King - Er wird dich besitzen - T. M. Frazier - E-Book
Beschreibung

Kein Geld, kein Handy, und absolut keine Erinnerung daran, wer sie ist: Die junge Doe weiß, dass sie einen Beschützer braucht, wenn sie überleben will. Und als sie auf einer Party des führenden Motorcycle-Clubs der Gegend dem berühmt-berüchtigten King in die Arme läuft, spürt Doe sofort, dass sie keinen Besseren hätte finden können. King wird ihr Beschützer, ihr Geliebter, ihr Freund und ihre ganze Welt - aber auf der Suche nach ihrer Vergangenheit auch ihr größter Feind. Denn jeder weiß, dass King nichts mehr hergibt, was ihm gehört ... "Superheiß und so bad!" Kylie Scott

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Seitenzahl:434


Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungProlog12345678910111213141516 1718192021222324252627282930DankDie AutorinWeitere Bücher von T. M. FrazierImpressum

T. M. FRAZIER

King

Er wird dich besitzen

Ins Deutsche übertragen von Anja Mehrmann

Zu diesem Buch

Kein Geld, kein Handy, und absolut keine Erinnerung daran, wer sie ist und woher sie kommt: Die junge Doe weiß, dass sie einen Beschützer finden muss, wenn sie hier draußen im Nirgendwo überleben will – koste es, was es wolle. Eine Party des führenden Motorcycle-Clubs der Gegend scheint die perfekte Gelegenheit dafür zu sein, und als sie dort dem berühmt-berüchtigten, am ganzen Körper tätowierten Brantley King in die Arme läuft, spürt Doe augenblicklich, dass sie keinen besseren für diese Aufgabe hätte finden können. King wird ihr Beschützer, ihr Geliebter, ihr Freund und ihre ganze Welt – aber auch ihre größte Angst, denn auf der Suche nach der Vergangenheit hat alles seinen Preis. Und der Preis ist hoch, denn im Umkreis von mehreren hundert Meilen ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass King nichts mehr hergibt, was einmal ihm gehört hat …

Für Charley und Logan

Prolog

King

Zwölf Jahre alt

»Na komm schon, du kleine Schwuchtel! Du feiges kleines Weichei!«

Ich war auch früher schon Zeuge geworden, wenn die Kids an meiner Schule andere Kinder einschüchterten, aber bisher hatte ich nie das Gefühl gehabt, dass ich mich einmischen sollte. Wenn ein Junge nicht die Eier hatte, für sich selbst einzustehen, dann hatte er es eben nicht besser verdient.

An diesem Morgen hatte ich beschlossen, endgültig von zu Hause abzuhauen. Moms derzeitiger Freund hatte sie wieder mal als Punchingball benutzt. Aber als ich dazwischenging, hat sie mich nicht nur weggeschubst, sondern den Pisser sogar in Schutz genommen.

Sie sagte, sie hätte es verdient.

Sie ging sogar so weit, sich zu entschuldigen.

Bei ihm.

Ich hasste sie dafür. Weil sie schwach wurde. Weil sie zuließ, dass er sich auf diese Art an ihr vergriff. Ich wünschte mir so sehr, in Johns Visage zu schreien, dass ich in der Pause neben dem Schulgebäude saß und ständig die Fäuste ballte und wieder öffnete, während dieser Morgen sich vor meinem geistigen Auge immer wieder aufs Neue abspielte. Ich hatte zwar im Kampf gegen einen erwachsenen Mann nicht gewinnen können, aber ich war überzeugt, ihm wenigstens Schmerzen zugefügt zu haben.

Als ich also hörte, wie diese Worte über den Spielplatz gerufen wurden, war es, als hätte die Wut mir die Entscheidung abgenommen, bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte. Fast ohne es zu merken, machte ich einen Satz über den Sandkasten und steuerte auf die Gruppe von Kids zu, die auf der anderen Seite des Schulhofs neben dem Kickball-Feld im Kreis standen.

Ich überragte sämtliche anderen in meinem Jahrgang und konnte mühelos über ihre Köpfe hinwegblicken. In der Mitte des Kreises stand ein ziemlich brutaler Typ namens Tyler, ein dunkelhaariger Junge, der immer T-Shirts mit Bandlogos und abgeschnittenen Ärmeln trug. Er hielt einen dünnen Jungen am Hemdkragen fest und schlug ihm immer wieder ins Gesicht. Der kleinere Junge ächzte jedes Mal, wenn Tylers Faust ihn traf. Das zerrissene Hemd des Jungen war über seinen blassen Bauch hochgerutscht und gab den Blick auf blaue Flecken in unterschiedlichen Lila- und Gelbtönen frei. Seine Rippen zeichneten sich so deutlich unter der Haut ab, dass ich sie zählen konnte. Blut tropfte ihm aus der Nase und auf den Boden. Ich schob zwei kleine Mädchen beiseite, die die Prügelei durch Zurufe anfeuerten.

Kinder können verdammt grausam sein.

Erwachsene noch grausamer.

Mit einem Satz stand ich vor Tyler und holte aus. Ein einziger Faustschlag gegen seinen pickligen Kiefer reichte, und der Schulhofschläger landete auf dem Boden. Dumpf schlug sein Kopf auf. Bewusstlos.

Ich fühlte mich sofort besser. Obwohl das schlechte Gewissen immer, wenn ich Gewalt anwenden musste, hinterher wie eine Ratte an mir nagte, hatte der Schlag gegen Tyler meine brennende Wut zumindest vorübergehend vom grellen Licht eines Scheinwerfers zum Flackern einer brennenden Kerze gedimmt.

Der magere Junge saß auf dem Boden und hielt sich die blutende Nase. Dann nahm er die Hand aus dem Gesicht und sah mich mit einem breiten, unglaublich albernen Grinsen an, während Blut seine Zähne, die für seinen Mund zu groß waren, rot färbte. Nicht gerade das, was ich von jemandem erwartet hätte, der gerade verprügelt worden war. »War nicht nötig, mich zu retten. Ich hab ihn nur ein paar Treffer landen lassen, gleich hätte ich’s ihm richtig gegeben.« Seine Stimme überschlug sich bei jedem einzelnen Wort dieser Lüge. Tränen rannen ihm aus den Augenwinkeln und vermischten sich mit dem Blut, das seine Lippen verschmierte. Der Kreis hatte sich inzwischen aufgelöst, und die Jungs hatten ihr Kickballspiel wiederaufgenommen.

»Ich hab dich nicht gerettet«, sagte ich, machte einen Schritt über ihn hinweg und entfernte mich, aber irgendwo in der Nähe des Sandkastens holte der Junge mich ein.

»Natürlich nicht. Den hätte ich doch fertiggemacht. Oh, Mann, diesem Scheißtyp hat doch einer ins Gehirn geschissen«, schimpfte der Junge und fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum, während er mit mir Schritt zu halten versuchte.

»Ach ja? Und warum ist das so?«, fragte ich.

»Weil er wollte, dass ich sein beschissenes Mathe-Arbeitsblatt für ihn mache. Aber ich sag dir mal was, ich lass mich nicht rumkommandieren. Also hab ich ihm gesagt, er soll sich verpissen.« Seine Stimme klang dumpf, weil er sich immer noch die Nasenlöcher zuhielt, um das Blut daran zu hindern, ihm aus der Nase zu tropfen.

»Du hast bloß ›Scheiße, nein‹ zu ihm gesagt, und deshalb hat er angefangen, dich zu verprügeln?«, fragte ich, obwohl ich mir das sehr gut vorstellen konnte. Abgesehen von dem Bullshit mit meiner Mom und John waren es fast immer Kleinigkeiten, die dazu führten, dass meine Faust sich danach sehnte, mit jemandem nähere Bekanntschaft zu schließen.

Der Junge grinste.

