Keiner hält Don Carlo auf - Oliver Scherz - E-Book

Keiner hält Don Carlo auf E-Book

Oliver Scherz

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Beschreibung

Bewegendes Roadmovie von Besteller-Autor Oliver Scherz. Für Mädchen und Jungen ab 8 Jahren.

Fünf Monate, zwei Wochen und sechs Tage. So lange wartet Carlo schon auf seinen italienischen Papa. Immer wieder vertröstet er Carlo, dass er ihn besuchen kommt. Aber er kommt einfach nicht. Also macht Carlo sich auf den Weg zu ihm nach Palermo. Ganz allein, im Nachtzug, im Taxi und mit der Fähre. Ohne Fahrkarte oder festen Plan. Dabei erlebt er so manches Abenteuer und lernt außergewöhnliche Menschen kennen. Bis er endlich vor der Tür seines Vaters steht...





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Buchinfo

Fünf Monate, zwei Wochen und sechs Tage. So lange wartet Carlo schon auf seinen italienischen Papa. Aber der kommt einfach nicht. Also macht Carlo sich auf den Weg zu ihm. Ganz allein, im Nachtzug, im Taxi und mit der Fähre. Ohne Fahrkarte oder festen Plan. Dabei trifft er außergewöhnliche Menschen und kämpft sich durch die italienische Pampa. Bis er endlich vor der Tür seines Vaters steht ...

Autorenvita

© privat

Oliver Scherz, geboren 1974 in Essen, ist Kinderbuchautor und ausgebildeter Schauspieler. Er hat das Schreiben für Kinder erst mit der Geburt seiner Tochter für sich entdeckt und lässt sich seitdem immer wieder aufs Neue vom eigenwilligen, fantasievollen Blick von Kindern auf die Welt überraschen und beflügeln. Wenn er etwas von ihrer Lebensfreude und Unverstelltheit in seinen Büchern wiederfindet, hat er das Gefühl, dem Wesentlichen ein Stück näher gekommen zu sein.

Oliver Scherz lebt mit seiner Familie in Berlin.

www.oliverscherz-autor.de

„Wie komm ich von hier nach Palermo?“, frag ich.

Hinterm Schalter im Bahnhof sitzt eine Frau. Die tippt was in ihren Computer. Ich knibbel aufgeregt an meiner Geldrolle rum.

„Die nächste Möglichkeit wäre um 14 Uhr 49 nach München, Gleis drei. Dann umsteigen in den Nachtzug nach Rom. Der ist morgen früh um 9 Uhr 25 da. Eine Stunde später Abfahrt nach Palermo. Ankunft in Palermo Sonntagnacht um 23 Uhr“, sagt die Schalterfrau.

Erst Sonntagnacht in Palermo?! Wieso dauert das so lange? Da bin ich ja nie am Montag zum Frühstück wieder hier!

„Geht das auch schneller?“, frag ich.

„Nein. Schlafwagen oder Liegewagen von München nach Rom?“

Ich komm nicht hinterher. Ich denk noch über Sonntagnacht und 23 Uhr nach. Die Frau tippelt mit den Fingern auf den Tisch.

„Schlafwagen oder Liegewagen?“, werd ich schon wieder gefragt. Keine Ahnung. Ich liege immer, wenn ich schlafe.

„Schlafwagen“, sag ich.

„Das macht dann 278 Euro 95.“

278 Euro?! Ich hab 210 Euro in meiner Geldrolle. Und die ist dick. Meinen ganzen Tresor hab ich leer gemacht. Ich dachte, die Hälfte reicht für den Zug nach Palermo. Mindestens.

„Wird’s vielleicht billiger, wenn ich mich nirgendwo hinlege und nur im Gang sitze?“, frag ich.

Die Frau schiebt ihre Brille hoch und guckt mich komisch an.

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragt sie.

„Elf“, sag ich.

Ich hätte dreizehn sagen sollen! Das denken sowieso alle. Dass ich schon dreizehn bin. In dem Anzug, den ich anhab, erst recht. Der ist edel, mit weißem Hemd und Krawatte. Im Anzug seh ich aus wie ein italienischer Don. Don Carlo, der Gangsterboss. Und den hält keiner auf. Früher hat der Anzug Papa gehört. Den hat er als Kind getragen, wenn’s was Wichtiges gab. Jetzt gehört er mir. Und ich hab was Wichtiges vor. Ich hol uns Papa zurück.

„Wo sind denn deine Eltern?“, fragt die Schalterfrau.

„Papa ist in Palermo und Mama arbeitet im Altenheim.“

„Und deine Mama und dein Papa sind einverstanden, dass du alleine eine so weite Reise machst?“

„Mit Mama kann man nich’ drüber reden, das geht sofort nach hinten los“, kommt’s einfach aus mir raus. Wenn ich Mama frage, wann wir Papa endlich besuchen, zählt sie nur seine Fehler auf und wird so wütend, als wär er noch da. Ich hab ihr gesagt, dass ich bei Martin aus meiner Klasse übernachte und morgen den ganzen Tag mit ihm unterwegs bin.

Die Frau lächelt nicht mehr.

„Ich kann dir die Fahrkarte leider nicht verkaufen, wenn deine Mutter oder dein Vater nicht dabei sind.“ Jetzt macht sie eine Pause. „Sag mal … bist du vielleicht von zu Hause abgehauen, Junge?“

Ich fang an zu schwitzen. „Nee. Ich will zu meinem Papa. Da ist auch zu Hause.“

Wieso sagt die Schalterfrau nicht einfach, ob’s nach Palermo auch billiger geht? Irgendwie läuft alles falsch.

„Wartest du mal kurz einen Moment, ja?“ Die Frau geht zu einer anderen Schalterfrau. Sie sprechen leise miteinander und gucken ernst zu mir rüber. Die sind gegen mich. Ist klar.

