Keiner will’s gewesen sein - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Die Familie wünscht ihm schon lange alles Böse. Bis dann einer zur Tat schreitet. Doch der Täter hat nicht mit Schwester Sarah gerechnet. Sie entwickelt einen geradezu infernalischen Spürsinn und treibt damit den Täter zur Verzweiflung. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:255


Mignon G. Eberhart

Keiner will’s gewesen sein

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Adi Oes

FISCHER Digital

Inhalt

1234567891011121314151617181920Der Kriminalroman als intellektuelles Spiel Einführung in die Welt der englischen Whodunnits von Lars Schaff

1

Mein Ruf als Krankenschwester ist nicht mehr sehr gut. Meine Patienten werden nervös, wenn sie hören, dass ich Schwester Sarah Keate heiße. Sofort wehren sie ab: »Die rothaarige Pflegerin will ich nicht. Sie war in zu viele Morde verwickelt!«

Aber ich bin Krankenschwester und nicht Polizist und will es auch nicht sein. Krankenpflege ist mein Beruf! Jetzt kann ich nur auf recht viele Blinddarm- oder Mandelfälle hoffen, damit der Fall Thatcher in Vergessenheit gerät.

Es ist ja nun endgültig vorbei. Aber ich möchte doch erzählen, was alles passierte, bis ich das Haus der Thatchers endlich wieder verließ.

Letzte Woche habe ich sogar mein Telefon abgestellt. Jetzt schlafe ich besser. Ich schrecke nicht mehr plötzlich auf und starre ängstlich in die Dunkelheit. Immerhin bin ich über das Telefon in den Fall Thatcher verwickelt worden. Dr. Bouligny rief an und sagte, Bayard Thatcher habe sich beim Revolverputzen versehentlich angeschossen. Keine ernsthafte Verletzung, aber Miss Adela Thatcher bestehe darauf, eine ausgebildete Krankenpflegerin einzustellen. Ich hatte den deutlichen Eindruck, dass Adela Thatchers Wunsch Befehl bedeutete.

Der Anruf weckte mich um halb drei Uhr in einer kühlen Sommernacht. Ein Unfall oder ein Baby? Es sei sehr eilig, sagte der Arzt, der Unfall habe sich vor einer halben Stunde ereignet, er habe die Wunde behandelt und werde mir Anweisungen hinterlassen. Ich solle sofort kommen. Am liebsten hätte ich geantwortet, ich wolle lieber erst ausschlafen, aber dann packte ich meine Tasche, nahm den Vorortzug, und bald darauf ging ich mit lautlosen Schritten auf einem sanft ansteigenden Weg durch weite, kurzgeschnittene Rasenflächen, die das Haus der Thatchers umgaben.

Es war kurz vor Tagesanbruch. Ein Gefühl friedlicher Ruhe und Heiterkeit erfüllte mich. Der Rasen lag im ersten grauen Morgendunst. Die Umrisse der Büsche waren noch undeutlich, das Vogelgezwitscher in den großen Bäumen noch ganz verschlafen. Das alte Haus aus gebrannten Ziegeln mit weißem Holzwerk lag hingestreckt zwischen den Bäumen. Der Stil war nicht auszumachen: überall ein Türmchen, ein Erker oder plötzlich ein Vorsprung. Ursprünglich musste das Haus ganz einfach gewesen sein, Generationen hatten immer wieder Neues hinzugefügt. Im Gesamten wirkte es trotzdem graziös und hatte einen würdevollen Charme.

Die breite Eingangstür stand offen, die Halle dahinter war schwach erleuchtet. Eine kleine Dame kam mir entgegen, knapp über fünfzig, in schleppender lila Seide mit Spitzen um die Handgelenke. Sie wirkte ängstlich und besorgt, aber nicht aus der Fassung gebracht.

»Miss Keate?« Ihre weiche, ziemlich hohe Stimme hätte man in meiner Jugendzeit »elegant« genannt. Oder vornehm. »Ich heiße Adela Thatcher. Kommen Sie bitte herein!« Sie ging vor mir die Treppe hinauf. Von oben fiel Licht auf ihr Gesicht und das graue Haar, das ein wenig durcheinander war. Die hochmütige Krümmung ihrer Nase, die ich bald als typische Thatcher-Nase kennenlernen sollte, wirkte bei ihr etwas sanfter und vornehmer. Ihre blassblauen Augen blinzelten kurzsichtig. Sie war, wie gesagt, nicht groß, und, bis auf eine gewisse Fülle um Taille und Hüften, eher schlank. Ihre Hand, die jetzt das blanke Treppengeländer hinaufglitt, war sehr weiß und hatte breite Fingerknöchel. Eine großzügige, aber keine feinfühlige Hand.

Im ersten Stock stand in einer Tür gegenüber der Treppe eine junge Frau in einem gelben Chiffon-Negligé. Obwohl sie ihr dunkles Haar achtlos zurückgebunden hatte, war sie auffallend schön.