»Na ja, das und … und ich hab ihm erzählt, wie cool ich es finde, dass es seinen Dad offenbar nicht stört, dass sein Sohn dem Chef seiner Mom beim Price Mart wie aus dem Gesicht geschnitten ist.« Er wischte sich den Dreck aus den Kratzern an seinen Ellbogen und rieb sich die staubigen Handflächen an seiner zerknitterten Khakihose ab. »Ich heiß Samuel Clearwater. Und du?«

Ich blieb stehen und wandte mich ihm zu. Er hielt mir die Hand hin, und ich nahm meine verschränkten Arme auseinander und schüttelte seine Hand. Obwohl er ein schlaksiger Junge und ungefähr so alt war wie ich, trug er Klamotten wie ein ordinärer Opa. Er redete auch wie einer, der zu alt war, um seine Worte noch sorgfältig zu wählen. Und welcher Elfjährige gab einem eigentlich die Hand?

Samuel Clearwater, der machte so was.

»Brantley King«, antwortete ich.

»Hast du viele Freunde, Brantley King?« Samuels widerspenstiges, sandfarbenes Haar fiel ihm in die Augen, und er schob es sich mit schmutzigen Fingern und mit Nägeln, die vor Dreck strotzten, aus dem Gesicht.

»Nee.« Keiner der Jungs in der Schule war wie ich. Seit dem allerersten Tag im Kindergarten hatte ich mich einsam gefühlt. Während alle anderen den Text zu »Old McDonald« lernten, überlegte ich, wie lange ich nach Einbruch der Dunkelheit warten musste, bis ich nach Hause gehen konnte. Kam ich zu früh, würde der Typ, dem meine Mutter gerade erlaubt hatte, für einen Monat bei ihr einzuziehen, unweigerlich zu motzen anfangen.

Allein zu sein kam mir ganz natürlich vor. Während die Zeit verging, wurde es immer mehr zu einem Zustand, der mir gefiel. Obwohl ich der größte Junge in der ganzen Schule war, brachte ich es fertig, herumzulaufen wie ein Geist.

Bis ich in Schwierigkeiten geriet.

Bis wir zusammen in Schwierigkeiten gerieten. Preppy und ich. Zwei kleine Pisser im Jugendknast.

»Ich auch nicht. Machen mehr Ärger, als sie wert sind«, sagte Samuel, und es klang beinahe überzeugend. Er stopfte sich das zu große, karierte Hemd wieder in die Khakihose und schob die Hosenträger zurecht, die ihm ständig von den Schultern rutschten. Dann rückte er seine gelb gepunktete Fliege zurecht.

»Was sind das für blaue Flecken?«, fragte ich und deutete auf seine Rippen.

»Hm, die hast du also gesehen?« Ein trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, aber woran auch immer er in diesem Augenblick dachte, er schob es beiseite und schürzte wieder die Lippen. »Ein höllischer Stiefvater mit verdammt vielen Problemen, seitdem meine Mom gestorben ist. Aber eigentlich hat er nur zwei Probleme. Bier und mich. Bier mag er. Mich eher nicht.«

Das Problem kannte ich. Obwohl es bei mir kein Stiefvater war, sondern eher ein unablässiger Aufmarsch von Männern. Sie hatten unterschiedliche Namen und Gesichter, aber im Grunde waren sie alle gleich.

»Pass auf, Junge, ich glaube nicht, dass Tyler dir noch mal auf die Nerven gehen wird.« Wieder wollte ich mich auf den Weg machen, zurück zu meinem Platz hinter dem Schulgebäude, wo ich allein sein konnte. Doch aus dem Augenwinkel sah ich, wie Tyler mit zusammengebissenen Zähnen die Stufen zur Schule hinaufhumpelte.

Weichei.

»War das jetzt alles?« Samuel folgte mir dichtauf, trat mir fast in die Fersen.

»Was soll denn noch sein?« Ich duckte mich unter einem tief hängenden Ast hindurch. Samuel war locker dreißig Zentimeter kleiner als ich und flitzte problemlos darunter her. Als ich mich weit genug von den anderen Jungs entfernt hatte, zündete ich mir die halbe Zigarette an, die ich zusammen mit dem letzten Streichholz aus dem Briefchen, das ich in meinem Schuh versteckt hatte, in meiner Gesäßtasche aufbewahrte.

»Kann ich mal probieren?«, fragte Samuel, und ich erschrak. Ich hatte nicht gemerkt, dass er immer noch da war.

Ich reichte ihm die Zigarette, und er sog den Rauch tief in die Lunge. Die nächsten fünf Minuten verbrachte er mit Husten. Ich drückte die Zigarette an der Sohle meiner Sneakers aus, während sein Gesicht sich gruselig violett verfärbte, bevor es wieder blass wurde, blutverschmiert und voller Sommersprossen. »Die ist echt verdammt gut, aber ich steh eigentlich mehr auf Mentholzigaretten.«

Ich brach in schallendes Gelächter aus, so heftig, dass ich mich vorbeugen und mir den Bauch halten musste. Samuel beachtete mich nicht weiter und redete weiter. »Wo wohnst du?«

»Hier und da.« Nirgendwo wäre die Wahrheit gewesen. Ich würde nie wieder nach Hause zurückgehen. Von nun an war die Schule nur noch ein Ort, an dem ich mich tagsüber aufhielt, damit ich mich vor dem Unterricht in die Umkleideräume schleichen und an dem kostenlosen Frühstücksprogramm teilnehmen konnte. Alles, was ich besaß, war in meinem Rucksack.

Und der war leicht.

»Ich wohne drüben in Sunny Isles Park. Das ist ein verdammtes Dreckloch. Wenn ich erwachsen bin, werde ich eins von diesen großen Häusern auf dem Wasser auf der anderen Seite vom Fahrdamm haben, so eins mit langen Beinen, die aussehen wie aus Star Wars.«

»Du meinst einen Pfahlbau?«

»Ja, Mann, einen beschissenen Pfahlbau wie in Star Wars, direkt an der Bucht.« Dieser Junge lebte in einem Trailer Park und wurde von seinem Stiefvater verprügelt, und hier stand er und malte sich seine Zukunft aus. Ich konnte nicht mal bis zur übernächsten Woche planen, geschweige denn die nächsten zehn Jahre. »Und du?«

»Ich?« Ich hakte mein Taschenmesser vom Bund meiner Jeans und stocherte damit im abplatzenden Putz des Schulgebäudes.

»Was willst du tun, wenn du erwachsen bist?«

Im Grunde wusste ich nur, was ich nicht wollte. »Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich nicht für einen Boss arbeiten will. Konnte es noch nie ausstehen, wenn mir einer Vorschriften macht. Ich wäre gerne mein eigener Boss, einer, der seinen eigenen Laden schmeißt.«

»Klar, Mann. Das ist total geil. Echt jetzt. Ich helfe dir. Wir machen das zusammen. Du schmeißt den Laden. Ich helfe dir dabei. Und dann kaufen wir uns so einen scharfen Star-Wars-Pfahlbau und wohnen da drin, und keiner wird uns je wieder vorschreiben, was wir tun sollen, hey, ho, verdammte Scheiße!«

Samuel zog ein Notizbuch aus seinem Rucksack und schlug eine leere Seite auf. »Komm, Mann, wir machen einen Plan.«

Die Vorstellung, mich mit einem Jungen, den ich nicht kannte, hinzusetzen und Pläne für eine Zukunft zu machen, über die ich noch nie nachgedacht hatte, kam mir albern vor. Aber aus irgendeinem Grund versetzte mir der Gedanke, seine Gefühle zu verletzen, einen Stich in die Brust, ein Gefühl, das ich überhaupt nicht kannte. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, gab ich nach. Ich setzte mich neben ihn ins Gras und seufzte. Er blickte lächelnd zu mir hoch, als bedeutete meine bloße Anwesenheit, dass wir schon auf halbem Weg in die Zukunft waren.