Jetzt kommt die Frau wieder. „Ich möchte gern mit deiner Mutter telefonieren. In Ordnung? Gibst du mir bitte ihre Telefonnummer?“

Ich nehm meinen Koffer und dreh mich um. Dann renne ich aus der Halle, an zwei Sicherheitsleuten vorbei. Die sind auch gegen mich, bestimmt. Ich renne noch schneller. Direkt zu Gleis drei, die Treppen rauf und den ganzen Bahnsteig runter, bis zum Ende. Am Ende versteck ich mich hinter dem Süßigkeitenautomaten, da ist erst mal Ruhe.

Aber in meinem Kopf geht alles durcheinander. Die Schalterfrau. Mama. Sonntagnacht. 278 Euro. Mein Plan war viel einfacher! Ich wollte mich in den Zug setzen und los. Den Briefumschlag mit Papas Adresse hab ich dabei. Das Foto von seinem Balkon auch. Und die Italienkarte kenn ich auswendig. Palermo ist eine Stadt auf Sizilien und Sizilien ist eine Insel. Die ist weit unten, im Süden von Italien. Auf der Karte sieht Italien aus wie ein Stiefel und Sizilien liegt wie ein Fußball direkt vor der Fußspitze. Ich weiß also genau, wo ich hinmuss.

Seit fünf Monaten will ich jetzt schon nach Palermo. Seit fünf Monaten, zwei Wochen und sechs Tagen. Seit Papa weg ist, weil Mama ihn rausgeschmissen hat. Mitten in der Nacht. Nur Papas Sachen liegen jetzt noch in Kisten unten im Keller. Die hab ich am Anfang wieder raufgeschleppt.

„Carlo, das geht nicht!“, hat Mama gesagt.

„Wann kommt Papa wieder?“, hab ich gefragt.

Mama hat an die Decke gestarrt und nach Antworten gesucht. Aber an der Decke gab’s keine guten Antworten.

Seitdem warte ich. Ich warte immer. In der Schule, im Bett, beim Essen. Ich werd das Warten auf Papa nicht los. Aber Mama will nicht hin und Papa kommt nicht her. Also muss ich’s alleine versuchen. Papa überraschen. Einfach vor seiner Tür stehen und ihn zurückholen. Aber ohne Fahrkarte komm ich nicht zu ihm!

„Wenn du was willst, musst du’s durchziehn, Carlo. Dann schaffst du alles! Du musst es nur wirklich wollen. Und einfach durch! Bloß nicht so viel denken!“, hat Papa mal auf dem Zehnmeterbrett gesagt. Dann ist er mit ’ner Arschbombe runter. Ich hab ein Foto von ihm, mitten im Sprung. Seine goldene Kette fliegt hinter ihm durch die Luft und die Sonnenbrille sitzt noch oben auf seinem Kopf, wie immer.

Als der ICE kommt, nehm ich meinen Koffer. Ich hör Papas dickes Lachen, wenn er die Tür in Palermo aufmacht und ich vor ihm stehe: „Du bist ganz alleine von Bochum bis hierher gefahren?! Du bist ein Kerl, Carlo. Du bist wie ich!“

Ich schalte meinen Kopf aus. Wie aufm Zehner. Da bin ich auch gesprungen, ohne zu denken. Die Wagen vom Zug seh ich verschwommen. Wie durch Mamas Brille. Lieber unscharf gucken, keinen Schaffner sehen. Ich fahre ohne Karte, beschlossen.

Beim Einsteigen schau ich nur auf den Boden. Dann lauf ich durch den Gang. Von einem Abteil zum nächsten, bis ins Restaurant. Als ich am Tisch sitze, fahren wir schon aus dem Bahnhof. Zurück geht jetzt nicht mehr.

Plötzlich fährt unser Wohnhaus vorbei. Meine Italienflagge flattert am Geländer von unserm Balkon. Der geht nach hinten zu den Gleisen raus. Von da aus hab ich den ICEs nachgeguckt und meinen Plan gemacht. Jetzt schau ich dem Balkon hinterher ... Morgen Nacht bin ich in Palermo. Eigentlich wollte ich da schon zurück sein, mit Papa zusammen. Ich wollte seine Sachen aus dem Keller holen, noch bevor Mama von der Nachtschicht nach Hause kommt ...

Ein Mann schaut komisch zu mir rüber. Als ob er merkt, dass ich schwarzfahre. Ich dreh mich weg, weil ich so auffällig schwitze. Ich möchte am liebsten abtauchen. Sofort.

Zwischen meinen Füßen liegt ein Hund. Der gehört zur Frau hinter mir und hat sich unterm Sitz durchgeschoben. Ich beug mich zu ihm runter und verschwinde mit dem Kopf unterm Tisch.

Der Hund kaut auf einer alten Fahrkarte rum und guckt lieb zu mir hoch. Hunde mag ich. Denen ist egal, dass ich schwarzfahre oder dass ich dick bin. Hauptsache, sie kriegen was zu fressen. Und Hunde glauben immer, dass ich was zu fressen bei mir hab.

Ich hol ein Pizzabrötchen aus der Anzugtasche. Der Hund wedelt sofort mit dem Schwanz. Und mir geht’s auch gleich besser.

„Die Fahrkarten bitte!“

Ich zucke zusammen und stoß mit dem Hinterkopf an die Tischplatte. Das wummert richtig. Mir wird fast schlecht. Ich dachte, Schaffner kommen nicht ins Restaurant!

Ich bleib mit dem Kopf unterm Tisch und gucke unscharf auf die Schuhe vom Schaffner und auf den Knipser, der an seinem Gürtel baumelt.

„Hilf mir, Hund“, flüstere ich.

Aber der Hund schluckt bloß das Pizzabrötchen runter und kaut weiter auf der alten Fahrkarte rum.

Der Schaffner ist schon mit dem Mann gegenüber fertig.

