Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Kind des Mondes - Neckermann Sophie

Der sechzehnjährige Liam und seine Altersgenossin, die emotionslose Luna, leben im Waisenhaus. Als ein Landstreicher ihnen und ihren Mitbewohnern erzählt, dass die sogenannten Dunklen Engel die Fantasie aller Menschen stehlen wollen und dies nur durch die Rettung des Mondes zu verhindern sei, ist Luna die einzige, die der Geschichte glaubt. Anfangs widerwillig macht sich Liam mit ihr auf den Weg, um die Fantasie zu retten, und er trifft dabei nicht nur neue Freunde, sondern er lüftet auch Geheimnisse.

Meinungen über das E-Book Kind des Mondes - Neckermann Sophie

E-Book-Leseprobe Kind des Mondes - Neckermann Sophie

Sophie Neckermann

© 2015 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: Sophie Neckermann, Robert Neckermann und Gunter Kaufmann

Printed in Germany

AAVAA print+design

Taschenbuch:  ISBN 978-3-944223-66-7

eBook epub:   ISBN 978-3-944223-67-4

eBook PDF:   ISBN 978-3-944223-68-1

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

Prolog

Die Nacht war schwarz. Es war kalt. Zu kalt für den Herbst. Ein zarter, aber eisiger Windhauch ließ die Tannen im Wald zittern. Niemand wollte es wagen, durch diese Finsternis zu wandern. Angst vor dem Fremden hielt die Menschen in jener Nacht in ihren Häusern gefangen. Doch was war es, das sogar die Tiere aus Furcht verstummen ließ? War es diese ungewohnt starke Kälte, die die gesamte Gegend in ihre Pranken nahm? Oder etwa doch das Flüstern des Waldes, dessen Bäume mit ihren dürren Armen zu jeder Zeit gewaltsam nach einem greifen konnten?

Diese Unwissenheit breitete sich wie eine erdrückende Decke über der Landschaft aus und ließ die Herzen der Bewohner wild pochen, sodass niemand Schlaf fand. Dieser Hauch von Adrenalin wollte niemandem Ruhe gewähren. Hätte auch nur irgendjemand gewusst, was diese Unruhe in dieser kalten Nacht auslöste, hätte er es nicht verstehen können. Dieser Grund war einfach so unbegreiflich ... nahezu vollkommen verrückt. Doch niemand ahnte in dieser Nacht, dass sich schon bald, in ein paar Jahren alles erklären würde.

Rosie Brown, eine ältere Dame, die Leiterin des Waisenhauses in dieser verlassenen Gegend, brachte kein Auge zu. Unruhig starrte sie an die dunkle Decke über ihr, die aussah, als würde sie bald auf sie herab krachen. Es war so kalt. Der Wind klopfte an das einzige Fenster in dem kleinen, schlicht eingerichteten Schlafzimmer von Mrs. Brown. Doch da war noch etwas. Etwas, was so dicht an dem Haus war – fast wie ein Dieb, der in das arme Waisenhaus einbrechen wollte.

Mrs. Brown hob leise ihre Beine aus ihrem Bett und setzte behutsam ihre nackten, frierenden Füße in ihre kuscheligen Hausschuhe. Dann tastete sie auf ihrem Nachttisch nach einem Schwefelholz, zündete es an der Schachtel an und übergab das kleine Feuer an die halb herunter gebrannte Kerze. Die alte Dame legte ihre Finger um den Griff der Schale, auf der ihr Lichtspender stand. Anschließend zog sie ihren wärmenden Morgenmantel über das dünne Nachthemd, das sie trug, und öffnete die knarrende Tür.

Die Holzstufen der alten, schmalen Treppe, die Mrs. Brown herunterstieg, quietschten. Die alte Dame spürte, dass etwas da war. Irgendetwas. Vor der Haustür des Waisenhauses. Mrs. Brown huschte ein kalter Schauer über den Rücken, der sie in eine Gänsehaut einwickelte. Mit jedem Schritt, mit dem sich die Dame im Morgenmantel der Haustür näherte, wurde ihr Atem unkontrollierter. Ängstlicher. Aufgeregt und trotz aller Furcht legte Mrs. Brown dann ihre freie Hand auf den verblichenen Türknauf, drehte ihn und öffnete die Tür.

Doch sie sah nichts. Erst auf den zweiten Blick bemerkte die ältere Dame dann, dass ein kleines Bündel aus Decken auf der Türschwelle lag. Und in dem Bündel eingewickelt – ein schlafendes Baby.

Völlig entsetzt stellte Mrs. Brown die Kerze auf einem umstehenden Regal ab und nahm stattdessen vorsichtig dieses zerbrechliche Geschöpf, das so friedlich ruhte, in ihre Arme. Langsam öffnete sich eine weitere Tür und ein junger Mann trat in den Flur, auf dem die alte Dame mit dem Kind stand. „Tom! Sieh nach draußen, ob du jemanden entdecken kannst. Jemand hat hier gerade sein Kind gelassen!“, zischte Mrs. Brown dem Mann, der von den leisen Geräuschen geweckt worden war, zu. Ohne, dass er noch weitere Fragen stellen konnte, scheuchte Mrs. Brown den verwirrten Tom mit ein paar Handbewegungen nach draußen. Nicht einmal seine Schuhe hatte er noch anziehen können.

Währenddessen betrachtete Mrs. Brown das niedliche Kind. Diese wohl großen, unschuldigen Augen, die noch fast nichts gesehen hatten, diese kleine Stupsnase, die noch kaum einen Geruch vernommen hatten, diese vollen Lippen, durch die noch so wenig Geschmäcker auf der Zunge gelandet waren und diese  glatte, reine Haut, auf die noch kein Mensch geschlagen hatte. Das Baby hatte außerdem süße Grübchen. Zudem besaß das Kind schon kurze Haare, die sanft den Kopf streichelten. Sie waren blond. Es war die gleiche Farbe wie Vanille. Vanilleblond. Solch eine Haarfarbe sah Mrs. Brown nicht oft. Nicht in dieser Gegend. Nicht in dieser Welt.

Während die alte Dame in dieses unschuldige Gesicht dieses zuckersüßen Wesens sah und sanft über den Kopf des Kindes strich, bemerkte sie plötzlich unter dessen Hals etwas Geknicktes. Vorsichtig, damit sie das Baby nicht aus dem Schlaf riss, fuhr Mrs. Brown mit ihren dünnen, faltigen Fingern in das Bündel und holte einen Briefumschlag unter dem Hals des Kindes hervor.

Im gleichen Moment kam der Mann, der seit wenigen Monaten zu Mrs. Browns Personal zählte, zurück. „Da ist niemand. Ich habe sogar im Wald nachgesehen“, erklärte er keuchend und zitternd und schloss die Haustür hinter sich. Mrs. Brown seufzte, machte Tom aber keine Vorwürfe.

„Was hast du da, Rosie?“, wollte der junge Mann mit dem braun gelockten Haar dann wissen und deutete auf den zerknitterten Briefumschlag in den alten Händen der Dame. „Hier! Mach den bitte auf und lies mir dann vor!“, bat sie Tom und reichte ihm das Papier. Neugierig nahm dieser den Umschlag, öffnete ihn und zog eine Seite Papier, die schwach vom Kerzenlicht beleuchtet wurde, heraus. Er las vor:

Lieber Finder,

wenn Sie das hier lesen, halten Sie hoffentlich auch gerade mein geliebtes Kind in den Armen.

Ich weiß, dass es schwer für Sie  sein wird, zu verstehen, dass ich mein eigen Fleisch und Blut weggegeben habe. Aber ich musste es tun. In meinem Leben ist kein geeigneter Platz für meine Tochter. In meinem Leben ist es zu gefährlich für sie. Denn sie ist etwas Besonderes und muss daher an einem Ort, fern von all dem, was sie bedrohen oder ihr schaden könnte, aufwachsen. Jenseits des Horizonts gibt es dunkle Kreaturen, die eine Gefahr für sie darstellen könnten. Und um wieder zurück in ihr ursprüngliches, sicheres Heim kehren zu können, muss sie leider erst beweisen, dass sie es würdig ist.

In Liebe

Der Vater

Ps. Morgen ist ihr 1. Geburtstag. Ihr Name ist Luna. Wie der Mond ...

„Steht das wirklich in diesem Brief?“, hakte Mrs. Brown irritiert nach und warf einen prüfenden Blick auf das Blatt Papier in Toms Händen. „Ja!“, versicherte ihr der 22-Jährige. „Ich kann mir auch keinen Reim darauf machen“, log er und starrte nachdenklich auf die handschriftlich geschriebene Botschaft des Vaters. Noch nie hatte jemand so etwas … Geheimnisvolles geschrieben. Tom wusste zwar, dass viele Mütter oder Väter ihre blutjungen Kinder aus Verzweiflung und Angst, sich rechtfertigen zu müssen, einfach auf die Türschwelle des Waisenhauses legten, doch solch einen seltsamen Brief, sah wohl, nach Mrs. Browns Blick zu schließen, auch die alte Dame zum ersten Mal.