»Auf keinen Fall dürfen wir Weicheier sein«, fuhr er fort. »Wir kriegen kein Star-Wars-Haus, wenn wir Jobs in beschissenen Hotels oder in einer Fabrik annehmen – und Fischer wollte ich sowieso nie werden. Also fängt das Ding hier und jetzt an. Weicheier wirft man nämlich weg und tritt dann drauf. Mein Onkel, der ist ein saublödes Arschloch, ein Vollidiot. Er verkauft Gras. Wir könnten ihm was klauen und es verscherbeln. Von dem Geld kaufen wir dann den Stoff, den wir selbst weiterverkaufen.«

Samuel fing an, mit einem dicken schwarzen Filzstift aus seinem Rucksack etwas auf die Seite zu zeichnen. Oben stand ZIEL, und er zeichnete ein Haus auf Beinen, das aussah wie die Aufkleberversion dieser Dinger aus Star Wars, wie auch immer die heißen mochten. Ich kannte den Namen nicht, weil ich die Filme nie gesehen hatte, nur die Trailer. Dann zeichnete er etwas, das offenbar uns darstellen sollte; sich selbst malte er viel kleiner als mich. Mit einem grünen Filzstift schrieb er Dollarzeichen, die überall um uns herum in der Luft schwebten.

»Also, Preppy, was ist? Sind wir jetzt Freunde?«

Ich hatte noch nie einen Freund gehabt, aber irgendetwas an diesem Jungen mit der großen Klappe zog mich an. Ich nahm ihm den Filzstift aus der Hand und vervollständigte seine Zeichnung. Außer in Kunst war ich in der Schule nicht besonders gut. Ich konnte echt nur zeichnen.

Zeichnen war mein Ding.

»Verdammt, ja!«, sagte Preppy und sah zu, wie ich seinen Pfahlbau zu Ende malte. Er hatte noch ein Bild gemalt, das vermutlich seinen Onkel darstellen sollte, denn oben drüber hatte er »Depp« geschrieben. »Du kannst das echt gut. Hey, Mann, so was musst du unbedingt auch machen. So künstlerischen Scheiß. Schreib das in den Plan. Wir müssen auch Hobbys haben.«

»Und was ist dein Hobby?«, fragte ich.

»Meins?« Er lächelte und wischte sich die Nase ab, aus der gerade wieder Blut zu tropfen begann. Ein einzelner Tropfen fiel auf das Papier und zerplatzte auf Preppy, dem Strichmännchen. Er nickte verschlagen, schürzte die Lippen und hakte die Daumen unter die Hosenträger. »Schlampen.«

Ich glaube, an dem Tag habe ich mehr gelacht als in meinem ganzen bisherigen Leben. Außerdem habe ich gelernt, dass »Schlampen« ein Hobby sein können.

»Und was passiert, wenn wir erwischt werden?«, fragte ich und ließ den Filzstift über der Seite schweben.

»Werden wir nicht. Scheiße, dafür sind wir viel zu clever. Wir passen auf. Wir machen Pläne und halten uns daran. Verdammt, niemand wird sich uns in den Weg stellen. Niemand. Weder mein Stiefvater noch mein Onkel, keine Lehrer und vor allem nicht solche tyrannischen Wichser wie Tyler. Ich werde nie heiraten. Ich werde nie eine Freundin haben. Es geht nur um Preppy und King, die sich aus der Scheiße wühlen, anstatt darin zu verrotten.«

»Nein, im Ernst, was ist, wenn wir erwischt werden?«, fragte ich. »Ich meine ja nicht die Cops. Ich meine deinen Onkel oder sonst jemanden, der sich mit dem Kram befasst, von dem wir hier reden. Das sind harte Typen. Böse. Die lassen sich nicht gern an der Nase herumführen.«

Ich kannte solche Leute aus eigener Erfahrung. Mehr als ein Dealer war bewaffnet bei uns zu Hause aufgetaucht und hatte Geld verlangt. Und immer beglich Mom ihre Schulden, indem sie sie ins Schlafzimmer mitnahm und die Tür hinter sich abschloss.

Vielleicht verarschte dieser Junge mich nur, aber je länger ich über alles nachdachte, desto besser klang es. Leben, ohne irgendjemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Keine Angst mehr, dass jemand mir oder diesem kleinen, spießig aussehenden Jungen etwas antun konnte, der allem Anschein nach schon so oft gemobbt worden war, dass es für ein ganzes Leben reichte.

Die Vorstellung, erwachsen zu werden und so zu leben, wie ich es wollte, ein Mann zu sein, mit dem die Leute sich lieber nicht anlegten, der sich von niemandem etwas gefallen ließ, diese Vorstellung kam mir immer verlockender vor, je länger sie mir durch den Kopf ging und in meinem Hirn andockte, sich dort festsetzte, wo mir nach Meinung der Beratungslehrer andere Dinge fehlten, zum Beispiel ein »eindeutiges Gespür für Recht und Unrecht«. Aber sie irrten sich. Es stimmte einfach nicht, ich kannte den Unterschied sehr wohl.

Er war mir nur völlig egal.

Denn das passiert, wenn du nie etwas hattest, was dir wichtig ist.

Wenn ich diesen Jungen ernst nehmen wollte, musste ich zuerst herauskriegen, ob er mich hängen lassen würde, falls alles den Bach runterging. Ich musste wissen, dass er es mit dem Plan so ernst meinte, wie ich es allmählich tat, also musste ich ihm ein paar Fragen stellen. »Was passiert wirklich, wenn uns jemand in die Quere kommt? Bei unseren Geschäften? Bei unserem Plan?«

Der Deckel eines Filzstifts steckte in Preppys Mundwinkel, wo sich auf dem inzwischen getrockneten Blut eine Kruste gebildet hatte. Einen Augenblick lang starrte er, tief in Gedanken, über meinen Kopf hinweg. Dann zuckte er die Schultern, und unsere Blicke trafen sich.

»Dann bringen wir ihn um.«

1

King

An dem Tag, als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, erwischte ich mich dabei, dass ich eine Muschi auf eine Muschi tätowierte. Das Tier auf den weiblichen Körperteil.

Eine Mieze auf einer Muschi.

Absolut lächerlich.

Die Wände meines behelfsmäßigen Tätowierstudios bebten unter den wummernden Bässen der Musik meiner Willkommensparty, die ein Stockwerk tiefer tobte. Die Tür wackelte, als versuchte jemand sie im Rhythmus der Musik einzuschlagen. Sprühfarbe und Poster bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke und warfen ein künstliches Licht auf alles andere in dem Raum.

Die kleine dunkelhaarige Tussi, die ich gerade bearbeitete, stöhnte, als würde sie gleich kommen. Aber ich weiß, dass sie sich so wälzte, weil ein Tattoo direkt über ihrer Klit eigentlich verdammt schmerzhaft sein musste.

Zu jener Zeit konnte ich mich beim Tätowieren stundenlang wegbeamen, mich in die kleine Ecke meines Lebens verziehen, die nichts mit dem ganzen Bullshit zu tun hatte, mit dem ich jeden Tag klarkommen musste.

Wenn ich früher in den Knast musste, wenn auch nur für ziemlich kurze Zeit, hatte ich hinterher nichts anderes im Kopf als Pussys und Partys. Als ich diesmal rauskam, schnappte ich mir zuerst meine Tätowiermaschine, aber es war irgendwie anders als früher. Wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht mehr an diesen Ort vorübergehender Gnade zurückkehren. Dass die Tattoos, die die Leute haben wollten, immer bescheuerter wurden, war auch nicht gerade hilfreich.

