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»Heute wird abgerechnet!«, schrie der Südstaaten-Offizier rasend vor Zorn, während er Joshuas Vater den Schädel zertrümmerte. Das nachschleifende Bein und ein Leberfleck unter eiskalten Augen – das ist alles, was der vierzehnjährige Joshua vom Mörder seiner Eltern weiß. Der Wunsch nach Vergeltung bestimmt sein Leben. Aber eine Freundschaft und ein unnötiger Tod lassen ihn zweifeln. Ist er der eiskalte Revolvermann, den das Leben geformt hat, oder der hilfsbereite Farmerjunge gütiger Eltern? Entscheidet er sich am Ende für die Rache – oder doch für Vergebung? Und wer ist diese Prostituierte, die nach demselben Mann sucht? Ein Abenteuerroman für Erwachsene und Junggebliebene, der in die Zeit des Bürgerkriegs und die Pionierzeit des amerikanischen Westens entführt. In eine Epoche, in der Freundschaft, Gerechtigkeit und Menschlichkeit kostbar, jedoch selten zu finden sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
»Heute wird abgerechnet!«, schrie der Südstaaten-Offizier rasend vor Zorn, während er Joshuas Vater den Schädel zertrümmerte. Das nachschleifende Bein und ein Leberfleck unter eiskalten Augen – das ist alles, was der vierzehnjährige Joshua vom Mörder seiner Eltern weiß. Der Wunsch nach Vergeltung bestimmt sein Leben. Aber eine Freundschaft und ein unnötiger Tod lassen ihn zweifeln. Ist er der eiskalte Revolvermann, den das Leben geformt hat, oder der hilfsbereite Farmerjunge gütiger Eltern? Entscheidet er sich am Ende für die Rache – oder doch für Vergebung? Und wer ist diese Prostituierte, die nach demselben Mann sucht?
Ein Abenteuerroman für Erwachsene und Junggebliebene, der in die Zeit des Bürgerkriegs und die Pionierzeit des amerikanischen Westens entführt. In eine Epoche, in der Freundschaft, Gerechtigkeit und Menschlichkeit kostbar, jedoch selten zu finden sind.
René Baiker, geboren 1962 in Arbon (Schweiz), ist Gitarrist, Songwriter, Produzent und Toningenieur und schreibt Kurzgeschichten. Er hat den Belletristik-Lehrgang an der Schule des Schreibens in Hamburg abgeschlossen und belegte an Schreibwettbewerben den zweiten und dritten Platz. Die Kurzgeschichte Simple Worte wurde in der Anthologie Preisgekrönt veröffentlicht.
Vom gleichen Autor erhältlich:
Baiker’s Short Stories – Viele Leben in einem Leben
© 2022 René Baiker, Metropolstr. 7, CH-9320 Arbonwww.dreamwhisperer.chwww.facebook.com/traumfluestererwww.instagram.com/traumfluesterer Lektorat: Cornelia Adomeit Cover-Design: Luise Werlen, www.lexlucis.com
ISBN-Code: 9783754644218
Ein herzliches Dankeschön an Anja Berger, Erika Weibel, Marcel Gisel, Hanspeter Müller-Drossaart und Roman Frischknecht für das kritische Gegenlesen und die hilfreichen Anregungen.
Ich bedanke mich auch bei Luise Werlen für die Ausarbeitung und Gestaltung des stimmigen Buchcovers sowie bei meiner Lektorin, Frau Cornelia Adomeit.
Ohne Euch wär’s nicht dasselbe.
Für Patricia
Ein Silberstreifen am Horizont versprach Licht, Wärme, Hoffnung. Vergeblich. Auch diesem Tag gelang es nicht, das Land von Kälte und Finsternis zu befreien.
Nathaniel Johnson trat in die Morgendämmerung hinaus und zog behutsam die Tür hinter sich zu, um Susanna und die Kinder nicht zu wecken. Joshua und Mary-Ann waren endlich eingeschlafen. Sie hatten aus Angst kein Auge zugetan, während ihre Mutter am Fußende der Betten wachte und auf Knien zu Gott flehte, das Unheil an ihrer Familie vorüberziehen zu lassen.