Obwohl der Text sehr eigenartig klang, zweifelte Mrs. Brown keine Sekunde daran, dass er ernst gemeint war. Der Vater dieses Mädchen, Lunas Vater, musste

Das Vertrauen auf eine Lüge

Mehr als fünfzehn Jahre waren seit dieser Herbstnacht vergangen. Es war schon wieder Frühling. Die Sonne schenkte den wachsenden Blumen im kleinen Garten des Waisenhauses Wärme und Licht. Wasser gab ihnen Mrs. Brown mit ihrer Gießkanne. Nicht nur die gutmütige Frau, sondern auch Tom, der mittlerweile 37 war, kümmerten sich immer noch um Kinder, deren Eltern nicht für sie sorgen konnten oder wollten. Doch viele dieser Kinder hatten auch einfach keine Eltern mehr. Waren Findelkinder. Genau wie Luna.

„Mittagessen!“, rief Mrs. Brown durch das riesige Holzgebäude, das für fast siebzig Kinder ein einladendes Zuhause, Schutz und Geborgenheit bot. Mrs. Brown verstand es als Einzige, das Richtige für diese siebzig Kinder zu kochen.

„Was gibt es heute?“, fragte ein kleiner Junge neugierig und setzte sich auf seinen Stuhl. Jeder an diesen zwei langen Tischen hatte seinen eigenen Stammplatz. Und der Platz, den man hatte, spiegelte auch den Ruf eines Kindes wieder. An einem Tisch saßen die Beliebten – oder zumindest die, die sich für beliebt hielten. Dieser Tisch war der lautere. Auch saßen dort die hübschesten Mädchen und Jungen. An dem anderen Tisch fanden die weniger beliebten Kinder Platz. Manchen von diesen kümmerte ihr Ruf nicht einmal. Diese Kinder und Jugendlichen wussten nämlich, dass solch ein Stempel sowieso nur oberflächlich war. Sie saßen an dem Tisch mit ihren echten Freunden, mit denen sie beim Lachen echte Freude zeigten. Im Grunde waren die weniger beliebten Kinder diejenigen, die das bessere Los gezogen hatten. Ein paar von diesen wussten das auch. Einer davon  war Liam Anderson.

Liam war ein sechzehnjähriger Junge mit kinnlangem, dunkelblondem Haar und kleinen, strahlenden, blau-braunen Augen. Er war groß und schlank. Der Grund, warum er nun im Waisenhaus lebte, war, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben war. Sein Vater hatte ihm die Schuld dafür gegeben. Deshalb hatte er ihn oft dafür umbringen wollen, hatte ihn geschimpft, hatte oft auf ihn eingeprügelt – aber getötet hatte er ihn doch nicht.

Vielleicht hatte er es einfach nicht übers Herz gebracht, weil Liam so viel von seiner Mutter geerbt hatte. Nicht nur die vollen Lippen und diese makellose Haut, sondern auch die Geduld, die Hilfsbereitschaft und die Freude am Leben.

Dennoch hatte Liam schon immer Angst vor seinem Vater gehabt. Deshalb hatte er als Sechsjähriger den Beschluss gefasst, vor ihm zu fliehen. Und er hatte es tatsächlich durchgezogen. Bereut hatte er es nicht. Nicht einmal zehn Jahre später, als er jetzt als junger Mann in dieser verlassenen Gegend im Waisenhaus von Mrs. Brown lebte.

„Na? Schmeckt's?“, fragte Liam seinen kleinen Tischnachbarn, Andy, der gerade auf einem zu großen Stück Kartoffel herumkaute. „Ja!“, antwortete der Junge mit vollem Mund und schaufelte sich schon die nächste Portion in den Mund.

Er hatte recht. Mrs. Browns Bratkartoffeln schmeckten einfach ausgezeichnet. Alles, was Mrs. Brown kochte, schmeckte ganz ausgezeichnet. Liam bewunderte sie dafür, dass sie ganz allein in solch großen Mengen solch leckere Gerichte kochen konnte. Das war das einzige, wobei ihr niemand half. Bei anderen Aktivitäten im Haushalt musste ihr der ganze Rest der Hausbewohner unter die Arme greifen. Und Liam tat das gern. Damit konnte er ihr zeigen, wie dankbar er ihr war, dass sie ihn damals, vor zehn Jahren, ohne lange zu überlegen, einfach aufgenommen hatte.

„Rosie, du bist einfach eine einzigartige Köchin!“, lobte Liam die alte Dame, nachdem er einen Bissen herunter geschluckt hatte. „Dankeschön!“, antwortete Mrs. Brown mit ihrer krächzenden, leisen Stimme.

Ihr genaues Alter kannte Liam nicht. Es erschien ihm unhöflich nach dem Alter einer älteren Dame zu fragen. Aber von anderen Kindern hatte Liam erfahren, dass Mrs. Brown wohl schon älter als 80 Jahre war. Liam bewunderte sie dafür, dass sie dennoch mit all ihrer Kraft für diese elternlosen Kinder sorgte. Und das tat sie gut.

„Der Junge am andern Tisch hat mir gerade die Zunge rausgestreckt!“, beklagte sich ein kleines Mädchen gegenüber von Liam. Wieso dachten diese beliebten Kinder nur, dass sie stolz darauf sein könnten, wenn sie anderen das Leben schwermachten? „Lass ihn. Irgendwann kommen die Zungenjäger und schneiden ihm dafür die Zunge ab“, erklang die klare, helle Stimme der sechzehnjährigen Luna.

„Aber woher wissen sie, dass er das getan hat?“, hakte das kleine Mädchen verzweifelt nach. „Sie haben ihre Spione überall. Sie sehen alles. Nur auf dem Klo lassen sie dich allein“, log Luna. Nein, sie log nicht. Sie erfand nur eine schöne Geschichte, um ihre Tischnachbarin zu trösten.

Luna bemerkte, wie Liam sie teils neugierig teils belustigt musterte. Ihre vollen Lippen formten sich zu einem Lächeln, das sie Liam zuwarf. „Das stimmt wirklich!“, beteuerte sie flüsternd. Liam war irritiert. Irgendwie schien es, als würde Luna wirklich an ihre Geschichte glauben. Dabei war es klar, dass es nie Jäger geben konnte, die einem die Zunge abschnitten.

Luna war für Liam schon immer ein riesengroßes Fragezeichen gewesen. In erster Linie, weil sie so oft allein war. Sie war sehr introvertiert. Meistens verschwand sie nach dem Essen sofort auf ihr Zimmer. Sie hatte ein Einzelzimmer, weil viele Angst vor ihr hatten. Luna hatte nämlich eine recht eigenartige Art. Man konnte nur selten ein normales Gespräch mit ihr führen, da sie meistens in Rätseln sprach. Zudem zeigte sie kaum Gefühle. Und wenn sie es doch einmal tat, dann zeigte sie auch nur einen Hauch an Gefühlen. Doch das, was Luna am meisten von den andern unterschied, war, dass sie irgendwie in ihrer eigenen Welt, einer Fantasiewelt, lebte.

Aber nicht nur ihr Charakter machte sie so unverwechselbar. Auch ihr Äußeres war in dieser Umgebung sehr besonders: Ihre dichten, vanilleblonden Haare, die ihr bis zur Taille reichten, band das Mädchen immer zu einem sehr tiefen Pferdeschwanz. Andere Menschen dieser Gegend hatten meist schwarze oder braune Haare. Sogar die Anzahl an Rothaarigen war in diesem Gebiet wahrscheinlich größer. Auch war Luna sehr blass; ihre Wangen schimmerten nur etwas rosig im Gegensatz zu den andern Mädchen. Ihre großen Augen waren grau – genau wie viele ihrer Kleidungsstücke. Das Mädchen trug meist eine zu große graue Strickjacke und auch der Rest ihrer schlichten Klamotten war in hellen Pastelltönen gehalten.

„Die hat einen Knall!“, zischte der kleine Andy seinem Tischnachbarn Liam zu. Liam konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie hatte Andy recht. Doch vielleicht hatte Luna auch einfach ein Geheimnis.

Es wurde Abend. Der Himmel wurde allmählich etwas dunkler. Sachte fielen ein paar Regentropfen aus den Wolken und bewässerten die Natur.

Einem der Außenseiter des Waisenhauses wurde eine Mutprobe auferlegt, weil er zu den beliebten Kindern gehören wollte. Die Mutprobe bestand darin, in Lunas Zimmer einzubrechen und dort nach ihrem Tagebuch zu suchen. Ob Luna aber auch wirklich ein Tagebuch besaß, wusste niemand. Lunas ganzes Zimmer war wie ein gut gehütetes Geheimnis. Wahrscheinlich wusste nur Mrs. Brown und ein paar Leute aus ihrem Personal, wie es dort drinnen aussah.

Zufällig war Liam gerade auf demselben Gang wie der Außenseiter und die Selbstbewussten. Er bekam etwas von dem Gespräch mit. „Also, Dominic! Wie gesagt, du gehst da jetzt rein – egal ob Luna da ist oder nicht – und dann schnappst du dir ihr Tagebuch“, erklärte ein Siebzehnjähriger. „Und wenn ich es nicht finde? Was, wenn sie keins hat?“, hakte der zwölfjährige Dominic ängstlich nach.

„Dann holst du dir etwas anderes! Irgendetwas, damit wir etwas gegen sie in der Hand haben und sie erpressen können!“

„Und wenn sie mir etwas antut? Wenn sie mich verhext?“

„Dann hast du eben Pech gehabt! Man muss es sich schon verdienen dazuzugehören!“

Dominic schluckte. Er glaubte tatsächlich Luna könne ihn verhexen. Über Luna erzählte man sich allgemein die wildesten Geschichten. Dennoch nahm der kleine Junge all seinen Mut zusammen und trat vor eine Tür auf dem Gang, Lunas Zimmertür. Ein letztes Mal warf er einen Blick über seine Schulter, hin zu den Jungen, die ihm nur ungeduldig und auffordernd zunickten.