„Guten Tag?!“, ruft er jetzt zu mir runter. „Ihre Fahrkarte bitte!“

Ich zwäng mich unterm Tisch vor und rück mich vorm Schaffner zurecht. Meine Krawatte hängt schief und das feine Hemd klebt an meinem dicken Mozzarella-Bauch. Ich hab’s überm Bauchnabel fast durchsichtig geschwitzt. Wenn der Schaffner mich zurückschickt, bringen mich die Sicherheitsleute vom Bahnhof zu Mama. Dann komm ich nicht mehr zu Papa, nie.

„Junger Mann! Ihre Fahrkarte!“

„Die hat der Hund gefressen“, sag ich auf einmal.

Oder hab ich’s nicht gesagt? Der Schaffner beugt sich vor, als hätte er mich nicht richtig verstanden.

„Der Hund hat sie gefressen. Da kann ich nichts für“, sag ich noch mal. Ich zeig untern Tisch.

Der Schaffner geht langsam in die Hocke und ich seh mit ihm zusammen nach: Von der alten Fahrkarte liegen nur weiche Reste auf dem Boden und ein paar Fetzen hängen aus der Schnauze vom Hund.

„Das gibt’s doch nicht …“, sagt der Schaffner.

Die Frau hinter mir dreht sich um und zerrt ihren Hund sofort an der Leine zurück.

„Was hast du gemacht, Rudi?!“, ruft sie.

„Er hat die Fahrkarte von dem Jungen gefressen!“, sagt der Schaffner und fängt an zu lachen.

Jetzt drehen sich auch die anderen Gäste um.

Die Frau packt Rudi am Nacken und holt ein paar Fetzen aus seinem Maul. Da ist aber nichts zu retten. Jetzt lachen alle im Restaurant. Außer mir und der Frau.

„Is’ gut. Die Fahrkarte hat der Hund schon für mich abgestempelt“, sagt der Schaffner und geht lachend weiter.

Aber die Frau kriegt sich gar nicht mehr ein. Sie schimpft Rudi aus und will, dass ich mir was von der Speisekarte aussuche. Auf ihre Kosten. Mein Mund ist trocken und mein Bauch verknotet. Ich bekomm jetzt nichts runter. Ich bestell trotzdem einen dicken Schokoladenkuchen plus Kakao, damit die Frau mich in Ruhe lässt.

Als endlich keiner mehr guckt, häng ich meine Anzugjacke zum Lüften an den Haken neben dem Fenster. Dann trockne ich, bis man den Bauchnabel nicht mehr durchs Hemd schimmern sieht. Draußen rasen die Felder und Bäume vorbei. So ist bestimmt auch Fliegen, glaub ich. Ich fliege von Bochum nach Palermo. Ich muss nur dasitzen und alles an mir vorbeifliegen lassen.

Ich denk an Pietro. Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich an seiner Pizzeria vorbei. Pietro hat Tische an der Straße gedeckt und mich gefragt, wo ich hingehe. Eigentlich wollte ich’s niemandem sagen. Aber Pietro ist mein zweiter Papa und ich bin sein vierter Sohn, zusätzlich zu seinen drei echten, sagt er immer. Außerdem hilft er mir oft bei Hausaufgaben oder wir spielen Karten, wenn die Pizzeria am Nachmittag zu ist. Also hab ich’s ihm doch gesagt.

„Palermo!“, hat er gerufen und sich riesig gefreut. „Siehst du! Hab ich immer gewusst: Mama fährt mit dir zu deinem Papa!“

„Nee. Ich fahr alleine. Mama will immer noch nicht. Die weiß nix davon“, hab ich gesagt.

Pietro hat an meinem Anzug rauf- und runtergeguckt. Die Krawatte war wie ein Schnürsenkel um meinen Hals geknotet, weil ich’s anders nicht kann. Mit ein paar Griffen hat Pietro sie in Ordnung gebracht. Danach hing sie runter wie ’ne plattgefahrene Schlange.

„Kannst du die Krawatte nicht richtig machen um deine Hals, aber willst du reisen alleine durch die große Europa, ohne Mama was zu sagen?!“, hat er in seinem italienischen Deutsch gerufen. „Carlo, bist du ein rührender Kerle. Weiß ich, wie traurig du bist. Und hoffe ich, dass wieder Vernunft kommt in die Köpfe von deine Mama und Papa, damit ihr wieder zusammen seid. Aber kannst du das nicht ernst meinen. Gehst du lieber nach Hause. Guckst eine Film oder spielst du Fußball. Der Welt ist, wie er ist. Kannst du nicht ändern. Bin ich seit zwanzig Jahren in dem Ristorante und muss arbeiten. Sehe ich nicht das Meer, auch wenn ich das Meer sehen will. Der Welt ist, wie er ist!“

„Aber ich kann nicht mehr warten“, hab ich gesagt.

„Wenn du mit Warten bist zu Ende, kommt plötzlich, was du willst, von selbste.“

„Du kannst doch mitkommen. Dann siehst du auch endlich wieder dein Meer“, hab ich gesagt.

Da hat Pietro noch lauter gelacht als Papa immer.

„Ich habe das Meer auf dem Foto hinter der Theke“, hat er gerufen und auf den Tisch gehauen. „So. Kommst du morgen zu mir. Machen wir eine Kartenspiel. Da reden wir über alles.“

Dann hat er mir noch zwei Pizzabrötchen in die Anzugtaschen gesteckt. Aus Witz. Für die Reise nach Hause.

Eigentlich wär’s viel schöner gewesen, hätte Pietro meinen Plan gut gefunden. Ich mag Pietro so richtig. Dass ihm das Meer auf dem Foto reicht, find ich trotzdem komisch.

Der Kellner hat den Schokokuchen gebracht und mein Hunger kommt zurück. Langsam zwar. Aber wenn mein Hunger zurückkommt, ist die Welt wieder in Ordnung.

Ich zerr die Krawatte locker und probier ein Stück. Der Kuchen schmeckt besser als alle Kuchen von Mama zusammen!