Unruhig kaute Nathaniel auf einem Stück Holz und starrte in die Dunkelheit, beide Hände an den Hosenträgern zu Fäusten verkrampft. Vor ihm lag der hart gefrorene Vorplatz ihrer bescheidenen Farm in Virginia, leer und einsam, an einigen Stellen glitzerte Frost. Zaghaft überquerte er den Platz und näherte sich dem gegenüberliegenden Zaun am Feldrand. Dahinter dehnte sich brachliegendes Ackerland Richtung Norden aus, teilweise von Schnee bedeckt. Graue, dreckige Flecken lagen schwer im Halbdunkeln, darunter vermoderten abgestorbene Getreidehalme. Und noch weiter nördlich, vielleicht weit genug, wurde Blut vergossen. Nathaniel atmete schwer, die Luft gefror vor seinem Gesicht zur Eiswolke und verwehte. Bis tief in die Nacht hinein hatten sie Schüsse gehört, ab und zu gedämpften Kanonendonner. Aber keine Schreie, Gott sei Dank, keine Schreie, sie kämpften also noch Meilen entfernt. Vielleicht blieben sie ja verschont von diesem gottlosen Bürgerkrieg, der schon fast zwei Jahre zwischen Nord- und Südstaaten tobte.
Seine Augen verengten sich. War das eine Bewegung gewesen, hinten, am Feldrand, wo die Bäume standen? Oder nur eine Täuschung, aus Furcht geboren? Dunstschwaden waberten bedrohlich über das Feld und erstickten sämtliche Naturgeräusche. Schatten huschten auf und nieder, näherten sich. Ein Schauer strich über Nathaniels Rücken, als sich die Konturen zu Gestalten verdichteten, die aus dem Nebel traten und ihre Gewehre auf ihn richteten.
Er wich zurück und streckte ihnen seine leeren Handflächen entgegen. »Nicht schießen. Bitte!«
Es musste ein halbes Dutzend Soldaten sein, die wie Geister auf ihn zukamen, im Dämmerlicht konnte er die fleckigen Uniformen nur undeutlich erkennen. Konföderierte, vermutlich aus der Nord-Virginia-Armee. Landsleute.
»Nicht schießen«, wiederholte Nathaniel erleichtert. »Ich bin einer von euch.« Die Männer blieben stehen, nahe genug, dass der Geruch von Blut, Schweiß und Urin in seine Nase drang. Das Schlimmste aber waren ihre Augen. Kalt. Unbeteiligt. Abgestumpft.
»Wenn du einer von uns wärst, Nathaniel, dann hättest du dich nicht hier auf deiner schmucken, kleinen Farm verkrochen, sondern mit uns gegen die Yankees gekämpft.«
Den Sprecher hätte er überall an seiner Stimme und dem schlurfenden Gang erkannt, trotz verkrustetem Blut und Schmutz über den Gesichtszügen.
»Nett hast du’s hier«, schwärmte Braxton. »Aber immer noch keine Nigger, die dir das Feld bestellen, nicht wahr?«
Die Erinnerung zog in Sekunden an Nathaniel vorbei: Braxton, der brutale Sprössling eines reichen Plantagenbesitzers, wie er einen Sklaven blutig peitschte, bis das Fleisch in Fetzen am Rücken hing. Er sah sich selbst, Sohn eines gottesfürchtigen Kleinbauern und Gegner der Sklavenhaltung, wie er Braxton mit dem Fuhrwerk überrollte, um ihn aufzuhalten. Dabei brach er ihm das linke Bein gleich mehrfach.
Er bedauerte diese Tat. Es war das erste und letzte Mal in seinem Leben gewesen, dass er sich von seiner Wut hatte hinreißen lassen und das Leben eines Menschen aufs Spiel setzte. Er hoffte, Gott konnte ihm diese Sünde verzeihen. Aber er hatte in jenem Augenblick keinen anderen Ausweg gesehen, um Braxton zu stoppen. Dieser Tag, zusammen mit der Weigerung, in der Armee gegen den Norden zu kämpfen, hatte Braxtons brennenden Hass auf ihn entfacht.
