Verlag: Feelings Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Kim & Liam – Für immer Du E-Book

Madlen Schaffhauser  

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E-Book-Beschreibung Kim & Liam – Für immer Du - Madlen Schaffhauser

Die bittersüße Liebesgeschichte von Kim und Liam - ein Band, das stärker sein muss als die Erdanziehung, und Gefühle, die weiter reichen als unsere Galaxie. »Ich weiß, wie es sich anfühlt, am Abgrund zu stehen. Ich weiß, wie es ist, dem Tod nah zu sein. Ich weiß, was es bedeutet, zu kämpfen. Ums Überleben, aber nicht um die Liebe.« Nach jahrelangem Kampf hat Kim endlich ihre Krankheit besiegt, trotzdem macht ihr die Zukunft Angst. Bis sie Liam kennenlernt. Ausgerechnet den dunklen und verschlossenen Astronauten, der mehr Geheimnisse mit sich herumträgt, als gut für sie ist. Dennoch hält Kim zu ihm, denn er zeigt ihr, was es heißt, geliebt zu werden. Aber dann kommt der Tag, an dem das Schicksal seine eignen Pläne macht. Kim braucht Liam mehr als jemals zuvor, doch seine Dämonen aus der Vergangenheit sind stark. Stärker als die Liebe zu Kim? »Kim & Liam« von Madlen Schaffhauser ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite. Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte – wir freuen uns auf Dich!

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E-Book-Leseprobe Kim & Liam – Für immer Du - Madlen Schaffhauser

Madlen Schaffhauser

Kim & Liam  – Für immer du

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

»Ich weiß, wie es sich anfühlt, am Abgrund zu stehen. Ich weiß, wie es ist, dem Tod nah zu sein. Ich weiß, was es bedeutet, zu kämpfen. Ums Überleben, aber nicht um die Liebe.«

Nach jahrelangem Kampf hat Kim endlich ihre Krankheit besiegt, trotzdem macht ihr die Zukunft Angst. Bis sie Liam kennenlernt. Ausgerechnet den dunklen und verschlossenen Astronauten, der mehr Geheimnisse mit sich herumträgt, als gut für sie ist. Dennoch hält Kim zu ihm, denn er zeigt ihr, was es heißt, geliebt zu werden. Aber dann kommt der Tag, an dem das Schicksal seine eigenen Pläne macht. Kim braucht Liam mehr als jemals zuvor, doch seine Dämonen aus der Vergangenheit sind stark. Stärker als die Liebe zu Kim?

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel
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1. Kapitel

Ich stehe vor meinem dreitürigen Kleiderschrank und betrachte mich im Spiegel, der in der Mitte angebracht ist. Ich trage das kurze dunkelgrüne Kleid, das meine beste Freundin für den heutigen Abend für mich ausgesucht hat. Sie meinte, dass es mir stehen würde. Ich muss ihr recht geben. Es hebt meine, wie ich finde, schönsten Merkmale hervor: meine grünen Augen und meine langen Haare. So hübsch wie heute habe ich mich schon seit Jahren nicht mehr gefühlt.

Meine roten Locken fallen mir über die Schultern auf den Rücken. Auch das ist schon lange her. Wie ich aussah, als mir die Haare büschelweise ausfielen, daran möchte ich lieber nicht erinnert werden. Also gehe ich ins Bad, nehme schnell meine Schminke und lege dezentes Make-up auf.

Da höre ich ein Klopfen, einen Schlüssel im Schloss und dann das Öffnen der Tür. Es folgt ein »Hallooo?«, und schließlich ertönen tapsende Schritte auf dem Flur.

»Kim? Wo steckst du? Bist du endlich fertig?«, ruft Madison.

»Gib mir noch fünf Minuten!«

Als sie mich sieht, werden ihre Augen ganz groß. Meine Freundin bleibt im Türrahmen stehen, und es entweicht ihr ein begeistertes »Wow, du siehst so was von hammermäßig aus.«

Ich muss schmunzeln und sage lächelnd: »Jetzt trägst du aber dick auf.« Ab und zu hat meine Freundin einen Hang zur Übertreibung. Egal, ihr Kompliment tut mir gut.

»Wenn du meinst«, gibt sie locker zurück.

Als ich nun durch den Spiegel zu ihr sehe, fällt mein Blick geradeswegs auf ihre braunen tränenfeuchten Augen.

»Nicht weinen.« Ich lege meine Schminkutensilien zur Seite und gehe zu ihr.

Mit ihren eins fünfundsechzig ist sie nur ein Stückchen kleiner als ich. Ihre Haare, die sie seit einiger Zeit blond trägt, sind ein paar Zentimeter länger als meine. Und manchmal beneide ich sie um ihre bronzefarbene Haut, welche auf ihre kubanischen Wurzeln hindeutet.

Schnell wischt sie sich die Augen trocken. »Mach ich nicht. Es ist nur …«

»Ich weiß, was du sagen willst. Aber sieh mal …« Ich breite die Arme aus. »… ich bin hier, und ich bin gesund.«

»Ja, das bist du.« Ich kann die Erleichterung in ihrer Stimme hören. Sie ist eine unbezahlbare Freundin, die ich für nichts und niemand auf der Welt hergeben würde.

Wir drücken uns kurz, dann gehe ich wieder zu meinem Schminktisch zurück. »Verrätst du mir endlich, wo es heute hingeht?«

»Nee, ich lass dich lieber noch ein bisschen zappeln. Wann kommt Nate?«

»Der müsste gleich hier sein.«

»Habt ihr mich vermisst?«, ertönt eine tiefe Männerstimme aus dem Flur.

Vor Schreck lasse ich fast die Augenbrauenbürste fallen, während Madison einen lauten Schrei von sich gibt und sich wie ein aufgescheuchtes Huhn um die eigene Achse dreht. Mein breitschultriger Bruder steht mit einem frechen Grinsen genau hinter ihr. Er überragt sie mindestens um einen Kopf.

»Mann, kannst du das nicht endlich mal lassen?« Sie drückt sich eine Hand auf die Brust.

»Eigentlich nicht. Dein Anblick, wenn du erschrickst, ist einfach zu bezaubernd.«

Nate kann sich ein Lachen nicht verkneifen, schon boxt Madison ihm gegen seine Schulter. »Du kannst manchmal wirklich ein Arsch sein.«

»Aber ein süßer«, gibt er neckisch zurück und streicht sich die dunklen Haare mit leichtem Rotstich, die er etwas länger trägt, hinter die Ohren.

»Bilde dir ja nichts ein.«

Er zwinkert mit seinen grünen Augen – die meinen sehr ähnlich sind –, woraufhin Madison ihre verdreht.

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie wären das perfekte Paar. Sie haben es vor Jahren mal versucht, allerdings ging das in die Hose. Zum Glück verstehen sie sich nach wie vor wie Bruder und Schwester. Dies ist vermutlich der Grund, weshalb es zwischen den beiden nicht klappt.

»Können wir?«, fragt mich Nate, nachdem er erst Madison, dann mir einen Kuss auf die Wange gedrückt hat.

»Ich bin bereit.« Ich hole meine Clutch und ziehe meine Lieblings-High-Heels an.

Als ich den anderen nach draußen zu Nates Auto folge, empfängt mich der Novemberabend mit einer angenehmen Milde. Gerade als ich die Beifahrertür öffnen will, ruft jemand meinen Namen. Ich drehe mich um und sehe Ms. Kinsley, eine zierliche, liebenswürdige ältere Dame mit weißen Haaren. Sie kommt, auf einen Gehstock gestützt, zu uns rüber.

Mit der finanziellen Unterstützung meiner Eltern – die auch Nate erhalten hat – habe ich die Möglichkeit bekommen, mir ein eigenes Heim zu kaufen. Vor zwei Jahren bin ich neben Ms. Kinsley eingezogen, in ein einfaches, aber hübsches Haus. Ich habe mich sofort in diese Gegend verliebt. Es ist ruhig, nette Menschen leben um mich herum, und in wenigen Minuten ist man im Zentrum von Orlando.

»Wie war Ihre Reise?«, frage ich meine Nachbarin, als sie bei uns angekommen ist.