Bis München bleib ich im Zugrestaurant sitzen. Immer, wenn der Schaffner vorbeiläuft, lacht er.

„Die Fahrkarte bitte“, knurrt er mir dann zu. Und als ein neuer Schaffner kommt, erzählt ihm der Kellner sofort die Hundegeschichte und ich darf weiter sitzen bleiben.

Die Hundefrau ist längst geflohen. Sie hat Rudi hinter sich her aus dem Restaurant geschleift. Rudi ist rückwärts gerutscht, um mich länger zu sehen. ’tschuldigung, Rudi, hab ich gedacht. Und danke. Rudi hat mit dem Schwanz gewedelt und zum Abschied gebellt.

Hunde und ich. Wir können eben miteinander.

In München steig ich aus. Der Bahnhof ist riesengroß. Da stehen sechs ICEs nebeneinander und es gibt viel mehr Imbissbuden als in Bochum.

Draußen geht die Sonne schon unter. Ich setz trotzdem meine Sonnenbrille auf. Hinter der Sonnenbrille ist’s sicherer.

Ich kenn hier überhaupt keinen. In Bochum kenn ich jeden hinter meinem Würstchenstand im Bahnhof. Ich geh zu einer Brezelbude und kauf mir ’ne Brezel. Die Brezelfrau spricht anders als die Würstchenfrau aus Bochum. „Pfüati“ sagt die, als ich geh, nicht „tschüss“. Aus den Lautsprechern kommt was in Englisch. Glaub ich. Ich versteh hier gar nichts.

Ich esse die Brezel unter der Anzeigentafel. Auf der steht auch ein Zug nach Bochum. Pietro würde mich da sofort reinsetzen. Weil der Welt ist, wie er ist. Ich denk drüber nach: einsteigen und wieder zurück nach Bochum. In meinem Bett liegen. Morgen mit Pietro Karten spielen und Pizza essen. Papas Balkonfoto an die Wand hängen wie Pietro sein Meer. Die italienische Flagge vom Balkongeländer abmachen, in den Keller zu Papas Sachen packen und nicht mehr von Italien träumen.

„Wenn du mit Warten bist zu Ende, kommt, was du willst, von selbste“, hat Pietro gesagt. Glaub ich ihm aber nicht. Mama fährt nie mit mir nach Palermo. Pietros Meer kommt ja auch nie nach Bochum. Nie. Da kann er noch so lange warten. Aber ich weiß schon, was ich mache. Ich tauch eine Flasche ins Meer und lasse sie volllaufen. Die bring ich Pietro als Erinnerung mit.

Auf der Anzeigentafel steht plötzlich der Nachtzug nach Rom. Ganz unten. Ich fang wieder an zu schwitzen. 21 Uhr 03, Gleis 12, steht da.

Ich kauf mir Kürbiskerne in einem Laden. Kürbiskerne kau ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Dann lauf ich zum Gleis zwölf.

Auf dem Bahnsteig setz ich mich auf meinen Koffer. Ich kau Kürbiskerne und schau mir das Foto von Papas Balkon an. Papa hat sich mit Kuli draufgemalt, mitten auf seinen Balkon.

„Weißt du, warum wir beide so dick sind?“, hat er mich beim letzten Mal am Telefon gefragt.

„Wegen der Kürbiskerne“, hab ich gesagt.

„Quatsch. Damit wir uns sehen können, wenn wir uns von den Balkonen aus zuwinken.“

Das fand ich lustig. Aber Papas Balkon ist eben in Italien und meiner in Bochum. Papa sagt oft Sachen, die gut klingen, aber eigentlich ganz anders sind.

Mama schießt mir durch den Kopf. Wenn sie mich am Montag wecken will, sitze ich neben Papa auf dem Balkon. Dann kriegt sie einen Riesenschreck, weil ich nicht im Bett liege. Sie wird bei Martins Mutter anrufen. Und danach bei der Polizei.

Ich hab Papa wieder im Ohr. „Bloß nicht so viel denken, Carlo. Einfach durch!“

Papa kommt überall durch. Einmal war er in Bochum drei Tage weg. Mama wusste nicht wo. Das war normal. Blöd war nur, dass ich an einem Tag davon Geburtstag hatte.

„Er vergisst deinen Geburtstag! Er VERGISST DEINEN GEBURTSTAG!“ Mama war noch wütender als ich.

„Du hast meinen Geburtstag vergessen“, hab ich am nächsten Abend zu Papa gesagt, als er plötzlich wieder da war.

„Deinen Geburtstag?! Carlo!! Mio dio! Dein Geburtstag!!“, hat er gerufen. „Vergess ich deinen Geburtstag? Carlo, was glaubst du?! Hab ich ihn verschoben. Auf heute!“

Er hat mich umarmt und gedrückt. Dick an dick. Ganz kräftig. Wie ein Bär. Da bleibt einem die Luft weg. Dann hat er sein tiefes Lachen rausgeholt. Das geht einem richtig warm in den Bauch. Papas Lachen kann alles wegwischen. Wütend sein geht dann nicht mehr.

„Hast du denn die Karten fürs Spiel?“, hab ich gefragt.

„Die Karten fürs Spiel! Na klar! Wir müssen die Karten nur abholen!“

„Oder isses fürs Spiel schon zu spät?“

„Es ist nie irgendwann für irgendwas zu spät!“, hat er gerufen.

Dann sind wir auf dem Moped zum Stadion geknattert.

Der Himmel war voll Flutlicht und im Stadion gab’s schon Torjubel und Trommelschlagen.

Am Ticket-Schalter hat sich Papa richtig aufgeregt: „Die will keine Karten mehr für uns rausrücken!“

„Aber du hast gesagt, wir müssen sie nur abholen!“, hab ich gerufen.

„Stimmt auch. Wir gehen jetzt zu Luca. Der ist unsere Karte“, hat er gesagt.