Dann riss er Lunas Tür auf und stürmte in das Zimmer. Während er glaubte, sich in größter Gefahr zu befinden, eilten die anderen Jungen nur davon, um sich vor Luna zu schützen.

Etwas irritiert sah Luna in Dominics entsetztes Gesicht, der vor Angst nur wie versteinert dastand. „Es wäre höflich, vorher anzuklopfen und zu fragen, ob ich dich in mein Zimmer eintreten lasse“, erklärte Luna dann nur mit ihrer hellen, monotonen Stimme. „Ich … ich … bitte verhexe mich nicht!“, stammelte der Junge dann nur und eilte wieder aus Lunas Zimmer.

Luna ging auf den Türrahmen zu, tat einen Schritt auf den Flur und schloss dann die Tür hinter sich. Sie sah Liam, der auf sie zukam. „Bitte sei ihm nicht böse, er hat das für eine Mutprobe getan. Er ist eben noch sehr jung“, rechtfertigte Liam den Jungen, der schon wieder auf und davon war. Ein kleines Lächeln huschte über Lunas Gesicht.

„Liam Anderson!“, sagte sie. „Du musst nicht das Handeln anderer rechtfertigen, wenn du nicht für sie verantwortlich bist. Und keine Sorge – ich bin nicht sauer auf Dominic Grant“, erklärte sie. Liam bedankte sich erleichtert. Um ehrlich zu sein, fürchtete auch er, dass Luna gefährlich werden könnte, falls sie etwas wütend machte. Schließlich war Liam auch nur ein Mensch, an dem die Gerüchte nicht so leicht abprallen konnten.

Plötzlich hörten Liam und Luna, wie jemand die Haustür öffnete. Das Geräusch des Regens, der mittlerweile aggressiv auf den Boden trommelte, wurde für einen kurzen Moment lauter und erklang nicht mehr so dumpf. Dann schloss wieder jemand die Tür.

„Setzen Sie sich, setzen Sie sich! Darf ich Ihnen einen Tee bringen? Ihnen ist doch sicherlich sehr kalt, Sie brauchen etwas, um sich aufzuwärmen!“, ertönte Mrs. Browns besorgte Stimme. „Wir haben wohl einen Gast“, folgerte Luna und sah Liam mit ausdrucksloser Miene an.

„Kommst du mit nach unten? Um ihn zu begrüßen?“, wollte Liam wissen. „Gerne! Vielleicht ist er ja auch schon einmal einem Zungenjäger begegnet.“ Luna war wirklich ein außergewöhnliches Mädchen.

Im Erdgeschoss saß im Aufenthaltsraum zwischen einigen Angestellten und Kindern des Waisenhauses ein Mann, etwa Mitte 40, der aussah wie ein Landstreicher. Sein brauner, knielanger Ledermantel war mit Wasser vollgesogen und wirkte schon sehr abgenutzt. Unter diesem kamen ein dreckiger Pullover und ein blauer Schal, den sich der Mann locker um den Hals gebunden hatte, zum Vorschein. Die weite, löchrige Hose des Landstreichers steckte in braunen Stiefeln. Außerdem trug der Mann einen Hut mit breiter Krempe, unter dem er seine nassen, dunklen Haare versteckte. Der Mann war außerdem gebräunt, hatte kleine Augen und einen schwarzen Schnauzer und Kinnbart und viele Bartstoppeln, die dort herum wuchsen.

„Danke sehr, Miss!“, krächzte er, als Mrs. Brown ihm eine Tasse Kräutertee auf den kleinen Tisch stellte, an dem der Landstreicher Platz genommen hatte. „Sie müssen doch wieder zu Kräften kommen“, antwortete Mrs. Brown lächelnd.

„Tom! Bring ihm bitte noch eine Decke! Unser Gast ist sicher am Erfrieren!“, erklärte Mrs. Brown dann. „Nein, nein, nein, danke! Das ist wirklich nicht nötig. Ich bin so etwas gewohnt. Ich bin schon abgehärtet“, erwiderte ihr der durchnässte Mann freundlich, aber bestimmt. Dann nahm er seine Tasse in die Hand, pustete etwas und nippte daran.

„Warum haben Sie kein Zuhause? Sehen Sie sich die Welt an?“, mischte sich Luna ruhig ins Gespräch ein. „Luna, das ist jetzt aber wirklich unhöflich!“, ermahnte Mrs. Brown sie. „Nein, keine Sorge, Miss! Das geht für mich in Ordnung. Das Mädchen ist doch nur etwas neugierig“, verteidigte der Landstreicher Luna lächelnd.

Dann wandte er sich dem Mädchen mit den vanilleblonden Haaren zu. „Du hast recht. Ich sehe mir die Welt an. Ich brauche kein Zuhause.“ – „Haben Sie auch schon viele schöne Dinge gesehen?“ – „Ja. Setz dich doch zu mir, dann werde ich dir ein wenig von meiner Reise erzählen.“ Der Mann sah sich um. „Ihr dürft mir alle zuhören, wenn ihr wollt!“, fügte er dann hinzu und ließ seinen Blick über die Umstehenden schweifen, die ihn teils neugierig, teils missbilligend beobachteten. Dennoch versuchten sie alle Platz an dem kleinen Tisch zu finden und verteilten sich aufgeregt um den mysteriösen, dreckigen Mann.

„Ich wandere, schon seit ich ein junger Mann war, durch die Welt. Zu Hause in immer derselben Umgebung mit immer denselben Gesichtern immer denselben Alltag zu verfolgen, hat mich gelangweilt. Mich reizt es, die Welt zu entdecken und immer wieder neue Dinge kennenzulernen. Ich wollte schon immer Abenteuer erleben! Und das tue ich auch. Schon oft bin ich nur um Haaresbreite dem Tod entkommen.“ „Das macht ihr aber nicht nach! Das ist viel zu gefährlich für euch!“, ermahnte Tom die Kinder, die gespannt dem Landstreicher zuhörten.

„Und ich liebe meine Abenteuer trotzdem!“, fuhr der Mann fort, ohne den besorgten Tom zu beachten. „Jedes Mal, wenn ich in dieser Gefahr schwebe, bekomme ich diesen Kick, dieses Adrenalin, mit dem sich mein Körper vollpumpt. Das ist es, was mein Leben so erfüllt macht. Und deshalb würde es mir nichts ausmachen, wenn ich plötzlich sterben würde. Ich habe schließlich auch nichts zu verlieren. Wenn ich plötzlich weg wäre – ich hätte nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.“ Der Landstreicher war völlig überzeugt von dem, was er sagte. Wie er es aussprach – er tat es mit solch einer Begeisterung. Liam sah, wie seine Augen strahlten.

„Welche Wesen haben Sie schon alles gesehen?“, fragte der zehnjährige Andy vorsichtig. „Schon alle möglichen!“, antwortete der Mann lächelnd. Dann beugte er sich etwas vor zu dem kleinen Jungen. „Doch du kannst sie auch alle sehen. Jeder kann das! Jeder kann dieselben Abenteuer wie ich erleben!“, meinte er.

„Aber wie?“, erkundigte sich Andy, gefesselt von dem Enthusiasmus des Mannes. Dieser fuhr wieder etwas zurück und sah Andy nur eindringlich an. Es herrschte Stille. Wieso ging der Landstreicher nicht auf Andys Frage ein? Wieso antwortete er nicht? Wusste er die Antwort selbst nicht? Das war Liams erster Gedanke, doch er konnte es sich einfach nicht vorstellen. Vielleicht sollte Andy nur selbst überlegen. Alle sollten überlegen.

„Durch unsere Fantasie“, antwortete Luna schließlich ruhig. Liam glaubte, dass es für sie nicht schwer war, Andys Frage zu lösen. Es war für Luna ein Kinderspiel. „Genau! Durch unsere Fantasie! Mit ihr können wir über die höchsten Wolken fliegen und die tiefsten Ozeane durchschwimmen. Wir können Könige kennenlernen oder gar selbst welche sein. Wir können die entlegensten Orte sehen und uns darauf prächtige Schlösser erbauen. Deshalb ist unsere Fantasie schließlich auch das schönste, was wir besitzen. Schöner als all das Wissen dieser Welt“, erklärte der Reisende.

„Wissen ist nämlich begrenzt. Unsere Fantasie nicht“, fügte Luna mit einem winzigen Hauch von Begeisterung hinzu. „Das ist der Punkt!“, stimmte der Landstreicher ihr zu und sah sie bewundernd an.

„Eine Tragödie, dass es Geschöpfe gibt, die sie uns nehmen wollen!“, wandte er sich dann wieder den andern zu. „Welche Geschöpfe? Und warum wollen sie sie uns nehmen?“, hakte Liam irritiert nach. „Die Dunklen Engel. Das sind schrecklich neidische Wesen, die die Freude Anderer nicht ertragen können. Sie wollen, dass all das Lachen aus unserm Gesicht und all der Glanz aus unseren Augen verschwindet.“

„Aber das schaffen sie doch nicht, indem wir einfach keine Fantasie mehr haben. Ich meine, das kann doch gar nicht so drastische Auswirkungen haben!“, meinte Liam verwirrt. Der Landstreicher seufzte. „Junge, du scheinst mir, recht klug zu sein. Du musst doch wissen, dass es nicht so ist. Du musst wissen, dass die Fantasie einen viel größeren Platz in unserm Leben, in unserm Herzen einnimmt. Male dir doch einmal aus, was passieren würde, wenn du keinen Funken Vorstellungskraft mehr hättest!“, verlangte er. Es klang fast wie ein Flehen. Stille.