»Sehr schön. Meine Schwester hat sich über meinen Besuch gefreut.«

»Wollten Sie nicht erst morgen wieder zurück sein?«

»Doch, doch. Aber neun Tage bei meiner Zwillingsschwester waren schon mehr als genug.« Sie fängt herzhaft an zu lachen, wobei ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken kann. »Ich werde dir ein andermal mehr erzählen. Ich wollte mich bedanken, dass du nach meinen Katzen geschaut hast.«

»Hab ich gern gemacht.«

Ms. Kinsley legt mir eine Hand auf den Arm. »So, jetzt möchte ich euch nicht länger aufhalten. Wie es aussieht, wollt ihr wegfahren. Gibt es was zu feiern?

»Kann man so sagen.«

»Hmm, dein Geburtstag kann es wohl schlecht sein. Der ist erst wieder in … warte mal.« Sie legt ihren Daumen ans Kinn, mit dem Zeigefinger fährt sie sich über die Lippen, während sie nachdenkt. »In gut sieben Monaten«, sagt sie schließlich. »Also muss es etwas anderes sein.« Ms. Kinsley hebt eine Augenbraue und wartet auf eine Antwort. Sie mag manchmal ein klein wenig neugierig sein, doch das macht sie nur liebenswerter.

»Es ist jetzt sieben Jahre her«, helfe ich ihr auf die Sprünge.

»Oh.« Sie legt sich die Hand flach auf die Brust. »Wie konnte ich das nur vergessen? Wir werden auch noch darauf anstoßen.« Sie tätschelt meinen Arm. »Abgemacht?«

»Abgemacht.«

»Wo geht’s denn hin?«

»Das wollen sie mir nicht verraten.«

»So, so«, meint sie lächelnd und späht um mich herum ins Wageninnere zu Nate und Madison.

»Hallo, Ms. Kinsley«, begrüßen die beiden meine Nachbarin fast gleichzeitig.

»Wollen Sie uns begleiten?«, fragt Nate. »Wir werden etwas tanzen gehen.«

»Ich mit meinen müden Knochen? In einen Klub, wo man die Hüften schwingen muss? Nein, nein, mein Lieber. Wenn ich jedoch etwas jünger wäre, würde ich mir die Gelegenheit, mit dir das Tanzbein zu schwingen, nicht entgehen lassen.« Die ältere Frau zwinkert meinem Bruder zu. »Amüsiert euch gut.« Sie streckt sich und wendet sich dann wieder an mich. »Passt auf euch auf«, meint sie und macht einen Schritt zurück, damit ich einsteigen kann.

»Immer. Schönen Abend, Ms. Kinsley.«

»Macht’s gut.«

Als wir von der Ausfahrt rollen, winkt sie uns zum Abschied zu.

»Also, wo geht’s nun hin?«, frage ich, kaum dass wir auf dem East Colonial Drive fahren.

»Erst einmal werden wir uns den Magen füllen.« Madison liebt es, wenn sie mich auf die Folter spannen kann. »Dann lassen wir die Korken knallen.«

 

Nate fährt uns eine halbe Stunde lang durch die Stadt. Schließlich hält er auf der anderen Seite von Orlando. »Da wären wir.«

Little Italy steht an der Hausfassade.

»Hier waren wir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr«, sage ich, nachdem wir ausgestiegen sind.

»Dann ist es wohl höchste Zeit«, meint Nate.

»Du sagst es«, erwidere ich und gehe zwischen meiner besten Freundin und meinem Bruder auf den Eingang zu.

Eine angenehme und freundliche Atmosphäre begrüßt uns, sobald wir im Hausinnern stehen. Sofort eilt eine Angestellte herbei und bringt uns an einen reservierten Tisch am Fenster. Noch ehe die Kellnerin nach unseren Getränkewünschen fragen kann, bestellt Nate eine Flasche Champagner und Wasser. Wenige Minuten später kehrt sie mit unserer Bestellung zurück.

»Und, wie fühlst du dich?«, fragt Nate, als wir unsere Getränke bekommen haben.

»So wie gestern und vorgestern und vorvorgestern. Nur etwas freier.«

»Manchmal habe ich das Gefühl, es wäre erst kürzlich gewesen«, meint er gedankenverloren.

Ich weiß genau, was er damit sagen will. »Und wenn man die Jahre zählt, die seit damals vergangen sind, kann man kaum fassen, wie lange es tatsächlich her ist.«

Mein Bruder und ich versinken in jenem Augenblick, der unser beider Leben auf den Kopf gestellt und uns die Erkenntnis gebracht hat, dass es noch lange dauern würde, bis wieder Normalität einkehren könne.

»Darum feiern wir jetzt und lassen diese Zeit hinter uns.« Madison, unsere Stimmungsmacherin, hebt ihr Glas mit der prickelnden Flüssigkeit. Doch so beschwingt sie sich auch gibt, in ihren Augen schimmern Tränen. Sie hat ebenso gelitten, und das nur meinetwegen.

Ich hebe ebenfalls das Glas. »Ich möchte euch danken. Für euren Mut, eure Unterstützung, eure guten Worte und eure Freundschaft. Ich werde euch niemals zurückgeben können, was ihr für mich getan habt …« Ich lege meine Hand auf Nates und sehe ihm tief in die Augen. »… oder was ihr mir geschenkt habt.« Ich stoße mit meinem Glas gegen das von Madison und Nate. »Auf die Gesundheit.«

»Auf meine Schwester«, prostet Nate.

»Auf das Leben«, jubelt Madison.

Das erste Glas ist im Nu leer. Das zweite sollte ich langsamer angehen. Ich bin es nicht gewohnt, so viel Alkohol zu trinken. Als ich alt genug war, um in Klubs oder Bars alkoholische Getränke konsumieren zu dürfen, erlaubte es mir mein Körper nicht. Und später blieb es meistens bei einem Cocktail oder etwas Wein. Aber heute, heute habe ich allen Grund zu feiern, und das möchte ich so richtig auskosten.

»Du wirst diesen Abend dein Leben lang nicht mehr vergessen«, meint Nate glücklich lächelnd.

»Vielleicht läuft dir heute dein Traumtyp über den Weg.« Das kann nur von Madison kommen.

»Ja, ja, und ihr könnt mir ja endlich verraten, wo es hingeht.« Ich sehe zuerst meinen Bruder, dann meine Freundin bettelnd an. Erfolglos.

»Haben Sie schon etwas ausgesucht?«, unterbricht die Kellnerin unsere Unterhaltung.

Madison zeigt auf ihre Karte. »Mir bitte die gefüllten Teigwaren mit Huhn und Spinat.«

»Das Kalbfleisch«, sagt mein Bruder kurz.

»Ich nehme das vegetarische Angel Hair«, bestelle ich als Letzte.

»Was ist denn das?«, fragt mich Madison mit gerunzelter Stirn, sobald die Kellnerin wieder weg ist.

»Gemüse, Käse und Soße.«

Wir trinken den Champagner und reden und lachen über die guten und schönen Dinge, die wir in den letzten Jahren miteinander erlebt haben, um die schlechte Zeit zu vergessen. Nate plaudert über seinen Job als Vermögensberater. Ohne ihre ärztliche Schweigepflicht zu verletzen, erzählt Madison von ihren Patienten, die durch eine schlimme Krankheit das Sprechen verlernt haben oder an irgendeiner Sprachstörung leiden und die mit Madison als Logopädin die Sprachlaute neu erlernen. Und ich … ich wiederhole die Sprüche meiner genervten Schüler, die meckern, ich wäre zu streng.

Ich fühle mich so großartig wie seit Langem nicht mehr. Als uns das Essen gebracht wird, tupfe ich mir gerade Lachtränen aus den Augenwinkeln. Unsere Bedienung stellt schmunzelnd unsere Gerichte hin, wünscht uns einen guten Appetit und geht weiter an den nächsten Tisch.