Dann sind wir halb ums Stadion rum. An einem der Eingänge stand Luca. In ’nem Neonhemd mit „Ordner“-Aufdruck drauf.

„Luca! Sag mal: ausverkauft gibt’s nicht. Siehst du doch auch so, no?“

Luca hat mit Papa zusammen gelacht. Papa kennt ungefähr jeden in Bochum. Vor allem Italiener.

„Ich kann euch nicht einfach reinlassen. Sonst werd ich gefeuert“, hat Luca gesagt.

„Luca. Bist du mein Freund? Carlo hat heute Geburtstag. Der ist verdammt wichtig! Soll ich etwa sagen, wir müssen wieder nach Hause?? Carlo wird mal Torwart hier. Du stellst dich besser gut mit ihm. Jetzt mal ehrlich, Luca, bist du Italiener oder was bist du?“

„Also, ich weiß nicht …“

„Du weißt nicht? Klar bist du Italiener. Und wenn du schon so ein Ordnerhemd hast, musst du auch was draus machen.“

Papa hat noch zwei Minuten auf Luca eingeredet, dann sind wir mit seiner Hilfe übers Drehkreuz rüber.

Wir waren noch vor der Halbzeitpause drin. Verlängerung und Elfmeterschießen gab’s dazu. Und wir haben gewonnen, weil der Torwart zwei Elfer gehalten hat. Danach hatte ich keine Stimme mehr.

„Jetzt holen wir noch dein Geschenk. Vom Präsidenten“, hat Papa gesagt.

Er ist mit mir die Treppe rauf. Unser Präsident sitzt oben unterm Stadiondach. Ein Fußballpräsident ist so was wie der König vom Verein. Papa hat sich durch eine Sitzreihe gedrängt, an wichtigen Leuten vorbei, bis er beim Präsidenten war. Dann hat er mit ihm geredet. Ich hab’s gesehen. Er hat auf mich gezeigt und geredet, bis der Präsident gelacht hat. Papa und der Präsident, wie beste Freunde!

Ein anderer Mann hat uns dann mitgenommen. Durch Gänge und über Treppen das Stadion runter. Und plötzlich waren wir vorm Umkleideraum. Wie im Traum. Was Heiligeres als den Umkleideraum gibt’s nicht!! Der Mann hat mich reingeschoben, zu den feiernden Spielern. Er hat sich den Torwart geschnappt und ihm einen Stift in die Hand gedrückt. Und der Torwart hat seinen Namen auf mein Torwart-Trikot geschrieben. Mitten drauf. Mit den Elfer-Händen!!!

„Papa!! Wie hast du das geschafft?! Woher kennst du den Fußballpräsidenten?!“, hab ich auf dem Weg zurück aufm Moped geschrien.

„Wieso soll ich den kennen?“

„Du hast doch mit ihm geredet!“

„Klar red ich mit dem. Wenn du was willst, musst du mit den Leuten reden. Auch mit ’nem Präsidenten. Ganz einfach“, hat Papa gegen den Wind gebrüllt.

Ich setze mich auf eine Bank aufm Bahnsteig und hol mein Torwart-Trikot aus dem Koffer. Die Unterschrift ist noch fast genauso schwarz wie am ersten Tag. Ich streich mit meinem Finger drüber. Keine Ahnung, warum Papa es nicht hinkriegt, mich in Bochum zu besuchen, obwohl er’s im Stadion bis in den Umkleideraum schafft. Er sagt am Telefon, dass er kommt, und dann passiert’s doch nicht.

Der Nachtzug fährt in den Bahnhof ein! Er ist dunkelblau und quietscht beim Bremsen. Ich pack mein Torwart-Trikot in den Koffer.

Die Leute vom Bahnsteig drängeln sich durch die Zugtüren. Aber ich bleib sitzen. Mein Mut ist plötzlich weg. Durch die Nacht in ein anderes Land rauschen, ohne Fahrkarte und ohne Bett, das ist was anderes, als im Zugrestaurant Kuchen essen. Und in den Gangsterfilmen von früher kommt man nicht so leicht über die Grenze, fällt mir ein. Da muss man Ausweise zeigen und Koffer aufmachen. Wegen der Schmuggelware. An einen Ausweis hab ich gar nicht gedacht.

Der Schaffner pfeift. Lang und laut. Das fährt mir bis in die Zehen. Als die Türen piepen, springe ich doch auf und renne von der Bank zum Zug. Aber die Türen sind schon zu, als ich ankomme.

„Hierher, wenn du noch mitwillst!!“, brüllt der Schaffner zwei Wagen weiter vorne aus der letzten offenen Tür.

Ich schau beim Rennen nach unten, damit er mein Gesicht nicht sieht. Auffälliger geht’s trotzdem nicht. Außer mir läuft keiner mehr über den Bahnsteig.

„Beim nächsten Mal früher einsteigen!“, meckert der Schaffner, als ich an ihm vorbei in den Zug stolpere.

Ich tauche zwischen den Leuten unter und zwäng mich durch den Gang. Bloß weg vom Schaffner. Die Leute schimpfen mich an, aber ich quetsch mich einfach weiter. Ich weiß nicht, wo ich hinsoll. Sitze gibt’s nirgendwo, nur Abteile mit Betten, die für andere gemacht sind. Am Ende vom Wagen verschwinde ich im Klo und schaufel mir am Waschbecken Wasser ins Gesicht. Im Spiegel seh ich aus wie nach ’nem Pausenkampf auf dem Schulhof. Verschwitzt und rot.

Der Zug schubst mich gegen die Wand, als er aus dem Bahnhof kurvt. Ich setz mich auf den Klodeckel und schau durch den Spalt im Kippfenster nach draußen. Die Leitungen vom Zug rasen kreuz und quer über den schwarzen Himmel. Ich bin wirklich im Nachtzug! Nach Italien! Richtig glaub ich’s noch nicht!