„Was ist Vorstellungskraft? Und was ist Fantasie?“, unterbrach ein sehr kleines Mädchen dann das Schweigen. „Das ist die Kraft, mit der du dir Dinge vorstellen kannst. Dinge, die schier unmöglich scheinen, können plötzlich möglich werden. Zwar nicht in der Wirklichkeit, aber in deinem Kopf. Zum Beispiel, wenn dir jemand ein Buch vorliest: Du hast plötzlich Menschen, Orte und andere Bilder im Kopf, die eigentlich gar nicht existieren. Du bist Zuschauer einer Geschichte, die sich vielleicht nie zugetragen hat. Oder wenn wir ein Lied komponieren, wenn wir zeichnen, wenn wir träumen – zu all dem brauchen wir unsere Fantasie“, erklärte Tom. Und Liam wurde klar, wie wichtig die Fantasie war.

„Kann denn niemand unsere Fantasie schützen?“, fragte Luna monoton. „Dazu müsste man das Sterben des Mondes verhindern. Er erscheint mir schon seit langer Zeit sehr schwach. Ich schätze seit etwa fünfzehn Jahren.“

„Aber was hat denn der Mond damit zu tun? Und außerdem kann er doch gar nicht sterben! Der Mond ist doch gar kein Lebewesen!“, protestierte Andy. „Das stimmt nicht ganz!“, entgegnete ihm der Landstreicher. „Nur weil du ihn nicht atmen sehen kannst, heißt das nicht, dass er nicht lebt. Zwar lebt er auch nicht – zumindest nicht direkt – aber jemand lebt für ihn. In ihm. Eine Frau. Und ihr Leben und damit auch das des Mondes ist deshalb so wichtig für unsere Fantasie, weil wir den Mond nur in der Nacht sehen, wenn wir schlafen. Denn dann träumen wir. Und wenn wir das tun, ist unsere Fantasie am stärksten.“ Schweigen. Die Zuhörer dachten über die Geschichte des Mannes nach.

„Das ist doch alles absurd!“, warf Liam schließlich ein. Er wollte sich keine Märchen von einem dreckigen Landstreicher erzählen lassen. „Bei allem Respekt, aber der Mond lebt nicht und in ihm lebt erst recht niemand! Und warum sollte er auf einmal seit fünfzehn Jahren schwächer werden? Das ist doch nur Aberglaube!“, meinte er. „Ich weiß auch nicht, was vor fünfzehn Jahren war, aber das alles ist garantiert kein Aberglaube! Nur weil du es dir nicht vorstellen kannst, heißt das nicht, dass es nicht so ist!“, entgegnete der Reisende ihm energisch und seine kleinen Augen glühten. Die Umstehenden zuckten leicht vor Schreck auf. Nur Luna blieb still sitzen und zeigte wieder einmal keine Gefühle.

„Du musst dir keine Geschichten anhören, an die du nicht glauben willst, Liam Anderson“, meinte sie dann mit ihrer hellen, emotionslosen Stimme. Der sah sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Wut an. Dann beschloss er zu gehen.

Wütend knallte er seine Zimmertür hinter sich zu und schmiss sich auf sein Bett. Eigentlich konnte Liam sich immer beherrschen, aber er wollte nicht mehr in diesem Haufen aus Verrückten sein. Er wollte sich von einem Mann, der womöglich nie etwas anständiges gelernt hatte, irgendwelche Geschichten auf die Nase binden lassen. Zwar klangen die Worte des Landstreichers doch auf eine seltsame Art und Weise logisch, aber das machte sie noch lange nicht wahr. Es gab keine Dunklen Engel, es gab keine Frau, die im Mond lebte, und es war auch nichts besonderes vor fünfzehn Jahren passiert. Basta!

Jemand klopfte an der Tür. „Wer ist da?“, fragte Liam mürrisch. „Ich!“, ertönte Andys dumpfe Stimme von der anderen Seite der Holztür. „Du darfst rein!“, erklärte Liam mit einem Seufzer und richtete seinen Oberkörper auf, sodass er auf dem Bett saß, und lehnte seinen Rücken schließlich gegen die Wand hinter ihm.

Andy trat ein. Er setzte sich zu ihm. „Meinst du wirklich, dass der Mann das alles nur erfunden hat?“, fragte er Liam vorsichtig und starrte ihn mit seinen großen, blauen Augen an. Liam stöhnte. „Ich bin mir sicher“,  antwortete er dann.

„Aber wie kannst du dir so sicher sein? Du hast doch keine Beweise“, meinte Andy. Wieder antwortete Liam nicht sofort. Andy hatte recht. Er hatte wirklich keine Beweise. Zwar hatte er ein Vorurteil, nämlich dass der Landstreicher ungebildet war, aber das reichte nicht, um sicher entscheiden können, ob etwas Wahres an seiner Geschichte war. Liam seufzte. „Keine Ahnung.“

Aus dem Abend wurde Nacht und Liam lag in seinem Bett und versuchte einzuschlafen. Doch er konnte es nicht. Der skurrile Besucher wollte einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. Liam musste zugeben, dass er nicht skurril genug war, um ihn für komplett verrückt und unglaubwürdig erklären zu können. Irgendwie hatte der Landstreicher doch seriös und erfahren gewirkt. Wie einer, der wusste, wovon er sprach. Doch das würde bedeuten, dass seine Geschichte wirklich der Wahrheit entsprach.

Auch Mrs. Brown lag noch lange wach. Die Worte des Mannes hallten noch lange in ihrem Kopf. Und sein Erscheinungsbild. Wie er auf Luna gewirkt hatte. Nicht viele Menschen schafften es so gut, Lunas Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Mädchen hatte ihm so neugierig zugehört. Der Mond wird schwächer. Seit etwa fünfzehn Jahren. Das waren die Worte des Mannes. Mrs. Brown erinnerte sich noch gut an das, was sie vor fünfzehn Jahren erlebt hatte. Was Luna vor fünfzehn Jahren erlebt hatte.

Ein neuer Tag brach an und die wirren Gedanken aus den Köpfen derer, die dem Reisenden zugehört hatten, waren verflogen. Der Landstreicher hatte sich noch in der vorherigen Nacht wieder auf den Weg gemacht. Die meisten taten, als ob nichts gewesen sei.

„Liam, reichst du mir bitte mal die Butter?“, fragte Tom den Jungen am Frühstückstisch. „Bitteschön!“, sagte Liam und gab Tom das Tellerchen mit der gelben, kastenförmigen Masse.

So viele Gedanken gingen zwischen dem Klirren des Bestecks und Geschirrs und dem Gequatsche der Frühstückenden unter. All diese Gedanken brachten fast den kleinen Kopf, durch den sie schwirrten, zum Platzen.

„Liam?“, piepste Andy. Liam hörte ihn nicht. Er unterhielt sich gerade mit Tom. „Liam?“ Wieder keine Reaktion. „Liam!“, wiederholte Andy nun ein drittes Mal und zerrte an Liams Ärmel.

„Was?“, raunte Liam und schenkte Andy nun endlich seine Aufmerksamkeit. „Bitte, sei nicht so böse zu mir!“, bat Andy kleinmütig. „Entschuldigung, du machst aber mein Hemd kaputt, wenn du so daran zerrst“, erklärte Liam dann ruhig.

„Was ist denn eigentlich?“, wollte er dann wissen. Andy zögerte. Doch er gab sich einen Ruck und stellte schließlich doch seine Frage: „Glaubst du immer noch, dass der Mann alles erfunden hat?“ Liams war zunächst irritiert. Dann seufzte er und ließ seinen Blick durch den Essenssaal schweifen, bis er schließlich wieder auf Andys fragendem Gesicht ankam.

„Wieso vergisst du den Mann nicht einfach?“, fragte er. „Kann ich nicht. Will ich nicht“, antwortete Andy. „Warum denn?“, hakte Liam nach. „Was, wenn er recht hat? Vielleicht stirbt ja wirklich bald der Mond. Und dann können die Dunklen Engel uns unsere Fantasie nehmen. Das will ich nicht. Wenn ich keine Fantasie mehr habe, kann ich nicht mehr spielen. Aber ich brauch sie doch“, erklärte Andy. Wieder wandte Liam kurz seinen Blick von dem kleinen Jungen ab. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er wusste nicht einmal, was er denken sollte.

„Kinder? Weiß eigentlich jemand von euch, wo Luna steckt?“, fragte Mrs. Brown bald. Erst jetzt fiel Liam auf, dass das große, blonde Fragezeichen tatsächlich nicht mit am Tisch saß. Ihr Platz war leer. Und die Kinder um den leeren Platz herum schüttelten ihre Köpfe. Niemand wusste, wo Luna war.