Schön ist zwar eine Bezeichnung, mit der man sparsam umgehen sollte, aber für Janice Thatcher die einzig Zutreffende. Ich frage mich noch heute, worin ihre Schönheit lag. Sie hatte regelmäßige Züge und war schlank. Das weich gewellte Haar schimmerte. Sie hatte ernste dunkelgraue Augen unter schön geschwungenen Augenbrauen und lange Wimpern. Viele Frauen haben das auch und sind dennoch nicht schön. Nein, sie hatte etwas Ungreifbares, ein inneres Feuer, das sie zum Leuchten bringen konnte wie einen Feueropal, den man im Licht dreht.

Miss Adela fragte kurzatmig: »Wie geht es Bayard? Besser?«

Die junge Frau nickte. »Ist das die Pflegerin?«

»Miss Keate. Mrs. Dave Thatcher«, stellte Miss Adela vor. »Kann man Bayard wirklich allein lassen, Janice?«

»Ja!«, antwortete Janice kurz und sah mich unverwandt an. »Es geht ihm besser. Es ist nichts Ernstes.«

Erst jetzt fiel mir auf, dass zwei Uhr in einer Sommernacht eine merkwürdige Zeit zum Revolverputzen war.

Die beiden Frauen musterten mich eingehend und wechselten einen verständnisvollen Blick.

»Miss Keate wird das sehr gut machen«, meinte Janice.

»Ja, ich bin davon überzeugt«, erwiderte Adela Thatcher mit Bestimmtheit. Plötzlich verfinsterte sich ihre Miene. »Wo ist Dave?«

Ein Schleier legte sich über Janices dunkle Augen. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie und öffnete eine Tür.

Ich folgte den beiden in ein großes, luftiges Schlafzimmer mit hohen, offenstehenden Fenstern, frischgerüschten Chintzvorhängen, alten Mahagonimöbeln, glänzendem Fußboden und marmoriert gemaltem Getäfel. Auf dem breiten Bett lag mein Patient, Bayard Thatcher. Er öffnete die Augen, musterte mich eingehend über seine arrogante Thatcher-Nase hinweg, sagte unhöflich: »Teufel«, und schloss wieder die Augen.

Nun ist zwar drei Uhr morgens nicht gerade eine ideale Zeit, und ich bin keine ausgesprochene Schönheit. Trotzdem schmeckte mir sein Kompliment nicht besonders.

Janice sagte kurz: »Bayard! Das ist deine Pflegerin, Miss Keate.«

»Weiß ich.« Seine eingesunkenen Augen blieben geschlossen. Das harte, dunkle Gesicht mit dem schütteren bräunlichen Haar hob sich lebhaft gegen die weißen Kissen ab. »Ich brauche keine Krankenschwester, Adela! Es ist nur ein Kratzer. Der Arzt kann ihn jeden Tag verbinden …«

»Nebenan ist ein Schlafzimmer, wenn Sie sich umziehen wollen, Miss Keate.« Adela ignorierte Bayards Protest. »Zeig es ihr, Janice! Dr. Bouligny hinterließ eine Nachricht für Sie auf dem Tisch dort drüben. Ich glaube, er verschrieb Bayard ein Schlafmittel.«

Das war also meine Einführung in das Haus der Thatchers.

Als ich in knisterndem weißem Kittel und mit der gestärkten Haube, die auf der grauen Strähne in meinem ungebärdigen roten Haar thronte, zu meinem Patienten zurückkehrte, waren Janice und Miss Adela fort. Ich sah auf den Zettel, den Dr. Bouligny hinterlassen hatte, notierte mir einiges und kontrollierte den Puls des Verletzten. Er war etwas höher als normal. Ich prüfte den Verband und streckte mich dann in einem sehr bequemen Sessel neben dem Fenster aus, gähnte und entspannte mich. Obwohl eine Krankenschwester daran gewöhnt ist, zu jeder Nachtstunde aus dem Schlaf gerissen zu werden, ist es trotzdem nie angenehm.

Im Haus war es sehr still, und ich konnte die ersten deutlicheren Vogellaute in den Bäumen draußen hören. Mein Patient schien zu schlafen. Sein scharfes Profil wirkte düster und vogelähnlich. Die Augen waren tief eingesunken, die Backenknochen hoch, die Stirn war gewölbt, der Mund ein dünner Strich. Er wirkte sogar im Schlaf noch spöttisch. Ein grausames Gesicht, oder viel eher: ein Raubvogelgesicht.

»Passt Ihnen mein Aussehen nicht?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht«, antwortete ich überrascht. »Sie sollten lieber schlafen.«

»Ich will aber nicht. Die Pillen, die mir der Arzt verschrieben hat, sind ebenso nutzlos wie alles andere an ihm. Kennen Sie Dr. Bouligny?«

»Flüchtig. Er hatte ein paar Fälle in unserer Klinik.«

»Er ist eine hohle Nuss, aber ein Thatcher.«

»Ein Thatcher?«

»Ja. Und darum gesegnet. Wenn ein Thatcher geboren wird, wird automatisch der Schlüssel zum Himmelreich mitgeliefert.«

»Sie sollten jetzt lieber schlafen. Sonst steigt Ihr Puls, und Sie bekommen Fieber. Und wir wollen doch keine Komplikationen!«, meinte ich steif.