Vielleicht bleib ich bis Rom auf dem Klodeckel sitzen. Und nach dem Umsteigen verschwinde ich im nächsten Zugklo, bis ich in Palermo bin.

Ich rücke mich auf dem Klodeckel zurecht. Da könnte ich drauf schlafen, mit Kopf an der Wand. Ich mach die Augen zu und schlaf Probe. Nur das Licht stört. Einen Lichtschalter gibt’s nirgendwo.

Ich packe die Anzugjacke und das Schwitzhemd in den Koffer und zieh mein Torwart-Trikot an für die Nacht. Die Krawatte lass ich um den Hals, damit der Knoten von Pietro heil bleibt. Dann sprüh ich mir was von Papas Parfum aufs Trikot. Das Parfum habe ich aus dem Müll gerettet. Nach Mamas Rausschmeißaktion. Wenn Mama Nachtschicht hat, mach ich mir vorm Schlafen manchmal einen Spritzer davon auf die Decke. Mama hat’s noch nicht bemerkt, sie ärgert sich nur darüber, dass Papas Geruch nicht aus der Wohnung geht.

Ich verdrück Pietros zweites Pizzabrötchen. Mein Hunger ist viel größer als das Brötchen. Ich könnte den Automaten vom Bahnsteig leer essen. Erst Chips, dann Schokoriegel und Gummizeug.

Plötzlich geht die Tür auf! Der Schaffner?! Ich spring sofort auf die Beine. Mir wird schwindelig. Wie bei Kniebeugen in Sport, wenn ich kein Blut in den Kopf kriege. Hab ich nicht abgeschlossen???

In der Tür steht eine alte Frau im Nachthemd. Kein Schaffner wenigstens! Entdeckt bin ich trotzdem!

„Ach du meene Güte! Det war aber auch nich’ abgeschlossen.“

Die alte Frau hat lange weiße Haare. Wie ’ne Indianerin. Ich muss mich am Waschbecken festhalten, damit ich nicht umkippe.

„Junge, geht’s dir nich’ jut? Du bist ja ganz blass im Gesicht! Wat haste denn?“

„Hunger“, krieg ich raus, ohne der Frau in die Augen zu gucken.

„Det kenn ick. Det is’ der Kreislauf. Deine Beine müssen hoch. Und Zucker brauchste! Komm, ick hab wat für dich.“

Sie kommt auf mich zu und holt mich einfach am Arm aus dem Klo. Ich kann nichts dagegen tun, mit meinen weichen Beinen. Zum Glück sind keine Leute mehr im Gang, als sie mich in ihr Abteil rüberzieht.

In dem Abteil ist niemand sonst drin. Die Frau legt mich unten auf das leere Bett und stopft mir ein Kissen unter die Beine. Dann holt sie eine Tafel Schokolade aus ihrer Handtasche.

Als ich mit der Schokolade fertig bin, bekomm ich noch eine Banane und ein halbes Stück Marmorkuchen aus ’ner Serviette gewickelt.

„Det war ja Rettung in höchster Not“, sagt die Frau. „Wie heißte eigentlich?“

„Carlo.“

„Na jut, Carlo. Nu bring ick dich mal zu deinem Abteil zurück. Wo is’ det?“ Die Frau spricht so komisch wie meine Tante aus Berlin.

„Weiß ich nicht“, sag ich. Ich guck der Frau immer noch nicht in die Augen. Keine Ahnung, ob ich der trauen kann. Trotzdem will ich nur liegen bleiben, weil ich so schwer bin vom Tag. Liegen bleiben und alles zugeben, damit ich mich nicht mehr verstecken muss.

„Det Abteil steht doch auf der Reservierung“, sagt die Frau.

„Hab ich nicht.“

„Gib mir mal deine Fahrkarte. Det find ick für dich raus.“

„Hab ich auch nicht.“

„Wat jetzt? Na mit wem biste denn unterwegs? Mit Freunden oder Eltern oder wat?“

„Alleine.“

„Det wird ja immer doller! Keene Reservierung, keene Fahrkarte und ganz alleene? Wie geht denn det?“

Ich guck auf die Marmorkuchenkrümel, die noch auf der Serviette liegen.

„Hab ick hier etwa einen Schwarzfahrer ausm Klo gefischt? Is’ det wahr?“

„Glaub schon“, flüster ich. Jetzt ist alles raus.

„Da haben wir noch wat zu besprechen, Carlo. Aber vorher geb ick dir ’nen juten Rat: schnell rauf aufs oberste Bett und nich’ atmen, bis der Schaffner vorbeigekommen is’. Der steckt nämlich gleich sein Gesicht durch die Tür.“

Die alte Frau zieht mir das Kissen unter den Beinen weg und schiebt mich die Leiter rauf.

Ich rutsch gerade zur Wand, da öffnet der Schaffner wirklich die Tür! Als er ins Abteil kommt und auf die Fahrkarte der Frau knipst, hör ich auf zu atmen.

„Eine Frage noch“, sagt er am Ende. „Haben Sie einen dicken Jungen gesehen, schwarze Haare? Jemand hat einen Koffer gefunden. Auf der Toilette. Ich glaub, der gehört ihm. Der Junge ist mir beim Einsteigen gleich aufgefallen.“

Mir wird kalt. Den ganzen Rücken runter.

„Wat is’ Ihnen aufgefallen?“, fragt die Frau.

„Dass er einer von denen ist, die sich schnell mal was einstecken. Solche Typen huschen durch den Zug und sind beim nächsten Halt mit vollen Taschen wieder raus. Im Koffer liegt eine Anzugjacke mit lauter Geldscheinen.“

Ich trau mich nicht zu schlucken.