Logos von Footballmannschaften, Zitate aus Büchern, von denen ich genau wusste, dass sie sie nie gelesen hatten, und Möchtegern-Kriminelle, die darauf bestanden, dass ich ihnen Tränen auf ihre Gesichter tätowierte. Im Gefängnis symbolisierte das Tränen-Tattoo, dass man jemanden getötet hatte. Ein paar von den kleinen Scheißkerlen, die unbedingt eins haben wollten, sahen aus, als könnten sie nicht mal eine Kakerlake zertreten, ohne sich in eine Ecke zu verdrücken und nach ihrer Mami zu rufen.

Aber dass meine Kundschaft mich meistens mit Gefälligkeiten bezahlte und überwiegend aus Bikern und Stripperinnen bestand, gelegentlich auch aus einem reichen jungen Typen, der auf die falsche Seite des Fahrdamms geraten war, hätte meine Erwartungen eigentlich von vornherein dämpfen sollen.

Andererseits war es auch schön, wieder zu Hause zu sein. Im Grunde war es überall gut, wo es nicht nach Kotze und verschwendeter Lebenszeit roch.

Seit dem Tag, an dem ich Preppy kennengelernt hatte, war mein eigenes beschissenes Leben mit Vollgas weitergegangen. Ich liebte es, mich außerhalb des Gesetzes zu bewegen. Ich ernährte mich von der Angst in den Augen der Leute, die mir in die Quere kamen. Das Einzige, was ich je bereut hatte, war die Tatsache, dass sie mich gekriegt hatten.

Außer im Knast hatte ich fast jeden Tag der siebenundzwanzig Jahre, die ich damals auf der Welt war, in Logan’s Beach verbracht, einer beschissenen kleinen Stadt an der Golfküste von Florida. Ein Ort, in dem die Bewohner auf der einen Seite des Fahrdamms nur am Leben waren, um die Reichen zu versorgen, die auf der anderen Seite in Villen oder Eigentumswohnungen in Hochhäusern direkt am Strand wohnten. Trailer Parks und heruntergekommene Häuser, weniger als eine Meile entfernt von der Art Reichtum, die nur im Lauf von Generationen angehäuft werden kann.

An meinem achtzehnten Geburtstag kaufte ich ein verfallenes Pfahlhaus, das hinter einer dichten Reihe von Bäumen versteckt war, dazu gut drei Hektar Land, das praktisch unter der Brücke lag. Bar bezahlt. Und zusammen mit meinem besten Freund Preppy zog ich auf die reiche Seite der Stadt, als wären wir die weiße Unterschichtenversion der verfickten Jeffersons.

Wir hielten Wort, lebten nach unseren eigenen Vorstellungen und waren niemandem Rechenschaft schuldig. Wir taten, was wir wollten. Aus Zeichnen wurde Tätowieren.

Und Preppy kriegte seine Schlampen.

Ich fickte. Ich kämpfte. Ich feierte. Ich soff. Ich klaute. Ich fickte. Ich tätowierte. Ich dealte. Ich verkaufte Waffen. Ich klaute. Ich fickte. Ich verdiente verfickt viel Geld.

Und ich fickte.

Es gab keine Party, auf die ich nicht wollte oder auf der man mich nicht wollte. Es gab keine Tusse, die mir nicht irgendwann erlaubte, sie flachzulegen, die die Hüften hob, damit ich ihr den Slip abstreifen konnte. Jedes verdammte Mal habe ich gekriegt, was ich wollte.

Das Leben war nicht nur schön. Es war verdammt großartig. Ich war der King dieser beschissenen Welt, und niemand legte sich mit mir oder meinen Freunden an.

Niemand.

Aber dann war plötzlich alles anders, und ich verbrachte drei Jahre in einer winzigen, fensterlosen Zelle damit, die größer werdenden Risse in den Wänden aus Betonblöcken zu beobachten.

Als ich mit der lila Cartoon-Katze fertig war, trug ich Salbe auf, deckte das Bild mit Frischhaltefolie ab und warf die Handschuhe weg. Glaubte dieses Mädchen, dass dieses Ding die Typen scharf machen würde? Es war gute Arbeit, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich drei Jahre lang außer Gefecht gesetzt gewesen war, aber es bedeckte den Teil, der mir bei Frauen am liebsten ist. Zöge ich sie aus und sähe das Tattoo, würde ich sie auf der Stelle umdrehen.

Gar keine schlechte Idee. Sie flachzulegen würde mir helfen, die Knastbenommenheit abzuschütteln, und danach würde ich mich wieder um die Dinge kümmern können, die mir immer schon wichtig waren, ohne dass ständig das Grauen am Rand meines Bewusstseins lauerte.

Anstatt das Mädchen also wieder auf die Party zu schicken, packte ich sie grob und zog sie über den Tisch zu mir heran. Ich stand auf und drehte sie auf den Bauch. Mit einer Hand hielt ich sie im Nacken und drückte ihren Kopf auf den Tisch, während ich mit der anderen meine Gürtelschnalle öffnete. Dann nahm ich ein Kondom aus der offenen Schublade.

Sie hatte von vornherein gewusst, dass Geld nicht die Währung war, auf die ich es abgesehen hatte, und ich arbeitete niemals umsonst. Also positionierte ich die Spitze meines Schwanzes und nahm mir ihre Muschi als Honorar für das neue Tattoo. Für die Muschi.

Was für ein Scheißleben!

Das Mädchen hatte einen fantastischen Körper, aber nachdem sie mich ein paar Minuten lang mit übertrieben lautem Gestöhne genervt hatte, nützte mir das auch nichts mehr. Ich fühlte, wie mein Schwanz in ihr schlaff wurde. Das sollte eigentlich nicht passieren, vor allem nicht nach all den Jahren, in denen meine rechte Hand und meine Fantasie meine einzigen Sexualpartner gewesen waren.

Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?

Ich schloss meine Hände um ihren Hals und drückte zu, kam in Fahrt und ließ mit jedem harten Stoß im Rhythmus der schweren Beats aus dem anderen Zimmer meinen Frust an ihr aus.

Nichts.

Ich wollte gerade einen Rückzieher machen und aufgeben.

Fast hätte ich nicht gemerkt, dass die Tür sich öffnete.

Fast.

Aus dem Türrahmen starrten mich ausdruckslose, blaue Puppenaugen an, die von langem, platinblondem Haar eingerahmt waren. Ein kleines Grübchen mitten auf dem Kinn, die vollen rosa Lippen missbilligend verzogen. Ein Mädchen, höchstens siebzehn oder achtzehn, ein bisschen zu dünn.

Ein bisschen gehetzt.

Mein Schwanz erwachte zum Leben und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Tatsache, dass ich es noch immer mit der Brünetten trieb. Der Orgasmus war heftig, er schraubte sich meinen Rücken hoch und überraschte mich total. Ich schloss die Augen, entlud mich in sie und brach über ihrem Rücken zusammen.

Was zum Teufel war das denn?

Als ich die Augen wieder aufschlug, war die Tür geschlossen und das Mädchen mit den traurigen Augen verschwunden.

Ich verliere meinen verdammten Verstand.

Ich rollte mich von der Brünetten, die zum Glück noch atmete, allerdings bewusstlos war, entweder weil ich sie gewürgt hatte, oder von dem Stoff, von dem ihre Pupillen so groß geworden waren, dass keine Iris mehr zu sehen war.

Ich setzte mich wieder auf meinen Rollhocker und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.

Ich hatte beschissene Kopfschmerzen.

Preppy hatte diese Party für mich geschmissen, und das Ich, das ich vor dem Gefängnis gewesen war, hätte schon längst eine Linie Koks von den Titten irgendeiner Stripperin gezogen. Aber mein Nach-Gefängnis-Ich wünschte sich nur etwas zu essen, eine ordentliche Mütze Schlaf und dass, verdammt noch mal, diese bescheuerten Leute aus meinem Haus verschwanden.

»Alles klar, Boss?«, fragte Preppy, der den Kopf zur Tür hereingestreckt hatte.