Er lächelte. »Ach ja, meine Wunde. Da müssen wir sehr aufpassen. Übrigens, Miss – Keate, nicht? –, Sie dürfen sich gern im Zimmer umsehen. Falls Sie den Revolver finden, legen Sie ihn, bitte, weg.«

Ich tat es bereitwillig. Zufällig herumliegende geladene Revolver machen mich nervös. Obwohl ich mich überall umsah, auch im angrenzenden Badezimmer, kam kein Revolver zum Vorschein. Ich sah sogar in den Schubladen der großen Kommode nach. In einem leichten Lavendelduft kamen nur ein Riesenstoß gebügelter Hemden, mindestens fünfzig Krawatten und eine große Flasche Gin zum Vorschein, sorgfältig in sehr hübsche weiße Seidenunterwäsche eingewickelt. Kein Revolver.

»Hm«, murmelte mein Patient, der mich genau beobachtet hatte. »Jetzt frage ich mich wirklich, wer den geklaut hat.«

Ich vergaß meine Zurückhaltung und fragte scharf: »Was fiel Ihnen eigentlich ein, morgens um zwei Uhr Ihren Revolver zu putzen?«

»Was soll das heißen?«, fragte er schnell.

Als ich meine Frage wiederholte, lachte er. Auf jeden Fall kein angenehmes Lachen. »Meinen Revolver putzen. Behauptet das Adela?«

»Dr. Bouligny.«

»So ist das also.« Er dachte nach. »Die kluge Adela! Wenn sie es behauptet, stimmt es wohl. Fragen Sie mich nicht, warum ich das tat. Meiner Meinung nach ist es das Letzte, was man um diese Zeit tun sollte. Man kann die Nacht sehr viel angenehmer verbringen. Und falls Sie wissen wollen, warum ich die Ginflasche verstecke: es ist wegen Emmeline.«

»Emmeline?« Ich war verwirrt.

»Ja. Emmeline mit dem wohlbekannten, bohrenden Blick! Emmeline mit der munteren Zunge. Emmeline die Tugendreiche. Mit ihren tauben Ohren hört sie besser als andere mit gesunden. Emmeline ist Adelas größte Stütze. Adela glaubt, dem Haushalt vorzustehen, aber in Wirklichkeit tut es Emmeline. Und wegen dem Gin – Emmeline hält es für ihre Pflicht, wenn ich hier zu Besuch bin, dafür zu sorgen, dass ich nicht auf Abwege gerate, alle Knöpfe an meinen Hemden angenäht und meine Strümpfe gestopft sind. Aber sie ist immer noch jungfräulich – mit über fünfzig –, daher ist meine Unterwäsche tabu.«

»Zu Besuch? Ich dachte, Sie leben hier.«

»Noch lange nicht.« Ein scharfer Unterton lag in seiner Stimme. »Ich bin eine Art Vetter. Was man als Verwandtschaft bezeichnet. Ein Verwandter, ein entfernter, aber immer noch ein Thatcher. Darum nahm mich Adela auf, als ich in zartem Alter ohne Geld dastand. Sie versuchte, mich mit ihren beiden Brüdern zusammen aufzuziehen. Es klappte nicht so recht. Dave und Hilary waren schon damals besonders ungezogene, kleine Snobs, und ich war nie –«

»Jetzt müssen Sie aber schlafen«, unterbrach ich ihn hastig. Denn ich hatte damals keine Lust, in die Innenpolitik der Thatchers eingeweiht zu werden. Später bereute ich, dass ich meine Skrupel nicht überwand und gierig jedes Wort erhaschte. Rückblickend hätte ein Hinweis oder ein Wort der Schlüssel zu dem dunklen Geheimnis sein können, das uns so bald schon umhüllen sollte.

Endlich schloss er die Augen. »Meine Schulter tut weh. Können Sie den Verband ein wenig ändern? Das Pflaster zieht wie die Hölle.«

In der rechten Schulter war eine Fleischwunde, nicht schlimm, aber schmerzhaft. Eine seltsame Stelle für einen selbstausgelösten Schuss, dachte ich einfältig.

»Trotzdem ist es möglich«, sagte mein Patient amüsiert, als habe er meine Gedanken gelesen. »Wenn ich den Revolver in der linken Hand habe, ihn an die rechte Schulter halte und abdrücke – immer vorausgesetzt, dass er geladen ist.« Sein Lachen war unausstehlich.

Wahrscheinlich dösten wir beide eine Weile, obwohl ich in dem Polstersessel nicht bequem saß. Ich war unruhig und hatte den Eindruck, kein Auge zugetan zu haben. Plötzlich schreckte ich auf. Der Rasen lag im vollen Sonnenschein – leuchtend grün und kühl. Die Vögel zwitscherten laut, und ein Duft nach Kaffee und gebratenem Speck lag in der Luft. Ein Wagen fuhr die Auffahrt herauf.