„Na so wat! Da waren Se aber neugierig … also, einen Taschendieb hab ick hier nich’ gesehen“, sagt die Frau. „Wat ham Se denn jetzt mit dem Koffer vor?“

„Fundsache. Der bleibt bis Rom bei mir. Übrigens: Ihre Handtasche würd ich lieber unters Kopfkissen legen. Gute Nacht dann.“

Ich hör, wie der Schaffner die Tür wieder zumacht und die Frau die Vorhänge vor die Fenster zieht.

„Braucht der junge Mann da oben vielleicht eine von meinen Gedächtnispillen?“, flüstert sie zu mir hoch. „Vergisst det Klo abzuschließen, vergisst seinen Koffer. Du bist mir eener …“

Ich kleb noch immer an der Wand. Koffer, Geld, Schaffner, Taschendieb … Ich weiß nicht, was ich denken soll.

„Komm schon runter!“ Die Frau klopft an mein Bett. Ich mach mich langsam von der Wand los und kletter die Leiter mit Zitterbeinen nach unten.

„Jetzt möcht ick aber wissen, wat du hier eigentlich machst. Mit so ’ner schön gebundenen Krawatte und ’nem Koffer voller Geld.“

„Ich bin kein Taschendieb!“, sag ich.

„Und ick bin keen Schaffner. Dass du ein juter Kerl bist, seh ick auf den ersten Blick.“

„Ist mein Koffer für immer weg?!“, ruf ich.

„Nich’ so laut und keene Panik. Den holen wa uns schon wieder.“

Die Frau ist auf meiner Seite. Da bin ich jetzt wenigstens sicher.

„Nu flüsterste mir erst mal, wat du hier zu suchen hast.“

„Ich fahr zu meinem Papa nach Palermo.“

„Na, det is’ doch wunderbar. Und warum tuste dann so heimlich?“

„Mama weiß nix davon. Und Papa überrasch ich.“

Die Frau kriegt noch mehr Falten auf der Stirn als vorher.

„Mama und Papa wissen nichts davon??“

„Nee“, sag ich.

Und dann erzähl ich, dass man mit Mama nicht drüber reden kann, über Papa oder Palermo. Und dass Papa nicht nach Bochum kommt, sondern nur Postkarten schickt. Auf denen ist hinten drauf alles mit Kuli vollgekritzelt und die Sätze biegen um die Ecke. Weil Papa so viel drüber schreibt, was er mit mir machen will. Ins Casino gehen, Tintenfische essen, in der Nacht auf dem Meer angeln, mit seinem Moped rumheizen, in der Sonne braten …

Die Karten les ich immer wieder, auch wenn ich die schon auswendig kenne. Ich hör dabei die Wellen rauschen und riech die gebratenen Tintenfische und seh noch viel mehr als das, was auf den Karten steht. Wie ich mit Papa auf dem Meer liege. Toter-Mann-technisch. Sonst ist niemand da. Unsere Bäuche gucken aus dem Wasser und wir lassen uns den ganzen Tag treiben. Oder wir sitzen auf Papas Balkon und schlürfen Spaghetti. Da quatschen wir drüber, dass Bochum ohne Papa nichts ist. Und dass wir Mama nach Palermo tricksen, wenn’s andersrum nicht funktioniert. Ich hör Papas dickes Lachen. „Wir tricksen die Mama nach Palermo, Carlo! Das isses! Mit Sonne, Strand und Spaghetti.“

Ich zeig der alten Frau das Balkonfoto.

„Da wohnt er“, sag ich.

„Isser det?“ Sie zeigt auf den gekritzelten Kuli-Papa, der auf dem Balkon steht und winkt. „Dein Papa is’ wohl ’n Lustiger, wa?“

„Ja, voll“, sag ich.

„Und da fährste einfach zu ihm und machst dir um nichts sonst ’n Kopp … Junge, Junge ... vermisste deinen Papa so dolle …“

„Ja. So richtig.“

Die Frau guckt aus dem Fenster, als würde sie draußen was sehen, obwohl die Vorhänge zu sind. Das dauert, bis sie wieder was sagt.

„Ick finde det jut, Carlo. Wat du dich traust. Nee wirklich. Ick fahr mit 78 Jahren meiner großen Liebe hinterher. Det hätt ick mal früher machen sollen. Keene Ahnung, ob’s den überhaupt noch gibt. Aber damals, weeste, ick in Berlin, er in Rom. So weit weg, det geht nich’, hab ick damals gedacht. Da ham wa uns verpasst. Det war mein größter Fehler, glaub ick heute.“

Ich guck die ganze Zeit auf die braunen Flecken von der Frau. Die sind überall. Auf den Händen und den Armen. Auch im Gesicht. Vielleicht kriegt man die, wenn man zu lange auf jemanden wartet oder ihn ganz verpasst.

„Und wat machen wa jetzt mit dir, Carlo? Mutig sein is’ det eine. Aber vorn Kopp stoßen det andere. Haste ’ne Ahnung, wat deine Mama sich jetzt für Sorgen macht?“

„Die glaubt, dass ich bei ’nem Freund übernachte“, sag ich.

„Und wenn det rauskommt?!“

Ich schau wieder auf die Marmorkuchenkrümel.

„Pass auf, wir machen det so: Wir lassen deine Mama noch ruhig pennen und morgen früh rufen wa se an. Ick helf dir. Det muss die wissen, weeste.“ Die Frau dreht meinen Kopf am Kinn zu sich rüber, damit ich in ihr Gesicht gucke und nicht auf die Krümel. „Det haste verstanden, oder?“ Ich nicke. „Jut. Und nu holen wa uns deinen Koffer zurück. Den Taschendieb kann der Schaffner haben, wenn er det so will.“

Eine Minute später steh ich hinter unserer Schiebetür und warte. Die alte Frau ist schon am Ende vom Gang. Ich mach mir vor Aufregung fast in die Hose. Sie ruft nach dem Schaffner, bis er aus seinem Abteil kommt. Dann sagt sie ihm, dass der Wasserhahn im Klo kaputt ist. Das ist ihr Plan.