Langsam umkreiste ihn sein Erzfeind, wobei er sein Humpeln bewusst zur Schau stellte. »Ja, sieh nur hin. Das ist dein Werk.« Die gelassene Stimme täuschte, sie konnte den unterdrückten Zorn nur schwer verbergen. »Die Brüche sind immer noch nicht ganz verheilt. Deinetwegen liege ich jede Nacht wach und muss verdammte Höllenqualen ertragen. Und es gibt nicht genug Brandy, um die Schmerzen zu betäuben. Nie.« Als er wieder vor Nathaniel stand, tippte er ihm mit dem Zeigefinger vor die Brust. »Aber sie erinnern mich daran, dass ich noch eine Rechnung mit dir zu begleichen habe. Glaub mir, Nathaniel: Keine Nacht vergeht, in der ich mir nicht vorstelle, wie ich dich tausendfach leiden lasse.« Ein zuckender Wangennerv und das Flattern der Augenlider verrieten, wie heiß es in seinem Inneren brodelte.
»Leutnant, wir sollten weiter, hier wimmelt es bestimmt bald von Yankees.« Einer der Soldaten hantierte nervös am Gewehr, seine Blicke huschten über das Gelände.
Braxtons Kopf ruckte herum. »Halt den Mund, Billy! Und nimm den Finger vom Abzug, bevor du noch einen von uns abknallst.«
Er wandte sich nach Osten und betrachtete die bleiche Sonne, die geduckt hinter kahlen Bäumen verharrte. »Das Schicksal meint es gut mit mir, lieber Nat, es hat mich endlich zu dir geführt.« Seine Stimme klang jetzt nahezu glücklich. »Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet, du und ich, allein, niemand, der dich retten kann.«
Nathaniel schaute sich hilfesuchend um, aber Braxtons Schergen beobachteten die Szene mit gleichgültigen Mienen. Nur der Nervöse trat von einem Fuß auf den anderen, den Finger immer noch am Abzug. Braxton schob sein Gesicht dicht heran, sein fauler, nach Fusel stinkender Atem brannte in Nathaniels Nase. »Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich hasse!«
»Bitte, tu meiner Familie nichts«, flüsterte Nathaniel. Aber die glühenden Augen verrieten, dass sein Flehen nutzlos war. Der Vulkan explodierte, gewaltig und unerwartet. Nathaniel sah den Schlag mit dem Gewehrkolben nicht kommen. Er klappte zusammen, krümmte sich am Boden und schnappte nach Luft. Verzweifelt versuchte er, Sauerstoff in seine Lungen zu pumpen, aber er ahnte: Er würde nie mehr atmen können.
»Dreckiger Niggerfreund«, fluchte Braxton und zertrümmerte ihm den Schädel.
»Heute wird abgerechnet«, brüllte er, Blut spritzte.
»Und das! … ist! … für! … mein! … Bein!«, schrie er schließlich, und wie ein Berserker drosch er mit dem Kolben auf den leblosen Körper ein, malträtierte ihn mit Tritten, bespuckte ihn, geiferte, rasend vor Zorn. Sein Offiziershut flog ihm vom Kopf und tränkte sich mit Nathaniels Blut.
»Nein! Aufhören! Aufhören!«
Die Rufe ließen die Männer herumfahren. Eine Frau stürmte über den Vorplatz, hektisch mit den Händen fuchtelnd. Der Nervöse zuckte, und wie von selbst löste sich ein Schuss. Susanna sackte zusammen, als würden die Schnüre einer Marionette durchtrennt – sie war auf der Stelle tot. Verblüfft starrten die Soldaten auf die Leiche, unter der sich eine Blutlache bildete, keiner rührte sich. Braxton riss dem Schützen das Gewehr aus der Hand und verpasste ihm eine Ohrfeige. »Du Idiot! Bist du verrückt? Du hetzt uns die ganze Unionsarmee auf den Hals.« Nach einem letzten, zufriedenen Blick auf Nathaniel gab er der Gruppe ein Zeichen. »Los, wir verschwinden.«
Doch der Nervöse krallte sich in seine Uniform und deutete zum Haus hinüber. »Die Kinder. Sie haben uns gesehen!«
Mary-Ann und Joshua standen im Türrahmen und starrten auf die reglosen Körper ihrer Eltern, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Braxtons entseelte Augen fixierten die beiden – eine Schlange vor der Beute.
»Ach ja, Nathaniels Brut. Geht ihr voraus, ich kümmere mich darum«. Und während seine Truppe weiterzog, ging er auf das Haus zu, das linke Bein hinter sich herziehend, den gezückten Säbel in der Hand.