Ziemlich steif erhob ich mich, zog mein Häubchen zurecht und trat auf den weinumrankten Balkon. Unter mir führte ein Kiesweg von der Straße am Haus vorbei, wahrscheinlich zu einer Garage, die ich nicht sehen konnte. Aus dem langen gelben Sportwagen, der unter dem Balkon hielt, stieg ein Mann aus, der mir für seine schätzungsweise vierzig Jahre etwas zu massig vorkam. Ich warf einen kurzen Blick auf sein weiches rosiges Gesicht und das dünne dunkle Haar, als mein Patient hinter mir sagte: »Das wird Hilary sein.«

»Ich denke, Sie schlafen.«

»Wirklich, Miss Keate, so was kann ich nicht leiden. Sie scheinen einen Schlafkomplex zu haben. Sie reden von nichts anderem. Schleichen Sie sich in die Halle, und versuchen Sie zu verstehen, was Adela zu ihm sagt.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage!«

»Pardon! Ich dachte auch nicht, dass Sie es tun würden. Trotzdem wüsste ich gern, was sie reden. Gleich werden Sie Hilary Thatcher kennenlernen, die Zierde der Bankiergilde, ein Mann von blauestem Blut und auch stolz darauf, kurz: ein Kleinstadtaristokrat, neben dem es nichts Aristokratischeres gibt, nichts Selbstsichereres, nichts Selbstzufriedeneres – hallo, Hilary!«

Hilary Thatcher stand unter der Tür, massig, rosig, fast kahl und frisch rasiert. Seine grünblaue Krawatte passte zu seinen Augen. Es war kein Stäubchen an ihm. Seine wachsamen Augen und sein kurzer Atem verrieten, dass er besorgt war und sich Mühe gab, es nicht zu zeigen. Er schien mir keine Spur Anteilnahme zu haben.

»Adela sagte, du hattest einen Unfall.« Er sah nur Bayard in seinem Bett. Als ich die Sonnenblende herunterziehen wollte, drehte er sich überrascht um. »Aha – ist das die Krankenschwester? Sehr erfreut. Darf ich Sie bitten, uns einen Augenblick allein zu lassen?«

Er war so höflich, dass ich seiner Bitte entsprechen wollte, aber mein Patient sagte scharf: »Bleiben Sie genau da, wo Sie sind, Miss Keate!«

»Ich –«

»Also, Hilary. Willst du dich nicht setzen?«

»Danke, ich habe nicht viel Zeit. Adela rief meine Frau an. Evelyn – schickte mich sofort her. Ich – Adela meint, es ist nicht gefährlich.«

Seltsam, dass er so besorgt wirkte und so ganz ohne Zuneigung.

»Nein, es ist nicht gefährlich«, sagte mein Patient. »Ein wenig schmerzhaft, das ist alles. In ein paar Tagen bin ich wieder wohlauf. Seltsam, wie ich in Unfälle verwickelt werde, wenn ich hier bin. Erinnerst du dich an das letzte Mal? Ich bekam einen Wadenkrampf, als wir im Thatcher-See schwammen, und es gelang mir nicht, dir meine Hilfeschreie verständlich zu machen.«

»Du wirst deine Besuche einschränken müssen, wenn das anhält.«

»Allmählich sieht es wie Vorbestimmung aus«, meinte Bayard. »Aber ich werde nicht wegbleiben. Nein, das könnte ich nicht.«

»Kann ich etwas für dich tun?«

»Nein, Hilary. Vielen Dank für deinen Besuch.«

Hilary öffnete den Mund, als wolle er noch etwas sagen, dann warf er mir einen irritierten Blick zu und ging hinaus.

Mein Patient lächelte. Seine hellen Augen sahen nicht eben verwandtschaftlich liebevoll auf die Tür.

»Es ist schon nach sieben«, bemerkte ich, auf die Uhr blickend. »Soll ich Ihre Emmeline bitten, Ihnen Kaffee zu bringen?«

»Nicht jetzt. Ich glaube, ich kann wieder schlafen. Übrigens, Miss Keate, verhindern Sie, dass jemand von der Familie mit diesem Revolver ins Zimmer kommt. Denn das nächste Mal könnte er treffen. Der Schuss, meine ich.«

Ich brauchte eine Weile, bis ich mich gefasst hatte. »Wollen Sie damit sagen, dass jemand absichtlich auf Sie geschossen hat?«

»Jawohl!«

2

Als ich sprachlos dastand, sagte er: »Es wäre besser, Sie würden nicht so viel reden. Sie lassen mich nie schlafen. Frühstück ist um acht. Sie können jetzt hinuntergehen. Hier ist der Schlüssel. Schließen Sie hinter sich ab und verwahren Sie ihn. Ich möchte nicht – gestört werden.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«

»Warum nicht?«

»Das kommt von den Schlafmitteln, die Ihnen Dr. Bouligny gegeben hat. Sie reden Unsinn. Warum sollte Sie jemand umbringen wollen? Sie sind hier bei Ihrer Familie. Leute, die Sie lieben …«