Unser Essen sieht nicht nur fabelhaft aus, es riecht auch so. In den nächsten Minuten machen wir uns schweigend über unsere Teller her. Ich genieße jeden Bissen und die Zeit, die ich mit zwei der wunderbarsten Menschen verbringen darf. Ganz gleich, ob wir das redend oder im Stillen tun. Ihre und meine Anwesenheit ist das Ausschlaggebende.

»Puh, ich krieg echt nichts mehr runter.« Madison schiebt ihren halb leeren Teller weg.

Mein Gemüseauflauf ist köstlich, trotzdem ringe auch ich mit meinem Menü. Ich leere mein Champagnerglas, das Nate sogleich nachfüllt, ehe ich ihn frage: »Willst du noch etwas von meinem Angel Hair?« Schon ist seine Gabel auf dem Weg zu meinem Teller.

»Wo steckst du bloß dieses ganze Essen hin? Ich würde aufgehen wie ein Ballon, wenn ich so viel in mich reinstopfen würde«, stellt Madison fest, als Nates Teller leer ist und er sich abermals eine Gabel voll Engelshaar nimmt.

»Guter Stoffwechsel und viel Sport.«

Nate verbringt seine Freizeit größtenteils im Fitnesscenter. Das sieht man auch. Sein Körper ist muskulös und sehr durchtrainiert. Die Frauen stehen bei ihm Schlange. Und auch wenn er gerne flirtet, die Aufmerksamkeit der Frauen mag, so sucht er doch nach der Einen, nach der Richtigen. Nicht so wie sein Kumpel Rico, wie ich vor Jahren feststellen musste.

Die Geschichte zwischen Rico und mir hatte nie wirklich eine Zukunft. Sie war mehr so eine Art Therapie für mich. Daher hat es mich auch nicht sonderlich hart getroffen, als ich erfahren habe, dass er mich betrogen hat. Nate hat fast mehr damit gekämpft. Er hätte seinen Freund liebend gern krankenhausreif geschlagen. Ich konnte ihn glücklicherweise davon abhalten. Allerdings hat Nate noch heute nicht damit abgeschlossen, während ich die Zeit zu wertvoll finde, um Rico diesen Ausrutscher, wie er ihn nannte, nachzutragen. Selten kommt es vor, dass ich meinem Ex begegne. Dann begrüße ich ihn, wir unterhalten uns kurz, danach gehen wir wieder getrennte Wege, und alles ist gut.

»Wollen wir?« Nate sieht uns zwei Frauen auffordernd an und klopft sich auf den Bauch. »Ich muss das viele Essen abarbeiten gehen.«

»Und feiern«, wirft Madison sogleich ein.

»Ich weiß nicht, mir ist etwas schwindelig. Ich glaube, ich habe zu viel Champagner getrunken.« Ich spüre, wie der Alkohol durch meinen Körper geht und sich in meinem Kopf festsetzt. »Vielleicht wäre es besser, wenn ihr mich nach Hause bringt.«

»Kommt überhaupt nicht in die Tüte.« Meine Freundin legt ihre Hand unter meinen Oberarm und zieht mich vom Stuhl. »Wir haben uns noch gar nicht richtig begossen. Das kommt erst noch.«

»Oh.« Mein Mund verzieht sich zu einem dümmlichen Grinsen, als ich auf die Füße komme und alles ein wenig zu schwanken anfängt. »Meinst du, das ist klug?«

»Heute spielt es keine Rolle, ob klug oder nicht.«

Wir gehen zu Nates Camaro. Madison setzt sich nach hinten, Nate ans Steuer und ich neben ihn. Gleich darauf fahren wir in Richtung City.

»Wir haben den besten Grund, uns volllaufen zu lassen. Einmal im Leben dürfen wir das«, meint Nate.

»Einmal?«, fragt Madison von der Rückbank und mit hochgezogener Stirn.

»Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von euch.«

Nate schaut manchmal etwas tiefer ins Glas, als gut für ihn ist, doch die Nachwehen einer durchzechten Nacht lassen ihn dann wieder für eine Weile eine Pause einlegen. Ich mag vielleicht nicht so viel trinken wie andere, aber ich werde feiern.

»Willst du raten?« Meine Freundin zieht sich an den vorderen Sitzen zu uns, bis ihr Kopf zwischen Nate und mir positioniert ist.

Seit zehn Minuten sind wir unterwegs, und ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, wo es hingehen soll. Langsam werde ich ungeduldig. »Du kannst echt hässlich sein.«

Nate fällt in ein schallendes Lachen, in das ich nur miteinsteigen kann.

»Du hast soeben deine Chance vertan«, meint Madison von der hinteren Bank, während mein Bruder auf dem International Drive von einer Spur auf die andere wechselt.

»Wenn du wählen könntest, was würdest du heute gern machen?«, will Nate wissen.

»Kommst du nicht etwas spät mit dieser Frage?« Ich möchte ihn nur ein wenig ärgern, so, wie die beiden hier im Auto mich nerven wollen.

»Okay, Punkt an dich«, sagt Nate und schlängelt seinen Camaro weiter durch den Verkehr.

»Tanzen«, sage ich in der nächsten Sekunde. »Heute spielt ein angesagter DJ im Venue. Ursprünglich wollte ich mit euch da hin, allerdings waren die Tickets schon längst weg, als ich buchen wollte. Daher habe ich es Madison überlassen, den heutigen Abend zu planen.«

»Vielleicht besuchen wir ja etwas Ähnliches«, meint meine Freundin mit einem schelmischen Grinsen.

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2. Kapitel

Wir drängeln uns durch die Innenstadt, die Straßen sind übersät mit Autos. Wir kommen nur langsam voran, was jedoch keineswegs unsere Stimmung beeinträchtigt. Als Nate dann nach rechts abbiegt, fällt mir nach einigen Metern die Kinnlade runter. Ich sehe eine lange Menschenschlange vor einem Gebäude stehen, genauer gesagt vor dem Venue. »Ihr habt mich reingelegt. Ihr habt mich reingelegt«, wiederhole ich ungläubig und dennoch: »Ich hätte es wissen müssen.«

»Du kennst uns doch.« Madison freut sich bis über beide Ohren, dass ich bis zum Schluss nicht dahintergekommen bin, wo sie mich heute hinführen wollen.

»Ja, ich kenne euch, und trotzdem habe ich nicht geschnallt, wo es hingehen sollte. Wie bist du an die Tickets gekommen?«

»Ach, die hatte ich schon, bevor du mir überhaupt etwas von diesem DJ, auf den du so abfährst, gesagt hast«, tut sie meine Frage mit einem einfachen Handwinken ab.

»Ich fahre nicht auf ihn ab. Ich finde nur seine Musik gut.«

»Na dann, vielleicht gibt es ja noch andere Leckerbissen da drin.« Sie zeigt mit ihrem Kopf auf den Eingang des Nachtklubs.

Nate biegt um die nächste Ecke und fährt auf den Parkplatz. Er findet eine Parklücke in der ersten Reihe, obwohl sonst der ganze Platz mit Autos vollgestellt ist.

»Schon seltsam, dass es hier noch eine freie Stelle gibt«, äußere ich meinen Gedanken, gerade, als mein Blick am Ende des Parkfeldes auf eine Tafel fällt, auf der mein Name steht. »Nicht wahr, oder?«, frage ich ungläubig.

»Wir wollten diesen Abend zu etwas Besonderem machen und dich so gut wie möglich verwöhnen, also haben wir einen Platz für unser Auto reserviert, damit wir nicht so weit zum Eingang gehen müssen.« Nate grinst über das ganze Gesicht. Wahrscheinlich, weil alles so funktioniert, wie sie es geplant haben.

»Kommen noch andere Überraschungen?«

»Hmm, mal überlegen.« Madison verzieht ihren Mund und fährt sich mit ihrem Zeigefinger nachdenklich über das Kinn. Als müsste sie tatsächlich darüber nachgrübeln, ob sie noch mehr organisiert haben.

»Schon gut, schon gut«, sage ich lachend und steige aus. »Aber mein Name wird in dieser Nacht nicht über Lautsprecher ausgerufen«, warne ich die beiden, als ich auf meinen Füßen stehe. »Versprecht es mir.« Ich warte mit verschränkten Armen auf ihre Antworten.