„Soll ich nach oben gehen und nach ihr sehen, Rosie?“, schlug Tom vor. „Ja, bitte, tu das? Und wenn du sie findest, sag ihr bitte, dass sie etwas essen soll. Das Frühstück ist schließlich die wichtigste Mahlzeit des Tages!“, erklärte Mrs. Brown. Tom nickte, rutschte mit seinem knarrenden Stuhl ein paar Zentimeter vom Tisch weg und stand auf, um zwei Stockwerke weiter nach oben zu gehen und dort Luna zu suchen.

„Luna weiß, dass der Landstreicher nicht gelogen hat“, zischte Andy Liam etwas wütend zu. Der Zehnjährige war wütend, weil Liam der Geschichte des Mondes und der Dunklen Engel keine Chance gab. Im Grunde wusste Liam nämlich ganz genau, dass die Geschichte nicht erfunden war. Doch er traute sich einfach nicht, ihr zu glauben.

Kurz darauf kam Tom mit Luna zurück. „Wo warst du, Schätzchen? Du musst doch etwas essen!“, sagte Mrs. Brown sofort. „Wahrscheinlich hat sie gerade nur wieder nach einem neuen Zauberspruch gesucht. Sie muss doch die Frau retten, die für den Mond lebt“, lachte ein Mädchen vom anderen Tisch. Ihre Freunde stimmten in das schallende Gelächter ein.

Luna blieb abrupt mitten im Raum stehen. Sie tat keinen Schritt weiter. Ruhig und mit dem Gelächter im Hintergrund senkte sie langsam ihren Kopf. Liam war irritiert. Waren es tatsächlich die Worte des anderen Mädchens, die Luna, die sonst ein so dickes Fell hatte, zum Anhalten gebracht hatten? Das dichte, vanilleblonde Haar fiel ihr wie ein Vorhang vors Gesicht. Dahinter schnaufte Luna sauer. Ihre großen Augen verzogen sich zu schmalen Schlitzen. Ihre vollen Lippen pressten sich zusammen. Und in ihr brodelte ein Vulkan.

„JA!“, schrie Luna plötzlich und drehte sich mit lautem Aufstampfen zu dem Mädchen um. Alle im Raum erschraken. Der Vulkan in Luna brach aus. „Ja, ich suche nach einem Zauberspruch! Aber nicht, um die Frau des Mondes zu retten, sondern um dich in die miese kleine Kröte zu verwandeln, die du bist!“, fuhr sie mit schriller Stimme fort und ging einen weiteren lauten Schritt auf das Mädchen zu, welches eingeschüchtert zurückwich. „Du hast es nicht verdient, dass du dich der Fantasie bedienen darfst! Du hast es nicht verdient, dass du träumen darfst! Denn die Fantasie ist nur denen bestimmt, die sie auch zu würdigen wissen! Aber du würdigst sie nicht, indem du mit ihr lügst, anderen das Leben schwermachst und ihnen den Mut nimmst! Du tust, als seist du etwas Besseres! Aber das bist du nicht! Deshalb könntest du nie die Frau des Mondes retten!“, erklärte Luna energisch, während sie immer weiter auf das Mädchen zu schritt.

Sie stand nun unmittelbar vor dem Mädchen, welches sich zusammenkauerte und an ihrem Tischnachbar festklammerte. Luna beugte sich zu dem verängstigten Mädchen herunter. Wütend, aber ruhig flüsterte sie ihr noch eine Beleidigung zu. „Du bist nichts als ein Häufchen Abschaum.“

„Luna! Es reicht!“, rief dann Mrs. Brown. Liam wandte sich der alten  Hausherrin zu. Sie war aufgestanden. Luna drehte sich zu der älteren Dame um. „Tut mir leid. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle“, murmelte Luna.

Kurz wandte sie sich noch einmal an das Mädchen hinter ihr. „Verzeihung. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Völlig irritiert starrten die Kinder und Jugendlichen Luna an. Auch Liam verstand nichts mehr. Was war das gerade für eine Show gewesen?

Wieder vergingen Stunden, die wie alle anderen waren. Luna hatte sich seit dem Frühstück nicht mehr blicken lassen. Die ganze Zeit war sie in ihrem Zimmer. Nicht einmal zum Mittagessen oder Abendbrot war sie erschienen. Tom hatte sie gesagt, ihr sei schlecht. Aber diese Lüge glaubte wohl keiner.

„Wenn du mich fragst, brütet sie irgendetwas aus. Luna bleibt nicht einfach so die ganze Zeit auf ihrem Zimmer. Rosie hat sogar gesagt, dass sie sich da drin eingeschlossen hätte“, meinte Caitlin, die mit Liam und ein paar anderen Jugendlichen den Abwasch erledigen musste. „Einschließen? Wie will sie denn das geschafft haben? Wir bekommen doch nur die Schlüssel für die Badezimmer“, erwiderte Liam ihr und räumte ein paar abgetrocknete Teller in ein Regal. „Da siehst du, wie durchtrieben Luna ist. Ich wette, dass sie es noch während des Frühstücks getan hat. Als wir gegessen haben und sie unbeaufsichtigt war“, erklärte die Siebzehnjährige, die am selben Tisch wie Liam saß.

„Und was soll sie deiner Meinung nach ausbrüten?“, hakte Liam nach. „Ha! Das ist leicht! Sie will Rache an Rosie und mir nehmen. Diese Entschuldigung kaufe ich ihr nämlich sowieso nicht ab!“, meinte Amy, das Mädchen, das von Luna beleidigt worden war, und schrubbte noch fester an einer Tasse.

„Nein! Luna ist zwar seltsam, aber sie ist nicht böse!“, widersprach ihr Caitlin. „Hast du gesehen, wie sie mich angestarrt hat? Ich glaube, sie hätte mich jede Sekunde verfluchen können. Sie hätte es getan, wenn Rosie nicht eingegriffen hätte!“, entgegnete Amy ihr und stellte die Tasse ab.

„Stopp, Leute! Ihr spekuliert zu viel! Luna ist ganz harmlos. Eigenartig – aber harmlos“, meinte Liam dann und legte eine halb abgetrocknete Gabel auf seine Arbeitsfläche. „Pah! Du klingst, als würdest du von einem Tier reden!“, bemerkte Amy. „Ja, ein Tier, das passt gut zu Luna!“, mischte sich der kleine Dominic mit ein. „Hört doch auf, so schlecht von ihr zu reden! Nur weil sie anders ist als ihr, ist sie kein Dämon!“, warf Andy verständnislos ein.

„Ein Dämon vielleicht nicht. Aber neidisch. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass sie jeden beim Vor- und Nachname nennt? Jedes Mal, wenn sie das tut, läuft es mir wie ein eiskalter Schauer über den Rücken, weil ich genau weiß, wie sehr sie sich auch einen Nachnamen wünscht. Aber Luna ist eben einfach nur Luna“, erklärte Caitlin. „Ja! Davon bekommt man eine wahnsinnige Angst. Luna wird bestimmt die erste sein, die heiratet. Und das nur, damit sie endlich einen Nachnamen bekommt!“, stimmte Dominic ihr zu.

„Jetzt hört doch auf, ihr solche Sachen zu unterstellen!“, befahl Liam. „Genau! Ihr seid unfair ihr gegenüber!“, meinte Andy. „Das würde ich so nicht sagen“, erwiderte Caitlin und senkte ihre Stimme. Sie fuhr fort: „Wir haben nur Angst vor ihr. Ich meine: Habt ihr ihren Blick gesehen, als der Landstreicher gestern die Geschichte erzählt hat? Seine Worte haben Luna nicht kalt gelassen. Es würde mich nicht wundern, wenn ihr heutiges Verhalten etwas damit zu tun hat. Irgendetwas stinkt da ganz gewaltig!“ Caitlin sah verschwörerisch in die Runde. Alle außer Liam und Andy nickten zustimmend. Liam konnte nicht fassen, dass sie alle so schlecht von Luna dachten, dass sie die wildesten Spekulationen machten.

„Ihr seid ja immer noch nicht fertig mit dem Abwasch!“, meinte Tom, als er die Tür zur Küche aufstieß. Die Kinder und Jugendlichen fühlten sich ertappt und so sahen sie den Mann auch an. „Wir haben nur eine kurze Pause gemacht, weil wir kleine Differenzen klären mussten“, antwortete Caitlin ihm dann. Liam glaubte einen verabscheuenden Unterton in ihrer Stimme zu hören. Doch der galt nicht Tom, sondern Liam und Andy. Und Luna.

Langsam brach die Nacht herein. Liam konnte noch nicht schlafen. Er hatte sich noch nicht einmal fertig zum Schlafen gemacht. Er saß nur auf seinem Bett und dachte über die Meinungen der Anderen nach. Was Caitlin, Amy und Dominic gesagt hatten – das alles klang so absurd. Dadurch interessierte Liam umso mehr, warum Luna sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatte. Das war doch nur ein Zeichen, dass es etwas gab, das niemand wissen durfte. Etwas, das Luna den Anderen verheimlichte.

„Verflucht!“, murmelte Liam. Diese ganze Sache machte ihn schier verrückt. Zwar war Luna ohnehin eine sehr mysteriöse Person, aber die letzten zwei Tage brachten das Ganze auf den Gipfel. Eigentlich waren Liam solche Sachen egal, aber irgendetwas war diesmal anders. Liam wusste es einfach. Denn es gab nichts, was Luna so beeinflussen konnte. Liam zerbrach sich den Kopf darüber, was das Mädchen so bewegte.