Ich deutete auf das bewusstlose Mädchen im Sessel. »Schaff die Schlampe hier raus.« Ich fuhr mir durchs Haar, der pulsierende Beat der Musik verstärkte das Pochen in meinem Kopf. »Und dreh um Himmels willen diesen Scheiß da unten leiser!« Preppy hatte meine Wut nicht verdient, aber in meinem Kopf herrschte ein derartiges Chaos, dass ich meine eigene Lautstärke einfach nicht herunterregeln konnte.

»Alles klar«, antwortete er, ohne eine Sekunde zu zögern.

Preppy schob sich an mir vorbei, ohne nach dem halb nackten Mädchen auf dem Tisch zu fragen. In einer einzigen, mühelosen Bewegung legte er sich ihren schlaffen Körper über die Schulter. Die Arme des bewusstlosen Mädchens schlugen wild aus und landeten bei jedem Schritt auf Preppys Rücken. Er war noch nicht weit gekommen, da drehte er sich zu mir um.

»Bist du hier fertig?«, fragte er. Wegen der Musik konnte ich ihn kaum verstehen. Er deutete mit dem Kinn auf die Brünette über seiner Schulter und grinste wie ein kleiner Junge.

Ich nickte, und Preppy lächelte, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass er einen Welpen geschenkt bekommen würde.

Was für eine kranke Scheiße.

Ich liebte diesen Jungen.

Ich schloss die Tür und nahm meine Pistole und das Messer aus der unteren Schublade des großen Werkzeugkastens, in dem ich meine Tattoo-Ausrüstung aufbewahrte. Ich schob das Messer in den Schaft meines Stiefels und die Pistole in den Bund meiner Jeans.

Ich schüttelte den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden. So was tut einem das Gefängnis an. Drei verdammte Jahre habe ich jede Nacht beim Schlafen ein Auge offen gehalten, in diesem Knast voller Leute, die sowohl meine Freunde als auch meine Feinde waren.

Es war an der Zeit, an einige dieser Freunde heranzutreten und Gefälligkeiten einzufordern, denn ich musste mich um etwas kümmern, das wichtiger war als mein eigener egoistischer Kram.

Um jemanden, der wichtiger war.

Der Schlaf konnte warten. Es war an der Zeit, die Treppe hinunterzusteigen und nett zu den Bikern zu sein. Jahrelang hatte ich es vermieden, irgendwelche Geschäfte mit ihnen zu machen, obwohl Bear, ihr Vizepräsident, wie ein Bruder für mich ist. Bear hatte mich zigmal zu überreden versucht, in seinen MC einzutreten, aber ich hatte jedes Mal abgelehnt. Ich war ein Krimineller, der seine Verbrechen gern spontan beging, ohne vorherige Planung. Jetzt aber brauchte ich Verbindungen, die die Biker mir verschaffen konnten, und ich brauchte Zugang zu zwielichtigen Politikern, deren Ansichten und Entscheidungen sich mit dem nötigen Kleingeld beeinflussen ließen.

Vorher hatte ich mir nie etwas aus Geld gemacht. Ich benutzte es, um mir Dinge damit zu verschaffen, um meinen Scheißegal-Lebensstil zu finanzieren. Aber jetzt?

Es war nie billig gewesen, Politiker zu bestechen, ich würde also verdammt viel Geld brauchen. Und das verdammt bald.

Oder ich würde Max niemals wiedersehen.

2

Doe

Nikki war meine einzige Freundin auf dieser Welt.

Und irgendwie hatte ich einen verdammten Hass auf sie.

Nikki war eine Nutte, und sie hatte mich gefunden, als ich unter einer Bank schlief. Am Abend zuvor war es mir nicht gelungen, rechtzeitig vor dem Wolkenbruch zu flüchten, und ich hatte mich in den Schlaf gezittert und geklappert. Damals lebte ich schon mehrere Wochen auf der Straße und hatte keine einzige richtige Mahlzeit gehabt, seitdem ich aus diesem Fummel-Camp abgehauen war. So nannte ich die Wohngruppe, in die sie mich gesteckt hatten, damit ich dort vermodern sollte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Nikki mich – oder das, was sie für eine Leiche hielt – beklauen wollte, doch dann hatte sie zufällig gemerkt, dass ich noch atmete.

Ehrlich gesagt, bin ich immer noch überrascht, dass sie sich die Mühe gemacht hat, sich um mich zu kümmern, nachdem sie festgestellt hatte, dass ich noch lebendig war. Zwar kaum noch am Leben, aber eben immerhin lebendig.

Nikki zog durch ein aufgerolltes Post-it den Rest ihrer Line von einem vergilbten Waschbecken, das demnächst vermutlich einfach aus der Wand fallen würde. Der Boden war mit Toilettenpapier übersät, und der braune Schlamm in allen drei Klos war kurz davor, überzulaufen. Ein überwältigender Geruch nach Bleichmittel versengte mir die Nasenhärchen, als hätte jemand Chemikalien in dem Raum verschüttet, um den Gestank zu übertönen, sich jedoch nicht dazu entschließen können, auch noch zu putzen.

Nikki hob die Nase zu den schäbigen Kacheln an der Decke und kniff die Nasenflügel zusammen. Über uns summte und flackerte ein einzelnes Neonlicht und tauchte den Toilettenraum der Tankstelle in ein grünliches Licht.

»Fuck, ist das Zeug gut«, sagte sie und warf das leere Tütchen auf den Boden. Mit dem Applikator eines fast aufgebrauchten Röhrchens Lipgloss fischte sie die letzten Reste heraus und tupfte sich das Zeug auf die dünnen, rissigen Lippen. Dann verschmierte sie mit dem kleinen Finger den dicken Eyeliner unter ihren Augen und nickte dem Spiegel zu, zufrieden mit ihrem waschbärenartigen Smokey-Eyes-Look.

Ich zog den Ärmel meines Pullovers über den Handballen und wischte den Dreck von dem Spiegel vor mir, wodurch zwei Dinge zum Vorschein kamen: ein Riss voller Spinnweben in einer Ecke und das Spiegelbild eines Mädchens, das ich nicht erkannte.

Hellblondes Haar. Eingefallene Wangen. Blutunterlaufene blaue Augen. Kinngrübchen.

Nichts.

Ich wusste, dass dieses Mädchen ich war, aber wer zum Teufel war ich?

Zwei Monate zuvor hatte mich ein Müllmann in einer kleinen Gasse aufgegabelt, in die ich zusammen mit irgendwelchem Abfall geworfen worden war. Er fand mich in meinem eigenen Blut liegend, auf einem Haufen Mülltüten neben einem Container. Als ich im Krankenhaus mit den beschissensten Kopfschmerzen der Weltgeschichte aufwachte, schickten mich die Polizei und die Ärzte einfach weg, weil sie mich für eine Ausreißerin hielten. Oder für eine Nutte. Oder eine Kombination aus beidem. Der Polizist, der mir an meinem Bett Fragen stellte, versuchte gar nicht erst, seinen Ekel zu verbergen. Er teilte mir mit, ich hätte es vermutlich einfach mit einem handgreiflichen Freier zu tun bekommen. Ich machte den Mund auf, um zu widersprechen, doch dann zögerte ich.

Vielleicht hatte er ja recht.

Alles andere ergab irgendwie keinen Sinn.

Keine Brieftasche. Kein Ausweis. Kein Geld. Keine persönlichen Gegenstände.

Keine verdammte Erinnerung.

Wenn in den Nachrichten jemand vermisst wird, finden sich normalerweise Leute zusammen und bilden einen Suchtrupp. Polizeiakten werden angelegt und Mahnwachen abgehalten in der Hoffnung, dass die vermisste Person bald wieder nach Hause kommt. Was sie einem nie zeigen, ist das, was passiert, wenn niemand hinsieht. Wenn die Nahestehenden entweder nichts wissen oder wenn es gar keine Nahestehenden gibt … oder wenn es ihnen einfach egal ist.