Nate hebt seine rechte Hand wie zum Schwur. »Keine Bange, Schwesterchen.«

»Okay, nicht in dieser«, meint Madison mit einem linkischen Schmunzeln und hakt sich bei mir unter.

»Ich meine es ernst«, sage ich. Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen, und das weiß meine Freundin genau.

»Ich auch. Wir haben nichts, rein gar nichts in dieser Art geplant. Ehrenwort.« Madison tätschelt meinen Arm, als wir auf die Ansammlung von Menschen zugehen.

»He, wir müssen hier anstehen.« Ich zerre an ihrer Hand, während sie und Nate am Ende der Schlange vorbeischlendern wollen. »Oder gehen wir doch nicht hinein?«, frage ich etwas enttäuscht.

»Doch, doch. Nur nehmen wir heute eine Abkürzung«, ruft mein Bruder über die Schulter.

»Abkürzung?« Ich verstehe nur Bahnhof, trotzdem gehe ich den anderen beiden hinterher.

»Entschuldigung, Entschuldigung, könnten wir mal durch«, sagt Nate zu den anderen Wartenden.

Madison und ich wiederholen sein Pardon und quetschen uns ihm nach. Mir ist das gar nicht recht, insbesondere, als ein schnaubendes Gemurmel hinter uns ausbricht. Umso erleichterter bin ich, als Nate etwas zu dem kräftigen, grimmig dreinschauenden Türsteher sagt, der uns daraufhin kurzerhand den Durchgang freimacht.

Drinnen dröhnt pumpende Musik aus den Boxen. Auf der Tanzfläche bewegen sich bereits zahlreiche Menschen, und an den Bars stehen ebenso viele an, um Getränke zu bestellen.

»Das Nichtanstehen war das Zweitletzte, was wir organisiert haben«, schreit mir Nate über die Musik hinweg zu. »Kommt.« Er geht zur Treppe, die in den zweiten Stock hinaufführt, wo sich der VIP-Bereich befindet.

Ich weiß, was jetzt folgt, kann es dennoch nicht glauben. »Ihr seid die Besten«, rufe ich ihnen zu, als wir oben ankommen. »Das ist echt cool.« Ich wollte schon immer mal in den oberen Bereich, fand es jedoch stets zu teuer.

Es gibt gerade mal eine Handvoll Sofas, die alle so platziert sind, dass man durch ein Geländer aus Glas nach unten auf die Tanzfläche sehen kann. Auf der anderen Seite des Raumes steht eine etwas kleinere Ausgabe der unteren Bar.

Erst zwei der gepolsterten Ledermöbel sind besetzt. Wir setzten uns neben eine Gruppe, bestehend aus drei Mädchen und drei Jungen, die alle bereits ausgelassen feiern.

Kaum berühren meine nackten Beine das Leder, fragt Nate: »Was zu trinken?«

»Eine Margarita«, sage ich nach einer kurzen Überlegung. Mir ist einfach danach, mich ein wenig gehen zu lassen, und da sich der Champagner von vorhin schon ein bisschen abgebaut hat, kommt ein Cocktail genau richtig.

Madison hebt zwei Finger in die Höhe. »Bring gleich zwei.«

Nate verbeugt sich vor uns. »Euer Wunsch ist mir Befehl.«

Madison zwinkert ihm mit einem zuckersüßen Lächeln zu, dann sehen wir ihm nach, wie er zur Bar geht.

Ich liebe die Musik, die heute gespielt wird. Was ich aber weniger mag, sind die vielen Menschen. Zwischen verschwitzten Körpern herumzutanzen, sich möglicherweise von einem schleimigen Typen betatschen zu lassen, ist nicht gerade mein Ding. Daher bin ich froh, dass wir in einem abgetrennten Raum feiern und trotz allem die rhythmische Musik hören und uns bewegen können, ohne dabei von jemandem angerempelt oder in die Enge getrieben zu werden.

Nate und Madison hätten den Abend nicht besser planen können. Es ist fantastisch und ich bin mehr als glücklich, mit ihnen hier zu sein. Das wäre vor neun Jahren nicht möglich gewesen. Deshalb kann ich nicht in Worte fassen, wie ich mich in diesem Moment fühle. Jedenfalls bin ich gerührt.

Ich sitze am linken Rand, Nate zwischen mir und Madison. Die beiden lachen gerade über irgendwas, was Nate ihr erzählt haben muss. Mein Bruder und meine beste Freundin scheinen sich ebenso zu amüsieren wie ich mich, was meine Stimmung noch mehr hebt. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Meine zweite Margarita schwappt fast über, als ich mein Glas hebe. Meine Gesellschaft sieht mich freudestrahlend an.

»Danke.« Ob sie meine geflüsterte Dankbarkeit hören konnten, glaube ich kaum. Trotzdem sehe ich in ihren Gesichtern, wie berührt und gleichzeitig überglücklich sie sind – Gefühle, die meine eigenen genauestens widerspiegeln.

Sie heben ebenfalls die Gläser. »Auf Kim!«, rufen sie gemeinsam.

Mein Herz überschlägt sich mehrmals. Ich bin einfach zu aufgewühlt, und mir kommen beinahe die Tränen. Nur beinahe. Ich kann sie gerade noch zurückhalten.

Als mein Cocktail weg ist, stelle ich das leere Glas vor uns auf den Tisch und nehme Madisons Hand, damit sie mit mir tanzen geht. So kann Nate endlich mit dem hübschen Mädchen von unserem Nachbarsofa flirten, das er seit geraumer Zeit immer wieder angrinst und mit ihm stille Blicke austauscht.

Madison und ich verdrücken uns in eine ruhigere Ecke, wo wir unbeschwert unsere Hüften kreisen lassen können, während wir verstohlen die anderen Klubgänger beobachten. Wir sind noch keine zwei Minuten von unserer Couch aufgestanden, schon sitzt das besagte zierliche Mädchen mit den langen schwarzen Haaren bei meinem Bruder. Anscheinend verstehen sie sich gut, so, wie die beiden grinsen.

»Der lässt auch nichts anbrennen«, meint Madison. Nicht, dass sie eifersüchtig wäre. Es ist nur eine Tatsache.

»Sie macht einen netten Eindruck«, sage ich.

»Und sie ist hübsch.«

Ich muss schmunzeln. »Ja, und hübsch.«

Mittlerweile haben sich weitere Gäste im Raum versammelt. Alle Sofas sind jetzt besetzt, und an der Theke der Bar stehen so viele Durstige, die darauf warten, bedient zu werden, dass der Barkeeper alle Hände voll zu tun hat. Auch unten ist die Tanzfläche inzwischen rappelvoll. Voll mit tanzenden, pfeifenden und klatschenden Menschen.

»Hast du den da schon gesehen?« Meine Freundin nickt unauffällig zu einer Männerbande, die ein paar Schritte vor uns steht und wie es scheint, einen Geburtstag feiert.

»Welchen meinst du?«

»Den mit der blonden Mähne.«

Ich drehe mich einmal im Kreis und bewege meine Hände zur Musik. »Sieht nicht übel aus«, sage ich, als ich zur Gruppe sehe, aber mein Blick bleibt an einem anderen Gesicht hängen.

Er hat kurze schwarze Haare, die ihm wild ins Gesicht hängen. Seine Nase ist nicht zu klein und nicht zu groß. Sie hat einen leichten Bogen. Und dann seine Augen. Mir stockt der Atem, als meine die seinen finden. Zwei leuchtend blaue Punkte sehen mich geradewegs an. Schnell wende ich den Blick ab, trotzdem spüre ich seinen auf mir. Verlegen starre ich auf meine Füße, dann folge ich mit den Augen den Lichtern, die über die Wände, Tische und die Menschen auf der unteren Etage hinwegfahren. Bloß damit ich nicht mehr in seine Richtung sehe.

»Hörst du mir überhaupt zu?« Madison kneift mich in die Seite.

»Wie? Was?« Erschreckt starre ich sie an.

»Du bist ja eine tolle Freundin!«, ruft Madison aus.

»Tut mir leid«, sage ich, obwohl ich gar nicht weiß, warum ich mich entschuldige.

