich zu erkennen, ihre großen Brüste drohten, ihr gleich aus dem Top zu hüpfen, und das alles in Ultra HD-Auflösung.

Lexie richtete sich auf, warf das blonde Haar in den Nacken und der Kamera jenes große weiße, strahlende Lächeln zu, das ihre Eltern einst Tausende von Dollar für die kieferorthopädische Behandlung gekostet hatte.

Georgeanne schnürte es die Kehle zu, sie brachte keinen Ton heraus. Sie sah ihren Mann an und deutete auf ihre Tochter, die sie beide in Stockholm vermutet hatten.

John blickte fassungslos drein, aber immerhin hatte es ihm noch nicht die Sprache verschlagen: »Was zum Teufel …?«

1

Love is a Hurricane (Boyzone)

Unter dem ombréfarbenen Himmel hing ein orange glühender Feuerball genau über den Wolkenkratzern Seattles und überzog die smaragdgrüne Stadt mit einem goldenen Schimmer, der vereinzelt mit tief violetten Schatten verschmolz.

Der frühe Januarwind kräuselte die Wasseroberfläche des Lake Union und fuhr unter den Kragen von Sean Knox’ schwarzem Mantel. Feuerräder aus weißem Licht tanzten über die silbernen Ränder seiner Pilotensonnenbrille, und durch die entspannende Wärme des Grey Goose war sein Blick dahinter schläfrig. Der Wodka ließ alles ein wenig verschwimmen und beruhigte sein Magengrummeln. Vor Ende der Nacht wollte er noch viel schläfriger werden. Sean trank nicht besonders viel, insbesondere nicht während der Saison. Damit sein Körper weiterhin Höchstleistungen erbrachte, mied er jedes Junkfood, und niemals vergiftete er sich mit Schnaps. Außer heute Abend.

Er hob einen durchsichtigen Plastikbecher an die Lippen und atmete den Geruch von Seewasser und kaltem Holz ein. Unter gesenkten Lidern hervor beobachtete er, wie die luxuriösen Jachten und die Fischtrawler die orangefarbene Spur durchschnitten, die zu dem unter Seans Lederschuhen wogenden Landungssteg führte. Er sog einen Eiswürfel ein. Ein paar Meter weiter ritt die Sea Hopper über die goldgesäumten Wellen wie ein Frosch auf einem schimmernden Seerosenblatt.

Sean schob den Eiswürfel in seine Wange und fragte über seine Schulter hinweg: »Wie lange noch?«

Ohne den Blick von der zerfledderten Checkliste in seinen Händen zu heben, antwortete Jimmy Pagnotta, der Besitzer des Amphibienflugzeuges: »Zehn Minuten.« Sean nahm Jimmys Dienste nun schon wiederholt in Anspruch. Der Typ trug stets einen Helm aus dem Zweiten Weltkrieg samt Schutzbrille über dem Männerdutt. Durch seinen Will Forte-Bart sah er immer aus wie eine Kreuzung aus Charles Lindbergh und dem Last Man on Earth. »Spätestens um Viertel vor acht«, fügte er hinzu.

Sean sah auf seine schwarze Titanuhr am linken Handgelenk, während er den Eiswürfel zerbiss. Sie hatten bereits fünfzehn Minuten Verspätung, denn eigentlich hatten sie um Viertel nach sieben losfliegen sollen. Sean hasste die Warterei, insbesondere auf Leute, die so undiszipliniert waren – oder besser noch, so gedankenlos, dass es sie gar nicht kümmerte, was für ein Chaos sie anderen durch ihre Unpünktlichkeit zumuteten.

»Auf wen warten wir noch mal, hast du gesagt?«

»Ich habe gar nichts gesagt.« Jimmy öffnete die Cockpit-Tür und schob die Checkliste in eine Seitentasche.

Dann sagte er nichts mehr, und Sean wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Kajakfahrern zu, die – allesamt in Patagonia-Klamotten – an der Sea Hopper vorbei und auf die Hausboote zu paddelten, die weiter oben an der Ostküste vertäut lagen.