»So wie Hilary?«

Also gut, es stimmte, dass Hilary den Patienten offenbar nicht besonders mochte. Aber ein seriös wirkender Bankkaufmann wie Hilary erschießt nicht einfach jemand, nur weil er ihn nicht liebt. Außerdem war da noch Miss Adela Thatcher, mit ihrer eleganten Stimme und ihrem wohlerzogenen Gesicht. Und dann die Atmosphäre im Haus: unbeschreiblich vornehm, einfach, ehrbar und – ich dachte an Bayards bittere Worte – aristokratisch. Nein, ich konnte Bayards Anschuldigungen nicht in Einklang bringen mit dem, was ich von den Thatchers gesehen hatte. »Sie wissen nicht, was Sie sagen!«

»Meine Liebe, es ist mir völlig egal, ob Sie mir glauben oder nicht. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Gehen Sie jetzt, bitte, und lassen Sie mich schlafen!«

»Wer hat auf Sie geschossen?«

»Ich habe nicht die Absicht, es Ihnen zu verraten.«

Er schloss die Augen, und obwohl ich mir dumm und lächerlich vorkam, versperrte ich die Tür hinter mir und steckte den Schlüssel ein.

In dem großen schönen Flur kam ich mir noch lächerlicher vor. Die weitgeöffneten Fenster ließen den herrlichen Sommermorgen ein. Hinter offenen Türen lagen luftige Schlafzimmer mit hübschen Chintzbezügen und gebauschten Vorhängen. An der gegenüberliegenden Wand hing ein blankgeputzter Spiegel. Überall waren Bücherregale voller Bücher, Überbleibsel, wie ich später erfuhr, der riesigen Bibliothek im Erdgeschoss. Nein, das war bestimmt kein Ort, wo Bayard etwas zustoßen konnte.

Am Fuß der Treppe stieß ich auf ein Hausmädchen in frischem grünem Baumwollkleid und weißer Schürze, die putzte. Sie sah auf und grüßte. Offenbar hatte sie von meiner Ankunft gehört, denn sie zeigte keine Spur von Überraschung. Sie hieß Florrie und sagte, es gäbe in einer Viertelstunde Frühstück. Nach einem friedlichen Frühstück mit Miss Adela und Janice – Adela sah mit ihrer goldgeränderten Brille und in dem weißen Leinenkleid etwas streng aus, Janice war unglaublich schön, was die rosa Rosen, die sie auf den Frühstückstisch stellte, noch unterstrichen – und einer höflichen Konversation über Gärten, ohne dass ein Wort über Bayard oder Revolver oder Wunden oder Ärzte fiel, kehrte ich in das Zimmer meines Patienten zurück.

Diesen ganzen Donnerstag, den 7. Juli, verbrachte ich dort oder auf dem kleinen Balkon. Meistens schlief mein Patient, und ich beobachtete das bunte Kommen und Gehen der Familie. Ich beschloss, Bayard nicht zu glauben. Es stimmte zwar, dass der Unfall einige Merkwürdigkeiten aufwies, und es war mir auch aufgefallen, dass Hilary keine einzige Frage gestellt hatte. Er hatte weder nach Details, noch nach der Uhrzeit noch nach dem Revolver gefragt, noch ob Bayard gewusst hatte, dass er geladen gewesen war. Aber Miss Adela hatte ihm ja schon vorher von dem Unfall erzählt, und auf jeden Fall war es belanglos.

Der kleine Balkon lag über dem Rosengarten und einem Teil des Rasens, und als ich mich im Liegestuhl ausstreckte, boten sich mir verschiedene interessante Blickwinkel. Ein Spalier führte zum Balkon herauf mit Wein und Rosen, und der Duft war fast unerträglich.

Längere Zeit arbeitete Janice, schlank und sehr schön in einem blassen grünen Baumwollkleid, im Garten bei den großen Gladiolen, die vor der Blüte standen. Sie trug keine Arbeitshandschuhe und gab mit einer gewissen kühlen Sachlichkeit, die ich mochte, einem Mann Anweisungen, der, wie ich später erfuhr, Higby hieß. Einmal kam Miss Adela, gefolgt von einem alten, zu gut ernährten Hühnerhund, und unterhielt sich ziemlich aufgeregt mit Janice.

Der gelbe Wagen fuhr noch einmal vor. Diesmal saßen zwei Personen darin, eine Frau, vermutlich Evelyn, Hilarys Frau, und ein junger Mann. Auch sie sprachen mit Janice. Evelyn war eine große, auffallend gut aussehende Frau um die vierzig mit weichem goldblondem Haar, das sie in einem schlichten Knoten trug, einem braungebrannten Gesicht, einem schönen Profil und dunkelblauen Augen. Ich musste wieder an das abgedroschene Wort »aristokratisch« denken: es gab keinen anderen Ausdruck, um die Thatchers zu beschreiben.