Die Polizei durchforstete die Vermisstenanzeigen des ganzen Staates und der näheren Umgebung, aber ohne Erfolg.

Meine Fingerabdrücke passten zu keiner Suchanzeige, und dasselbe galt für mein Bild.

So erfuhr ich, dass man zwar als vermisst bezeichnet werden konnte, dass einen deshalb aber niemand wirklich vermissen musste. Jedenfalls nicht genug, um das ganze offizielle Theater anzuleiern. Keine Zeitungsartikel. Keine Nachrichten auf Channel Six. Keine Appelle von Familienmitgliedern im Fernsehen.

Vielleicht war es meine eigene Schuld, aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, nach mir zu suchen. Vielleicht war ich ja ein Arschloch, und die Leute feierten den Tag, an dem ich weggegangen war.

Oder weggerannt.

Oder an dem ich wie Moses in einem beschissenen Körbchen flussabwärts geschickt worden war.

Ich weiß es verdammt noch mal nicht. Alles war möglich.

Ich weiß nicht, woher ich komme.

Ich weiß nicht, wie alt ich bin.

Ich kenne meinen richtigen Namen nicht.

Alles, was ich auf der Welt hatte, zeigte mir dieser Spiegel auf dem Tankstellenklo, und ich hatte absolut keine Ahnung, wer das war. Scheiße.

Ohne zu wissen, ob ich noch minderjährig war oder nicht, steckten sie mich in das Fummel-Camp, wo ich es zwischen Serienmasturbierern und jugendlichen Straftätern nur zwei Wochen aushielt. In der Nacht, als ich aufwachte und einen der älteren Jungen am Fußende meines Bettes stehen sah – Reißverschluss geöffnet, Schwanz in der Hand –, floh ich durch das Badezimmerfenster. Das Einzige, was ich von dort mitnahm, waren die gespendeten Klamotten, die ich auf dem Leib trug, und einen Spitznamen.

Sie nannten mich Doe. Wie Doe, das Reh.

Oder wie Jane Doe, die nicht identifizierte weibliche Leiche.

Der einzige Unterschied zwischen mir und einer echte Jane Doe war der Zettel am Zeh, denn das, was ich tat, war nicht leben, so viel war verdammt noch mal sicher. Klauen, um zu essen. Schlafen, wo immer ich, wenn das Wetter schlecht war, Unterschlupf finden konnte. Betteln an Autobahnauffahrten. In Müllcontainern von Restaurants wühlen.

Nikki fuhr sich mit den abgekauten Fingernägeln durch das fettige rote Haar. »Bist du bereit?«, fragte sie. Sie reckte sich schniefend auf die Fußballen, als wäre sie eine Sportlerin, die sich zu einem wichtigen Wettkampf bereitmacht.

Obwohl nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte, nickte ich. Ich war nicht bereit und würde es niemals sein, aber mir blieb keine Wahl. Auf den Straßen war es nicht sicher, in jeder Nacht, die ich im Freien verbrachte, spielte ich buchstäblich mit meinem Leben. Und wenn ich noch mehr Gewicht verlor, würde mir bald die Kraft fehlen, mich überhaupt noch gegen Bedrohungen zur Wehr zu setzen. So oder so brauchte ich Schutz vor dem Wetter und den Leuten, die nachts überall herumschlichen, damit ich nicht tatsächlich als Jane Doe endete.

Ich glaube nicht, dass Nikki noch in der Lage war, ein Hungergefühl zu empfinden. Wenn sie die Wahl hatte, zog sie eine Linie Koks einem vollen Magen vor. Immer. Eine traurige Tatsache, die von ihren scharfen Wangenknochen und den dunklen Ringen unter ihren Augen eindrucksvoll untermauert wurde. In der kurzen Zeit, die ich sie kannte, hatte ich sie nie etwas anderes als Koks zu sich nehmen sehen.

Ich verurteile sie, und dabei fühle ich mich beschissen. Denn irgendetwas in meinem Inneren sagt mir, dass sie besser ist als das, was sie tut. Wenn ich nicht total von ihr genervt bin, habe ich beinahe das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Ich kämpfte um mein eigenes Überleben und hätte gern auch für ihres gekämpft. Das Problem war nur, dass sie für sich selbst nichts tun wollte.

Ich öffnete den Mund, um ihr einen Vortrag zu halten. Ich wollte ihr sagen, dass sie die Finger vom Stoff lassen und dem Essen und ihrer Gesundheit Vorrang geben sollte, als sie sich zu mir umdrehte. Da stand ich, mit offenem Mund, bereit, sie mit Vorwürfen zu überhäufen, als wäre ich auch nur ein bisschen besser als sie. In Wahrheit war es gut möglich, dass ich knietief in derselben Scheiße gesteckt hatte, bevor ich das Gedächtnis verlor.

Also klappte ich meinen überheblichen Mund wieder zu.

Nikki musterte mich abschätzig von Kopf bis Fuß. »Na gut, muss so gehen«, sagte sie, und die Unzufriedenheit in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Ich weigerte mich, mir Make-up ins Gesicht zu spachteln oder meine Augenbrauen zu zupfen, um sie dann durch eine dünne, gemalte Linie zu ersetzen, wie sie es tat. Stattdessen hatte ich mir in dem Waschbecken die Haare gewaschen und den Händetrockner als Fön benutzt. Mein Gesicht war ungeschminkt, aber das musste reichen, denn wenn ich das hier tun würde, dann auf meine Weise und ohne wie Nikki auszusehen.

Jep, ich bin ein überhebliches Arschloch.

»Wie soll das jetzt noch mal gehen?«, fragte ich. Sie hatte es mir schon zehn Mal erklärt, aber auch beim tausendsten Mal würde ich mich noch nicht wohlfühlen.

Nikki fuhr sich durch ihr dünnes, um es üppiger aussehen zu lassen. »Mal im Ernst, Doe, hörst du mir eigentlich zu?« Sie seufzte verärgert, fuhr aber fort: »Wenn wir auf der Party ankommen, kuschelst du dich einfach an einen der Biker. Wenn du ihm gefällst, besteht die Chance, dass er dich mitnimmt und dich eine Weile bei sich behält. Du musst nur dafür sorgen, dass sein Bett warm bleibt, und ihn zum Lächeln bringen.«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, sagte ich kleinlaut.

»Du kannst es, und du wirst es tun. Und sei nicht so schrecklich schüchtern, das mögen die nicht. Außerdem bist du gar nicht schüchtern, das sind nur deine Nerven. Du hast Ecken und Kanten, und vor allem bist du ein schlimmer Fall des Fettnäpfchen-Syndroms.«

»Echt gruselig, wie du mich abgestempelt hast, dabei kennst du mich doch gar nicht richtig«, erwiderte ich.

Nikki zuckte die Achseln. »Ich durchschaue Menschen, und ob du es glaubst oder nicht, bei dir ist das ganz leicht. Jetzt zum Beispiel bist du total angespannt. Das sehe ich daran, wie du die Schultern hochziehst.« Sie drückte meine Schultern hinunter. »Besser. Jetzt Brust raus. Du hast nicht viel zu bieten da oben, aber ohne BH und mit zurückgezogenen Schultern können sie wenigstens ein paar kleine Nippel erkennen, und das lieben die Jungs.«

Darum ging es. Ich könnte einen Biker dazu bringen, mich zu mögen, er würde mich beschützen, hoffentlich lange genug, damit ich mir einen Plan B ausdenken konnte. »Im schlimmsten Fall ist er nur auf ’ne schnelle Nummer aus, wirft dir ein paar Dollar hin und schickt dich wieder weg.« Aus Nikkis Mund klang das eher nach Ferien als nach Prostitution.

Ich konnte mich selbst verarschen und mir einreden, nicht wie Nikki zu sein, weil ich nicht auf die Straße ging, um Freier aufzureißen. Aber Tatsache war: Wie ich es auch drehte und wendete, dieser Plan würde mich zu einer Nutte machen.