Das Amphibienflugzeug war in leuchtendem Grün gestrichen, mit großen roten Augen über dem Cockpit und mit orangefarbenen Schwimmhäuten an der Seite. Wenn es wärmer war, füllte sich das viersitzige Wasserflugzeug normalerweise mit Touristen, die einen zwanzigminütigen Rundflug über die Stadt gebucht hatten. Stündlich, immer um halb, konnten die am Boden Gebliebenen hoch oben in der Luft einen fliegenden Laubfrosch beobachten, der an der Space Needle vorbeiflog oder um Bill Gates’ Villa in Medina herumsurrte. Das Anwesen des Multimillionärs war ein großer Publikumsmagnet und eine Geldmaschine für die Tourismusbranche. Die meisten Menschen waren von dem riesigen Besitz und dem herrlichen Gelände schwer beeindruckt und erstarrten förmlich in Ehrfurcht vor dem wahnsinnigen Reichtum. Außerdem waren sie natürlich fasziniert von dem technischen Schnickschnack, der dort seinen Ursprung hatte.

Aber Sean Knox war nicht wie die meisten Menschen. Es gab nicht allzu viel, was ihn beeindrucken konnte, von Ehrfurcht ganz zu schweigen. Kein herrlicher Sonnenuntergang und auch kein über sechstausend Quadratmeter großes Anwesen. Früher war er arm gewesen, und jetzt war er reich. Er zog es vor, reich zu sein, trotzdem empfand er keine Ehrfurcht davor, und mit seinem Geld ging er stets sorgsam um. Manche hätten ihn vielleicht sogar als Geizkragen bezeichnet, doch er selbst betrachtete sich eher als praktisch. Dem Piloten der Sea Hopper beispielsweise hatte er die dreifache Summe des Normalpreises bezahlt, weil es sinnvoll war. Das gecharterte Amphibienflugzeug ersparte ihm die üblichen elf Stunden Reisedauer in die kleine Stadt, in der er sein erstes Lebensjahrzehnt verbracht hatte. In Sandspit, British Columbia, steppte nicht gerade der Bär, und er fragte sich, warum irgendjemand außer ihm es eilig haben sollte, um diese Jahreszeit dort hinzufliegen.

Dies war das zweite Mal, dass er das Wasserflugzeug gechartert hatte, seitdem er bei Seattle unter Vertrag war, und das war nun erst ein Monat. Er hatte gar nicht vorgehabt, diese Reise so schnell noch einmal anzutreten, und trotz des Chaos, das ihn wieder einmal erwartete, würde er gewiss nicht länger bleiben als die geplanten zwei Tage. Er hatte nur eine kleine Dufflebag gepackt, dazu eine Flasche Grey Goose und ein Six-Pack Schweppes Tonic.

»Die zehn Minuten sind vorbei.« Er leerte den Becher und sah Jimmy an. »Vielleicht taucht dein Passagier gar nicht auf.«

»Sind noch keine fünf um.« Der Pilot zog ein Handy aus der Tasche seiner Bomberjacke und studierte es ein paar Sekunden lang. »Ich hätte mich nicht auf einen zweiten Passagier eingelassen, wenn es sich nicht um einen Notfall gehandelt hätte.« Er wandte die Aufmerksamkeit wieder der Küste zu, als erwarte er irgendeine Form von Signal.

Notfall oder nicht, Sean hoffte inständig, dass die Person, auf die sie warteten, nicht versuchte, von irgendeinem Ort, der sich in einem Zwanzigmeilen-Radius um die Innenstadt Seattles herum befand, mit dem Auto hierherzugelangen. Denn wenn doch, dann steckte der andere Passagier mit Sicherheit im Verkehrschaos fest. Das war dieser beschissenen Fernsehserie Im Hafen der Ehe zu verdanken. Der Mob belagerte das Fairmont Hotel, um einen Blick auf das frischgebackene Ehepaar aus der Reality-Show zu werfen und zu jubeln, als ob die Seahawks wieder den Superbowl ergattert hätten. Die NBC hatte in der Stadt sogar Großbildschirme aufgestellt, damit die Fans Zeugen davon wurden, wie das glückliche Paar sich das Jawort gab – live im Fernsehen vor den Augen des ganzen Landes.