Obwohl die Sonne inzwischen zwei Finger breit über den Baumspitzen jenseits des Ackers stand, vermochten ihre kraftlosen Strahlen nichts und niemanden zu erwärmen. Sie tasteten sich an die Stelle heran, wo die jüngsten Opfer eines Bürgerkriegs lagen. Einen Moment verharrte das Licht – dann wurde es von Rauchschwaden verschluckt.
Der Reiter hielt sein Pferd am Rand eines steil abfallenden Hügels und ließ den Hengst mit den Hufen im Schnee nach Grashalmen scharren. In diesem Jahr bot der Winter dem Frühling hartnäckig die Stirn. Er überraschte mit arktischen Temperaturen und unerwartet einsetzendem Schneegestöber, Ross und Reiter waren am Morgen unter einer Schneeschicht aufgewacht. Die Weiterreise hatte sich schwierig gestaltet, denn die Hufe versanken an manchen Stellen gefährlich tief in der pulverfeinen Schneedecke – ein gebrochenes Pferdebein konnte in dieser kargen Landschaft den Tod bedeuten.
Sein Standort bot dem Mann unbegrenzte Sicht über das weiß schimmernde Tiefland. Eiskristalle reflektierten die Sonnenstrahlen und zwangen ihn, die Hutkrempe tiefer in die Stirn zu ziehen. Am Himmel schwebten Wolkenfetzen gemächlich dahin, ihre Schatten malten Flecken auf die Great Plains, die sich scheinbar endlos Richtung Norden erstreckten. Unterbrochen wurde die Ebene nur von einer etwa fünf Meilen entfernten schwarzen Linie, die schnurgerade von Osten nach Westen verlief: der Eisenbahntrasse der Pacific Railroad, die schon bald die Städte Kansas und Denver verbinden würde.
Ein kleines Wäldchen mit Zitterpappeln unterhalb der Hügelkuppe verdeckte den Blick ins Tal, das dahinter sanft zu einer Erhebung anstieg. Es war nicht mehr weit bis Cheyenne Wells, der vorläufig letzten Ortschaft, die mit dem Zug zu erreichen war.
Dort würde er finden, wonach er suchte.
Er lenkte sein Pferd den Abhang hinunter und durchquerte die schneebehangene Pappelgruppe. Er hatte die Hälfte der Strecke bereits hinter sich, als der Hengst unruhig schnaubte und stehen blieb. Jemand brüllte. Einen Moment lauschte der Reiter, dann näherte er sich dem Waldrand, bereit, bei geringstem Anzeichen von Gefahr den Revolver zu benutzen. Doch es gab keine Bedrohung. Als er den Hain verließ, erwartete ihn stattdessen eine bizarre Darbietung.
In der Mitte der Talsohle steckte ein Maultier fest, bis zum Rumpf tief im Schnee versunken und schwer bepackt mit Fellen. Ein untersetzter, älterer Mann mit Waschbärenmütze und fransenbehangener Wildlederkleidung zerrte vergeblich an den Zügeln, während er das Tier, das offensichtlich Betsy hieß, mit derben Flüchen überschüttete. Es zeigte nicht die geringste Lust, sich selbst aus der Patsche zu befreien. Ein Stück hinter dem Trapper zerkaute ein zweites, gesatteltes Muli desinteressiert den Lederriemen seines Zaumzeugs.
Eine Weile verfolgte der Reiter amüsiert die Szene. Bald gab der Pelzjäger auf, stiefelte schnaufend zum Reitmuli hinüber, zauberte eine Schnapsflasche aus der Satteltasche und ließ sich in den Schnee plumpsen. Erst jetzt gab der Beobachter seinem Pferd einen Klaps und näherte sich. Langsam, damit keine Missverständnisse aufkamen. Der Trapper bemerkte ihn und legte die Hand wie beiläufig auf den Griff des Bowie-Messers[Fußnote 1], das im Gürtel steckte. An der Schulter hing zwar ein Pulverhorn, aber das gut erhaltene Steinschlossgewehr balancierte quer über dem Sattel des Reitmulis, zu weit entfernt, um es rechtzeitig zu erreichen. Zehn Schritte vor dem graubärtigen Kauz stoppte der Hengst.