Schönen Tag auch, Frau Arrogant Überheblich.

Ich grübelte, um einen Ausweg zu finden, aber mein Kopf war genauso leer wie mein Magen.

Nikki stieß die Tür auf, und Sonnenlicht durchflutete den dunklen Raum, als die Tür auf und wieder zu schwang.

Mit einem letzten Blick auf das Mädchen mit der ausdruckslosen Miene im Spiegel flüsterte ich: »Es tut mir leid.«

Es tröstete mich zu wissen, dass die, die ich vor meinem Neuanfang war, nicht wusste, was ich jetzt tun würde.

Denn ich würde ihren Körper verkaufen.

Und den letzten Rest meiner Seele.

3

Doe

Ich saß in einem uralten Subaru auf der Rückbank und stellte mich vorübergehend taub, um nicht hören zu müssen, wie Nikki dem glatzköpfigen Fahrer einen blies. Er brachte uns zu der Party, die in einem Haus in Logan’s Beach stattfand. Als wir endlich anhielten, sprang ich aus dem Auto, als stünde es in Flammen.

»Tschüs, Süßer«, flötete Nikki, wischte sich mit einer Hand den Mundwinkel ab und winkte mit der anderen, als unsere Mitfahrgelegenheit wieder losfuhr. Als der Wagen außer Sicht war, verdrehte sie die Augen und spuckte auf den Boden.

»Ich glaube, mir wird schlecht«, sagte ich und versuchte, nicht zu würgen.

»Na und? Wärst du etwa bereit gewesen, ihm den Schwanz zu lutschen, damit er uns mitnimmt?«, fuhr Nikki mich an. »Also halt verdammt noch mal die Fresse. Außerdem habe ich uns hierhergebracht, stimmt’s?«

Hier war ein Feldweg am Rand eines von Bäumen und Hecken überwachsenen Grundstücks. Eine kleine Lücke im Gebüsch bot Platz für eine schmale Einfahrt. Es war dunkel, und keine einzige Straßenlaterne beleuchtete den Weg, der sich hinauf zum Haus unendlich zu dehnen schien. Leichter Fischgeruch lag in der Luft. Mein leerer Magen rebellierte, und ich hielt mir Mund und Nase zu, um mich nicht zu übergeben.

In der Ferne tauchten flackernde Lampen auf. Als wir uns dem Haus näherten, bemerkte ich, dass es überhaupt keine Lampen waren, sondern Plastikfackeln, die in seltsamen Winkeln im Boden steckten und so einen behelfsmäßigen Pfad durch das Gras bis zur Hinterseite des Hauses beleuchteten.

Das Haus selbst war dreistöckig und auf einem Fundament aus Pfählen erbaut. Der größte Teil des Parterres war offen und stand voller Motorräder und Autos, die überall dort parkten, wo Platz war. In der Wand auf der anderen Seite befanden sich zwei Türen, eine davon mit einem Riegel aus Metall, die andere war knapp einen Meter über dem Boden angebracht, und zwei Stufen aus Beton führten hinauf. Die beiden oberen Stockwerke wiesen umlaufende Balkone auf, und aus jedem Fenster blitzte Licht und enthüllte die Schatten der Leute im Haus. Die Musik ließ den feuchten Erdboden vibrieren und schüttelte das Wasser von den großen Grashalmen auf meine Beine.

»Wohnen die Biker hier?«, fragte ich Nikki.

»Nein, dieses Haus gehört dem Typen, für den sie die Party schmeißen.«

»Und wer ist das?«, fragte ich.

Nikki zuckte die Achseln.

»Keine Ahnung. Skinny hat mir nur gesagt, dass es eine Willkommensparty ist.« Skinny war gleichzeitig Nikkis Freund und ihr Zuhälter.

Als wir an der Rückseite des Hauses angekommen waren, erhaschte ich einen ersten Blick auf die Biker, und wieder rebellierte mein Magen. Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Da waren sie. Sie hatten sich um eine Feuerstelle in der Mitte des riesigen Gartens versammelt. Haushoch schossen Flammen in den Himmel, und Rauch quoll empor. Ich war so mit dem beschäftigt gewesen, was ich würde tun müssen, dass ich vergessen hatte, innezuhalten und darüber nachzudenken, mit wem ich es tun musste. Es waren sieben oder acht Männer. Einige saßen auf Gartenstühlen, andere standen mit einem Bier in der Hand herum. Alle trugen lederne Kutten, die mit Aufnähern unterschiedlicher Anzahl verziert waren. Manche trugen langärmelige Button-down-Hemden unter ihren Kutten, andere gar nichts. Frauen, die aussahen, als stammten ihre Modetipps von Nikki, lachten und tanzten um das Feuer. Ein Mädchen lag auf den Knien, und ihr Kopf bewegte sich über dem Schoß eines Mannes auf und ab, der telefonierte, während er mit einer Hand ihren Kopf führte.

Es ist nur ein Mittel zum Zweck.

Ich wandte mich Nikki zu, um ihr zu sagen, dass wir unseren Plan vielleicht noch einmal überdenken sollten, aber sie war schon verschwunden. Ich suchte den Garten ab, bis ich sie schließlich entdeckte. Sie hatte den Arm bereits um einen großen Typen mit rotem, geflochtenem Bart gelegt. Ein Bandana mit der amerikanischen Flagge bedeckte seine Stirn.

Starke Arme umschlangen von hinten meine Taille und zogen mich grob an eine Wand aus Muskeln. Instinktiv versuchte ich, ihn abzuschütteln, aber er hielt mich nur noch fester. Sein heißer Atem roch nach Knoblauch und Alkohol, und es war wie ein Anschlag auf meine Sinne, als er mir die Lippen in den Nacken drückte und flüsterte: »Hey, Baby. Ich hätte Lust, ein bisschen zu feiern. Du auch?« Er packte mich am Handgelenk und drehte mir so heftig den Arm auf den Rücken, dass ich überzeugt war, dass er ihn mir ausgekugelt hatte. Er drückte meine Hand auf seine Jeans und rieb mit meiner geschlossenen Faust über seine Erektion. »Fühlt sich gut an, stimmt’s, Baby?«

Ich öffnete die Faust, packte ihn an den Eiern und drückte mit aller Kraft zu.

»Du blöde Schlampe!«, schrie er.

Er ließ mich los und sackte auf dem Rasen in die Knie. Die Hände schützend auf die Kronjuwelen gelegt, ließ er sich auf die Seite fallen und zog die Oberschenkel an die Brust. Ich rannte die Stufen zum Haus hinauf.

»Du beschissene kleine Schlampe! Fuck, das wirst du mir büßen!«, brüllte er, als ich im Haus verschwand und mich durch das Gedränge der Partygäste schob. Ich rannte die erste Treppe hinauf, die ich zufällig erblickte, in den dritten Stock. Auf einem schmalen Flur probierte ich an mehreren Türen die Klinken aus, aber sie waren alle verschlossen. Erst, als ich fast am Ende des Korridors angelangt war, gab endlich eine nach.

Noch bevor ich einen Fuß in das Zimmer gesetzt hatte, wurde mir klar, dass es zwar dunkel, aber keineswegs leer war.

Spritzer von Neonfarbe waren auf den Wänden verteilt und leuchteten im Dunkeln. Zwar konnte ich keine Gesichter ausmachen, aber mitten im Zimmer erkannte ich zwei Körper. Auf den ersten Blick sah es aus, als stünde eine Person hinter einer anderen, die sich gerade hinlegen wollte. Es dauerte eine Sekunde, bis ich es kapierte, aber dann bestand kein Zweifel mehr, in welche Situation ich hineingeplatzt war.