Sean hatte sich diese Sendung nie angesehen, aber er konnte ihr dennoch nicht entkommen. Das Hafen-der-Ehe-Fieber hatte sich in den USA schneller ausgebreitet als ein Virus in der Grippesaison, und wie es schien, waren alle infiziert außer ihm selbst. Selbst die Jungs in der Chinooks-Umkleide hatten jede Folge dermaßen eindringlich besprochen, als ob sie für ihre persönliche Zusammenfassung und Kritik bezahlt würden. Sie hatten über die Intrigen und Machenschaften diskutiert und jede Woche Wetten abgeschlossen, welches Mädchen wohl dieses Mal nach Hause geschickt würde. Natürlich hatte ihr Interesse viel mit Lexie Kowalsky zu tun. Einige der Jungs kannten Lexie, und ihre Fähigkeit, die anderen Junggesellinnen zu täuschen und aus der Show zu drängen, erfüllte sie mit Stolz. Wahrscheinlich war es kein Zufall, dass die Tochter von John Kowalsky den Mumm und die Entschlossenheit besaß, jedes andere Mädchen niederzuwalzen und dann so weit zu kommen, dass sie vor laufender Kamera heiraten konnte.

Sean hatte Lexie nie kennengelernt. Sie waren schon bei der dritten von zehn Folgen angelangt, als er bei den Chinooks eingestiegen war. Aber er wusste, wie sie aussah, und zwar durch Werbespots, Zeitschriftencover sowie von den mobilen Werbeplakaten, die in Seattle herumfuhren – Pixel für Pixel gephotoshoppt, mit blendend weißen Zähnen, noch strahlenderen blauen Augen und einer vollkommenen Erscheinung vom Scheitel ihrer blonden Haare bis hin zu den pink lackierten Fußnägeln. Sie wirkte überlebensgroß, wie sie da auf einem Traktor saß und einen Mann hinter sich herzog, der in Erntegarn gewickelt war. Der Typ trug ein dümmliches Lächeln zur Schau, wodurch er wie ein waschechter Schlappschwanz wirkte. Unter gar keinen Umständen hätte Sean so etwas je mit sich machen lassen. Und wenn das tausendmal ein Vorurteil war: Diese beiden hatten sich schließlich darauf eingelassen, dann mussten sie auch damit leben, dass man sie verurteilte. Sein Schuldspruch: Die Braut war wahrscheinlich so blöd wie die Reklametafeln, der Bräutigam mutmaßlich ein Schlappschwanz, und beide waren so falsch wie ihre beschissene Show.

Sean spürte, wie der Wodka die behagliche Wärme noch um ein paar Grad steigerte. Lexie Kowalsky war in Wirklichkeit vermutlich gar nicht so hübsch wie auf den Bildern, und diese Titten, die ihr auf jedem Bild praktisch aus dem Shirt fielen, waren vielleicht sogar vom Geld ihres Vaters gekauft. Wenn Coach Kowalsky nicht so ein Arschloch gewesen wäre, hätte der Kerl ihm glatt leidgetan.

Es war kein Geheimnis, dass Kowalsky Kessel und Stamkos nicht gegen Sean hatte austauschen wollen, und bei der Vorstellung, wie John »The Wall« mit Smoking verkleidet gezwungen sein könnte, in Im Hafen der Ehe aufzutreten, musste Sean unwillkürlich grinsen.

Sean wandte seine Aufmerksamkeit vom Parkplatz ab und sah Jimmy an. »Was für ein schrecklicher Notfall kann das schon sein, wenn jemand es so eilig hat, ausgerechnet nach Sandspit zu kommen?« Er nahm die Sonnenbrille ab und schob sie in eine Jackentasche. »Ein Kunst-Happening oder ein Banküberfall.«

»Was?« Jimmy warf Sean einen Blick zu, dann sah er wieder zur Küste hinüber. »Nicht unbedingt schrecklich, aber ich …« Jimmys Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. »Ach du Scheiße. Jetzt geht’s los.«

Sean folgte Jimmys Blick, als ein silberfarbener MINI Cooper mit quietschenden Reifen auf dem Parkplatz zum Stehen kam. Die Tür flog auf, und ein weißer Bausch brach aus dem Wagen hervor wie eine altmodische Dose Jiffy Pop. Der Bausch kämpfte ein paar Sekunden lang, breitete sich aus, knurrte, dann fiel er praktisch aus dem Auto, wobei er noch größer wurde. Die ganze Szenerie war so unwirklich, dass Sean sich nicht gewundert hätte, wenn auch noch ein paar Clowns herausgesprungen wären, einer nach dem anderen, trötend und allerlei Possen treibend. Ja, Sean war ein wenig betrunken. Vielleicht sogar mehr als nur ein wenig, aber er war nicht sturzbesoffen. Er halluzinierte noch nicht. Nur um sicherzugehen, sagte er: »Sag mir, dass du das Gleiche siehst wie ich.«