»Ich habe nur einen Witz gemacht. Beruhige dich.« Sie strahlt über das ganze Gesicht, woraufhin ich noch weniger verstehe. »Gut, dass wir nicht auf den gleichen Typ stehen.«

»Hä?«

»Jetzt sei doch nicht so schwer von Begriff.« Sie nickt abermals in Richtung der Männergruppe. »Du Schwarzschopf, ich Blondie.«

»Stimmt doch gar nicht.« Ich klinge wie ein Schulmädchen.

»Ich glaube, er ist ebenso von dir angetan wie du von ihm.«

Noch immer fehlt mir der nötige Mut, um den Adonis von Mann, der von einer Sekunde auf die andere meine Sinne durcheinandergebracht hat, anzusehen. »Wie kommst du darauf?«

»Er guckt ständig zu dir rüber.«

Zwar tanze ich nach wie vor, aber meine Bewegungen stimmen nicht mehr mit dem Takt der Musik überein. Ich möchte mich nicht zur Lachnummer machen, also schaukle ich nur noch vage meine Hüften hin und her.

Ich beobachte meine Freundin, wie sie ungeniert zu den Männern hinübersieht. Manchmal beneide ich sie für ihre Schamlosigkeit. Erst nach weiteren Minuten, in denen ich überall hinsah, nur nicht zum Schwarzschopf, wie ihn Madison genannt hat, wage ich einen zweiten Blick auf ihn.

Keine Frage, es ist unhöflich, jemanden anzugaffen, und doch sehe ich ihn an, als wäre er der einzige Mensch im ganzen Universum. Ich kann nicht anders. Irgendetwas an ihm zieht mich einfach magisch an.

Sein graues T-Shirt spannt sich über seinem Bizeps. Es liegt eng an seiner Brust, wodurch ich eine Ahnung von seinem durchtrainierten, muskulösen Körper bekomme. Doch auch seine langen Finger faszinieren mich.

Ich wandere mit zögerlichem Blick von seinen Händen über seine Arme bis zu seinem Hals. Dort hole ich einmal tief Atem, ehe ich meinen Kopf ein kleines Stück anhebe, um in sein Gesicht zu sehen.

Mir bleibt die Luft weg, und ich erröte bis an die Haarwurzeln. Er mustert mich genau so, wie ich ihn eben beobachtet habe. Seine faszinierenden Augen fahren über meinen Körper, was sofort jedes einzelne Härchen auf meinen Armen aufrichten lässt und mein Gesicht noch mehr zum Glühen bringt.

Sein forschender Blick geht mir zu sehr unter die Haut, sodass ich mich von ihm abwenden muss. Gerade noch sehe ich, wie sich sein Mund zu einem wissenden Grinsen verzieht und dabei strahlend weiße Zähne zum Vorschein kommen.

Kann er wissen, was er in mir auslöst? Ein nervöses Beben geht durch mich hindurch. Mein ganzer Körper ist erhitzt und fiebert nach einer Berührung von diesem Unbekannten. Obwohl ich ihn nicht kenne, kein Wort mit ihm geredet habe und einfach absolut nichts über ihn weiß.

Wie kann das sein? Bis zu diesem Augenblick habe ich noch kein einziges Mal so stark auf einen Mann reagiert. Ich habe geflirtet, belanglose Beziehungen geführt, doch nie ein Verlangen nach mehr gehabt. Jetzt taucht in einem Nachtklub irgendein Typ auf, der mindestens eins neunzig groß ist, und haut mich um.

»Geh doch rüber«, flüstert Madison mir ins Ohr.

Ich schüttle den Kopf. Ich bin nicht die Schüchternste, aber bei diesem Mann würde ich mich nur blamieren, wenn ich jetzt auf ihn zugehen würde. Und das habe ich nicht vor. Außerdem stehen mindestens fünfzehn Kerle bei ihm.

»Keine gute Idee«, sage ich daher nur.

»Der zieht dich ja schon mit seinen Blicken aus. Gar keine Frage, der steht auf dich.«

Ich mache weder nach vorn noch nach hinten einen Schritt. Keinen einzigen. Ich kann nicht, auch wenn ich später bereuen werde, dass ich ihn nicht angesprochen habe.

Madison boxt mir mit ihrem Ellbogen in die Seite. »Was ist los?«, fragt sie mich mit besorgter Miene. Sie und ich kennen uns seit der Grundschule. Sie ist meine beste Freundin und außer Nate die einzige Person, die wirklich weiß, wie ich ticke.

»Er macht mir irgendwie Angst.«

Sie sieht mich an, als hätte ich einen riesen Pickel auf der Nase. »Nicht dein Ernst, oder?«

»Keine Ahnung, was es ist, aber er macht mir weiche Knie.«

Ein freies, lautes Lachen schlüpft über ihre Lippen. »Das sollte es auch«, meint sie mit einer Hand vor dem Mund, um ihr breites Grinsen zu verstecken.

Scheu blicke ich zur Männergruppe, um zu sehen, ob der geheimnisvolle Typ Madisons Reaktion mitbekommen hat. Glücklicherweise nicht. Er unterhält sich gerade mit jemandem. Doch dann sieht er auf, ehe ich den Blick abwenden kann. Seine Augen bohren sich in meine, weswegen ich verzweifelt versuche, genug Luft in meine Lunge zu bekommen. Wieder taucht dieses schöne Lächeln auf seinem Gesicht auf, was mir ein weiteres Kribbeln durch den Körper jagt und mir den Rest der Luft stiehlt.

»Geh.« Madison stupst mich an.

»Ich weiß nicht«, sage ich atemlos.

»Was feiern wir heute?« Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich herausfordernd an.

Ich ziehe meine Stirn in Falten. »Was meinst du damit?«

»Wir feiern das Leben. Also lebe dein Leben.«

Madison weiß, wie man jemanden umstimmen kann. Immer weiter zertrümmert sie meine Angst vor einer Zurückweisung, sodass ich doch tatsächlich auf ihn zugehe.

Allerdings werden es nicht mehr als drei Schritte, denn zwischen meinem zweiten und dritten liegt plötzlich eine Hand mit feuerroten Fingernägeln auf seiner Schulter. Er dreht sich zu ihr und sieht sie mit diesem unverschämt beeindruckenden Lächeln, von dem ich meinte, es wäre für mich reserviert, an.

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3. Kapitel

Ich mache mich langsam und möglichst unauffällig auf den Rückzug. Als ich wieder neben Madison stehe, schaut sie mich mitfühlend an. Ich zucke nur mit den Schultern und meine: »Keine Sache. War doch klar, dass so einer schon eine Freundin hat. Ich gehe mal zu Nate.« Wie ich eben bemerkt habe, ist seine neue Bekanntschaft schon wieder abgezogen.

Auf dem Weg zu meinem Bruder hole ich an der Bar ein Bier für ihn und eine weitere Margarita für mich.

»Hier.« Ich reiche Nate die Flasche und setze mich neben ihn. Wir prosten uns zu, bevor ich einen großen Schluck nehme. »Wo ist dein Mädel hin?«

»Sie musste mal auf die Toilette.« Er knibbelt am Etikett herum.

»Und, unterhältst du dich gut?«

»Sie ist ganz nett.« Auf der linken Seite seines Mundes bildet sich ein kleines Grübchen, das immer zum Vorschein kommt, wenn er verlegen ist. »Was ist mit dir?«, schiebt er das Thema von sich.

»Ich amüsiere mich.« Sollte ich ihm von meiner Beinahe-Blamage erzählen?

Diese Frage erübrigt sich jedoch gleich, als Nate nach hinten sieht, in jene Ecke, wo ich vor wenigen Minuten noch mit Madison getanzt habe. »Madison anscheinend auch.«

Blondie steht bei ihr. Sie reden und lachen und berühren sich immer wieder unauffällig, während seine Freunde, die nur wenige Meter neben ihnen tanzen, in voller Lautstärke den Happy-Birthday-Song anstimmen. Wobei der Gesang mehr einem Trällern gleicht. Danach stoßen sie alle mit dem Geburtstagskind an. Wie sich herausstellt, ist es Schwarzkopf. Just in dem Moment, als sich die Frau mit den rot lackierten Fingernägeln an seinen Hals wirft, wende ich schnell den Blick ab.