Er beschloss, Luna einfach zu fragen. Er stand von seinem Bett auf, verließ sein Zimmer und ging stattdessen zu Lunas. Der schmale Flur wurde nur von Kerzen, die mit kleinem Abstand an der Wand angebracht waren, beleuchtet. Irgendwie hatte Liam Angst. Er holte einmal tief Luft und klopfte schließlich an die Tür.

„Wer ist da?“, hörte er Lunas helle, monotone, durch die Tür gedämpfte Stimme. „Ich bin's. Liam“, antwortete der Junge. „Liam Anderson?“, hakte das Mädchen nach. Liam erinnerte sich an das, was Caitlin gesagt hatte. Luna nannte jeden auch bei seinem Nachnamen. Liam wurde etwas mulmig zumute.

„Ja, Liam Anderson“, bestätigte er schließlich.

„Was willst du, Liam Anderson?“

„Darf ich reinkommen?“

„Wieso?“

„Ich will … ich muss mit dir reden.“

„Worüber?

„Bitte, lass mich rein. Dann sag ich es dir.“

Liam hörte ein Quietschen, ein Knarren, Schritte, die näher kamen. Dann drehte Luna den Schlüssel im Schloss und mit einem Knacken öffnete es sich. Luna öffnete die Tür und ließ Liam eintreten. Dann sperrte sie ihr Zimmer wieder ab.

Zum ersten Mal sah Liam den Raum von innen. Er unterschied sich nicht auffällig von den anderen. Ein großes rosa Kissen lag auf dem Bett und zwei weitere, bestickte waren nur zur Dekoration da. Die rosa Decke war ordentlich zusammengefaltet.  Die Vorhänge vor dem einzigen Fenster waren weiß und etwas gerüscht. An der hellblauen Wand hingen wunderschöne Bilder, die zahlreiche, wundersame Gestalten zeigten. Viele spitze Buntstifte lagen auf dem kleinen Schreibtisch, auf dem auch eine kleine Kerze den Raum erhellte. Doch es brauchte noch eine zusätzliche, die von dem Nachttisch Licht aussendete, damit man in dem Zimmer auch gut genug sehen konnte.

„Also. Worüber wolltest du mit mir reden?“, erkundigte Luna sich dann und lehnte sich an ihren Schreibtisch. „Mir ist aufgefallen … “, begann Liam.

Doch da bemerkte er etwas hinter Lunas Beinen. Etwas braunes. „Ist das ein Rucksack?“, fragte er dann und deutete auf den Gegenstand unter Lunas Schreibtisch, den das Mädchen zu verstecken versucht hatte. „Nein“, antwortete Luna gelassen.

„Doch! Natürlich!“, widersprach ihr Liam, schritt auf den Schreibtisch zu, und ehe Luna es verhindern konnte, schnappte er sich den Rucksack. „Der ist ja total schwer! Was hast du da alles reingepackt?“, wollte Liam wissen und öffnete die Tasche. Dort fand er in Gläser gestopfte, beschmierte Brote und mit Getränken gefüllte Flaschen.

Folgenreiche Entschlüsse

„Das war's! Jetzt dreht sie völlig durch!“, dachte Liam sich entsetzt. „Warte, warte, warte! Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, waren die Worte, die er aussprach.

„Doch das ist mein Ernst. Wenn von euch keiner den Worten des Landstreichers glaubt und loszieht, um unsere Träume zu retten, muss ich es tun“, erklärte Luna ruhig. „Den Worten des Landstreichers kann man ja auch keinen Glauben schenken! Er hat alles nur erfunden! Luna. Niemand wird je versuchen, uns unsere Fantasie zu stehlen. Auch keine Dunklen Engeln, weil sie nicht existieren!“, entgegnete Liam ihr und sah sie eindringlich an. „Doch. Sie existieren.“ Luna beharrte steif und fest auf ihrer Meinung.

„Okay. Dann gehe ich jetzt eben zu Rosie. Oder zu Tom. Ich kann nicht zulassen, dass du einer Lüge hinterherjagst“, entschied Liam dann, ging zur Tür und wollte sie öffnen. Doch es ging nicht. Feste rüttelte Liam an dem Türknauf, bis ihm einfiel, dass Luna zugesperrt hatte. Den Schlüssel hatte sie wieder an sich genommen.

„Luna, mach bitte die Tür auf.“ Ihre geflüsterte Antwort schockte Liam. „Nein.“ – „Ähm, doch. Bitte. Du kannst mich nämlich nicht einfach in deinem Zimmer einsperren“, meinte er. Doch seine Erklärung war mehr an ihn selbst gerichtet als an das Mädchen. Er wollte sich Mut machen. „Ich werde dir den Schlüssel zukommen lassen. Aber erst, wenn ich weg bin“, antwortete Luna.

Liam konnte nicht fassen, wozu dieses Mädchen imstande war. Luna war wahnsinnig! „Du kannst nicht weglaufen! Verdammt nochmal, es gibt keine Dunklen Engel! Die sind nur erfunden! Nichts weiter!“, entgegnete Liam ihr mit einer Mischung aus Wut und Angst.

„Liam Anderson! Du bist ein sehr naiver Mensch. Du solltest anfangen, auch an etwas zu glauben, obwohl du es noch nicht gesehen hast.“ Wie konnte sie ihn naiv nennen? Sie war doch schließlich diejenige, die der Geschichte des Landstreichers einfach so Glauben schenkte!

Ohne weitere Zeit zu verschwenden, nahm Luna schließlich ihre dünne Bettdecke, öffnete ihr Fenster, durch das ein Windstoß fegte, und band das große Stück Stoff daran fest. Dann packte sie ihr Laken und verknotete es mit ihrer Decke. Da Lunas Zimmer im zweiten Stockwerk war, musste das reichen. Außerdem hatte sie sowieso nicht mehr, womit sie ihr Seil hätte erweitern können.

„Gib mir jetzt bitte meinen Rucksack“, bat sie dann Liam. Der sah sie verständnislos an und umklammerte die Tasche nur noch fester. „Nein! Auf keinen Fall!“, erwiderte er.

„Bitte!“

„Nein!“

„Bitte!“

„Nie im Leben!“

„Liam Anderson!“ Liam glaubte, einen Hauch von Verzweiflung in Lunas Stimme gehört zu haben.

Schließlich packte das Mädchen Liams Hand und versuchte sie von dem Rucksack weg zu zerren. Liam erschrak. Lunas Hand war eiskalt. Vor Schreck ließ er tatsächlich die Tasche los und wich einen Schritt zurück. Das nutzte Luna aus und ging mit schnellen Schritten auf ihr Fenster zu.

Doch auch Liam reagierte rasch. Rasch verfolgte er Luna in dem kleinen Zimmer und drängte sie in eine Ecke neben dem Fenster. Er stützte seine Hände neben Lunas Kopf ab und engte sie so ein. Rechts von ihr war die Wand, links von ihr ihr Schreibtisch. Feste drückte das Mädchen ihre Tasche an sich. „Mich wird sowieso niemand vermissen. Es wird niemandem auffallen“, meinte Luna. „Doch! Es wird jedem auffallen! Rosie wird dich vermissen! Sehr! Sie wird sich solche Sorgen um dich machen!“, widersprach ihr Liam.

„Bitte! Lass mich gehen! Die Frau des Mondes wird sterben, wenn niemand etwas unternimmt“, flüsterte Luna mit Verzweiflung im Unterton. Liam starrte sie verständnislos an. Glitzerte da tatsächlich eine Träne in Lunas Auge?

Plötzlich trat Luna in Liams Magen, sodass dieser erschrocken ein paar Schritte nach hinten taumelte. Er nahm seine Hände von der Wand und hielt sie sich stattdessen auf den schmerzenden Bauch, während Luna den Rucksack auf ihren Rücken nahm und vorsichtig, aber hastig durch das Fenster stieg.

„Luna!“ Liam versuchte eine ihrer kalten Hände zu packen, doch das Mädchen konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen und verlagerte ihren Griff weiter unten an die Kette aus der Bettdecke und dem Laken. Luna war doch nicht gerade leise. Wieso wachte niemand auf?

„Komm wieder rauf!“, befahl Liam, doch das Mädchen kletterte immer weiter nach unten. Liam drehte sich kurzentschlossen um, ging zur Tür und hämmerte dagegen. „Hallo! Aufwachen!“, brüllte er, doch sie alle schienen zu schlafen wie ein Stein.

Es gab nur noch eine Alternative. Liam musste Luna aus dem Fenster folgen. Und das tat er auch. Als das Mädchen schon auf dem feuchten Gras angelangt war, stieg Liam gerade behutsam aus dem Fenster. Sofort begrüßte ihn ein kühler Windstoß, der die Vorhänge vor Lunas Fenster tanzen ließ. Liams kinnlanges dunkelblondes Haar streifte sein Gesicht. Als er nach unten blickte, wurde ihm fast schlecht. Vom Boden aus, sah es zwar nicht besonders hoch aus, aber wenn man die Entfernung vom zweiten Stockwerk aus betrachtete, wirkte sie nahezu monströs. Liam hörte, wie Lunas Schritte sich durch das feuchte Gras entfernten und Wassertropfen in alle Seiten spritzen. Das Geräusch klang zwar lustig, doch die Situation, in der Liam gerade schwebte, war alles andere als lustig.