»Jep.« Der Fahrer streckte die Hand aus dem Fenster und winkte, als wolle er ihnen ein Zeichen geben. Jimmy winkte zurück, und der MINI Cooper raste davon und ließ den weißen Bausch dort stehen. Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem Bausch und ließ lauter funkelnde Lichter entstehen, und der kalte Wind verfing sich in dem Schleier und peitschte ihn um den Kopf einer Frau. Zumindest nahm Sean an, dass es eine Frau war, die jetzt nach dem Schleier schlug, als werde sie von einem Bienenschwarm angegriffen. In diesem übertriebenen Schaum und Glitzer hätte es sich genauso gut um eine Drag-Queen handeln können, fand er. Plötzlich wirbelte das Wesen erst nach rechts, dann nach links, beugte sich dabei vor, packte jeweils einen Arm voll des Kleides und sprintete auf sie zu.

»Einsteigen. Wir starten.«

»Was?«

Satin und durchsichtiger Schleier wirbelten um sie herum und wehten hinter ihr her, während sie über den Parkplatz rannte und den lang gezogenen Landungssteg betrat. Sean hob die Hand, um die Augen vor den nadelstichartigen Blitzen zu schützen, die dieses entsetzliche Kleid in der Sonne aussandte. »Wir warten die ganze Zeit auf das da?«

Ohne eine Antwort kletterte Jimmy ins Cockpit der Sea Hopper und startete den Motor. Das stetige Tap-tap-tap der Heels dieser Frau auf dem schwankenden Steg wurde von dem dreiblättrigen Propeller übertönt, der sich langsam zu drehen begann.

»Einsteigen!«, wiederholte Jimmy, als er wieder auf den Kai sprang. Er hielt zwei Kopfhörer fest, von denen er einen Sean in die Hand drückte. »Wir müssen los«, rief er, und seine Stimme klang so drängend wie die eines Schmugglers, dem die Polizei dicht auf den Fersen ist.

Sean nahm die Kopfhörer entgegen, konnte den Blick aber nicht von diesen langen Beinen und den glitzernden Pumps abwenden. Der Landungssteg schwankte auf den Wellen, und Sean befürchtete fast, dass sie mit den hohen Absätzen ins Straucheln geraten, sich den Knöchel verstauchen oder gleich in den See fallen würde.

»Einsteigen«, rief Jimmy ein drittes Mal. Sean warf einen letzten Blick auf die Frau, trat auf die Kufen und kletterte in die kleine Kabine. Jimmy hatte die erste Sitzreihe entfernt, damit es bequemer war, aber trotzdem war das Flugzeug noch ziemlich eng. Zumindest für einen eins zweiundachtzig großen Mann, der fast hundert Kilo auf die Waage brachte. Er setzte sich auf den Steuerbord-Sitz und legte sich den Bluetooth-Kopfhörer um den Nacken. Er erinnerte ihn an die Monster Beats, die er beim Sport trug, nur dass diese hier technisch noch ausgefuchster und mit einem kleinen Mikrophon ausgestattet waren. Er duckte den Kopf, um aus dem Doppelfenster zu blicken, während er den Kopfhörer aufsetzte. Sean hatte in seinem Leben durchaus schon viel Verrücktes gesehen, aber das hier stand ganz oben auf der Liste, zusammen mit singenden Hunden, sprechenden Fischen und Basketball spielenden Elefanten.

Einige Augenblicke vergingen, bevor die weiße Erscheinung vor dem Fenster auftauchte. Das Propellergeräusch wurde lauter, die Propellerblätter peitschten das Wasser und ließen den Schleier wie wahnsinnig um das Gesicht der Frau herumwirbeln. Jimmy kämpfte gegen den duftigen Schaum an, dann konnte Sean sie plötzlich nicht mehr sehen. Er fragte sich, wie sie diesen ganzen Stoffberg in die Sea Hopper kriegen wollte. Er stopfte sich die kleinen Gelknöpfe der Kopfhörer in die Ohren und adjustierte das Mikro am linken Mundwinkel. Ein paar Sekunden verstrichen, dann wurde der Berg aus Gaze mit dem Kopf vorneweg durch die Tür geschoben. Über den Kopfhörer hörte er den Befehl einer weiblichen Stimme: »Schieb mich rein, Jimmy!«

Sean hätte ja durchaus seine Hilfe angeboten, wenn er gewusst hätte, wo er hätte anpacken sollen. Doch er konnte nur das Obere einer Strass-Krone, eine Masse blonden Haars und meterweise Schleier erkennen. Am Haar konnte er sie wohl schlecht hereinziehen. Schließlich war er ja eigentlich ein netter Kerl.