Madison tanzt mittlerweile mit ihrem Schönling. Sie können kaum die Hände voneinander lassen. So ist sie nun mal, sie beißt gleich zu, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Ich befürchte nur, dass sie es bald in der Ecke miteinander treiben werden, wenn sie so weitermachen.

Auf der unteren Tanzfläche ist ein riesiges Gedränge. Einzelne Körper sind kaum ausfindig zu machen. Alle tanzen und toben zur Musik. Der DJ kommt langsam zum Höhepunkt, die Partystimmung auch. Ich wippe zum Rhythmus, scherze und unterhalte mich mit meinem Bruder und trinke meinen Cocktail aus.

»Willst du noch einen?«, fragt mich Nate, nachdem ich das geleerte Glas auf den Tisch gestellt habe.

»Gern.«

»Bin gleich wieder da«, meint er und geht zur Bar. Nach einigen Minuten kommt er mit zwei Getränken zurück.

Ich hebe mein Glas, um noch einen letzten Trinkspruch auszubringen. »Auf meinen Bruder. Danke für alles, was du für mich getan hast. Ohne dich wäre ich nicht mehr hier.« Meine Augen werden feucht, und gegen Ende des Satzes bricht mir die Stimme. Wahrscheinlich werde ich nie in Worte fassen können, was es mir bedeutet, wie er damals gehandelt hat. Aber ich versuche mein Bestes. Er soll nie vergessen, dass alles, was ich habe und was ich bin, ihm zu verdanken ist.

Nate öffnet seine Arme und zieht mich in eine starke Umarmung. »Ich würde es immer wieder tun.«

Im Stillen bete ich, es möge niemals mehr nötig sein. Ein zweites Mal würde ich wahrscheinlich nicht überleben.

»Hm, hm.«

Ich höre jemanden sich räuspern, achte jedoch nicht darauf. Erst als mein Bruder mich anstupst, sehe ich auf. Eine Frau um die zwanzig steht neben uns, aber ich brauche eine Weile, bis ich sie erkenne.

Nates neue Bekanntschaft.

Ich nehme an, Nate hat ihr erzählt, dass ich seine Schwester bin, sonst würde sie mir bestimmt nicht zulächeln.

»Hallo, ich bin Amy«, stellt sie sich sogleich mit feiner Stimme vor. Sie hat faszinierende haselnussbraune Augen. »Du musst Kim sein, freut mich.« Amy streckt mir die Hand hin.

»Gleichfalls«, sage ich, als wir uns die Hände schütteln.

Amy setzt sich auf die andere Seite von Nate. Ehe ein peinliches Schweigen eintreten kann, stehe ich auf. »Ich werde mal nach draußen gehen und frische Luft schnappen.«

Nate stoppt meinen Weggang, indem er nach meiner Hand greift. »Du musst nicht gehen.«

»Keine Sorge, alles bestens.« Er hat vorhin die Tränen in meinen Augen gesehen und bei unserer Umarmung bestimmt bemerkt, wie ich etwas aus der Ruhe gekommen bin. Bestimmt werden mich die reinere Luft und der Nachthimmel wieder erden. Außerdem möchte ich Nate keine Chance verbauen. Möglicherweise ist ja Amy die Richtige. »Bis später, Bruderherz.« Ich nehme mein halb volles Glas, gehe die Treppe hinunter, quäle mich durch die tanzende Menschenmenge und suche den Ausgang auf die Terrasse.

Als ich endlich im Freien bin, nehme ich einen tiefen Atemzug und ziehe die kühle Nachtluft ein, bevor ich mir einen freien Platz suche. Auf der Veranda ist fast so ein Gedränge wie drinnen, aber wenigstens ist hier die Luft viel angenehmer.

Ich gehe bis ans Ende der Terrasse und lehne mich ans Geländer, welches das Venue vom Rest der Stadt abtrennt, und lasse meinen Blick über die Umgebung schweifen. Viel zu sehen gibt es nicht. Autos, die von A nach B wollen, Menschen, die von einem Klub zum nächsten wechseln, Pärchen, die sich knutschend hinter Bäumen verkriechen und so Schutz vor möglichen Zuschauern suchen.

Während ich den Ort überblicke, schwenke ich das Glas und trinke daraus, bis es schließlich leer ist. Es ist ein schöner Abend, selbst wenn meine beste Freundin und mein Bruder sich mit anderen Personen amüsieren und ich gerade allein bin. Ich bin für so vieles dankbar, dass es für Trübsal gar keinen Platz geben kann.

Vielleicht sollte ich auch wieder hineingehen und mir jemanden angeln? Über diesen Gedanken kann ich bloß schmunzeln.

»Dein Lächeln ist so schön und so sanft, da kann ich einfach nicht wegsehen.«

Beinahe fällt mir das Glas aus der Hand. Ich kann es gerade noch halten und drehe mich erschrocken zur Seite. Als ich in jene blauen Augen sehe, die mich vor Minuten schon verzaubert haben, schnappe ich erschrocken nach Luft. Abermals öffne ich den Mund, um Hallo zu sagen. Doch statt ihn zu begrüßen, starre ich ihn bloß wortlos an. Irgendwie funktioniert mein Hirn nicht mehr, seit er neben mir aufgetaucht ist. In mir fährt alles Achterbahn, während ich ihn immer noch anstarre, als wären ihm zwei Köpfe gewachsen.

Wenn ich nicht bald etwas sage, wird er mich für bescheuert halten und wieder verschwinden. Das will ich nicht. Ich gehe etliche Begrüßungsfloskeln, Witze und Komplimente durch, allerdings kommt kein einziges Wort über meine Lippen. Nicht mal eine Silbe. Kein einziger Ton.

Wie peinlich.

Trotzdem steht er nach wie vor an meiner Seite und sieht mich mit einem so unverschämt süßen Lächeln an, dass meine Beine zu Pudding werden. Er berührt für einen klitzekleinen Moment meine Hand, woraufhin mein Körper zu Eis wird, nur um im nächsten Augenblick in Flammen aufzugehen. Dass er mir das Glas abgenommen hat, merke ich erst, als seine Hand schon längst wieder weg ist.

Schmunzelnd meint er: »Nicht, dass es noch zu Boden fällt.«

»Du auch«, flüstere ich kaum hörbar. Das ist das Erste, was ich halbwegs herausbringe, seit er mich angesprochen hat.

Der schöne Unbekannte runzelt seine Stirn und sieht mich dabei fragend an.

»Ich meine dein Lächeln«, erkläre ich schnell. Zum Glück ist es dunkel. So sieht er nicht, wie sich mein Gesicht mit Röte überzieht.

Sein Lächeln kehrt zurück, und seine Augen leuchten, als wäre ich etwas Besonderes und nicht eine, die kaum den Mund aufbringt, wenn sie angesprochen wird. »Was machst du allein hier draußen?« Der Bass in seiner Stimme übersät meine Arme mit einer feinen Gänsehaut und lässt jeden meiner Nerven vibrieren. »Solltest du nicht bei deinem Freund sein?«, fragt er weiter.

»Sollte man nicht zuerst nach dem Namen fragen?«, erwidere ich lachend, während ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr streiche.

»Vielleicht«, antwortet er leichthin. »Und?« Der Fremde senkt seinen Blick in meinen. Seine Augen hüten etwas Geheimes, Dunkles, was ihn noch anziehender macht.

Ich halte seinem Blick stand. »Und wo ist deine Freundin?«, übergehe ich seine Frage.

Der Typ sieht keine Sekunde weg, während er sich zu einer Antwort entschließt. »Sie ist nicht meine Freundin, nur meine heutige Begleitung.« Er zuckt lässig mit den Achseln.

»So, deine heutige Begleitung«, erwidere ich etwas bissig. Aber eigentlich habe ich gar kein Recht, auf diese Weise zu reagieren, denn ich kenne ihn nicht und er kennt mich nicht. Das wird sich in der Zukunft ändern, hoffe ich.