Der Junge hatte nun fast wieder festen Boden unter den Füßen. „Luna, bleib stehen!“, rief er in die Ferne, wo ein Schatten im Wald verschwand, und sprang von der Stoffkette ab. Kalte Wassertropfen knallten auf seine nackten Unterschenkel, da Liam nur eine knielange Leinenhose trug.

Luna blieb nicht stehen. Liam musste sie in den dunklen Wald verfolgen. Immer weiter rannte er zwischen die großen Tannen, die mit ihren fingerartigen, knochigen Ästen nach ihm greifen wollten. Unter seinen Füßen das Knirschen von abgefallenem Laub und das Knacken dürrer Zweige, begleitet von dem Tuscheln der gefährlichen Bäume. Der Wind wollte Liam mit einem unverständlichen Säuseln dazu verführen, im Wald zu bleiben. Doch das waren die einzigen Geräusche, die der Sechzehnjährige vernahm. Er hörte nichts wenige Meter vor ihm. Keine Schritte. Kein Keuchen. Keine Luna.

Aber das nahm Liam nicht den Mut. Er wusste, dass Luna irgendwo in seiner Nähe sein musste. Sie musste es einfach. Liam rannte weiter, eilte immer weiter in den gewaltigen Wald hinein. Hektisch stolperte er über Steine. Äste peitschten sein Gesicht und seine Arme und hinterließen Kratzer. Blätter verfingen sich in seinen Haaren. Irgendwann schalteten alle anderen Geräusche ab und Liam hörte nur noch sein erschöpftes, stoßartiges Atmen. Ihm wurde eisig kalt. Er bekam Seitenstechen. Aus dem Atmen wurde ein Keuchen. Liam hielt nicht an.

Eigentlich war ihm Luna egal. Keines der Waisenkinder im Haus hatte irgendeine Form von Beziehung zu ihr. Jedoch wollte Liam nicht, dass sich Rosie oder einer der anderen vom Personal Sorgen um das Mädchen machten. Außerdem konnte er nicht mit ansehen, wie Luna sich von den Worten des Landstreichers so in die Irre führen ließ. Denn das würde sich Andy zu Herzen nehmen. Und das musste Liam verhindern.

„Luna!“, rief er in die Finsternis. Er übersah einen großen Stein vor seinen Füßen. Er stolperte, rutschte aus, fiel. Dann spürte Liam nur noch den harten Aufprall, als sein Kopf gegen einen Stein schlug. Ein dumpfes Rauschen in seinen Ohren. Liam schloss die Augen.

Es wurde Morgen. Langsam ging die Sonne wieder auf und schenkte den Bewohnern des Waisenhauses Licht. Der Tag wäre ein so friedlicher, wären nicht die gestrigen Ereignisse gewesen.

„Herrgott, das Mädchen hat immer noch nicht aufgesperrt“, bemerkte Mrs. Brown etwas gereizt und rüttelte an dem Türknauf von Lunas Zimmer, wodurch sie ein paar andere Kinder weckte. „Sag ihr doch einfach, sie bekommt nichts zu essen, wenn sie nicht sofort die Tür öffnet!“, schlug Amy vor, die gerade auch auf dem Gang war. „Hab ich doch schon versucht, aber das ist ihr egal!“, erklärte Mrs. Brown sauer.

„Weiß jemand wo Liam ist? Er hätte jetzt eigentlich Küchendienst“, fragte Tom, als er auf die Personen im Korridor traf. Andy trat aus dem Badezimmer. Er trug noch seinen Schlafanzug. „Ist er nicht in seinem Zimmer?“, fragte er und gähnte. „Andy, zieh dir sofort Schuhe an! Sonst bekommst du noch eine Erkältung!“, befahl Mrs. Brown sofort, als sie auf die nackten Füße des kleinen Jungen starrte.

„Ich hab gestern Nacht aus Lunas Zimmer Liams Stimme gehört. Er hat irgendetwas gerufen“, mischte sich Dominic ein. „Und warum sagst du das erst jetzt?“, fuhr Andy ihn an. „Ich hab gedacht, das sei Einbildung. Deshalb hab ich wieder die Augen zugemacht und weitergeschlafen“, erklärte Dominic schnippisch.

„Tom, bitte, ich schaff es nicht, du musst die Tür aufbrechen“, meinte Mrs. Brown und ignorierte die beiden streitenden Jungen. Tom nickte. „Geht ein paar Schritte zurück“, riet er den Anderen und stellte sich an die Wand gegenüber Lunas Zimmertür. Mit dem größtmöglichen Anlauf stürmte er schließlich gegen die Tür und zerbrach sie in zwei Teile. Mit taumelnden Schritten bremste er wieder. Mrs. Brown und die Anderen betraten Lunas Zimmer.

„Der Himmel soll mir beistehen, sie ist doch nicht etwa wirklich weg!“, rief Mrs. Brown, als sie direkt vor ihren Augen das geöffnete Fenster sah, und brach in blankes Entsetzen aus. „Sie ist garantiert weg! Und Liam ist sicher bei ihr. Wahrscheinlich weil diese Hexe ihn entführt hat!“, erklang plötzlich Caitlins Stimme. „Caitlin, deine unüberlegten Unterstellungen sind jetzt völlig fehl am Platz! Damit holst du die beiden auch nicht zurück!“, tadelte Tom sie.

„Ich mein ja nur“, brummte Caitlin und ging wieder. Andy sah ihr sauer nach. Niemand durfte Luna unterstellen, dass sie eine Hexe sei. Und Liam war auch nicht von ihr entführt worden!

Liam spürte ein paar von Bäumen durchbrochene Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Zart wärmten sie ihn. Mit geschlossenen Augen genoss er es, einfach nur dazuliegen. Doch schlagartig verschwand die Wärme der Sonne und versteckte sich hinter Schatten. Atem traf auf seine Haut. Liam blinzelte ein paar Male, bis er schließlich seine Augen offen ließ und direkt über ihm große, graue Augen sah.

Liam schrie erschrocken auf und rollte sich zur Seite, damit er seinen Oberkörper aufrichten konnte, ohne gegen den Kopf zu stoßen, der gerade noch so dicht an seinem war. Als er sich endlich wieder gefangen hatte, sah er, wem die großen, grauen Augen gehörten. Luna saß mit ihrem Rucksack auf dem Rücken in der Hocke neben ihm.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte sie Liam mit klarer Stimme. Liam sah sie erst völlig verstört an, dann warf er ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Bist du des Wahnsinns? Du hast einen Schlag! Du bist vollkommen verrückt! Ich renn dir die ganze Nacht hinterher, an die letzten Sekunden kann ich mich nicht mehr erinnern, weil ich wahrscheinlich bewusstlos war, und du tust, als ob nichts gewesen wäre, und fragst, ob ich gut geschlafen habe?!“, erklärte Liam sauer und stand auf. „Dann hast du also nicht gut geschlafen“, folgerte Luna mit ihrer ausdruckslosen Stimme und erhob sich ebenfalls. Liam sah sie mit einer Mischung aus Wut, Angst und Verwirrung an.

„Wieso bist du zu mir zurück gekommen?“, wollte er dann wissen und seine Wut legte sich allmählich wieder. „Ich war neugierig. Ich wollte wissen, ob es dir gut geht?“ – „Neugierig? Also du hattest keine Angst um mich, sondern du warst nur neugierig?“, hakte Liam irritiert nach. Luna nickte. „Ich habe sowieso nicht so recht geglaubt, dass dir ernsthaft etwas passieren könnte“, fügte sie dann hinzu. Liams Verwirrung wurde nicht geringer. Er sagte nichts.

Dann sah er sich um. Um ihn herum wuchsen dichte dunkle hohe Tannen, die in die Wolken ragen wollten. Unter seinen Füßen lagen dürre Zweige zwischen altem, feuchten Laub. Ein paar große Büsche trugen Beeren, die Liam nicht probieren wollte. Er war also immer noch im Wald.

Dann sah der Junge an sich herab. Seine Kleidung hatte viele Flecken vom Matsch, die er auch auf seiner Haut spürte. In seinen alten Schuhen hatte sich ein kleiner See angesammelt, der sie bei jedem Schritt zum Quietschen brachte. Zahlreiche Blättchen und Ästchen hatten sich in seinen wirren Haaren verfangen. Dann bemerkte Liam, dass Luna viel sauberer aussah. Sie war immerhin nicht gestolpert und gefallen.

Plötzlich spürte Liam einen Schmerz auf seiner Stirn. Sofort presste er seine Hand darauf. „Du hast da eine Beule“, erkannte Luna trocken und ging ein paar Schritte auf Liam zu. Ängstlich wich der Junge ihr aus. Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber er fürchtete sich plötzlich vor dem sonderbaren Mädchen. „Ich tu dir doch nichts“, erklärte Luna und schritt weiter auf ihn zu, bis sie schließlich unmittelbar vor ihm stand. Er nahm seine Hand wieder herunter.