»Reinschieben, wie denn?«, fragte Jimmy.

»Keine Ahnung. Stoß mich einfach!« Eine Hand griff nach dem Metallgestänge des Pilotensitzes, dann explodierte der Bausch wie ein Champagnerkorken mit einem atemlosen »Uff«.

Sean starrte die Explosion aus Weiß an. Das Kleid bedeckte seine Füße und war aus der Nähe sogar noch hässlicher. Die ganze Szenerie wurde mit jeder Minute verrückter. Vielleicht hätte er weniger von dem Grey Goose trinken sollen.

Jimmy machte die Sea Hopper los und kletterte ins Cockpit. Er trug das Headset über seinem Helm und schloss die Tür hinter sich. Er drückte Knöpfe und legte Schalter um und lenkte das Flugzeug vom Landungssteg fort. »Anschnallen«, befahl er übers Mikrofon, während das Wasserflugzeug auf die rote Boje inmitten des Sees zufuhr. Die kleine Maschine schaukelte, und die Frau zu Seans Füßen kam in diesem Ungetüm von einem Kleid mühsam auf die Knie. Er hörte ein »Rums!« und erlebte dann den totalen Zusammenbruch. Sie lag ein paar Sekunden lang mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, bevor es ihr gelang, sich auf den Rücken zu drehen. Die Sea Hopper bog nach rechts ab und gewann an Tempo.

Die Augen der Frau waren geschlossen, und ein winziges Mikrofon befand sich neben ihren vollen roten Lippen. Ein roter Mund, der einen starken Kontrast zu all dem Weiß bildete. Ihre Lippen bewegten sich, und er glaubte, sie flüstern zu hören: »Ich habe ein Riesen-Riesen-Problem.« Während das Flugzeug über den Lake Union schoss, gab sie irgendetwas zwischen Stöhnen und Wimmern von sich. Das Oberteil ihres Kleides hatte sich nicht ganz mit ihr umgedreht, und ihre rechte Brust sah aus, als würde sie gleich ins Freie springen. Eine große, perfekte Brust, die sich gegen die auf den Satin aufgenähten Strass-Steine drängte. Vielleicht sollte er ihr helfen, das Kleid wieder richtig anzuziehen und ihre Titten für sie geradezurücken. Darin war er ein Meister.

Sie schob sich den Schleier aus dem Gesicht und fummelte eine Haarsträhne aus ihrem Mund. Ihre dunkelblauen Augen öffneten sich, ein wilder, fast irrer Blick, umrahmt von langen schwarzen Wimpern. Nicht, dass Sean normalerweise besonders auf weibliche Wimpern achtete, aber ihre konnte man kaum übersehen. Ihre Wangen waren beinahe genauso weiß wie ihr Kleid. Sie atmete tief, wobei sich ihre Brust hob und senkte. Der Stoff über ihren Brüsten spannte sich derartig, dass die Strass-Steine fast abgeplatzt wären. Das Wasserflugzeug erhob sich in die Lüfte, und diesmal verstand er sie ganz deutlich, als sie sagte: »Ich kann kaum glauben, dass ich das gerade getan habe. Die werden mich alle umbringen.«

Sean gluckste und ließ den Gurt über seinem Schoß einschnappen. Sein Glucksen verwandelte sich schon bald in markerschütterndes Gelächter, das von dem Dreihundert-PS-Motor übertönt wurde. Anscheinend war da gerade jemand durchgebrannt.