Er zieht eine Augenbraue nach oben, dann lächelt er wieder.

Dieses Lächeln bringt mich noch um den Verstand. Da fällt mir etwas ein. »Alles Gute zum Geburtstag.« Schon seltsam. Ich wünsche einem Typen alles Gute zum Geburtstag, kenne aber nicht mal seinen Namen.

Seine Lippen wandern weiter nach oben, wobei seine perfekten Zähne zum Vorschein kommen. »Danke.« Er räuspert sich. Als er weiterspricht, klingt er ein wenig heiser. Habe ich ihn etwa verlegen gemacht? »Das hast du also mitbekommen?«

»Das war nicht zu überhören«, sage ich schmunzelnd. »Wenn ich könnte, würde ich mit dir anstoßen.« Ich zeige auf mein leeres Glas, das er in seiner Hand hält.

Er nickt, dann sieht er mich eindringlich an, was mir ein schnelleres Herzklopfen verursacht. »Ist es was Ernstes?«

Ich muss schlucken. Hat er mich eben gefragt, ob es etwas Ernstes ist? Was soll etwas Ernstes sein? Das mit uns? Nein, das kann er ganz bestimmt nicht damit gemeint haben. Aber was dann?

Er muss bemerkt haben, wie es hinter meiner Stirn arbeitet, denn er rückt ein wenig näher und stellt seine Frage etwas genauer. »Bist du mit dem Typ, den du vorhin im Klub umarmt hast, in einer festen Beziehung?«

Mir bleibt vor Entsetzen der Mund offen stehen. Doch dieses Gefühl verfliegt so rasch, wie es aufgetaucht ist. Ich grinse den Fremden an. »Nate ist mein Bruder.«

»Oh«, gibt er von sich, sobald er begreift, was ich gesagt habe. »Wie es aussieht, versteht ihr euch ganz gut.«

»Er ist der beste Bruder, den man sich wünschen kann.«

»Da kann ich leider nicht mitreden. Ich bin Einzelkind.« Er klingt irgendwie bedrückt, aber gleichzeitig auch sauer.

Für einen Moment tritt ein betretenes Schweigen zwischen uns. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, wobei meine immer wieder um seine Lippen kreisen. Wie sie sich bewegen, wenn er spricht, oder wie sie sich zu einem sexy Lächeln formen, sobald er mich warmherzig ansieht. Das plötzliche Verlangen, ihn zu küssen, treibt meinen Puls schlagartig in die Höhe und zwingt mich, meinen Blick von seinem Mund zu nehmen.

»Ich hatte gehofft, dass ich dich noch sehen würden, ehe wir gehen«, sagt er leise.

Meine Augen schnellen zurück zu seinem Gesicht.

Wir.

Dieses Wort gefällt mir im Augenblick gar nicht. Soeben habe ich mir vorgestellt, wie es sein würde, ihn zu küssen, da erwähnt er seine Begleitung oder was auch immer er unter Begleitung verstehen mag. Eine kurze Affäre, ein One-Night-Stand oder vielleicht doch seine feste Freundin?

»Ich denke, du solltest deine Dunkelhaarige nicht länger warten lassen.« Man kann mir die Enttäuschung über das plötzliche Ende unserer Begegnung regelrecht anhören.

Er stellt mein Glas auf dem Geländer ab und sieht mich ernst an. »Sie ist nicht das, was du meinst.« Offenbar kann er meine Gedanken lesen.

»Ist das denn von Bedeutung?«, frage ich fast etwas traurig.

Der Typ, der mir gerade den Kopf verdreht, beugt sich näher, bis sein Mund fast meinen berührt. »Ich finde schon, ja.« Sein weicher Blick fängt meinen ein.

Mein Verstand setzt aus. Mein Herz schlägt fest gegen die Rippen, während ich mich um eine normale Atmung bemühe. Ich weiß nicht, was da in mir vorgeht. Er ist schließlich nicht der erste Mann, mit dem ich flirte, aber noch nie habe ich so ein Kribbeln gespürt wie bei diesem hier. Dabei weiß ich immer noch nicht, wie er heißt. Und doch, sollte er mich jetzt fragen, ob ich mit ihm gehen wolle, würde ich keine Sekunde lang zögern.

Seine Augen sind wie zwei glühende Punkte. »Ich möchte dich küssen.«

Ich schlucke einen dicken Kloß herunter. Kann er in mich hineinsehen? Ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher, als seine Lippen auf meinen zu spüren. Ich möchte seinen Duft einatmen und seine Haut berühren, durch seine schwarzen Haare fahren und seinen muskulösen Körper erkunden.

Ein etwas, wie mir scheint, zaghaftes Lächeln taucht auf seinem Gesicht auf. »Wenn du denkst, ich mache das öfters, täuschst du dich gewaltig.«

Eigentlich hätte ich wohl so denken sollen, allerdings schwirrt mir ganz anderes durch den Kopf. Ich frage mich viel mehr, wie sich seine Lippen anfühlen, wenn ich mit meiner Zunge darüberfahre. Wie kann er küssen? Wie mag er angefasst werden? Wie ist er im Bett?

Seine Nasenspitze ist nur noch ein kleines Stück von meiner entfernt. Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht, was Hunderte von Gefühlen in mir auslöst.

»Du verwirrst mich«, gesteht er so leise, dass nur ich es hören kann. »Ich muss dich haben.«

Es könnte ein einziger Atemzug vergangen sein oder auch Minuten. Ich kann es nicht sagen, denn ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, seit seine Lippen auf meinen liegen und mich mit solcher Wucht erfasst haben, dass nur noch er und ich existieren. Seine Zunge fährt über meinen Mund und bittet um Einlass. Ich begrüße sie mit einem tiefen Stöhnen, wobei ich nicht sicher bin, ob es von mir oder von ihm kam. Seine Hände befinden sich mittlerweile auf meinem Rücken und auf der Hüfte. Mit der einen fährt er sacht auf und ab, mit der anderen hält er sich an mir fest. Ich bettle fast darum, meine Finger unter sein Shirt schieben zu dürfen, um seine harten Muskeln zu berühren, stattdessen fahre ich in sein kurzes Haar und ziehe daran.

Er schmeckt nach Alkohol und leicht nach Minze. Das gefällt mir. Unser Kuss wird stürmischer, intensiver. Oh Gott, dieser Mann kann küssen, und wie er das kann. Ich möchte nie mehr damit aufhören.

Es ist, als würde er sich nach mir verzehren, was doch kaum möglich sein kann, da wir uns gerade eben erst kennengelernt haben. Trotzdem sind seine Berührungen so sanft und behutsam und gleichzeitig fest und bestimmend, als wäre ich sein kostbarster Besitz.

»Komm mit mir.« Er muss es zweimal sagen, ehe seine Bitte zu mir durchdringt. »Ich will mit dir allein sein«, flüstert er in mein Ohr und nimmt meine Hand.

Das sollte der Zeitpunkt sein, wo mein Verstand mir sagen müsste, dass es hier nicht weitergeht. Dass ich diesem Fremden nicht in die Dunkelheit nachlaufen darf. Nur hat sich meine Vernunft bereits vor Minuten verabschiedet.

Wie durch einen Nebel folge ich ihm, seine Hand in meiner kann ich hingegen ganz deutlich fühlen. Er führt mich über die Terrasse, durch die Partymeute hindurch und stellt mein Glas auf irgendeinen Tisch, bevor wir das Venue durch einen Seitenausgang verlassen. Gleich darauf fällt die Tür hinter uns ins Schloss.

Zu spät merke ich, dass sich mir damit der Zugang zum Klub verschlossen hat. Sollte ich mir darüber Gedanken machen? Wahrscheinlich schon, allerdings bin ich zu stark auf den Traum von Mann vor mir konzentriert, wodurch alles andere unwichtig wird.

Als wir um die nächste Ecke biegen, landen wir auf dem Parkplatz. Nicht weit von uns steht das Auto meines Bruders. Auch wenn ein paar Laternen den Platz beleuchten, ist es dennoch ziemlich finster hier. Ich sollte dem Typ mit den zerzausten Haaren Auf Wiedersehen sagen und zu meinem Bruder und meiner Freundin zurückgehen. Jetzt hätte ich noch die Gelegenheit dazu. Aber ich werde nichts von alledem machen, das weiß ich schon, ehe ich den Gedanken überhaupt zu Ende gedacht habe.