Der junge Mann, der sie begleitete und zögernd mit Janice sprach, als Evelyn Thatcher ins Haus gegangen war, ähnelte Evelyn auffallend. Später erfuhr ich, dass er Allen Carick hieß und bei Hilary Thatcher in seinem Haus auf dem Hügel zu Besuch war. Als Janice sich kurz darauf beim Rosenschneiden an einem Dorn kratzte, nahm er ihre Hand und war über Gebühr besorgt. Ich bemerkte, wie ein wenig Farbe in Janices Gesicht kam, aber vielleicht war es nur die Sonne.

Dave Thatcher – Janices Mann und Adela und Hilarys jüngerer Bruder – erschien weder zum Mittagessen noch zum Dinner. Beim Lunch sagte Emmeline zu Miss Adela, er sei auf den Friedhof gegangen. Er wurde mir allmählich immer geheimnisvoller. Besonders, nachdem Janice etwas gesagt hatte, der Friedhof mit der Familiengruft liege nur etwa eine Viertelmeile vom Haus entfernt. Nicht gerade ein Ganztagsausflug.

Um die Mittagszeit brachte Emmeline frische Wäsche in das Zimmer meines Patienten. Sie war eine düstere, große, unglaublich magere Person mit streng nach hinten gekämmtem, eisengrauem Haar. Sie sah einem auf den Mund statt in die Augen, was auf ihre Taubheit zurückzuführen war. Trotzdem nicht gerade angenehm. Ebenso wenig wie ihre Angewohnheit, die Hände zu kneten, während sie sonst still dastand.

Sie fragte Bayard nach seinem Befinden, in dem harten, eintönigen Ton einer völlig Tauben, nickte kurz, als er »besser« brüllte, musterte mich scharf und ging hinaus.

Es war ein träger, angenehmer Tag. Dr. Bouligny kam nach dem Lunch kurz vorbei. Bayard hatte seine geschwätzige Phase hinter sich und war in tiefes Schweigen verfallen, und ich machte ein Nickerchen auf dem Balkon, fast den ganzen Nachmittag lang.

Hilary sah nach dem Abendessen kurz herein. Um halb zehn richtete ich meinen Patienten für die Nacht her und verschloss auf seine Bitte hin die Tür zum Flur. Ich ließ mich wieder in meinem Sessel nieder. Eigentlich brauchte er keine Nachtwache, und ich hätte lieber nebenan im Bett geschlafen, aber er wollte es so.

Nach vielen Jahren Krankenpflege habe ich mich an die fixen Ideen meiner Patienten gewöhnt und machte es mir also so bequem wie möglich. Ich hatte alle Lampen ausgemacht, auch im angrenzenden Badezimmer. Mein Patient schien zu schlafen, und im Haus war es still. Als ob es den Atem anhält, dachte ich schläfrig.

Die Balkontür stand offen, und ich konnte das sanfte Rauschen des Regens hören und trotz der Dunkelheit das hellere Rechteck der Balkontür erkennen. Eine Dachrinne tropfte monoton.

Ich konnte nicht schlafen. Ich wälzte mich hin und her und versuchte, Schafe zu zählen. Dann starrte ich wieder zur Balkontür und lauschte auf den Regen. Allmählich wurde mir klar, dass ich kein helleres Rechteck mehr vor mir hatte. Lautlos hatte es sich mit einem schwärzeren Schatten gefüllt.

Ich setzte mich auf. Es schien mir, der Schatten habe sich bewegt und einen schwachen Laut von sich gegeben. Jemand stand auf dem Balkon und wollte sich ins Zimmer schleichen. Bayards Andeutungen kamen mir schlagartig zum Bewusstsein. Wer stand da draußen und warum?

Mein Herz schlug so wild, dass ich sicher war, man könne es draußen hören. Die Tür zum Korridor war viel weiter weg als die Balkontür und verschlossen. Würde ich das schlafende Haus aufwecken können, wenn ich jetzt schrie, bevor man mich zum Schweigen brachte? Musste ich wie erstarrt hier sitzen bleiben und meinen Patienten ermorden lassen?

Da drang noch ein schwacher Laut von der Tür her, dann war eine Pause, als lausche der Eindringling, ob ihn jemand entdeckt habe. Durch die atemlose Stille erklang das sanfte Geräusch des Regens. Der süße Duft der regennassen Rosen war überwältigend.

Und da schlug ich die Lampe vom Tisch herunter.

Ich tat es nicht absichtlich. Ich wollte aufstehen und suchte blind nach einem Halt, während meine Augen den Schatten an der Balkontür fixierten. Die Lampe fiel mit lautem Krachen auf den dicken Teppich, und die Birne zersprang. Es gab ein kratzendes Geräusch auf dem Balkon. Der Schatten war weg. »Was ist los? Schwester! Miss Keate! Was ist passiert?«

»N-nichts«, sagte ich zitternd. »Nichts.«

»Was war das für ein Geräusch?« Bayard Thatchers Stimme wurde schärfer. »Drehen Sie das Licht an. Was war das für ein Geräusch?«

Aus langgeübter Gewohnheit wollte ich meinen Patienten unwillkürlich beschützen. »Nichts«, wiederholte ich beruhigend. »Ich streckte zufällig meinen Arm aus und wischte die Lampe vom Tisch. Die Birne ist kaputt, das ist alles.«

»Ach so«, sagte er zweifelnd.

