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Warum nur sind Kinderaussprüche zugleich philosophisch und komisch? Früher versuchte man sich über dieses Paradox hinwegzuhelfen, indem man ihre respektiven Äußerungen altklug nannte, richtige Kinder kämen nie auf solche Gedanken, ein wahrhaft schlimmer Tadel. Deswegen sei es komisch, wenn sie sie formulierten. Der Philosoph Karl Jaspers ist jedoch anderer Ansicht. In seiner Einführung in die Philosophie schreibt er, daß Kinder sehr wohl fähig seien, sich ernste Grundfragen der Philosophie zu stellen. Der in diesem Bändchen zuerst genannte Gedanke: 'Wer hat denn Gott, den Schöpfer allen Seins selbst gemacht?' ist logisch konsequent und wie das Beispiel beweist, sind Fünfjährige durchaus in der Lage, das Dilemma erkennen zu lassen. Daß dies komisch wirkt, liegt wohl daran, das sich Erwachsene solche Fragen oft garnicht mehr stellen. Ihre Vorurteile stehen der Einsicht im Wege. Man lacht also nicht über das Kind, das bekanntlich die Wahrheit sagt, sondern eher über sich selbst, denn soviel Kritik und Scharfsinn aus Kindermund ist man nicht gewohnt. Man lacht vielleicht auch aus Verzeiflung, weil ein Kind uns darüber aufklären muß, daß wir Esel sind. Natürlich sind viele von diesen Einfällen vom Religionsunterricht suggeriert worden. Daß der Gott der Christen anthropomorph ist, wird besonders aus dem kindlichen Nachdenken über ihn ersichtlich: Wenn Gott tot ist, weil er ein Loch im Bauch hat, das aber sofort von Haut verschlossen wird, erscheint darin die ganze abgründige Komik des abendländischen Gottesbegriffs. Nicht das Kind ist komisch, das diese Absurdität erkennen läßt, sondern die Priester und Religionslehrer, die die Unsterblichkeit Gottes als Dogma propagieren. Und so ziehen sich viele ernste ideologische Streitfragen durch die Kette der von den Kindern angeschlagenen Themen.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hans W. Schumacher
Kinder, Kinder ... !
H.s (geb. 1963) und B.s (geb. 1964) Gedanken über Gott und die Welt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
H.s (geb. 1963) und B.s (geb. 1964) Gedanken über Gott und die Welt 1968-1972
Impressum neobooks
Warum nur sind Kinderaussprüche zugleich philosophisch und komisch? Früher versuchte man sich über dieses Paradox hinwegzuhelfen, indem man ihre respektiven Äußerungen altklug nannte, richtige Kinder kämen nie auf solche Gedanken, ein wahrhaft schlimmer Tadel. Deswegen sei es komisch, wenn sie sie formulierten. Der Philosoph Karl Jaspers ist jedoch anderer Ansicht. In seiner Einführung in die Philosophie schreibt er, daß Kinder sehr wohl fähig seien, sich ernste Grundfragen der Philosophie zu stellen.
Der in diesem Bändchen zuerst genannte Gedanke: 'Wer hat denn Gott, den Schöpfer allen Seins selbst gemacht?' ist logisch konsequent und wie das Beispiel beweist, sind Fünfjährige durchaus in der Lage, das Dilemma erkennen zu lassen. Daß dies komisch wirkt, liegt wohl daran, das sich Erwachsene solche Fragen oft garnicht mehr stellen. Ihre Vorurteile stehen der Einsicht im Wege. Man lacht also nicht über das Kind, das bekanntlich die Wahrheit sagt, sondern eher über sich selbst, denn soviel Kritik und Scharfsinn aus Kindermund ist man nicht gewohnt. Man lacht vielleicht auch aus Verzeiflung, weil ein Kind uns darüber aufklären muß, daß wir Esel sind.
Natürlich sind viele von diesen Einfällen vom Religionsunterricht suggeriert worden. Daß der Gott der Christen anthropomorph ist, wird besonders aus dem kindlichen Nachdenken über ihn ersichtlich: Wenn Gott tot ist, weil er ein Loch im Bauch hat, das aber sofort von Haut verschlossen wird, erscheint darin die ganze abgründige Komik des abendländischen Gottesbegriffs. Nicht das Kind ist komisch, das diese Absurdität erkennen läßt, sondern die Priester und Religionslehrer, die die Unsterblichkeit Gottes als Dogma propagieren. Und so ziehen sich viele ernste ideologische Streitfragen durch die Kette der von den Kindern angeschlagenen Themen.
Wenn Gott Ursache für alles ist, was in der Welt geschieht, dann ist nicht der Mensch schuld daran, daß er bei einer Sache verunglückt, sondern Gott, der macht, daß ich mir so etwas Dummes ausdenke. Als Gedanke eines Kindes kann er nicht zynisch sein, er zeigt nur die Problematik einer theologischen Lehre auf. Kindergedanken sind also nicht wirr und naiv, sondern beziehen ihre Komik aus dem konsequenten und spielerischen Gebrauch der Vernunft.
Noch ein Wort zu der Schwierigkeit, Kindersprüche einzufangen. Man muß sie sozusagen im Flug erhaschen, denn sie kommen stets spontan und unversehens. Und sie sind so ungewöhnlich, daß man sich nach kurzer Zeit nicht mehr an die genaue Formulierung erinnern kann. Deswegen sind von einer großen Zahl hier nur die aufgezeichnet, bei deren Geburt jemand einen Stift und Papier zur Hand hatte; sie wurden auf dem Rand der Zeitung, die man gerade las, auf Briefumschlägen, auf dem Rücken oder den Reklameseiten eines Buches festgehalten, alles war recht, wenn es nur schnell zur Verfügung stand.
H.W.S.
Die metaphysische Grundfrage. H.: Der liebe Gott hat alles gemacht: Er hat die Blumen gemacht, die Elefanten und die Menschen! Aber wer hat den lieben Gott gemacht? (Januar 1969)
Nietzscheaner und Christen. Wir fahren zum Schlachtensee. Immer wenn die Kinder im Auto sitzen, wird der religiöse Instinkt in ihnen geweckt, warum, wissen die Götter. Kurz vor dem Schlachtensee platzt aus B. die entsetzliche Frage: Wenn aber nun der liebe Gott tot geht? H. überzeugt: Der liebe Gott geht nicht tot! B. malt sich das realistisch aus: Wenn der liebe Gott ein Loch im Bauch hat, fällt vom Himmel ein Stück Haut drauf, und es geht wieder zu! (15.6.69)
H. schlägt Verbesserungen vor: Der liebe Gott hätte zwei Welten machen sollen, eine für die Krieger und eine für die Menschen. Auf meine begeisterte Zustimmung hin meint er: Ich will heute Nacht beten, daß er das macht. (22.2.69)