2

Always have an escape plan (aus: James Bond – Die Welt ist nicht genug)

Alexis Mae Kowalsky legte eine Hand auf ihren Magen und schloss die Augen. Über die Kopfhörer, die ihr Jimmy mühsam über die Ohren geschoben hatte, hörte sie jemanden lachen. Es war nicht Jimmy, aber das war ihr in diesem Augenblick egal. Der Boden unter ihr schwankte und schaukelte, aber es war nicht die Sea Hopper, derentwegen sich ihr der Magen drehte. »Mir wird schlecht«, flüsterte sie. Es war der Gedanke an ihren Vater, der im Saal des Fairmont Hotels auf sie wartete, um sie zum Altar zu führen. Ihre Eltern waren gegen ihre Hochzeit mit Peter Dalton gewesen. Ihre Mutter hatte gemeint, dass sie noch etwas warten sollte, und ihr Vater hielt Peter für ein Weichei. Beide hatten nicht glauben können, dass sie tatsächlich jemanden heiraten wollte, den sie in einer Reality TV-Show kennengelernt hatte. Und sie hatten in jeder Beziehung recht gehabt, aber Lexie war viel zu sehr vom Im-Hafen-der-Ehe-Fieber infiziert gewesen, um auf sie zu hören.

Doch jetzt hatte sie es getan.

Auch schon während der Show hatte sie innegehalten und nachgedacht. In diesen seltenen klaren Augenblicken hatte ihr gesunder Menschenverstand ihr die guten und einleuchtenden Gründe vor Augen gehalten, warum sie diese Hochzeit abblasen sollte. Der wichtigste Grund von allen war:

1.Sie liebte Pete nicht.

a.Nicht im Geringsten.

Da war ihr bewusst gewesen, dass es Wahnsinn wäre, ihn zu heiraten. Die Angst hatte sich in ihren Eingeweiden eingenistet und ihr die Luft abgeschnürt, und sie hatte das Gefühl gehabt, lauthals losschreien zu müssen: »Ich kann Pete nicht heiraten!«

Doch dann hatte der Selbstbetrug wieder das Ruder übernommen und sie beruhigt wie ein warmes Bad mit Rosenblüten. Dieses Gefühl hatte sie genossen. Der Selbstbetrug hatte ihr tröstliche Lügen eingeflüstert und ihr genau das gesagt, was sie hatte hören wollen.

1.Pete schien ein netter Kerl zu sein.

a.Er hatte gute Manieren und öffnete ihr jede Menge Türen.

2.Sie würde ihn mit der Zeit schon lieben lernen.

a.Er war gut aussehend und hatte sie zwanzig anderen Frauen vorgezogen.

3.Sie hatte eigentlich bei der Wahl ihrer Männer immer Pech gehabt.

a.Sie hatte echt kein Händchen gehabt, wie man an ihren früheren Freunden deutlich sah:

(1)Tim

(2)Rocky

(3)Dave

4.Millionen von Menschen hielten sie und Pete für ein Traumpaar.

a.Das ganze Land erwartete eine rauschende Hochzeit.

Aber trotz dieser meisterlichen Argumentation hatte sie eins nicht verleugnen können: Sie hatte sich auf diese übereilte Hochzeit mit Pete eingelassen, weil

1.sie keine Ahnung hatte, wie sie aus der ganzen Sache wieder rauskommen sollte.

Je länger sie es hatte laufen lassen, umso größer war es geworden. Es war wie ein großer Felsbrocken, der ihr bergab hinterherrollte, und sie hatte sich machtlos gefühlt, hatte ihn nicht aufhalten können.

Der einzige Mensch, dem sie sich anvertraut hatte, war ihre beste Freundin Marie. Sie kannte Marie nun schon fast ihr ganzes Leben lang, und sie war auch die Einzige gewesen, die ihre Panikattacke im Wirtschaftsraum des Fairmont Hotels mitbekommen hatte.

Eine Viertelstunde, bevor sie zum Altar schreiten sollte, hatte die Angst ihr die Kehle zugeschnürt und ihr die Luft zum Atmen genommen. Sie war stärker gewesen als ihre Fähigkeit zum Selbstbetrug, sodass es aus ihr herausgeplatzt war: »Ich kann das nicht.«

Der Regisseur von Im Hafen der Ehe hatte die beiden in den kleinen Wirtschaftsraum geschafft, während die Filmcrew sich darauf vorbereitete, einen Schnappschuss von ihrem Vater zu machen, wenn er sie zum ersten Mal im Brautkleid sah. Der Gedanke daran, dass sie ihren Vater in ihre Scharade hineinzog, hatte sie hinzufügen lassen: »Das ist alles so verkehrt!« Dann hatte sie sich die zitternde Hand vor den Mund gehalten, um ihre wahren Gefühle für sich zu behalten, aber sie waren trotzdem herausgekommen. »Ich muss, aber ich kann nicht! Er hat hässliche Zehen, Marie. Wirklich ekelhaft!«

ENDE DER LESEPROBE