Jedenfalls machte ich jetzt einen Fehler. Statt zur Balkontür hinauszusehen und auf die Rückzugsgeräusche des Eindringlings zu achten und seine Identität auszumachen, ging ich ins Badezimmer, drehte ein kleines Licht an und ließ die Tür zum Schlafzimmer offen. Mein Patient war, benommen von den Schlafmitteln, wieder eingeschlafen, also störte ihn das Licht nicht, und ich fühlte mich sehr viel sicherer und normaler. In der Regel habe ich nachts keine Angst.

Wen wundert es, dass ich trotzdem nicht einschlief. Etwa um zwei Uhr versuchte man ein zweites Mal, in Bayard Thatchers Zimmer zu gelangen, diesmal vom Hausinnern aus. Ich hörte einen schwachen Laut auf dem Flur und dann das Knacken des Türknaufs. Es war natürlich abgeschlossen, aber ich kann meine Gefühle nicht beschreiben, als ich in dem schwachen Licht aus dem Bad dasaß und zusah, wie sich der Türknauf bewegte und drehte. Schließlich schlich ich zur Tür. Ich hörte ein Keuchen – wie ein Hund an einem heißen Tag.

Diesmal packte mich der Mut der Verzweiflung. Ich drehte den Schlüssel um, obwohl ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Meine Finger zitterten, der Schlüssel klemmte, und es vergingen mindestens zehn Sekunden, bis ich die Tür offen hatte.

Draußen war niemand.

Ein schwaches Nachtlämpchen brannte im Flur. Die Reihe geschlossener Türen und die gebohnerte Treppe, die in die Dunkelheit hinunterführte, verrieten mir nichts. Oder – doch! Hatte ich nicht eine Bewegung an der gegenüberliegenden Wand gesehen? Aber dort war nichts – außer dem Spiegel!

Er hing genau gegenüber und reflektierte die Türen, auch meine eigene. In einer dieser Türen bewegte sich etwas. Langsam und vorsichtig.

In dem Zimmer dahinter brannte kein Licht. Doch ich war sicher, dass in der schmalen Öffnung der Tür ein Gesicht lauerte, ein Paar Augen. Jemand beobachtete mich und war Zeuge meines Schreckens – im Spiegel!

Ein entsetzliches Gefühl. Schließlich schloss sich die Tür. Ich stand da wie angewurzelt. Ich habe es mir immer hoch angerechnet, dass ich den Mut hatte, auf den Flur hinauszutreten und zu zählen. Es war die zweite Tür nach dem Fenster.

Vielleicht hätte ich diese Geistesgegenwart nicht gehabt, wenn ich gewusst hätte, dass ich von einer ganz anderen Seite aus beobachtet wurde. Erst als ich mit dem Zählen fertig war, entdeckte ich, dass ein Mann am Treppengeländer lehnte und mich mit teilnahmslosen, halbgeschlossenen Augen beobachtete.

Um ein Haar hätte ich geschrien. Aber meine Stimme war weg. Lange standen wir da – ich mit der Hand auf dem Türknauf zum Patientenzimmer, er am Geländer.

Er war jung, um die dreißig, mit einer großen Ähnlichkeit mit Bayard Thatcher um Nase und Stirn. Sein Kinn wirkte unentschlossen, der Mund bleich und weich. Allmählich verging meine Angst. Dies musste der geheimnisvolle David Thatcher sein, Janices Mann.

Es war eine seltsame Situation. Keiner sagte ein Wort, keiner schien zu atmen. Er stand nur da, erschreckend bleich, müde und leblos. Ich zog mich in Bayard Thatchers Zimmer zurück und lehnte mich gegen die geschlossene Tür.

Er war nicht betrunken gewesen, dessen war ich sicher. Er hatte eher wie halb bewusstlos gewirkt, wie ein Automat. Warum wanderte er in diesem Zustand herum, mitten in der Nacht?

Überflüssig zu sagen, dass es mit dem Schlafen vorbei war. Als die Sonne aufging, hatte ich zweierlei beschlossen: erstens, dass Bayard Thatcher sehr wohl das Opfer eines Mordanschlags hätte sein können. Und zweitens, dass ich diesen Fall sofort aufgeben würde.

Ich tat es doch nicht. Ich habe noch nie einen Fall aufgegeben, obwohl ich später bitter bereute, dass ich nicht beim ersten Verdacht Fersengeld gegeben hatte.

Als die Sonne die Spitzen der Ulmen berührte, entspannte ich meine verkrampften Muskeln und ging das Badezimmerlicht ausschalten. Als ich zurückkam, bewegte mein Patient den verletzten Arm und murmelte etwas. Ich trat ans Bett im Glauben, er habe gerufen. Er schlief immer noch. Als ich mich über ihn beugte, hörte ich ihn deutlich sagen:

»Verdammter Allen Carick!« Und dann, mühsam: »Nitas Grab!«

Ich weiß genau, dass er das sagte. Ich habe es mir seither immer wieder überlegt! Er sprach mühsam, als fiele ihm das Reden schwer, aber das tun alle, die im Schlaf sprechen, und wie gesagt – die Worte waren genau zu verstehen.