»Brauchen Sie Hilfe?«
Der Trapper trank einen Schluck, um sich Zeit zu verschaffen. Ausgiebig musterte er den Ankömmling: jung, schlank, um die zwanzig, schulterlanges, rötlichblondes Haar, das widerspenstig unter einem fleckigen Armeehut hervorquoll. Grüne Augen, Stupsnase und Sommersprossen in einem fein geschnittenen Gesicht. Nicht unsympathisch. Der Blick des Alten streifte den Remington Revolver, Army Model 1863, der quer vor dem Bauch aus dem Gürtel ragte. Der Junge machte den Eindruck, dass er mit der Waffe umzugehen wusste.
»Ich komme klar.«
Kurzes, gemeinsames Schweigen. Dann drehte der Reiter den Kopf Richtung Betsy, die noch immer im Schnee feststeckte.
»Sieht nicht danach aus, alter Mann.«
Einige Atemzüge lang herrschte Stille. Der Trapper maß sein Gegenüber, kratzte sich an der breiten, vom Schnaps geäderten Nase, nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche und stemmte sich ächzend auf die Beine. Sein Daumen deutete auf die Satteltasche.
»Ist das da eine Schaufel, Jungchen?«
»Ein waschechter Armeespaten.«
»Was auch immer. Na, dann lass uns versuchen, das störrische Biest auszugraben.«
Ohne auf den Fremden zu warten, stapfte der Pelzhändler entschlossen hinüber zu seinem Maultier. Der junge Mann stieg aus dem Sattel, schnallte die Schaufel ab und folgte ihm – jeder hatte für sich entschieden, dass der andere keine Gefahr darstellte. Nach anstrengendem Schaufeln, Wühlen und einem Gemisch aus Flüchen und gutem Zureden schafften sie es, das Packtier zu befreien. Als wäre nichts gewesen, trabte Betsy zu ihrem Artgenossen auf sicheren Boden hinüber, während ihre Befreier erst einmal verschnauften. Sie setzen sich zu den Tieren, und der Trapper streckte seinem Helfer die Flasche hin.
»Wärmt Glieder und Seele.«
Nach kurzem Zögern trank der Mann einen Schluck. Er deutete auf das große Loch im Schnee, das sie hinterlassen hatten. »Wie konnte das passieren? Maultiere gelten als trittsicher.«
Der Trapper warf einen Blick zu Betsy hinüber.
»Die Gute ist nicht mehr die Jüngste.« Er tippte sich mit dem Finger an die Schläfe. »Ist senil geworden. Macht manchmal einfach, was sie will. Das kann nicht mehr lange gut gehen, das sag ich dir. Vielleicht sollte ich sie erlösen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Fällt mir verdammt schwer, sie hat mich viele Jahre treu begleitet. Zum Glück habe ich noch Clara.« Sein Daumen wies auf das knabbernde Grautier hinter sich. »Sie ist noch jung und störrisch, aber sie lernt jeden Tag dazu.«
Eine Weile sinnierten sie vor sich hin, alles war gesagt, dann stand der Jüngere auf, schlenderte hinüber zu seinem Pferd und zurrte den Spaten fest. Wortlos schwang er sich in den Sattel.
»Wo soll’s denn hingehen, junger Freund?«
»Nach Cheyenne Wells.«
Der Trapper zog die buschigen Augenbrauen hoch. »Dann haben wir das gleiche Ziel. Der Mann meiner Cousine Maggie bezahlt mir einen guten Preis für die Felle. Nicht wie diese elenden Gauner in Denver oder Kit Carson.«
»Hab mich schon gefragt, wo du mit dem ganzen Gepäck hinwillst, zu dieser Jahreszeit.«
Der Alte zuckte mit den Schultern.
»Wir könnten gemeinsam hin reiten. Und falls du eine Unterkunft brauchst: Meine Verwandtschaft vermietet Pferdeboxen, und in der Dachdiele darüber gibt’s unbequeme Schlafplätze.« Seine Mimik verriet Schadenfreude. »Etwas Besseres wirst du in diesem Kaff kaum finden.«
Der Reiter überlegte einen Moment. »Okay. Ich warte.«
Der Pelzjäger raffte seine Sachen zusammen, verband Betsy und Clara mit einem Seil, und sie machten sich auf den Weg Richtung Norden, den Hügelhang hinauf. Als sie die Kuppe erreichten, sahen sie in der Ferne die ersten Häuser von Cheyenne Wells – am späten Nachmittag sollten sie die Stadt erreicht haben.