„Da kommt keen Tropfen Wasser raus!“

„Haben Sie auf den Knopf gedrückt?“, fragt der Schaffner.

„Wat für ’n Knopp? Da sind keene Knöppe am Hahn. Kommen Se ma mit.“

Der Schaffner schüttelt den Kopf und läuft mit der Frau ins Klo, genau wie sie’s gesagt hat.

Jetzt bin ich dran! Ich wetze sofort durch den Gang, wie ein Gangster bei ’ner Verfolgungsjagd. Und direkt rein ins Abteil vom Schaffner. Da seh ich mich blitzschnell um. Hinterm Stuhl, unterm Tisch, links, rechts. Wo ist der Koffer??!! Mein Herz wummert in meinen Ohren. Ich mach den Schrank auf. Und da ist er wirklich!! Mein Koffer! Ich reiße ihn aus dem Schrank und werf die Schranktür wieder zu. Dann wetz ich zurück durch den Gang, ohne mich umzudrehen. Rauf auf mein Bett und unter die Decke. Da wummert mein Herz noch weiter, bis die alte Frau wiederkommt.

„Na is’ doch jut, dass ick aussehe, als würd ick nichts mehr von der Welt kapieren“, sagt sie und klopft auf meinen Koffer. „Det haste jut hingekriegt! Du würdest als Taschendieb durchgehn.“ Sie kichert wie ein Mädchen, gar nicht wie ’ne alte Frau.

„Danke!“, flüster ich.

„Schon jut. Und nu machen wa die Augen zu. Wir haben ja morgen noch wat Wichtiges vor ...“

Keine Ahnung, wie ich jetzt die Augen zumachen soll!

Als die Frau schon lange schnarcht, schlafe ich immer noch nicht.

Mein Handy piept. Willkommen in Österreich, steht drauf. Ich bin in einem neuen Land! Ohne Ausweis. Mit durchsuchtem Koffer. Den Koffer nehm ich fest in die Arme und guck zu den Löchern in der Decke rauf. Ich bin todmüde. Aber ich muss die ganze Zeit an Mama und Papa denken. An den Rausschmiss, mitten in der Nacht. Da denk ich vorm Einschlafen oft dran. Mama hat Papa einfach durchs Treppenhaus nach draußen gejagt. Dabei ist sie eigentlich eine Fliege und Papa ein Bär.

Drei Tage hab ich mich danach in meinem Zimmer eingebunkert. „Carlo, red endlich wieder mit mir. Ich bin nicht an allem schuld!“, hat Mama durch die Tür gerufen.

Ich hab mich ja auch schon gefragt, warum sich ein Bär von einer Fliege davonjagen lässt. Das macht ein Bär doch höchstens, wenn er sich ganz klein fühlt, wenn er ein richtig schlechtes Gewissen hat. Vielleicht wurde Papa nicht davongejagt, vielleicht hat er sich auch einfach nur verkrümelt. Ich versteh zwar nichts von der Liebe, aber ich weiß schon, dass es viele Regeln dabei gibt. Mama kennt sie alle. Die hat sie Papa rauf und runter erklärt. Laut und leise. Auf Deutsch-Italienisch und Italienisch-Deutsch. Aber Papa hält sich nicht an Regeln, das steht fest. Also hat er sich vor der Liebe verkrümelt. Könnte sein.

In der Nacht träum ich, dass ich Mama anrufe. Ich sitz auf dem Moped hinter Papa und schrei ins Handy, dass alles gut ist. „Carlo, weeste, wat für Sorgen ick mir mache!!!“, schreit Mama zurück. „Komm sofort wieder nach Hause!!!“ Aber Papa und ich heizen weiter durch Palermo, bei jeder Ampel über Rot, weg von den Schaffnern, die uns verfolgen, und direkt auf eine Klippe zu.

„Arrivederci!“, brüllt Papa und winkt den Schaffnern. Dann sind wir mit dem Moped schon über die Klippe rüber. Die Klippe ist mehr als hundert Meter hoch. Das Moped fliegt unter uns weg, mein Handy mit Mama auch. Papa und ich fallen über eine Minute, mit angezogenen Beinen. Und dann machen wir die fettesten Arschbomben ins Meer, die es je gegeben hat.

Als ich aufwache, bleibt Mama in meinem Kopf. Draußen ist es schon hell, aber die alte Frau schnarcht noch. Ich wälz mich hin und her, zur Wand und wieder zurück. „Morgen früh rufen wa se an“, hat die Frau gesagt. Vielleicht wird Mama gar nicht wütend, wenn ich anrufe. Vielleicht fängt sie an zu weinen, weil ich einfach weg bin, ohne was zu sagen. Wie Papa immer. Oder weil sie Angst hat, dass mir was passiert. Und wenn sie heult, wie nach Papas Rausschmiss? Da dachte ich, sie wird nie wieder froh ...

Ich nehme meinen Koffer und robbe zur Leiter. Leise, damit die Frau nicht aufwacht. Dann kletter ich die Leiter runter und schlüpf in meine Turnschuhe.

Die braunen Flecken im Gesicht der alten Frau sind noch da. Ich kann nicht auf Papa warten, bis ich braune Flecken habe.

„Tut mir leid, dass ich einfach losmuss“, flüster ich. Ich würde der Frau viel lieber richtig Tschüss sagen. „Aber es geht nicht anders.“

Ich laufe durch alle Wagen, bis ans Ende vom Zug. So weit vom Schaffner und der Frau weg wie möglich. Ich mag die Frau echt, aber Mama rufe ich erst an, wenn ich sicher in Palermo bin, von Papas Balkon aus, mit Papas Hilfe, bevor Mama mein leeres Bett entdeckt.

Oliver Scherz:

Keiner hält Don Carlo auf (Leseprobe)

ISBN 978 3 522 68052 3

Gesamtausstattung: Peter Schössow

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

© 2015 Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart

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