Dann stammelte Bayard noch etwas, bewegte sich wieder, öffnete die Augen und sah mich misstrauisch und erstaunt an. »Wer, um Himmels willen …« Sein Gesicht erhellte sich. »Natürlich, Sie sind die Krankenschwester! Sie sehen mit Ihrem aufgelösten Haar wie eine Walküre aus. Ich bekam einen Schreck. Ich habe – geträumt.«

»Was haben Sie geträumt?« Ich ging mein Häubchen holen.

»Absurdes Zeug. Es hat heute Nacht geregnet, nicht wahr?«

»Ja, es regnete.«

Ich setzte mir mein Häubchen auf und trat zur Balkontür. Der regennasse Garten sah sauber und hell und heiter aus, als ob er sich eben gewaschen hätte.

Mein nächtlicher Schreck wurde unwirklich. Ich sah mich auf dem Balkon um. Der Liegestuhl stand zusammengeklappt an der Wand. Und auf dem Boden lag ein Dreckklumpen, wie ein Fußabdruck, aber ohne feste Umrisse. Gestern war der Balkon fleckenlos sauber gewesen. Und außerdem lag da ein feuchter weißer Umschlag.

Später interessierte mich vor allem der säuberlich zusammengeklappte und an die Wand gestellte Liegestuhl. Ich hatte ihn offen stehen gelassen, und seither war niemand aus dem Zimmer auf den Balkon gekommen. Ein gewöhnlicher Dieb hätte sich sicherlich nicht die Mühe gemacht, ihn wegzustellen. Ich bückte mich nach dem Umschlag. Er war weder adressiert noch zugeklebt. Ich öffnete ihn.

3

»Was ist das?«, fragte Bayard scharf. »Was ist das?«

Ich hatte das Blatt schon herausgenommen, ein gewöhnlicher gefalteter Bogen, auf dem seltsamerweise gar nichts stand.

»Geben Sie ihn mir!«, befahl Bayard Thatcher. »Er ist für mich. Was fällt Ihnen ein, ihn zu öffnen und zu lesen?«

»Er ist weder an Sie noch sonst jemand adressiert. Es ist nur ein Stück weißes Papier!«

Hastig nahm er es entgegen, betrachtete es und sah mich wütend an. »Es war was darin! Sie haben es genommen!«

»Was fällt Ihnen ein!«

Vielleicht überzeugte ihn meine helle Empörung. Jedenfalls lächelte er plötzlich, als sei ihm eine Erklärung eingefallen.

»Werfen Sie es in den Papierkorb, Miss Keate! Nur wieder ein Versuch, mich hereinzulegen.« Er lächelte den Bettpfosten an. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass der Jemand, der Bayard Thatcher so entschlossen ins Jenseits befördern wollte, vielleicht seine guten und ausreichenden Gründe hatte. Ab und zu trat ein Ausdruck in seine gelbgrauen Augen, der mir einen Schauder über den Rücken jagte. Jeder andere in Lebensgefahr wäre nervös gewesen. Daher mochte ich nicht, wie er jetzt mit mir sprach.

Trotzdem, Pflicht ist Pflicht.

»Sehen Sie, Mr. Thatcher, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie recht haben könnten mit Ihrer Behauptung von gestern, dass jemand im Haus Sie zu ermorden versucht.«

»Nicht im Haus, Miss Keate«, warf er ein. »Ich sagte ›jemand von der Familie‹. Jedenfalls wollte ich das sagen.«

»Also gut, jemand von der Familie. Obwohl ich es immer noch nicht ganz glauben kann. Dennoch – können wir etwas dagegen unternehmen?«

»Sie können sicher sein, dass ich nicht selbst auf mich schoss, Miss Keate«, sagte er trocken. »Warum haben Sie Ihre Meinung geändert? Was hat Sie heute Nacht erschreckt?«

Ich erzählte es ihm kurz, ohne meine Begegnung mit Dave Thatcher – oder dem Mann, den ich für Dave Thatcher hielt – und meine Angst zu erwähnen. Er hörte interessiert zu, war aber nicht besonders besorgt.

»Was schlagen Sie vor, dass wir tun sollen?«

»Erzählen Sie es Ihrer Familie. Und dem Arzt. Rufen Sie die Polizei!«

»Meiner Familie?«, fragte er spöttisch. »Die weiß es schon. Und der Doktor auch. Und hier draußen gibt es keine Polizei. Wir haben nur einen Sheriff. Und einen Constable, der den Posten bekam, als seine Pferde sich nicht mehr rentierten. Der Sheriff baute sein Haus mit Hypotheken von Hilarys Bank.«

»Holen Sie einen Detektiv aus der Stadt.«

Er lachte und gab nicht mal eine Antwort.