Sein Zittern ignorierend, hob sie ihre kühle Hand und führte sie langsam zu Liams Stirn, wo die Wunde war. Als sie ihn berührte, zuckte der Sechzehnjährige kurz zusammen. Sanft strich Luna über seine Beule. „Denk an etwas Schönes. Stell dir vor, hier würden viele lachende Elfen tanzen“, sagte Lunas beruhigende Stimme. Obwohl Liam ihren Rat für so sinnlos und verrückt hielt, schloss er die Augen und konzentrierte sich auf ihre Worte. Unter Lunas konstantem Streicheln seiner Beule wurde Liam schließlich entspannt und nach und nach baute sich ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Erst sah er nur sich und Luna im Wald. Ein Glitzern bedeckte die Szene. Blasse, starre  Elfen kamen hinzu, bis sie schließlich zu leuchten begannen und sich an einem Tanz erfreuten. Die Musik in Liams Ohren wurde immer lauter, bis er eine schöne, klare Melodie, geschmückt von hellem Lachen erkennen konnte. Alles schien so real.

„Du kannst die Augen wieder aufmachen, Liam Anderson“, riss Lunas zarte Stimme ihn wieder aus seinen Gedanken. Schlagartig waren die Musik, die Elfen und auch das Glitzern verschwunden. Nur Luna und er waren noch da. Das Mädchen hatte ihre Hand wieder heruntergenommen.

Stattdessen fasste sich nun Liam an seine Stirn. Der Schmerz war komplett gewichen. Teils entsetzt teils verdutzt entfernte Liam sich ruckartig wieder um ein paar Schritte von Luna. „Was war das?“, fragte er völlig perplex und betonte deutlich jedes einzelne Wort. „Deine Fantasie. Sie hat mir geholfen, deine Schmerzen zu lindern“, erklärte Luna.

Liam trat fassungslos noch weiter zurück. „Du bist krank! Du bist … du bist … völlig … geistesgestört! Was … redest du für einen Schwachsinn?“, stammelte er. Luna seufzte. „Du musst mir nicht glauben, wenn du nicht willst. Ich kann dir mein Wissen nicht aufzwingen“, antwortete sie ruhig.

Wissen? Dieses Wort machte Liam endgültig sprachlos. Empört und erschüttert zugleich fasste er sich die Hände an den Kopf und lief auf und ab. „Das gibt’s nicht. Das gibt es nicht!“, wollte er sich einreden, doch er schaffte es nicht. Erst hatte Liam tatsächlich die ganze Nacht Luna verfolgt, um sie wieder zurückzuholen. Dann hatte er sich den Kopf angeschlagen und Luna hatte ihm tatenlos dabei zugesehen, wie er wieder zu sich kam. Anschließend hatte sie ihm auf unerklärliche Weise seine Schmerzen genommen, während er ein so klares Bild seiner Fantasie gesehen hatte. Und zu guter Letzt, meinte diese Geisteskranke noch, sie wüsste etwas, das er selbst nicht wusste? Was hatte Liams Sturz nur mit seinem Kopf gemacht?

„Ich werde dann wieder gehen. Ich muss den Mond retten“, meinte Luna schließlich und setzte an, ihren Weg weiterzugehen. „Nicht so schnell!“, entgegnete ihr Liam zornig und packte sie am Oberarm. „Du kommst schön wieder mit nach Hause!“, verlangte er.

„Hast du etwa Angst um mich?“, hakte Luna nach. Doch ihre Frage klang eher wie eine Aussage. „Nein!“, erwiderte Liam und sah sie verständnislos an. „Ich habe Angst um die ganzen anderen Lebewesen hier draußen! Wer weiß, was du denen antun könntest?“ Und diese Frage war eine wirklich ernst gemeinte Frage. Vielleicht wurde Liam paranoid, aber er konnte nicht vorsichtig genug sein.

Lunas nächste Geste irritierte den Jungen nun noch mehr. Sie lächelte! Wieso lächelte dieses Mädchen, wenn man solche Vorurteile ihr gegenüber hatte? Lachte sie ihn etwa im Stillen aus? Verspottete sie ihn? Liam umklammerte ihren Arm nur noch fester.

Lunas Gesichtszüge wurden wieder normal, sodass sie ihr Gegenüber mit leerem Blick anstarrte. „Du hast auch nur Angst vor mir.“

„Ich habe keine Angst vor dir!“

„Jeder hat Angst vor mir. Weil ich anders bin. Ungewohntes flößt den Menschen Furcht ein – ob sie wollen oder nicht.“

„Mir aber nicht!“, fuhr Liam sie an und schubste sie von sich weg. „Mach dir nichts vor.“ Luna drehte sich um und ging. Ging in die falsche Richtung. Immer weiter weg vom Waisenhaus. Und Liam stand da, sah ihr wie versteinert nach und wiederholte in Gedanken ihre Worte.

Mach dir nichts vor. Liam hatte keine Angst. Erst recht nicht vor Luna! Er wusste nicht, was ihn dazu trieb – eigentlich war ihm die Meinung Anderer egal und er hatte nie das Bedürfnis ihnen etwas beweisen zu wollen – doch Luna sollte wissen, dass Liam kein Angsthase war! Und diese Besserwisserin sollte außerdem erkennen, dass der Landstreicher die ganze Geschichte um den Mond nur erfunden hatte! Seinen Beschluss würde Liam wohl bald bereuen:

Er rannte Luna nach und rief: „Warte! Ich komm mit dir!“

Es war wohl nur allzu menschlich, dass Liam sich doch dazu hatte hinreißen lassen, etwas zu tun, das er eigentlich nicht tun wollte. Das Unüberlegte und die Situation hatten ihn wohl einfach überwältigt und gefesselt. Der sture Drang, zu zeigen, dass in ihm mehr steckte, als seine Mitmenschen vermuten würden, hatten seinen Verstand vernebelt und somit Chaos hineingebracht. Das verführerische Säuseln der Anerkennung pfiff durch seine Gedanken und gab dem Komplizen Stolz die Hand. Liam war wohl doch nicht reifer als die anderen Jugendlichen seines Alters.

Der ständig von Mrs. Brown umher gescheuchte Tom zog seine Jacke an. „Du weißt, dass Rosie dich vielleicht erst wieder ins Haus lassen wird, wenn du mit den beiden zurückkommst?“, erkundigte sich eines der Hausmädchen. Der Mann lachte gequält. „Als Mann im Haus muss ich mich wohl damit anfreunden – auch wenn das Leben als Laufbursche ab und an lästig sein kann. Außerdem will ich Luna und Liam wiederfinden“, erklärte er. „Bring die beiden wieder gesund nach Hause“, bat die junge Frau dann und verabschiedete sich von Tom. Der schenkte ihr ein letztes Lächeln und schloss dann die Haustür hinter sich.

All das beobachteten Caitlin, Andy und ein paar andere Kinder. „Von mir aus kann Luna für immer fort bleiben. Soll sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst“, wisperte Caitlin den Anderen zu. „Ganz deiner Meinung! Ich bin froh, dass diese Hexe endlich weg ist“, stimmte ihr ein fünfzehnjähriger Junge der beliebteren Jugendlichen zu. Es kam nur selten vor, dass die Waisenkinder mit dem größeren Ansehen mit denen von geringerem Ansehen Gespräche führten, in denen sie auch der gleichen Meinung waren. Doch im Fall Luna waren sich alle einig. Alle, außer Andy. Der Gedanke, dass etwas – abgesehen von dem Verschwinden Lunas und Liams natürlich – nicht stimmte, ließ ihn nicht los. Und vielleicht hatte es sogar etwas mit dem Verschwinden zu tun. Doch die Worte des Landstreichers mussten das Mädchen in jedem Fall beeinflusst haben.

„Ihr solltet sie nicht eine Hexe nennen. Irgendwann kommt alles auf einen zurück und dann werdet ihr dafür bestraft werden, was ihr Luna angetan habt!“, bot Andy mutig den Anderen die Stirn. „Das glaube ich kaum!“, lachte Spencer, der Fünfzehnjährige. „Du solltest deine Träume von einer gerechten Welt begraben, Kleiner. Hier gewinnt nämlich nur, wer mit allen Mitteln kämpft!“, meinte Caitlin.

„Und das tut ihr alle nicht! Keiner von euch hat vor, das Sterben des Mondes zu verhindern. Aber Luna ist wahrscheinlich genau deswegen gegangen! Sie kämpft mit allen Mitteln!“, raunte Andy. „Schlaue Theorie! Womöglich ist das dumme Huhn wirklich deshalb weg. Aber ich kann dir eines sagen: Sie wird nichts erreichen! Denn der Mond wird nie sterben! Das ist ein Kreis am Himmel, der kein Leben besitzt – nichts weiter!“, entgegnete ihm Caitlin. Andy sah sie sauer an. „Ihr werdet euch noch wundern!“, zischte er böse und stapfte zornig davon.

„Wohin genau gehst du eigentlich? Du hast doch keinerlei Anhaltspunkte“, meinte Liam bald. „Ich möchte zu einem weit entfernten, fast ausgestorbenen Volk. Das Volk von Isenoth“, erklärte Luna. „Isenoth? Liegt das nicht auf einem anderen Kontinent? Dem Kalten Kontinent! Da ist Meer dazwischen, Luna! Viel, viel Wasser, weißt du?“, bemerkte Liam.

„Ich weiß. Doch davon lasse ich mich nicht an meinem Vorhaben hindern.“

„Und wieso willst du unbedingt nach Isenoth? Was erhoffst du dir davon?“

„Ich weiß nicht. Ich habe nur dieses Gefühl, dass ich dahin muss. Isenoth erscheint mir wie ein Ort, an dem man wunderbar träumen kann.“

Liam blieb stehen. „Du willst allen Ernstes an einen Ort, nur weil dir dein Gefühl