Fleisch klatschte auf Fleisch. Stöhnen. Ein Geruch nach Schweiß und nach etwas, das ich nicht einordnen konnte. Es kam mir vor, als hätte ich schon seit Stunden dagestanden, aber tatsächlich waren es nur wenige Sekunden. In dem Augenblick, als ich gemerkt hatte, dass der Raum nicht leer war, hätte ich mich umdrehen und die Tür schließen sollen. Aber ich konnte mich einfach nicht von der Szene losreißen, die sich da vor meinen Augen abspielte.

Wie ein Magnet heftete sich ein Blick auf mein Gesicht. In dem künstlichen Licht leuchteten die Augen hellgrün. Der Mann starrte durch mich hindurch, zu meinem Erstaunen blinzelte er nicht und sah auch nicht weg. Schneller, immer schneller prallten seine Hüften gegen die der Frau vor ihm. Sein Blick bohrte sich in meinen, während er immer wieder zustieß. Als er die Augen schloss und den Kopf mit einem langen, kehligen Stöhnen in den Nacken warf, war unsere Verbindung unterbrochen.

Der Mann fiel auf den Rücken des Mädchens und ließ ihren Hals los, den er zuvor umklammert hatte. Hatte er sie gewürgt? Als ich das Zimmer betrat, hatte sie noch gestöhnt, aber jetzt war sie still.

Totenstill.

Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich Beine hatte; ich schlug die Tür zu und stürmte die Treppe hinunter. Ich versteckte mich neben dem Warmwasserboiler unter dem Haus, neben all den Autos und Motorrädern, und dort blieb ich über eine Stunde lang sitzen, ließ Kies durch meine Finger rieseln und hoffte, dass ich irgendwie mit der beschissenen Richtung klarkommen würde, die mein Leben eingeschlagen hatte. So sehr ich mir wünschte, einfach loszulaufen, in die Nacht hinaus und so weit meine Füße mich trugen, so sehr hielt mich meine überwältigende Angst vor der Dunkelheit in diesem Haus fest, in dem ich zwar gerade Zeugin eines Mordes geworden war, das aber wenigstens hell erleuchtet war.

Die Angst kommt meinen Prioritäten ernsthaft in die Quere.

Es waren die Angst, mein knurrender Magen und das Schwindelgefühl, die mich daran erinnerten, warum ich überhaupt hergekommen war.

Um zu überleben.

Ich bin verzweifelt, und verzweifelte Menschen genießen nicht den Luxus, wählen zu können.

Ich sog Luft in meine Lunge. Ich musste tun, was ich tun musste, dabei wusste ich nicht einmal, was genau das war. Das heißt, mir war klar, wie ich vorzugehen hatte. Aber mein Gehirn war wie ein Auto, dessen Kilometerstand auf null zurückgestellt wird. Ein unbeschriebenes, sauberes Blatt, und ich war dabei, es völlig einzusauen.

Ich war zwar obdachlos und am Verhungern, aber ich war entschlossen, mich selbst von der Straße zu holen und irgendwann ein richtiges Leben zu führen. Ein Leben mit einem weichen Bett und sauberen Laken darauf. Sobald ich mir keine Sorgen mehr um meine Sicherheit oder meinen Magen machen musste, würde ich mich darauf konzentrieren, wer ich wirklich war.

Ich gab mir selbst das Versprechen, mich durch das Hier und Jetzt zu kämpfen und zu tun, was getan werden musste. Danach würde ich nie mehr an diese Zeit zurückdenken. Sie würde nur noch ein kleiner Punkt auf dem Radar meines Lebens sein, und ich nahm mir fest vor, mich in Zukunft nie mehr damit zu befassen.

Ich stand auf, klopfte mir den Staub ab und redete mir gut zu. Ich würde das hier schaffen. Ich würde mich benehmen, als wüsste ich, was ich tat, als hätte ich keine Angst. Aber so zu tun, als ginge mir der Arsch nicht auf Grundeis, war nichts Neues für mich. Das hatte ich jeden verdammten Tag getan, seitdem ich aufgewacht war und keine Ahnung mehr hatte, wer ich war.

Ich würde eine Biker-Nutte sein, weil es das war, was ich sein musste. Ich würde auch Hochseilartistin werden, wenn das nötig war, um am Leben zu bleiben.

Mit neuer Entschlossenheit ging ich zu dem Lagerfeuer zurück, nahm mir eine Dose Bier aus der Kühlbox und riss sie auf. Die kühle Flüssigkeit schmierte meine trockene, kratzige Kehle. Mein Blick schweifte über die Biker und die Mädchen, denen ihre Aufmerksamkeit galt. Ich ertappte mich dabei, dass mir ein Mädchen besonders ins Auge fiel. Sie saß rittlings auf dem Schoß eines der Männer der mindestens einen Zentner schwerer als sie war.

Es war ihr Blick, der mich so faszinierte. Ihr Lächeln, das sagte: Ich fände es großartig, wenn du mir deinen Schwanz in den Halsrammen würdest. Ich ahmte sie nach und hoffte, dass es reichte, damit jemand sich für mich interessierte.

Jemand, der mir helfen konnte zu überleben.

»Hey, du«, knurrte mir jemand mit tiefer Stimme ins Ohr.

Als ich mich umdrehte, hatte ich eine Wand aus Leder mit weißen Aufnähern vor Augen. Auf einem stand VICE PRESIDENT, auf einem anderen BEACH BASTARDS. Der Mann, der in der Kutte steckte, hatte lange blonde Haare, die auf eine Seite seines Kopfes gekämmt waren, sodass der rasierte Bereich darunter zu sehen war. Er trug einen Bart, keine Stoppeln, sondern einen richtigen Bart, mehrere Zentimeter lang und sehr gepflegt. Er war deutlich über eins achtzig groß, sein Körper war schlank, aber mit gut definierten Muskeln. Die Farbe seiner Augen konnte ich nicht erkennen, denn seine Lider waren schwer und leicht gerötet. Sein Nacken war vollständig von bunten Tattoos bedeckt, und als er Anstalten machte, sich eine Zigarette anzuzünden, sah ich, dass auch seine Handrücken komplett tätowiert waren.

»Hey«, gab ich zurück und versuchte, mein neu entdecktes falsches Selbstvertrauen zur Schau zu stellen.

Er war mehr als attraktiv. Er sah fantastisch aus. Wenn ich schon in jemandes Bett landen musste, wäre seines vermutlich gar nicht so übel. Er schniefte und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die dünne Schicht aus weißem Puder, die an seinen Nasenlöchern klebte.

»Alle nennen mich Bear. Gehörst du zu jemandem?«, fragte er mit schmeichelnder Stimme und beugte sich über mich.

»Vielleicht … zu dir?« Meine Wortwahl ließ mich zusammenzucken. Es gab so viele beschissene Dinge, die ich hätte sagen können, und mir fiel ausgerechnet das ein? Saublödes Mundwerk. Nikki hatte recht. Ich redete. Ehe ich nachdachte.

Bear lachte in sich hinein. »Wahnsinnig gern, Süße, aber ich hab gerade was anderes im Sinn.«

»Ach ja? Was denn?«, fragte ich und versuchte, locker zu wirken, obwohl sich die Gedanken in meinem Kopf überschlugen und mir das Herz aus der Brust zu springen drohte.

»Na, die Party hier. Die ist für meinen Kumpel. Und der war gerade mal eine halbe Stunde hier, da ist er schon nach oben verduftet, um in einer Flasche Jack Daniel’s zu ersaufen. Er ist wie eine Katze auf einem Baum, ich kann ihn einfach nicht dazu bringen, wieder runterzukommen. Verständlich, schließlich war er eine ganze Weile weg. Aber ich glaube, du könntest mir dabei helfen.«

Er hakte einen Finger in den Bund meines Rocks und zog mich langsam zu sich, bis meine Nippel gegen seine Brust drückten. Er presste mir die Finger in die Haut direkt über dem Schambein, und ich biss mir auf die Lippe, um den Drang zu unterdrücken, einen Schritt zurückzuweichen.