»Hast du Angst?«, fragt er mich, gleichzeitig drückt er mich sanft gegen eine Wand.

»Sollte ich?«

Sein Blitzen in den Augen ist Antwort genug. Ich lege meine Hände auf seine Schultern und warte voller Sehnsucht auf seine Lippen. Er muss mir mein Verlangen angesehen haben, denn kurz bevor unsere Münder aufeinandertreffen, tritt ein wissendes Lächeln auf sein Gesicht.

Seine Zunge sucht sich einen Weg zu meiner, während er meine Beine hebt und sie sich um die Hüften legt. Mit seinem ganzen Körper presst er mich an die Mauer, wobei mein Kleid nach oben rutscht und ihm freie Sicht auf mein Höschen gibt. Er zieht scharf die Luft ein, als er meine freie Haut sieht. Gleich darauf versenkt er seinen Blick in meinem. In diesem Augenblick wünsche ich mir mehr … viel mehr. Ich war schon lange nicht mehr so erregt wie jetzt.

Seine Hände gleiten über meine Arme nach hinten in meinen Nacken. Ich stöhne und kann mich nicht mehr zurückhalten, sobald ich den Klang des sich öffnenden Reißverschlusses höre. Behutsam zieht er mir die Träger von den Schultern. Erst rechts, dann links. Es macht mich fast verrückt, wie er so gelassen ans Werk geht. Ich vergehe noch in seinen Händen, wenn er sich nicht bald um das Pochen zwischen meinen Beinen kümmert. Meine Fingernägel bohren sich schon seit Langem in seinen Bizeps. Es verwundert mich, dass es ihm nicht wehtut, denn meine Knöchel sind bereits ganz bleich. Ich lasse meinen Kopf nach hinten gegen die Steinwand fallen und gebe ein lautes Stöhnen von mir – im Moment ist es mir gleich, ob uns jemand hören kann –, als sein Mund über mein Schlüsselbein zur rechten Brust wandert und seine Zungenspitze meinen Nippel berührt. Ich zittere. Es ist der reinste Wahnsinn, was er da mit mir macht. Er soll auf keinen Fall damit aufhören.

»Mehr«, bettle ich. Mein Atem geht unregelmäßig. Ich bin nass und möchte nur noch eins: dass er mich hier an Ort und Stelle nimmt. Mich zu einem gigantischen Orgasmus treibt. »Ich will dich.« Es klingt fast wie ein Jammern. Wobei, er foltert mich ja auch. »Hast du einen Gummi?«

»Scheiße, du machst mich fertig.« Er fährt mit seiner linken Hand mein Bein hinauf, bis seine Finger meinen Spitzenslip berühren. »Scheiße«, flucht er wieder, als er meine Nässe streift.

»Liam!«

Eine Frau ruft einen Namen. Sie ist weit weg. Sie wird uns nicht sehen und wenn doch … egal.

»Liam!«

Wahrscheinlich hat sie ihren besoffenen Freund verloren und muss ihn jetzt suchen, damit sie endlich nach Hause können.

»Liam!« Sie kommt näher. »Liam, verdammt, wo steckst du?«

Mein Fremder hört plötzlich auf. Seine Hand verlässt meine heiß pulsierende Stelle. Seine Zunge fährt nicht mehr über meine harten Knospen. Meine Füße stehen wieder auf dem Boden. Der Reißverschluss meines Kleides ist wieder geschlossen. Alles ist wieder an seinem Platz.

»Liam!« Wieder diese schrille Stimme.

Plötzlich geht mir ein Licht auf. Die Frau sucht nicht irgendeinen Mann, sie sucht den Mann, der eben seine Hände an meiner Muschi hatte.

»Es tut mir leid.« Mein schöner Unbekannter macht einen Schritt von mir weg und fährt sich durch die Haare. »Ich … Gott … Das wollte ich nicht.« Er wirkt hilflos, aber irgendwie auch enttäuscht.

Geht mir genauso. Ich bin frustriert, weil wir nicht zu Ende bringen konnten, was wir angefangen haben.

»Wenigstens weiß ich jetzt deinen Namen.« Ich lächle ihm zu. »Mach’s gut, Liam.«

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4. Kapitel

Mannomann, war das knapp. Sie hätte uns beinahe beim Sex erwischt. Ich verdrücke mich schnell nach rechts, während Liam in die entgegengesetzte Richtung geht, wo ihm seine heutige Begleitung tobend entgegenkommt. Ich kann nicht hören, was sie ihm zu sagen hat, aber sie klingt äußerst wütend – ich würde mich wahrscheinlich nicht anders verhalten, wenn meine Verabredung auf einmal nirgendwo mehr zu finden wäre. Daher sehe ich lieber zu, dass ich Land gewinne.

Nur, was mache ich jetzt? Hätte ich mir doch vorhin einen Eintrittsstempel geben lassen. Dann könnte ich jetzt ohne Mühe wieder in die Wärme zurück. Madison und Nate sind noch immer im Klub, wie auch meine Clutch. Ich stehe also ohne Handy, ohne Geld und ohne Schlüssel mitten in Orlando. Soll ich hier draußen warten, bis mal jemand nach mir sucht? Oder nach Hause laufen und Ms. Kinsley aus dem Bett holen, damit sie mir mit ihrem Schlüssel mein Haus aufschließen kann?

Ich ziehe die Nase kraus. Nach Hause zu laufen ist ganz und gar keine gute Idee. Erstens würde ich zu Fuß fast zwei Stunden für den Heimweg brauchen. Zweitens würde ich Nate und Madison unnötige Sorgen machen und drittens habe ich ein knappes Kleid an, dazu hochhackige Schuhe. Für gewisse Männer schreit das geradezu nach: Fick mich!

Mich fröstelt es.

Ich werde wohl vor den Klub gehen und warten müssen. Ich stelle mich an das gleiche Geländer wie schon vor ein paar Minuten, nur von der anderen Seite. Auf der Terrasse sind noch etliche Klubbesucher, die sich unterhalten und feiern. Partygänger gehen an mir vorbei, auf dem Weg ins nächste Lokal oder nach Hause.

Hätte nicht gedacht, dass dieser Abend so enden würde. Von einem Typ, den ich eigentlich gar nicht kenne, vernascht und dann stehen gelassen zu werden. Ausgesperrt vor dem Klub, in dem einer meiner Lieblings-DJs auflegt und wo sich mein Bruder und meine beste Freundin amüsieren, während ich mir draußen irgendwie die Zeit vertreiben muss, bis sie sich irgendwann entschließen, nach Hause zu gehen.

Das Erschreckende daran ist, ich würde es wieder machen. Ich würde mich wieder von Liam verzaubern lassen und ihm hinter das Gebäude folgen. Nichts könnte mich davon abhalten.

Liam.

Sein Name ist wie eine zarte Berührung. Ich wiederhole ihn noch mal und noch mal. Lasse ihn auf meiner Zunge zergehen, wie ein Stück süße Schokolade. Ich schließe die Augen und gehe ein paar Stunden zurück. Dabei stiehlt sich ein erregtes Lächeln auf mein Gesicht, und mir wird ganz warm.

»Da bist du ja!«

Erschrocken reiße ich die Lider auf. Madison steht mit den Händen in die Hüfte gestemmt vor mir. Gleich hinter ihr mein Bruder. Sein Mienenspiel verheißt nichts Gutes.

»Was ist los?«, frage ich mit einem Mal besorgt. »Ist etwas passiert?«

»Du bist passiert!«, meint Nate mit harter Stimme und geht zur Straße.

»Hier, deine Tasche.« Madison reicht mir die Clutch, dreht sich um und folgt Nate.

Ich löse mich von der Brüstung und laufe den beiden hinterher. »Habe ich irgendwas verpasst?«

Nate bleibt am Straßenrand stehen. »Ich ruf uns ein Taxi.«